Veröffentlicht in Schreiben, Selfmade, Weitgehend schwarz-weiß

Inktober – aufholen

Alice

Werbeanzeigen
Veröffentlicht in Mal über mich, Schreiben

Familie

Meine Familie ist selbstgemacht. Dafür habe ich vor etlichen Jahren vier Jungs in einigermaßen regelmäßigen Abständen rausgepresst.

Der Mann, der dazu gehörte, würde abwegig und entsorgt. Da waren wir zu fünft und kamen klar. Ein neuer Mann tauchte auf und den gedenke ich, zu behalten.

Zwei Hunde und zwei Katzen ergänzen das Team, fertig.

Mein Mann ist mit der halben Kleinstadt verwandt. Wenn ein Geburtstag ansteht, ist das Haus voll. Zwei Onkel, zwei Tanten nebst Anhang, Kusinen und Cousins (gibt es eigentlich eine deutsche Schreibweise von Cousin? Ist das Kuseng???).

Bei mir ist nichts los. Eine familienuntaugliche Einzelkindmutter, ein familienuntauglicher Einzelkindvater, ein familienuntauglicher Bruder irgendwo im süddeutschen Raum. Sie waren noch nicht einmal bei meiner Hochzeit und lediglich die Oma beschenkt ihre Enkel zu Geburtstagen und Weihnachten.

Grußkartenfamilie.

Das selbstgemachte Konzept läuft besser, auch wenn die Jungs manchmal etwas zu vermissen meinen. Sie werden lernen, dass keine Großeltern besser sein können als die vorhandenen.

Zur Not leiht mein Mann ihnen etwas von seiner. Da ist ja ŕeichlich.

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

365 Begegnungen- Tag 37 – Die Küche

Dieser Raum ist das Herz unseres Hauses. Hier wird gekocht, gegessen, getrunken und gelacht. Hier wird gestanden und verziehen, wir schließen Freundschaften, wir streiten, wir experimentieren und wir scheitern.

Hier küsste ich meinen Mann das erste Mal bewusst und wir sitzen immer noch so wie damals am ersten Abend. Ich auf der einen Seite der Werkbank, er auf der anderen.

Hier häuft sich Krimskrams an, tausende von Kochutensilien und Gewürzen, angelesene Büchervteilen sich den Platz mit wichtigen Briefen.

Immer stehen hier frische Blumen und eine Dose mit Bonbons. Es ist immer ein bisschen rummelig und rund um die Uhr spielt das Röhrenradio.

Abgesehen von der Badewanne ist hier der Ort der größten Inspiration. Die Hälfte meiner Texte entsteht hier am Tablet, die Zeichnungen entstehen zumindest als Konzept. Für mehr ist kein Platz.

Eigentlich könnte ich auf jeden weiteren Raum verzichten. Dann müsste sie allerdings ein wenig größer sein.

Wie sieht es bei euch aus? Wo ist das Zentrum Eurer Wohnung?

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

Update

Der Sohn ist zu Hause und hat jetzt eine Akte, weil im Zug ein Idiot saß, der einen Demonstranten angegriffen hat.

In meiner Welt gilt so lange die Unschuldsvermutung bis jemand Mist gebaut hat. Offensichtlich ist das nicht überall angekommen.

Ich werde einen Anwalt einschalten müssen, damit das gelöscht wird, was nirgendwo hin gehört. Es wird mich Geld kosten und Nerven.

In welcher Welt leben wir eigentlich?

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Schreiben

Tag 290/365 – Trübe

Wo ist der goldene Herbst geblieben? Bei uns ist es seit Wochen trübe, die wenigen Sonnenstunden fallen meist in die Arbeitszeit und es regnet andauernd.

Der Boden braucht Wasser, die ortseigenen Baggerseen und Trinkwasserspeicher sind immer noch zu leer, doch es geht mir langsam ans Gemüt. Gestern tobte eine kurze Gewitterfront vorbei, entwurzelte mal eben nebenher ein paar Dutzend alte Bäume.

