Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Montage

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt vom Café Weltenall.

Auf dem Weg zur Arbeit schaut sie immer wieder nach oben. Es ist Herbst, das steht außer Frage. Für einen kleinen Moment setzt sie den Blinker und fährt rechts ran. Sie liebt den Vogelflug der Wildgänse. „Bis zum Frühling“, sagt sie leise und lächelt.

In der Firma ist alles wie immer. Sie reden aneinander vorbei, können nicht zuhören, schwingen nicht mit. Sie schließt die Augen und versucht nicht hinzuhören bei dem angespannten Tönen, dem genervten Unterton, den kleinen Gemeinheiten.

„Was für eine Welt basteln wir uns da?“ Die Arbeit ist anstrengend heute, nichts läuft, wie es soll. Der Chef brüllt mal wieder herum. Früher huschte sie ängstlich über den Gang, wenn er so eine Laune hatte, heute ist es ihr egal. Immer schwerer fällt es ihr, zu glauben, dass das wirklich nette Menschen sind.

Sie schaut auf ihre rechte Hand und dreht den Ring ihrer Großmutter, zweimal links, einmal rechts. Das Fenster öffnet sich und tausende von Papierbögen fliegen empor. Aus dem großen Plotterausdruck der neuen Anlage faltet sie einen Papierflieger und wirft ihn aus dem Fenster. Ohne nachzudenken springt sie hinterher. Ihre Füße finden sofort Halt, es ist wie Skateboardfahren in der Luft.

Der kalte Wind und ein paar Nieselregentropfen treffen sie unvorbereitet. Die Jacke hängt in der Designergarderobe. Umkehren geht nicht, also fliegt sie einfach weiter. Über ihr ziehen die Wildgänse. Sie steigt zu ihnen empor und reiht sich ein, Richtung Süden.

Sie sei plötzlich verschwunden, berichten später die Kollegen. Gerade habe sie noch am Rechner gesessen und eine Minute später wäre sie weg gewesen. Für eine Weile ermittelt die Polizei.

Sie wurde nie wieder gesehen.

Alice

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ABC-Etüde – Der Klang

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt aus dem Café Weltenall.

Die Schaukel schwang hin und her. Ihre Atemzüge waren im Gleichklang. Sie war eins mit sich. Da hörte sie den leisen Ton. Er schwoll mit jeder Vorwärtsbewegung an und wurde beim Zurückschwingen leiser. Sie hob die Hand und spürte einen leisen Wind an ihrer Handfläche. Für einen kleinen Moment war sie ängstlich, dann löste sie auch die zweite Hand und ließ sich emportragen.

Der Klang wurde lauter, sie hob ihr Gesicht den Wolken entgegen. In der Nähe einer zerissenen Zirruswolke ging der Ton in ein leichtes Tremolo über. Ihr Herzschlag beschleunigte während sie mit einem Zittern nach oben beschleunigt wurde.

Die Wolken lagen unter ihr. Sie beobachtete einen langsamen Vogelflug in einiger Entfernung. Eine klagende Geige mischte sich in den Ton, schwoll an und ab mit den Flügeln der Vögel.

Wind kam auf. Der Ton wurde lauter, trieb sie vorwärts. Sie spürte ein Sehnen, ihr Herz wurde weiter. Immer schneller jagte sie über den Himmel, stieg und fiel mit den Tönen.

Die Wolken bauten ein Gewitter und sie flog mitten hinein. Laute Peitschenklänge, ein schrilles Gitarrensolo, ihr Körper wurde hin und her geschleudert. Dann brach die Sonne durch die Wolken, der Klang verebbte, wurde weicher, leiser und sie spürte, wie sie fiel.

Als sie ihre Augen öffnete, saß sie auf der Schaukel. Sie stand auf und legte die alte Platte noch einmal auf.

Alice

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gutenachtgedanken – einer geht noch

Fortsetzung von „eine Fortsetzung

Es hockte im spät blühenden Flieder und beobachtete das wirre Treiben. Einer noch, sagte es sich und schmunzelte.

