Veröffentlicht in Mal über mich

Warteschleifentango

Ein Teil der Lieferung des Computers ist angekommen. Der Sohn#2 begutachtete sie fachmännisch, öffnete neugierig Karton um Karton und stellte fest, dass es das falsche Netzteil ist.

Leider ist das zugesandte nicht hochwertiger, sondern minderwertiger und damit nicht akzeptabel, selbst wenn das Angebot gut war.

Seitdem hänge ich in der Warteschleife, höre mir abwechselnd 2 Werbejingles an, dazwischen grauenvolle 12-Tonmusik. Jedes Mal, wenn ich durchkomme, wird am anderen Ende aufgelegt. Also wähle ich erneut, lasse das Grauen über mich hereinbrechen und warte auf einen gnädigen Menschen, der sich mit mir auseinandersetzt.

Dass ich dabei immer ärgerlicher werde, wird offenbar von der anderen Seite nicht bedacht.

Zwei Schritte vor, einer zurück, einmal hin, einmal her zu Gruselgedudel.

Falls also ein freundlicher Mitarbeiter gerade meinen Blog liest und deshalb nicht ans Telefon geht, „Heb ab!“ (Ich gebe nicht auf)

Alice

Veröffentlicht in Fotografie, Natur

Nachts im Garten

Es war eine wundervolle Nacht. Am Liebsten wäre ich überhaupt nicht ins Bett gegangen. Das Mondlicht tauchte alles in ein traumhaftes Licht. Und ich schnappte mir die digitale und das Stativ, nervte ein wenig meinen Mann und versuchte, im Dunklen zu fotografieren.

Fazit: Ich werde es wieder tun, vielleicht auch mit einer Analogen. Ich brauche ein besseres Stativ, denn mein 80er Jahre Billig-Hama-Ding wackelt wie ein Wackeldackel, wenn der Spiegel hochklappt. Und bei bis zu 25 Sekunden Belichtungszeit, ist das nicht so Bombe. Eine Taschenlampe hilft, zu fokussieren, bin ich leider erst am Ende drauf gekommen. (jaja, die einfachen Dinge im Leben, ich weiß)

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Als es vorbei war

Als es vorbei war, öffnete der Supermarkt später. Erschöpfte Kassiererinnen krochen über den Steinboden, kratzten Markierungen mit Glaskeramikschabern von hubbeligem Granit. Kunden standen Schlange, abstandhaltend, hielten sie desinfizierte Chips in behandschuhten Händen. Ihr erster Weg führte wie immer zum Klopapier und an den Mehlpackungen vorbei. Es war genug da, doch jeder griff nur das, was er brauchte.

Als es vorbei war, stellte der Eisdielenbesitzer an einem sonnigen Morgen seine Tische vor die Tür und spann die Schirme auf. Einzelne Menschen gingen durch die ruhige Innenstadt, hielten Abstand, gingen aus dem Weg, grüßten und lächelten. Wenige verirrten sich in sein Café, nur jeder zweite Tisch wurde besetzt. Die Allergikerin, deren Nase durch die blühenden Geranien juckte, nieste wohlerzogen in den Ellenbogen, putzte sich die Nase, stand auf und warf das Taschentuch in eine öffentliche Mülltonne.

Als es vorbei war, schloss der Hausarzt seine Praxis für einen halben Tag. Er nahm seine Frau bei der Hand, öffnete eine Flasche Sekt und tanzte mit ihr, bis die Sonne unterging.

Als es vorbei war, war es ungewöhnlich ruhig im Lehrerzimmer. Leise Gespräche, unterbrochen vom sanften Surren des Kopierers. In den Klassenräumen blieben die Kinder diszipliniert auf ihren Plätzen, fanden Lösungswege alleine, entwickelten, präsentierten, erarbeiteten.

Als es vorbei war, umarmte sie ihre Freunde. Es dauerte einen Moment bis beide Seiten sich entspannten. Sie aßen zusammen, tranken und feierten die halbe Nacht. Und ihnen wurde klar, dass es nie wieder wie früher sein würde.

Alice

Veröffentlicht in handmade, Mit Farbe oder auch nicht, Schreiben, Selfmade, Weitgehend schwarz-weiß

Ich mag keine Menschen

Ich gehe nicht gerne mit Fremden auf Tuchfühlung, wen ich nicht kenne, der halte bitte die soziale Distanz ein. Ich musste heute schon die scheinschwangere Hündin mit den Tierartztassistentinnen festhalten und kam damit deutlich unter den empfohlenen Abstand. Die hysterische Maus bekommt jetzt Medikamente und damit ist es hoffentlich ausgestanden. Offenbar hält sie unseren Köter für nicht edel genug, was soll man dazu sagen.

