Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Mal über mich, Roman

Ein Fragment

Der Versuch eines Romans

Für Unterwegsmitmir, die es mal wieder lesen wollte und mich sehr unterstützte. Vielleicht mögt ihr ja auch mal reinlesen….

Wie alles begann….

Alice

PS: Die Geschichte ist noch nicht fertig…Ich bin leider ein unsteter Geist…



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Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Die Fälle

Fortsetzung von Nachtmahr

Das Abendessen brachte ich mehr schlecht als Recht hinter mich. Mein Vater war zur Schicht, so dass dieses Problem zumindest nicht anwesend war. Meine Mutter aß schweigend und schien – wie ich – mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Mein Bruder hatte sich einen Teller gefüllt und war mit ihm in seinem Zimmer verschwunden. Ich freute mich auf die Pubertät und die damit verbundenen Vorrechte. Ich half noch rasch beim Abräumen und verabschiedete mich dann zu Inken. Meine Mutter verzog etwas das Gesicht, weil ich nochmal loswollte. Aber da ich ihr versicherte, dass wir im Haus bleiben würden, erklärte sie sich einverstanden.

Margit wartete schon auf der Straße, als ich aus der Haustür kam. Als ich zu ihr trat, fragte sie :“Sag mal, warum humpelst du? Hat dich der alte Linnens mit seinem Bajonett erwischt?“ „Erzähl ich gleich. Das war wenig lustig“, entgegnete ich. In einverständigem Schweigen gingen wir zu Inken hinüber. Die Tür war nur angelehnt, so dass wir einfach eintraten. Hinter der Tür stand Jörg mit Inken zusammen. „Da seid ihr ja endlich“, wurden wir freudig begrüßt. Jörg schlug vor: „Lasst uns in den Partykeller gehen. Ich glaube, da haben wir momentan die meiste Ruhe.“ Wir stiegen hintereinander die steile Kellertreppe hinunter und betraten den kleinen Partykeller. Inken betätigte den alten Bakelitdrehschalter und einige schwache Lampen tauchten den Raum in stimmungsvolles Licht. „Mehr geht nicht“, entschuldigte sie sich. Wir ließen uns in die Sitzgruppe plumpsen. Jörg holte einen dicken Ordner aus seiner Tasche und grinste verschwörerisch. „Wir haben großes Glück, dass der Fall so alt ist und Peter mir noch was schuldet. Ihr seht hier vor Euch die Originalermittlungsakten aller vier Fälle, die der Polizei bekannt sind.“ „Wow“, rief Margit begeistert und versuchte sich die oberste Akte vom Stapel zu angeln. Doch Jörg war schneller. Er legte rasch die Hand auf die oberste Akte und sagte „Nein, so wird das Nichts. Das sind Originalakten, die dürfen auf keinen Fall durcheinanderkommen. Wir schauen sie gemeinsam Seite für Seite durch und können uns dabei Notizen machen.

Ich kramte mein Schulheft aus der Tasche und reichte es Margit. „Hier, du hast die beste Schrift.“ Lächelnd nahm Margit es entgegen und schrieb auf eine neue Seite : Die Fälle. Sie unterstrich es zwei mal und schaute Jörg erwartungsvoll an.

Er begann vorzulesen: „Erster Fall: Katharina Direksen, verschwunden am 1. Juli 1895.  Das verschwundene Kind war am besagten Abend gegen 21  Uhr auf dem Niersweg auf Höhe der Eisenbahnstrecke zu einem Spaziergang aufgebrochen…. Ach, das wissen wir alles. Lasst mich mal schauen. Hier, die eingeleiteten Suchaktivitäten, die Tauchmannschaft…mmh…. festgenommen wurde niemand, aber es gab einen Verdächtigen, der aber ein Alibi hatte. Nein, nichts Neues.“ Er schloss die Akte. Dabei rutschte ein altes Foto zwischen den gelben Blättern hervor und landete auf dem Boden. Inken schnappte es sich und legte es auf den Tisch „Ein Familienfoto“ Wir beugten uns über das alte Bild und erkannten Katharina sofort. Sie saß auf dem Schoß eines bärtigen Mannes. Neben den beiden stand ein kleiner Junge im Matrosenanzug. „Sie hatte einen Bruder“, staunte ich, „da hatte Oma Hanni gar nichts von erzählt.“ „Auf dem Bild ist er höchstens zwei Jahre alt“, schätzte Jörg, “ wenn er noch lebt ist er jetzt etwas über 77.“ Margit grinste: „Nunja, ich wollte mir das beste eigentlich für den Schluss aufheben. Ich war heute im Männerhaus und habe ihn besucht. Er ist fast taub und blind, aber in seinem Oberstübchen ist er noch topfit. Und er brennt darauf, uns zu helfen. Allerdings hat er an den Tag selbst keine Erinnerung mehr. Nur an die Erzählungen seiner Eltern kann er sich noch gut erinnern. Er ist also quasi ein Zeitzeuge.“ „Phantastisch Margit“, quietschte ich begeistert, „Und? Was hat er gesagt?“ „Dass Katharina komische Alpträume hatte, bevor sie verschwand. Und dass sie sich dabei sogar verletzt hat.“ Mir wurde übel. „Ich muss euch was erzählen…“, begann ich und schilderte den Alptraum des Nachmittags. Als ich ihnen den angeschwollenen Fuß zeigte, wurde es sehr still im Raum. „Mist“, sagte Jörg, „Das sieht nicht gut aus. Hast du das deiner Mutter gezeigt?“

„Niemals“, entgegnete ich, „Dann wäre ich eingesperrt in meinem Zimmer.“ „Vielleicht wäre das gerade gar nicht die schlechteste Lösung“, beharrte Jörg. Ich schüttelte den Kopf und schmollte. „Lass uns weiter schauen“, bat ich.

Jörg hob die zweite Akte vom Stapel und schlug sie auf. „Der zweite Fall war ein Karl Olheim, 8 Jahre alt. Er verschwand am 20 Juli 1900. Er war mit Freunden im Kalbecker Busch spielen. Sie müssen die Zeit vergessen haben, denn er ist erst gegen 20 Uhr zurück gegangen. Am Waldrand haben sie sich getrennt. Danach hat ihn niemand mehr gesehen. Da sein Rückweg am Teich eines Bauern vorbei führte, hat man auch hier Ertrinken vermutet. Der Teich wurde leer gepumpt. Das Kind war nicht zu finden.“ Mich überlief eine Gänsehaut „Sommer, Wasser, da gibt es ein Muster. Ich saß an unserem kleinen Teich und im Traum war auch Wasser, da war ich am alten Arm.“

„Nimm die nächste Akte“, befahl Margit. sie war ganz blass und hielt verkrampft den kleinen Bleistiftstummel in der Hand.

Jörg klappte die aktuelle Akte zu: „Olga van Tochelen, 7 Jahre, verschwunden am 1. August 1913. Sie war mit zwei Freundinnen unterwegs. Sie hatte etwas abseits Blumen gepflückt und war auf einmal weg. Die Uhrzeit wussten die Kinder nicht. Sie haben noch eine Weile gesucht und gedacht, dass Olga alleine nach Hause gegangen wäre. Erst zu Hause haben sie erfahren, dass sie verschwunden ist.“

„War Wasser in der Nähe?“, fragte ich tonlos. „Da steht nichts davon“, sagte Jörg und suchte in der Akte. „Die Mädchen waren in der Innenstadt unterwegs.“ „Da gibt es genug Wasser“, wandte Inken ein. „Hier ging die Polizei von einem Sittlichkeitsverbrechen aus“, fuhr er fort, “ es wurde sogar jemand fest genommen.“ „Und?“ „Nix Und. Er hat nie gestanden und starb zwei Jahre später in Haft.“

„Die letzte Akte, bitte“ Jörg schaute mich besorgt an und nahm sich den dünnen Ordner.

„Heinrich Jörgens, 7 Jahre, verschwunden am 29. Juli 1938 bei einem Spaziergang mit seiner Großmutter am Schwanenteich. Sie hatte ihn einen Moment aus den Augen verloren, hat sie zu Protokoll gegeben. Auch hier wurde ertrinken vermutet.“

Er las weiter. Seine Augen weiteten sich: „Wieder aufgetaucht am 6. August 1938. Einweisung in die örtliche Krankenanstalt.“

Alice

Fortsetzung folgt

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Nachtmahr

Fortsetzung von Alte Leute

Es war frustrierend. Ich hatte mir so viel von den Gesprächen mit den alten Nachbarn versprochen und das Ergebnis war niederschmetternd. Margit legte nun doch tröstend den Arm um mich und hörte auf zu grinsen. „Nimm’s nicht so schwer. Ich habe so Einiges raus bekommen. Am besten wir gehen kurz nach Hause und treffen uns nach dem Abendessen bei Inken. Dann hat Jörg sicher Zeit für uns.“

Sie drückte mich kurz, schwang sich auf ihr Rad und flitzte davon. Langsam rappelte ich mich auf und trottete nach Hause. Die restliche Schokolade versteckte ich in meiner Hosentasche, meine Mutter musste das nicht unbedingt mitbekommen.

Zu Hause war alles ruhig. Es war immer noch nicht kühler geworden in meinem Zimmer. Ich schaute in meinem untersten Schreibtischfach nach dem Katzenfutter. Jetzt bräuchte ich nur noch zwei Näpfe. Vielleicht würde mich die kleine Katze ja wieder besuchen kommen. Bis zum Abendessen war noch etwas Zeit. Ich legte mich aufs Bett und versuchte etwas zu lesen. Nachdenken tat gerade eher weh.

Ich nickte ein und begann zu träumen.