Sie forschten und untersuchten. Sie ließen keinen Stein auf dem anderen, schöpften sämtliche Mittel aus und taten, was sie meinten, tun zu müssen. Die SoKo wuchs, Psychologen, Profiler, eingeflogene Forensiker ergänzten das Team und sie kamen nicht weiter. Explodiert sagten sie und der Täter bekam den Namen „Bämm“.

Die Klatschpresse stürzte sich darauf und sie schrieben reißerische Artikel, ahnten, mutmaßten, wer der nächste, wer der Täter sei und waren doch so ratlos, wie alle anderen.

An diesem leicht regnerischen Tag, an dem die Schirme aufklappten wie feuchte Origami und die wärmeren Jacken hervorgeholt wurden, war ein Ortstermin anberaumt. Die Presse stand wie immer hinter rot-weißem Absperrband, die Spezialisten untersuchten plattgetretene Grashalme und weggeworfene Zigarettenkippen.

Das Revier war leer.

Nur der Polizeipräsident war an seinem Platz, telefonierte mit dem stellvertretenden Bürgermeister und dem Bischof, erklärte den Umstand der Ermittlungen, seinen Einfluss auf die von ihm ins Leben gerufene Sonderkommission und dass sie es aufklären würden, bald.

Er hörte nicht, als sich die Tür langsam ein wenig aufschob und ein Schatten ins Zimmer huschte.

Er spürte nicht, wie er hinter ihm Aufstellung nahm und seine kleinen dunklen Hände auf seine Schultern legte.

Er spürte nur das Lob des Bischofs, der sich abertausendmal bedankte und das Wohlwollen des Schulrates, er spürte den Dank des stellvertretenden Bürgermeisters, der dem Umstand sogar dankbar war, es aber nicht zeigen durfte.

Und er spürte, wie er größer wurde, anschwoll, gewaltig und gigantisch wichtig war er.

Wachtmeister Schmidt saß derweil mit seiner Frau in der Nachmittagsvorstellung des örtlichen Programmkinos. Sie gaben „High Noon“ und die Frau hatte Käse-Sahne-Torte reingeschmuggelt. Als das Licht ausging und er seine Waffe vermisste, die zuhause eingeschlossen war, fütterte sie ihn mit dem ersten Bissen und er war glücklich.

Als sein Funkgerät leise vibrierte, ignorierte er es, stach ein Stückchen Torte ab und fütterte seine Frau.

Es setzte sich in die Reihe direkt hinter ihnen und lächelte den beiden zu. Was für ein nettes Paar, dachte es und verschwand.

Alice

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gutenachtgedanken – noch eine Fortsetzung

Fortsetzung von Eine Fortsetzung

Auf dem Hausdach gegenüber saß es und beobachtete das Treiben. Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Doch ich vermute, dass es lächelte.

Die Sonne brannte heiß herunter an diesem vorsommerlichen Sonntagmorgen. Die Glocken luden zum Gottesdienst und die Gläubigen kamen in Scharen. Es war einer jener Sonntagmorgen, wo man beim Frühstück schon überlegt, dass es mal wieder Zeit sei, die Kirche aufzusuchen. Dass die angehäuften Sünden durch eine Spende im Klingelbeutel und ein paar Gebete auf ein himmelversprechendes Maß heruntergebrochen werden sollten. Ein gutes, aufgeräumtes Gefühl und so zogen viel mehr Menschen als sonst ihre besten Kleider an.

Die Männer banden die Krawatten enger als für den Job und die Frauen wählten die züchtigen Kleider, kleingeblümt und zogen eine zarte Strickjacke über bloße Schultern.

Im Radio lief Xavier Naidoo und wer es bis dahin noch nicht kapierte, machte sich auf den Weg.

Und so strömten sie, überholten Stammgäste auf ihren Rollatoren, parkten Einfahrten zu. Es zog sie und sie verspürten eine ungeahnte Vorfreude, als sie das Kirchenportal enterten und sich mit einem Tröpfchen Weihwasser auf die Messe einstimmten.

