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ABC-Etüde – Finale

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Stepnwolf.

Sie dreht das Gas ab und löscht den Bunsenbrenner. Die Flüssigkeit schimmert silbrig. Noch ist sie zu heiß, um umgefüllt zu werden. Also setzt sie sich für einen Moment, hält das angeschlagene Reagenzglas mit der Holzklammer fest und führt es nah vor ihre Augen.

Sie mag es, die Welt durch etwas hindurch zu betrachten. Schon als Kind sammelte sie alles Durchscheinende, um hindurchzusehen. Die Verzerrung, die Distanz faszinieren sie. Ein bisschen wie Alice, die rückwärts in die Welt durch eine verdrehte Spiegelscherbe schaut.

Der Kellerraum, in dem sie ihre alten, fast vergessenen Chemiebaukasten aufgebaut hat, wirkt wie die Szene aus einem surrealistischen Horrorfilm. Die Kanten verlieren sich, brechen aufeinander zu, verbiegen sich unter der Bewegung des zäher werdenden Fluids. Sie ist hier, die Welt ist dahinter. Es tut ihr gut, nicht dort zu sein.

Sie überlegt. Der Gedanke, der sie umtreibt, ist nicht neu. Seit Monaten oder sogar Jahren sitzt er in ihrem Hinterkopf. In jüngster Zeit ist er übermächtig und omnipräsent. Jeder Versuch, sich abzulenken, ihn einfach zu ignorieren, hörte auf, zu funktionieren.

Es muss gehandelt werden. Sie spürt es.

Beim letzten Mal hat sie sich sicherheitshalber einweisen lassen. Doch dieses Mal ist sie nicht bereit dazu. Sie nimmt die bereitliegende Spritze und zieht die lauwarme Flüssigkeit auf. Dann löscht sie das Licht und geht die schmale Treppe hinauf.

Sie ist soweit.

Alice

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ABC-Etüde – Letzte Stunde

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Stepnwolf.

Der Gong ertönt. Im Lehrerzimmer wird es unruhig, erste Taschen werden gepackt, ein letztes Mal vom Butterbrot abgebissen, noch schnell ein Schluck Kaffee nachgekippt. Die Referendare und Ehrgeizigen verlassen schon den Raum, die Älteren bleiben noch für einen Moment sitzen und warten auf das zweite Klingeln. Der neue Schulleiter steckt kurz den Kopf zur Tür herein, bemerkt den Blick des dienstältesten Kollegen und zieht sich zurück.

Irgendwann setzen sich alle in Bewegung, der alte Chemielehrer zuletzt. Er hat mal wieder vergessen, in welche Klasse er jetzt muss, kämpft noch mit der Stundenplan-App, die bei dem schwachen Netz im Schulgebäude in Zeitlupe lädt.

Vor dem Klassenraum stehen die Schüler bereit. Während er seine überladene Tasche durch den Gang schleppt, kann er ihre Unlust riechen. Seine Sehnsucht nach dem Ruhestand ist übermächtig.

Noch eine Woche, dann sind Sommerferien. Sechs Monate weiter ist er frei. Vierzig Dienstjahre sind voll, die Altersgrenze erreicht, immer den Mund gehalten, immer pünktlich zum Dienst erschienen.

Während er die Reagenzgläser auf das geflieste Pult räumt und mit einer Handbewegung die Schüler auf die Plätze scheucht, ärgert er sich, nicht aufmüpfiger gewesen zu sein. Nichts wird er hinterlassen, außer einem langweiligen Eindruck und in einigen Jahren einer Nachrufkarte am schwarzen Brett.

Seine Finger finden die Chemikalien ohne, dass er hinsehen muss. Er schaltet den Bunsenbrenner an, nuschelt ein bisschen zu den handyzockenden Schülern herüber, mischt, rührt, erwärmt.

Er hat kaum gefehlt, sich sogar mit einer Grippe hergequält, nur damit ihm niemand was nachsagen kann. Und zum Dank wird er eine Tasse mit Schullogo bekommen.

Er setzt die Gasmaske auf und kippt die letzte Zutat hinein.

Binnen Sekunden ist der Klassenraum mit einer grüngelben Dunstwolke gefüllt, die Schüler verlassen kreischend den Raum.

Langsam zieht die Wolke bis zum Lehrerzimmer. Er hat es geschafft, die größte Stinkbombe seines Lebens zu mixen.

Alice

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ABC-Etüde – Antriebslos

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von books2cats.

Eine dünner Dampffaden steigt von der angeschlagenen Lieblingstasse auf, kräuselt sich im Luftzug des undichten Fensters und vermischt sich oberhalb der Hängelampe mit dem Qualm der Frühstückszigarette. Sie hat Kopfschmerzen, das letzte Bier war wohl doch zu viel gewesen. Vielleicht ist sie einfach zu alt zum feiern.

Der Mann war auch dabei gewesen, nur ihm scheint das nichts auszumachen. Schon früh ist er im Geräteschuppen verschwunden, werkelt seitdem lautstark vor sich hin. Seine Energie nervt sie. Immer fit, immer fröhlich, nie verkatert, nie unausgeschlafen.

Als sie ihn kennen lernte, hatte ihr das imponiert, sie war ähnlich gewesen. Doch inzwischen stößt es sie ab. Sie fühlt sich unzulänglich und faul, wenn sie manchmal lieber auf dem Sofa liegt und eine Serie schaut, anstatt mit ihm um den Block zu joggen. Er sagt nichts dazu, doch ab und an wirft er ihr einen kritischen Blick zu, fast, als wäre sie ihm fremd geworden.

Seit zwei Wochen vermutet sie, dass er fremd geht oder zumindest darüber nachdenkt. Er weicht ihr aus, verbringt die Abende vor dem PC statt mit ihr fernzusehen oder geht noch eine Runde aufs Rad.

