Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Inspiration

oder – Die Kehrseite

Ich bin wahnsinnig gerne kreativ. Ich schreibe gerne, male, zeichne, fotografiere, einmal die ganze Speisekarte rauf und runter.

Es kommt sehr selten vor, dass mir nichts einfällt, dass nicht irgendein Bild, ein Satzfragment, ein Mensch beim Einkaufen oder ein achtlos hingeworfener Satz mein Gedankenkarussel zum Drehen bringt.

Gut, 90 Prozent fallen wegen Nichtigkeit und Zeitmangel weg und manchmal ist eine dumme Idee eben nur eine dumme Idee. Aber dann hat das drüber Nachdenken zumindest ein Lächeln oder fieses Grinsen ausgelöst. Ist ja schon mal was.

Aber auch ich kenne Dürreperioden, Zeiten, an denen ich jede Idee doof finde, mir nichts einfällt oder – was am Schlimmsten ist – aus guten Ideen einfach nichts Gutes werden will. Anzufangen, um nach wenigen Minuten genervt aufzuhören, etwas anderes zu beginnen, um zuzusehen, wie es unter den Händen abstirbt, das geht mir manchmal ganz schön an die Nieren. Dabei lebe ich nicht davon, muss nichts davon tun. Und doch ist es irgendwie ein Lebenselexier.

Was ist aber eigentlich Inspiration, Muse, Eingebung, Idee? Wo kommt sie her, wo geht sie hin, wenn sie verbraucht ist?

Die alten Griechen haben eine Göttin dafür kreiert, oder besser gesagt, einen ganzen Stall davon. Für jede Kunstform gab es einen Extraengel, der dem (meist) armen Künstler die Ideen einflüsterte, sie sozusagen mit einem Kuss einhauchte. Und dann lief es wieder. Zumindest solange der Künstler die Muse gut behandelte.

Für manche Schöpfende ist ein Mensch die Muse. So hatte Dali seine Gala, Picasso seine Dora Maar, Alphonse Mucha seine Sarah Bernhardt. Ich hab meinen Muserich und meine Musenkinder. Wenn bei uns geredet wird, liegt immer Blödsinn in der Luft, Ideen tropfen von der Decke und müssen nur aufgefangen und vor allem behalten werden.

Aber auch eine Zeitungsmeldung, eine Fotografie, eine Werbeanzeige, ein seltsam gekleideter Mensch in der Fußgängerzone oder eben die Horden an Normalos können inspirierend sein. Und hat sich so eine kleine fiese Idee erstmal auf meine Nase gesetzt, werde ich sie so schnell nicht mehr los. Sie spukt dann, sofern sie nicht von einer besseren vertrieben wird, in meinem Kopf herum, wird gedreht, gewendet, gefüttert, bis sie groß, fett und geburtsreif ist.

Sie kann aber auch überaus anstrengend sein, vor allem, wenn man gerade keine Zeit für sie hat. Dann meldet sie sich alle paar Minuten, fragt erst freundlich, später deutlich genervt: „Jetzt?“ und kratzt so lange an den Hirnwindungen, bis man sich Zeit genommen hat oder sie zumindest grob notiert hat.

Wenn alles gut geht, sitzen wir dann später gemeinsam vor dem verfassten Text, der Zeichnung, dem Bild, lächeln uns an und sind zufrieden. Manchmal sagt sie dann: „Weißt du noch…“ aber das muss nicht sein. Ich öffne dann schnell das Fenster, um sie wieder frei zu lassen, andere zu beglücken oder einfach nur eine Weile bei ihnen herumzuspuken.

Alice

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ABC- Etüden – Das Huhn und der Stern

Zu den ABC-Etüden bei Christiane. Die Wortspende kam diesmal von Wortgeflumselkritzelkram.

300 Worte, in denen die Begriffe “ Lesezeichen“, “ altersschwach“ und „hüpfen“ vorkommen. Textform und Genre egal…

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in einem fernen Land ein Mädchen. Es war arm, klein und unglaublich hässlich. Das winzige Häuschen, in dem sie lebte, teilte sie sich mit einem altersschwachen Huhn, das genau wie sie klein und unglaublich hässlich war.

