Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich

Tag 293/365 – Nachts

Mein innerer Wecker klingelt mal wieder um drei. Die Versuche, ihn abzustellen, scheitern und ich stelle mich auf Kaffee und Tabletkreuzworträtsel ein. Und auf Ruhe.

Ich weiß nicht, wie das in anderen Haushalten ist. Aber hier wird nachts nicht geschlafen.

Der erste begegnet mir in der Küche auf der Suche nach einem Snack. Der abendliche Nudelauflauf wird verworfen. Es gibt offenbar doch noch Grenzen. Unverrichteter Dinge zieht er wieder ab, brummelt ein „Gute Nacht“ in meine Richtung und schlürft die Treppe hinauf.

Kaum hat er die Tür hinter sich geschlossen, geht oben die Klospülung und der zweite rumpelt die Treppe herunter. Auch hier wird der Kühlschrank einer Prüfung unterzogen. Für einen Moment stehen die Reste vom Kuchen im Raum. Doch der Trend geht zu Vitaminen und er plündert das Mandarinennetz. Dann haut er sich aufs Küchensofa, ächzt ein bisschen weil es zu kurz ist und kein Oberbett vorhanden.

Währenddessen taucht der dritte auf, um sich vorm Schlafen gehen noch eben die Zähne zu putzen. Inzwischen ist es fünf und ich bin beim zweiten Kaffee.

Mittlerweile sind alle oben und schlafen.

Tagsüber sehen wir uns nicht so oft.

Alice

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Tag 292/365 – Das Handwerk

Wir haben Handwerker im Haus. Da gibt es diverse Ecken, da habe ich weder Ahnung von noch das passende Werkzeug. Im Sommer hatten wir sie bestellt, dann warteten wir auf den Kostenvoranschlag. Heute nun legen sie endlich los und das Anlehngewächshausskelett wird sich bald füllen.

Manchmal überlege ich, ob das, was ich gelernt habe, so sinnvoll war. Gut, ich bin technisch nicht unbegabt, bekomme auch einiges hin, nur manche Sachen liegen außerhalb meiner Fähigkeiten. Da wäre so eine fundierte Ausbildung in Elektro und Fliesenlegen schon ein Zugewinn. Auch als Dachdecker oder Schornsteinfeger könnte man so vieles selbermachen.

Andererseits bin ich sehr froh, dass ich nicht im strömenden Regen auf Dächern rumkraxeln muss, dass ich nicht in uralten Häusern Stromkabel suchen oder Wasserleitungen anschließen muss. Ich miete mir die Jungs, wenn etwas ansteht und es bezahlbar ist.

Sie machen ihre Sache ordentlich. Und in einer Woche oder so beziehen wir unseren kleinen Wohnzimmeranbau.

Alice

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Tag 291/365 – Echo

Nichts verschwindet wirklich, alles bleibt. Es ändert lediglich seine Form oder versteckt sich in irgendwelchen Kellergewölben, um zur falschen Zeit wie ein kranker Jack-in-the-Box hervorzuhüpfen und uns seine längst verdrängte Grimasse zu zeigen.

Wenn das Echo mal wieder durch das Haus hallt, möchte ich mir gerne die Ohren verstopfen, nicht hinhören, einfach vergessen, ein wenig das Leben resetten und unbedarft Situationen bewerten.

Das funktioniert leider nicht. Einerseits ist es sicherlich gut, von alten Erfahrungen zehren zu können, Fehler nicht allzu häufig zu wiederholen. Andererseits hemmen mich die Nachklänge alter Geschichten.

Doch vielleicht kann man das eine oder andere Echo auch überschreiben, aus der negativen Erinnerung ein positives neues Erlebnis machen, sich umprogrammieren.

Es wäre einen Versuch wert.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Schreiben

Tag 290/365 – Trübe

Wo ist der goldene Herbst geblieben? Bei uns ist es seit Wochen trübe, die wenigen Sonnenstunden fallen meist in die Arbeitszeit und es regnet andauernd.

Der Boden braucht Wasser, die ortseigenen Baggerseen und Trinkwasserspeicher sind immer noch zu leer, doch es geht mir langsam ans Gemüt. Gestern tobte eine kurze Gewitterfront vorbei, entwurzelte mal eben nebenher ein paar Dutzend alte Bäume.

Glücklicherweise kam niemand zu Schaden, nur die Versicherungen haben zu tun. Der Klimawandel ist da, das kann man einfach nicht mehr schönreden.

Vor den Fenstern erstreckt sich nasses Gelb, Ideen werden, sofern sie auftauchen, aus Bequemlichkeit verworfen. Pläne für das nächste Jahr wandern auf Merkzettel. Nur ein Projekt muss noch abgeschlossen werden, dann ist Winterruhe.

