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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 3 : Making Comics

Nun bin ich den dritten Tag bei Jutta Reichelts Schreibwerkstatt dabei und heute geht es um die Gestaltung eines grafischen Tagebuchs. Angeregt wurde die Aufgabe von dem Buch „Making Comics“ von Lynda Barry (was ich mir sofort bestellt habe, ich zeichne nun mal gerne 😉 )

Ich habe festgestellt, dass der grafische Teil mir sehr leicht fiel, ich aber bei den „Erinnerungen“ manchmal nichts wusste und eher dieses banalen Alltagskram geschrieben habe. Aber es passiert nicht immer was Tolles oder – und ich denke, darauf läuft es hinaus – ich lerne , etwas besser hinzuschauen.

Hier nun die ersten beiden Seiten 😉

Alice

Veröffentlicht in Selfmade

Sommersonnedraußenarbeit

Beim Sichten der Rummelsecken tauchten sie auf. Die Fliesen, die eigentlich an die Küchenwand sollten, deren Proben sich aber als zu dick herausstellten (Wer lesen kann ist klar im Vorteil)

Eine Gelegenheit, die Oberfräse auszuprobieren, sagte ich mir, vertiefte mich in die Bedienungsanleitung und fräste für die dicken Platten vier Nuten in ein altes Holzbrett. Wer genau hinsieht, bemerkt, dass es rummelig und geschlampt ist. Doch es ist ein perfekter Topfuntersetzer und ich mag ihn.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

Sonnenscheinschattenmalerei

Die Sonne scheint, es wird warm. Ich war früh wach, badete bereits, schaute eine Folge Monk in der Wanne, zog das neue Kleid an und warte nun darauf, dass Mann und Hunde aus dem Schlafzimmer gekrabbelt kommen.

Es wird ein guter Tag, es kann einer werden, wenn wir uns ein wenig bewegen, die Füße vor die Tür setzen , andere Eindrücke zulassen, vielleicht nicht so viel grübeln und uns ängstigen, sondern für einen Moment nur leben.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Eine logische Kausalität. Wo Schatten ist, ist auch Licht, stimmt auch. Denn wer schon einmal versuchte, zu Neumond draußen Schatten zu suchen, war lange unterwegs.

Ich will die Situation nicht schönreden und ab und an habe ich Angst.

Das Leben geht weiter, oder auch nicht. Ich weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen. Es gibt tausend Gründe, warum ich heute sterben könnte. Corona liegt ganz weit hinten.

Ich wecke jetzt den Mann und schmeiße die Hunde raus. Es wird ein schöner Tag. Versprochen.

Alice

Veröffentlicht in City, Fotografie, Natur

Langeweilevertreibungstechnik

Ein alter Film in der Kamera, eine kleine Automatik am Start, um die Funktion zu testen, eine Menge Zeit und ein Lensball.

Viel Spaß damit, es sind ein paar ganz nette dabei und die kleine Olympus, die weiterwandern wird, kann ich mit gutem Gewissen abgeben.

Alice

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Falsche Zeit

Ein Foto löste es aus, dieses seltsame Gefühl zwischen warmer Erinnerung und Ruhe. Ich fand es auf den sozialen Medien. Nicht besonders gut geknipst, lediglich alt, ein bisschen verblasst. Eine Straße, irgendwo im Ruhrgebiet. Straßenbahnschienen brechen das Katzenkopfpflaster auf. Löwenzahn sprießt durch die Risse. Im Hintergrund ein Mehrfamilienhaus mit verwitterter Fassade, alt schon in den 70ern, dem Bombenhagel entkommen, preiswerte Wohnungen für die, die unter der Erde nach dem schwarzen Gold graben. Im Vordergrund eine Litfaßsäule, weiß beklebt, nur eine kleine Ankündigung guckt um die Rundung. Vielleicht ein Zirkus, der in die Stadt kommt oder das jährliche Schützenfest.

Sommerhitze liegt über der Straße, lässt die Luft über dem Asphaltstreifen zwischen den Schienen flirren. Die Luft riecht nach angestauter Hitze und Trockenheit.

Ein Kind fährt auf einem Tretroller von rechts ins Bild. Es trägt kurze Hosen und ein Hemd, das einmal weiß war, jetzt aber von dem Staub in der Luft einen matten Grauton angenommen hat. Die Mutter, die es vom Fenster aus betrachtet, hat es aufgegeben, weiße Hemden wieder weiß zu bekommen. Die lebt mit dem grau oder trägt bunt wie ihre gepunktete Polyesterkittelschürze.

