Veröffentlicht in Mal über mich, Schreiben

Hemmungen

Ich hab so viel vor, der selbst erstellte Planer wurde um eine Bucketlist erweitert, Notizen werden links und rechts an den Rand gekritzelt. Nicht vergessen, Deadline, mach mal, ist sicher lustig, bringt dich weiter und wer weiß, vielleicht und möglicherweise.

Ich sitze da und mache nichts, nein, nicht nichts, wenig, weniger als gedacht, weniger als geplant. Erste Termine sind schon ungenutzt vorbei gezogen. Was will ich eigentlich, frage ich mich und lege die Hände in den Schoß.

Weniger ist mehr, es macht nicht die Masse, sondern die Qualität. So sagt man und ich lese gegen, bin unzufrieden, mach den Rechner aus, verstecke mich auf dem Sofa und denke nach, wo es hingehen soll.

Gute Ideen kommen und gehen, manche haben Potential, andere sind Schwachsinn. Eine Sehnsucht ergreift mich nach einem kreativen Team, so echten Anpackleuten, die mich auch mal über den Hemmungshügel zerren, so Brainstormingsmonstern, mit denen ich dumme Gedanken auf die Spitze tragen kann, denen nichts zu blöd ist, um gedacht zu werden, die die Vernunft gezielt abschalten können.

Schade, hab ich nicht, dann eben alleine. Oder vielleicht auch nicht.

Der eselige Bürgermeister erwartet meine Städtetour, Kameras sind geladen, vielleicht zeigt sich der Niederrhein heute mit einem Klecks Sonne.

Das wäre ein Anfang. Jetzt duschen, den Kaffee hab ich schon auf.

Alice

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Nie wieder

Wir können nicht mehr zurück. Die Jahre schreiten unaufhörlich voran und jetzt haben wir eine Jahreszahl erreicht, die früher nur in den Science-Fiction-Filmen auftauchte. Und nicht nur das. Wir haben einen Grad der Technisierung erreicht, den wir uns niemals hätten träumen lassen.

Jeder trägt einen Computer mit sich herum, mit dem sich unser Leben steuern lässt.wir haben das geballte Wissen der Welt in unserer Handtasche und verlassen uns blind auf Wikipedia und Co. Alles wird immer schneller. Wir sind taff, wir sind fit, wir sind die Herrscher der Welt.

Sind wir das? Tatsächlich? Haben wir alles im Griff? Oder hat es uns im Griff?

Gehen wir hundert Jahre zurück zur Zeit unserer Urgroßeltern oder in meinem Fall zu den Großeltern und überlegen einmal, was die Menschen da noch konnten.

Meine Ahnen hatten einen Hof und meine Oma konnte spinnen, weben, nähen, stricken, Brot backen, Tiere pflegen, hatte Garten und Feld im Griff. Der Opa könnte alles reparieren, was an technischen Geräten auf dem Hof zu finden war. Wenn es hart auf hart kam, und das kam es irgendwann, waren sie vollkommen autark. Sie verhungerten nicht, nur weil der Supermarkt gerade geschlossen war.

Natürlich hatte die Zeit auch enorme Nachteile. Die Medizin war nicht allzu weit, Kinder sind an Infektionskrankheiten gestorben, ein schwaches Herz war ein Todesurteil.

Ich will die aktuelle Zeit auch nicht verteufeln, schließlich muss ich in ihr Leben. Doch ich wünsche mir die Fähigkeiten zurück, die Möglichkeit, im Zweifel selbst für mich sorgen zu können. Mich macht die Abhängigkeit von einem System fertig, das ich nicht mehr überblicken kann und das mich kontrolliert.

Sind bei mir noch Reste der Fähigkeiten vorhanden, die meine Vorfahren so alltäglich beherrschen mussten, ist bei den jüngeren Menschen nahezu alles vergessen. Selbst wenn ich mich bemühe, es ihnen beizubringen, sehen sie keinerlei Notwendigkeit mehr und verlieren rasch das Interesse.

