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Das Haus schnarcht

Sie erwachte um drei, mal wieder. Da war so ein seltsames Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Sie setzte sich im Bett auf und lauschte. Der Mann neben ihr schlief, ihn schien das nicht zu stören.

„Typisch“, dachte sie und konzentrierte sich auf das Geräusch. Es kam nicht aus dem Kinderzimmer, auch der friedlich auf der Decke schlafende Hund war unschuldig.

Die Waschmaschine war es ebenfalls nicht, sie erinnerte sich, sie gestern Abend noch ausgeräumt zu haben.

Leise schlüpfte sie in die Pantoffeln, warf ihren Bademantel über und stand auf.

Ganz behutsam, ohne jemanden zu wecken, verließ sie das Schlafzimmer und ging von Tür zu Tür. Sie lauschte, legte sogar ein Ohr an das glatte Holz, doch in den Zimmern war die Ursache nicht zu finden.

Sie ging die Treppe herab, streifte durch Wohnzimmer und Küche, überprüfte das Badezimmer auf Wasserrauschen , nichts könnte das Geräusch erklären.

Leise öffnete sie die Haustür und ging nach draußen. Hier war es viel lauter und als sie sich umdrehte und zu den Fenstern im Obergeschoss sah, deren halbgeschlossene Rolläden wie müde Augen aussahen, wurde es ihr klar.

Das Haus schnarcht.

Alice

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ABC-Etüde – Origami

Zu den Etüden bei Christiane, die Wortspende kommt von OnlyBatsCanHang.

Triggerwarnung #Psychische Erkrankung # Zwangsstörung

Das Gespräch plätscherte belanglos dahin, während sie Papiertiger faltete. Zehn Stück standen auf dem Küchentisch, ordentlich nebeneinander aufgereiht. Waren die ersten beiden noch aus gestreiftem Papier gefertigt, wählte sie bald andere Muster, der jüngste, elfte, an den sie gerade Hand legte, war mit pinken Primeln übersät und erinnerte ihn daran, dass bald Frühling war.

„Gehst du noch zu den Terminen?“, unterbrach er den Smalltalk und legte kurz seine Hand auf ihre ungeduldig faltenden. Sie schob die rauen Finger rasch beiseite, glättete das leicht verknickte Papier und formte einen Vorderlauf.

Er wartete, das spürte sie und nickte rasch. „Ja“, sagte sie, schaute ihn kurz an und richtete dann wieder den Blick auf ihre krallenknickenden Fingerspitzen.

Er seufzte und lehnte sich zurück. Sein Blick fiel auf die Anrichte, die mit einem bunt gemischten Zoo aus Papiertieren gefüllt war. „Scheint ja wenig zu bringen“, sagte er leise und mehr zu sich selbst.

„Wenn das nicht aufhört, müssen wir dich wieder in die Klinik bringen, das weißt du!“ Sie zuckte zusammen und stellte den pinkblumigen Papiertiger zu den anderen. Jeden Tag des Monats so viele Tiere, wie der Monat Tage hat. Heute war der zwölfte und Brehms Tierleben, das sie morgens immer auf einer zufälligen Seite aufschlug, hatte ihr den Tiger gegeben.

Sie griff nach dem nächsten Bogen und faltete ihn in der Mitte. „Einer noch“, flüsterte sie und schaute ihn kurz mit einem entschuldigenden Lächeln an.

Er schaute traurig, das sah sie, ohne hinzusehen. Dass sie die Welt rettete, dass sie ihn und sein Leben beschützte, alle Leben und auch ihr eigenes um einen weiteren sicheren Tag verlängerte, begriff er nicht. Zwölf Papiertiger waren eine verflixt gute Armee gegen die Dunkelheit.

Sie stellte den letzten vor seine Nase. „Für dich“, sagte sie und lächelte.

Alice

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ABC-Etüde – Der Streusel

Zu den Etüden bei Christiane, Wortspende von ebendieser.

