Die 70er

Ich bin dort aufgewachsen in dieser Zeit und sie prägte mich. Nicht nur die Musik, die ich damals mehr am Rande mitbekam, wenn in der Küche das alte Radio dröhnte, auch was der Bruder hörte fand seinen Weg in mein Gehör und fand Einzug in den Geschmack, in die Vorlieben und Neigungen.

Manchmal sehne ich sie zurück, die Zeit ohne die dauernde Erreichbarkeit, wo das einzige Telefon der Straße bei den Nachbarn stand und man zwanzig Pfennige in die gut sichtbar aufgestellte Spardose steckte, musste doch mal der Arzt gerufen werden. Ich erinnere mich gerne an die Siedlungshäuschen mit den Ligusterhecken um den sorgfältig gemähten Vorgarten, gerne an die Spiele auf der Straße, das Seilchenspringen, den Gummitwist, die Rollschuhe. Weniger gern erinnere ich mich an das, was hinter unserer verschlossenen Tür geschah und die oft übermächtige Erinnerung an Schuldgefühle und Angst versperrt den Weg auf die sorglosen Stunden, die es auch gab, trotzdem.

Eine Siedlungsstraße am Rand einer kleinen Stadt, Doppelhäuser auf Erbpachtgrundstücken, gebaut irgendwann in den Fünfzigern von Überlebenden des großen Krieges. Sie waren gebeutelt, fast jeder hat jemanden verloren, doch das Leben ging weiter. Sie krempelten die Ärmel hoch, schufteten selbst nach Feierabend auf der Baustelle, die für sie ein Neuanfang sein sollte. Ob sie vergessen wollten, vergessen konnten, das kann ich nicht sagen. Aber sie hatten nicht aufgegeben, trugen ihre Narben versteckt und guten Sonntagsanzügen und dem Kittel für die Gartenarbeit.

Die Frauen trugen Kittelschürze, eigentlich immer. Sie waren bunt gemustert, oft weit jenseits des guten Geschmacks. Die jungen Frauen trugen die schmalen, die fast aussahen wie Sommerkleider, über Faltenröcken und Blusen. Die Älteren die breitere Variante, ließen im Sommer ihre weichen Oberarme hervorlugen, fegten die Gosse, schnitten die Hecke und zupften Unkraut darin. Nur beim Verlassen der Straße wurde das geliebte Alltagskleid abgelegt. Manchmal erkannte ich sie kaum, wenn ich ihnen beim Einkauf mit der Mutter auf dem Markt begegnete, so sehr war ich auf die bunten Punkte und Blüten eingeschworen, dass das wasserwellengeschmückte Gesicht dahinter zurücktrat.

In der Mitte der Straße hing ein Zigarettenautomat, darunter der für Kaugummis. Orale Befriedigung für Kleine und Große, die Grenzen verwischten mit etwa fünfzehn Jahren, wenn beides interessant war und man je nach Geldbeutel, mal das eine, mal das andere nutzte. Im Sommer kam der Eiswagen. Er hielt genau davor. Wir hörten ihn schon von weitem klingeln und rannten rasch ins Haus, um uns die zwanzig Pfennige für eine Kugel zu erbetteln, sofern wir das noch nicht erledigt hatten und das Geld in Erwartung der kühlen Erfrischung bereits in unserer Hosentasche verwahrten. Kleine verschwitzte Finger, die sich um zwei Münzen schließen. Ich fühle sie immer noch.

Meinen Söhnen hätte ich den Einkauf im Salmonellenmobil nicht gestattet, aber damals war man nicht so. Die Erwachsenen nicht so ängstlich und die Kinder nicht so empfindlich. Manchmal erbrach man sich danach, doch meistens ging alles gut.

Einmal in der Woche kam der Milchmann. Er fuhr einen blassblauen Kastenwagen. Ich sehe ihn noch vor mir, den schmalen Mann mit der Schiebermütze. Über ausgebeulten Manchesterhosen trug er einen Kittel in der gleichen Farbe. Er war alt, in meinen Augen mindestens hundert und wenn er ausstieg und eine große Glocke schwenkte, hatte ich oft Bedenken, ob seine dürren Handgelenke nicht abbrechen unter der Wucht des Alarms, den er machte.