Sie flippte also völlig aus, als ich wegen des Röntgens den Raum verließ und war am Ende nur mit mir, nach unterzeichneter Erklärung und in Bleischürze für 10 Sekunden ruhig zu halten.

Schade, dass es nicht geklappt hat mit den Welpen, doch jetzt haben wir wenigstens Gewissheit und können sie behandeln. Das kann ja auch nicht schön sein, so unter Dauerhormonbeschuss.

Ich beschloss, da ich nun schon einmal raus war aus dem Haus, den Wochenend/Ostereinkauf zu erledigen. Abstand halten, war die Devise und brachte mich eine sehr ungepflegter älterer Herr, der genau vor mir den Bodenaufkleber mit dem „Halten Sie 1,5m Hygieneabstand“ passierte, zum Schmunzeln, verlor ich beim Obstabwiegen die Fassung.

Ich halte Abstand, nicht nur meinetwegen. Gerade empfinde ich die räumliche Distanz zu Unbekannten als sehr erholsam. Und ich bin fest davon überzeugt, dass zumindest diese „Angewohnheit“ruhig bleiben darf. Ich wartete also brav, bis beide, direkt nebeneinander liegende Waagen frei waren, tippte rasch die Rispentomaten, Niederlande – Nummer 331 ein, da stand sie neben mir. Sie gab sich keine Mühe, woanders hinzuatmen, rempelte mich leicht an und fuchtelte mit ihrem Sellerie vor meiner Nase herum.

Ein gutes Stück älter als ich, sollte sie sich mehr Sorgen machen, doch das schien sie nicht zu stören. Sie ging auf Tuchfühlung, eine unbekehrbare Dränglerin, der ich schon vor Corona gerne eine geknallt hätte.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

Tagebuch – Tag 11 – 07.04.2020

Manchmal bin ich konsequent, mein persönliches Coronatagebuch läuft weiter. Wer mitlesen möchte, ist herzlich eingeladen.

Ihr findet es hier.

Die Frühjahrsmüdigkeit hat mich voll im Griff. Viel Zeit bedeutet nicht, dass man viel schafft. Es bedeutet, dass man viel Zeit hat, darüber nachzudenken, was man alles schaffen könnte, wenn…

Ja, wenn man den Arsch hochkriegen und anfangen würde.

Von der ToDo-Liste ist nichts abgearbeitet, das Haus schreit nach Putzwahn, der vorösterliche Einkauf steht an (Merke: Es gibt keine Hefe!), die Hunde sind unausgelastet und es gibt kein Hochbeet, also kein zusätzliches.

Stattdessen war ich in der Wanne, habe lila Pampe auf gebleichte Haare geschmiert, meine Finger sind zartlila, als hätte ich Rotkohl geschnitten, den ich zu dieser Jahreszeit aber so gar nicht mag. Grün fand ich besser, aber ein bisschen Abwechslung ist sicher gut.

Davon abgesehen brauchen die Haare dringend einen Schnitt, ich stehe kurz vor einer Aktion mit der Bartschere des Mannes oder vor Turbanwickeltechniken. Die trug ich schon mal, aber da war es Sommer und ein gebräuntes Gesicht passt einfach besser dazu als ein winterbleiches Käseantlitz.

Der Sohn hat gestern den empfohlenen Monitor installiert, ich blicke auf 27 Zoll mit einem Farbraum, den noch nicht mal ich sehen kann. Sieht gut aus, sagte ich und er freute sich zurecht. Wenn die Einzelteile ankommen, wird der altersschwache PC, der bei jeder grafischen Aktion ein peinlich-lautes Heulkonzert anstimmt, durch eine belastbarere Variante ersetzt. Ich bin gespannt und kann nur jedem raten, der in Besitz eines engagierten Informatikstudenten ist, diesen Vorteil zu nutzen. Man spart echt eine Menge Geld und hat keinen Schnickschnack, den man eigentlich nicht benötigt.

Sonst so?