Der Gedanke gefällt ihr nicht. Sie steht auf und drückt die halbe Zigarette im vollen Aschenbecher aus. Der Kaffee wandert in die Spüle. Ärgerlich schiebt sie die Ärmel nach oben und lässt warmes Wasser darüber laufen.

Was soll sie tun, fragt sie sich und schrubbt die Fettkruste aus der Bratpfanne. Soll sie gehen oder bleiben, neu anfangen oder kämpfen.

Für einen Moment steht sie da und versucht sich zu entscheiden.

Dann lässt sie das Wasser ab und stellt sich ans Fenster. Er verlässt gerade seine Werkstatt. In der Sonne wirkt sein Haar kupferfarben.

Alice

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ABC-Etüde – Die Party

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von books2cats.

Der Geruch von Eisen liegt in der Luft. Ganz ruhig sitzt sie da, zieht mit dem Finger Spuren in die zähe Flüssigkeit, die sich langsam kupferfarben verfärbt. Ihr Blick geht ins Leere, während über der einsamen Industrieanlage die Sonne untergeht.

Die Einladung kam gestern. Irgendjemand wollte irgendetwas feiern. Wie immer in letzter Zeit, war ihr der Anlass egal. Alkohol und vielleicht ein Trip würden sie von ihren Alltagssorgen wegtragen. Davon gab es genug. Davon gibt es genug.

Sie wischt den Finger an ihrer weißen Bluse ab. Die Farbe schimmert. Es ist fast Kunst, lächelt sie und hält ihr Gesicht der Sonne entgegen.

Die WhatsAppgruppe rotierte und eine plante eine Fahrgemeinschaft. Ehe sie sich versah, war sie für einen Golf gebucht, dessen Fahrer sie nicht kannte und der sie in einer Seitenstraße ihres Viertels an einem Geräteschuppen abholen wollte. Aus dem überbesetzten Wagen schlug ihr ein süßlicher Duft entgegen. Sie quetschte sich dazu und nahm die Tüte.

Die Location lag außerhalb. Sie trank, viel zu viel, wie sie wusste. Irgendwann drückte ihr jemand Pillen in die Hand, die sie mit einem Schluck Bier runterspülte. Danach wurde alles sehr bunt und gedämpft. Monet nannte sie dieses Gefühl und entfaltete sich wie eine Seerose.

Ein paar küssten sie und ein paar küsste sie und bei einem blieb sie hängen. Sie erinnerte sich an das Gefühl, als er ihre Hand nahm und sie wegzog von den anderen. Auf einem Ölfass zog er eine Line und reichte ihr einen zusammengerollten Fünfer. Sie machte Witze darüber, wie stilvoll das sei, zog das Pulver gekonnt durch die Nase und wartete auf den Einschlag.

Und jetzt sitzt sie hier und hat den Geruch von Eisen in der Nase. Der Fleck auf ihrer Bluse hat die Farbe von Kupfer angenommen. Irgendwo heulen Polizeisirenen. Sie glaubt, sie wollen zu ihr.

Alice

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Extra-Etüden – Lärm

Zu den Extraetüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Olpo Olponator und Gerhard von Kopf und Gestalt.

Er schreit. Immer schreit er, dabei ist nichts passiert. Nichts , was schlimm genug ist, diesen Lärm zu rechtfertigen. Früher ist sie gerannt, wenn sie hörte, dass er seine Stimme erhob. Sie war aufgesprungen, hatte alles fallen lassen, was sie gerade in Händen hielt und sich dazwischen geworfen.

Als sie ihn kennenlernte, hatte er großspurig behauptet, dass er mit allem fertig werden würde, ein echter Kerl eben. Doch das war heiße Luft, wie ihre Oma immer sagte und dabei so ein feuchtes Pfffssff machte. Wie ein Furz, lachte sie als Kind und versuchte, das Geräusch zu imitieren.

Das Dazwischenwerfen gab sie irgendwann auf und auch die Hoffnung, dass doch noch ein echter Kerl erscheinen würde, würde sie nur lange genug warten. Heiße Luft ist dünn, lernte sie in der Physik.

Sie bleibt auf dem Balkon sitzen, streichelt die Hündin, die ihren Kopf schwer auf ihrem Schoß abgelegt hat. Anhänglich ist sie gerade, immer neben und hinter ihr. Sie seufzt, irgendetwas stimmt nicht hier und jetzt. Sie hebt den Kopf und hört ihn immer noch schreien. Leise beugt sie sich vor und zieht die Balkontür zu.

Sie hebt selten die Stimme. Auch wenn alles schief geht, bleibt sie meist ruhig. Aufregung hilft niemandem. Nur wenn alle Stricke reißen und die Welt über ihr zusammenschlägt, kann es passieren, dass sie die Beherrschung verliert.

Aber er regt sich über jeden Scheiß auf. Der nicht eingehaltene Zeitplan irgendeines Lieferanten, stehengelassene Schuhe oder vergessene Handtücher, den unpassenden Schmusekurs der Katze oder den Vorgesetzten, der mit Überstunden droht. Alles ist ihm zu viel.

Er schreit immer noch und sie krault die Hündin etwas fester. Ein bisschen angespannt ist sie schon, doch ihr Therapeut sagte ihr, sie müsse das aushalten. Nicht verantwortlich sein, sich taub stellen, das täte ihr gut, sie würde schon sehen.

Sie nimmt ein Buch und balanciert es über dem Hundekopf. Die erste Seite schafft sie, erst am Ende bemerkend, dass sie kein Wort wirklich begriffen hat. Es geht um Katamarane oder so was, wahrscheinlich sein Buch.

