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Das Alphavirus – Ein Experiment

So, ich habe mitgemacht bei dem Experiment von Mindsplint. Das Buch kam von Ilseluise zu mir und ist schon fertig durchgelesen. Mit knapp 100 Seiten, ist es eine Geschichte für einen Nachmittag oder – für Schnellleser – ein Stündchen.

Jetzt suche ich jemanden, der auf Science-Fiction Literatur steht und mitmachen möchte. Es kostet ein bisschen Zeit und ein wenig Porto, doch das lohnt sich (so viel mag ich verraten)

Da ich gerade wenig Zeit habe, alles neu zu formulieren, kopiere ich hier einmal die „Anleitung“ von Ilseluise und Mindsplint hinein…

Ilseluise schreibt:

Das ‚Alphavirus‘ –  geht auf Weltreise…

Ich weiß nicht, ob es einige von euch mitbekommen haben, aber MINDSPLINT zählt zu dem kleinen Kreis der Glücklichen, die ein Vorab-Exemplar des Buches ‚Alphavirus‘ von Peter Georgas-Frey zugeschickt bekommen haben.

MINDSPLINT schreibt: „Und was soll ich sagen? Es hat zwar ganze vier Tage gedauert, bis ich die Zeit fand, mit dem Lesen zu beginnen, aber einmal angefangen, konnte ich es nicht mehr weglegen, bis ich es zu Ende gelesen hatte.
Die Handlung ist sehr aktuell und dadurch absolut mitreißend, da wir uns ebenso, wie in dem Buch beschrieben, momentan in einer durch ein Virus verschuldeten Pandemie befinden.
Und wie das Virus selbst, geht auch der Sonderermittler Reeves auf große Reise, um nach der Ursache zu suchen und die Infektionskette zu stoppen… mehr wird an dieser Stelle jedoch nicht verraten.“

alphavirus

So, und jetzt kommt ihr ins Spiel, liebe Leserinnen:
MINDSPLINT und ich sind so begeistert von dem Buch, dass wir möchten, dass es ebenso durch die Welt reist, und an Bekanntheit gewinnt, wie das Alphavirus.

Folgender Plan schwebt mir vor:
Ich füge  wie MINDSPLINT, meine persönliche Rezension auf einem Blatt Papier, ähnlich einer Widmung, dem Buch hinzu und schicke es dann weiter auf die Reise …
… Und zwar zu Dir, wenn Du mir über die Emailfunktion Deine Adresse mitteilst.

Du liest das Buch, fügst ihm auch eine persönliche Rezension hinzu und schickst es an einen weiteren interessierten Gerneleser Deines Blogs.

Um herauszufinden, wer sich interessiert, teile einfach diesen Text, verfahre wie MINDSPLINT und ich – und schicke das ‚Alphavirus`auf Weltreise.

So geht es dann weiter ….. und immer weiter …. mit dem Ziel, dass das Buch im Anschluss  beim Autor selbst ankommt.

Um das zu ermöglichen, ist am Ende des Artikels der Link zum Buch zu finden, sowie Name und  WP-Seite des Autoren.

Denn:
Wer das Buch im Dezember hat, schickt es dann nach dem Lesen und rezensieren – quasi als Weihnachtsgeschenk – zurück zum Autor. (Kontaktaufnahme mit dem Autor über Email zwecks Adressenaustausch ist dann für den Letzten erforderlich)

Ziel ist in erster Linie, das Buch bekannt zu machen, denn das hat es absolut verdient! Außerdem hat der Autor dann sein Buch, gespickt mit persönlichen Widmungen und Anregungen zurück, was den Wert des Buches für ihn sicherlich noch mal um ein Vielfaches erhöht.
Und ihn vielleicht sogar zu einer Fortsetzung motiviert!

Und … es ist … einfach ein Experiment – um mal zu erforschen, ob eine solche Idee Potential hat…. 🙂

So – und jetzt ran an die Tasten, wer zuerst kommt, mahlt zuerst!
Bitte Anfragen per mail an:
makeachoicealice@web.de

Das Buch: https://www.amazon.de/dp/B089M1FH6Y
Der Autor: Peter Georgas-Frey
Seine WP-Seite: https://zeilenportal.com/1-2-2/

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ABC-Etüde – Fundstück

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Olpo Olponator.

Er hatte es vor Augen, die ganze Zeit. Der Mann, wie er vom Katamaran steigt und sich auf den Kai sinken lässt. Der junge Polizist, der sich heranschiebt, die Hand auf den Arm legt und dabeihockt. Zu nah. Er wird es lernen.