Eines Tages sollte der König in die Stadt kommen. Es wurden Soldaten los geschickt, die dafür sorgen sollten, dass die Straßen geschmückt und alles hübsch, ordentlich und sicher war. Leider entsprachen weder das Mädchen noch das Huhn den Ansprüchen an Ästhetik.

Als also der König durch die Straßen zog, stand das Mädchen in seiner Hütte, hielt das Huhn auf dem Arm und hüpfte vor dem Fenster auf und ab, um einen Blick auf den prachtvollen Umzug zu erhaschen. Sie war so traurig und wütend, dass sie nicht wie alle anderen an der Straße stehen und jubeln durfte, dass sie fast durchdrehte. In ihrer Verzweiflung griff sie sich das Lesezeichen aus ihrem aktuellen Lieblingsbuch, faltete einen Wurfstern aus dem festen Papier und warf ihn mit Schwung auf die Königskutsche. Der Stern durchschlug das Dach der Kutsche und fuhr tief in den Schädel des Königs hinein. Er war sofort tot.

Das kleine hässliche Mädchen erschrak furchtbar, schnappte sich das Huhn und flüchtete aus dem Küchenfenster. Es lief und lief bis es an einen kleinen Tann kam. Dort versteckten sie sich und lebten fortan von dem, was der Wald ihnen bot. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und falten Sterne.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Philosophisches, Psychokram

Tag 52/365 – Schlaflos

Der Kühlschrank und ich

Für Schlaflosigkeit gibt es viele Gründe. Ich leide schon mein ganzes Leben immer mal wiederkehrend unter dem 3 Uhr Problem. Frage ich meine Gynäkologin, schiebt sie es auf die Menopause und empfiehlt mir Hormone, mein Hausarzt setzt auf senile Bettflucht und mangelnde Schlafhygiene, ich schiebe es gerne auf den Vollmond, auch wenn der schon längst vorbei ist. Der durch die Grippe zerschossene Schlafrhythmus könnte auch eine Rolle spielen. Oder Stress, tatsächlich oder selbstgemacht.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß, dass ich im Laufe dieses Tages irgendwann einknicken werde und mir den nötigen Schlaf hole. Und ich weiß, dass ich die Stunden genieße, wenn alles schläft, ich hier ganz mit mir alleine bin, Kaffee, Kippen, Tablet und meine Gedanken reisen dürfen.

Alle Störgeräusche schweigen, das Ticken der Uhren ist das einzige, was ich hören kann. Und den Kühlschrank, der manchmal asthmatisch zu dröhnen beginnt, einen Regelkreis bedient, der mich momentan nicht interessiert. Thermodynamik, das war ein früheres Leben. Ich brauche es nicht mehr, in meiner Welt spielen viele Dinge, die einmal wichtig waren, keine Rolle mehr.

Wobei, bleiben wir doch ein wenig beim Kühlschrank. Neben der Mikrowelle ist er in einem Haushalt mit jungen Erwachsenen eines der wichtigsten Haushaltsgeräte. Er hält die Temperatur in einem abgeschlossenen Raum konstant, damit all die leckeren Dinge frisch und unverdorben gegessen werden können. Öffnet man ihn, dringt warme Luft hinein ( nie die kalte heraus, das fühlt sich nur so an, ein Wärmestrom fließt nur von warm nach kalt), die Temperatur im Innenraum steigt, ein Sensor schlägt Alarm, der Verdichter springt an, das Kühlmittel gibt Wärme an der Rückseite der Kältemaschine ab, wird entspannt, nimmt im Innenraum Wärme auf, wird verdichtet…usw. Ein Regelkreis eben, wir müssen uns nicht drum kümmern, alle Aktionen laufen automatisch, solange das Gerät intakt ist.

Unser Leben unterliegt auch solchen Mechanismen. Wir spüren sie nicht. Sie passieren vollautomatisch. Und viele dieser selbstregulierenden Mechanismen sind auch gut und wichtig. Sie sparen uns Energie, lassen uns ohne Nachzudenken reagieren, wenn etwas aus dem Lot läuft. Müttern brauche ich das nicht zu erklären. Wenn Kinder klein sind und noch nicht sprechen können, reagieren sie unbewusst auf nonverbale Signale und agieren angemessen. Mütter wissen automatisch, wann ein Kind essen muss, frische Windeln braucht usw. Auch in Gesprächen läuft vieles vollautomatisch. Wir regulieren unbewusst die Stimmung, das Thema, geben das, was von uns erwartet wird.