Ich war draußen, unten nahe dem alten Nebenarm der Niers, der nur nach starken Regenfällen noch Wasser führte. Es war dunkel, kein Mond und keine Sterne waren zu erkennen. Von dem kleinen Erlenwald rund um den alten Arm ging ein sanftes Leuchten aus. Wie magisch zog es mich an und so setzte ich Fuß vor Fuß obwohl ich diesen Bereich nie betreten durfte. Es war morastig dort und man erzählte sich, dass dort schon ein Mann ertrunken wäre bei Hochwasser. 

Ich hatte Angst und doch konnte ich nicht widerstehen. Ich betrat den Hain und sah die Wasseroberfläche leuchten. Jeder Schritt, den ich näher trat, vergrößerte meine Angst, und doch konnte ich nicht stehenbleiben. Meine Füße wollten in das schlammige Wasser eintauchen, meine Hände wollten das Leuchten erkunden, das aus der Tiefe heraufzuscheinen schien. Meine nackten Zehen berührten die Wasseroberfläche. Sie war angenehm warm und fühlte sich lebendig an. Mein rechter Fuß tauchte ein und ich spürte einen körperlichen Sog, der mich aus meiner Trance riss. Ich zog mit all meiner Kraft den Fuß zurück, doch das Wasser umklammerte ihn wie eine große starke Hand. Ich griff nach einem alten Baumstamm und versuchte mich daran festzuhalten. Mein Mund öffnete sich zu einem Schrei, doch nichts war zu hören. Ich geriet in Panik als ich spürte, dass das Wasser bis zu meinem Knie gekrochen war. Ich fiel hin und versuchte die Böschung hoch zukriechen, riss büschelweise Gras aus und bohrte meine Hände in den schlammigen Untergrund. Auf einmal wurde es um mich herum hell, die Wolken(?) waren wohl beiseite gezogen und das Licht eines wunderschönen Vollmonds erleuchtete die Szenerie. Noch einmal zog ich mit Kraft, wand mich auf dem maschigen Boden, da ließ der Sog nach.

Und ich erwachte, schreiend, schweißüberströmt. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich mich im Bett aufsetzte. Meine Mutter riss die Tür auf und rannte zu mir. „Was ist passiert, Alice? hast du dich verletzt?“, fragte sie erschreckt und tastete meinen Körper nach möglichen Verletzungen ab. „Ich hatte einen Albtraum“, weinte ich und kuschelte mich in ihren Arm, „aber ich bin nicht verletzt.“

„Alles gut“, sagte sie und strich mir über die Schulter, „nur ein Traum, der kann dir nichts tun.“ Sie stand auf und tätschelte noch einmal meine Wange. „Ich hole was zum Naseputzen. Am besten du wäscht dein Gesicht. Wir wollen gleich essen.“

Sie verließ kurz den Raum und brachte mir ein Stofftaschentuch. Ich schneuzte mich geräuschvoll und sie verließ den Raum in Richtung Küche.

Als ich aufstehen wollte, konnte ich den rechten Fuß kaum belasten. Ich sah an mir runter und stellte fest, dass mein Bein bis über dem Knie schleimig nass war. Rund um den rechten Knöchel konnte ich eine rote Schwellung feststellen. Es sah aus, als hätte mich eine große Hand dort sehr fest gehalten.

Ich begann zu zittern. Was war das? Es war doch nur ein Alp gewesen, ein schlechter Traum.

Alice

To be continued

Fortsetzung Die Fälle

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Alte Leute

Fortsetzung von Das Archiv

„Und die Polizei“, ergänzte Jörg. „Aber das muss ich erledigen. Selbst wenn ihr denen glaubhaft etwas von Margits Ferienprojekt erzählen würde. Es geht um alte Ermittlungsakten und die sind, wenn überhaupt, höchstens der Presse zugänglich. Aber auch ich werde mir eine Geschichte ausdenken müssen.“

„Und um die alten Leute kümmern wir uns dann?“, fragte Inken.

„Genau, ihr werdet alte Nachbarn und Verwandte ausquetschen. Wer weiß, vielleicht kennt Margits Uroma ja noch den einen oder andern, den ihr fragen könnt. Seid höflich, zieht euch nett an und denkt euch eine passende Geschichte aus. Ich werde jetzt ein wenig rum telefonieren. Am besten treffen wir uns heute Abend bei Inken zu Hause. Ich bin eh zum Essen eingeladen. Da können wir dann unsere Ergebnisse zusammentragen.“

„Einverstanden“, schaltete sich Margit ein, „dann fahren wir jetzt nach Hause und starten die Befragung.“

Wir verabschiedeten uns feierlich mit einem Händedruck von ihm und stürmten zu unseren Rädern. Die ältere Redakteurin schaute uns schmunzelnd und kopfschüttelnd nach.

Auf dem Rückweg diskutierten wir die beste Vorgehensweise. „Ich würde vorschlagen, wir bringen die Räder weg und dann teilen wir uns auf“, meinte Inken. „Genau, dann geht es wesentlich schneller“, ergänzte Margit, „Ich frage noch einmal Oma Hanni und dann klappere ich die Namen ab, die sie mir vielleicht noch nennen kann. Alice fragt ihre Oma und dann beginnt sie oben an der Straße und du Inken beginnst unten auf deiner Seite. Bis um sechs sollten wir irgendwas erfahren haben.“

Ich war so aufgeregt und zuversichtlich. Das beängstigende Gefühl, das ich bei Margits Oma hatte, war fast vollständig verflogen. Ich fühlte mich sicher.

In unserer Straße angekommen, trennten wir uns. Ich schob das Rad in den Schuppen und schmuggelte das Katzenfutter in mein Zimmer. Meine Mutter hing hinten im Garten Wäsche auf. Ich meldete mich kurz bei ihr zurück. Das mir nachgerufene „Wo warst du so lange?“ ignorierte ich einfach.

Inzwischen war es früher nachmittag und meine Oma müsste von ihrer Arbeit zurück sein. Ich wusch rasch Gesicht und Hände und stürmte die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Oben angekommen, klopfte ich zaghaft und hörte meinen Opa „Herein“ rufen.

Ich öffnete die Tür und hielt die Luft an. Meine Oma kochte. Was ich im Treppenhaus schon ansatzweise gerochen hatte, schlug mir nun mit voller Wucht auf die Riechzellen. Sie briet irgendetwas Undefinierbares auf ihrem Gasherd. Das Fett spritzte und die ganze Küche war verqualmt. Mein Opa sagte:“Geh ins Wohnzimmer und warte, bis wir gegessen haben. Oder magst du auch was?“ Ich nickte und schüttelte dann rasch den Kopf. Für kein Geld der Welt wollte ich das essen. Meine Oma mochte eine gute Sekretärin sein, sie war auf jeden Fall eine grauenvolle Köchin. Hatte sie etwas zubereitet, stank es immer nach Fett und etwas, was schon zu lange tot war. Ein Wunder, dass sie damit so alt geworden war. Ich verkrümelte mich im Wohnzimmer, das allerdings nicht viel besser roch. Kein Wunder, in dieser kleinen Wohnung standen die Türen immer offen. Nur die Fenster waren leider geschlossen. Ich überlegte kurz eines zu öffnen, aber meine Großeltern hatten Angst vor zu viel Zugluft und erstanken wohl lieber.

Ich fläzte mich aufs Sofa und schaute mich ein wenig um. Auf einem Beistelltisch lag Omas altes Fotoalbum. Das wäre doch schon mal ein Ausgangspunkt. Ich zog den alten Wälzer auf meinen Schoß und blätterte vorsichtig die starren Seiten um. Auf der ersten Seite war ein Brautpaar abgebildet. Die Frau trug ein schwarzes Kleid und der Mann eine Uniform mit einer Pickelhaube. Der Bart sah dem von Margits Uropa sehr ähnlich. Wahrscheinlich waren das die Eltern meiner Oma. Ich suchte in den Gesichtern nach Ähnlichkeiten und fand sie rasch. Meine Uroma war eine sehr hübsche Frau gewesen, leider hatte meine Oma aber die Nase und die Ohren ihres Vaters geerbt. Auf der nächsten Seite war ein Familienfoto zu sehen. Die deutlich gealterten Eltern waren von dreizehn Kindern umringt. Darunter stand eine Jahreszahl: 1920. Das heißt, meine Oma war da zwei Jahre alt. Ich suchte ein wenig und fand sie im Vordergrund auf einem Schaukelpferd. Alle Mädchen trugen weiße Kleidchen mit Rüschen, alle Jungs Anzüge. Sie lächelten starr in die Kamera. Auf einem kleinen Tisch neben der Mutter stand eine Fotografie in einem Rahmen, an dem ein schwarzes Band hing. Ich konnte es schlecht erkennen, aber es schien ein Babyfoto zu sein.

Ich schreckte hoch, als meine Oma den Raum betrat. „Na Alice“, sagte sie, „hast du ein wenig in meinen Erinnerungen geblättert?“ Ich nickte und wies auf das Foto: „Das bist du, oder?“ Sie nickte und wies auf die einzelnen Personen: Und das ist Berta, das Karl, Ludwig, Theodor , Wilhelm, Barbara, Ingrid, Maria, Greta, Eva und Adelheid. Auf der kleinen Fotografie ist Johannes. Er ist bei der Geburt gestorben.“ Mich gruselte und ich schlug das Album zu.

Meine Oma war eine klassische Trümmerfrau. Ihr Mann war mit 26 Jahren an der Ostfront gefallen und sie hatte sich und ihren damals dreijährigen Sohn alleine durchgebracht. Sie hatte nicht viel Herzenswärme aber sie war eine durchsetzungsstarke Frau. Wenn sie etwas erreichen wollte, dann schaffte sie das auch. Und es war ihr ziemlich egal, was alle anderen darüber dachten. Kinder konnte sie nicht besonders leiden. Sie ertrug sie, wie man Kopfschmerzen erträgt, im Wissen, dass sie irgendwann wieder zu ihren Eltern zurückkehren werden und sie dann ihre Ruhe hätte.