Sie hat die Fenster geöffnet, um ein wenig Luft ins Haus zu lassen und nach dem Kleinen zu sehen. Sechs ist er gerade geworden und in einem Monat geht er in die Schule. Dann hat sie Zeit für das zweite, das gerade in ihrem Bauch wächst und sie stöhnen lässt, wenn sie sich gerade hinstellt. Seit Wochen hat sie ihre Füße nicht mehr gesehen und in der Hitze schwellen sie an, das es schmerzt.

Sie richtet sich auf und dreht sich zum Herd um, auf dem Bratkartoffeln brutzeln. In einer halben Stunde kommt der Mann. Dann wird gegessen, der Kleine ins Bett gebracht und noch ein wenig ferngesehen.

Das Kind war nicht geplant, überlegt sie und hofft, dass es ein Mädchen ist. Und dass das Geld des Mannes reicht, um die beiden durchzubringen. Sie rührt den Topf mit dem Spinat um. Die vom Kohleherd aufsteigende Hitze bereitet ihr Übelkeit.

Sie geht zum Fenster und ruft den Kleinen. Der, in sein Spiel vertieft, reagiert erst beim dritten Mal, zieht einen Schmollmund und wendet den kleinen Roller in Richtung Haus.

Eine Straßenbahn fährt vorbei, spuckt an der Straßenecke ein paar Menschen aus, bimmelt einmal und verschwindet.

Die Abendhitze steht zwischen den Häusern. Eine Straße, irgendwo im Ruhrgebiet. Straßenbahnschienen brechen das Katzenkopfpflaster auf. Löwenzahn sprießt durch die Risse.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger

Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 2: Das Mädchen

Seit gestern nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil und bin begeistert. Es tut gut, gerade, wenn es nicht so lief, einfach ein bisschen unter Regie zu arbeiten, anderes auszuprobieren und neue Techniken kennenzulernen.

Heute geht es darum, erste Sätze weiterzuschreiben. Ich wählte diesen:
„Wie die meisten Menschen lebte ich lange bei meiner Mutter und meinem Vater.“ (Jeanette Winterson Orangen sind nicht die einzige Frucht)

Wie die meisten lebte ich lange bei meiner Mutter und meinem Vater. Sie waren gute Eltern, versuchten es zumindest, glaube ich. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals trachteten, mich unter dem Vorwand, doch endlich einen Beruf zu ergreifen oder zu heiraten, aus dem Hause ekeln wollten. Sie hielten mich aus und ich sie.

Meine Mutter war schon alt gewesen, als mein Vater sich ihr zuwand und in einem letzten Versuch, diesen, seinen Familienzweig nicht aussterben zu lassen, um ihre weiche Hand anhielt in der Hoffnung, dass diese brave Frau ihm noch einen Sohn schenken würde. Die Chancen standen nicht schlecht, war sie doch die einzige Tochter unter sieben Brüdern. Sie gab ihm ihre Hand ohne zu zögern, war es doch auch ihre letzte Möglichkeit, dem Stigma der alten Jungfer zu entgehen. Sie begegneten sich sicher nur das eine Mal in der Hochzeitsnacht, wo mein Vater sich durch das Loch im züchtigen Laken wühlte, fand, was er brauchte und mich zeugte.

Neun Monate später erwies sich der Stammhalter als zarte Tochter. Sie waren nicht vorbereitet auf mich und hatten selbst keinen Namen zurechtgelegt. Bis zum dritten Lebensjahr trug ich Knabenkleidung und spielte ich mit Bauklötzen und Autos, die der Vater vorausschauend schon während der Schwangerschaft gehortet hatte. Erst als ich aus allem herausgewachsen war, trugen sie meinem Geschlecht, wenn auch widerstrebend, Rechnung.

Ich blieb das einzige Kind, was mich oft sehr einsam sein ließ und es mir schwer machte, anderen mit der Leichtigkeit zu begegnen, die Fremde untereinander spüren, bevor sie sich entschließen Freunde zu werden. Den Menschen, die ich in meinem Leben begrüßen durfte, näherte ich mich mit Inbrunst, ignorierte jeglichen gesellschaftlichen Anstand, jene nicht ausgesprochenen taktischen Wendungen, mit denen man das fremde Terrain sondiert. Ich war ein offenes Buch für sie, wendete auch für den uninteressierten Betrachter freiwillig Seite um Seite um und stieß so Manchen damit vor den Kopf.