Und das geht noch weiter. Wir lassen uns beeinflussen von positiven oder negativen Aussagen, freuen uns, nehmen es als Ansporn oder ärgern uns. Und versuchen, unser kleines System stabil am Laufen zu halten. Wie den Kühlschrank eben, immer in der Wohlfühlzone.

Was ist aber, wenn der Regelkreis gestört ist? Wenn die Reaktion, die in uns, durch uns automatisch abläuft, nicht systemstabilisierend sondern -zerstörend ist? Wenn durch schädliche Prägung, schlechte Erfahrungen, Verletzungen die Signale falsch gedeutet werden und das System aus dem Ruder läuft?

Um es zu verdeutlichen. Der Sensor meiner Autoklimaanlage hat einen Knall. (Ist ja auch nur ein Kühlschrank) Er misst die Innentemperatur und soll eigentlich so lange regeln, bis der eingestellte Wohlfühlbereich erreicht ist. Mein Sensor misst aber manchmal Blödsinn. Da denkt er bei 30 Grad im Schatten, wir hätten tiefsten Winter und heizt, was das Zeug hält. Autofahren wird dann zur Tortur.

Genau wie unser Leben, wenn wir Signale nicht oder falsch deuten. Dann heizt sich die Stimmung auf, es wird ungemütlich, Streit entsteht und eigentlich weiß niemand, was da gerade passiert. Missverständnis sagen wir dann, falsche Signaldeutung sage ich.

Wie man da raus kommt? Weiß ich nicht genau, ich arbeite daran. Es ist schon mal ein erster Schritt, sich klarzumachen, dass nicht alles, was man meint zu verstehen, tatsächlich der Realität entspricht und manchmal nur ein defekter Sensor in unseren Köpfen spricht.

Der Kühlschrank hat schon lange nicht mehr gebrummt. Kein Wunder, nachts hat er auch kaum was zu tun. Außer denken.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Philosophisches, Psychokram

Tag 51/365 – Der Aufsteller

Was vom Leben bleibt

Ich habe jetzt zwei Wochen lang flach gelegen, so richtig, mit Fieber , Knochenschmerzen, Übelkeit und allem, was zu so einer Grippe dazu gehört. So langsam geht es mir besser, auch wenn ich mich im Bett noch wohler fühle als außerhalb. Eine Grippe ist nicht lebensgefährlich, sie ist aber auch nicht ohne. Für eine Weile fühlt man sich, als würde es niemals besser werden, egal wie viele Liter Hühnersuppe man in sich rein schaufelt und sich schont. Und irgendwann fragt man sich, ob es wirklich nur eine Grippe ist, die einen da niederringt. Ob es nicht vielleicht eine andere, fiese, bislang unerkannte Krankheit ist, die einem das Leben vergällt. Und ob sich jetzt endgültig das jahrelange Rauchen rächt, die schlechten Gedanken, das miese Karma.

Ich mache mir nicht allzu häufig Gedanken über den Tod, auch wenn er näher zu rücken scheint. Ich bin in einem gefährlichen Alter für gemeine Krankheiten. Einige Bekannte hat es bereits ereilt, einige, die ich kannte, sind schon daran verstorben. Es gibt Einschläge und sie kommen näher. Angst habe ich nicht, aber es stimmt mich nachdenklich, dass so etwas Unvorstellbares wie der Tod sich in meiner Nähe herumtreiben soll.

Zeit, einmal Zwischenbilanz zu ziehen, so mit 50, fast 51, vielleicht gar keine so absonderliche Idee.

Würde ich jetzt abtreten, dahingerafft von der Grippe oder einem Unfall oder sonstigem Undenkbaren, was wäre dann? Für die Kinder wäre es schrecklich, aber sie werden langsam groß. Sie wären einigermaßen finanziell abgesichert, so wirklich Sorgen müsste ich mir nicht mehr machen. Mein Mann würde hoffentlich kräftig trauern und dann irgendwann wieder glücklich werden. Man glaubt es nicht, aber wir verkraften es alle.