So fragte sie mich auch jetzt sehr direkt: „Was möchtest du? Ich glaube nicht, dass es dir um meine alten privaten Bilder ging“ und nahm mir das Album aus den Händen.

Mir war sehr bewusst, dass rumdrucksen mich hier nicht weiter brachte. Also fragte ich sie geradeheraus nach den verschwundenen Kindern.

Sie wurde kreidebleich und ließ sich neben mir aufs Sofa fallen. „Woher weißt du davon?“

„Oma Hanni hat davon erzählt“, entgegnete ich und schaute sie gespannt an. „Diese alte Hexe soll ihren ungewaschenen Mund halten. Es gibt Dinge, die lässt man ruhen. Man rührt nicht daran“, fluchte sie und starrte einen Augenblick vor sich hin. „Du musst jetzt gehen“, sagte sie und stand auf, “ ich muss noch einkaufen.“

Irritiert stand ich auf und entschuldigte mich für die Störung. Dann verließ ich die Wohnung und zog die Wohnungstür hinter mir zu.

Das war ja mal ein Reinfall gewesen. Hoffentlich hatten die andern mehr Glück. Ich zog mir Sandalen an und verließ das Haus. Am anderen Ende der Straße sah ich Inken an der Haustür der Derksens klingeln. ich konnte nicht sehen, wer öffnete, aber sie betrat kurz danach das Haus. Ich machte mich auf den Weg zum anderen Ende und hoffte, dort mehr Glück zu haben.

Im ersten Haus wohnten Linnens. Dort lebte nur noch der Opa. Ein brummiger Mann, der meistens in Kriegserinnerungen schwelgte. Man erzählte sich, dass er, wenn er betrunken war, was nebenbei bemerkt wohl recht häufig der Fall war, gerne in seiner alten Uniform durch die Straße marschierte und mit dem verbotenen Gruß grüsste. Offenbar war für ihn nicht alles schlecht gewesen.

Auf mein Klingeln öffnete seine Schwiegertochter. Sie kochte wohl gerade und schaute mich ungeduldig an: „Hallo Alice, ich hab gerade wenig Zeit. Ich bereite gerade einen Braten vor. Womit kann ich dir helfen?“ „Hat der alte Herr Linnens vielleicht etwas Zeit für mich? Ich müsste da mal was für die Schule fragen. Aus dem Krieg, ist ein Ferienprojekt“, ergänzte ich rasch.

„Was für eine Zeit“, jammerte sie und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, “ als ich jung war, waren Ferien noch Ferien. Da gab es keine Projekte, da gab es Hunger.“ Sie hielt kurz inne und lauschte dem Klang ihrer eigenen Worte. Offenbar trank nicht nur der alte Linnens gerne. „Tja“, endet sie, „er ist oben. Dem Lärm nach müsste der Mittagsschlaf vorbei sein. Geh nur hoch, ich hoffe, er kann dir helfen. Ich muss noch was tun.“

Sie drehte sich um und ließ die Haustür offen. Ich bedankte mich in die Richtung ihres rasch davoneilenden Rückens und ging die Treppe hinauf. Aus der Wohnung drang laute Marschmusik. Ich klopfte zaghaft, aber selbstverständlich wurde ich nicht gehört. Ich wiederholte das Klopfen mit steigender Intensität, jedoch ohne Erfolg. Unten an der Treppe erschien sein Sohn. Er grinste zu mir herauf: „Geh einfach rein. Er ist inzwischen fast taub und würde dein Klopfen nicht hören. Und wenn du es hinbekommst, dass er für eine Weile die Musik ausmacht, bekommst du von mir eine Tafel Schokolade.“

Ich nahm meinen Mut zusammen, klopfte noch einmal der Form wegen und drückte die Klinke herunter. Die kleine Diele war fast vollständig dunkel. Nur unter einem Türspalt drang Licht hervor. Und Marschmusik. Hier war sie fast unerträglich laut. Ich klopfte an die nächste Tür und trat ein.

Ich betrat ein Wohnzimmer, das seltsamer kaum sein konnte. Abgesehen von dem alten Plattenspieler, der gerade ohrenbetäubend das Lied vom Polenmädchen dudelte, bestand die Einrichtung – hauptsächlich schwere Eichemöbel – aus Kriegsbildern, Fahnen, Waffen, die in Vitrinen ausgestellt waren und Portraits, bei denen ich mir ziemlich sicher war, dass man sie nicht mehr aufhängen sollte. In der Mitte des Zimmers stand, mit dem Rücken zu mir, der alte Linnens. Gekleidet in einen alten Schlafrock, dirigierte er leidenschaftlich. Am liebsten wäre ich sofort wieder gegangen. Aber das Risiko, dass er mich beim Hinausrennen ertappte, war mir zu groß. Und hier waren so viele Waffen.

Ich nahm all meinen Mut zusammen, reckte mich und tippte ihm auf die Schulter. Wie von der Tarantel gestochen, fuhr er herum. „Kommunisten“, brüllte er erschreckt. Da erkannte er mich und merkte wohl, dass von mir keine Bedrohung ausging. Er räusperte sich: „Na, mein Mädel. Kommst du einen alten Veteranen besuchen?“ und machte tatsächlich die Musik aus. Er lud mich ein, Platz zu nehmen und bot mir sogar etwas zu trinken an. Ich lehnte sicherheitshalber ab. Er griff in seinen Schlafrock und förderte einen abgegriffenen Flachmann zutage. „Einer für den Soldaten“, sagte er und nahm einen tiefen Schluck, „und einer fürs Vaterland.“ Damit leerte er die kleine Metallflasche.

„Was kann ich für dich tun?“, erkundigte er sich nun. Ich schilderte ihm mein Anliegen, erzählte von Schulprojekten und Sommerferien und erfand eine besonders strenge Lehrerin um die Geschichte etwas malerischer zu gestalten.

Er legte den Kopf schief und lauschte. Dann lehnte er sich in seinem schweren Lehnstuhl zurück und schloss die Augen. Ich wartete eine Weile. Aus dem Lehnstuhl erklang leises Schnarchen. So ein Mist, ich hatte heute nur Volltreffer. Leise verließ ich die Wohnung. Auf der untersten Treppenstufe lag eine Tafel Schokolade. Die hatte ich mir redlich verdient. Ich trat wieder auf die Straße und setzte mich auf den Bürgersteig. Da kam Margit auf ihrem Rad um die Ecke geflitzt. Als sie mich sah, bremste sie scharf und stellte ihr Rad ab. Sie ließ sich neben mir auf den Bordstein plumpsen und nahm ein winziges Stück von meiner Schokolade. „Wie läuft es?“, erkundigte sie sich. „Frag nicht“, antwortete ich resigniert, „alte Leute…“ Sie lachte.

Alice

To be continued…

Fortsetzung Nachtmahr

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Das Archiv

Fortsetzung von Katharina die Zweite

Wir mussten nicht lange warten. Die ältere Dame kam zügig wieder, zwinkerte uns zu und wies uns den Weg in das Büro, das sie soeben verlassen hatte.

„Herr Webers erwartet euch“, sagte sie feierlich. Wir standen auf und betraten den hinteren Redaktionsraum. Was man von unserem Platz aus zuerst nicht sehen konnte, breitete sich nun vor uns aus. Das war der Moment, an dem ich mich entschied, Journalistin zu werden (oder zumindest etwas in der Art). Die Redaktion war chaotisch. Ich zählte drei Schreibtische, von denen zwei besetzt waren. Außer der Dame, die uns herein gebeten hatte, saß in einer Ecke ein älterer Mann über eine Schreibmaschine gebeugt da. Als wir uns näherten, schaute er kurz auf, rückte leicht irritiert seine randlose Brille zurecht und widmete sich dann weiter dem Text, den er gerade bearbeitete. Rund um seine Schreibmaschine lagen Aktenberge und verschiedene Fotografien. Die Lampe brannte, obwohl der Raum lichtdurchflutet war. Die beiden anderen Tische sahen kaum besser aus. An einer Pinnwand hing der Entwurf einer Zeitung. Ausgeschnittene Fotografien und Textbeiträge waren zu einer Titelseite zusammengepinnt. Eine komplette Wand war mit Büchern, meist Lexika gefüllt, eine andere mit Ordnern. Irgendwo klingelte ein Telefon.

„Da muss ich ran gehen“, meldete sich jetzt die ältere Dame, schob uns mit einem Lächeln in das Büro und zog die Tür hinter uns zu.

Jörg saß an seinem Schreibtisch und las einen getippten Text. Als wir sein Büro betraten, schaute er auf und lächelte uns an. „Inken und ihre Rasselbande“, grinste er, „bitte bring eine interessante Geschichte mit. Ich sterbe vor Langeweile. In diesem Kaff ist nichts los. Setzt Euch. Ich besteche Euch zur Not mit Schokolade“ „Also Margit hat da so ein Schulprojekt“, begann Inken. Genervt drehte er die Augen zu Decke, „Etwas Spannendes Inken. Oder du Alice, du siehst aus, als hättest du eine phantastische Idee für eine tolle Titelgeschichte.“ Er schaute mich an und wartete. Er war kein hübscher Mann. Lange nicht so hübsch wie mein Mitschüler. Aber er hatte etwas Eindringliches in seinen Augen. Und irgendwie hätte ich mich schlecht gefühlt, wenn ich ihn angeschwindelt hätte.

Also begann ich zu erzählen. Erst stockend und stotternd berichtete ich von der besagten Nacht und dem, was wir bisher erfahren hatte. Ich endete atemlos mit der Bitte, uns in den Archiven umsehen zu dürfen.