Glücklicherweise kam niemand zu Schaden, nur die Versicherungen haben zu tun. Der Klimawandel ist da, das kann man einfach nicht mehr schönreden.

Vor den Fenstern erstreckt sich nasses Gelb, Ideen werden, sofern sie auftauchen, aus Bequemlichkeit verworfen. Pläne für das nächste Jahr wandern auf Merkzettel. Nur ein Projekt muss noch abgeschlossen werden, dann ist Winterruhe.

Büroarbeiten stehen noch an, doch die schiebe ich lieber vor mir her, habe gerade so überhaupt keine Lust.

Der Schweinehund winkt vom Sofa herüber und die Muse bekommt eine Erkältung und hat schlechte Laune.

Vielleicht probiere ich heute doch die neue Nähmaschine aus, Schlumpfhosen heißt das Projekt. Der Sohn will nähen lernen und ich könnte mich auch mal wieder dransetzen.

Aber vielleicht verschwinde ich doch noch ein wenig zwischen den Kissen.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Schreiben

Tag 288/365 – Suboptimal

Besser geht immer! So sagte einst der Vorgesetzte eines Bekannten und riskierte damit einen Schlag auf die Nase. Mein Bekannter schlug nicht zu, doch es juckte ihn.

In manche Projekte stecken wir viel Energie und das Ergebnis ist mittelprächtig oder zumindest nicht so zufriedenstellend, wie es bei dem Aufwand sein müsste. Oder aber, die Situation hat sich verändert und was gestern noch prima war, ist heute suboptimal.

Meine Söhne studieren im Pott und im Rheinland, ich arbeite in Richtung Münsterland, der Mann arbeitet ums Eck. Für viele von uns steht eine Menge Fahrerei ins Haus. Und da gerade die Bahn der Meinung ist, dass sie ordentlich Baustellen aus dem Boden stampfen muss, sind die Söhne viel zu lange unterwegs.

Mich nervt die Fahrerei ebenfalls. Habe ich vor Ort Leerlauf, ist das unbezahlte, sinnfreie Pausenzeit. Würde ich vor Ort wohnen, könnte ich Hunderunden einschieben oder sonst was Vernünftiges tun.

Wir verteilen uns über einen großen Bereich und das passt nicht mehr. Dieser kleine Ort liefert nicht mehr das, was er uns einst versprach. Die Kleinen sind groß geworden und brauchen mehr als beschauliches Münsterland.

Sehr gerne würde ich mich an die Veränderungen anpassen, doch das geht nicht mal eben so. Mich wurmt dieses halbgare und für viele von uns unbequeme Arrangement.

Unser Leben daran auszurichten, ist nicht wirklich eine Option. Ich stecke fest und würde doch so gerne Konsequenzen aus dem gewachsenen Bedingungen ziehen. Der Veränderung Rechnung tragen.

Es läuft suboptimal und das nervt.

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

gutenachtgedanken – noch eine Fortsetzung

Fortsetzung von Eine Fortsetzung

Auf dem Hausdach gegenüber saß es und beobachtete das Treiben. Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Doch ich vermute, dass es lächelte.

Die Sonne brannte heiß herunter an diesem vorsommerlichen Sonntagmorgen. Die Glocken luden zum Gottesdienst und die Gläubigen kamen in Scharen. Es war einer jener Sonntagmorgen, wo man beim Frühstück schon überlegt, dass es mal wieder Zeit sei, die Kirche aufzusuchen. Dass die angehäuften Sünden durch eine Spende im Klingelbeutel und ein paar Gebete auf ein himmelversprechendes Maß heruntergebrochen werden sollten. Ein gutes, aufgeräumtes Gefühl und so zogen viel mehr Menschen als sonst ihre besten Kleider an.

Die Männer banden die Krawatten enger als für den Job und die Frauen wählten die züchtigen Kleider, kleingeblümt und zogen eine zarte Strickjacke über bloße Schultern.

Im Radio lief Xavier Naidoo und wer es bis dahin noch nicht kapierte, machte sich auf den Weg.

