Veröffentlicht in Mal über mich, Schreiben

Hemmungen

Ich hab so viel vor, der selbst erstellte Planer wurde um eine Bucketlist erweitert, Notizen werden links und rechts an den Rand gekritzelt. Nicht vergessen, Deadline, mach mal, ist sicher lustig, bringt dich weiter und wer weiß, vielleicht und möglicherweise.

Ich sitze da und mache nichts, nein, nicht nichts, wenig, weniger als gedacht, weniger als geplant. Erste Termine sind schon ungenutzt vorbei gezogen. Was will ich eigentlich, frage ich mich und lege die Hände in den Schoß.

Weniger ist mehr, es macht nicht die Masse, sondern die Qualität. So sagt man und ich lese gegen, bin unzufrieden, mach den Rechner aus, verstecke mich auf dem Sofa und denke nach, wo es hingehen soll.

Gute Ideen kommen und gehen, manche haben Potential, andere sind Schwachsinn. Eine Sehnsucht ergreift mich nach einem kreativen Team, so echten Anpackleuten, die mich auch mal über den Hemmungshügel zerren, so Brainstormingsmonstern, mit denen ich dumme Gedanken auf die Spitze tragen kann, denen nichts zu blöd ist, um gedacht zu werden, die die Vernunft gezielt abschalten können.

Schade, hab ich nicht, dann eben alleine. Oder vielleicht auch nicht.

Der eselige Bürgermeister erwartet meine Städtetour, Kameras sind geladen, vielleicht zeigt sich der Niederrhein heute mit einem Klecks Sonne.

Das wäre ein Anfang. Jetzt duschen, den Kaffee hab ich schon auf.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

Die Woche

Einer war fleißig, einer war stark, einer war faul und einer krank. Einer hat geliebt und einer war allein, einer war wütend und einer hatte frei. Einer hat geputzt und einer hat verschmutzt, einer ist gefahren und einer blieb zu Haus. Einer hat geküsst und einer hat geschimpft, einer hat geträumt und einer hat gelebt.

Einer war unterwegs und einer klebte fest, einer hat geredet und einer schwieg sich aus. Einer wollte mehr und einer trat zurück, einer hat gelacht und einer hat geweint.

Einer hat gekocht und andere aßen auf, einer hat geschaut und einer hat gemacht, einer hat geplant und einer wollte nicht.

Einer ist schon wach und andre schlafen noch.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

Pure Ignoranz

Seit gestern Abend gärt es in mir, ich bin angepisst und das ist nicht besser zu formulieren. Da fallen mir keine netten Worte ein, keine Euphemismen, die sich plüschdeckenrosa über Unhaltbares legen, da sind keine weichgespülten Begrifflichkeiten geeignet, das ist einfach nur sch***.

Ich bin es gewohnt, dass man sich einen Scheiß um meine Bedürfnisse kümmert, habe gelernt, im Notfall selbst die Karre aus dem Dreck zu holen, bin immer ohne Hilfe klargekommen. Also habe ich selbst modelliert, Situationen so gestaltet, dass sie tragbar sind, erträglich werden, meine Kräfte nicht überstrapazieren, mein System am Laufen halten.

Ich habe geschaut, dass niemand meine Last tragen muss, es neutral oder sogar mit Gewinn für die andere Seite ausging, habe gefragt, verhandelt, Kompromisse geschlossen.

Nicht mein Job an dieser Stelle und doch habe ich es gemacht, war nett und fürsorglich, wie immer.

Gestern kam die Blutgrätsche, ich traute weder Augen noch Ohren, musste feststellen, dass Manche nicht verstehen und bin pissig.

Diejenigen, die das zu verantworten haben, haben noch eine kleine Schonfrist. Und ich eine Nacht zum Drüberschlafen.

Wird meinem Ärger aber keinen Abbruch tun.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

Vergessen

Ab und an betrachte ich das Gesicht, das ich nicht mehr erkenne. Ich krame heimlich das Foto hervor und schaue es mir nachdenklich an.

Da ist etwas in den Augen, vielmehr fehlt etwas und vielleicht ist das vielmehr der Grund, dass ich es nicht erkannte als die fehlenden Fettpolster, die in meiner Erinnerung in dieses Gesicht gehörten.

Es ist ein wenig verzerrt, als wäre da Schmerz, der Mund leicht schief, die große Nase gigantisch in dem klein gewordenen Gesicht.

Ich scanne meine Gefühle, doch da ist nichts. Weder etwas Böses noch etwas Gutes. Keine Wut mehr, doch auch kein Mitgefühl. Mehr eine Neugierde, wie wenn man eine Pflanze betrachtet, die man zu kennen glaubt, doch bei der auf einmal die falschen Blätter neben der Blüte hängen und man überlegt, ob das eine Mutation ist oder die Erinnerung trügt.

Die Augen ziehen meinen Blick an und mir wird klar, dass das Karma gründlich arbeitet. Hinter ihnen ist nichts mehr außer Vergessen.

Vielleicht sollte ich mich ihm anschließen, diesen Teil meines Lebens ad acta legen.

Wenn niemand mehr daran denkt, hat es dann überhaupt stattgefunden?

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Das Haus schnarcht

Sie erwachte um drei, mal wieder. Da war so ein seltsames Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Sie setzte sich im Bett auf und lauschte. Der Mann neben ihr schlief, ihn schien das nicht zu stören.

„Typisch“, dachte sie und konzentrierte sich auf das Geräusch. Es kam nicht aus dem Kinderzimmer, auch der friedlich auf der Decke schlafende Hund war unschuldig.

Die Waschmaschine war es ebenfalls nicht, sie erinnerte sich, sie gestern Abend noch ausgeräumt zu haben.

Leise schlüpfte sie in die Pantoffeln, warf ihren Bademantel über und stand auf.

Ganz behutsam, ohne jemanden zu wecken, verließ sie das Schlafzimmer und ging von Tür zu Tür. Sie lauschte, legte sogar ein Ohr an das glatte Holz, doch in den Zimmern war die Ursache nicht zu finden.

Sie ging die Treppe herab, streifte durch Wohnzimmer und Küche, überprüfte das Badezimmer auf Wasserrauschen , nichts könnte das Geräusch erklären.

Leise öffnete sie die Haustür und ging nach draußen. Hier war es viel lauter und als sie sich umdrehte und zu den Fenstern im Obergeschoss sah, deren halbgeschlossene Rolläden wie müde Augen aussahen, wurde es ihr klar.

Das Haus schnarcht.

Alice