Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Ade

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Kommunikatz.

Sie steht am Herd und rührt langsam in der Pfanne. Der Duft von angerösteten Zwiebeln wabert durch den dämmrigen Raum. Sie fühlt sich erschöpft, doch das ist nichts Neues für sie. Wenn der Sommer vorbei ist, umfängt sie jedes Jahr diese seltsame Melancholie. Die schwindende Sonne nimmt einen Teil ihres Lebensmutes mit. Im Winter schläft sie nahezu und erst mit dem beginnenden Frühling wird sie wieder aktiv.

Sie zieht die Pfanne vom Feuer und wirft die klein geschnittenen Pilze dazu. Sie verderben so schnell. Kaum hat sie sie aus dem Wald geholt, fangen sie an den Stellen, wo sie sich berühren, schon an zu schwitzen. Die dünne ölige Flüssigkeitsschicht riecht unangenehm und sie behält diesen fischigen Gestank noch Tage in der Nase. Doch heute war sie schnell und nur einen Pilz musste sie mit spitzen Fingern aus dem Korb klauben, bevor er die anderen infiziert.

Das Feuer brennt hell und heiß in ihrem kleinen Ofen, doch sie legt noch zwei Scheite nach, schiebt die Pilze in die Mitte der Glut und atmet schwitzend und hechelnd den scharfbitteren Dampf ein.

Kein Salz. Keine Kräuter. Ungeduldig beobachtet sie die im heißen Fett zusammenschnurrenden Pilzkörper. Dann, mit einem Ruck, fast als wäre der Hunger wütend aus ihr hervorgebrochen, reißt sie das Mahl vom Herd, stellt es zischend auf den Tisch, dessen zahlreiche Brandlöcher von ähnlich unachtsamen Verhalten erzählen. Eine Gabel in der rechten Hand, ein Stück Brot in der Linken, verschlingt sie gierig Bissen um Bissen, während ihr das Fett an Kinn und Hals herunterrinnt.

Sie schmeckt ihn sofort, den Eindringling, den Uneingeladenen. Dennoch schluckt sie und wischt sich sorgfältig den Mund ab. Ein wenig traurig ist sie, aber nicht viel mehr als sonst.

Sie hat noch viel zu tun, bevor die dunkle Zeit kommt.

Alice

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ABC-Etüde – Geduld

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler.

„Bezaubernd“, ächzt er und nickt, während sie sich langsam vor dem Spiegel dreht. Das fünfte Geschäft, das sicherlich zwanzigste Kleid und er sitzt abgestellt in einer dieser kleinen Ehemannsitzecken auf unbequemen aber schicken Sofas, bekommt unter der Maske kaum Luft und ist lediglich zugelassen, um zu loben und am Ende das engelhafte Outfit zu bezahlen.

Sein Kopf brummt und er schwitzt. Seine Klamotten bestellt sie ihm im Internet. Das ist ihm sehr recht, denn er verabscheut diese Boutiquen mit dem ausufernden Sortiment und den neusten Trends. Sie wolle schön sein für ihn, sagt sie immer. Dabei ist ihm das Kleid vollkommen gleichgültig. Er kennt die Frau seit zwanzig Jahren und ebenso lang liebt er sie. Der Zahn der Zeit nagt an beiden und würde er nur auf straffe Kurven stehen, hätte er längst weiterziehen müssen.

Doch da ist dieser Mensch dahinter, dessen Gesellschaft er über alle Maßen schätzt. Diese Idee von absurder Leichtigkeit, die sie vor sich her trägt, wie das Schild einer großen Kämpferin. Nichts kann sie erschüttern, so scheint es zumindest. Doch dahinter, tief in dieser großen Seele vergraben, lauert eine kleine zarte Prinzessin.

Es hat Jahre gedauert, bis er meinte, sie auch nur ansatzweise ergründet zu haben und jeden Tag muss er einsehen, dass er sich geirrt hat. Das Zauberfeegehabe ist neu, ebenso ihr Wunsch nach Blümchen und Rüschen.

Er greift in die Tasche und umfasst die kleine Schatulle, streicht mit dem Finger über den inzwischen verschlissenen Samt.

Vielleicht ist sie inzwischen bereit, ja zu sagen.

Alice

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Etüdensommerpausenintermezzo III – Ausgestellt

Es ist zu warm zum Denken. Auch zum Schreiben – eigentlich. Da ich mir aber vorgenommen habe, an ein paar Ausschreibungen teilzunehmen, muss ich mich warmschreiben. Die Auswahl der Worte fiel mir recht schwer. Ich habe beim Märchen angefangen und bin irgendwo gelandet. Ist gerade egal. Eigentlich ist alles egal bis auf den Ventilator, der leise im Hintergrund summt. Die Hunde ächzen zu meinen Füßen, Logan leckt mir die Füße ab, was nur bedingt erfrischend ist.

„Hereinspaziert, Hereinspaziert!“ Geübt wedelt er mit der Hand, legt einen Finger zum Gruß an den speckigen Zylinder und reibt sich den schwarzgefärbten Schnauzbart. Devot tritt er zur Seite, deutet einen Diener an, bückt sich ein wenig tiefer, wo er den Herrn Rat erkennt und raunt „Küss die Hand“, während er sich über die Hand einer älteren Dame beugt.

Sie strömen an ihm vorbei und das tun sie seit Jahren. man könnte sagen, dass das Geschäft läuft, doch wenn man sich umsieht, sollte man nicht glauben, dass das Varieté, in dem er sich mit seinen Schaustellerkollegen niedergelassen hat, dauernd ausverkauft ist.

Der rote schwere Vorhang, der den Zuschauerbereich von der Bühne trennt, ist verschlissen und fleckig. Ein muffiger Geruch entströmt ihm und sorgt dafür, dass die Plätze nahe der Bühne zuletzt besetzt werden. Die Tische sind verkratzt und schmierig, die Getränke, die ein paar ältere Damen in fadenscheinigen Kostümen zu überhöhten Preisen ausschenken, von schlechter Qualität.