Gemüse kommt aus dem Supermarkt, Strom aus der Steckdose und Hauptsache, das Internet funktioniert. Es ist kein Vorwurf an die Generation, ich lerne auch nichts, von dem ich nicht glaube, dass ich es brauche, doch es ist traurig.

Ich könnte jetzt darüber lamentieren, dass manches einfach wegstirbt, ersetzt wird durch künstliches, nicht mehr verstehbares, was sich unserer Fähigkeit, es zu begreifen entzieht. Doch jammern nützt nichts.

Ich wünsche mir vielmehr einen Erhalt der alten Fähigkeiten jenseits von Museen. Ein selbstverständliches Nebeneinander von unserem bequemen Luxus und dem alten Können u d dass es nicht einfach weggeworfen wird, wie ein Handy, das zufällig ins Klo gefallen ist.

Alice

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ABC-Etüde – Dilemma

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende von ebendieser.

„In einer besseren Welt wie dieser, gäbe es all den Luxusscheiß nicht!“ Demonstrativ unvorsichtig wirft sie Handy, Tablet und die neuen Kopfhörer in den Rucksack.

„Jetzt hör‘ aber mal auf, du hörst dich schon an wie Opa, wenn er aus seiner wilden 68er Zeit erzählt. Das, was du da rumschmeißt, hat ein Heidengeld gekostet. Und du wolltest diesen Scheiß, wie du ihn nennst, unbedingt haben. Was hat sich geändert?“ Sie lässt sich auf das Bett neben die gepackten Koffer sinken und schaut ihre Tochter nachdenklich an.

„Die Welt hat sich geändert. Oder das Klima. Oder ich mich. Ich weiß nicht.“ Sie seufzt und zuckt die Schultern.

„Ich weiß nicht mehr, was richtig ist. Fährt man in Skiurlaub, sind die einen neidisch, die anderen sagen, man macht die Berge kaputt. Das führt zu Er -Er- Erodingsbums und zu Lawinen. Nutzt man Internet, verbraucht man Strom, die Strahlung bringt uns alle um und die Rohstoffe werden von Kindern mit bloßen Händen aus dem Boden gegraben. Hat man keins ist man die Tussi von vorgestern.“

„Tja“, sie lehnt sich gegen den halbvollen Koffer und lächelt jetzt.

„Alle schreien Umweltschutz und irgendwie hält sich niemand dran. Die E-Autos sind auch nicht so toll. Und alles soll von selbst gehen, aber nutzen darf man es nicht mit guten Gewissen. „

„Und jetzt? Sollen wir wieder auspacken?“

„Nee! Aber weißt du? Alle kommandieren einen herum, aber keiner erklärt einem so richtig was. Ich fühle mich doof und mickrig und hab das Gefühl, alles verkehrt zu machen. Und das macht mir Angst.“

„Und dich wütend.“ Sie steht auf und legt die Arme um die Tochter. „Weißt du was? Ich bin stolz auf dich. Du bist eine wirklich kluge junge Frau.“

„Weil ich nichts weiß?“

„Ja, weil du verstehst, dass es keine perfekte Lösung gibt.“

Alice

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Worthülsen

Smalltalk, Gemeinplätze, mein Mund öffnet und schließt sich, doch was raus kommt, hat kein Gewicht. Ich verschließe die Hülsen, die Ladung bleibt bei mir, kommt doch nicht durch den dicken Panzer der Ignoranz, also kann ich es gleich lassen.

Es ist ein Austausch von Gummigeschossen, wenn sie zu oft treffen, fängt es an bei weh zu tun, ich verliere die Lust an dem Spiel, wünsche mir einen guten Treffer, damit es endlich vorbei ist.