Er saß am Küchentisch. Der Kuchen vor seiner Nase duftete und er schloss die Augen. Die Erinnerung kam plötzlich. Die Küche seiner Oma, klein und rummelig, doch peinlich sauber. Immer lag eine zitroniger Hauch von Schmierseife in der Luft. Die weißen Vorhänge vor den Fenstern. Der Blick in den Garten auf den alten Apfelbaum, bei dessen Erstbesteigung er sich das erste Mal den Arm brach. Ihre warmen, kräftigen Hände, wie sie den Hefeteig bearbeitete und ihn über den Rand ihrer Brille anlächelte.

Eine Bilderbuchoma in einer Bilderbuchkindheit. Er liebte sie und das nicht nur, weil sie ihn nicht herumkommandierte, wie sein Vater es tat, er sich bei ihr nie mickrig, sondern groß und vernünftig fühlte. Sie hatte so einen Blick, in dem immer tiefe Zuversicht und Vertrauen lag.

Und wenn sie plötzlich, meist mitten aus der Handlung heraus, innehielt, ihre mehligen Hände sanft um sein Gesicht legte und ihm lächelnd in die Augen sah, dann war er zuversichtlich, dass alles gut werden würde, immer.

Vor fünfzehn Jahren erinnerte er sich, hatte er in dieser Küche gesessen und sie beim Backen beobachtet. Der Vater hatte beschlossen, dass sie in den Skiurlaub fahren und er deshalb in den Osterferien nicht zu ihr, sondern in so ein Luxuskaff in den Bergen fahren sollte.

Er erzählte und sie hatte nur kurz innegehalten, für einen Moment ruhten die Hände in dem weichen Teig und er sah das kleine enttäuschte Aufblitzen. Doch dann lächelte sie schon wieder, rollte den Teig aus und streute großzügig Streusel darüber.

Als sie aus dem Urlaub wiederkamen, war sie nicht mehr da. Herzinfarkt sagten sie, da könne man nichts machen.

Er seufzt und öffnet die Augen. Langsam bricht er einen dicken Streusel vom Kuchenrand, er duftet nach Zimt und Butter.

Alice

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ABC-Etüde – Dilemma

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende von ebendieser.

„In einer besseren Welt wie dieser, gäbe es all den Luxusscheiß nicht!“ Demonstrativ unvorsichtig wirft sie Handy, Tablet und die neuen Kopfhörer in den Rucksack.

„Jetzt hör‘ aber mal auf, du hörst dich schon an wie Opa, wenn er aus seiner wilden 68er Zeit erzählt. Das, was du da rumschmeißt, hat ein Heidengeld gekostet. Und du wolltest diesen Scheiß, wie du ihn nennst, unbedingt haben. Was hat sich geändert?“ Sie lässt sich auf das Bett neben die gepackten Koffer sinken und schaut ihre Tochter nachdenklich an.

„Die Welt hat sich geändert. Oder das Klima. Oder ich mich. Ich weiß nicht.“ Sie seufzt und zuckt die Schultern.

„Ich weiß nicht mehr, was richtig ist. Fährt man in Skiurlaub, sind die einen neidisch, die anderen sagen, man macht die Berge kaputt. Das führt zu Er -Er- Erodingsbums und zu Lawinen. Nutzt man Internet, verbraucht man Strom, die Strahlung bringt uns alle um und die Rohstoffe werden von Kindern mit bloßen Händen aus dem Boden gegraben. Hat man keins ist man die Tussi von vorgestern.“

„Tja“, sie lehnt sich gegen den halbvollen Koffer und lächelt jetzt.