Eigentlich gehören sie zum fahrenden Volk, wechseln die Städte häufiger als ihre Unterwäsche, hinterlassen plattgetretene Stoppelfelder und den üblen Nachgeschmack, für etwas Minderwertiges zu viel Geld bezahlt zu haben. Dennoch ließen sie sich nieder, wurden so sesshaft, wie nur fahrende Leute werden können, die den mittleren Weg nicht kennen wollen.

Ausnahmslos alle haben Leute aus dem Ort geheiratet, lebten tagsüber in kleinen Häusern und sauberen Wohnungen mit gestickten Gardinen und dem guten Geschirr, dass nur sonntags auf den Tisch kommt. Doch abends, wenn sie nach einem zärtlichen Kuss, Gatten und Kinder verlassen haben, mit der Straßenbahn in diesen entlegenen Teil der Stadt gefahren sind, verändern sie sich. Sie legen die Vorstadtbiederkeit mit der Anzugjacke und dem Sommerkleid ab, schlüpfen in knappe Kostüme, die nach Körperpuder und Talkum riechen, malen sich grelle Fratzen oder gewagt rote Münder in blassgepuderte Gesicher, kichern, kieksen, trinken und kreischen und rauchen vor lauter Lampenfieber am hinteren Bühneneingang Kette.

Der Chef ist ihr Herr, seit er sie auf seinen Streifzügen durch die Welt eingesammelt hat. Er hat einen Blick dafür, der Direktor, und eine ungeheure Überzeugungskraft. Niemand, den er ansprach, verwehrte sich dem Jahrmarkt. Und sie sind ihm treu ergeben. Dabei ist es keine Quälerei für sie. Sie gehen auf in ihren Auftritten.

Doch jetzt leise. Das Licht wird gedrosselt, das Stimmengewirr wird leiser. Ein letztes Mal gehen die Damen mit dem in alte Champagnerflaschen gefüllten billigen Sekt umher. Ein paar Köpfe gehen hoch, winken und halten ihnen durstig die gesprungenen Gläser entgegen.

Ein Lichtfleck erscheint auf dem nun dunkelrot erscheinenden Vorhang. Er kommt von rechts herein. immer von rechts, nie von links, seit ihm vor Jahren, als er einmal etwas Neues probieren wollte, der alte Affe gestorben ist. Er hat sich umgezogen in der kurzen Zeit, hat die allzu knappe Jacke gegen einen unvorteilhaften schwarzen Smoking getauscht, das Haar mit Pomade stramm über den runden Schädel gekämmt, den Scheitel wie mit dem Lineal gezogen in der Mitte. Die Schnurrbartenden sind gezwirbelt, über den blanken Schuhen blitzen Gamaschen. In der linken Hand, immer in der linken, trägt er seinen Stock, ein gewaltiges Stück Holz, das fast so groß ist wie er und auf dessen Spitze ein falscher Diamant den Schein der Kerzen auf den Tischen reflektiert. Wer jetzt genau hinsieht, sieht die Flecken und kleinen Risse, das Schäbige und Kaputte. Doch das tut hier keiner.

Er verbeugt sich und Applaus brandet auf. Ein paar Vivat-Rufe kommen verfrüht, doch er quittiert sie mit einem hoheitsvollen Gruß ins Publikum. Er spricht ein paar einleitende Worte. Ich höre nicht zu, sondern betrachte die Gesichter, die sich ihm in freudiger Erwartung zuwenden. Eine Dame schnappt sich ihr Opernglas und ich sehe, wie sich Atem beschleunigt unter dem gewaltigen Dekolleté. Ein Anderer hebt irritiert den Kopf, als seine Frau ihn etwas fragt, er ist wie verzaubert.

Der Vorhang öffnet sich und er verlässt die Bühne unter lauter Verbeugungen zur anderen Seite.

Es ist dunkel und nur ein zarter Schatten ist zu erkennen. In der Mitte der Bühne steht ein rundes Gebilde, grau auf schwarz. Selbst, wenn ich die Augen bis an ihre Grenzen zwinge, etwas erkennen zu wollen, so scheitern sie. ich spüre, wie meine Pupillen sich weiten, gespannt versuchen mehr Licht hineinzulassen, da fliegt sie empor, die goldene Kugel, perfekt angestrahlt und blendet mich fast. Sie entsteigt dem grauen Schatten, das ein Brunnen zu sein scheint, in hohem Bogen, fliegt empor bis zum Scheitelpunkt. Ich höre, wie das Publikum den Atem anhält und auch ich mache kleine Fäuste, verfolge den leuchtenden Kometen in seiner Bahn, sehe ihn wieder sinken und im Brunnen verschwinden. Und dann ist es still. In der ersten Reihe fängt leise einer an zu zählen und die anderen stimmen ein. Sekunde um Sekunde verrinnt, bis endlich ein lautes Klatschen den Aufprall auf die Wasseroberfläche verrät.

Wie tief er wohl ist der Brunnen, frage ich mich, da steckt schon ein fetter Frosch seinen Kopf über die Kante, balanciert die goldene Kugel in seiner fleischigen Flosse, verbeugt sich artig. Das Publikum ist nicht zu halten, springt auf, jubelt und applaudiert. Geldscheine regnen in Richtung Bühne und werden von ein paar jungen Frauen aufgesammelt, die sich knicksend bedanken und dabei einen tiefen Einblick auf ihren Busen zulassen.

Der Vorhang schließt sich und langsam kehrt wieder Ruhe ein. Doch nicht lange währt die Pause, denn schon kündigt ein Trommelwirbel die nächste Attraktion an. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine junge Frau, die von einem Trapez hängt. Man sagt, sie sei eine verzauberte Prinzessin, die einst eine folgenreiche Begegnung mit einer Hexe hatte.

Sie lächelt ins Publikum und beginnt zu schaukeln. Wie hypnotisiert folgen ihr alle Augen. Leise Musik erklingt und sie beginnt allerlei Kunststückchen an dem Trapez zu zeigen, wird dabei immer waghalsiger und mutiger. Mir stockt der Atem, als sie sich in luftiger Höhe auf die dünne Holzstange stellt. Sie wackelt unter ihren schmalen Füßen und sie braucht einen Moment der Konzentration, bevor sie die Hände von den Seilen löst.