Bei mir in der Firma würde es einen Aufsteller mit meinem Bild geben, für eine Woche oder so. Und vielleicht würde mein Stammplatz aus Pietätsgründen eine Weile leer bleiben. Aber nicht lange. Irgendwann, nach einer Woche oder so, würde sich jemand drauf setzen, sich vielleicht für einen Moment erschrecken, aufspringen, sich wieder setzen und dann wäre es ganz normal.

Meine Stelle würde wieder besetzt werden und in einem Jahr wäre ich nur noch eine Erinnerung und eine geschlossene Personalakte.

Manche Menschen würden sich davon erholen, mich verloren zu haben, manche davon, mich gekannt zu haben.

Das klingt bitter? Nein, das ist nicht bitter. Das ist realistisch.

Was wünscht ihr euch denn? Abgesehen davon, ewig zu leben? Sollen alle, die ihr liebt, bis in alle Ewigkeit trauern? Soll in eurer Firma Halbmast geflaggt werden, eure Arbeit bis zum Sanktnimmerleinstag liegen bleiben? Soll man nur im Flüsterton mit gezücktem Taschentuch sich eurer erinnern? Das kann nicht euer Ernst sein.

Ich möchte noch lange leben, niemandem durch frühzeitiges Abtreten unerwartete Schmerzen verursachen. Wenn ich richtig steinalt bin und meine Lücke, die ich hinterlassen werden, klitzeklein geworden ist, ich nur noch die Omi bin, die man ab und an besucht, dann stehle ich mich weg. Und die, die bleiben, sagen dann, ein langes Leben, und sind nicht allzu traurig, vielleicht ein wenig erleichtert.

Das Leben geht weiter, egal wer abtritt ( Es sei denn, man ist es selbst) und das ist sehr gut so. Unsere Illusion der linearen Zeit hilft uns, damit klar zu kommen, es zu verarbeiten, voran zu schreiten ohne allzuviel zurück zu blicken.

Ich möchte noch so viel tun, so viel lernen, so viel ausprobieren.

Aber auch die, welche früh, viel zu früh gegangen sind, hatten Pläne, Träume, Wünsche für die Zukunft. Ich hoffe, dass sie sich einige noch erfüllen konnten, bevor sie auf dem Aufsteller landeten.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

ABC-Etüden – Das Monster

Zu den abc-Etüden bei Christiane. Die Wortspende kam diesmal von Wortgeflumselkritzelkram und lautet „Lesezeichen“, „altersschwach“ und „hüpfen“.

300 Worte, welche die oben genannte Wortspende beinhalten, Genre und Textform egal.

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzaday

„Lächerlich“, schreit sie und noch einmal „Lächerlich!“ Das letzte mit mindestens drei Ausrufezeichen. Er zieht den Kopf ein, mag nicht widersprechen, wenn sie so ist. Er hat es versucht, das letzte Mal. Es ist ihm nicht gut bekommen.

Er nimmt den Roman vom Nachttisch und schlägt ihn an der vom Lesezeichen markierten Stelle auf. Seine Augen lesen. Aber sein Hirn begreift die Worte nicht.

Sie stampft aus dem Zimmer. Sein Herz hüpft in seiner Brust. Verzweifelt hält er sich an dem Buchrücken fest, sucht Trost in den weichen Papierseiten.

Da reißt sie die Tür wieder auf, baut sich vor ihm auf in aller ihrer monumentalen Masse schnauft wie ein wildes Tier. Er kann das Glühen in ihren Augen sehen. Immer, wenn sie so ist, kann der das Glühen sehen. Und er hat Angst.

Wäre er jung und gesund, denkt er, würde er gehen. Er würde warten, bis sie schläft und dann leise seine Hosen anziehen, seine Schuhe, die Jacke überwerfen und dann wäre er weg. Sie würde ihn nie finden, er würde neu anfangen, irgendwo, vielleicht eine nette Frau finden und mit ihr dann glücklich werden. Aber er mit seinen altersschwachen Beinen. Sie hätte ihn, bevor er an der Tür ist.

Er hebt den Blick, um zu sehen, in welchem Stadium sie sich befindet. Gut, es wird gleich vorbei sein. Sie mag warme Milch nach solchen Attacken. Beim Herausgehen hält er Abstand zu ihr.