Bedeutungslosigkeiten regnen wie Fallout auf mich herunter, die Bombe ist woanders hochgegangen, fast beneide ich das Drama, das woanders stattfand, der Regen ist giftig, er wird mich zerstören, langsam.

Ich brauche Aussagen und Austausch, für leeres Geschwätz ist mir die Zeit zu schade. Wer nichts zu sagen hat, möge doch bitte schweigen und weitergehen, hier gibt es nichts im Gegenzug, die Tasche mit den Leckerlis ist leer.

Zu oft erlebe ich diese Situationen im Alltag, das Reden um des Redens Willen, die Mundbewegung erinnert an hungrige Kois. Sie wollen auch, das weiß ich, doch sie sind nicht bereit, zu geben.

Doch manchmal, ganz selten, da treffen sich zwei Worte auf halber Strecke und etwas passiert. Die Detonation eröffnet neue Dimensionen und nur ein winziger Schritt ist nötig, um gemeinsam die schmale Schwelle zu überschreiten und einzutauchen in ein Universum phantastischer Ideen und Möglichkeiten.

Aus dem Nichts entsteht Neues, teilt, bildet, stülpt sich wie eine Morula, sucht anzudocken, Nahrung zu finden, zu wachsen.

Für diese Momente lebe ich. Die Kaugummipatronen überlasse ich gerne den anderen.

Alice

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Alles neu, oder?

Es hat sich nichts geändert. Die Menschen sind überwiegend genauso blöd wie sie es schon im letzten Jahrzehnt waren. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Idioten das Affenhaus im Krefelder Zoo anzünden konnten. Wenn ich nach dieser Nacht mit meinen aufgelösten Hunden im Arm schon wütend genug war, auf die stundenlange Umweltverschmutzung, die nicht nur den Haustieren zusetzt sondern auch jede Menge Vögel und andere Wildtiere panisch werden lässt ( und Katzen soll man einsperren, soso) , heute morgen hätte ich den Böllerkollegen die Kracher sonstwohin stecken können.

Sie werden nicht klug, sie kapieren es nicht. Und bei den Preisen, die man im Supermarkt bezahlt, kauft man so viel, dass man es unmöglich in einer Nacht weg geschossen bekommt. Da muss dann noch der zweite und dritte Januar herhalten.

Ich kann das Geböller bis zu einem bestimmten Punkt verstehen, doch wie so oft machen es Masse und vernünftiger Einsatz. Soll man doch die Profis ranlassen, ein großes tolles Feuerwerk zu machen. Die verstehen ihr Handwerk und lassen keine, ohnehin verbotenen, aber bei Amazon für ein paar Euro fünfzig zu erwerbenden, Himmelslaternen, los.

Jetzt sind ein Haufen unschuldiger Tiere tot und überall werden schwarze Schleifchen gepostet. Nützt aber nichts, wenn im nächsten Dezember wieder das Rundumsorglospaket Donner3000 gekauft wird und man allen versichert, dass schon aufgepasst wird.

Klar, ich kann nach drei Flaschen Asti extrasüß auch noch abschätzen, was ich tue.

Ich bin wütend, auch weil hier in der Nachbarschaft immer noch Raketen hochgehen, trotz des Unglücks. Als wäre das nicht passiert. Oder würde denen nicht passieren.

Es ist nur eine Nacht und mir war klar, dass sich dadurch nichts ändert, viele Menschen genauso dämlich sind wie vorher, betrunken Auto fahren, mit Feuer und dem Leben andrer spielen, ihr eigenes Verhalten schön reden und unreflektiert durch diese Welt laufen, die so schön sein könnte.

Mein erster Beitrag hier sollte netter ausfallen, liebe Wünsche enthalten, friedlich sein, doch das geht nicht. Nicht heute, nicht so. Der Krefelder Zoo ist der Zoo meiner Kindheit, das Affenhaus besuchte ich bei der Neueröffnung. Doch auch wenn es am anderen Ende von Deutschland passiert wäre, würde mir schlecht werden.