Ein Aufschrei geht durch die Menge, als sie plötzlich hintenüber kippt, den sicheren Tod vor Augen. Da entfaltet sie die wunderschönsten Flügel eines Nachtfalters und fängt sich gekonnt kurz vor dem Aufprall ab. Sie steigt sogar noch einmal empor, dreht eine Runde über dem Publikum, wobei sie ein wenig zart glitzernden Staub verliert und verschwindet durch das große Fenster.

Das Publikum ist außer sich und auch ich muss mich kneifen, kann ich das, was ich gerade gesehen habe, einfach nicht glauben.

Doch da kündigt ein Trompetenstoß den nächsten Künstler an. Das Programm verrät mir, dass es der Eisenhans sei, der da an schweren Ketten hängend, einer Marionette gleich, auf die Bühne stampft. Man erzählt sich, er sei ein Bettler gewesen und wegen seiner großen Kraft und weil er rasch gewalttätig wurde, gefangen genommen worden. Weiterhin sagt man, er sei xerophil, weil er Angst habe, dass seine eisernen Bänder rosten, die ihm helfen bei sich selbst zu bleiben. Er geht langsam eine Runde über die Bühne. Ich sehe die dicken Dielen unter seiner Kraft beben, rechne jeden Moment damit, dass er sich befreit und über das Publikum herfällt, so wie er mit düsterem Blick schaut. Er hat was von einem Tier, einem großen alten Bären vielleicht, der seine Kraft versteckt hält.

Ein Trommelwirbel ertönt und mit einem markerschütternden Schrei zerreißt er die Ketten, bevor der Vorhang fällt.

Ein paar Damen fallen in Ohnmacht und auch mir rutschte das Herz in die Hose. Hinter dem Vorhang sind tumultartige Geräusche zu hören und der Direktor stürmt etwas zerzaust auf die Bühne, bittet um Verständnis und eine kurze Pause.

Die Menschen strömen hinaus, um kurze Zeit später wieder über ihre Stühle herzufallen, kaum, dass der Pausengong verklungen ist.

Leise Musik ertönt, sie mutet orientalisch an. Als der Vorhang sich öffnet, fällt der Blick auf einen kleinen Tisch, auf dem eine alte Öllampe steht. Ein Mann betritt die Bühne, verbeugt sich kurz und beginnt, mit sanft kreisenden Bewegungen diese zu streicheln. dabei flüstert er eine leise Litanei, wiederholt immer wiederkehrend drei Worte, die ich von meinem Platz aus nicht verstehen kann.

Auf einmal entsteigt dünner blauer Rauch aus der Lampe, wird dichter, sammelt sich an der Oberseite der Bühne und hängt wie eine dicke blaue Wolke über dem Mann, der immer noch konzentriert seinen Singsang wiederholt.

Ein Gesicht zeichnet sich in den Schatten der Wolke ab und ein Körper folgt, der aber nicht vollständig ist, sondern dessen unteres Ende nach wie vor, nebelig aus der Tülle der Lampe zu kommen scheint. Der Lampengeist hängt für einen Moment in der Luft, klatscht dann in die Hände, nickt und verschwindet mit einem vernehmlichen Plopp nebst Lampe von der Bühne. Der junge Mann stellt verdutzt seine Bemühungen ein und trägt nach einer kurzen Verbeugung das Tischchen von der Bühne.

Aus dem Hintergrund der Bühne ist Geschrei zu hören, doch das ist bei dem Applaus kaum vernehmbar. Doch die Vorstellung schien nicht überzeugt zu haben. Ein wenig Unruhe ist im Publikum zu spüren und erst, als sich der Vorhang erneut öffnet, wird es wieder still und gespannt.

Ein seltsames Wesen betritt die Bühne und ich mag meinen Augen kaum trauen. Klein wie ein Zwerg, mit einem dichten Pelz, scheint es direkt aus dem Wald zu kommen. Das Fell ist weiß wie bei einem Yeti, nur durchzogen von hellgrauen Streifen, die Beine dagegen rötlich und unglaublich dünn, viel zu dünn, um das Gewicht zu tragen. Der Kopf ist rund und eine weit vorspringende Nase erinnert eher an einen Vogel. Der Gang ist ruckelig, der breite Körper wackelt vor und zurück, bevor der nächste Schritt in Angriff genommen wird. Als es sich umdreht, wird ein flauschiger Fuchsschwanz sichtbar. Und dann, es geht ein Raunen durch die Menge, breitet es die Flügel einer Taube aus, macht zwei Schritte, wie um zur Bühnenkante hin Anlauf zu nehmen und die Chimäre fliegt empor.

Sofort ist die vorherige Panne vergessen, das Publikum johlt und applaudiert, akzeptiert selbst den Taubenkotregen, der in angepasster Menge auf sie herunterregnet.

Jetzt steht nur noch das Finale an. Zwei wunderschöne Frauen betreten die Bühne und halten sich bei den Händen. In der großen Blonden, die in einem fadenscheinigen Tüllkleid und Glasschuhen erscheint, erkenne ich Aschenputtel. Das mittlerweile erwachsene Mädchen mit den blassroten Umhang, muss Rotkäppchen sein. Sie singen gemeinsam ein Lied. Ich höre nicht auf den Text, lasse mich von den zarten Stimmen davontragen.

Als sie enden, höre ich Männer und Frauen schluchzen.

Ich lächle und lasse mein Feuerzeug drei mal anspringen. Der Hund mit Augen so groß wie Türme steht sofort neben mir. Ich reiche ihm den Umschlag mit dem unterschriebenen Kontrakt. Hier fühle ich mich wohl.

Alice

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Etüdensommerpausenintermezzo – ABC-„Krimi“

Zum Sommerpausenintermezzo III bei Christiane.

Ich kenne diese Idee, sich vom Alphabet inspirieren zu lassen, von Vera Birkenbihl und habe sie schon ab und an mal zu Rate gezogen, wenn ich andere Blickwinkel brauchte. Sie als Quelle zu nutzen, um eine Geschichte zu entwickeln, war mir neu und umso interessanter finde ich es. Dabei dauert mir der Prozess fast zu lang und ich bin mit der Gestaltung des Bildes schon fast mit meiner Energie am Ende. das ist allerdings mein Film. Spannend finde ich, dass die Geschichte sich quasi von alleine schreibt und das Unterbewusstsein schon ein fertiges Konzept hat, was aber vielleicht auch auf die falsche Spur lockt.