Während die Gläubigen vor der Kirche die letzte Zigarette genossen, über Geschäfte und Kinder parlierten, schob sich ein Schatten durch die angelehnte Tür der Sakristei.

Und als die Glocken verklangen und die Gemeinde das erste Lied anstimmte, war die Welt noch in Ordnung.

Der kleine Ministrant, der geschickt wurde, als es dauerte, die Gemeinde nach dem Verklingen der letzten Takte erwartungsvoll stand und wartete, kam sehr blass zurück. Dann brach er vor dem Altar zusammen und erbrach sich auf den neuen Teppich, den ein unbenannter Spender in Hoffnung auf ewiges Leben der Kirche gekauft hatte.

Wachtmeister Schmidt saß derweil beim Sonntagsbraten.

Seine Frau hatte alles gegeben. Der Sauerbraten war perfekt, dick gequollene Rosinen schwammen in rotweinduftender Sauce. Das Fleisch schmiegte sich hinein, bildete mit Apfelrotkohl und weichfluffigen Klößen das perfekte Sonntagsessen.

Soeben hatte er die erste Gabel komponiert. Das aufgespießte butterzarte Fleisch mit einen Stückchen Kloß und Rotkohl garniert, eine abtrünnige Rosine mit Geduld auf der Oberseite platziert, da klingelte das Funkgerät.

Er fluchte, wie man es nur an einem Montag kann und schob sich den Bissen trotzdem in den Mund. Er kaute, seufzte und registrierte aus den Augenwinkeln den unzufriedenen Blick seiner Frau, deren rote Hände von stundenlangem Kochen und Waschwasser glühten.

Er zuckte die Schultern, nahm sich vor, ihr eine Spülmaschine zum Geburtstag zu schenken und antwortete schmatzend. Dann riss er sich das Tischtuchende, das als Serviette fungierte aus dem Kragen, suchte die Dienstmütze, steckte die Marke ein, vermied die Dienstwaffe nach dem letzten Erlebnis und eilte zur Kirche.

Die Zentrale hatte schon die Soko informiert und ein arroganter Schnösel, kaum älter als sein Sohn, teilte ihn zur Zeugenbefragung ein. Er irrte durch die Kirche, überlegte, wie lange er schon nicht mehr da gewesen ist und befragte die trauernde Gemeinde.

Indessen stand der Pathologe mit grünem Gesicht in der blutbefleckten Sakristei und kratzte mit einem kleinen Spatel menschliche Überreste von goldenen Monstranzen.

Es hockte im spät blühenden Flieder und beobachtete das wirre Treiben. Einer noch, sagte es sich und schmunzelte.

Alice

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gutenachtgedanken – Eine Fortsetzung

Fortsetzung vom Anfang 🙂

Es war ein schöner Sommertag. Auf dem Platz vor dem Rathaus war Wochenmarkt. Ein paar Budenbesitzer brüllten ihre neusten Angebote in die tauben Ohren seniler Passanten, da sah ein Kind einen Schatten, der sich dem Rathaus näherte. Es schrie, doch die Mutter drückte ihm eine Scheibe Wurst in die Hand und redete weiter mit ihrer Freundin.

Es verschwand unter den Arkaden des alten Rathauses, machte sich hinter einer Vitrine unsichtbar, als ein Schwung Touristen aus der Stadtagentur flutete und verschwand in das kühle, steinerne Treppenhaus in Richtung Verwaltung.

Gegen Mittag räumten die Marktleute den Platz, packten die Reste ihrer Waren in Kisten und verstauten sie in alten Transportern. Sie stellten sich in die Schlange vor den Klos, wollten mit gewaschenen Händen und frisch die Heimfahrt antreten.

Der Schrei der Sekretärin übertönte das müde Geplauder, ließ Adrenalin durch ihre Adern strömen. Sie vergaßen ihre Notdurft und hasteten in die obere Etage, wo die Sekretärin vor der offenen Tür des Bürgermeisters zusammengebrochen war.