Mir ist bewusst, dass das nicht mit Absicht geschah, doch das spielt keine Rolle. Und es ist ein grausames Zeichen, wie Menschen denken, wie sie mit Regeln umgehen, wie sie sich selbst aus Verantwortlichkeiten rausziehen, wenn es ihnen passt.

Alles wie immer, nichts neues. Nur die Zahl auf dem Kalender hat sich geändert. Hätte ich mir denken können.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 104 – Die Lebensbeichte

***Nicht ernst gemeint***

Nein, ich bin nüchtern, klar im Kopf, habe es nicht nötig, mich zu berauschen, meinem Körper Substanzen zuzuführen, die ihm schaden könnten. Ich lebe gesund, halte mich fit, an meine Seele lasse ich nur Wasser und CD.

Ich war natürlich nicht immer so und hatte durchaus meine schwachen Momente. Schließlich bin ich in den Siebzigern aufgewachsen und das waren ganz andere Zeiten.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Es war 1976, ein schrecklich heißer, trockener Sommer. Ich hatte meinen ersten Freund, die Eltern wandelten von Grillparty zu Grillparty, betranken sich mit Sekt, Whisky und Eierlikör und hörten Boney M.

Ich trieb mich mit der Clique rum, wir machten Lagerfeuer, tranken billiges Bier und irgendjemand hatte immer eine Klampfe dabei, um darauf peinlich schlecht „Wish You Were here“. Wir Mädchen heulten pflichtschuldigst, die Jungs trösteten und irgendwann packte einer ein Beutelchen aus und baute daraus umständlich einen Joint.

Ich bin mir nicht sicher, was wir damals rauchten, ab und an mag tatsächlich Cannabis dabei gewesen sein. Meistens schmeckte es nach Minze oder Oregano, knallte auch, aber anders. Und wir versicherten uns, dass wir so high seien, verdrehten die Augen, grinsten debil und nahmen es als Ausrede, um endlich mal das zu sagen, was nur Betrunkene, Narren und Kiffer dürfen.

Ich machte eines abends den Fehler und sprach mich gegen Pink Floyd aus, eine Todsünde, die man mir selbst im vollberauschten Zustand nicht durchgehen lassen konnte. Sie versuchten mich zu bekehren und nach dem gefühlt 28. Mal „Wish You were here“, leugnete ich meine Abneigung und behauptete, dass ich nun schockverliebt sei und niemals wieder etwas anderes hören wolle.

Ansonsten verliefen die Abende harmonisch. Wir fühlten uns cool und groß, grüßten uns mit dem Peace-Zeichen und nähten Stoffdreiecke in unsere Jeanshosen. Kein Schlag war je groß genug.

In der Zeit gewöhnte ich mir an, Weckgummis in meinen Hosentaschen zu tragen. Wer jemals erlebt hat, wie sich ein Meter fünfzig Schlaghose um die Kette wickeln, den Fuß in einem ungesunden Winkel zwischen Pedal und ungeschütztem Kettenkasten zerren, dann blockieren, so dass man samt Rad über dem Lenkrad quasi einen Salto machte, bindet in Zukunft die Wadenröcke zusammen.

In diesem Jahr hatten wir alle Ferienjobs und wenn wir uns nach Feierabend trafen, war Geld da für besseres Bier und echtes Gras. Wir brauchten nicht mehr so zu tun, als hätte Muttis Pfefferminztee tatsächlich eine Wirkung, wir schossen uns ab.

Ich blieb ein wenig zurückhaltend, was einerseits der Tatsache geschuldet war, dass ich ein Mädchen war und – auch wenn meine Eltern dank Eierlikör nicht so viel mitbekamen – ich nicht vollstoned zu Hause auflaufen wollte. Andererseits war die Clique so groß, dass jeder Joint nur eine Runde hielt. Und direkt neben mir saß die dicke Claudia, die wohl irgendwo gelesen hatte, dass Kiffen schlank macht. Dementsprechend zog sie mit einem Rutsch immer die halbe Fluppe weg.