Spontan fielen mir die Morde des Herren ABC ein von meiner „Einstiegsdealerin“ Agatha Christie. Wenn ich mir die Begriffe anschaue, sind wir aber nicht in einem kleinen, beschaulichen britischen Dorf, sondern

Ich stehe in der Fußgängerzone. Es ist heiß, viel zu heiß, um einkaufen zu gehen und ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin oder hier machen möchte. In meinen Taschen finde ich keinen Einkaufszettel oder Ähnliches, was mir einen Tipp geben könnte, welche Pläne ich gerade verfolge. Meine Gelenke tun mir weh. Das könnte bedeuten, dass ich krank werde oder schwere Arbeit hinter mir habe. Ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern, was in den letzten vier Stunden passiert ist.

Er schließt den Aktendeckel und macht sich ein paar Notizen. Der Fall war leicht zu lösen, nicht wirklich eine Herausforderung, nichts, was seine Neugier befeuert hätte. Ein eindeutiger Tatort, ein Zuhälter, den jemand laienhaft an die Salinge einer Yacht gehängt hatte, ein Berg Fingerabdrücke, ein Routinefall für den Pathologen und ein paar Befragungen. Er observierte den, bei dem die meisten Diskrepanzen im Alibi aufgetaucht waren und der Verdacht bestätigte sich innerhalb eines Tages.

Er gähnt und hat den Mund noch geöffnet, als sein Diensthandy klingelt. Sofort ist er hellwach und lauscht interessiert. Das Telefon unter das Kinn klemmend, macht er sich auf dem Aktendeckel ein paar Notizen, stellt ein paar kurze Fragen und legt auf.

„Man sollte sich gut überlegen, was man sich wünscht“, denkt er und wirft einen Blick auf die gekritzelte Adresse. Manchmal vergisst er fast, dass es sich um Morde handelt und die Fälle nicht zu seiner Unterhaltung oder der Beschäftigung seiner grauen Zellen dienen. Sein Vater nannte sein Verhalten inakzeptabel, legte sein frühes Interesse um Rätsel und besonders Mordfälle, die tagelang die Tageszeitung füllten als unnormal aus. Er selbst nannte sich xenophil, was den alten Herren noch mehr auf die Palme brachte. Dessen Wunsch war, dass er Künstler wird, in seine Fußstapfen tritt, seine Emotionen im Medium seiner Wahl ausdrückt.

Nur leider schafft er das nicht. Weniger aus Talent, sondern aus Mangel an Gefühl. Seit er auf der Polizeischule war und die Grundzüge des Profilings kennenlernte, spürt er, was falsch mit ihm ist, wo der Unterschied zu den normalen Menschen ist. Er hat psychopathische Züge, ein Aspekt der ihm rückblickend all die schiefgelaufenen Stationen seines Lebens erklärt. Doch anders als sein Klientel, hat er kein Interesse daran, diese Veranlagung für verbrecherische Zwecke zu nutzen. Seine Intelligenz hilft ihm, sich auf der richtigen Seite des Gesetzes zu bewegen. Viel mehr noch empfindet er es als Bereicherung, diese Last der überbordenden Emotionen nicht tragen zu müssen. Wo Kollegen nahezu in Tränen ausbrechen, wenn eine junge Frau oder gar ein Kind ermordet wurde, bleibt er ruhig und kalt, kann sich auf die Beweise konzentrieren, bleibt so objektiv, wie ein Mensch eben sein kann.

Er redet sich manchmal ein, dass er den anderen haushoch überlegen ist, wohl wissend, dass das Selbstbetrug ist. Andererseits spürt er kein Bedauern oder Genugtuung. Sie würden ihn auch nur stören.

Die angegebene Adresse führt ihn zu einem kleinen Weiher. Ein Großaufgebot an Feuerwehr und Rettungsdienst ist bereits vor Ort, die Wiese am Ufer ist weiträumig mit Absperrband gesichert. Ein Taucher steckt seinen Kopf aus dem Wasser, macht mit Daumen und Zeigefinger ein O und wie immer amüsiert er sich darüber, dass diese Arschlochgeste offenbar nicht überall inakzeptabel ist.

Der Feuerwehrmann schaltet die Winde ein, während der Froschmann sich ungelenk die flache Böschung hochkämpft. Das Wasser beginnt zu brodeln und langsam taucht das Heck eines Wagens an der Wasseroberfläche auf.

„Soll ich dich briefen?“ Sie steht neben ihm, hält ihr Klemmbrett pflichtbewusst an die schmale Brust gedrückt und wischt sich nervös die Ponyfransen aus der Stirn. Wenn er jemanden mögen würde, dann hätte sie gute Chancen. Er weiß nicht warum, denn sie entspricht in keiner Weise seinem Frauentyp. Klein, dürr, die viel zu dicke Brille auf einer Nase, die für einen großen Mann akzeptabel wäre, in ihrem Gesicht aber eine solche Diskrepanz auslöst, dass man versucht ist, an ein Wackelbild zu glauben. Doch sie macht gute Arbeit, ist zuverlässig, gründlich und hat manchmal erstaunliche Eingebungen. Sein Gegenstück quasi, da sie ihre Wahrnehmung auf Intuition und Gefühl gründet.

Er nickt und sie leiert im Jargon der Polizeiberichterstattung herunter, was Passanten beobachtet haben und weswegen sie jetzt hier stehen und nicht im Wochenende sind.

Zusammengefasst sahen sie fast nichts, außer einem Auto, was wohl ungebremst in den kleinen Weiher gefahren ist. Ob jemand am Steuer war nicht zu erkennen, sie haben es jedoch vermutet. Das allerdings hat bereits der Taucher bestätigt, weswegen der Rettungswagen inzwischen zusammengepackt hat und weggefahren ist, dafür aber das Bestatterfahrzeug der Pathologie auf den Platz rollte, den hageren Mann ausspuckte, der immer in schwarz gekleidet, zurückhaltend auf sein Signal wartet, um sich dann geiergleich auf den den Verblichenen zu stürzen. Manchmal überlegt er, ob er tatsächlich der einzige Verrückte hier ist.