Comicanleitungsbuch kommt heute, neue Stifte kamen gestern (die alten hatte ich tatsächlich leer gepinselt), Marke gewechselt und sehr zufrieden. Gutes Werkzeug ist eine feine Sache.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 6: Erfinde eine Figur und bringe sie in Schwierigkeiten

Seit fast einer Woche mache ich bei der virtuellen Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt mit. Es ist ungeheuer interessant, welche Übungen und Blickwinkel es gibt. Bisher habe ich immer drauflosgeschrieben, besitze zwar den einen oder anderen Schreibratgeber, doch durchgelesen habe ich sie noch nie. Ich bin immer eher praktisch orientiert, lerne lieber durch machen als durch lesen.

Er hatte für einen Moment nicht nachgedacht, als er den Hörer in die Hand nahm und die Nummer wählte, die auf dem Kaugummipapier stand. Sie hatte es ihm zugesteckt, vor einer Woche schon und seitdem trug er es mit sich herum. Sie war hübsch, ohne Frage und mindestens zwei Klassen über ihm, da machte er sich keine Illusionen. Eine Frau mit dieser Ausstrahlung und diesem Körper, was wollte die von einem pummeligen Automechaniker mit Brille.

Hätte er also nachgedacht, wäre das gekaute Kaugummi in genau dieses Papierchen gewandert und er hätte beide in die ölverschmierte Tonne neben dem Batterieladegerät geworfen. Hatte er nicht. Und auch nicht über die Folgen nachgedacht, als er leicht angetrunken und ermutigt vom zweiten Feierabendbier, die silbrig schillernde Einladung in die Hand nahm und ihre Nummer wählte.

Sie meldete sich nach dem vierten Klingeln. Als es in der Leitung knisterte, erwartete er ihre Mailbox, wollte bereits auflegen, aufgeben. Sie klang kurzatmig, als wäre sie gelaufen und für einen Moment wünscht er sich, sie wäre seinetwegen gerannt, hätte gewusst, dass er am anderen Ende des Telefons ist und sich beeilt. Die blonden Locken zerzaust, das Gesicht gerötet, er spürte, wie seine Hände schwitzig wurden.

Für einen Moment schwieg er, nachdem sie ihren Namen sagte mit dem kleinen Fragezeichen am Ende. Was sollte er ihr sagen? Dass er der Dicke aus der Werkstatt sei und anrufe, weil er sie nicht aus dem Kopf bekomme? Oder sollte er vielleicht noch eine wichtige Inspektion erfinden, irgendein Rädchen, dass noch nachgestellt, festgezogen, überprüft werden muss und weswegen sie unbedingt noch einmal vorbeischauen müsste?

Er räusperte sich. Am anderen Ende war es still. Er druckste ein wenig herum, brachte mit einem leichten Zittern in der Stimme seinen Namen raus und erinnerte sie an die Nummer, die sie ihm zusteckte. Sie erinnerte sich sofort, lachte hell und fragte ihn unumwunden, ob sie zusammen einen Kaffee trinken könnten.

Er war sprachlos. Hatte Fortuna ein Einsehen und ihm dieses große Los zugespielt? Seine bisherigen Erfahrungen mit Frauen waren armselig, ein besseres Wort fiel ihm nicht ein. Sie beschränkten sich auf ein paar Dates mit der Nachbarstochter, die in einem peinlichen Gefummel im Auto endeten und diversen Bordellbesuchen. Er machte sich keine Illusionen über seine Attraktivität. Doch vielleicht sah sie etwas anderes in ihm, etwas Schönes in seiner Seele, was ihn für sie interessanter machte als all diese Schönlinge.

Er sagte zu.

Sie trafen sich in dem kleinen Diner an der Straßenecke und es lief so reibungslos, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Sie aßen, tranken und lachten und als die Bedienung schließen wollte, war er überrascht, wo die Zeit geblieben war. Sie verabredeten etwas neues. Nicht am nächsten Tag, weil das zu viel gewesen wäre, doch für das Wochenende. Sie gingen essen und etwas trinken und als er sie nach Hause brachte, ließ sie zu, dass er sie küsste. Sie erwiderte die etwas linkische Berührung seiner Lippen sogar, gerade so viel, dass er sich Hoffnungen auf mehr machte und gerade so zurückhaltend, dass er den Respekt vor ihr behielt. Sie war perfekt.

Ihre Treffen häuften sich, nahezu jeden zweiten Abend verbrachten sie miteinander, hielten Händchen, küssten sich ab und zu und er hoffte, dass es mehr werden könnte. Er lud sie zu sich ein, wollte kochen, einen Film schauen und danach vielleicht ins Schlafzimmer wechseln, um endlich das zu tun, wovon er seit dem ersten Anruf träumte.