Ihre Sympathiepunkte in der Gruppe sanken rapide und dünner geworden ist sie auch nicht.

Gegen Ende des Sommers kriselte es in meinem Leben. Der Freund machte Schluss, hatte sich in meine beste Freundin verliebt, ausheulen ging also nicht. Der Schreibwarenladen, wo ich jobbte, kündigte mir aus Kundenmangel und mir wurde klar, dass Pierre Brice immer zu alt für mich sein wird.

Die Eltern waren mal wieder außer Haus und ich saß allein vor dem Fernseher, trank Mamas besten Rotwein und fühlte mich elendig.

Was jetzt kam, gehört nicht unbedingt zu den Glanzleistungen meines Lebens. Ich erinnerte mich, dass ich noch Gras hatte und beschloss cool und ganz allein, einen durchzuziehen und dabei Winnetou III zu gucken.

Das Problem war nur, dass ich keinen Tabak hatte und bisher auch noch nie etwas Rauchbares zusammengeklebt bekam. Da mein Vater Pfeifenraucher war, hatte ich das Tabakproblem rasch gelöst. Wildkirscharoma klang phantastisch. Ich nahm am Küchentisch Platz, stellte die Bestandteile gut sortiert vor mich und begann mit dem Kleben der Unterlage. Die jahrelangen Bastelarbeiten schienen sich ausgezahlt zu haben, es sah fast professionell aus.

Mit dem klebrig-süß duftenden Tabak bröselte ich eine Basis und da es mir so schlecht ging, packte ich ordentlich Gras drauf. Und für den Arschlochfreund eine Prise extra. Und für die treulose Freundin noch eine. Und die letzte für den blöden Krämer, der mir mein Einkommen versaute.

Über die nächsten Minuten breite ich den Mantel des Schweigens. Es war peinlich. Das, was ich am Ende schweißüberströmt und an der Grenze meiner Geduld angelangt, zustande gebracht hatte, ähnelte einem knorrigen Stück Holz, war etwa drei Zentimeter im Durchmesser und hatte überall Löcher.

Kurz dachte ich über Tesa-Film nach, entschied mich aber dagegen, da selbst ich erkannte, dass man das wohl nicht rauchen kann.

Ich zog mich mit der Absurdität eines Joints aufs Sofa zurück, rückte Wein und Aschenbecher in die perfekte Position und zündete das Geschoss an.

An dieser Stelle endet meine Erinnerung.

Als ich am nächsten Morgen erwachte lag ich vor dem Klo, trug eine Feder, die verflixt der Schwanzfeder des ausgestopften Fasans im Wohnzimmer ähnelte, in den Haaren und hatte mir aus Mutters Alcantaramantel ein Sqauwkostüm geschneidert. Meine Faust steckte in einem Nutellaglas, wohin der Inhalt verschwunden war, konnte ich nur mutmaßen.

Mir war so übel, dass ich dachte, ich müsste sterben und die Faust habe ich erst aus dem Glas bekommen, als mir klar wurde, dass ich nur die Hand öffnen muss.

Seitdem kommt mir kein Wildkirschtabak mehr ins Haus.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 101 – Der Hof

Es war ein finsterer Abend im Dezember, nur noch drei Tage bis Weihnachten und es schüttete aus Kübeln. Eberhard hasste dieses Wetter und er hasste Weihnachten, am meisten hasste er Weihnachten bei diesem Wetter.

Die frühe Dunkelheit und der Regenvorhang erleichterten seinen Job nicht, doch er musste ihn tun. Sonst war nämlich niemand da. Was er allerdings liebte, waren seine Tiere, die im Stall auf frisches Futter warteten und die Aussicht über ihre ledrige Haut zu streichen und ihre weichen Rüssel in seiner Handfläche zu spüren, wog den Winterweihnachtshass nahezu auf.