Büroarbeiten stehen noch an, doch die schiebe ich lieber vor mir her, habe gerade so überhaupt keine Lust.

Der Schweinehund winkt vom Sofa herüber und die Muse bekommt eine Erkältung und hat schlechte Laune.

Vielleicht probiere ich heute doch die neue Nähmaschine aus, Schlumpfhosen heißt das Projekt. Der Sohn will nähen lernen und ich könnte mich auch mal wieder dransetzen.

Aber vielleicht verschwinde ich doch noch ein wenig zwischen den Kissen.

Alice

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Tag 289/365 – Unmotiviert

Es ist früh und heute muss mal keiner raus. Alles schläft noch oder gammelt irgendwo herum. Selbst die Sonne hat sich noch nicht entschieden, aufzustehen.

Warum ich jetzt in der Küche hocke und Kaffee trinke, kann ich nicht erklären. Viel zu lange habe ich gestern noch vor dem Rechner gesessen, mich nach Zeiten mal wieder bei YouTube verloren, Video um Video angeklickt, Pianisten, Flashmobs und romantische Heiratsanträge geschaut.

Mir ist das noch nie passiert. Weder ein Flashmob, noch ein begabter Pianist liefen mir bisher in irgendwelchen Fußgängerzonen über den Weg. Von romantischen Anträgen ganz zu schweigen.

Ein bisschen zu pragmatisch, ein wenig zu nüchtern, ein bisschen zu wenig Abenteuer, ein wenig zu wenig Prinzessin.

Ich riet einem Freund vor ein paar Tagen, doch mal den Ritter auf dem weißen Pferd zu spielen für seine Liebste. Es kriselt ein wenig und ein romantisches Signal könnte was bringen. Sie will das nicht, war die Antwort und ich stufte ihn in meinem Kopf von Frauenversteher zurück zum Anfänger. Jede Frau wünscht sich so was, jeder Mann übrigens auch.

Zumindest ab und an tut es einfach gut, angebetet zu werden und sei es nur für einen Augenblick.

Wie soll der Alltag erträglich bleiben, wenn die Romantik flöten geht, der tägliche Höhepunkt das Kochen des Abendessens wird?

Heute ist unser Jahrestag, wir werden essen gehen. Die Übernachtung auswärts fällt aus, da der Hund verletzt ist und so ziemlich permanent Aufsicht braucht, damit er nicht den Pfotenverband auffrisst.

Meine Motivation nähert sich gerade Normalnull.

Irgendwie war das alles anders geplant.

Alice

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Tag 288/365 – Suboptimal

Besser geht immer! So sagte einst der Vorgesetzte eines Bekannten und riskierte damit einen Schlag auf die Nase. Mein Bekannter schlug nicht zu, doch es juckte ihn.

In manche Projekte stecken wir viel Energie und das Ergebnis ist mittelprächtig oder zumindest nicht so zufriedenstellend, wie es bei dem Aufwand sein müsste. Oder aber, die Situation hat sich verändert und was gestern noch prima war, ist heute suboptimal.

Meine Söhne studieren im Pott und im Rheinland, ich arbeite in Richtung Münsterland, der Mann arbeitet ums Eck. Für viele von uns steht eine Menge Fahrerei ins Haus. Und da gerade die Bahn der Meinung ist, dass sie ordentlich Baustellen aus dem Boden stampfen muss, sind die Söhne viel zu lange unterwegs.

Mich nervt die Fahrerei ebenfalls. Habe ich vor Ort Leerlauf, ist das unbezahlte, sinnfreie Pausenzeit. Würde ich vor Ort wohnen, könnte ich Hunderunden einschieben oder sonst was Vernünftiges tun.

Wir verteilen uns über einen großen Bereich und das passt nicht mehr. Dieser kleine Ort liefert nicht mehr das, was er uns einst versprach. Die Kleinen sind groß geworden und brauchen mehr als beschauliches Münsterland.

Sehr gerne würde ich mich an die Veränderungen anpassen, doch das geht nicht mal eben so. Mich wurmt dieses halbgare und für viele von uns unbequeme Arrangement.

Unser Leben daran auszurichten, ist nicht wirklich eine Option. Ich stecke fest und würde doch so gerne Konsequenzen aus dem gewachsenen Bedingungen ziehen. Der Veränderung Rechnung tragen.

Es läuft suboptimal und das nervt.

Alice

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Tag 287/365 – Was ist erlaubt?

Wer darf was? Und wer nicht? Wer entscheidet, was schön ist, gesehen werden darf, tolerierbar ist? Wer ist Richter, wer Henker, wer Gehenkter?

