ABC-Etüde – Monologischer Untergang

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Stachelbeermond.

„Es war die Lerche, nicht die Nachtigall. Das gilt im Übrigen immer. Murphys Gesetz und so. Und wer nicht dran glaubt, den ereilt es trotzdem. Wäre ja auch zu schön, wenn weggucken helfen würde.

Mir half es nicht. Auch wenn ich alles gab und so mit fest verschlossenen Augen in meinen Untergang rutschte.

Mein Name ist Claus und das ist meine Geschichte.

Ich leitete eine kleine Firma im Nirgendwo, habe sie geerbt, ohne es mir gewünscht zu haben und machte meinen Job mit wohl dosiertem Einsatz. Wir produzierten Wackelpudding, eine Marktlücke im Lebensmitteldschungel, zumindest bis vor 5 Jahren. Damals trennte ich mich von meiner Frau, bzw. sie sich von mir und ich begann mit einer neuen Frau sowas wie mein zweites Leben. Es hatte nicht mehr geknistert, was vorkommt. Ich beglückwünschte mich täglich zu meiner Entscheidung, ließ mich einlullen von prallen Schenkeln und Brüsten, genoss die Zeit und sah zu, wie sie unverdrossen das Geld mit beiden Händen zum Fenster rauswarf.

Sie bekam, was sie wollte. Wir fuhren in lange Urlaube, ich ließ mich vertreten im Vorstand, um mit ihr Sonnenuntergänge auf Kuba zu genießen und ihr knappe Bikinis mit klitzekleinen Diamanten zu schenken.

Ich erwähnte, dass wir Wackelpudding produzierten und keine Straßenkreuzer, oder? Nunja, Firmenchef ist eben nicht gleich Firmenchef.

Als wir aus Dubai zurückkamen, standen die Zeichen auf Sturm oder besser Untergang. Mein Vertreter hatte seine Prokura genutzt, um das Firmenkonto zu plündern, ich hatte bereits das Haus belastet, die Kassen waren leer und die Gläubiger standen in Reih und Glied.

Es war die Lerche, die ich hätte hören sollen aber die Nachtigall sang so schön.“

„Nehmen Sie jetzt den Joghurt oder nicht? Ich hab auch noch andere Kunden!“

Alice

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Er ist ja wenigstens noch ehrlich und gesteht ein, dass er das Abrutschen selbst mit verursacht hat. Ich sehe auch keinen Groll bei ihm, er hat das Erbe ja ohnehin nur widerwillig angetreten. Jetzt ist halt alles futsch. So what! Es gibt immer neue Chancen.

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    1. Jepp, eine schöne Perspektive. War zwar doof, aber zumindest lebt er noch…

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  2. Christiane sagt:

    „Es hatte nicht mehr geknistert, was vorkommt.“ Und dann der Satz von der (leider so) schön singenden Nachtigall.
    Ich mag deine lakonischen Schilderungen echt gerne lesen. Großartig, feines Kino. 🧡👍
    Herzliche Abendgrüße 😁🌧️🍷🍪👍

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    1. Danke dir🙏 dir auch einen schönen Abend 🍷 Rotweingrüße

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  3. Er klingt irgendwie ergeben, als ob es zwar eigentlich schon schlimm, aber so schlimm dann doch nicht wäre. Wie Werner oben schrieb, wenn er die Firma gar nicht wollte, ist das ja vielleicht eine zweite Chance für was auch immer…

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    1. Man weiß nie, was das Schicksal so mit einem vor hat. Und wozu es gut war. Ob Fortuna manchmal nachdenkt? Ich hoffe es…
      Liebe Grüße
      Alice

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  4. *breitgrins* – das Ende: perfekt. Die Überraschung gelingt im letzten Satz wie in einem Alice-Krimi, die Geschichte ist bloß Beiwerk. Logisch 😉

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