Es war still im Raum. Ich spürte die erstaunten Blicke der Mädels in meinem Rücken. Jörg sah mich an und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Wahnsinn“, stöhnte er, “ Das ist doch einmal eine Story. Ich glaube nicht, dass sie es auf die Titelseite schafft oder überhaupt in die Zeitung. Aber ihr Süßen versüßt mir den Tag.“ Mit wenigen Handgriffen räumte er Platz auf seinem Schreibtisch frei und holte einen Block aus seiner Schublade. Er notierte einige seltsame Zeichen und Inken raunte mir besserwisserisch zu: „Stenografie“. Dann schaute er uns an und verkündete: „Ich hoffe, ihr habt nicht eure besten Klamotten an. Das Archiv ist dreckig und staubig und es gibt Spinnen so groß wie Hofhunde. Aber wenn wir fündig werden, dann dort.“ Mit diesen Worten stand er auf und scheuchte uns durch seine Tür. Wir gingen eine schmale Treppe hinunter, die vor einer großen Stahltür endete. Jörg zog einen großen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete das widerspenstige Schloss. „Wir sind nicht so häufig hier unten“, erklärte er. Er schob die schwere Tür auf und drehte einen altmodischen Bakelitschalter neben der Tür. Leuchtstoffröhren flammten zögernd auf und tauchten den Raum in kaltes Licht. Vor unseren Augen erschien ein riesiger Kellerraum, gespickt mit raumhohen Regalen. Dazwischen standen große leere Tische, die separat beleuchtet wurden. In den Regalen lagen große Kartons, auf denen Jahreszahlen vermerkt waren. Und in einer Ecke stand ein seltsames Gerät mit einem Bildschirm.

„Deine Oma, entschuldige Uroma hat etwas vom 1. Juli 1895 gesagt. Und, dass Katharina das erste der verschwundenen Kinder gewesen sei. Also fangen wir da an. Ich lese mir erst einmal den Artikel durch und dann suchen wir weiter.“ Er führte uns in einen hinteren Bereich, der mit Sicherheit seit ewigen Zeiten nicht mehr betreten worden war. Dann wählte er einen Karton aus und stellte ihn auf einen der Tische. In dem Karton waren Zeitungen zu Büchern gebunden. Diese hier waren alt und vergilbt. Die Schrift erinnerte mich an die Zeitungsausschnitte von Oma Hanni. Er hob einen Packen heraus und blätterte die alten brüchigen Seiten um. Margit begann zu husten. „Das ist ziemlich staubig, ich weiß. Haltet ein wenig Abstand.“ Routiniert begann er zu blättern und hatte auch bald die gesuchte Ausgabe gefunden. Eine Weile vertiefte er sich in den Text. „Stark“, sagte er. „Diese Stadt birgt offenbar eine Menge interessante Ereignisse.“ „Was steht da?“ wollte Inken wissen „Wir können das nicht lesen.“ „Das werdet ihr im Laufe der Recherche schon lernen“, grinste er, „Im Prinzip nur das, was Margits Oma erzählt hatte.“ „Den ersten Fall haben wir gefunden“, warf Margit ein, „aber wo suchen wir weiter?“ und wies mit der Hand auf die schier endlosen Regale. „Da muss der Jounalist zu Fuß gehen“, entgegnete Jörg, “ das heißt, dass wir herausfinden müssen, wann das nächste Kind verschwunden ist.“

„Wir müssen also alte Leute fragen?“, warf ich ein. Jörg lächelte mich an, „Genau das.“

Alice

To be continued….

Fortsetzung Alte Leute

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Katharina die Zweite

Fortsetzung von Katharina

Der heiße Sommertag endete mit einem phantastischen Sonnenuntergang. Ich hatte mich durch das kleine Fenster wieder ins Haus geschlichen. Die Tür war offen. Meine Mutter hatte einen Nachschlüssel für den Raum, den sie sicher in ihrem Makeup-Köfferchen verwahrte. Mein Vater war inzwischen zur Nachtschicht gefahren. Dann würde sich der Ärger über die späte Heimkehr wenigstens in Grenzen halten. Ich hörte das Brummen der Heißmangel und den Fernseher aus dem Wohnzimmer. Meine Mutter war wohl mit der Bettwäsche beschäftigt. Ich schaute kurz rein und sagte Bescheid, dass ich direkt ins Bett gehen werde. Ein ärgerlicher Blick traf mich. „Wo warst du den ganzen Nachmittag?“ „Bei Margits Oma, wir haben ihr ein wenig Gesellschaft geleistet.“ „Und wahrscheinlich jede Menge Kekse gegessen“, erwiderte sie missbilligend. „Du solltest wirklich weniger Süßigkeiten naschen. Bald muss ich dir neue Hosen kaufen. Geh jetzt ins Bett.“ Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Ich schloss leise die Tür.

Mein Zimmer war immer noch sehr warm. Ich kletterte auf meinen Schreibtisch und zog die langen Gardinen beiseite. Dann öffnete ich das Fenster weit und packte ein paar Bücher davor, dass es nicht zuschlagen konnte.  Ich setzte mich und kramte ein altes Schulheft hervor. Sorgfältig schrieb ich alles auf, was Margits Uroma erzählt hatte. Das Heft verbarg ich in meinem Geheimversteck. Hinter meinem Bett war die Wand vertäfelt. Ein Brett ganz am Rand hatte sich gelöst und ließ sich um ein paar Zentimeter zur Seite schieben. In dem schmalen Hohlraum dahinter waren alle Dinge verborgen, die meine Mutter nicht finden sollte. Außer dem Foto eines Mitschülers, in den ich ein bisschen verknallt war, und ein paar für Margit geklaute Zigaretten war da noch eine halbaufgegessene Tafel Schokolade und mein gespartes Taschengeld. Das Schulheft passte gerade noch hinein. Nachdem das Brett wieder an seinem Platz war, löschte ich das Licht und legte mich auf mein Bett. Ich war unendlich müde und gleichzeitig total aufgekratzt. Ein bisschen Angst hatte ich auch. Was wäre, wenn mich dieses Etwas wirklich holen würde? Wo war Katharina? Würde mich hier überhaupt jemand vermissen, wenn ich weg wäre? Vielleicht würden meine Eltern dann eine neue Tochter bekommen, die ihnen etwas besser gefallen würde. Mehr so eine wie meine Klassenkameradin Klara. Zu ihr war meine Mutter immer supernett. Sie war blond und schlank und sehr gut erzogen. Gegenüber den Erwachsenen zumindest. Mich quälte sie immer, sobald wir alleine waren. Oder sie erzählte Lügen über mich und dann lachten alle.

Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich erwachte, war es immer noch dunkel. Da war ein Geräusch gewesen. Ich kletterte aus dem Bett und pirschte mich an das offene Fenster heran. Auf der Fensterbank saß eine kleine schwarze Katze. Sie schnurrte leise als ich sie anlockte und lief unter meiner streichelnden Hand hin und her. Ohne Widerstand ließ sie sich hochnehmen und kuschelte sich in meinen Arm. Ich nahm sie mit ins Bett und sie schlief auf meiner Brust ein.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, stand die Sonne hoch am Himmel. Die kleine Katze war verschwunden und hatte nur ein paar schwarze Haare in meinem Bett zurückgelassen. Ich würde Katzenfutter kaufen müssen. Vielleicht käme sie mich ja wieder besuchen.

Ich zog mich rasch an und ging in die Küche. Meine Mutter und mein Bruder frühstückten gerade. Ich setzte mich dazu und nahm mir ein paar Cornflakes. Da wir alle Morgenmuffel waren, blieb mir wenigstens ein Gespräch erspart. Mit einem „Ich geh zu Margit und Inken“ verabschiedete ich mich. Meine Mutter nickte und drückte ihre Zigarette aus. „Bleibt in der Straße“, sagte sie nur und leerte ihre Kaffeetasse.

Margit hatte tatsächlich schon etwas gefrühstückt als ich klingelte und durfte sofort los. Und auch Inken war schon wach und wartete mit Willi auf uns. Wir beschlossen uns zur Beratung in ihren Garten zurückzuziehen. Inkens Eltern hatten ein Riesenplanschbecken aufgebaut. Wir zogen uns Stühle an den Rand und hielten die Füße in das kühle Wasser. Willi tobte um uns herum. Ab und zu steckte er die Nase ins Becken und trank ein wenig.

„Ich habe angefangen, alles aufzuschreiben“, erzählte ich und kramte das Heft hervor, das ich morges noch aus meinem Versteck geholt hatte.

„Was für eine großartige Idee“, sagte Inken, „Aber jetzt brauchen wir noch mehr Informationen. Ich habe heute morgen mit Sabine gesprochen. Ihr Freund ist den ganzen Tag in der Redaktion auf der Steinstraße. Vielleicht können wir ihn besuchen und ein bisschen ausfragen. Die haben doch dieses Archiv.“ „Ich weiß nicht, ob ich mitkommen kann“, warf ich ein, „Meine Mutter besteht darauf, dass ich in der Straße bleibe.“ „Erzähl ihr doch, dass wir alle was für die Schule einkaufen müssen. Es sind nur noch zwei Wochen Ferien. Vielleicht darfst du dann mit.“

Ich dachte an die kleine Katze und an Katzenfutter. In der Stadt könnte ich heimlich welches kaufen. „Ich kann ja mal fragen“, entgegnete ich und stand auf. „Können wir uns bei mir treffen? Wenn ihr mich „abholen“ kommt, ist sie vielleicht eher bereit, mich gehen zu lassen.“

Ich spurtete nach Hause und erwischte meine Mutter in der Küche mit der Nachbarin tratschend. Die Luft war zum Schneiden. Beide rauchten Kette und hatten eine große Kanne Kaffee auf dem Tisch.