Wurde ich als Kind noch als kess und vorlaut wahrgenommen, änderte sich das Verhalten, als ich langsam zur Frau wurde. An dem Abend, als ich das erste Mal menstruierte und weinend auf dem Bett lag, eine Wärmflasche auf den verkrampften Gedärmen, sprach meine Mutter mit mir. Es schien das erste Mal zu sein, dass sie mich wahrnahm. Geduldig erklärte sie mir, was in meinem Körper passierte und worauf ich nun zu achten habe. Sie zeigte mir die Hilfsmittel, die Frau für diese Tage immer im Haus haben sollte und wie man sie verwendete. Und sie erklärte mir die Sache mit dem Kinderkriegen, etwas, was hinter vorgehaltener Hand schon mein Ohr erreicht hatte. Begierig lauschte ich den Beschreibungen zu dem Prozess, den meine Mutter mit gesenkten Augen und voller Schamesröte flüsterte.

Ich muss gestehen, dass ich es kaum erwarten konnte, in das passende Alter und den Besitz eines Mannes zu kommen, um diese Art der körperlichen Aktivität auszuprobieren.

Ich war ein schönes Kind gewesen und ich wurde zu einer schönen Frau, wenn ich die Blicke, die mir die Herren zuwarfen, richtig zu deuten wusste. Sie näherten sich vorsichtig, umtanzten und umgarnten mich, sendeten mir Blumen und Geschenke.

War die mangelnde Zurückhaltung in meiner Kindheit ein Problem gewesen, so wurde nun der Abstand mein bester Freund. Je mehr ich mich zurückzog, desto hartnäckiger wurden die Avancen, die mir gemacht wurden.

An dieser Stelle ende ich, da ich fürchte, dass da sonst ein erotisches Buch draus wird 😉

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

Tagebuchauszug – Tag 7

Das ganze Tagebuch findet ihr hier.

Es ist eine nicht zu verleugnende Tatsache, dass auf einmal alles anders ist. Ich gebe zu, dass ich manchmal über solche Situationen sinnierte, gerne „The Walking Dead“ und andere postapokalyptischen Medien konsumierte. Doch der leicht romantische Ruch, den sie befördern, davon findet sich absolut nichts in der Realität.

Wir sind eingesperrt, zumindest ein Teil von uns. Einige arbeiten wie Tiere, andere sitzen gemütlich zu Hause, viele bangen um ihre Existenz, anderen geht es so gut wie zuvor. Ungerecht ist das und die Schere klafft meilenweit auseinander.

Doch gerade diejenigen, die genügend Luft hätten, um auszuhalten, sozial zu sein, zu verzichten und abzugeben, klammern sich an jeden Cent. Nach mir die Sintflut.

Ja, da war was. Die Sintflut. Sie gehört zu den bekanntesten Bibelgeschichten, ist der Prototyp jeder pandemischen Vision. Die Menschheit am Ende, jeglicher Menschlichkeit beraubt, wagt einen Neustart mit wenigen Auserwählten.

Nur wer wird diese Sintflut überleben? Nicht zwingend die Guten, die Aufopferungsvollen, die großmütigen Herschenker, die trotz Infektionsgefahr helfen und sich in die Höhle des Löwen wagen. Auch nicht die Armen, die Gebeutelten, die Opfer, die Ausgestoßenen, für die doch endlich mal ein Herz schlagen sollte.

Kinder, denen Schule der einzige sichere Rückzugsort war, müssen in Familien bleiben, der einzige Kontakt nach außen das Handy, gewaltbereite Eltern, Streß, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung. Durchseuchte Altersheime und Rehakliniken, ausradierte Einsame.

Kleinere Wirtschaftsbetriebe werden einfach verschwinden, Hilfsfonds hin oder her. Das sind nur Tropfen in brennenden Dornbüschen. Manche, bei denen es vorher knapp war, werden verarmen. Es ist nur ein kleiner Schritt.

Übrig bleibt eine reiche Welt und eine arme. Dazwischen wird die Luft dünn.

War das das Ziel? In der Bibelgeschichte sicher nicht. Ich fürchte, da wurde etwas nicht gründlich zu Ende gedacht, oder?

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Fatale Experimente

Als sie ihn fanden, war er bereits vollständig mumifiziert. Die leichte Brise, die durch zwei gegenüberliegende geöffnete Fenster blies und die lauen, vorösterlichen Temperaturen hatten die Verwesung verhindert und den Körper gleichmäßig getrocknet.

Er saß am Pult, hielt in der einen Hand noch das Smartphone, das mittlerweile natürlich leer, wieder geladen und geöffnet aber die Zugang zu einem Unterrichtschat übertrug. Die befragten Schüler hätten nichts gemerkt, sagten sie, sich lediglich über das pünktliche Ende der Stunde gewundert. Auch als eine festgesetzten Lektion ausblieb, hatten sie sich lediglich gefreut.