Nach und nach öffneten sich Haustüren, Frauen, bewaffnet mit Milchkannen und Portemonnaies, fluteten die Straße, grüßten sich, grüßten den Milchmann und bildeten eine organische schwatzende Schlange vor der offenen Wagentüre. Die Milch kam in kleinen Tanks und wurde in die Kannen gezapft. Daneben lagen frische Eier und Säcke voller erdiger Kartoffeln, die ebenfalls erworben werden konnten. Münzen wechselten den Besitzer, grüßend verschwanden alle nach und nach im Haus, zurück an die Kochtöpfe oder das Fensterputzen. Ich kann mich nicht erinnern, einmal einen Mann dort gesehen zu haben.

Irgendwann blieb er aus, dann übernahm ein kleiner Laden diesen Lieferdienst, stellte Milch in Wabbelschläuchen, Eier und frische Brötchen vor die Tür, je nach Bestellung. Man musste die Straße verlassen, um zu bestellen oder zu bezahlen. Manchmal vermisse ich ihn und das, was er für mich verkörperte. Wobei ich es nicht benennen kann. Irgendwo zwischen Nostalgie und dem guten Gefühl, umsorgt zu werden, ist es angesiedelt. Würde heute jemand diese Dienste anbieten, ich wäre die erste, die begeistert dort einkaufen würde. Das Problem ist, dass ja heute niemand mehr zu Hause ist, um ihn abzupassen und mit dem abgezählten Münzgeld und der saubergeschrubbten Milchkanne nach draußen zu laufen. Alle sind arbeiten, Männer und Frauen schaffen das Geld heran, die Kinder sind in der Betreuung und die älteren Kinder ertauben unter Mickymauskopfhörern vor ihren PCs.

Bei uns in der Straße waren fast alle Mütter zu Hause. Wir gingen zwar in Kindergarten und Schule, doch wenn wir nach Hause kamen, war der Tisch gedeckt und wir wurden bekocht. Das Geld von einem Verdiener schien zu reichen. Aber ich komme vom Thema ab, möchte jetzt nicht die eine Zeit gegen die andere werten. Nur betrachten möchte ich sie, das Schöne und das nicht ganz so schöne, was unzweifelhaft auch dort lauert, ein bisschen berichten aus meiner Straße, von den Menschen, die ich mochte oder auch nicht. Es ist eben wie überall.

Alice

Fortsetzung folgt

22 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Ein wenig kannte ich diese Straße auch, auch wenn ich etwas jünger bin.
    Ein schönes Bild welches du hier beschreibst. 🙂

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    1. Danke dir 🙂 Ja, leider ist es mittlerweile nicht mehr so beschaulich…

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      1. Nati sagt:

        Hier gibt es in manchen Straßenzügen noch einen rollenden Einkaufsladen mit Lebensmittel vom Bauernhof.
        Deine Schilderung erinnerte mich an früher als ein Bauer bei uns durch die Straße fuhr. Er kam mit einem Pferd und langen Anhänger. Dort lagen unzählige Säcke mit Kartoffeln und Eier auf den großen Pappschachteln. Er besaß auch eine laute Glocke.
        Die typische „Eierfrau“ kenn ich aber auch noch heute.

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      2. Kommt immer so ein bisschen drauf an, wo man lebt, denke ich. In manchen Ecken meiner Wahlheimat kommt wohl auch noch die Eierfrau mit dem Transporter (und sonst steht sie eben auf dem Markt)

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  2. kommunikatz sagt:

    Krass, danke für diesen Text, der wirklich Stimmungen und Bilder in mir erzeugt hat. Genau ein Jahrzehnt später habe ich die Welt schon total anders wahrgenommen. Meine Oma trug noch Kittelschürze, meine Mutter und die Nachbarinnen in der Reihenhaussiedlung nicht mehr. An einen Milchmann erinnere ich mich nicht und der Eiswagen war mir schon wegen der vielen, bösen Keime im schlecht gekühlten Eis verboten, aber es gab einen Bauernhof, wo wir mit der Milchkanne hingepilgert sind, und einen kleinen Tante-Emma-Laden jenseits der niederländischen Grenze, genannt Buttermarie, wo wir auch sonntags alles kaufen konnten, was zum Familienfrühstück fehlte, weil es ein Fußweg von fünf Minuten war – vier diesseits und eine jenseits der Grenze 🙂

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    1. Die Welt veränderte sich so schnell. Wir waren wohl die letzten, die sowas noch mitbekommen haben. Auch bei uns wurde der Milchmann durch Plastikmilchbeutel ersetzt, schade eigentlich.