Vor zwei Tagen hatte er eine Lieferung Ferkel bekommen, die nun unter der Wärmelampe lagen und vor sich hin quiekten. Ein Freund hatte sie vermittelt und der Freund eines Freundes hatte sie hergebracht. So ganz legal war es nicht gewesen, die Züchtung war ein Experiment, vieles wusste er nicht, nur, dass es tolle Tiere werden sollen, groß, gesund mit gutem zarten Fleisch.

Über das Schlachten wollte er nie nachdenken, er schob den Gedanken beiseite, wenn es ihn überkam. Es war sein Job, Schweinebauer, und der Tod seiner Lieblinge gehörte zu den Spielregeln. Es tat ihm weh, jedes Mal, und die Tatsache, dass sie ein recht langes und vor allem glückliches Schweineleben hatten, tröstete ihn ein wenig.

Er lehnte sich gegen den Wind, zog die Kapuze tief in das breite Gesicht und fluchte, als er in einer Pfütze fast ausrutschte. Die Stalltür klemmte für einen Moment und er fluchte erneut. Doch als er die Tür hinter sich schloss, grinste er breit. Die Ferkel hatten seine Ankunft bemerkt und wuselten begeistert quiekend an dem kleinen Zaun herum.

Sie waren schon ein Stück gewachsen, wie es schien und er kraulte sie, bevor er ihnen ihr Futter vor die Füße streute. Ein Kleines, sein Sorgenkindchen rappelte sich auch auf und kam aus der Wärmedusche auf ihn zu. Versuchsweise hob er es hoch, befühlte das Bäuchlein, tastete die zarten Rippen ab, um die Gewichtszunahme zu überprüfen, da biss es zu.

Er schrie, so einen festen Biss hätte er dem kleinen Kerl nicht zugetraut. Der kurze Impuls, zuzuschlagen, verschwand sofort wieder. Er kannte das. Manche Tiere brauchten einfach mehr Zeit und hatten Angst. Es würde schon Vertrauen fassen.

Er kletterte aus dem kleinen Gehege und betrachtete seine Hand. Die Wunde war tief und blutete stark. Zähneknirschend wickelte er einen Lappen herum und fütterte rasch die restlichen Tiere. Dann ging er ins Haus, um sich zu verarzten.

Er desinfizierte die Wunde gründlich, schmierte eine leicht antibiotische Salbe darauf und wickelte eine Mullbinde darum. War ja nicht das erste Mal, dachte er und erinnerte sich an die zickige Liese, die gemeinste Sau, die er jemals auf seinem Hof hatte. Sie hatte zugebissen, so oft sie ihn erreichen konnte. Sie war die einzige, der er nicht nachgetrauert hatte.

Dann ging er ins Bett, schließlich musste er früh raus.

Mitten in der Nacht schreckte er schweißgebadet hoch, seine Hand pochte und schmerzte und der Alptraum, in dem er einen Tierquäler verfolgte und auf grausame Weise zerstückelte, brachte sein Herz zum Rasen.

Die Schmerzen machten ihm Sorgen, vielleicht müsste er doch zum Arzt. Er wickelte den Verband ab und erstarrte. Seltsame Haare sprossen rund um die Bissstelle. Die war schon fast verheilt, schmerzte aber fürchterlich.

Schulterzuckend nahm er eine Schmerztablette und legte sich wieder hin. Bis zum Morgen schlief er ruhig und als er erwachte, hatten die Schmerzen aufgehört.

Er nahm den Verband ab und staunte. Der Biss war verschwunden, dafür überzog ein weißer borstiger Pelz seinen Unterarm. Die Haut darunter war rosig und duftete ein wenig fremd. Es sah fast aus, als wäre sein Arm ein Wollschweinchenferkel geworden, dachte er schmunzelnd, zog das Arbeitshemd darüber und vergaß es.