„Mama, kann ich mit Margit und Inken in die Stadt gehen? Wir brauchen alle Schulsachen. Die beiden passen auf mich auf und wir gehen ganz sicher nicht ins Feld.“

„Versprochen“, fügte ich noch hinzu. „Kannst du nicht erst Frau van Dyke begrüßen?“, fuhr mich meine Mutter an und fügte zu ihrer Freundin gewandt hinzu: „Entschuldige Hannelore.“ Ich wurde rot und gab der Nachbarin die Hand. Das hatte ja gut begonnen. „Was brauchst du denn? Ich gehe heute nachmittag sowieso einkaufen und kann dir alles mitbringen“, erkundigte sich meine Mutter. Ich sah schon meine Felle davonschwimmen. „Inken muss mir zeigen, was sie im letzten Jahr brauchte. Ich hab den Zettel verloren“, schwindelte ich und hoffte, dass meiner Mutter nicht klar war, dass Inken absolut keine Ahnung mehr hatte, was sie im letzten Jahr für die Schule brauchte. Kopfschüttelnd zückte sie ihren Geldbeutel und gab mir fünf Mark.

Da klingelte es. Ich ging zur Tür und signalisierte den beiden, dass ich mitkommen könnte. Rasch holte ich mein Fahrrad aus dem Schuppen und wir fuhren los.

„ich muss euch was erzählen“, begann ich, als wir um die erste Ecke fuhren. „Du hast es doch nicht wieder gesehen?“, erschreckte sich Margit. „Nein, alles gut“, beruhigte ich sie und dann erzählte ich ihnen von der kleinen Katze, die bei mir geschlafen hatte. Und das wir Katzenfutter würden besorgen müssen.

„Hast du ihr einen Namen gegeben?“, erkundigte sich Inken begeistert. „Noch nicht. Aber ich denke ich nenne sie Katharina, die Zweite. Sie ist am gleichen Tag aufgetaucht, wo deine Oma uns von ihr erzählt hat.“ „Wollen wir nur hoffen, dass es kein kleiner Kater ist“, lachte Margit, „der wird sich für den Namen bedanken.“

Wir lachten noch, als wir vor der Tierhandlung anhielten. Eine Glocke erklang, als wir die große Glastür aufdrückten. Der kleine Raum war erfüllt von Vogelgezwitscher. Mindestens zwanzig Kanarienvögel und Wellensittiche warteten in kleinen Käfigen, die von der Decke hingen,  auf mögliche Käufer. Kaninchen saßen in Drahtkäfigen, die übereinandergestapelt an der Seitenwand standen. Mitten im Raum stand ein großes Regal voller Tierfutter. Es verströmte einen atemraubenden Geruch nach Wiese und getrocknetem Fleisch. Inken flitzte sofort zu den Kaninchen und steckte den Finger in einen Käfig. Aus dem Hinterzimmer kam ein alter Mann. Er setzte seine Brille auf und musterte uns über ihren Rand. „Was kann ich für die Damen tun?“, grinste er und fuhr mit den Fingern durch sein weißes, schütteres Haar. „Ich brauche Futter für eine kleine Katze“, begann ich und legte das Fünfmarkstück auf die Theke. „Soso, dann wollen wir mal sehen. Ich hätte hier ganz phantastisches Dosenfutter mit Huhn und Rind. Oder einen Beutel Trockenfutter. Das riecht nicht so stark. Wenn die Katze noch sehr jung ist, musst du es aber mit Wasser einweichen.“

Ich hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, dass ich das Futter in meinem Zimmer würde lagern müssen. Meine Eltern würden mir die kleine Katze sicher nicht erlauben. Also entschied ich mich für das Trockenfutter. Glücklicherweise war es nicht so teuer, so dass auch noch ein paar Bleistifte und Schulhefte drin waren.

Nachdem wir auch diesen Alibieinkauf erledigt hatten, konnten wir endlich zur Redaktion fahren. Vor der Tür schlossen wir unsere Räder ab.

Ein bisschen eingeschüchtert standen wir vor der doppelflügeligen Glastür, über der mit großen Leuchtbuchstaben „Tagespost Lokalredaktion“ stand.

„Geh du vor Margit, das soll ja dein Schulprojekt sein“, schob Inken Margit vor. „Nein, du kennst ihn. Ihr seid praktisch verwandt“, erwiderte Margit und stellte sich hinter Inken. Ich schob die Tür auf und ging hinein. Eine ältere Frau mit Dutt und Nickelbrille sah von ihrer Schreibmaschine auf. „Ja?“, lächelte sie, „was kann ich für dich tun?“ „Ich möchte zu Herrn…“, da fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, wie Sabines Freund hieß. „Webers“, erklang es hinter mir. Die beiden hatten sich doch hineingetraut und standen jetzt grinsend hinter mir.

„Habt ihr einen Termin?“, erkundigte sich die ältere Redakteurin. „Äh…“, Inken errötete, „nein, aber er ist der Freund meiner Schwester und er hat versprochen, meiner Freundin Margit hier“ und dabei gab Inken besagter Freundin einen kräftigen Stups in den Rücken, „bei ihrem Schulprojekt zu helfen.“

„Oh, dann schau ich mal, ob er Zeit hat. Heute ist nicht viel los. Setzt euch mal da vorne hin und wartet einen Augenblick“ Sie stand auf und rückte ihr Kleid zurecht. dann verschwand sie durch eine Bürotür im hinteren Teil des Gebäudes.

To be continued…

Alice

Fortsetzung Das Archiv

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Katharina

Fortsetzung von Der Plan

„Wasch dir besser noch eben dein Gesicht“, sagte Margit zu mir während wir ins Haus gingen. So lange ich im Badezimmer beschäftigt war, mich wieder her zu richten, alberten Inken und Margit vor der Tür herum. Sie bildeten Ketten aus Tiernamen, wobei der nächste Name immer mit dem letzten Buchstaben des vorherigen Tieres beginnen sollte.
„Elefant“
„Tiger“
„Rentier“
„Robbe“
„Eisbär“
„Rauhaardackel“
„Ich weiß nichts, Moment“
„Luuuu…“ , wollte Margit helfen.
„Luftvogel?“ Inken kicherte.
„Langhaarkröte“ Margit prustete.
„Edelrosskastanienhamster“ Inken bekam kaum noch Luft.
„Rasenmäheredelschweinschaf“, sagte ich und öffnete grinsend die Tür. „Lasst uns hochgehen, ich glaube, es geht wieder. Meine Augen waren zwar noch etwas rot, aber ich hatte mein Gesicht gewaschen und die Zöpfe neu gebunden.

Margit nickte mir zu und ging voraus die steile Treppe hinauf. Vor der Wohnungstür ihrer Oma traten wir uns noch einmal gründlich die Füße ab. Margit klopfte. Wir hörten tippelnde Schritte und die Tür öffnete sich rasch. „Margit, meine Liebe, kommst du mich besuchen? Und du hast deine lieben Freundinnen mitgebracht. Rasch hinein mit euch.“ Wir folgten Margit durch die kleine Diele in ein helles Wohnzimmer. An der Tür hielt die alte Frau mich auf und schaute mir ernst ins Gesicht. „Schon wieder?“ Ich nickte und widerstand dem Impuls, mich an ihren Hals zu werfen. „Armes Hascherl“, flüsterte sie und strich mir über den Kopf.

Als wir alle auf dem grün gestreiften Sofa Platz gefunden hatten, fragte sie in die Runde: „Saft und Kekse?“ Grinsend nickten wir und sie verschwand in der Küche. Ich sah mich um. Allzu häufig war ich noch nicht hier oben gewesen. Es war ein kleiner Raum, der an zwei Seiten von Dachschrägen begrenzt war. Neben der Zimmertür stand ein kleiner schmiedeeiserner Kohleofen, der jetzt aber glücklicherweise nicht in Betrieb war. Das Sofa stand unter dem Fenster, dessen Fensterbank sich unter Dutzenden von rot und rosa blühenden Zimmerpflanzen geradezu bog. Sie verströmten einen süßlichen Duft, der mich ein wenig an Weihnachten erinnerte. An der nächsten Wand stand eine alte Anrichte aus dunklem Holz. Die Schranktüren waren seltsam gemasert und ich meinte Gesichter darin zu entdecken, wenn ich lang genug hinsah. Obendrauf standen dutzende von alten Fotografien in polierten Rahmen. Das größte in der Mitte zeigte ihren Mann, der vor einigen Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Auf dem Bild trug er eine seltsame Uniform und einen Helm mit Spitze. Außerdem einen gewaltigen dunklen Schnurrbart.

Ich stieß Margit an: „Dein Opa?“ und wies auf das Bild. „Nein, das ist mein Uropa und Oma Hanni ist meine Uroma. Hatte ich das nie erzählt? Na, ist ja auch egal. Meine richtige Oma saß bei dem Unfall mit meinem Opa im Auto und ist auch tot. Ich habe sie kaum gekannt. Seitdem wohnt Oma bei uns. Sie sagt immer: Besser als im Altersheim.“ Ich nickte. Das erklärte auch, warum sie so viel älter wirkte als meine Oma.

„Könnt ihr mal kurz helfen?“, rief sie aus der Küche. Margit stand auf und bedeutete uns ruhig sitzen zu bleiben. Kurz darauf erschien sie mit einem großen Tablett in der Tür, das sie auf den Glastisch in der Mitte stellte. Ich stand rasch auf und half, die schweren Gläser auf Untersetzern zu verteilen. Dazu kam ein Krug voller Apfelsaft und ein großer Teller selbstgebackener Kekse, die frisch aus dem Ofen zu kommen schienen und warm und verlockend dufteten. Oma Hanni kam jetzt auch, band die weiße Schürze ab und legte sie ordentlich über die Rückenlehne ihres großen Ohrensessels, der den Raum dominierte und nur ihr vorbehalten war. Sie richtete rasch ihr gelocktes, weißes Haar, strich ihr schwarzes Kleid glatt und setzte sich. „Was verschafft mir die Ehre eures Besuches?“, fragte sie in die Runde und nahm sich einen Keks. Mit einem Kopfnicken bedeutete sie uns, ebenfalls zuzugreifen. Die Kekse schmeckten so traumhaft wie sie rochen und sie waren tatsächlich noch warm. Margit begann kauend zu erzählen. Sie erzählte von meinem Erlebnis am Teich, der Suchmannschaft und der verlorenen Zeit. Dann bat sie mich, die Erscheinung zu beschreiben. Auch wenn wir uns nicht hätten vorstellen können, diese Geschichte jemals einem Erwachsenen zu erzählen, so kam es mir vollkommen in Ordnung vor, hier mit Saft und Keksen zu sitzen und dieser alten Dame mein Erlebnis zu schildern.