Draußen wird es leiser und sie überlegt, ob sie das wirklich für den Rest ihres Lebens aushalten möchte. Diese zur Schau getragene Unzufriedenheit zermürbt sie, diese Brüllerei bei jedem nichtigen Anlass macht sie krank. Sie muss sich entscheiden, das ahnt sie. Doch noch ist sie nicht so weit. Ein letzter Rest Hoffnung klebt noch an ihr.

Draußen ist es jetzt still. Sie lächelt. So schwer war es gar nicht. Langsam schiebt sie den Hundeschädel von ihren Beinen und geht die Treppe hinunter.

Auf der Terrasse ist eine große Pfütze, irgendetwas scheint ausgelaufen zu sein. Daneben tuckert leise die defekte Kettensäge, deren fachkundige Reparatur er lauthals abgelehnt hat. Und darin liegt er und schweigt sich tot.

Alice

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ABC-Etüde – Gutes Timing

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Kopf und Gestalt.

Das Handy macht „Ping“ und er wirft einen erstaunten Blick darauf. „Schon halb sieben? Menno, fahr schneller, sonst kommst du zu deiner eigenen Vorstellung zu spät!“

Sie zuckt die Schultern und gibt dem Gaspedal einen kleinen Stups. Die Straßen sind voll und es dauert so lange, wie es dauert. Es ist ihr unverständlich, wie eng er alles sieht. Dauernd macht er irgendwelche Zeitpläne und andauernd macht sein blödes Handy seltsame Geräusche, die ihn daran erinnern sollen, doch bitte noch ein bisschen hektischer zu werden.

Ihr ist das egal. Es sind noch zwei Stunden bis zu ihrem Auftritt, den zur Not auch die Drittbesetzung übernehmen könnte. In Hausmädchenkleidung auf die Bühne stolpern, ein „Es ist angerichtet“ hauchen und mit leicht wiegenden Hüften wieder verschwinden.

Sie wollte die Rolle nicht, doch er überredete sie, erzählte etwas von großen Chancen und Potential. Als sie zustimmte, meldete er sie zur Sprachschule und zum Tanzunterricht an. In der letzten Woche kam noch Massagetermine, ein Fitnesscoach und Pediküre dazu.

Sie ist nur noch unterwegs, hat kaum noch Geld für Lebensmittel und dauernd sitzt er neben ihr, starrt auf seinen Terminplaner und sagt „Fahr schneller!“

Als sie jüngst im Gespräch fallen ließ, dass ihr das zuviel ist, machte er einen auf enttäuschte Diva. Er wolle ja nur ihr Bestes und unterstütze sie bei ihrer Schauspielkarriere. Dabei macht sie sich keine Illusionen, dass sie nur mittelmäßig ist und es wohl auch bleiben wird. Es reicht ihr, sie fand es noch nie schlimm, nicht so wichtig zu sein.

„Fahr jetzt endlich etwas schneller, du musst doch noch in die Maske!“ Er hält ihr das Telefon dicht unter die Nase.

Sie lächelt und fährt rechts ran. „Es ist Zeit auszusteigen“, sagt sie und öffnet die Beifahrertür für ihn.

Alice

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14×300

Eine Zusammenfassung all meiner Etüden zu Christianes Aufruf und Olpo Olponators Wortspende.

Nachem 10x der Katamaran, 13x das großspurige und ebensooft das Totschweigen ersetzt wurde, liest es sich ein wenig runder 😉

Prolog

Sie setzt vorsichtig den linken Fuß in das wackelige Gefährt und reicht ihm die Hand. „Mit dem Linken zuerst? Bist du sicher?“ Er lacht und zieht sie mit einem Schwung auf den Katamaran, den er zu ihrem 25. Hochzeitstag gemietet hat.

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Ganz allein für drei Tage auf See. Wie üblich hatte sie Freude geheuchelt, als er großspurig seinen Segelschein auf den Frühstückstisch legte. Wie üblich, hatte er es nicht gemerkt.

Sie hat seine abenteuerlichen Aktionen so satt, fühlt sich zu Hause oder in einem netten Hotel mit Wellnessecke und Zimmerservice viel wohler. Nie hat sie gefordert, ihre Wünsche, wie immer, verschwiegen. Doch sie macht gute Miene zum bösen Spiel, lächelt sogar und haucht ihm einen Kuss auf die unrasierte Wange.

Sorgfältig legt sie die Schwimmweste an und reicht ihm seine. Er zieht sie nachlässig an und winkt ab, als sie intervenieren will. Dann stößt er sich am Kai ab.

Spontan wünscht sie sich, dass er über Bord geht. Weit genug draußen, um nicht gerettet werden zu können und doch nah genug, dass sie sie finden. Dass seine Überheblichkeit ihm endlich den Garaus macht und sie ihr Leben so verbringen kann, wie sie es möchte.

Sie würde diese lächerliche Signalpistole abfeuern und wenn sie kämen, würde sie Verzweiflung heucheln. Er würde für tot erklärt werden und sie wäre frei. Das würde alles so viel unkomplizierter machen.

Sie schließt die Augen und lächelt.

Der Schlag trifft sie an der Schläfe. Sie spürt, wie er ihr die Schwimmweste herunterzerrt. Dann kaltes Wasser.

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Sie geht schneller unter, als er vermutet hat. Lächelnd wendet er das Boot.

Die Aussage

Er zieht die Segelschuhe aus und lässt sich am Ufer nieder. Der Polizist ist geduldig, legt leicht die Hand auf seine Schulter. „Ich weiß, dass es schwer ist. Doch wir brauchen einen Unfallhergang. Sie sind also mit dem Boot rausgefahren und was ist dann passiert?“

„Ich habe meine Schwimmweste angezogen, als wir den Hafen verließen und ihr ihre gereicht. Doch sie war unvernünftig. Sie war immer unvernünftig.“ Er unterbricht und lässt sein Gesicht in seine gespreizten Finger sinken.