Er bereitete den Abend sorgfältig vor, holte sich Kochtipps von seiner Mutter, lieh den neusten Liebesfilm aus, besorgte Wein und auch was Stärkeres, wechselte die Bettwäsche, räumte auf und putzte, bis er sein kleines Appartement kaum wiedererkannte.

Sie war pünktlich, hatte ein Sixpack Bier dabei und begrüßte ihn mit einem langen Kuss. Sie aßen, öffneten das Bier und wechselten auf die Couch, wo sie den Liebesfilm aneinandergekuschelt ansahen, unterbrochen von kleinen Küssen und zarten Berührungen.

Gegen Ende des Films, gerade als absehbar wurde, dass der Held die Schönheit für sich gewinnen konnte, ging er zum Angriff über. Ihre Signale waren eindeutig gewesen, das, was jetzt kommen musste, war überfällig. Doch als seine Hand ihre Brust umfassen wollte, schreckte sie zurück, schob seine Hand an die Seite und begann bitterlich zu weinen.

Er war verwirrt und frustriert, sein ganzer Körper hatte sich bereits massiv auf ein Miteinander eingestellt und sie wies ihn zurück. Doch er fing sich, streichelte vorsichtig ihre Schulter, flüsterte tröstende und entschuldigende Worte und hakte vorsichtig nach, was denn an dem, was er wollte, verkehrt sei.

Sie schluchzte noch eine Weile, nahm das Taschentuch aus seinen Händen, betupfte die Tränen und begann zu erzählen.

Sie sei nicht alleine, da sei ein Mann, mit dem sie vor langer Zeit zusammengekommen sei. Am Anfang sei es gut gelaufen, traumhaft sogar. Doch irgendwann war die Stimmung umgeschlagen und er hatte sie zu seinem Besitz gemacht. Sie hatte versucht, Schluss zu machen, doch das akzeptiere er nicht. Seit sie sich mit ihm hier traf, bedrohe er sie, rief immer wieder an, schickte Rosen oder Drohbriefe, je nach Laune und sie habe langsam Angst. Er wolle sie töten, sollte sie mit einem anderen schlafen, habe er ihr heute morgen auf die Mailbox gesprochen.

Sie wollte ihn nicht hineinziehen in ihr Dilemma und wenn sie bei ihm sei, wäre es so wunderschön, dass sie alles vergesse, doch bevor sie sich ihm hingebe – und dabei sah sie ihm ganz lange in die Augen – müsse das Problem mit ihrem Ex aus der Welt.

Er schwieg und dachte nach. Sie hatte inzwischen ihre Tränen getrocknet, hielt seine Hand und wartete.

Er schlug vor, mit ihm zu reden, um ihn zur Vernunft zu bringen oder zur Polizei zu gehen mit den Beweisen, die sie hatte, doch sie schüttelte immer nur den Kopf.

Die ganze Nacht saßen sie nebeneinander und redeten. Gegen Morgengrauen stand eine Idee im Raum. Er konnte sich nicht erinnern, wer sie hereingelassen hatte. Er schreckte zurück, als er sie betrachtete, doch es schien die einzige Lösung aus diesem Dilemma zu sein und die letzte Chance auf eine Beziehung mit dieser wunderbaren Frau.

Ihre Stimme wurde kälter, als sie ihm über die Routinen des Mannes berichtete, erzählte, wann er wo üblicherweise sei. Und sie schlug ihm einen Ort und eine Zeit vor, fast als hätte sie diesen Plan schon lange in ihrem Kopf gewälzt. Eine Waffe, die sie natürlich nur zum Selbstschutz habe, wanderte aus ihrer Handtasche in seine schweißfeuchten Hände.

Sie küsste ihn, als er nickte und bat ihn, sie anzurufen, wenn es erledigt sei.

Dann ging sie.

Alice

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ABC-Etüden – Vergessen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler und schreit geradezu nach eine Coronaquarantäeetüde, ich werde versuchen es zu vermeiden.

Er drückt sorgfältig die Tür hinter sich zu und zieht seine Jacke aus. Der Mantel seiner Frau hängt nicht an seinem Platz. Sie scheint noch unterwegs zu sein, auch wenn er nicht weiß, warum. Vor zwei Stunden hatte sie Feierabend und das ist nicht ihre Art, ohne Ankündigung zu spät zu kommen.

Er hat sich auf den Kaffee gefreut, der normalerweise bereitsteht und das Stück Kuchen, das sie auf dem Heimweg für ihn organisiert. Käse-Sahne oder Apfel, am liebsten mit Sahne.