Die junge Frau, die triefend über dem Lenkrad hängt, wird von allen Seiten fotografiert, bevor sie herausgezogen, der Untersuchung überantwortet wird. Die Spurensicherung kriecht um, über und in das Fahrzeug, um den Unfallhergang zu rekonstruieren oder eben einen Unfall auszuschließen. In diesem Fall ist es sehr einfach, weil die Kopfwunde, die offensichtlich den Tod oder zumindest eine ausreichende Ohnmacht auslöste, nicht zu der Position und Form des Lenkrads passt und damit von außen zugeführt worden sein muss.

In meiner Wohnung ist es glücklicherweise etwas kühler. Die Jalousien an der Südseite sind wie immer fast geschlossen. Ich nehme mir ein Glas Wasser und hoffe, die rasenden Kopfschmerzen zu dämpfen. Es ist das dritte Mal in diesem Jahr. Früher tauchte das Problem nur sporadisch auf und die Erinnerungslücken waren klein, umfassten oft nur Minuten. Doch seit der Trennung steigerten sie sich deutlich. Ich muss dringend wieder zum Neurologen.

Ich habe Erde an den Schuhen, in der Tannennadeln kleben. Offensichtlich war ich in einem Waldstück. Und da die Erde feucht war, muss ich in der Nähe eines Gewässers gewesen sein. Hier hat es seit drei Wochen nicht mehr geregnet. Mir fällt der Standardspruch meines Therapeuten ein. „Wenn es aussieht wie Scheiße, schmeckt wie Scheiße und riecht wie Scheiße, was ist es dann wohl?“ Die Quintessenz der Hinweise ist, dass ich am kleinen Weiher gewesen bin, dort intensiv Sport betrieb, vielleicht ein paar Baumstämme schubste und dann die fünf Kilometer in die Stadt ging. Warum auch immer.

Er steht an dem inzwischen leeren Auto. Die meisten sind bereits zurück ins Revier gefahren. Nur die Jungs von der Feuerwehr wuseln noch herum, verstauen ihr Equipment in dem gigantischen Fahrzeug. Alles hat seinen Platz. das gefällt ihm. Es wäre schön, das Chaos in seinem Leben so einfach ordnen zu können. Als wenn ein Feuerwehrauto als Dienstfahrzeug die Lösung wäre. Einer von den Männern ruft ihn herüber und bittet ihn, mit anzufassen. Die Seilwinde lässt sich nicht einklappen und blockiert. Zu zweit stemmen sie sich mit ihrem gesamten Körpergewicht dagegen. Irgendwann gibt sie nach und rutscht langsam und widerwillig an ihren Platz. Er sollte mehr Sport treiben, beschließt er und macht sich auf Muskelkater gefasst.

Die Sonne sticht und er spürt, dass er Kopfschmerzen bekommt. Er dreht sich um und geht an seinem Auto vorbei in Richtung Stadt.

Alice

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Der alte Adler

Da sitzt er nun. Das Vordach einer längst geschlossenen Kneipe irgendwo in einer kleinen Pilgerstadt ist sein Zuhause geworden. Er hatte schon bessere Zeiten, gehörte mal zu den Großen. Wenn er seine Schwingen ausbreitete, zogen alle die Köpfe ein, rückten die Pickelhauben gerade und zogen die Scheitel auch schon mal etwas tiefer. Doch das ist lange her und er ist in die Jahre gekommen.

Abmontiert wurde er, demontiert und weitergereicht. Der Abstieg war unvermeidlich, der Flügel war eines Tages einfach weg, er hatte es gar nicht bemerkt. Die Krallen sind stumpf geworden und sein Nacken tut weh vom Alter und dem starren Blick zur falschen Seite.

Vielleicht ist seine Zeit wirklich gekommen. Er sollte sich vorlehnen und wenn der Wind günstig steht, reicht vielleicht der Wunsch, um über die verrottete 60er Jahre Kante zu fallen. Vielleicht trifft er ja den Richtigen.

Alice

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Etüdensommerpausenintermezzo – Siebenauszwölf – Fast Rimini

Zum Etüdensommerpausenintermezzo bei Christiane.

Ich fuhr ihm nach. Die Entscheidung fiel mir leicht, ich war vor Liebe blind. Eine Woche waren wir getrennt gewesen. Ich hasste den Herzschmerz, den es bei mir auslöste, bekämpfte ihn mit Hausputz und Alkohol. Die Welt um mich herum verschwand. Liebe kann grausam sein.

Die Zugfahrt zog sich über Stunden, voller Begeisterung stürzte ich mich ins Abenteuer, fühlte mich ungewöhnlich jung und abenteuerlustig, als ich in den Zug stieg, der mich über den Brenner bringen sollte.Warum das Hirn die Vernunft ausblendet, wenn die Endorphine durch den Körper schießen, frage ich mich manchmal. Ich war schon damals nicht mehr bereit für ein zusätzliches Kind, doch der Körper tut so, als wäre es das erklärte Ziel. Ich fuhr ihm also nach. Und ließ alles zurück.

Die Fahrt war holprig und mit Fußangeln gespickt. Doch als ich in Faenza aus dem Zug stieg und er mich in die Arme schloss, schien alles gut.

Der Ort, wo das Hotel stand, hieß Cesenatico. Eine kleiner Touristenort direkt am Mittelmeer. Es war Frühling, Vorsaison und noch standen die Strandkörbe in den Kellern der Hotels, sorgfältig eingemottet für die erst im nächsten Monat erwarteten Touristenströme. Ich war noch nie in Italien gewesen, konnte mich kaum satt sehen an den Farben in der klaren Luft und der fremden Architektur.

Der Ort war irgendwo in den Sechzigern steckengeblieben. Große Hotelbunker säumten den breiten Sandstrand, tausend Zimmer mit Blick zum Meer. Ich fühle mich in eine andere Zeit versetzt.