Die Milch steht schon neben dem Herd bereit. Und sein Herzmedikament, das er jeden Abend nehmen muss. Er tut Honig in die Milch. Und er entscheidet: Heute nicht. Vielleicht morgen.

Alice

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ABC-Etüden – Der Wind

Zu den abc-Etüden bei Christiane. Die Wortspende kam diesmal von Wortgeflumselkritzelkram  und lautet „Lesezeichen“, „altersschwach“ und „hüpfen“.

300 Worte, welche die oben genannte Wortspende beinhalten, Genre und Textform egal.

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzaday

Leise zieht sie die Tür hinter sich zu. Sie sind immer noch da draußen. Sie kann ihre Schreie und ihr Jaulen hören, ihren schnaufenden Atem, ihre schweren, plumpen Schritte. Das Herz hüpft unregelmäßig in ihrer Brust, während sie die Treppe hinunterschleicht.

Fast ist sie an der Haustür angelangt, da verlässt sie der Mut. Aber sie muss essen. Egal, wie viele da draußen sind, ohne Nahrung stirbt sie so oder so. Vorsichtig zieht sie an der Tür, die altersschwachen Scharniere geben mit einem leisen Quietschen nach.

Sie wirft einen Blick auf die Straße. Noch hat keiner sie gewittert. Langsam, sich im Schatten des Hauses haltend, setzt sie Fuß vor Fuß. Gleich kommt die Straßenecke, da halten die Kreischer sich meist auf.

In ihrer Tasche sind Tücher, mit denen sie sich vermummen kann, die nicht nach ihr, sondern dem Tod riechen. Sie setzt langsam den Rucksack ab und öffnet ihn. Fahrig wühlt sie in ihren Habseligkeiten, da rutscht ihr ein Buch aus den Händen.

Es öffnet sich.

Der Wind blättert die Seiten um und ergreift das Lesezeichen.

Weht es spielerisch in die Gruppe Kreischer.

Die bleiben stehen, wartend, witternd.

Drehen die Köpfe als wären sie eine Person.

Zu ihr.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

ABC-Etüden – Lass uns spielen!

Ein Mühlenbrockkrimi

Zu den abc-Etüden bei Christiane. Die Wortspende kam diesmal von Wortgeflumselkritzelkram und lautet „Lesezeichen“, „altersschwach“ und „hüpfen“.

300 Worte, welche die oben genannte Wortspende beinhalten, Genre und Textform egal.

Sie schließt das Buch mit einem Knall. „So ein Schwachsinn, Monsterclowns“, denkt sie, „da lohnt sich noch nicht mal ein Lesezeichen reinzulegen.“ Eigentlich liest sie gerne, aber manche Autoren übertreiben.

Sie strampelt ihre Jogginghose aus und hüpft unter die Dusche. Gerade dreht sie das Wasser auf, da hört sie ihre Hunde anschlagen. Sie wirft sich einen Morgenmantel über und öffnet die Haustür. Baulärm? Sind etwa die Glasfaserjungs wieder da? Ach, die waren ja nie weg, lächelt sie bei sich. Da sieht sie Baufahrzeuge zum Spielplatz auf der anderen Straßenseite fahren. Die werden doch nicht? Doch die werden, bestätigt ihr nach einem Anruf bei der Stadt eine etwas pikierte Dame.

Der lokale Bauunternehmer Peters habe sich die Rechte an dem Bauland gesichert, nachdem eine unabhängige Zählung herausgefunden habe, dass der Spielplatz nicht mehr hinreichend genutzt werde.

Ihre Frage, ob denn um Mitternacht gemessen worden sei, da der Spielplatz tagsüber überfüllt wäre, versteht die Dame nicht. Sie legt auf und wählt Olavs Nummer.

„Todesursache?“, Mühlenbrock reibt sich die Augen, nach dem Horrorfilm konnte er nicht schlafen. „Ich würde sagen Herzinfarkt, irgendetwas hat ihn zu Tode erschreckt“, Karl zieht die Handschuhe aus, „Übergewicht, angegriffenes Herz, Stress, Bauunternehmerleben eben. Mehr…“ „…wenn du ihn auf dem Tisch hattest.“ Mühlenbrock schluckt und fühlt seinen Puls.