Er leckt sich die Lippen und betritt die Küche. Es ist ungewöhnlich unordentlich. Die Tassen sind nicht gespült, auf dem Tisch liegen noch die Krümel von den Frühstücksbrötchen. Die Kühlschranktür ist nicht anständig geschlossen und der Müll stinkt. „Das wird Ärger geben“, denkt er und „Hier sieht es aus wie in einer Rumpelkammer!“

Der Stapel Zeitschriften wandert vom Stuhl auf die Anrichte neben die leeren Konservendosen und er setzt sich. Mit spitzen Fingern zieht er einen trockenen Keks aus der zerknitterten Packung und beißt hinein.

Was hatte sie heute morgen noch gesagt? Irgendetwas von so einem seltsamen Guru, dessen Bücher sie in der letzten Zeit verschlingt. Sei mutvoll und liebestrunken, glaube an die Kraft der Zusammenkunft. Er schüttelt den Kopf. Von Worten kann man nicht lange zehren. Ordnung und Klarheit ist das, was zählt.

Er schaut auf die Uhr. Jetzt ist sie drei Stunden überfällig. Mit einem lauwarmen Bier geht er verärgert ins Wohnzimmer und schaltet der Fernseher ein.

Ihr Brief liegt halb unter einem fettigen Pizzakarton verborgen. Er hat ihn so oft gelesen, dass er an den Knicken schon zerfällt.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 4: Wartezeit

Seit vier, eigentlich drei Tagen nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil. An diesem Tag geht es um das Schreiben zu einem Bildvorschlag. Die Inspirationsquelle ist ein Bild von Edward Hopper namens Cape Cod Morning. Ich kenne natürlich Boulevard of Broken Dreams, das auch ganz oft kopiert und verändert wurde von anderen Malern.

Ein Kunstdruck des Originals hing in meiner Studentenbude, wahrscheinlich bei Ikea erstanden und ziemlich klein. Ich mag seine Art, Menschen darzustellen. Mein Horizont erweiterte sich mit den Jahren, auch wenn ich mir die Namen seiner Werke nicht gemerkt habe. Auch dieses Bild kam einmal vorbei. Ich weiß nicht, wo ich es zuerst gesehen habe. Es gefällt mir wie die meisten von Hoppers Werken. Ich mag die überlegt nachlässige Art seiner Darstellungen, das detailliert skizzenhafte, die Auswahl der Farben, den groben Strich und den genauen Blick auf die Personen.

Sie öffnet das Fenster und beugt sich vor, um die ganze Straße zu überblicken. Er sollte längst da sein, hat versprochen, sofort zu ihr zu fahren, wenn er es hinter sich gebracht hat. Seit sie telefoniert haben, sind zwei Stunden vergangen. Der Weg zu ihr dauert eine. Sie rechnet. Eine halbe Stunde, um zu sich nach Hause zu fahren. Um es endlich zu klären vielleicht zwanzig Minuten. Sollte sie weinen und betteln, eine halbe Stunde, höchstens. Er kann sehr hart sein, sie hat ihn schon fast brutal konsequent erlebt. Als er den Laufburschen entlassen musste. Da war er kurz und knapp gewesen. Hatte ihm die Papiere fast vor die Füße geworfen. Seine Stimme war wie Stahl gewesen. Kein Widerspruch, seine Entscheidung. Sie hatte vom Vorzimmer aus zugehört und gestaunt, wie gefährlich er klingen kann, wenn er seinen Willen bekommen möchte. Oder als sein Vater starb und der Bruder ihn aus der Firma schmeißen wollte. Die Gespräche mit den Anwälten, die Verhandlungen, der Bruch mit allen, die ihm was bedeutet hatten. Hart war er gewesen. Und unnachgiebig. Sie hatte gestaunt, wie eiskalt er mit der eigenen Mutter sprach.

Das Gespräch sollte nicht lange dauern. Vielleicht auch nur zehn Minuten.

Sie schaut auf die Uhr. Zwei Stunden zwanzig. Sie schaut die Straße herunter. Es ist nichts zu sehen.

Dann müsste er packen. Was braucht er wohl? Seine Anzüge, damit er morgen ordentlich in die Firma gehen kann. Ein bisschen hat er bei ihr. Zwei Hemden, Unterwäsche und Socken. Ob er seine Golfsachen mitbringt? Mittwochs geht er immer mit Miller aus der Personal zum Golfen, sollte er nicht auftauchen, wird das auffallen. Und seine ganzen Schuhe. Sie lächelt. Er hat mehr Schuhe als sie und teurere. Maßgeschneidert auf einem eigens angefertigten Leisten in London. Feinstes Leder, immer auf Hochglanz poliert. Sie darf nicht vergessen, Schuhputzzeug zu organisieren. Er wird auch ein paar seiner Bücher mitbringen und die Schallplatten.

