Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

Etüdensommerpausenintermezzo III – Ausgestellt

Es ist zu warm zum Denken. Auch zum Schreiben – eigentlich. Da ich mir aber vorgenommen habe, an ein paar Ausschreibungen teilzunehmen, muss ich mich warmschreiben. Die Auswahl der Worte fiel mir recht schwer. Ich habe beim Märchen angefangen und bin irgendwo gelandet. Ist gerade egal. Eigentlich ist alles egal bis auf den Ventilator, der leise im Hintergrund summt. Die Hunde ächzen zu meinen Füßen, Logan leckt mir die Füße ab, was nur bedingt erfrischend ist.

„Hereinspaziert, Hereinspaziert!“ Geübt wedelt er mit der Hand, legt einen Finger zum Gruß an den speckigen Zylinder und reibt sich den schwarzgefärbten Schnauzbart. Devot tritt er zur Seite, deutet einen Diener an, bückt sich ein wenig tiefer, wo er den Herrn Rat erkennt und raunt „Küss die Hand“, während er sich über die Hand einer älteren Dame beugt.

Sie strömen an ihm vorbei und das tun sie seit Jahren. man könnte sagen, dass das Geschäft läuft, doch wenn man sich umsieht, sollte man nicht glauben, dass das Varieté, in dem er sich mit seinen Schaustellerkollegen niedergelassen hat, dauernd ausverkauft ist.

Der rote schwere Vorhang, der den Zuschauerbereich von der Bühne trennt, ist verschlissen und fleckig. Ein muffiger Geruch entströmt ihm und sorgt dafür, dass die Plätze nahe der Bühne zuletzt besetzt werden. Die Tische sind verkratzt und schmierig, die Getränke, die ein paar ältere Damen in fadenscheinigen Kostümen zu überhöhten Preisen ausschenken, von schlechter Qualität.

Eigentlich gehören sie zum fahrenden Volk, wechseln die Städte häufiger als ihre Unterwäsche, hinterlassen plattgetretene Stoppelfelder und den üblen Nachgeschmack, für etwas Minderwertiges zu viel Geld bezahlt zu haben. Dennoch ließen sie sich nieder, wurden so sesshaft, wie nur fahrende Leute werden können, die den mittleren Weg nicht kennen wollen.

Ausnahmslos alle haben Leute aus dem Ort geheiratet, lebten tagsüber in kleinen Häusern und sauberen Wohnungen mit gestickten Gardinen und dem guten Geschirr, dass nur sonntags auf den Tisch kommt. Doch abends, wenn sie nach einem zärtlichen Kuss, Gatten und Kinder verlassen haben, mit der Straßenbahn in diesen entlegenen Teil der Stadt gefahren sind, verändern sie sich. Sie legen die Vorstadtbiederkeit mit der Anzugjacke und dem Sommerkleid ab, schlüpfen in knappe Kostüme, die nach Körperpuder und Talkum riechen, malen sich grelle Fratzen oder gewagt rote Münder in blassgepuderte Gesicher, kichern, kieksen, trinken und kreischen und rauchen vor lauter Lampenfieber am hinteren Bühneneingang Kette.

Der Chef ist ihr Herr, seit er sie auf seinen Streifzügen durch die Welt eingesammelt hat. Er hat einen Blick dafür, der Direktor, und eine ungeheure Überzeugungskraft. Niemand, den er ansprach, verwehrte sich dem Jahrmarkt. Und sie sind ihm treu ergeben. Dabei ist es keine Quälerei für sie. Sie gehen auf in ihren Auftritten.

Doch jetzt leise. Das Licht wird gedrosselt, das Stimmengewirr wird leiser. Ein letztes Mal gehen die Damen mit dem in alte Champagnerflaschen gefüllten billigen Sekt umher. Ein paar Köpfe gehen hoch, winken und halten ihnen durstig die gesprungenen Gläser entgegen.