„Also hat sie sie nicht angezogen? Habe ich das richtig verstanden?“ Der junge Polizist beginnt zu schwitzen. Es ist warm unter der engen Mütze und er mag das nicht. Trauernde befragen nach einem tragischen Unfall ist eine Arbeit, die die Alten machen sollen. Ihm fällt der Autounfall seines kleinen Bruders ein. Seine weinenden Eltern und die bleiche Polizistin im Wohnzimmer. Und er, auf der Treppe hockend, lauschend.

„Sie war immer so sorglos, fühlte sich unsterblich. Gelacht hat sie über mich und meine Sorge.“

„Und dann?“ Er hockt sich zu dem nun weinenden Mann und legt ungeschickt einen Arm um ihn.

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„Dann kam eine Welle und auf einmal war sie weg. Von jetzt auf gleich, wie ausgelöscht.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich muss das fragen. Hatten Sie Eheprobleme?“

Entgeistert schaut er in das junge Gesicht. „Wie alle Paare nach 25 Jahren. Es gibt immer, Probleme. Doch wir waren glücklich.“

Dann schweigt er.

Der Kommissar

Der Kommissar steht im Hintergrund und hört zu. Leicht neigt er den Kopf. Etwas passt nicht zusammen.

Seit Jahren meidet er die vorderste Front. Er hat es sich verdient, so redet er es sich zumindest ein, aus der Ferne betrachten zu dürfen. Das tut er jetzt seit einer halben Stunde und das Bild ist schief.

Dieser Mann, seine Frau und der lächerlich orangefarbene Katamaran. Ein Drama in drei Akten. Vorspiel. Kampf. Tod. Das eine gibt es nicht ohne die anderen Beiden.

Er schnalzt mit der Zunge. Nur in welchem Teil sie sich befinden, weiß er nicht.

Er kramt eine zerknautschte Zigarettenschachtel aus der Tasche und zündet sich einen der filterlosen Sargnägel an. Seit die Risiken gut sichtbar auf den Verpackungen abgedruckt sind, kann niemand sagen, er hätte es nicht gewusst. Er sollte es sich abgewöhnen. Stattdessen inhaliert er tief und lässt den Qualm langsam durch die Nasenlöcher entweichen.

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Er steht seitlich von diesem seltsamen Pärchen, das am Kai kauert. Der gebückte trauernde Witwer und der hilflose Polizist. Die Geschichte, die dort hinten erzählt wird, interessiert ihn nicht. Später kann er sie in der Akte nachlesen. Da wird irgendwas von Unfall stehen, aber das glaubt er nicht.

Für einen Sekundenbruchteil ist es da, genau in dem Moment, wo der Junge versucht, den Witwer zu trösten und dabei jene magische Grenze zwischen freundlicher Distanz und persönlicher Nähe überschreitet. Er wird mit ihm reden müssen – später.

Er sieht die Hand auf der Schulter landen und das besorgte Gesicht sich dem Älteren nähern, da huscht ein überheblicher Ausdruck des Sieges über des Witwers Miene. Die Mundwinkel huschen erst nach oben, gefolgt von einem Ausdruck der Verachtung.

Er scheint nicht zu glauben, dass er überführt werden kann.

Die Zigarette landet auf dem Boden und glüht dort weiter. Der Kommissar geht zum Auto. Er hat genug gesehen.

Die Suche

Sie finden keinen Grund, zu zweifeln.

Die Spurensicherung sucht oberflächlich, sammelt nur die liegengebliebene Handtasche und den Hut auf dem Segler ein, tütet sie in dichte Plastiktaschen und schickt sie ins Labor.

Der junge Polizist meldet sich krank für den Rest des Nachmittags und besucht seine Mutter. Dort schauen sie sich alte Fotos an, erzählen ein bisschen und weinen eine Weile um das verlorende Kind.

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Der Polizeichef, der mit dem Mann denselben Golfclub besucht, schaut ihnen über die Schulter, macht unauffällig, auffällig deutlich, dass sie ihn rasch in Ruhe lassen sollen.

Die Seenotrettung fährt hinaus, schickt Taucher ins Wasser an der angegebenen Stelle, doch finden sie nichts außer einer Ölspur und ein paar Imbissverpackungen, die sauber gewaschen, auf den Wellen tanzten.

Sie finden keinen Grund, zu reden.

Der Kommissar sitzt auf seinem Balkon und ist nicht bereit, die Geschichte fallenzulassen. Er hat das arrogante Grinsen gesehen.

Seine Hand umfasst das Whiskeyglas bis es schmerzt.

Das Telefonat

Den nächsten Tag verbringt er im Revier. Zwei neue Fälle landen auf seinem Tisch. Ein Überfall und eine mittelschwere Beleidigung. Lächerlicher Kleinkram im Vergleich zu dem, was ihn beschäftigt.

Er fordert ein paar Schulden bei Kollegen ein und die Akten wechseln unbemerkt den Platz.

Sein Büro ist normalerweise der Treffpunkt für einige Kollegen. Er ist nicht besonders gut in Freundschaften und das Zugeständnis, diesen Raum mit der Kaffeemaschine und dem Raucherbalkon mit anderen zu teilen, verschafft ihm zumindest die Illusion, nicht allein zu sein.

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Doch heute schließt er die Tür und auch die Jalousie. Er schnappt sich sein Telefon und versucht, an Informationen zu kommen.

Die von der Unfallabteilung, wo die Akte jetzt liegt, versuchen ihn abzuwimmeln. Arrogant erklären sie in drei Sätzen, warum es eben doch ein Unfall war und er sich doch bitte um seinen Scheiß kümmern soll. Auch der Anruf bei der Spurensicherung bringt ihn kaum weiter. Es sei eben nur oberflächlich gesucht worden. Doch da ist ein kurzes Zögern am anderen Ende.