Er war kein dummer Mann, ganz im Gegenteil, er war sogar hochintelligent, was man seinem Berufsstand im Allgemeinen nicht zuschrieb. Doch die Gelassenheit der Menschen seiner Region hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. Er fluchte zwar oft und derb, doch so richtig aufregen konnte er sich nicht. Es war jetzt so und gut. Und wenn etwas nicht zu ändern ist, dann lohnt es sich auch nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden. Und so machte er sich an seine Arbeit auf dem Hof und vergaß den Biss und den Pelz, weil es nicht wichtig war.

Die Arbeit ging ihm gut von der Hand heute. Trotz des gestörten Schlafes fühlte er sich frisch und ausgeruht. Und seine Muskeln taten das, was er von ihnen erwartete und ein Stückchen mehr als das, was er von ihnen gewohnt war.

Gegen Mittag hatte er sein gesamtes Tagewerk erledigt und war noch nicht näherungsweise müde. Er überlegte kurz, das Scheunendach auszubessern, eine Arbeit, die er lieber im Sommer erledigen wollte, da fuhr eine Limousine auf seinen Hof.

Er wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab und strich die Haare glatt. Der wagen hielt direkt vor ihm und ein Mann in mittleren Jahren stieg aus, elegant gekleidet und offensichtlich recht wohlhabend.

Eberhard streckte die Hand aus, um ihn zu begrüßen, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne und holte tief Luft. Dieser Mensch roch seltsam, fremd und beängstigend. Da lag Tod in der Luft und Leid. Das musste der Typ sein, der die Höfe in der Umgebung aufkaufte, um aus ihnen wirtschaftlich arbeitende Unternehmen zu machen. Die Tiere waren ihm dabei vollkommen egal, Tierschutz und artgerecht ein Fremdwort.

Wütend wurde er nur selten, doch er konnte sich fast denken, was dieser Besuch bei ihm so weit draußen zu bedeuten hatte und das machte ihn rasend. Ein tiefes Grollen wuchs in seiner Kehle, suchte sich den Weg nach oben und mit einem schrillen Quieken, stürzte er sich auf ihn.

***Superhelden gibt es nicht nur in Hollywood. Sie können überall entstehen, wenn Radioaktivität auf Gentechnik, außerirdisches Gestein auf nicht zugelassene Medikamente trifft. Auch hier, am Rande des Münsterlandes, können sie ihre Heldentaten vollbringen. Die Unscheinbarsten unter ihnen, überraschen uns dabei am Meisten…. to be continued***

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Schreiben

Tag 354/365 – Sehnsüchte

Es ist die Zeit der Vorfreude und der Wünsche. Wunschzettel füllen sich mit Büchern und Elektronik, dem eleganten Mantel, der Halskette. Amazon verdient sich eine goldene Nase und der Einzelhandel packt ein, was das Zeug hält.

Süßigkeitenregale ächzen unter Schokonikoläusen und den edlen Pralinen. Ab dem 26. wird umgetauscht und die Diät beginnt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wir lehnen uns überfressen zurück und versuchen, den Stress der letzten Tage wegzuatmen.

Alle sind glücklich, oder etwa nicht?

Was wünschen wir uns wirklich, wonach sehnen wir uns, was würde uns, statt des allerneusten Handymodells, sonst noch glücklich machen?

Was ist mit den Sehnsüchten, deren Erfüllung nicht im Kaufhaus erstanden und eingepackt unter dem Baum liegen kann?

Um es ganz profan zu sagen. Was ich geschenkt bekomme, könnte ich mir auch selber kaufen, wenn ich es möchte. Das klingt undankbarer, als es gemeint ist. Man möchte mir eine Freude machen und das weiß ich durchaus zu schätzen.