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  3. Trifft hundert pro. Ostersonntag war ein Feiertag, da durften wir zum Sonntagsgottesdienst erstmals Kniestrümpfe anziehen.

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    1. Jau, mit Kniestrümpfen gab es auch immer Diskussionen. Vor allem, da wir eine britsche Siedlung in unserer Stadt hatten wegen eines Truppenstandortes. Die kleinen britischen Mädchen trugen oft den ganzen Witer über Kniestrümpfe 🙂 Das führte immer zu Stress…

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  4. Christian W. sagt:

    Der große Anhänger in unserer Straße, von dem herab die Kartoffeln verkauft wurden … Der würde heutzutage nirgends mehr durchpassen, aber damals standen auch nicht zwei bis drei Autos vor jedem Haus. – An Milch auf diesem Wege erinnere ich mich nicht. Aber diese Rückblende lässt mir jetzt auch wieder das Gerüchepotpourri aus der Raiffeisenhandlung in die Nase steigen; allein dafür danke!

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    1. Gerne 🙂 Ja, die Kartoffellieferungen, da kann ich mich auch noch dran erinnern. Es gab dann immer Reibekuchen und das Haus stank drei Tage nach Fett…

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  5. Wortman sagt:

    Das (er)kenne ich alles auswendig… inkl. der Kittelschürze, dem Eiswagen und den Milchmann. Schön waren die Zeiten. Da haben die Kinder – und wir – noch draussen gespielt, miteinander persönlich geredet und verzweifelt Kleingeld für die Telefonzelle gesucht.

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    1. Also wir haben Kleingeld IN der Telefonzelle gesucht 😉

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      1. Wortman sagt:

        Da konnte man auch Glück haben 😆

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    2. Ja, war schön und auch wieder nicht. Da draußen tobte der kalte Krieg und in unserer Nähe sollte ein schneller Brüter gebaut werden. Wurde er nicht, ist jetzt das Kernwasserwunderland. Aber auf Bäume sind wir geklettert und ich hatte auch nur Angst, wenn der Vater davon anfing…

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      1. Wortman sagt:

        Ich bin im Norden aufgewachsen. Da hast du nicht so viel von mitbekommen 😉
        Stundenlang draussen Abenteuer „erlebt“. Durch Wälder gestreift und gelebt.

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      2. Ja, das kenne ich aber auch. Ich bin sehr ländlich aufgewachsen und wir sind jeden Tag draußen gewesen…

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      3. Wortman sagt:

        Wenn ich drinne war, habe ich gelesen und/oder Musik gehört.

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      4. Jepp, hier auch

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  6. Annuschka sagt:

    Ach ja, davon kommt mir auch so vieles bekannt vor. Eine Zeitreise in die Kindheit. Bei uns im Dorf war zwei Häuser weiter ein Gebäude, da war links der Lebensmittelladen und rechts die Kneipe. Wenn am Sonntag die Milch fehlte, schickte Mama mich in die Kneipe, um einen Liter (ja, im Plastikschlauch) zu holen. War mir immer etwas unangenehm, weil die Männer beim Frühschoppen saßen, aber als Ausgleich durfte ich mir dann immer ein kleines, quaderförmiges Vanilleeis holen, das billigste auf der Langnese-Eiskarte…

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    1. Ja, das kenne ich auch noch. Gab ja praktisch keinen Jugendschutz, ich bin mit fünf für die Eltern Kippen holen gegangen am Automaten 😉 Und wenn wir mit der Bahn fuhren trank der Vater in der Bahnhofskneipe ein Bier und ich bekam eine Limo. Und da tummelten sich Gestalten….

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