Als sein altersschwacher Audi ihn am Revier ausspuckt, geht es ihm nicht gut. Während er den Rechner hochfährt, schaut er sich ständig im Revier um. Das Telefon klingelt und ihm bleibt fast das Herz stehen. „Ja? Herzinfarkt? Okay?… Was?… Gesunde Ernährung? Hör doch auf.“ Mit zitternden Händen legt er auf.

Es klingelt. Sie lässt Olav und Gerd herein und bietet ihnen ein Glas Wein an. „Ist das..?“ fragt Gerd. „Jepp, das war unsere Inspiration“, lächelt sie, setzt eine Clownsnase auf und verzieht das Gesicht zu einem hämischen Grinsen.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Psychokram

Tag 50 – Meilenstein 1

Ode an die Selbstdisziplin

Selbstdisziplin ist so eine Sache bei mir. Als ich begann, mir vorzunehmen, jeden Tag einen Blogbeitrag zu schreiben für das ganze Jahr, habe ich nicht eine Sekunde gezweifelt, dass ich das schaffe. Hochmotiviert, wie ich war, hätte ich mich eigentlich besser kennen müssen. Zugegeben, an manchen Tagen fällt es mir extrem leicht einen, zwei oder auch drei Beiträge raus zu hauen. Jetzt, unter Grippe, fehlen mir oft Konzentration und Kraft. „Zur Not wird es dann ein Zweizeiler“, hatte ich Unterwegs mit mir auf ihre Nachfrage geantwortet.

So weit musste es bisher noch nicht kommen, aber bin auch noch nicht an meiner Grenze angelangt – der leidigen Selbstdisziplin.

Ich möchte immer so gerne so viel machen, habe zigtausend Ideen und Projekte in meinem Kopf und mische häufig meine ganze Familie mit diesem kunterbunten Sammelsurium auf. Ich stürze mich mit Begeisterung auf ein Thema wie ein Ausgehungerter auf eine Torte. Ich probiere, lerne, experimentiere, Equipment wird ins Haus geholt (Das ist dann immer der Punkt, über den ich mich im Nachhinein oft ärgere) und das neue Hobby ist das Größte.

Leider bin ich notorisch neugierig und die Kirschen in Nachbars Garten sehen auch super aus. Nach einer Weile schrumpft also die Begeisterung für das eine Thema in dem Maße, wie sie für das andere wächst. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass die Begeisterung wieder kommt, irgendwann, wenn es passt. Dann wird das Hobby aus dem Keller geholt, abgestaubt und weiter ausgebaut.

Um in irgendetwas richtig gut zu werden, bräuchte ich Selbstdisziplin. Also an einem Thema dran bleiben, auch wenn es gerade schwierig wird, auch wenn ich keine Lust habe, das Wetter draußen einlädt, etwas ganz anderes zu machen, der Kopf dröhnt, oder…oder…oder

Auf der anderen Seite frage ich mich…warum? Warum sollte ich Dinge tun, an denen ich momentan nicht so richtig Freude habe, nur weil ich sie offiziell zu meinem Hobby gemacht habe? Warum mache ich nicht das, was mir gerade gut tut? Bereiche, in denen ich funktionieren muss, habe ich genug. Freizeitgestaltung sollte frei sein.

In diesem Sinne sind es mehr als zwei Zeilen geworden, mein Gewissen ist beruhigt – in jeder Hinsicht .

Ich wünsche Euch die Freiheit, eure freie Zeit nach eurem Genuss gestalten zu können. Habt einen schönen Tag.

Alice

Veröffentlicht in Gedichte, Schreiben

ABC-Etüden – Februarfrühling

Zu den abc-Etüden bei Christiane. Die Wortspende kam diesmal von Wortgeflumselkritzelkram und lautet „Lesezeichen“, „altersschwach“ und „hüpfen“.

300 Worte, welche die oben genannte Wortspende beinhalten, Genre und Textform egal.

Der
Himmel
ist auf einmal
wieder blau und
die Luft streicht
wie Seide über
sonnenun-
gewohnte
Haut.

Lese-
zeichen
wandern
in die Bücher,
in leichten Jacken
hüpfen wir durch
unbelaubte Wälder,
in unseren Herzen
sind sie bereits
grün.