Kurz überlegt er, ob er sich zu seinem Verdacht äußern soll. Die junge Kollegin klingt nett und hat was auf dem Kasten. Er wagt einen vorsichtigen Vorstoß, den sie jedoch missversteht. Als er auflegt, schüttelt er schmunzelnd den Kopf. Jetzt hat er ein Date, doch keine neuen Erkenntnisse. Vielleicht ein guter Ersatz.

Zu guter Letzt und so lange das gute Gefühl des vorangegangenen Anrufs noch anhält, ruft er den Polizeichef an. Er hätte es lassen sollen. Die oberste Prämisse scheint zu sein, jede Möglichkeit des Fremdverschuldens totzuschweigen.

Langsam legt er den Hörer auf die Gabel und lässt seine Hand dort noch erschöpft ruhen. Der perfekte Mord, denkt er und verzieht grimmig sein Gesicht. Nicht mit ihm.

Das Rendezvous

Ihm stockt der Atem, als sie die Haustür öffnet. Er hat sich Mühe gegeben, pünktlich zu sein, doch es wurden die üblichen fünf Minuten. Das einzige Jackett hatte sich hinten im Schrank versteckt und an der Tankstelle, wo er noch rasch ein paar Blumen besorgte, fand er sich am Ende einer langen Schlange wieder, weil so ein Idiot mit dem Kassierer über den Benzinpreis diskutieren musste.

Den Rest der Strecke benutzt er das Blaulicht, überfährt drei rote Ampeln und schafft es dennoch nicht.

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Sie lächelt als er ihr den zerknautschten Strauß überreicht und hält ihm zwei Ohrringe vor die Nase. Es befremdet ihn, dass sie ihm die Auswahl überlässt und er entscheidet sich spontan für kleine weiße Perlen.

Während sie im Badezimmer verschwindet, weist sie mit dem Kinn auf eine bereits geöffnete Flasche Wein und eine wassergefüllte Vase. Er fühlt sich nicht überrumpelt. Er ist verzaubert.

Auf dem Revier sind sie sich schon häufiger über den Weg gelaufen. Eine schlanke, zarte Person mit strengem Pferdeschwanz und großer Brille, den Körper in einen blauen Kittel gehüllt. Er hat ihr nie einen zweiten Blick gegönnt, nicht sein Typ, auch wenn ihre Intelligenz und ihre Fröhlichkeit ihm gefielen.

Nichts hat ihn auf diesen Anblick vorbereitet. Die langen Haare locker hochgesteckt, so dass aufmüpfige Locken ihren schmalen Nacken umspielen. Die Augen, brillenentlastet, groß und dunkel. Das Kleid, ein Versprechen, lässt seinen Blutdruck steigen.

Er gießt sich ein Glas Wein ein und leert es in einem Zug. Kein Wort über den Fall, schwört er sich, der Katamaran und der Killer werden für eine Nacht warten müssen.

Nur sie und er, hofft er und schiebt all seine Ängste beiseite.

Die Unterstützung

Er erwacht spät und braucht einige Sekunden, um sich zu orientieren. So hatte er es nicht geplant. Es war überhaupt nichts geplant gewesen. Sie hatte das Restaurant ausgesucht und als sie da waren, bestellten sie eine Flasche Wein.

Er hielt mit, auch bei der zweiten. Als er nicht mehr fahren konnte, schlug er vor, sie zu Fuß nach Hause zu bringen. Die angebrochene Flasche als Wegzehrung hakte sie sich bei ihm unter und sie sangen laut und schwankten zu ihrem Appartement.

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Er lächelt. Sie kennt mindestens genauso viele schmutzige Lieder wie er. Und dann ist es passiert. Einfach so, wie von langer Hand geplant. Er spürt ihre Hand auf seiner Brust und ihren Kopf an seiner Schulter. Wahrscheinlich hat sie das auch, das kleine Biest.

Er sagte nichts zu dem mutmaßlichen Mord. Sie erwähnte es, irgendwo zwischen Vorsuppe und Geflügel. Sie schilderte ihm ihre Beobachtungen und den Schluss, zu dem sie gekommen war. Und als sie ihm von einem Fund erzählte, der zwar ihre Vermutung bestätigte, doch vor Gericht nicht standhalten würde, nannten sie sich bereits beim Vornamen und seine Hand streifte zufällig ihre.

Sie gähnt und öffnet die Augen. Er spürt sein Herz hüpfen und sie lächelt.

Warum kann man die dreckige Seite der Welt nicht einfach für ein paar Stunden vergessen, denkt er, bevor er sie küsst.

Das Fundstück

Sie schweigen bei ihrem ersten Frühstückskaffee. Ein scheuer Kuss und er verlässt das Haus, verwirrt von der Sehnsucht, die ihn schon am Gartentor ereilt.

Dabei sehen sie sich unerwartet schnell wieder. Nach der Frühstückspause steht sie im schmalen Gang zur den Pathologiesälen, hinter deren Nebeneingangstür er seine Zigarettenpause abhält, plötzlich vor ihm, lächelt und zieht ihn in einen Putzmittelraum. Er erwartet nichts und doch ist da ein Prickeln, ein verbotenes Gefühl, wie wenn sie jetzt hier in unmittelbarer Nähe zu den kalten Leichen jenseits des Flures, das Leben feiern wollen.

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Doch sie rückt die Brille gerade und drückt ihm einen Sammlungsbeutel der Spurensicherung in die leicht schweißfeuchten Hände.

Er ist sonst nicht so nervös bei Frauen. Würde man seine Exfrau befragen, würde sie etwas von einem dämlichen Arschloch sagen und ihren Martini austrinken. Es wäre kein faires Urteil, da sie ihn betrog, sobald er die Haustür hinter sich zugezogen hatte, um die Hypothek zu verdienen für das schöne Eigenheim, das sein musste. Glücklicherweise waren keine Kinder da.