Die Pathologen standen vor einem Rätsel. Die und der Kreis. Während der Krise war das Betreten der heiligen Hallen verboten gewesen. Selbst mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu nicht anwesenden Mitarbeiten, war es eine verbotene Zone geworden. Und doch war er hier. Hatte sich ohne Auslösen des Alarms in seinen Raum geschlichen.

Die Forensiker nahmen ihn mit, hoben den inzwischen federleichten Körper in seiner leicht gekrümmten Sitzhaltung auf die Trage, bedeckten ihn aus Pietätsgründen mit einem Tuch, das aber aufgrund seiner mangelhaften Abmaße die ehemals um das Handy gekrallte Hand nicht bedeckte, so dass die braunen Finger im Vorbeifahren anklagend auf die trauernde Schulleitung wies.

Die Mumie wurde aus Überforderungsgründen weitergereicht. war man in der Kleinstadt, wo sie gefunden wurde, nicht passend ausgerüstet, hatte auch die Kreisstadt keine passenden Gerätschaften vorrätig, vom Personal ganz zu schweigen.

Es meldete sich zwar ein dubioser Bestatter, der, so sagte man, ein großer Fan einschlägiger Kriminalliteratur war und in seinem Garten mit Kleintieren eine Art münsterländische Leichenfarm angelegt hatte, was ihm regelmäßige Anzeigen der Nachbarn einbrachte, doch man ignorierte sein Ansinnen und wendete sich an die Landeshauptstadt. Die fühlte sich nicht zuständig, hatte gerade genug zu tun und packte den nun leicht zerfledderten Körper in eine Kiste, die in die Bundeshauptstadt zum zentralen Institut gehen sollte.

Dort landete sie auf dem Tisch eines jungen Nachwuchspathologen, der in seinem früheren Leben, sofern man davon reden kann, ein paar Semester Archäologie studierte. Ihm waren die Erdschichten zu viel geworden und er verliebte sich in die Knochen, träumte gar von einer Karriere in der forensischen Anthropologie.

Er zog alle Register, die sein Arbeitsplatz hergab. Kochte, zerlegte, untersuchte, schnitt und schnipselte, untersuchte Proben und Pröbchen und fand nach langem Suchen eine kleine feine verbrannte Stelle in der Handfläche. Alles deutete auf die fatalen Wirkungen von elektrischem Strom hin, also griff er zum Telefon. Wurde erst zum Landesinstitut, dann zur zentrale des Kreisinstituts weitergeleitet, wo es etwas dauerte, weil niemand sich erinnern wollte und der betreffende Kollege zum Mittag war, was auch immer das morgens um 10 Uhr heißen sollte.

Am Ende landete er bei dem lokalen Krankenhaus, das ihm nach vielem hin und her und Datenschutzproblemen den Arbeitsplatz nannte und ihn zum Hausmeister der Schule durchstellte.

Der nutzte die gerade leeren Räume, um über die Haussprechanlage Metal laufen zu lassen und mit seinem neuen Fahrrad Kunststücke im leergefegten Foyer auszuprobieren. Der Anruf unterbrach die Musik und seine Konzentration woraufhin er das Gleichgewicht verlor und beinahe lang hinschlug. Mit einem Fluch nahm er das Gespräch entgegen, antwortete nicht uninteressiert, da er schließlich der Auffinder gewesen war, doch einsilbig und schilderte exakt, was er auf dem Tisch des Kollegen vorgefunden hatte.

Sogar eine Fotografie hatte er irgendwo auf seinem Handy, auf dem die Kabel und Schaltungen zu sehen waren, die inzwischen längst wieder in einem Karton in der Elektrotechnikabteilung ruhten.

Der junge Pathologe nahm die Bilder, legte sie seinem schwulen Mitbewohner vor, der seinerseits Elektrotechnik studiert hatte, nun aber als Fußmodel für Wanderschuhe seinen Lebensunterhalt fristete und nebenbei mehr verdiente als der junge Arzt mit Nachtschichtzulage. Er identifizierte die Schaltung als den Kugelfisch unter den Schulexperimenten, dramatisch meist nur für den Lehrer, der beim kleinsten Fehler oder bei alterschwachen Sicherungen mit dem Leben bezahlen musste.

Zufrieden tippte er noch in der Nacht den Bericht und schickte ihn an sein Institut. Das leitete ihn mit Verzögerung an das zuständige Landesinstitut weiter, wo es erst einmal für ein paar Wochen verschwand, wieder auftauchte, gelesen, bestempelt, wieder verlegt und am Ende beim Aufräumen unter dem Schreibtisch des frisch berenteten Kollegen gefunden und weitergegeben wurde an das Kreiskrankenhaus.