Als wir geendet hatten, nahm sie sich noch einen Keks und sah uns scharf an. Dann stand sie auf und ging in den Nebenraum. Wir hörten ihre tippelnden Schritte hin- und herlaufen, dann eine schwere Schranktür. Als sie wieder im Türrahmen erschien, hatte sie ein altes Fotoalbum in der Hand. Es war in dunkles Leder gebunden, das an vielen Stellen schon ganz abgegriffen aussah. Sie setzte sich mit einem Seufzen in ihren Lehnstuhl und öffnete das Album.

Von unserem Platz aus konnten wir sehen, dass es zahlreiche uralte Zeitungsausschnitte enthielt. Die Schrift sah komisch aus und erinnerte mich an einige Bücher, die mein Vater in seinem Schrank stehen hatte und die er noch von seinem Vater hatte.

Oma Hanni sah uns der Reihe nach an. dann räusperte sie sich und holte eine silberfarbene Nickelbrille aus ihrer Tasche. Sie putzte sie nachdenklich und setzte sie auf. Den obersten Zeitungsausschnitt reichte sie an Margit weiter. Wir schauten ihr neugierig über die Schulter. Auf der verblichenen Zeitungsseite war das Foto eines Mädchens abgedruckt. Sie mag ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Sie hatte lange dunkelbraune Locken und trug ein weißes Rüschenkleid. Die Schrift konnte ich nicht lesen, wohl aber die Jahreszahl. Die Zeitung war vom 1. Juli 1895.

Fragend schaute ich Oma Hanni an. sie lächelte und sagte: „Das ist, das war Katharina. Sie war das erste der verschwundenen Kinder. Wir besuchten zusammen die Schule und wir waren die besten Freundinnen. Eines abends war sie mit ihren Eltern spazieren, unten an der Niers, gar nicht weit weg von hier in der Nähe der alten Eisenbahnbrücke. Sie blieb etwas zurück und spielte am Wasser. Ich glaube ihre Eltern erzählten, sie hätte Steine springen lassen wollen. Nach einigen Minuten riefen sie sie und da war sie weg. Niemand hat sie je wieder gesehen. man hat die ganze Niers abgesucht. Hunderte Menschen wateten mit Stöcken durch das flache Wasser. Alle glaubten, sie sei rein gefallen und ertrunken. Aber man niemals etwas gefunden. Sie hat sich in Luft aufgelöst.

Es war so still im Raum, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Da bekam Inken einen Hustenanfall. Sie hatte sich zu viele Kekse in den Mund gestopft und versuchte nun verzweifelt die Atemwege wieder frei zu bekommen. Margit schlug ihr beherzt zwischen die Schulterblätter und nach einer Weile normalisierte sich ihre Gesichtsfarbe wieder.

„Und was passierte dann?“, wollte ich wissen.

„Die Zeitungen waren voll davon. Ihre Eltern waren reich und gingen auch von einer Entführung aus . Ich habe alles dazu gesammelt und auch selbst versucht, etwas herauszufinden. Aber ich war nur ein Kind und habe einfach versucht mit meiner Trauer klar zu kommen. “

„Und warum zeigst du uns das?“, fragte Margit, „Alice ist doch nicht verschwunden. Sie hat nur etwas gesehen und war eine Weile nicht zu finden.“

„Margit“, sagte Oma Hanni während sie uns die anderen Bilder und Zeitungsausschnitte zeigte, „Katharina und ich waren beste Freundinnen. Und in den Wochen bevor sie verschwand, hat sie einige Male genau das gleiche gesehen, wie eure Alice jetzt. Sie hat es nur mir erzählt, weil sie befürchtete, verrückt zu sein. Und auch ich habe es nur für Alpträume oder soetwas gehalten. Bis sie wirkich verschwand.“

Wir schwiegen. Ich bekam eine Gänsehaut und rutschte ganz nah an Margit heran. Sie legte mir beschützend den Arm um die Schultern. Inken kuschelte sich an meine andere Seite. Wir saßen da bis es dunkel wurde. Oma Hanni entzündete eine Kerze, sammelte schweigend die Zeitungsausschnitte ein und drängte uns zu gehen. Sie sei müde, sagte sie. Zum Abschied nahm sie uns alle kurz in den Arm. Mich drückte sie ein wenig länger und raunte mir ins Ohr: „Pass gut auf dich auf meine Kleine.“

To be continued…

Alice

Fortsetzung: Katharina die Zweite

 

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Der Plan

Fortsetzung von Sicherheitsverwahrung

Ein regelmäßiges Klacken weckte mich. Ich musste wohl eingeschlafen sein. Als ich mich aufsetzte, fiel das Buch von den fünf Freunden mit einem lauten Krachen auf den Boden. Das Geräusch kam vom Fenster. Ich stand auf und zog die gelben Vorhänge beiseite, die die Sonne nur unzureichend aussperrten. Ich konnte nichts erkennen, außer dass regelmäßig kleine Steine gegen meine Scheibe geworfen wurden. Mein Fenster ging zum Gang zwischen Haus und Garage hinaus. Links in meinem Blickfeld war ein großes schmiedeeisernes Gartentor. Und die Steine flogen darüber. Ich musste lachen. Margit hatte sich auf die Mülltonne gestellt. die rechts neben dem Tor stand und warf kleine Kieselsteine in meine Richtung. Als sie sah, dass ich sie entdeckt hatte, lachte sie und winkte mir zu. Ich gab ihr das Signal, dass ich raus kommen würde und zog meine Sandalen an. Ohne mich abzumelden zu verschwinden war heute keine sinnvolle Option. Ich ging in die Küche und erwischte meine Eltern beim Mittagessen.

„Setz dich“, sagte meine Mutter und füllte einen Teller mit Erbsensuppe. Samstag, ich hatte ganz vergessen, dass Eintopftag war. Mein Magen drehte sich um und mein Gesicht nahm wahrscheinlich die Farbe der Suppe an. Ich wollte mich gerade mit vorgetäuschter Übelkeit vom Essen abmelden, da sah ich in das Gesicht meines Vaters. Er fixierte mich gereizt. Die Schläfenader pochte und seine Kiefermuskeln waren so angespannt, dass sie sich wie schmale Stränge über seine Wangen zogen. Ich setzte mich rasch, dankte meiner Mutter und angelte mir ein Brötchen aus der Tüte. Jetzt war mir wirklich schlecht. Der Duft der Suppe ließ mich würgen. Tapfer senkte ich den Löffel in den grünen Brei und lutschte einen Miniklecks. Es war pure Selbstbeherrschung, dass ich mich nicht sofort übergab. Ich hatte ein fettiges Stück Fleisch erwischt, das getarnt zerkocht dort auf mich gelauert hatte. Ich biss rasch vom Brötchen ab und betete, dass ich die Kombination irgendwie in meinen Magen würde befördern können.

Mein Vater starrte mich immer noch an. Ich senkte den Blick um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Er schob ruckartig den halbvollen Teller von sich und zündete sich eine Zigarette an. Ich wagte nicht ihn anzusehen. An seinem Atem hörte ich, wie er innerlich kochte. Jetzt nur keinen Anlass geben.

„Was fällt dir eigentlich ein, uns so in Sorge zu versetzen“, begann er mit zischender Stimme. „Oje“, dachte ich und zog den Kopf ein, „das fängt nicht gut an…“ Mein Mund war trocken und ich griff nach dem Wasserglas. Ich musste jetzt sofort antworten und brauchte etwas zum Runterspülen. Außerdem schob ich immer noch das Stück fettes Fleisch in meinem Mund herum und es wollte partout nicht in meinem Magen wandern. Meine zitternden Finger rutschten ab und ich stieß das Glas um. Das Wasser ergoss sich über den Resopaltisch, in den Teller meines Vaters und auf sein Hemd. Er sprang auf und fing an zu schreien wie ein Tier. Meine Ohren dröhnten während er mir Beleidigungen an den Kopf knallte. Er wurde dabei immer wütender und riss die Besteckschublade des alten Küchenschranks auf. Mit einem Kochlöffel bewaffnet wollte er auf mich los, doch glücklicherweise war der Küchentisch zwischen uns. Meine Mutter tat – nichts. Sie saß nur da und wischte nervös mit einem Küchenhandtuch das Wasser weg. Ich nutzte den Augenblick Vorsprung und spuckte den zähen Klumpen zurück auf meinen Teller. Dann rannte ich in den kleinen Waschraum neben der Küche, warf die Tür hinter mir zu und dankte Gott dafür, dass der Schlüssel von innen steckte. Ich schloss gerade noch rechtzeitig ab, bevor mein Vater die Tür erreichte und sich mit Gewalt dagegen warf. Sein Brüllen hatte nichts Menschliches mehr. Dann begann er gegen die Tür zu treten. Ich war froh, bei dem ganzen Lärm, nicht die Worte zu verstehen, die er mir an den Kopf warf. Ich öffnete rasch das kleine Fenster am Ende des Raumes und kletterte hindurch. Geduckt rannte ich am hinteren Küchenfenster vorbei, um die Hausecke und durch das Gartentor. Dort saßen Inken und Margit grinsend auf den Mülltonnen. Ihr Lachen erstarb als sie mein bleiches Gesicht sahen. „Weg“, zischte ich. Sie verstanden sofort. Margit gab uns das Signal, dass wir in ihren Garten laufen sollten.