Daran denkt er, als sie noch kurz seine Hand drückt, durch die Tür späht und verschwindet. Er bleibt noch einen Augenblick und fühlt sich dem Mann auf dem Boot erschreckend nah. Wie oft hatte er gehofft, dass seine Ex nicht mehr nach Hause kommt von ihren Eskapaden, ihn nicht demütigt mit ihrer zur Schau gestellten Promiskuität. Er hätte sogar die Waffe gehabt, doch nicht den Charakter dazu. Also saß er es aus bis sie freiwillig ging und fast sein ganzes Erspartes mit sich nahm zu ihrem Neuen.

Er seufzt und schüttelt den Kopf. Es gibt einen Fall zu bearbeiten. Sein Blick fällt auf die Plastiktasche und er erstarrt.

Der Rückblick

Er hatte es vor Augen, die ganze Zeit. Der Mann, wie er vom Katamaran steigt und sich auf den Kai sinken lässt. Der junge Polizist, der sich heranschiebt, die Hand auf den Arm legt und neben dem Witwer hockt. Zu nah. Er wird es lernen.

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Das Lösen der Senkel der alten Segeltuchschuhe. Das von den Füßen ziehen, nacheinander. Das sorgsame Aufstellen. Der Zusammenbruch.

Das Verhalten erschien ihm seltsam, doch das hatte er schon häufig gesehen. Dieses irrationale Verhalten, wenn mitgeteilt wird, dass der Mensch, der zum Leben gehörte, auf einmal weg ist. Er erinnert sich an die Oma, die begann Kekse zu backen, als sie ihr den Tod ihres Enkels erklären mussten. Oder die Tochter, die wütend begann, die Kleiderschränke der Eltern auszuräumen und in Müllsäcke zu stopfen. um dann an einem T-Shirt hängen zu bleiben und erst dann zusammenzubrechen, als klar war, dass die Mutter es nie mehr tragen wird.

Ein Einhorn war darauf, er weiß es immer noch und muss für einen Moment lächeln.

In der durchsichtigen Plastiktasche sind die Segeltuchschuhe und eine handschriftliche Notiz. Die Menge an Blut, die sich in dem Profil gesammelt hatte, passte nicht zu der Geschichte. Er müsste durch eine große Blutpfütze gelaufen sein – steht da in ihrer ordentlichen Schrift – um solche Spuren zu hinterlassen.

Er lässt den Zettel sinken und schmunzelt. Sie machen immer denselben Fehler. Blut wäscht man mit kaltem Wasser ab. Diese selbstgefälligen Idioten. Was man nicht sieht, ist auch nicht da.

Und die da oben wollen es totschweigen, den Golffreund schützen. Er ballt die Faust.

Er ist nicht allein.

Der Plan

Er sitzt still da und betrachtet den Inhalt der Plastiktüte. Auf dem Katamaran war kein Blut gefunden worden. Wahrscheinlich hat er eine Plane ausgebreitet. Und diese Beweise hier, dieses Blut unter den Schuhen des Mörders, die wird der Polizeichef mit einer Hand vom Tisch wischen. Das kann ein Nasenbluten gewesen sein oder ein ungeschickter Umgang mit dem neuen großen Küchenmesser. Leider hat Blut keinen Zeitstempel.

Er wird sich herausreden. Das, was sie vorzuweisen haben, ist nicht genug.

Aber was wäre, wenn er gesehen worden wäre, dort draußen auf hoher See. Und jemand, dem Geld über Moral geht, meldet sich nicht bei der Polizei, sondern fragt, ob er von dem reichlichen Erbsegen, der da zu erwarten ist, ein bisschen abbekommen kann. Rein freundschaftlich natürlich.

Wie reagiert so ein überheblicher Mensch in so einer Situation? Wird er vielleicht zur Polizei gehen und den Erpresser anzeigen? Oder eher die Angelegenheit totschweigen und sich in Sicherheit wiegen?

Er überlegt.

Der Kerl hat sich sicher umgesehen, bevor er zuschlug. Doch hat er auch die Touristen mit den Ferngläsern bedacht, die bei klarer Sicht meilenweit aufs Meer schauen können? Oder diese neumodischen Flugdinger, die von oben alles betrachten und filmen?

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In ihm reift ein Plan. Er schnappt sich die Times vom Wochenende und bastelt einen Erpresserbrief, der jeglichem Klischee entspricht. Die Forderung ist reichlich, doch nicht unverschämt.

Und bevor er es sich anders überlegt und doch lieber den Dienstweg einschlägt, schnappt er sich Mantel und Hut und wirft ihn in den nächsten Briefkasten.

Zuhause zieht er die Handschuhe aus, aktiviert das Prepaidhandy, das er vor zwei Jahren aus einem Grund gekauft und nie gebraucht hat und wartet.

Der Fortschritt

Sie ist immer dabei. Seit er ihr den Erpresserbrief beichtete und sie mit unverhohlener Begeisterung reagierte, weicht sie nicht mehr von seiner Seite. Es ist ihm recht, es ist ihm sogar verdammt recht.

Ihr Vorschlag, den großspurigen Mistkerl gemeinsam zu observieren, hält er für eine geniale Idee. Er nimmt sich Überstunden, sie ein paar Tage vom Jahresurlaub.

Es hat was Romantisches, wie sie da in der Stille der nächtlichen Vorortsiedlung gemeinsam in seinem alten Pickup sitzen, im Diner gekaufte Burger futtern, Kaffee trinken, Händchen halten, reden und schweigen. Er fühlt sich angekommen, endlich. Die perfekte Frau, auch wenn sie blutjung ist und mindestens zwei Klassen über ihm rangiert.