„Alle schreien Umweltschutz und irgendwie hält sich niemand dran. Die E-Autos sind auch nicht so toll. Und alles soll von selbst gehen, aber nutzen darf man es nicht mit guten Gewissen. „

„Und jetzt? Sollen wir wieder auspacken?“

„Nee! Aber weißt du? Alle kommandieren einen herum, aber keiner erklärt einem so richtig was. Ich fühle mich doof und mickrig und hab das Gefühl, alles verkehrt zu machen. Und das macht mir Angst.“

„Und dich wütend.“ Sie steht auf und legt die Arme um die Tochter. „Weißt du was? Ich bin stolz auf dich. Du bist eine wirklich kluge junge Frau.“

„Weil ich nichts weiß?“

„Ja, weil du verstehst, dass es keine perfekte Lösung gibt.“

Alice

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365 Begegnungen – Tag 101 – Der Hof

Es war ein finsterer Abend im Dezember, nur noch drei Tage bis Weihnachten und es schüttete aus Kübeln. Eberhard hasste dieses Wetter und er hasste Weihnachten, am meisten hasste er Weihnachten bei diesem Wetter.

Die frühe Dunkelheit und der Regenvorhang erleichterten seinen Job nicht, doch er musste ihn tun. Sonst war nämlich niemand da. Was er allerdings liebte, waren seine Tiere, die im Stall auf frisches Futter warteten und die Aussicht über ihre ledrige Haut zu streichen und ihre weichen Rüssel in seiner Handfläche zu spüren, wog den Winterweihnachtshass nahezu auf.

Vor zwei Tagen hatte er eine Lieferung Ferkel bekommen, die nun unter der Wärmelampe lagen und vor sich hin quiekten. Ein Freund hatte sie vermittelt und der Freund eines Freundes hatte sie hergebracht. So ganz legal war es nicht gewesen, die Züchtung war ein Experiment, vieles wusste er nicht, nur, dass es tolle Tiere werden sollen, groß, gesund mit gutem zarten Fleisch.

Über das Schlachten wollte er nie nachdenken, er schob den Gedanken beiseite, wenn es ihn überkam. Es war sein Job, Schweinebauer, und der Tod seiner Lieblinge gehörte zu den Spielregeln. Es tat ihm weh, jedes Mal, und die Tatsache, dass sie ein recht langes und vor allem glückliches Schweineleben hatten, tröstete ihn ein wenig.

Er lehnte sich gegen den Wind, zog die Kapuze tief in das breite Gesicht und fluchte, als er in einer Pfütze fast ausrutschte. Die Stalltür klemmte für einen Moment und er fluchte erneut. Doch als er die Tür hinter sich schloss, grinste er breit. Die Ferkel hatten seine Ankunft bemerkt und wuselten begeistert quiekend an dem kleinen Zaun herum.

Sie waren schon ein Stück gewachsen, wie es schien und er kraulte sie, bevor er ihnen ihr Futter vor die Füße streute. Ein Kleines, sein Sorgenkindchen rappelte sich auch auf und kam aus der Wärmedusche auf ihn zu. Versuchsweise hob er es hoch, befühlte das Bäuchlein, tastete die zarten Rippen ab, um die Gewichtszunahme zu überprüfen, da biss es zu.

Er schrie, so einen festen Biss hätte er dem kleinen Kerl nicht zugetraut. Der kurze Impuls, zuzuschlagen, verschwand sofort wieder. Er kannte das. Manche Tiere brauchten einfach mehr Zeit und hatten Angst. Es würde schon Vertrauen fassen.

Er kletterte aus dem kleinen Gehege und betrachtete seine Hand. Die Wunde war tief und blutete stark. Zähneknirschend wickelte er einen Lappen herum und fütterte rasch die restlichen Tiere. Dann ging er ins Haus, um sich zu verarzten.

Er desinfizierte die Wunde gründlich, schmierte eine leicht antibiotische Salbe darauf und wickelte eine Mullbinde darum. War ja nicht das erste Mal, dachte er und erinnerte sich an die zickige Liese, die gemeinste Sau, die er jemals auf seinem Hof hatte. Sie hatte zugebissen, so oft sie ihn erreichen konnte. Sie war die einzige, der er nicht nachgetrauert hatte.

Dann ging er ins Bett, schließlich musste er früh raus.

Mitten in der Nacht schreckte er schweißgebadet hoch, seine Hand pochte und schmerzte und der Alptraum, in dem er einen Tierquäler verfolgte und auf grausame Weise zerstückelte, brachte sein Herz zum Rasen.