Gelbe
Krokusse
stecken ihre
leuchtenden Köpfe
aus altersschwachem
Rasen hervor. Können
nicht mehr warten.
Ich auch
nicht.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Psychokram

Tag 49/365 – Freunde

Und andere Neurosen

Ich bin kein Mensch, der viele Andere braucht. In Masse, also viel Mensch auf einmal, sind sie für mich häufig ein Stressfaktor. Von Partys brauche ich drei Tage Erholung, nicht nur wegen des Alkohols, und nach dem Job mindestens eine halbe Stunde Schlaf oder Ruhe und keinen Menschen um mich.

Die paar Freunde, die mir wirklich wichtig sind, sehe ich selten, man hält Kontakt, irgendwie. Es gibt soziale Medien, Telefone, Whatsapp. Sie sind ähnlich wie ich und das ist auch gut so.

Ich habe es auch mal anders probiert, hielt mich für verkehrt in meiner Isolation, wollte ein bisschen mehr wie die Frauen sein, die mit ihren Mädels los ziehen, Kegelclub, tanzen gehen, Party und Prosecco.

Sie waren nett – ohne Frage – aber irgendwann zog ich mich raus, erfand Ausreden ohne es zu merken und nach einiger Zeit brach ich den Kontakt ab. Es war nichts für mich. Ich meldete mich auch mal in Vereinen an, weil mich das Thema faszinierte. Zum Beispiel Bogenschießen vor ein paar Jahren. Hoch motiviert begann ich mit der neuen Sportart, nur um festzustellen, dass da einfach zu viele Menschen sind. Und die wollten was von mir. Platzpflege, nettes gemeinsames Beisammensein, Kuchen backen und verkaufen auf dem Sportfest. Ich meldete mich dann wieder ab und fühlte mich besser, auch wenn ich den Sport gerne weiter betrieben hätte.

Die Menschen, die ich im Laufe meines Lebens in meinen inneren Kreis gelassen hatte, und die ich wieder daraus entfernte, haben Gemeinsamkeiten, deren Bedeutung mir erst so nach und nach klar wird. Ihre Auswahl, denn nichts anderes ist es ja, wir wählen uns gegenseitig aus, beruht auf Beziehungsmodellen, die wir erlernt und/ oder vorgelebt bekommen haben. Und das ist nicht immer gesund, in meinem Fall sicher nicht.

Das mag sicher auch damit zusammenhängen, dass ich ein dünnes Fell habe. Lärm, Unruhe, Durcheinandergerede, das alles stresst mich mehr als viele andere. Mittlerweile hat das Kind einen Namen, HSP, aber genau wie ADHS und andere moderne Bezeichnungen, gab es das schon immer.

Ich fahre mittlerweile gut damit, mich zu isolieren, wenn es zu viel wird. Ich fahre gut damit, Grenzen aufzuzeigen, wenn ich mich überlastet oder ausgenutzt fühle. Leider ist das Verständnis im Umfeld gering und häufig gehe ich über meine Belastung hinaus um möglicherweise folgenden Konflikten aus dem Weg zu gehen. Der Konflikt kommt sowieso, das weiß ich mittlerweile und er wird anstrengender, je länger ich warte.

Ich schiele immer noch ab und an etwas neidvoll in Richtung der Menschen, die einen großen Kreis um sich haben. Schaue ich aber genauer hin, sehe ich auch da manchmal destruktive Muster, die aber niemandem wirklich was auszumachen scheinen. Glücklicherweise ist das nicht mein Problem.

Mittlerweile mag ich mein dünnes Fell ganz gerne. Ich habe mich damit ausgesöhnt, dass ich viel mitbekomme, viel mehr sehe, erspüre, wahrnehme als die meisten in meiner Umgebung. Die Eindrücke kann ich verarbeiten, nutze sie zum Malen, Schreiben, Fotografieren. Für mich ist das eine Möglichkeit, den Stress, den sie mit sich bringen, abzubauen. Das wird keine große Kunst, muss es auch nicht. Es tut mir gut, das reicht.

Habt einen entspannten Wochenstart, genießt die Menschen, die ihr liebt und nehmt euch den Raum, den ihr braucht.

Alice