Was mich glücklich macht, ist Zeit mit den Menschen, die ich liebe, gesehen, geschätzt werden. Es ist die Wahrnehmung von mir als Person, Wertschätzung, Respekt. Es ist die Erfüllung von Bedürfnissen, die eben nicht käuflich sind, sondern mehr Mühe machen als ein Klick bei Amazon.

Wenn ich mir die Wünsche meiner Familie betrachte, finde ich hinter jedem einen tiefer liegenden, einen echten Wunsch. Die sind nicht mal eben so zu erfüllen, manches Mal ist es für mich auch unmöglich. Aber ich kann versuchen, sie wahrzunehmen und demjenigen bei der Erfüllung zu helfen, da zu sein, die dahinter sich verbergenden Pläne und Träume zu unterstützen, dass sie eben nicht nur eine Sehnsucht bleiben, sondern vielleicht tatsächlich Wirklichkeit werden.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Schreiben

Tag 351/365 – Wenn es Nacht wird

So fängt ein Gedicht an, das ich früher meinen Söhnen zum Schlafen aufgesagt habe.

Ich kann es immer noch auswendig und in diesen Nächten, wo ich keine Ruhe finde, wünsche ich mir jemanden, der mir dieses Gefühl von Ruhe und Geborgenheit gibt, das meine Jungs hatten, als sie einschliefen.

Heute ist es anders. Sie tragen schon viele Sorgen und Lasten. Sie stecken im Studium, suchen einen Ausbildungsplatz, machen einen guten Schulabschluss. Sie schlafen noch recht gut, doch ich spüre, dass sich vieles verändert hat. Der Druck steigt, sie werden erwachsen und so ganz einfach ist das nicht für sie.

Ein Fuß bei Mama unterm Tisch, ein Fuß halb in der Erwachsenenwelt. Sie müssen sich mit Belastungen und Stress auseinandersetzen, zweifeln manchmal und manövrieren sich schon mal in blöde Situationen, aus denen ich ihnen auch nicht so raushelfen kann.

Aber ich bin zuversichtlich, dass es wird, irgendwie. Denn auch, wenn die Welt langsam verrückt wird, es geht doch immer weiter.

Wenn es Nacht wird, kann ich oft nicht schlafen. Oder nur für eine Weile. Dann weckt mich mein Kopf, erzählt mir leise Geschichten und ich höre ihm zu.

Das ist nicht immer schön, was da zutage tritt. Und es ist nicht hilfreich, sich mit diesen Erinnerungen um den Nachtschlaf zu bringen.

Wenn ich mir etwas vom Weihnachtsmann wünschen könnte, wäre das dieser kindliche Schlaf für meine Söhne und ein bisschen davon auch für mich. Ein bisschen sorgenfrei sein, ein wenig mehr auf das Leben vertrauen, ein klein wenig mehr entspannt sein und daran glauben, dass am Ende alles gut wird.

Ein wenig zu mir finden, eine Portion Selbstvertrauen, ein wenig Ruhe vor der Dunkelheit, die mich in diesen Wochen umtreibt.

Prägungen sind stark und nicht mal eben so abzuschütteln, die eigenen Gedanken werden zum Käfig. Das „Du musst aber“ klingelt ununterbrochen im Hintergrund, auch wenn ich längst nicht mehr kann.

„Wenn nicht du, wer dann?“ raunen alte Stimmen aus lange vergangener Zeit. Ein Leben ohne Auffangnetz, komm selber klar, das Straßenkind wird langsam zu alt für diesen Mist.

Wo ich hinkam, ließ man Verantwortung fallen, stürzte sich auf Alibitätigkeiten, die schwere Last blieb liegen.

Verachtung traf mich, wenn ich sie nicht bewältigte. Und auch, wenn das Leben älter wird, das Muster ist schwer zu löschen.

Wenn es Nacht wird, sollen die Jungs gut schlafen können. So lange es geht, werde ich ihnen das Netz halten.

Alice