Ein Lichtfleck erscheint auf dem nun dunkelrot erscheinenden Vorhang. Er kommt von rechts herein. immer von rechts, nie von links, seit ihm vor Jahren, als er einmal etwas Neues probieren wollte, der alte Affe gestorben ist. Er hat sich umgezogen in der kurzen Zeit, hat die allzu knappe Jacke gegen einen unvorteilhaften schwarzen Smoking getauscht, das Haar mit Pomade stramm über den runden Schädel gekämmt, den Scheitel wie mit dem Lineal gezogen in der Mitte. Die Schnurrbartenden sind gezwirbelt, über den blanken Schuhen blitzen Gamaschen. In der linken Hand, immer in der linken, trägt er seinen Stock, ein gewaltiges Stück Holz, das fast so groß ist wie er und auf dessen Spitze ein falscher Diamant den Schein der Kerzen auf den Tischen reflektiert. Wer jetzt genau hinsieht, sieht die Flecken und kleinen Risse, das Schäbige und Kaputte. Doch das tut hier keiner.

Er verbeugt sich und Applaus brandet auf. Ein paar Vivat-Rufe kommen verfrüht, doch er quittiert sie mit einem hoheitsvollen Gruß ins Publikum. Er spricht ein paar einleitende Worte. Ich höre nicht zu, sondern betrachte die Gesichter, die sich ihm in freudiger Erwartung zuwenden. Eine Dame schnappt sich ihr Opernglas und ich sehe, wie sich Atem beschleunigt unter dem gewaltigen Dekolleté. Ein Anderer hebt irritiert den Kopf, als seine Frau ihn etwas fragt, er ist wie verzaubert.

Der Vorhang öffnet sich und er verlässt die Bühne unter lauter Verbeugungen zur anderen Seite.

Es ist dunkel und nur ein zarter Schatten ist zu erkennen. In der Mitte der Bühne steht ein rundes Gebilde, grau auf schwarz. Selbst, wenn ich die Augen bis an ihre Grenzen zwinge, etwas erkennen zu wollen, so scheitern sie. ich spüre, wie meine Pupillen sich weiten, gespannt versuchen mehr Licht hineinzulassen, da fliegt sie empor, die goldene Kugel, perfekt angestrahlt und blendet mich fast. Sie entsteigt dem grauen Schatten, das ein Brunnen zu sein scheint, in hohem Bogen, fliegt empor bis zum Scheitelpunkt. Ich höre, wie das Publikum den Atem anhält und auch ich mache kleine Fäuste, verfolge den leuchtenden Kometen in seiner Bahn, sehe ihn wieder sinken und im Brunnen verschwinden. Und dann ist es still. In der ersten Reihe fängt leise einer an zu zählen und die anderen stimmen ein. Sekunde um Sekunde verrinnt, bis endlich ein lautes Klatschen den Aufprall auf die Wasseroberfläche verrät.

Wie tief er wohl ist der Brunnen, frage ich mich, da steckt schon ein fetter Frosch seinen Kopf über die Kante, balanciert die goldene Kugel in seiner fleischigen Flosse, verbeugt sich artig. Das Publikum ist nicht zu halten, springt auf, jubelt und applaudiert. Geldscheine regnen in Richtung Bühne und werden von ein paar jungen Frauen aufgesammelt, die sich knicksend bedanken und dabei einen tiefen Einblick auf ihren Busen zulassen.

Der Vorhang schließt sich und langsam kehrt wieder Ruhe ein. Doch nicht lange währt die Pause, denn schon kündigt ein Trommelwirbel die nächste Attraktion an. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine junge Frau, die von einem Trapez hängt. Man sagt, sie sei eine verzauberte Prinzessin, die einst eine folgenreiche Begegnung mit einer Hexe hatte.

Sie lächelt ins Publikum und beginnt zu schaukeln. Wie hypnotisiert folgen ihr alle Augen. Leise Musik erklingt und sie beginnt allerlei Kunststückchen an dem Trapez zu zeigen, wird dabei immer waghalsiger und mutiger. Mir stockt der Atem, als sie sich in luftiger Höhe auf die dünne Holzstange stellt. Sie wackelt unter ihren schmalen Füßen und sie braucht einen Moment der Konzentration, bevor sie die Hände von den Seilen löst.