Unser Hotel lag etwas abseits, hatte sich auf die Aufnahme von Radsportlern spezialisiert, die das milde Klima, die günstigen Preise und die Hügelketten, die in der ferne zu erkennen waren, zum vorsaisonalen Training nutzten. Die Zimmer waren einfach, aber sauber, hatten eher was von einer Jugendherberge als von einem Urlaubsdomizil. Mir war es egal. Ich hätte auch unter freiem Himmel übernachtet, Hauptsache ich konnte seine Hand halten.

In dem, an eine Kantine erinnernden, Speisesaal stellte er mich den anderen vor. Ich war naiv genug, zu glauben, dass sie mich schon akzeptieren würden. Mich, die neue Frau an seiner Seite. Nicht die Radsportlerin, nicht die, die ihre Leidenschaft fürs Pedaletreten teilte, sondern die Unsportliche, die Fremde. Sie waren höflich, dass muss ich zugeben. Doch ich sah ihre Blicke und wie sie manchmal die Köpfe zusammensteckten, wenn ich vorbeiging oder ihn küsste.

Tagsüber war Training in den Bergen. Sie fuhren die Serpentinen hoch, übten Sprints, fuhren Windschatten und legten dabei etliche Kilometer zurück. Wir fuhren mit dem Wagen hinterher, Verbandstasche, Reparaturkit und Getränke im Gepäck. Er beobachtete die Fahrer, brüllte manchmal Anweisungen aus dem Fenster, ich versank in der Landschaft, ergötzte mich an blauem Himmel über Pfirsichplantagen, die gerade in voller Blüte standen und einsame Villen in Zypressenhainen.

Mittags wurde im Hotel gegessen. Es gab fast ausschließlich Nudeln und ich pickte nur ein wenig darin herum. Mir fehlte das dazugehörende Training. Außerdem hatte ich panische Angst, dicker zu werden und ihm nicht mehr zu gefallen. Mein Diätwahn hatte schon immer seltsame Züge angenommen.

Auch am dritten Tag schnitten sie mich noch. Sie grüßten zwar, doch wollte ich mich mit ihnen unterhalten, um sie kennenzulernen, wichen sie mir aus. Manchmal fing ich Kommentare auf, wenn ich in der Nähe war. Sie schienen nicht für meine Ohren bestimmt und waren es wohl doch. Kamen sie um ein Gespräch nicht herum, weil er neben mir stand, schwangen seltsame Zwischentöne durch den Raum.

Als ich ihn darauf ansprach, während wir Hand in Hand an der Wasserlinie spazieren gingen, die nackten Füße in den seidigen Sand gekrallt, leugnete er es, gab vor, sie bräuchten etwas Zeit, doch sie fänden mich ganz toll.

Am nächsten Tag trainierte er mit ihnen. ich beschloss, die freien Stunden am Strand zu verbringen. Die Sonne schien den ganzen Tag und brannte mir die Sorgen aus dem Kopf. In der Ferne nutzten ein paar Windjammer die leichte Brise und ich entspannte.

Doch als ich ihn nachmittags wiedersah, war alles anders. Als er mich zur Begrüßung küsste, spürte ich eine seltsame Distanz. Die innige Verbundenheit zwischen uns, schien einen Riss bekommen zu haben. Natürlich fragte ich ihn, doch er behauptete, es wäre alles in Ordnung.

Danach beobachtete ich ihn. Wenn er sich mit den anderen unterhielt, behielt ich ihn im Auge, lauschte auf Bemerkungen und versuchte die Stimmung einzuschätzen. Ich fühlte mich zunehmend ausgeschlossen. Eine leichte Panik durchschoss mich, als ich sah, wie er sich mit der jungen Kellnerin unterhielt. Vielleicht wollte er mich schon ablegen, sich neu orientieren.

In der zweiten Woche war er jeden Tag mit den Anderen beim Training. Ich ging versuchsweise an den Strand und durchstreifte die kleinen Nippeslädchen, die wie Perlen an einer Kette die Promenade säumten. Doch ich nahm nichts auf. Mit meinen Gedanken war ich bei ihm in den Bergen, sah ihn in meiner Phantasie mit den anderen scherzen oder mit der jungen italienischen Radsportlerin flirten, die am Vorabend angekommen war.

Kurzerhand mietete ich einen alten Golf in der Werkstatt, die ich auf meinen Streifzügen entdeckt hatte. Und als sie am nächsten Morgen los fuhren, folgte ich ihnen mit ausreichend Abstand. Der Wagen röchelte an den Steigungen fast so sehr wie die Radler, doch ich schaffte es, sie einigermaßen im Auge zu behalten. Besonders ihn. Nur ihn.

Am dritten Tag hatte ich keine Lust mehr. Ich fand nichts, was dieses seltsame Gefühl erklären könnte. Er fuhr mit seinen Teamkollegen, hielt ab und zu an, um etwas zu trinken oder sich abzusprechen. Es war alles in Ordnung, ich hatte es mir nur eingebildet.

Doch als ich gerade wenden wollte, sah ich die Italienerin über die Hügelkuppe fahren. Sie winkte ihm zu und hielt bei ihm an. Sie scherzen und er beugte sich weit, zu weit zu ihr hinüber, um einen kleinen Zweig aus ihren braunen Locken zu ziehen.

Man spürt es, wenn das Herz bricht. Das hat meine Oma immer zu mir gesagt und in diesem Moment wusste ich, dass sie Recht hatte. Etwas riss in mir und ich verlor die Kontrolle.

Durch Nebel sah ich, wie sie sich verabschiedeten und in verschiedene Richtungen fuhren. Meine Hand griff den Zündschlüssel, drehte ihn, der Fuß fand das Gaspedal und folgte ihm. Ich erkannte die Strecke vom Vortag wieder, die er anstrebte. Sie führte in engen Kurven einen steilen Hügel hinauf. er würde sich dort hochquälen und hinterher, wie zur Belohnung den Geschwindigkeitsrausch der Abfahrt genießen.

Also fuhr ich unten herum. Und wartete.

Es war ganz leicht, viel leichter als es bei seiner Frau gewesen war. Ich fuhr ihm entgegen, er wich mir aus und kam von der Straße ab. Der Aufprall auf den alten Olivenbaum klang dumpf.

Erst als ich im Hotel war, hörte ich den Hubschrauber. Er kam zu spät, davon hatte ich mich sicherheitshalber überzeugt.