Wir rannten über die Straße, durch den gelben, gemauerten Torbogen und bis hinten auf die Rasenfläche. Mein Vater würde mir nicht folgen. Obwohl alle wussten, was für ein Tyrann er war, schreckte er doch davor zurück, mich in aller Öffentlichkeit anzugreifen. Ich glaube, er redete sich immer noch ein, dass niemand von seinen gewalttätigen Übergriffen auf seine Kinder wusste.

Schwer atmend ließ ich mich auf die Rasenfläche plumpsen. Die Beiden ließen sich links und rechts von mir nieder. Margit legte den Arm um mich und reichte mir ein benutztes Taschentuch. Erst jetzt merkte ich, wie sehr ich weinte. Eine Weile schwiegen wir.

„So, das reicht“, sagte ich und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Soll er doch wüten. Ich glaube, er weiß gar nicht, dass ich schon weg bin.“ Und bei der Vorstellung, dass er wie Rumpelstilzchen vor einem leeren Raum tobte, musste ich lachen. Vor dem Heimweg hatte ich keine Angst. Erfahrungsgemäß hatte er sich nach zehn Minuten wieder beruhigt und würde entspannt weiter essen. Er würde sich an diesen Ausbruch gar nicht mehr erinnern.

Margit und Inken lachten mit mir und wenn ich auch wusste, dass sie sich Sorgen um mich machten, so war uns doch allen bewusst, dass sie nichts tun konnten.

„Habt ihr was raus gefunden?“, lenkte ich die Stimmung in eine andere Richtung, „ich konnte nur mit meinem Opa sprechen und das war wenig ergiebig.“

„Meine Oma hat ihren Mittagsschlaf gemacht. Ich kann sie erst später sprechen“, ergänzte Margit, „aber wir können mal aufschreiben, was wir tun können, wen wir fragen können.“

Sie kramte einen kleinen Block und einen abgekauten Bleistift aus ihrer Tasche und schrieb ganz oben auf den Zettel: „Unser Plan“.

„Schreib auf“, diktierte ich, „Großeltern befragen, vielleicht auch ein paar von den alten Nachbarn hier.“ Margit notierte alles. Inken warf ein: „Was ist mit der Zeitung? Jörg arbeitet da und ich glaube, die haben auch ganz alte Zeitungen. Sie nennen das Archiv.“ „Das ist eine tolle Idee, Inken“, erwiderte Margit und schrieb es auf. „Was ist mit dem Museum für Stadtgeschichte?“, fragte ich. „Wir waren mal mit der Klasse da und sie haben haufenweise alte Legenden und Erzählungen in den Büchern dort. Wenn so etwas schon mal passiert ist, dann haben sie es vielleicht auch da aufgeschrieben.“

Margit notierte. „Aber wie erklären wir den Leuten, warum wir das wissen wollen?“

„Du machst ein Schulprojekt“, fiel mir ein. „Du bist schon auf dem Gymnasium und da bekommt ihr bestimmt auch mal Aufgaben über die Ferien.“ Margit sah mich zweifelnd an. „Ich bin in der sechsten Klasse. Da bekommen wir sowas noch nicht auf.“ „Aber das weiß doch keiner“, entgegnete ich.

Margit grinste. „Okay, so machen wir das. Wo fangen wir an?“

„Meine Oma kommt um vierzehn Uhr nach Hause“, warf ich ein, „aber ich würde gerne außerhalb unseres Hauses beginnen.“

Margit blickte zu ihrem Elternhaus hinüber. Dort wurden gerade die Rolläden im Dachgeschoss hochgezogen. „Meine Oma ist wach. Habt ihr Lust auf Kekse und Gruselgeschichten?“

To be continued...Katharina

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Sicherheitsverwahrung

Fortsetzung von
Wie alles begann
Wie es weiterging…
Die Mädels und ich…
Der Treffpunkt

Wir saßen noch eine Weile zusammen, während die Kerze, deren Flamme man an diesem hellen Sommertag kaum sehen konnte, zwischen uns brannte. Inken löste als erste den Kreis und schaute auf ihre Armbanduhr. „Scheiße! Ich hab ganz vergessen, dass ich nachher mit meiner Mutter zum Einkaufen muss. Sollen wir uns heute mittag wieder treffen?“ Margit löschte die Kerze und stand auf. „Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee. Wenn wirklich schon mal so etwas hier passiert ist, bekommen wir das nicht heraus, wenn wir hier sitzen. Ich frage nachher mal meine Oma. Wenn jemand etwas weiß von solchen Dingen, dann sie.“

Margits Oma war schon sehr alt und hatte ihr ganzes Leben in dieser kleinen Stadt verbracht. Sie wusste praktisch alles, was hier eimal passiert war. Und auch wenn sie manchmal nicht mehr wusste, welcher Wochentag war oder immer noch glaubte, Adenauer sei Bundeskanzler, waren ihre Erinnerungen an ihre Jugend erstaunlich präzise. Auch meine Oma war hier aufgewachsen. Sie hatte weniger Interesse an alten Geschichten oder mir, aber sie arbeitete noch in der alten Nährmittelfabrik im Feld.

Inken erhob sich ebenfalls und verstaute ihr Sitzkissen. Sofort stand Willi schwanzwedelnd neben ihr. „Was für eine tolle Idee. Lasst uns recherchieren“, grinste sie. Ihre große Schwester war seit kurzem mit einem Journalisten zusammen und wir hatten den Verdacht, dass Inken ein bisschen in ihn verknallt war. Sie redete dauernd davon, was für einen tollen Job er hat und ließ gerne Fachausdrücke fallen, von denen sie wahrscheinlich selbst nicht genau wusste, was sie bedeuteten.

„Genau“, grinste ich und fühlte mich schon viel wohler, „lasst uns recherchieren.“ Wir drei würden schon rausfinden, was das für eine seltsame Erscheinung war. Meine Angst wich einer freudigen Erwartung und als wir uns auf den Heimweg machten, waren wir fast so ausgelassen wie sonst auch an einem heißen Sommertag, wenn Ferien waren. Und wir hatten ein spannendes Rätsel zu lösen. Dass ich mittendrin steckte, erschreckte mich nicht mehr. Mit meinen Mädels an meiner Seite konnte mir nicht passieren.

Vor meinem Haus verabschiedeten wir uns voneinander und verabredeten uns für den frühen Nachmittag am Treffpunkt. Margit wollte was zum Schreiben mitbringen, ich war für den frischen Sprudel zuständig und Inken wollte ein paar Süßigkeiten organisieren.

Als ich das Haus betrat und in die Küche ging, saß meine Mutter rauchend am Küchentisch. Der Aschenbecher war überfüllt und man konnte die Luft schneiden. Ihre Hände zitterten und man sah, dass sie geweint hatte. „Wo warst du?“, herrschte sie mich an. „Ich war mit Margit und Inken im Feld. Wir haben gespielt“, entgegnete ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. „Bist du verrückt?“, fing sie an zu schreien und kam auf mich zu, „Ich habe Todesängste ausgestanden. Du warst verschwunden und kaum bist du wieder da, tust du so, als wäre nichts passiert. Willst du mich ins Grab bringen? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Du bleibst jetzt zu Hause. Spielt im Garten oder in deinem Zimmer. Schluss mit den Ausflügen. Ich will ab sofort genau wissen, wo du gerade bist.“ „Aber…“, setzte ich an, doch meine Mutter unterbrach mich sofort: „Keine Widerrede. Du bist viel zu jung, um dich rumzutreiben. Ich will doch nicht, dass dir was passiert. Du sagst mir ab sofort ganz genau, wo du gerade bist. Du bleibst hier in der Straße. Punkt.“ Ich schwieg. An dieser Stelle gab es keinen Spielraum zu diskutieren. Ich kannte das schon. Am Ende käme sie wieder mit meiner Undankbarkeit, der Nervenklinik oder ihrer neusten Drohung, dem Kinderheim. Diese Druckmittel machten mir mehr Angst als der Schemen, den ich gesehen hatte. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn er mich dauerhaft mitgenommen hätte.

Sie setzte sich, zündete eine neue Zigarette an und weinte ein bisschen. Das konnte ich gar nicht haben. Also stimmte ich zu und nahm sie in die Arme. „Ist gut, Mama. Natürlich bleibe ich hier. Mach dir bitte keine Sorgen mehr.“ Sie schniefte noch ein bisschen, etwas zufriedener jetzt. Mir war unwohl. Und ich musste den Mädels mitteilen, dass ich auf unbestimmte Zeit nicht zum Treffpunkt kommen würde. Was für ein Mist.

Da fiel mir unser Rechercheauftrag ein. „Ist Oma da?“, fragte ich. „Nein, sie arbeitet heute bis zwei“, entgegnete meine Mutter. „Aber dein Opa ist im Garten. Frag doch, ob du ihm mit den Kaninchen helfen kannst.“ Wenig begeistert nickte ich. Mein Opa war nicht mein richtiger Opa. Er war der zweite Mann meiner Oma, die ihren ersten im Krieg verloren hatte. Dieser hier hatte mit mir wenig am Hut. Er züchtete Kaninchen und schlachtete sie regelmäßig. Dabei mochte ich heute ganz bestimmt nicht zusehen.

„Ist gut“, sagte ich, „Ich sag den Mädels aber noch kurz Bescheid, dass ich zu Hause bleibe. Dann bin ich im Garten.“ Ich machte einen kurzen Umweg über mein Zimmer und schrieb den beiden eine kurze Notiz, dass sie zu mir kommen sollten. Die warf ich in die Briefschlitze ihrer Haustüren und ging dann in unseren Garten.