Die Schmerzen machten ihm Sorgen, vielleicht müsste er doch zum Arzt. Er wickelte den Verband ab und erstarrte. Seltsame Haare sprossen rund um die Bissstelle. Die war schon fast verheilt, schmerzte aber fürchterlich.

Schulterzuckend nahm er eine Schmerztablette und legte sich wieder hin. Bis zum Morgen schlief er ruhig und als er erwachte, hatten die Schmerzen aufgehört.

Er nahm den Verband ab und staunte. Der Biss war verschwunden, dafür überzog ein weißer borstiger Pelz seinen Unterarm. Die Haut darunter war rosig und duftete ein wenig fremd. Es sah fast aus, als wäre sein Arm ein Wollschweinchenferkel geworden, dachte er schmunzelnd, zog das Arbeitshemd darüber und vergaß es.

Er war kein dummer Mann, ganz im Gegenteil, er war sogar hochintelligent, was man seinem Berufsstand im Allgemeinen nicht zuschrieb. Doch die Gelassenheit der Menschen seiner Region hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. Er fluchte zwar oft und derb, doch so richtig aufregen konnte er sich nicht. Es war jetzt so und gut. Und wenn etwas nicht zu ändern ist, dann lohnt es sich auch nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden. Und so machte er sich an seine Arbeit auf dem Hof und vergaß den Biss und den Pelz, weil es nicht wichtig war.

Die Arbeit ging ihm gut von der Hand heute. Trotz des gestörten Schlafes fühlte er sich frisch und ausgeruht. Und seine Muskeln taten das, was er von ihnen erwartete und ein Stückchen mehr als das, was er von ihnen gewohnt war.

Gegen Mittag hatte er sein gesamtes Tagewerk erledigt und war noch nicht näherungsweise müde. Er überlegte kurz, das Scheunendach auszubessern, eine Arbeit, die er lieber im Sommer erledigen wollte, da fuhr eine Limousine auf seinen Hof.

Er wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab und strich die Haare glatt. Der wagen hielt direkt vor ihm und ein Mann in mittleren Jahren stieg aus, elegant gekleidet und offensichtlich recht wohlhabend.

Eberhard streckte die Hand aus, um ihn zu begrüßen, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne und holte tief Luft. Dieser Mensch roch seltsam, fremd und beängstigend. Da lag Tod in der Luft und Leid. Das musste der Typ sein, der die Höfe in der Umgebung aufkaufte, um aus ihnen wirtschaftlich arbeitende Unternehmen zu machen. Die Tiere waren ihm dabei vollkommen egal, Tierschutz und artgerecht ein Fremdwort.

Wütend wurde er nur selten, doch er konnte sich fast denken, was dieser Besuch bei ihm so weit draußen zu bedeuten hatte und das machte ihn rasend. Ein tiefes Grollen wuchs in seiner Kehle, suchte sich den Weg nach oben und mit einem schrillen Quieken, stürzte er sich auf ihn.

***Superhelden gibt es nicht nur in Hollywood. Sie können überall entstehen, wenn Radioaktivität auf Gentechnik, außerirdisches Gestein auf nicht zugelassene Medikamente trifft. Auch hier, am Rande des Münsterlandes, können sie ihre Heldentaten vollbringen. Die Unscheinbarsten unter ihnen, überraschen uns dabei am Meisten…. to be continued***

Alice

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365 Begegnungen – Tag 90 – Die Logik, die Vernunft und der Verstand

Es war einmal in einem fernen Land, da lebten der Verstand, die Logik und die Vernunft zufrieden und einträchtig in einer kleinen Hütte im Wald. Sie waren zufrieden, hatten ihr Auskommen, weil jeder der Einwohner des kleinen Landes zu ihnen kam, wenn er ein Problem hatte.