Alice

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Pausenaufsicht

Es war etwas komplett Neues, was die Regierung sich überlegte. In Anbetracht der Tatsache, dass aufgrund der hohen Arbeitslosigkeitsquote in diversen Berufsgruppen durch die Pandemie und der zusätzlichen Belastung der Lehrkräfte durch parallelen Online- und Präsenzunterricht, wurde entschieden, dass zumindest bei der Pausenaufsicht externe Mitarbeiter von den Schulen eingestellt werden durften.

Die Schulleiter jubelten erfreut, die angewiesene Geldsumme war erfreulich hoch, der Markt voller arbeitswilliger Mitarbeiter in spe. Das Kollegium atmete auf, erleichtert zumindest in den Pausen vom Jungvolk verschont zu bleiben und wenigstens zwanzig Minuten ohne Hinweise auf Abstandsgebote und Mundschutz verbringen zu dürfen.

Die Ausschreibung wurde fett auf der Titelseite des lokalen Käseblatts veröffentlicht. Binnen einer Woche stapelten sich die Bewerbungen auf dem Schreibtisch.

Die Lehrerkonferenz trat zusammen und ging in Klausur, ein wenig überfordert von der Vielzahl und Vielfalt der Kandidaten. Verschiedene Kriterien wurden angesetzt, auf einem Flipchart zusammengetragen, abgestimmt, verworfen und erneut niedergeschrieben. Präsenz sei wichtig und Durchsetzungsvermögen, respekteinflößend sollten sie sein und auch einen Draht zur Jugend haben. Und Erfahrung sollten sie haben im Ordnung schaffen und halten.

Die ersten fünf zum Vorstellungsgespräch geladenen Kandidaten entsprangen einem Sicherheitsdienst, der sonst hauptsächlich bei Fußballspielen und anderen Großveranstaltungen eingesetzt wurde. Positiv fiel auf, dass sie ihre Uniformen direkt mitbrachten. Sie waren groß, durchtrainiert und von beeindruckender Präsenz. Der Schulleiter rückte nervös seine Stifte zurecht, als sie wie eine Wand den Raum betraten, der Stellvertreter versteckte sich hinter dem nun abgedeckten Flipchart und lächelte unsicher.

Man wurde sich schnell einig, fünf Tage Probearbeit wurden anberaumt, natürlich bei voller Bezahlung.

Der erste Tag ließ sich gut an. Sie waren pünktlich, platzierten sich an prägnanten Stellen, schindeten schon durch ihre bloße Anwesenheit bei den Schülern Eindruck. Der Schulleiter atmete auf. Im Lehrerzimmer machte sich entspannte Heiterkeit breit. Der zuständige Kollege nahm den Zettel mit der Aufsichtsverteilung vom schwarzen Brett und zerriss ihn demonstrativ in der Kaffeeküche.

Doch schon in der zweiten Pause kristallisierten sich die ersten Unstimmigkeiten heraus. Nicht alle Schüler ließen sich durch die bloße Anwesenheit beeindrucken, ein paar stadionerprobte übten den Aufstand, gaben Widerworte, zogen provokant Masken von frechen Nasen und sangen gar Stadionlieder.

Die Reaktion der Aufsicht war nicht unerwartet. Sie reagierten wie gelernt, schubsten auseinander, brüllten, drohten und nahmen am Ende eine paar Quertreiber mit Kabelbindern fest, um sie, in Ermangelung eines Einsatzfahrzeuges, dem Schulleiter auf die Matte zu stellen, Lob erwartend, wie der Kater mit der erbeuteten Maus. Der wiederum war überfordert, wich, als er die Tür auf das Hämmern hin öffnete, zurück, riss die Maske vor die Nase und flüchtete hinter seinen breiten Schreibtisch.

Die Diskussion war kurz und für beide Seiten ernüchternd. Die Schüler wurden befreit. Diese sahen von einer Anzeige ab, sofern im nächsten Schuljahr ein paar üble Noten verschwinden würden. Der Schulleiter stimmte allem zu, wies die Bezahlung der fünf, nun wieder dienstlosen Mitarbeiter an und blieb ernüchtert zurück.

Im Lehrerzimmer herrschte verzweifelte Stille. Der Kollege kramte die Schnipsel aus dem Papierkorb, versuchte zu entziffern, wen er für die dritte Pause hinausschicken konnte. Eine spontane Konferenz wurde für den Nachmittag anberaumt. Die restlichen Kandidaten standen zur Wahl und die Entscheidung sollte im Plenum getroffen werden.

Ein selbst musizierender Kollege schlug Veranstaltungstechniker vor. Sie hätten zwar nicht zwingend die körperliche Präsenz, wüssten aber Massen zu manipulieren und wären in der aktuellen Situation besonders gebeutelt.

Die erschöpften Kollegen stimmten begeistert zu, der Rektor erledigte ein paar Anrufe und machte einen Termin am späten Nachmittag.

Sechs Techniker erschienen überpünktlich, wuselten durch Sekretariat und Lehrerzimmer, probierten ohne Not die Sprechanlage aus, nahmen die Aula in Besitz und durchwühlten bereits kopfschüttelnd die Kisten mit dem vorhandenen Tonequipment. Als der Schulleiter sie ins Büro rief, um die anstehende Aufgabe zu besprechen und die Vorstellungen abzugleichen, setzten sie sich nur widerwillig. Einer ging schnipsend durch den Raum, lächelte dann begeistert, murmelte was von hervorragender Akustik und stellte sich dann mit ausreichend Abstand zu den Kollegen.

Der Chef erklärte ihre Aufgabe, machte sie auf die Notwendigkeit und Ernsthaftigkeit ihres Dienstes aufmerksam, klärte noch kurz das finanzielle und verabschiedete sie dann bis zum nächsten Tag.

… Fortsetzung folgt…

Alice

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ABC-Etüde – Finale

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Stepnwolf.

Sie dreht das Gas ab und löscht den Bunsenbrenner. Die Flüssigkeit schimmert silbrig. Noch ist sie zu heiß, um umgefüllt zu werden. Also setzt sie sich für einen Moment, hält das angeschlagene Reagenzglas mit der Holzklammer fest und führt es nah vor ihre Augen.