Der abgesetzte Notruf erreichte Schmidt beim Mittagessen. Der Lieblingsitaliener hatte ihm seine Riesenportion Bolognese vor die Nase gesetzt, das Lätzchen war an Ort und Stelle und er führte gerade die erste nudelverwickelte Gabel zum Mund, als das Funkgerät klingelte.

Rasch stopfte er sie sich in den Mund, kaute und schlürfte, während er das Gerät aus der Tasche zog, umständlich den Sprechknopf drückte und hineinschmatzte „Mja?“ Am anderen Ende war eine leise Irritation zu spüren „Wachtmeister Schmidt?“ „Maj“ schlürfte er erneut, spürte, wie Soße sich ihren Weg über das Kinn bahnte, hob leicht den Kopf um den Einhalt zu gebieten. Doch der Tropfen formte sich, wurde größer und schwerer und landete, durch die Sprechbewegung des Kinns beschleunigt, auf seiner Hose.

„Fuck“ brüllte er und Giovanni, der eigentlich Abid hieß und aus Pakistan stammte, kam sofort mit einem Waschlappen aus der Küche, besah sich das Desaster und reichte den feuchten, nach Spülmittel und Zwiebeln riechenden Lappen an ihn weiter. Der rieb damit über den Fleck in seinem Schritt, vergrößerte ihn zusehends, durchweichte die Hose. Dabei schluckte er, wischte mit seiner Zunge Soßenreste aus seinem Schnäuzer und war endlich in der Lage zu sagen „Wachtmeister Schmidt. Was ist passiert?“

Die Dame am anderen Ende atmete hörbar ein, dann erleichtert aus, räusperte sich kurz und teilte ihm dann mit, dass er sofort, also ohne Umwege und Wartezeiten zum Rathaus gehen müsse. Er nickte und als er verstand, dass sie ihn nicht sehen konnte, schickte er ein „Mach ich“ und ein „Over“ und ein „Aus“ hinterher. Er packte das Funkgerät in seine Halterung zurück, schaufelte sich noch zwei Gabeln Nudeln in den Mund, legte den vereinbarten Fünfer auf den Tisch, kramte noch ein paar Münzen als Trinkgeld dazu und verließ mit dem Lätzchen das Restaurant.

Das Rathaus lag schräg gegenüber und er beeilte sich weiterhin sorgfältig kauend, den kurzen Weg zügig und doch souverän hinter sich zu bringen. Er betrat das Foyer, hörte aufgeregte Stimmen von oben und rannte, schon die Hand mit der gezückten Dienstwaffe im Anschlag, die Stufen empor.

Oben war der Anblick für beide Seiten befremdlich. Drei Marktmänner scharten sich um die zugegeben äußerst attraktive Sekretärin, probierten Mund zu Mund Beatmung und Herzmassage – letztere an der falschen Stelle – und blickten erschreckt auf, als sie Schritte auf der Treppe hörten. Der herbeigeeilte Schutzmann hielt seine Waffe ungeschickt vor sich, Tomatensauce tropfte aus seinem Bart auf das immer noch präsente Lätzchen und in seinem Schritt war ein deutlich zu erkennender großer nasser Fleck.

Beide Seiten fingen sich erstaunlich schnell. Die Marktmänner nahmen ihre Hände von der jungen Frau und Schmidt verstaute Waffe und Lätzchen, wischte sich noch kurz den Mund und fragte dann „Was ist passiert?“

Zur Antwort öffnete eine der Marktfrauen die Bürotür und er trat ein. Innerhalb kürzester Zeit hatte er Nudeln im Gegenwert von fünf Euro und ein paar Münzen, die aber nur Trinkgeld waren, wieder von sich gegeben.

Dann rief er geistesgegenwärtig sofort die SoKo beim LKA an.

Die kamen erstaunlich schnell, riegelten ab, fotografierten, tüteten ein, kratzten blutige Reste von Wänden, nahmen Aussagen und Adressen auf und klebten ein großes, wichtig aussehendes Siegel an die Tür des Bürgermeisters.