Dann ließen sie den Gast herein, bewirteten ihn freundlich, hießen ihn auf einem bequemen Sessel Platz nehmen und sein Problem schildern. Manches mal fragten sie dann noch nach, grenzten die Schwierigkeiten so weit wie möglich ein und formulierten mit dem Gast am Ende eine konkrete Fragestellung.

Mit dieser Frage zogen sie sich dann zurück. Der Verstand beleuchtete jede Ecke der Aufgabe, machte sich Notizen und strukturierte sie. Er legte mögliche Lösungsansätze fest und reichte sie dann an die Logik weiter.

Die wiederum überprüfte die Lösungen auf Machbarkeit, überprüfte möglichen Erfolg und wählte am Ende drei sinnvolle Ergebnisse aus. Die reichte sie dann an die Vernunft weiter.

Die Vernunft brauchte immer die meiste Zeit. Sie überlegte die Auswirkungen der Problemlösungen, hielt ab und an noch Rücksprache mit dem Klienten, bevor sie sich für eine entschied, die sie dann dem verzweifelten Einwohner erklärte.

Die Menschen in diesem kleinen Land waren sehr glücklich darüber. Sie dankten es ihnen, indem sie sie mit all dem versorgten, was Verstand, Logik und Vernunft zum Leben benötigen.

Eines Tages kam die Dummheit in die Gegend. Und weil sie nichts besseres zu tun hatte, fragte sie den erstbesten Menschen, warum er überhaupt existiere. Der schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern, grüßte und ging weiter. Doch die Frage ließ ihn nicht los.

Also fragte er seine Frau, die keine Antwort wusste. Die wiederum befragte ihre Freundinnen, die wieder ihre Männer und so weiter.

Am Ende war das ganze Land im Aufruhr und der König beschloss, persönlich die drei aufzusuchen, um dieses Problem lösen zu lassen.

Eines morgens, als die drei noch schliefen, hielt die Kutsche des Königs vor der kleinen Hütte. Ein Lakai sprang vom Bock, rollte einen roten Teppich bis zur Tür aus und half dem Herrscher aus dem prächtigen Gefährt.

Er klopfte und nach einer kleinen Ewigkeit, schlurfte die Vernunft zur Tür und ließ ihn ein.

Sie hießen ihn, wie alle Gäste, auf dem bequemen Sessel Platz nehmen, hörten sich das Problem an , fragten nach und zogen sich endlich zurück.

Wegen der Gewaltigkeit der Aufgabe, beschlossen sie, es gemeinsam zu lösen. Sie baten den König um Geduld und schlossen die Tür hinter sich ordentlich ab.

Irgendwann, als die Zeit zu lang wurde, fuhr er ohne ein Ergebnis zurück ins Schloss. Er beschloss, abzuwarten und die Menschen zu vertrösten. Allzu lange könne es ja nicht dauern. Doch die Antwort kam nie. Die Menschen warteten, gaben die Frage von Generation zu Generation weiter, litten unter Angst und fehlendem Sinn.

Die Drei wurden nie wieder gesehen.

Wenn sie nicht gestorben sind, diskutieren sie wohl immer noch.

Alice

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ABC-Etüde – Leere Zimmer

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Red Skies over Paradise.

Ein Lehrerzimmer ist kein leeres Zimmer. Und selbst, wenn es von physischer oder auch geistiger Unbehaustheit geprägt sein könnte, so befinden sich doch selbst nach Feierabend diverse Möbel und Schicksale darin.

Wenn der letzte Gong ertönt, strömt alles aus dem Gebäude. In der Regel deutlich schneller, als es sich morgens füllte. Nur der Hausmeister stromert noch durch die Zimmer, löscht hier ein Licht, fährt dort einen PC herunter und hört schwermütige Musik, während in seinem Zuhause das Licht ausgeht.

Es ist dann leise dort, nur ab und an hört man ein Mäuschen, das an harten Schülerbrotresten nagt. Man überlegte, eine Schulkatze einzuführen, welche die Mäuschen haschen könnte, doch diverse Allergien und Ängste schoben dem einen Riegel vor.