Ein Aufschrei geht durch die Menge, als sie plötzlich hintenüber kippt, den sicheren Tod vor Augen. Da entfaltet sie die wunderschönsten Flügel eines Nachtfalters und fängt sich gekonnt kurz vor dem Aufprall ab. Sie steigt sogar noch einmal empor, dreht eine Runde über dem Publikum, wobei sie ein wenig zart glitzernden Staub verliert und verschwindet durch das große Fenster.

Das Publikum ist außer sich und auch ich muss mich kneifen, kann ich das, was ich gerade gesehen habe, einfach nicht glauben.

Doch da kündigt ein Trompetenstoß den nächsten Künstler an. Das Programm verrät mir, dass es der Eisenhans sei, der da an schweren Ketten hängend, einer Marionette gleich, auf die Bühne stampft. Man erzählt sich, er sei ein Bettler gewesen und wegen seiner großen Kraft und weil er rasch gewalttätig wurde, gefangen genommen worden. Weiterhin sagt man, er sei xerophil, weil er Angst habe, dass seine eisernen Bänder rosten, die ihm helfen bei sich selbst zu bleiben. Er geht langsam eine Runde über die Bühne. Ich sehe die dicken Dielen unter seiner Kraft beben, rechne jeden Moment damit, dass er sich befreit und über das Publikum herfällt, so wie er mit düsterem Blick schaut. Er hat was von einem Tier, einem großen alten Bären vielleicht, der seine Kraft versteckt hält.

Ein Trommelwirbel ertönt und mit einem markerschütternden Schrei zerreißt er die Ketten, bevor der Vorhang fällt.

Ein paar Damen fallen in Ohnmacht und auch mir rutschte das Herz in die Hose. Hinter dem Vorhang sind tumultartige Geräusche zu hören und der Direktor stürmt etwas zerzaust auf die Bühne, bittet um Verständnis und eine kurze Pause.

Die Menschen strömen hinaus, um kurze Zeit später wieder über ihre Stühle herzufallen, kaum, dass der Pausengong verklungen ist.

Leise Musik ertönt, sie mutet orientalisch an. Als der Vorhang sich öffnet, fällt der Blick auf einen kleinen Tisch, auf dem eine alte Öllampe steht. Ein Mann betritt die Bühne, verbeugt sich kurz und beginnt, mit sanft kreisenden Bewegungen diese zu streicheln. dabei flüstert er eine leise Litanei, wiederholt immer wiederkehrend drei Worte, die ich von meinem Platz aus nicht verstehen kann.

Auf einmal entsteigt dünner blauer Rauch aus der Lampe, wird dichter, sammelt sich an der Oberseite der Bühne und hängt wie eine dicke blaue Wolke über dem Mann, der immer noch konzentriert seinen Singsang wiederholt.

Ein Gesicht zeichnet sich in den Schatten der Wolke ab und ein Körper folgt, der aber nicht vollständig ist, sondern dessen unteres Ende nach wie vor, nebelig aus der Tülle der Lampe zu kommen scheint. Der Lampengeist hängt für einen Moment in der Luft, klatscht dann in die Hände, nickt und verschwindet mit einem vernehmlichen Plopp nebst Lampe von der Bühne. Der junge Mann stellt verdutzt seine Bemühungen ein und trägt nach einer kurzen Verbeugung das Tischchen von der Bühne.

Aus dem Hintergrund der Bühne ist Geschrei zu hören, doch das ist bei dem Applaus kaum vernehmbar. Doch die Vorstellung schien nicht überzeugt zu haben. Ein wenig Unruhe ist im Publikum zu spüren und erst, als sich der Vorhang erneut öffnet, wird es wieder still und gespannt.