Auf dem Hausdach gegenüber saß es und beobachtete das Treiben. Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Doch ich vermute, dass es lächelte.

Maybe continued…

Alice

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365 Begegnungen – Tag 26 – Brüche

Ein Abendesseneinkauf stand ins Haus. Vollkommen ratlos betrat ich den Supermarkt meines Vertrauens, schaute einkaufszettellos links und rechts, hamsterte 9/12 der bestehenden Hafermilchvorräte und füllte den Käsevorrat auf. Im Servicebereich arbeiten Drillinge, was eine Irritation auslöste. hatte ich die eine doch gerade hinter mir beim Käse verlassen, stand sie nun beim Fisch vor mir.

Auf mein „Waren Sie nicht gerade?“ und den dazugehörenden Fingerzeig, lachte sie und klärte mich auf. Es gäbe ihrer drei, sagte sie, doch heute seien sie nur zu zweit. Eine hat Urlaub und hat das Dreigestirn im Stich gelassen. Abgesehen davon sähen sie sich nicht so ähnlich. Die am Käse sei ein Kilo leichter , habe dafür längere Haare und die dritte habe ein Muttermal auf der Innenseite des rechten Knies.

So aufgeklärt, konnte ich mich entspannt dem Fisch zuwenden. Das Pilzgericht von gestern abend hatte keine Spätfolgen hinterlassen, es handelte sich einfach um Doppelgänger, Dreifachgänger, um genau zu sein, aber in Abwesenheit eiiner, wohl eher 2/3-Gänger.

Hinter mir wurde Pfand eingelöst. „Da ist ja meine Lieblingsflasche“, brüllte ein Mann mittleren Alters und grinste leicht debil. Dass er den Mitarbeiter der Flaschenannahme meinte, erstaunte mich dann doch. Zuerst erwartete ich, dass die Maschine, die er mit Glas und Kunststoff fütterte, ihm als Dankeschön die lange verschollene erste Bierflasche seines Lebens ausgespuckt hatte. Seine Frau, ahnungslos und pragmatisch, wie wir nun mal sind, brachte sie weg, um das Geld dafür zu kassieren. Der nachfolgende Ehekrach eskalierte beinahe. Doch da war sie, rund, braun und schön und er jauchzte und jubelte, dass es eine Freude war.

Zugegeben hätte mir diese Variante besser gefallen.

Am Aufschnitt stand auf einmal eine ganz andere Servicekraft vor mir und ich befürchtete schon, dass ich mich verlaufen hätte, hielt Ausschau nach schwarzem Haar und zwei Kilo mehr oder weniger. Doch da fiel mir das 2/3-Problem ein und ich entspannte.

Mit Fisch, Wurst und Käse ging es nach Hause, seltsamerweise ohne weitere Zwischenfälle. Die Fischfrikadellen gelangen ausgezeichnet, 1/12 davon aß ich, den Rest überließ ich der Meute.

Ausnahmsweise wählte ich Apfelmus dazu. Die Familie bekam einen leicht angewiderten Gesichtsausdruck, den ich verschmerzen kann.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Kurzgeschichten

Tag 282/365 – Besagter Herr Lonis

Herr Lonis ist ein Mann von ausgesprochen gepflegtem Äußeren. Und ebenso sind seine Grundsätze.

Er nahm am selben Tisch Platz, an dem ich mit Freunden saß, grüßte und lud mich zu einer Flasche Wein ein. Dann schaute er mich an und lächelte. Das braune Haar knapp gescheitelt und glatt zurückgekämmt, der Anzug von feinstem Zwirn mutmaßte ich einen Mann von Stand vor mir.

Sein Gebaren war höflich, formvollendet und wies eine gewisse hochnäsige Distanz auf. Über einer langen, leicht gebogenen Nase fixierten mich zwei klare, hellblaue Augen und während er erzählte, öffneten seine schmalen Hände flink die bauchige Weinflasche.

Er konversierte mit mir, machte hier ein Kompliment, hakte dort freundlich fordernd nach und erfuhr, was er wissen wollte.