Sie erinnert sich an ihren ersten Tanz. Auf der Weihnachtsfeier hatte er ihre Hand genommen und sie auf die Tanzfläche gezogen. Wie klischeehaft, denkt sie. Und da hatte es angefangen. Er und sie und Überstunden im Büro, ein Absacker in der kleinen Bar an der Ecke, wo der Wirt ihn mit Handschlag begrüßte und ihnen eine ruhige Nische gab, die man von der Straße aus nicht sehen konnte. Das karierte Tischtuch und die billige tropfende Kerze. Und seine Hand auf ihrer. Seine Blick in ihre Augen, sein Geständnis und dann ging er mit zu ihr. So fing es an und jetzt steht sie hier und schaut auf die Uhr.

Zwei Stunden vierzig. Die Dämmerung bricht herein. Sie hört ein Auto auf der Straße und ihr Herz schlägt schneller. Doch es biegt ab.

Er müsste längst unterwegs sein. Im Radio haben sie von einem Stau auf der Autobahn gesprochen. Da wird er drinstehen. Sie öffnet eine Flasche Wein und schenkt sich einen Schluck ein. Er röte so schön ihre Wangen, sagte er immer. Sie dreht das Radio lauter und beschließt, sich keine Sorgen zu machen. Mit dem Glas in der Hand tanzt sie durchs Wohnzimmer, freut sich auf ihn.

Das Lied wird durch eine Verkehrsdurchsage unterbrochen. Ein Unfall ist passiert. Der Stau wächst auf mehrere Kilometer.

Wie ärgerlich, er könnte längst hier sein, wenn die anderen vernünftig fahren würden. Er fährt sehr gut Auto, sie liebt es, neben ihm zu sitzen und ihre Haare im Fahrtwind des Cabrios flattern zu lassen. Vielleicht sollte sie sich Tücher kaufen, die sie sich um den Kopf schlingt, damit sie nach der Fahrt nicht so verzottelt aussieht. Aber ihn stört es nicht. Er lacht und streicht ihr die vorwitzigen Locken aus den Augen, wenn sie zu ihrer Stelle in den Wald fahren.

Und wenn er einen Unfall hatte und deshalb noch nicht da ist. Auf einmal zittern ihre Hände und der Wein schwappt aus dem Glas auf ihre Füße. Sie stürzt zum Fenster. Inzwischen ist es stockdunkel. In der Ferne ziehen Lichter vorbei. Sie hört die Motoren leise rauschen. Ob sie im Krankenhaus anruft? Was soll sie sagen? Sie ist nicht seine Frau? Dürfen sie ihr überhaupt was sagen?

Sie lässte sich auf den Hocker sinken und schaut auf die Uhr.

Drei Stunden fünfzig.

Er ist tot. Oder schwer verletzt. Ihre Augen blicken ins Leere, sie sieht sich ganz hinten bei der Trauergesellschaft stehen, darf nur höflich der Witwe kondolieren, nicht mehr zu ihm, nicht Abschied nehmen. Muss seiner Frau in die Augen sehen, die weiß und weiß, dass sie weiß. Und nichts sagt. Und kalt lächelt hinter den Tränen, die ihr nicht zustehen.

Vier Stunden.

Die Uhr in der Diele schlägt Mitternacht. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Geht sie ins Bett und er steht in der Tür, könnte er denken, sie hätte nicht gewartet, wäre egoistisch. Bleibt sie auf, wirkt sie verzweifelt.

Das Telefon klingelt. Für einen Moment scheint der schrille Klang weit weg. Sie kommt nur langsam zu sich, bringt das störende Geräusch mit einem Anruf zusammen. Sie stürzt in die Küche, reißt den Hörer an ihr Ohr und lauscht atemlos.

Für einige Minuten steht sie ganz still. Lauscht nur. Und so bleibt sie noch, als das Gegenüber längst aufgelegt hat. Irgendwann legt auch sie langsam den Hörer zurück.

Dann geht sie von Raum zu Raum, schließt die Fenster, löscht das Licht. Für einen Moment bleibt sie am Fuß der Treppe stehen, bevor sie ins Bett geht.

Alice