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Es gibt nicht viel zu sehen. Der Witwer geht zur Arbeit, fährt nach Hause, sucht ab und an den Hafen auf, um dort sehnsuchtsvoll, wie es scheint, das Meer zu betrachten. Ab und an telefoniert er, zieht dann ein sorgenvolles Gesicht oder streckt siegesgewiss das Kinn heraus. Anwälte, vermutet er und macht ein Foto.

Reagiert hat er noch nicht auf das freche Erpresserschreiben, das der Kommissar so eigenmächtig verschickte. Das Handy liegt eingeschaltet auf der Konsole zwischen ihnen. Er wird anrufen. Das weiß er.

Er hofft, ein Treffen zu beobachten, Golfkumpels, ganz jovial, die sich gegenseitig aus der Patsche helfen. Den Polizeipräsidenten würde er so gerne absägen. Es ist nicht die erste Geschichte, die unter den Tisch gekehrt werden soll.

Und doch ist eine Nervosität zu spüren. Der Mörder scheint ihn zu ahnen, agiert vorsichtig und passt offenbar gut auf, keine Fehler zu machen. Es ist schon spät, als sie seinem SUV nach der Arbeit folgen. Er stoppt bei der Bank und sie beobachten gespannt, wie er das Gebäude betritt und nach einer knappen Viertelstunde mit einer Plastiktüte in der Hand verlässt.

Sie lassen ihn davonfahren. Wenig später klingelt das Handy.

Das Treffen

Er schaltet den Stimmverzerrer ein und nimmt das Gespräch an. Der Mann am anderen Ende klingt verzweifelt. Nicht mehr siegesgewiss, eher gehetzt und verängstigt. Er stimmt der Erpressungssumme zu, möchte sich bald treffen, es hinter sich bringen.

Der Kommissar lächelt und signalisiert ihr mit dem erhobenem Daumen den aufgehenden Plan. Ein altes Lagerhaus schlägt er vor, noch heute Abend. Ein echtes Treffen, das ist seine Bedingung. Und der Polizist stimmt zu, überlegt sich schon eine passende Maskerade.

Es wird die Verhaftung einfacher machen, sinniert er und legt auf. Den Rest des Nachmittags verbringen sie am Hafen. Er kennt ein gutes Restaurant und möchte noch einmal am Tatort entlanglaufen. Alpha et Omega, so denkt er gerne.

Eine Sonnenbrille, ein angeklebter Bart und ein übergroßer Kapuzenpulli machen ihn unkenntlich. Er fühlt sich lächerlich damit. Davon abgesehen stülpen Waffe und Handschellen ihn am Rücken aus. Er wird aufpassen müssen, wie er sich bewegt.

Sie nehmen ihr Auto, sein Pickup ist zu auffällig. Ein paar Straßen weiter parkt sie. Er bittet sie zu warten, küsst sie noch einmal und verschwindet in einer dämmrigen Nebenstraße.

Das Lagerhaus ist gut gewählt. Nur wenige Lampen brennen noch und es fällt ihm leicht, sich so zu stellen, dass kaum mehr als seine Umrisse zu erkennen sind.

Der Witwer kommt ein wenig zu spät, er hört sein Auto draußen parken. Dann knallt er die Stahltür auf und steht schwer atmend vor ihm.

Er wirft den Beutel mit dem Geld auf den Boden und fixiert ihn mit verzweifelten Blicken. Dann greift er hinter sich.

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Er hat sie nicht kommen hören. Nur ihre Hand spürt er, wie sie nach der Waffe greift und schießt.

Er ist sofort tot.

Der Showdown

Die Augen weit aufgerissen liegt er da, nicht mehr großspurig, erkaltend. In ihrer Hand zittert noch die Dienstwaffe, er greift danach, windet sie aus ihren Fingern und schaut sie entsetzt an. Sie schlägt die Hände vor den Mund, fällt auf die Knie.

Doch er ist Profi. Kurz kontrolliert er den Puls und findet ihn, wie erwartet, nicht. Dann untersucht er die Leiche, findet in der Gesäßtasche aber keine Waffe, sondern einen Zettel mit einem Geständnis. Hier ist ein Mord passiert und er kann niemanden rufen. Noch nicht.

Zuerst schickt er sie mit dem Geld zurück zum Auto, sie müsse sich zusammenreißen und dort warten. Nicht telefonieren, nichts. Dann macht er sich an die Arbeit. In seinem Hosenbeinholster trägt er immer eine unregistrierte Waffe mit sich herum. Das ist von einem Undercovereinsatz hängen geblieben. Nie hat er sie gebraucht und ihre Existenz tapfer verschwiegen, doch heute dankt er Gott oder wem auch immer für dieses Accessoires. Die drückt er der Leiche in die Hand und schießt einmal in den Raum.

Die alberne Maskerade muss fallen und er macht sich offiziell zurecht, während er die Kollegen ruft.

Die Geschichte des Treffens ist rasch erfunden. Er hat das Auto wiedererkannt auf dem Weg nach Hause. Als er aussteigt, um nachzusehen, trifft er ihn in der Halle an. Ein Wort gibt das andere. Der eine schießt vorbei, der andere trifft. Was er dort tat, weiß er nicht, so könne er behaupten. Es war verdächtig. Das muss reichen.

Wenige Minuten später fahren die Einsatzfahrzeuge vor. Der Kollege schluckt die Geschichte ohne Wasser.

Ein Bild, das Text enthält.

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Auf dem Weg zum Auto denkt er ans Aufhören. Sie und er auf einem Segelschiff in der Südsee.

Als er um die Ecke biegt, ist ihr Wagen verschwunden.

Epilog

Sie winkt dem Kellner, der ihr noch einen Martini bringt. Eine leichte Brise weht vom Meer herauf und sie beglückwünscht sich zu ihrer Entscheidung für Costa Rica. Sie hat was zu feiern. Sie und ihre unglaubliche Freundin.