Glücklicherweise war heute wohl kein Schlachttag. Mein Opa fütterte die Kaninchen und machte ihre Ställe sauber. Als er mich sah, drückte er mir eine kleine Schaufel in die Hand und wies auf einen der gemauerten Ställe im hinteren Schuppen. Tausende Fliegen summten in dem kleinen Raum, der nach Mist stank. Ich würgte. Tapfer öffnete ich eine Stalltür und zog das verdreckte Streu mit der Schaufel in einen Eimer. Dann legte ich neues Stroh nach und schloss die Tür.

„Wie lange lebst du schon hier?“, versuchte ich ein Gespräch in Gang zu bringen. „Ich bin hier geboren“, brummte er, „Mach das ordentlich.“

„Hast du schon mal was von verschwundenen Kindern gehört?“, bohrte ich weiter während ich mich tapfer an den nächsten Stall machte. Der Rammler fauchte mich an. Das waren keine Kuschelkaninchen. Ich wich den zwickenden Zähnen aus und kratzte den Kaninchenmist aus den hinteren Ecken. „Nee“, antwortete er nach einer längeren Pause, schloss die letzte Stalltür und trug den Eimer mit dem Mist zum Komposthaufen. Gespräch beendet. Das lief ja phantastisch.

Ich ging ins Haus um mir die Hände zu waschen. Aus der Küche hörte ich Klappergeräusche, meine Mutter bereitete das Mittagessen zu. Sonst war alles ruhig. Ich ging in mein Zimmer und schnappte mir ein Buch. Sonst waren die fünf Freunde eine gute Ablenkung. Doch ich fühlte mich eingesperrt und konnte mich nicht auf die Geschichte konzentrieren. Hoffentlich hatten die Mädels mehr Glück.

To be continued…

Alice

Weiter geht es mit Der Plan

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Der Treffpunkt

Fortsetzung von
Wie alles begann
Wie es weiterging…
Die Mädels und ich…

Wir rannten los. Vorbei an den Siedlungshäusern bis ans Ende der Straße, dann rechts und immer geradeaus. Auf halber Strecke machte ich schlapp. Ich war nicht nur die Jüngste, ich war auch ein bisschen pummelig und meine Kondition war nicht die Beste. Außerdem hatte ich wenig geschlafen. Margit und Inken drosselten sofort ihr Tempo, als sie merkten, dass ich nicht mehr mitkam. Nur Willi rannte weiter bis er einen Hasen erspähte, der uns auf dem Feld entgegenkam. Dann machte er eine Kehrtwende, dass der trockene Sand hochstob und jagte den Hasen ins Kornfeld hinein. „Willi! Hierher!“, brüllte Inken. Doch der Hund hatte gerade Besseres zu tun. Gernervt stöhnte Margit auf „Du solltest ihn an die Leine nehmen, wenn er nicht hört!“

„Blabla“, entgegnete Inken, „Er hört doch. Nur es interessiert ihn gerade nicht. Er wird schon zurückkommen, wenn ihn der Hase genug an der Nase herumgeführt hat.“

Wie setzten uns an den Straßenrand und warteten. Ohne den gnädigen Schatten eines Baumes war es unerträglich heiß. Endlich raschelte das Feld hinter uns und Willi kam herausgesprungen. Glücklich hechelnd und das Fell voller Kletten umringte er uns schwanzwedelnd. „Guter Junge“, lobte Inken ihn halbherzig, stand auf und gab uns das Signal, dass wir weiterkonnten. Erfahrungsgemäß war Willi mit einer Jagdeinheit pro Ausflug zufrieden. Er war auch nicht mehr der Jüngste.

An der neuen Kläranlage bogen wir links ab und kletterten über den Weidezaun. Die dort grasenden Milchkühe würdigten uns keines Blickes. Die meisten von ihnen lagen sowieso entspannt unter dem einzigen großen Baum auf ihrer Weide, der etwas Schatten spendete. Am Ende der Wiese mussten wir noch einmal klettern, uns dann durch ein dichtes Gebüsch quetschen und dann waren wir da. Die alte Eisenbahnbrücke war mittlerweile nur noch eine Ruine. Irgendwann vor einigen Jahrzehnten war dort eine Schmalspurbahn gefahren, die ein Lebensmittelwerk mit dem Bahnhof verband. Heute hatten LKWs den Transport übernommen. Die Gleise waren mittlerweile abgebaut oder geklaut und nur wenige Holzschwellen rotteten auf der verrosteten Stahlkonstruktion vor sich hin. Die Auflager waren gemauert und von Efeu überwachsen. In ihrem Schatten war es angenehm kühl. Dort war unser Treffpunkt.

Anfang des Sommers war in der Nachbarschaft Sperrmüll gewesen. Inken hatte die großartige Idee, ein paar alte Sofakissen und einen Stuhl abzustauben und damit unseren geheimen Platz etwas wohnlicher zu gestalten. Außerdem hatten wir ein paar Sprudelflaschen, eine Kerze und zwei alte Wolldecken gebunkert. Und Kekse – für Notfälle.

Jetzt wühlten wir die Kissen aus ihrer wettergeschützen Ecke und verteilten sie auf dem Boden. Wir setzten uns und Willi legte sich unter eine alte Erle, die alles überspannte und uns vor neugierigen Blicken schützte, wenn sich doch einmal jemand hierhin verirren sollte. Die Beiden sahen mich auffordernd an. „Leg los“, sagte Margit und reichte mir eine der Sprudelflaschen. Ich trank einen Schluck und reichte die Flasche weiter.

„Ich hab nicht geschlafen“, begann ich, „ich war die ganze Zeit da und hab am Teich in unserem Garten gesessen.“ Und dann erzählte ich von dem, was mir im Mondlicht erschienen war, der für mich wahrgenommenen Zeit und meiner Verwunderung, dass ich wohl über Stunden nicht aufzufinden war.

Als ich zuende erzählt hatte, blickte ich in verstörte Gesichter. Beide schwiegen. Margit zog mit zitternden Fingern eine verbeulte Metalldose aus ihrer Tasche und holte eine halbaufgerauchte Zigarette heraus. Sie brauchte drei Anläufe, um das Streichholz zu entzünden. Dann nahm sie einen tiefen Zug, atmete ihn aus Versehen ein und bekam einen furchtbaren Hustenanfall. Inken reichte ihr die Wasserflasche. „Danke“, japste Margit, krebsrot im Gesicht und nahm einen tiefen Schluck. Sie räusperte sich: „Geht schon.“

„Wissen deine Eltern davon?“, fragte Inken. „Nein, sie würden mir sowieso nicht glauben“, entgegnete ich, „mein Vater würde ausrasten und mich nicht mehr raus lassen und meine Mutter würde einen Nervenzusammenbruch erleiden. Ihr wisst doch, wie sie sind.“ Von uns dreien hatte ich wirklich das große Los gezogen, was das Elternhaus anging. Meine Mutter hatte das Nervenkostüm einer Hausmaus. Sie machte sich um alles Sorgen und hätte mich sowieso am Liebsten in Watte gepackt in einem Wandschrank eingeschlossen. Dass ich überhaupt losziehen durfte mit meinen Mädels, lag daran, dass Margit einiges älter war und den Ruf hatte, sehr verantwortungsbewusst zu sein. Es durfte allerdings nichts passieren. Dann gab es ein großes Geschrei und ich durfte mir anhören, wie gefährlich das Leben sei, wie groß ihre Sorge um mich und dass ich sie mit Sicherheit ins Grab oder in die Nervenheilanstalt bringen würde. Mein Vater dagegen war ein Choleriker. Im Prinzip interessierte er sich nicht für uns Kinder. Wir sollten leise und unsichtbar sein. Wenn möglich, hielt ich mich deshalb am liebsten außerhalb des Hauses auf, wenn er da war. War ein Zusammentreffen nicht zu vermeiden, achtete ich penibel darauf keinen Fehler zu machen. Je nachdem wie seine Laune gerade war, konnte ein Krümel auf dem Boden einen Anfall auslösen. Dann brüllte er mich an, machte mich runter und schlug auch schon mal zu. Mittlerweile kannte ich die Anzeichen für einen drohenden Ausbruch ziemlich gut. Wenn er beim abendlichen gemeinsamen Fernsehen wie eine Dampflok an seiner Zigarette zog, verzichtete ich lieber auf die Sendung und verkrümelte mich mit einem Buch im Bett.

Die beiden verzogen das Gesicht. „Okay, von der Seite können wir keine Hilfe erwarten“, sagte Inken und schaute mich mitleidig an. Sie legte mir eine Hand auf den Arm und drückte aufmunternd zu. Ich war so glücklich, dass sie nicht einen Augenblick an mir zweifelten.

„Zuerst einmal müssen wir herausbekommen, was das eigentlich war“, begann Margit und ihre Augen blitzen auf, „ich kann mir nicht vorstellen, dass soetwas noch nie vorgekommen ist.“

Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. Ich hatte den beiden erzählt, dass ich keine Angst gehabt hatte und auch, dass der Schemen mir sehr alt vorgekommen war. Also würde es sicher noch andere Menschen geben, die ihm begegnet sind.

Margit stellte mit Schwung die Sprudelflasche ab, erhob sich und holte die Kerze. Sie hatte einen Hang zur Theatralik. Deswegen wunderten wir uns nicht, dass sie das Licht in unserer Mitte entzündete und uns aufforderte uns an den Händen zu fassen.

„Wir schließen einen Pakt“, begann sie, „es kann nicht sein, dass Alice damit alleine gelassen wird. Wir finden heraus, wer ihr begegnet und was mit ihr passiert ist.“

Aufmunternd nickte sie mir zu. „Du bist nicht allein“, lächelte sie mich an.

To be continued…Sicherheitsverwahrung

Alice