Dann, nach ausreichender Sauerstoffsättigung des inzwischen dekantierten Weines, goss er mir einen winzigen Tropfen in ein lächerlich großes Glas.

Ich kostete, wusste nicht wirklich, was ich schmecken sollte und nickte höflich. Daraufhin goss er einige Tropfen hinzu.

Der Abend verlief entspannt, der Wein leerte sich tröpfchenweise und wir berührten die Themen wie Beruf und Familie. Da holte er seine kleine silberne Brille aus der Innentasche, setzte sie sorgsam auf die Nasenspitze und förderte ein paar kopierte Papierbögen zutage.

Mit Grausen erkannte ich die Klassenarbeit, die ich vor drei Tagen der Metall III gestellt hatte.

In strengem Ton wies er mich auf vorhandene Rechtschreibfehler und logische Mängel hin. Im Übrigen sei sie viel zu leicht gewesen und was ich mir denken würde.

Dann erhob er sich und reichte mir seine kühle schmale Hand. „Schulinspektor Lonis“ stellte er sich vor.

Glücklicherweise erwachte ich an dieser Stelle.

Eine Ähnlichkeit mit einem real existierenden Herr Lonis ist bestenfalls Zufall. Sollte es diesen Herrn doch tatsächlich geben, so sei er gebeten, seine ihm anvertrauten Lehrerinnen nicht betrunken zu machen.

Das gehört sich nicht.

Alice

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ABC-Etüde – 41.42.19 – Setzlinge

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt aus dem Reisswolfblog.

„Und? Wie sieht es aus?“ Die Hexe rafft ihr gewaltiges Kleid zusammen und begutachtet die Leistung der Gärtneräffchen. Die Setzlinge sehen prima aus, denkt sie, sagt es aber nicht. Die kleinen pelzigen Sklaven sollen sich nicht zu sicher fühlen.

Mit spitzen Fingern reißt sie unter dem empörten Gekreische der livrierten Tiere eine der Pflanzen aus und lässt sie mit angeekeltem Gesicht in die Mülltonne fallen.

„Blattläuse!“, sagt sie und verlässt das Gewächshaus. Hinter ihr entsteht ein Tumult. Der ranghöchste Affe schlägt den unter ihm und immer so weiter bis am Ende der kleine Nachwuchsgärtner, der sowieso nur die Türen auf und wieder zuschieben darf, den ganzen Segen abbekommt.

Sie grinst. Sie werden sich Mühe geben, denn es sind nur fünf Tage bis zum Tag X.

Leicht erklimmt sie den höchsten Turm. Hier oben weht immer eine Brise vom Meer. Sie mag den salzigen, jodhaltigen Duft, auch wenn sie das nie zugeben würde. In der Ferne kann sie ihr Ziel erkennen. Zwei Stunden mit dem Besen schätzt sie und lächelt zufrieden. Das Schloss ist bereits beflaggt und vor den Toren lodert ein großes Feuer.
„Schade um die guten Webstühle“, denkt sie und freut sich über den von ihr inszenierten Horror.

Den Wahren werden sie nicht finden. Sie hat ihn verzaubert, er ist gefälscht, wird erst dann in Erscheinung treten, wenn die Zeit reif ist. Genau wie die Setzlinge.

Erst am Abend vor dem großen Ereignis betritt sie den Glaskasten erneut. Die Affen weichen zurück, verbeugen sich. Die bereits vorbereiteten Setzlinge stehen in Säcken bereit. Fast möchte sie zufrieden lächeln.

Am Tag des 16. Geburtstages fliegt sie früh los, macht es sich auf dem Turm bequem und betrachtet das Spektakel. Als sie den kleinen Schrei aus dem Turmzimmer hört, befreit sie die Pflanzen und schickt sie eine Dornenmauer bauen für 100 Jahre.

Alice

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ABC-Etüden – 41.42.19 – Anbauprobleme

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt aus dem Reisswolfblog.