Es wird zwar nicht gerne gesehen, doch sie beugt sich vor und küsst sie lange auf die weichen Lippen. Es hätte auch schief gehen können. Hätte er ein Messer genommen und nicht, wie sie vorgeschlagen hatte, nur eine Ohnmacht mit dem Paddel ausgelöst, wäre ihre Liebste womöglich wirklich bei den Haien.

So sitzt sie putzmunter ihr gegenüber, die blonden Locken gestutzt und braun gefärbt. Nur eine kleine Narbe an der Augenbraue erinnert an den Zwischenfall.

Beim Tauchunterricht haben sie sich kennengelernt. Es hatte sofort gefunkt. Als sie erfuhr, dass ihr widerlicher Erzeuger, der ihre Mutter noch vor der Geburt verließ, der Mann dieser wundervollen Frau war und sie ebenso schlecht behandelte, beschlossen sie, das zu beenden.

Sie machte sich an ihn heran und dieser arrogante Spinner fraß ihr aus der Hand. Er tat, ohne zu überlegen, alles, was sie verlangte. Der Plan stammte von ihr und in endlosen Nächten, in denen er um eine Körperlichkeit bat, die sie ihm nie zu gewähren gedachte, ließ sie ihn in seinem Kopf Gestalt annehmen.

Der Katamaran war perfekt, unter ihm war ausreichend Platz, die Taucherausrüstung zu verstecken. Der Rest war leicht.

In zwei Wochen oder so wird sie sich beim Gericht als Alleinerbin melden. Dann steht einem glücklichen Leben mit ihrer Freundin nichts mehr im Wege.

Lediglich die Nächte mit dem Kommissar wird sie für sich behalten. Die gehören nur ihr.

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Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Epilog

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Olpo Olponator.

Sie winkt dem Kellner, der ihr noch einen Martini bringt. Eine leichte Brise weht vom Meer herauf und sie beglückwünscht sich zu ihrer Entscheidung für Costa Rica. Sie hat was zu feiern. Sie und ihre unglaubliche Freundin.

Es wird zwar nicht gerne gesehen, doch sie beugt sich vor und küsst sie lange auf die weichen Lippen. Es hätte auch schief gehen können. Hätte er ein Messer genommen und nicht, wie sie vorgeschlagen hatte, nur eine Ohnmacht mit dem Paddel ausgelöst, wäre ihre Liebste womöglich wirklich bei den Haien.

So sitzt sie putzmunter ihr gegenüber, die blonden Locken gestutzt und braun gefärbt. Nur eine kleine Narbe an der Augenbraue erinnert an den Zwischenfall.

Beim Tauchunterricht haben sie sich kennengelernt. Es hatte sofort gefunkt. Als sie erfuhr, dass ihr widerlicher Erzeuger, der ihre Mutter noch vor der Geburt verließ, der Mann dieser wundervollen Frau war und sie ebenso schlecht behandelte, beschlossen sie, das zu beenden.

Sie machte sich an ihn heran und dieser großspurige Spinner fraß ihr aus der Hand. Er tat, ohne zu überlegen, alles, was sie verlangte. Der Plan stammte von ihr und in endlosen Nächten, in denen er um eine Körperlichkeit bat, die sie ihm nie zu gewähren gedachte, ließ sie ihn in seinem Kopf Gestalt annehmen.

Der Katamaran war perfekt, unter ihm war ausreichend Platz, die Taucherausrüstung zu verstecken. Der Rest war leicht.

In zwei Wochen oder so wird sie sich beim Gericht als Alleinerbin melden. Dann steht einem glücklichen Leben mit ihrer Freundin nichts mehr im Wege.

Lediglich die Nächte mit dem Kommissar wird sie totschweigen. Die gehören nur ihr.

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Ein Treffen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Olpo Olponator.

Er schaltet den Stimmverzerrer ein und nimmt das Gespräch an. Der Mann am anderen Ende klingt verzweifelt. Nicht mehr großspurig, eher gehetzt und verängstigt. Er stimmt der Erpressungssumme zu, möchte sich bald treffen, es hinter sich bringen.

Der Kommissar lächelt und signalisiert ihr mit dem erhobenenen Daumen den aufgehenden Plan. Ein altes Lagerhaus schlägt er vor, noch heute Abend. Ein echtes Treffen, das ist seine Bedingung. Und der Polizist stimmt zu, überlegt sich schon eine passende Maskerade.

Es wird die Verhaftung einfacher machen, denkt er sich und legt auf. Ab jetzt wird nichts mehr totgeschwiegen. Den Rest des Nachmittags verbringen sie am Hafen. Er kennt ein gutes Restaurant und möchte noch einmal am Katamaran entlanglaufen. Alpha et Omega, so denkt er gerne.

Eine Sonnenbrille, ein angeklebter Bart und ein übergroßer Kapuzenpulli machen ihn unkenntlich. Er fühlt sich lächerlich damit. Davon abgesehen stülpen Waffe und Handschellen ihn am Rücken aus. Er wird aufpassen müssen, wie er sich bewegt.

Sie nehmen ihr Auto, sein Pickup ist zu auffällig. Ein paar Straßen weiter parkt sie. Er bittet sie zu warten, küsst sie noch einmal und verschwindet in einer dämmrigen Nebenstraße.

Das Lagerhaus ist gut gewählt. Nur wenige Lampen brennen noch und es fällt ihm leicht, sich so zu stellen, dass kaum mehr als seine Umrisse zu erkennen sind.

Der Witwer kommt ein wenig zu spät, er hört sein Auto draußen parken. Dann knallt er die Stahltür auf und steht schwer atmend vor ihm.

Er wirft den Beutel mit dem Geld auf den Boden und fixiert ihn mit verzweifelten Blicken. Dann greift er hinter sich.

Er hat sie nicht kommen hören. Nur ihre Hand spürt er, wie sie nach der Waffe greift und schießt.

Er ist sofort tot.

Alice