Sie mag es, die Welt durch etwas hindurch zu betrachten. Schon als Kind sammelte sie alles Durchscheinende, um hindurchzusehen. Die Verzerrung, die Distanz faszinieren sie. Ein bisschen wie Alice, die rückwärts in die Welt durch eine verdrehte Spiegelscherbe schaut.

Der Kellerraum, in dem sie ihre alten, fast vergessenen Chemiebaukasten aufgebaut hat, wirkt wie die Szene aus einem surrealistischen Horrorfilm. Die Kanten verlieren sich, brechen aufeinander zu, verbiegen sich unter der Bewegung des zäher werdenden Fluids. Sie ist hier, die Welt ist dahinter. Es tut ihr gut, nicht dort zu sein.

Sie überlegt. Der Gedanke, der sie umtreibt, ist nicht neu. Seit Monaten oder sogar Jahren sitzt er in ihrem Hinterkopf. In jüngster Zeit ist er übermächtig und omnipräsent. Jeder Versuch, sich abzulenken, ihn einfach zu ignorieren, hörte auf, zu funktionieren.

Es muss gehandelt werden. Sie spürt es.

Beim letzten Mal hat sie sich sicherheitshalber einweisen lassen. Doch dieses Mal ist sie nicht bereit dazu. Sie nimmt die bereitliegende Spritze und zieht die lauwarme Flüssigkeit auf. Dann löscht sie das Licht und geht die schmale Treppe hinauf.

Sie ist soweit.

Alice

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ABC-Etüde – Letzte Stunde

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Stepnwolf.

Der Gong ertönt. Im Lehrerzimmer wird es unruhig, erste Taschen werden gepackt, ein letztes Mal vom Butterbrot abgebissen, noch schnell ein Schluck Kaffee nachgekippt. Die Referendare und Ehrgeizigen verlassen schon den Raum, die Älteren bleiben noch für einen Moment sitzen und warten auf das zweite Klingeln. Der neue Schulleiter steckt kurz den Kopf zur Tür herein, bemerkt den Blick des dienstältesten Kollegen und zieht sich zurück.

Irgendwann setzen sich alle in Bewegung, der alte Chemielehrer zuletzt. Er hat mal wieder vergessen, in welche Klasse er jetzt muss, kämpft noch mit der Stundenplan-App, die bei dem schwachen Netz im Schulgebäude in Zeitlupe lädt.

Vor dem Klassenraum stehen die Schüler bereit. Während er seine überladene Tasche durch den Gang schleppt, kann er ihre Unlust riechen. Seine Sehnsucht nach dem Ruhestand ist übermächtig.

Noch eine Woche, dann sind Sommerferien. Sechs Monate weiter ist er frei. Vierzig Dienstjahre sind voll, die Altersgrenze erreicht, immer den Mund gehalten, immer pünktlich zum Dienst erschienen.

Während er die Reagenzgläser auf das geflieste Pult räumt und mit einer Handbewegung die Schüler auf die Plätze scheucht, ärgert er sich, nicht aufmüpfiger gewesen zu sein. Nichts wird er hinterlassen, außer einem langweiligen Eindruck und in einigen Jahren einer Nachrufkarte am schwarzen Brett.

Seine Finger finden die Chemikalien ohne, dass er hinsehen muss. Er schaltet den Bunsenbrenner an, nuschelt ein bisschen zu den handyzockenden Schülern herüber, mischt, rührt, erwärmt.

Er hat kaum gefehlt, sich sogar mit einer Grippe hergequält, nur damit ihm niemand was nachsagen kann. Und zum Dank wird er eine Tasse mit Schullogo bekommen.

Er setzt die Gasmaske auf und kippt die letzte Zutat hinein.

Binnen Sekunden ist der Klassenraum mit einer grüngelben Dunstwolke gefüllt, die Schüler verlassen kreischend den Raum.

Langsam zieht die Wolke bis zum Lehrerzimmer. Er hat es geschafft, die größte Stinkbombe seines Lebens zu mixen.

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

ABC-Etüde – Antriebslos

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von books2cats.

Eine dünner Dampffaden steigt von der angeschlagenen Lieblingstasse auf, kräuselt sich im Luftzug des undichten Fensters und vermischt sich oberhalb der Hängelampe mit dem Qualm der Frühstückszigarette. Sie hat Kopfschmerzen, das letzte Bier war wohl doch zu viel gewesen. Vielleicht ist sie einfach zu alt zum feiern.

Der Mann war auch dabei gewesen, nur ihm scheint das nichts auszumachen. Schon früh ist er im Geräteschuppen verschwunden, werkelt seitdem lautstark vor sich hin. Seine Energie nervt sie. Immer fit, immer fröhlich, nie verkatert, nie unausgeschlafen.

Als sie ihn kennen lernte, hatte ihr das imponiert, sie war ähnlich gewesen. Doch inzwischen stößt es sie ab. Sie fühlt sich unzulänglich und faul, wenn sie manchmal lieber auf dem Sofa liegt und eine Serie schaut, anstatt mit ihm um den Block zu joggen. Er sagt nichts dazu, doch ab und an wirft er ihr einen kritischen Blick zu, fast, als wäre sie ihm fremd geworden.

Seit zwei Wochen vermutet sie, dass er fremd geht oder zumindest darüber nachdenkt. Er weicht ihr aus, verbringt die Abende vor dem PC statt mit ihr fernzusehen oder geht noch eine Runde aufs Rad.

Der Gedanke gefällt ihr nicht. Sie steht auf und drückt die halbe Zigarette im vollen Aschenbecher aus. Der Kaffee wandert in die Spüle. Ärgerlich schiebt sie die Ärmel nach oben und lässt warmes Wasser darüber laufen.

Was soll sie tun, fragt sie sich und schrubbt die Fettkruste aus der Bratpfanne. Soll sie gehen oder bleiben, neu anfangen oder kämpfen.

Für einen Moment steht sie da und versucht sich zu entscheiden.

Dann lässt sie das Wasser ab und stellt sich ans Fenster. Er verlässt gerade seine Werkstatt. In der Sonne wirkt sein Haar kupferfarben.

Alice