Da man dort mit den Informationen nichts anfangen wollte, tütete eine Sekretärin die Lösung ein und schickte sie an die Schule, wo sie auf dem Tisch des Hausmeisters landete.

Er las den Text, googelte Fachbegriffe, las ihn ein zweites Mal und stand auf, um das Stück Kaugummipapier aus dem Sicherungskasten für die zweite Etage zu entfernen.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten, Schreiben

Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 1 : Lottchen

Es soll um eine kleine Lockerungsübung gehen, schreiben nach Reizwörtern. Ich mochte das – ehrlich gesagt – schon in der Schule und da ich bei Christiane regelmäßig bei den Etüden mitmache, ist es nicht wirklich etwas Neues für mich. Die Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt entdeckte ich bei Vielen, die ich abonniert habe und wurde neugierig.

In letzter Zeit schreibe ich zu wenig Geschichten. Das mag der Zeit geschuldet sein oder aber einem irgendwie gearteten Rhythmus bei mir folgen.

„Lotte, mach kein Quatsch!“, dröhnte blechern aus den verwitterten Lautsprechern. Seeluft war für nix gut, stellte sie fest und erinnerte sich an die Vorlesungen, in denen sie Pflichtzeiten abgesessen hatte. Korrosion, Verrottung, ausgelöst von Salz und Wasser, vermeidbare Metallverwesung, sie hatte lieber in anderen Bereichen geforscht.

Sulke ging ihr auf den Keks. Sie hatte das Lied schon in den 80ern gehasst. Die blöden Sprüche auf jeder Party, die von Mitschülern nachgenäselten Schnulzlaute klangen ihr immer noch in den Ohren.

Ausgerechnet hier, ausgerechnet jetzt empfand sie die Erinnerung an ihr damaliges Leid fast unerträglich. Ihre momentane Situation, ihr Plan ließ keine melancholische Rückschau zu. Sie war im Aufbruch, begann etwas Neues, etwas Schönes. Sie traute sich endlich, das hinter sich zu lassen, was ihr nicht passte.

Ihr Vater bog um die Ecke, in jeder Hand einen Becher, aus dem es in der kalten Luft dampfte. „Ich hab dir auch einen Kaffee mitgebracht, Lottchen.“ Er reichte ihn ihr und ließ sich neben sie auf die Holzbank plumpsen. „Sind das alles deine Taschen?“ Sie grinste: „Nö! Das hättest du wohl bemerkt, oder? Die gehören der Familie da vorne. Sie sind kurz winken gegangen.“ Sie wies mit dem Kopf in Richtung Reling, wo zwei Erwachsene und eine nicht abzuschätzende Zahl Kinder hin und her sprang, winkte, weinte, rief und offensichtlich Abschied nahm. Sie hatte niemanden zum Winken. Noch nicht. Der Vater begleitete sie die erste Etappe. Das Weinen war vorerst nicht nötig.

„Ich erinnere mich an deine erste Klasse. Du hattest immer Angst, etwas zu Hause zu vergessen. Dein Tornister wog mindestens eine Tonne, doch du weigertest dich standhaft, etwas davon zu Hause zu lassen. Die Lehrer nannten dich die schwerbepackte Lotte. Du warst so niedlich mit deinen Zöpfen und dem Koloss von Ranzen auf deinem schmalen Rücken.“ Er lächelte, doch sie sah eine Träne in seinem Augenwinkel aufblitzen.

„Zu früh“, dachte sie und spürte einen Kloß im Hals. Sie nahm dem Vater eine der Tassen aus der Hand und nahm einen großen Schluck. Das war besser. Für eine Weile schwiegen sie. Es war nicht der Ort, Erinnerungen auszugraben. Dafür war später noch Zeit, wenn tausende Kilometer sie trennten und man alleine weinen konnte.

„Wollen wir ein bisschen laufen?“ Der Vater erhob sich und reichte ihr den Arm. „In zwanzig Minuten sind wir da. Zeit , ein bisschen über das Schiffsdeck zu flanieren. Allzu oft kommen wir nicht in den Genuss der Schifffahrt!“

Sie grinste und nahm seinen Arm. Die Familie saß wieder beim Gepäck und würde nun auf ihre Taschen achten. Eine Möwe schrie, als sie mit ihm gleichzeitig den ersten Schritt machte. Sie nahm es als böses Omen.

Ein Hafen erschien am Horizont. Dort ging es auf ein großes Schiff. Dieses Mal ohne Begleitung.

„Möchtest du, dass ich winke?“

Alice