Ein seltsames Wesen betritt die Bühne und ich mag meinen Augen kaum trauen. Klein wie ein Zwerg, mit einem dichten Pelz, scheint es direkt aus dem Wald zu kommen. Das Fell ist weiß wie bei einem Yeti, nur durchzogen von hellgrauen Streifen, die Beine dagegen rötlich und unglaublich dünn, viel zu dünn, um das Gewicht zu tragen. Der Kopf ist rund und eine weit vorspringende Nase erinnert eher an einen Vogel. Der Gang ist ruckelig, der breite Körper wackelt vor und zurück, bevor der nächste Schritt in Angriff genommen wird. Als es sich umdreht, wird ein flauschiger Fuchsschwanz sichtbar. Und dann, es geht ein Raunen durch die Menge, breitet es die Flügel einer Taube aus, macht zwei Schritte, wie um zur Bühnenkante hin Anlauf zu nehmen und die Chimäre fliegt empor.

Sofort ist die vorherige Panne vergessen, das Publikum johlt und applaudiert, akzeptiert selbst den Taubenkotregen, der in angepasster Menge auf sie herunterregnet.

Jetzt steht nur noch das Finale an. Zwei wunderschöne Frauen betreten die Bühne und halten sich bei den Händen. In der großen Blonden, die in einem fadenscheinigen Tüllkleid und Glasschuhen erscheint, erkenne ich Aschenputtel. Das mittlerweile erwachsene Mädchen mit den blassroten Umhang, muss Rotkäppchen sein. Sie singen gemeinsam ein Lied. Ich höre nicht auf den Text, lasse mich von den zarten Stimmen davontragen.

Als sie enden, höre ich Männer und Frauen schluchzen.

Ich lächle und lasse mein Feuerzeug drei mal anspringen. Der Hund mit Augen so groß wie Türme steht sofort neben mir. Ich reiche ihm den Umschlag mit dem unterschriebenen Kontrakt. Hier fühle ich mich wohl.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

15 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo III – Ausgestellt

  1. Ich denke, Sie werden auf Ihre Kosten kommen.
    Der Vertrag gilt übrigens auf Lebenszeit, das war bei meinem auch der Fall – aber das dürfte Sie nicht stören, scheint mir.
    Ich bin übrigens der Geist aus der Flasche und habe mich auf Geheiß des Meisters in Luft aufgelöst. Nun… jetzt ist er selbst ein wenig derangiert , doch das wird ihm helfen zu überdenken, welche Aufgaben er seinen Dienern zumuten kann, ohne daß sie sich aus Jenseits-Land melden müssen…
    Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Vergnügen bei uns !

    Gefällt 8 Personen

      1. Ich bin hocherfreut darüber, daß Sie meine Botschaft lesen konnten – das können normale Menschen zuweilen nicht – was wiederum hinreichend erklärt, weshalb Sie zu uns gefunden haben.

        Gefällt 2 Personen

      2. Die magischen Zeichen, meinen Sie? Ich fürchte, eine ihrer Botschaften ist mir gerade abhanden gekommen. Sie scheint in den Spam gezaubert zu sein. Ich hoffe, ich finde sie wieder und kann sie erneut herzaubern…

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  2. Eine Geschichte mit Sogwirkung. Sehr gekonnt – der schöne Schein mit den ärmlichen Flecken, das Vorstadtbiedere (👍👍👍), die Magie … eine faszinierende Mischung, in der man sich verlieren möchte.
    Und das nennst du also „warmschreiben“. Oooookay … 🤔
    Vielen Dank.
    Begeisterte Grüße
    Christiane 😁🍷👍

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank Christiane 🙏😊 ja, der Sog hat mich beim Schreiben auch gepackt und genauso muss es sein. In letzter Zeit habe ich oft mit den Sätzen gekämpft. Und manchmal geht es wie von allein. Diese Schreibanregungen, die Jutta da so uneigennützig in den Raum geworfen hat, sind wirklich klasse. Und danke, dass du sie aufgreifst und mit uns teilst.
      Lieben Gruß
      Alice😊

      Gefällt 2 Personen

      1. Jutta ist gebeten worden, daraus ein Buch zu machen, und ich hoffe, dass sie das tut. Okay, wenn dem so ist, werde ich dazu auf meinem Blog bestimmt was bringen, aber falls du ihr noch nicht folgst, würde ich sie dir sonst ans Herz legen – News aus erster Hand und so. 👍👍👍

        Gefällt 2 Personen

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