„Wer soll diese Scheiße kaufen?“ Er rupft eine Blüte ab und hält sie seinem Kumpel unter die Nase. „Ich hätte auf die anderen hören sollen. Du bist und bleibst ein Loser.“

Vorsichtig nimmt der die Blüte in die Hand und schnuppert daran. „Riecht doch gut“, grinst er. „Sollen wir einen bauen und es testen?“ Er leckt sich die Lippen.

„Hundert Setzlinge für schlappe fünfhundert Ocken. Und ich hab mich belatschern lassen. Das ist Dreck, viel zu schwach. Den wirst du nicht los.“ Er wühlt in seiner Tasche, fischt ein Tütchen raus und hält es ihm unter die Nase. „So, so muss Gras riechen, du Vollidiot.“

Entgeistert schnüffelt er und vergleicht den Geruch mit der frischen Blüte. „Vielleicht wird es intensiver, wenn man es trocknet?“

„Eher nicht.“ Verzweifelt schüttelt er den Kopf. „Und womit bezahlen wir jetzt das verfickte Gewächshaus und den Strom?

„Vielleicht hat es ja ganz andere Qualitäten? Macht nicht so high, dafür gesund. Vielleicht ist es sogar jodhaltig….“

Er knallt ihm eine. „Halt deine Fresse. Du hast es vermasselt. Wenn wir damit auf den Markt gehen, werden die uns lynchen. Vielleicht können wir es zum Spottpreis abgeben.“

„Und wenn wir es mit dem Guten mischen? Das merkt keiner…“

Für einen Moment überlegt er, ob er ihn zusammenschlagen soll oder zumindest anschreien. Doch er ist zu müde dazu. „Ich werde nichts fälschen. Sonst ist unser Ruf im Arsch. … Lass mich überlegen.“

Eine Woche später ist die Ernte eingefahren und getrocknet. In der Küche herrscht Hochbetrieb. Er hat alle Freundinnen zusammengerufen, die wie wild Kekse backen.

Mit der ersten Ladung ist er zum Altersheim gefahren. Großzügig verteilt er die Probierplätzchen an die alten Herrschaften. Dann wartet er.

Nur zwei Tage später klingelt sein Handy. Er hebt ab und hört mit immer breiterem Grinsen zu.

„Leute, wir haben eine volle Auftragsliste!“

Alice

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Gutenachtgedanken – Completely Different

Der Wind weht fast immer. Nur heute steht er und die großen Räder pausieren für einen Atemzug. Ich mit ihnen.

Am Fuße der Betonsäule stehe ich und versuche sie zu umarmen. Früher habe ich Bäume umarmt, mein Gesicht in die raue Borke gedrückt bis ich seltsame Druckstellen auf meinen Wangen hatte. Sie sind selten geworden, stehen nur noch in biologischen Gärten. Berühren darf man sie nicht. Große Reinigungsmaschinen filtern Kohlendioxid aus der Atemluft. Ich höre sie bis hier.

Ihr Dröhnen ist zum Tinnitus der Weltbevölkerung geworden.

Für einen Moment schließe ich die Augen, atme die klinische Luft tief ein und versuche mir, den Geruch modernden Laubs in Erinnerung zu rufen. Und Pilze. Im Herbst roch alles pilzig bitter.

Die Männer aus der Nachbarschaft hassten den Herbst. Sie trieben die bunten Blätter zu riesigen Laubhaufen zusammen. Ihre Maschinen dröhnten laut und unmelodisch. Wenn sie weg waren, nahm ich die Hunde und sprang durch die nassen Blätter. Sie fluchten, wenn sie am nächsten Morgen wieder kamen.

Ich sitze auf dem Boden, den Rücken an die kalte Betonsäule gepresst. Für einen Moment scheint die Sonne durch die dichten Wolken auf mein Gesicht. Eine leichte Brise kommt auf und über mir drehen sich langsam die Rotoren.

Ich packe mein geplottetes Frühstück aus und essen den geschmacklosen Brei.

Nachdenken möchte ich nicht, ändern kann ich nichts mehr. Morgen besuche ich wieder meinen Lieblingsbaum.

Alice