So sitzt am Ende des Tages die Leere in den Zimmern, spielt vielleicht im Licht der Straßenlaternen auf der Mundharmonika und wartet auf ihre Ablösung.

Alice

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ABC-Etüde – Blätterflut

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von der literarischen Visitenkarte.

Sie öffnet die Haustür und lässt die Hunde rein. Im Arm hat sie ein großes Paket an Werbebroschüren und Rechnungen. Sie schmeißt alles auf den Esstisch und nimmt sich ein Glas Wasser. Während sie sich den Mantel von den Schultern pult, sichtet und sortiert sie den Papierstapel. Sie ärgert sich über diese Flut, wie jedes Wochenende. Das Papier ist zwar recycelbar, doch trotzdem müssen noch zu viele Bäume gefällt werden. Sie denkt an das Stück Wald, durch das sie gestern noch mit ihren Hunden gelaufen ist. Heute war es abgesperrt wegen Rodungsarbeiten. Eine neue Straße für neue Häuser soll gebaut werden. Manchmal möchte sie wirklich ausreisen.

Ein Brief fällt ihr ins Auge. Ein Schreiben von der Kanzlei „Himmelsleuchten“, was für ein eigenwilliger Name. Nervös reißt sie den Umschlag auf und stöhnt: „Das darf jetzt echt nicht sein!“ Dann greift sie zum Handy.

„Todesursache?“, Mühlenbrock putzt sich die Nase. Seit Wochen quält ihn der Schnupfen, er riecht und schmeckt nichts mehr. Karl steht auf und zieht die Handschuhe aus. „Sieht nach Vergiftung aus. Mehr…“ „… wenn du ihn auf dem Tisch hattest.“ Der Kommissar ist froh, ins Warme zu kommen.

Auf dem Revier fährt er den PC hoch und macht sich einen heißen Tee. Das Telefon klingelt. „Ja? Ach, Efeubeeren? Warum hat er die denn gegessen? Die wuchsen zwischen den schwarzen Johannisbeeren und dann hat er wohl einen Kuchen daraus gebacken? Idioten gibt’s.“

Mühlenbrock schüttelt den Kopf und legt auf.

Es klingelt und sie öffnet Gerd und Olav die Tür. „Meine ganzen Sträucher und Bäume an der Straße wegmachen, weil ihn das Laub nervt. Der hat sie doch nicht mehr alle. Gut, dass er so ein Leckermaul war. Wein?“

Alice

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365 Begegnungen – Tag 63 – Die Vorfreude

„Morgen kommt der Weihnachtsmann…“ Sie trällert und wischt den Frühstückstisch ab.

„Bitte!“, er schaut genervt von der Zeitung hoch und runzelt die Stirn, „Wir haben Mitte November! Nicht morgen, sondern in…“ er rechnet kurz „39 Tagen ist Weihnachten. Was soll der alte Mann denn tun, wenn er morgen vor der Tür stünde, den Mantel frisch von der Reinigung, noch in Plastik verpackt im Arm, und die Blondierungscreme für den gelben Bart in der Tasche?“

„Du bist doof!“, sagt sie, hört aber auf zu singen. Sie setzt sich zu ihm und legt Lappen und Küchenhandtuch auf den Tisch. „Ich freu mich doch nur. Mir ist schon so vorvorweihnachtlich zumute.“

„Konsumterror, leergekaufte Supermärkte, Geschenkezwang, Festbeleuchtung, Glühweinstände und Last Christmas. Ich kann dem nichts abgewinnen.“ Er räuspert sich und schüttelt den Kopf. „Die Welt ist im Chaos. Klimawandel, Bürgerkriege, Trump, da vergeht einem doch alles.“

Sie legt die Hand auf seinen Arm und lächelt ihn sanft an. „Verschneite Wälder, leuchtende Kinderaugen, Plätzchen, Ruhe, Durchatmen und für einen kleinen Moment hoffen, dass trotzdem alles gut wird.“

Er schweigt und schaut sie an. Ganz leise beginnt er zu singen „Stille Nacht….“

Alice