Jedes Mal, wenn ich den Fuß vor die Tür setze, sei es nun real oder virtuell, gebe ich mich und alles, was ich von mir zeige, dem Urteil anderer preis.

Meine Kleidung, meine Frisur, meine Vorlieben, mein Geschmack und alles, was ich herstelle, schreibe, male, fotografiere wird kritisch betrachtet, mit der Norm abgestimmt und beurteilt. Manchmal mit Wohlwollen, manchmal kritisch.

Im Job bin ich der bunte Vogel, die (ältere) Lehrerin mit Sidecut und Tartanhose, ich bin die Frau mit den Rangern, der schwarz meistens bunt genug ist. Wenn mir danach ist, bin ich Purist, beschränke mich auf das Allernötigste, an anderen Tagen kann es nicht genug sein und ich mische fröhlich alles, was mir zur Verfügung steht. Wer will es mir verbieten? Erlaubt ist, was mir gefällt.

Wer gibt den Standard vor, erklärt, was geht und was nicht? Und warum darf der eine und der andere nicht? Wer zieht die Grenzen, wer hat das Recht dazu?

Nicht jedem muss alles gefallen, nicht jeder muss alles mögen. Wegsehen und weitergehen ist ganz einfach, das mache ich auch oft.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich

Tag 286/365 – Suche

Das, was wir wollen ist nicht immer das, was wir brauchen. Das Haus, das Auto, das Konto voller Geld beruhigen bestenfalls und machen uns das Leben angenehm. Glücklich machen sie uns nicht.

Jenseits jedes materiellen Besitzes gibt es mehr. Jeder sucht sein eigenes Glück, manche ihr ganzes Leben lang, ohne es zu finden.

Es ist verwirrend, sich zurechtzufinden zwischen den Angeboten, die uns Zufriedenheit versprechen. Der perfekte Job, die Familie, die Erleuchtung oder ein Dienst für die Menschheit. Lebensberater haben enormen Aufschwung, sie wollen helfen, unterstützen, Wege aufzeigen. Doch finden muss jeder ihn alleine.

Manche sind weit abgekommen von ihrem Weg, substituieren durch oberflächliche Zufriedenheiten. Dass etwas nicht stimmt, merken sie spät.

Manchmal werden sie dann krank oder traurig und fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Sie möchten umkehren, noch ein weiteres Mal beginnen und merken rasch, dass das nicht geht. Zumindest nicht, ohne große Opfer zu bringen.

Alles kann man nicht haben, auch das gehört dazu.

Auch ich bin noch auf der Suche. Häufig bin ich falsch abgebogen, einiges habe ich aber auch richtig gemacht.

Ein paar Trampelpfade zeigen sich. Sie sind verwirrend verschlungen und doch betrete ich sie, suche weiter und versuche zu ergründen, ob ich hier richtig bin.

Alice

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Tag 285/365 – Gutes Kind

Ich habe gute Kinder, manchmal sind sie allerdings Nervensägen oder benehmen sich auch schon mal wie Arschlöcher. Sie streiten, sind ungerecht und überempfindlich. Und sie sind empathisch, liebevoll und hoffnungslos albern.

Es sind gute Kinder, perfekte, wundervolle Kinder.

Ich liebe jede ihrer Macken, weil sie ein Teil von ihnen sind. ( Was aber nicht heißt, dass ich sie immer toleriere). Ich kann Ihnen vertrauen, dass sie bewusst niemandem weh tun und sich vom Prinzip her an Regeln halten. Und damit akzeptieren und verzeihen, wenn sie sie einmal brechen.

Ich kann sie Fehler machen lassen und bei kleinen Katastrophen helfen, die Scherben aufzusammeln. Macht nichts, kriegen wir wieder hin.

Ich hoffe, dass sie das wissen. Nicht nur, weil ich es ihnen sage, sondern weil sie es fühlen.

Sie werden langsam flügge, strecken ihre alleinflugungewohnten Schwingen aus und probieren sich aus. Mein Fangnetz wird langsam zu kurz, das ist aber mehr mein Problem.

Alice

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Tag 284/365 – Bauchpinselei

Gebauchgepinselt fühle ich mich. Ein dicker flauschiger Pinsel kitzelt mich, streicht über Bauch, Nacken und Fußsohlen. Kichern möchte ich die ganze Zeit und mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend laufen.

Mit vielen Dingen hätte ich gerechnet, damit nicht.

Es tut gut, ist mehr als eine Bestätigung. Dennoch nichts Großes. Eine kleine Großartigkeit.

Manchmal reicht das, um den Tag zu versüßen.

Kommt gut in den Sonntag.

Alice