Und so strömten sie, überholten Stammgäste auf ihren Rollatoren, parkten Einfahrten zu. Es zog sie und sie verspürten eine ungeahnte Vorfreude, als sie das Kirchenportal enterten und sich mit einem Tröpfchen Weihwasser auf die Messe einstimmten.

Während die Gläubigen vor der Kirche die letzte Zigarette genossen, über Geschäfte und Kinder parlierten, schob sich ein Schatten durch die angelehnte Tür der Sakristei.

Und als die Glocken verklangen und die Gemeinde das erste Lied anstimmte, war die Welt noch in Ordnung.

Der kleine Ministrant, der geschickt wurde, als es dauerte, die Gemeinde nach dem Verklingen der letzten Takte erwartungsvoll stand und wartete, kam sehr blass zurück. Dann brach er vor dem Altar zusammen und erbrach sich auf den neuen Teppich, den ein unbenannter Spender in Hoffnung auf ewiges Leben der Kirche gekauft hatte.

Wachtmeister Schmidt saß derweil beim Sonntagsbraten.

Seine Frau hatte alles gegeben. Der Sauerbraten war perfekt, dick gequollene Rosinen schwammen in rotweinduftender Sauce. Das Fleisch schmiegte sich hinein, bildete mit Apfelrotkohl und weichfluffigen Klößen das perfekte Sonntagsessen.

Soeben hatte er die erste Gabel komponiert. Das aufgespießte butterzarte Fleisch mit einen Stückchen Kloß und Rotkohl garniert, eine abtrünnige Rosine mit Geduld auf der Oberseite platziert, da klingelte das Funkgerät.

Er fluchte, wie man es nur an einem Montag kann und schob sich den Bissen trotzdem in den Mund. Er kaute, seufzte und registrierte aus den Augenwinkeln den unzufriedenen Blick seiner Frau, deren rote Hände von stundenlangem Kochen und Waschwasser glühten.

Er zuckte die Schultern, nahm sich vor, ihr eine Spülmaschine zum Geburtstag zu schenken und antwortete schmatzend. Dann riss er sich das Tischtuchende, das als Serviette fungierte aus dem Kragen, suchte die Dienstmütze, steckte die Marke ein, vermied die Dienstwaffe nach dem letzten Erlebnis und eilte zur Kirche.

Die Zentrale hatte schon die Soko informiert und ein arroganter Schnösel, kaum älter als sein Sohn, teilte ihn zur Zeugenbefragung ein. Er irrte durch die Kirche, überlegte, wie lange er schon nicht mehr da gewesen ist und befragte die trauernde Gemeinde.

Indessen stand der Pathologe mit grünem Gesicht in der blutbefleckten Sakristei und kratzte mit einem kleinen Spatel menschliche Überreste von goldenen Monstranzen.

Es hockte im spät blühenden Flieder und beobachtete das wirre Treiben. Einer noch, sagte es sich und schmunzelte.

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

Wie entstehen Geschichten?

Das Bild eines toten Baumes. Es ist Nacht und ein Blitzlicht leuchtet ihn gnadenlos aus. Was treibt sich im Dunklen herum, wer schleicht durch die Schatten?

Da, wo ich bin, ist es hell. Für einen Bruchteil einer Sekunde, mehr nicht. Dann legt sich wieder die Dunkelheit über meine Welt. In der Schwärze höre ich knackende Zweige und leises Rascheln.

Ist da wer, möchte ich rufen und ich bilde mir das raue Atmen sicherlich nur ein. Die Reflektion war keine Axt oder Machete sondern lediglich ein Streifen Mondlicht, der auf seinem Weg nach Hause kurz bei mir haltmachte.

Ich atme schwer, versuche mich vorsichtig zurückzuziehen. Wo ist der Ausgang, wo geht es nach Hause? Wo ist die abschließbare Haustür, die Alarmanlage, mein warmes sicheres Bett?

In diesem Moment entsteht eine Geschichte.

Ich weiß nur nicht, ob ich sie noch erzählen kann.

Morgen

Alice