Das Lösen der Senkel der alten Segeltuchschuhe. Das von den Füßen ziehen, nacheinander. Das sorgsame Aufstellen. Der Zusammenbruch.

Das Verhalten erschien ihm seltsam, doch das hatte er schon häufig gesehen. Dieses irrationale Verhalten, wenn mitgeteilt wird, dass der Mensch, der zum Leben gehörte, auf einmal weg ist. Er erinnert sich an die Oma, die begann Kekse zu backen, als sie ihr den Tod ihres Enkels erklären mussten. Oder die Tochter, die wütend begann, die Kleiderschränke der Eltern auszuräumen und in Müllsäcke zu stopfen. um dann an einem T-Shirt hängen zu bleiben und erst dann zusammenzubrechen, als klar war, dass die Mutter es nie mehr tragen wird.

Ein Einhorn war darauf, er weiß es immer noch und muss für einen Moment lächeln.

In der durchsichtigen Plastiktasche sind die Segeltuchschuhe und eine handschriftliche Notiz. Die Menge an Blut, die sich in dem Profil gesammelt hatte, passte nicht zu der Geschichte. Er müsste durch eine große Blutpfütze gelaufen sein – steht da in ihrer ordentlichen Schrift – um solche Spuren zu hinterlassen.

Er lässt den Zettel sinken und schmunzelt. Sie machen immer denselben Fehler. Blut wäscht man mit kaltem Wasser ab. Diese großspurigen Idioten. Was man nicht sieht, ist auch nicht da.

Und die da oben wollen es totschweigen, den Golffreund schützen. Er ballt die Faust.

Er ist nicht allein.

Alice

PS: Zeichnungen kommen morgen oder später. Heute gab es viel Gutes vom neuen Grill, dazu auch morgen was. Zwei Bier, die sein mussten, weil harte Arbeit und so, hindern mich am zeichnen. Tippen geht noch 😉

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42 Jahre Witwe

Sie wurde 1882 geboren, er war sieben Jahre älter. Vielleicht lernten sie sich beim Tanz kennen oder sie war eine gute Partie, Industriellentochter und wurde ihm zugeführt. Es kann auch sein, dass er sie in einer lauen Sommernacht für eine Fahrt in die Schaukel einlud. Und als sie ausstiegen, hielt er ihre Hand und ließ sie nicht mehr los.

Sie verließen den Rummelplatz und fanden einen einsamen mondbeschienenen Fleck, Ein paar Wochen später hielt er bei ihrem Vater um sie an. Das Siebenmonatsbaby kam zeitgerecht.

Er arbeitete unter Tage, sie versorgte die kleine Zechenwohnung.

Ob ihn in diesem Winter ´31 mit seinen 56 Jahren die Grippe holte oder die Staublunge ihn langsam erstickte, ob er von einem der neumodischen Autos überfahren wurde oder im Streit in der Kneipe von einem fiesen Schläger totgeprügelt wurde, weiß ich nicht.

Er starb – und sie blieb zurück.

Sie blieb zurück für 42 Jahre bis sie 1974 nachgab. Sie trug noch ihren Ehenamen und vielleicht hat sie nach seinem Tod tatsächlich niemanden mehr angesehen. Eine gesetzte Dame war sie bereits, als er starb. Die Kinder groß, vielleicht die ersten Enkelkinder als neue Aufgabe. Ein paar Nachbarinnen waren bestimmt da, alle jenseits der 50, einige verwitwet.

Sie wird die Zeit gut rumbekommen haben, hat es sogar allein durch den Krieg geschafft und durfte das Wirtschaftswunder erleben. Über 90 ist sie geworden. Und neben den vielen harten Zeiten, waren sicher auch schöne dabei, an die sie sich gerne erinnerte, wenn sie abends allein am Radio saß.

Vielleicht an die Nacht, wo er ihr aus der Schaukel geholfen hatte und ihre Hand einfach nicht mehr los ließ.

Es gibt tatsächlich schöne Ecken in Marl. Da ich meinen Sohn zur Schule fahren konnte, Homeofficegleitzeit sei Dank, hing ich hier eine Weile fest. Ein paar Kundenfragen trudelten ein und wurden bequem auf einer Bank im Skulpturenpark beantwortet.

Die Sohne schien und neben den präsenten Kriegsgräbern fanden sich ein paar vereinzelte private. Alle waren sie alt, die jüngsten stammten aus den 70er Jahren.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für Friedhöfe habe.

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 6: Erfinde eine Figur und bringe sie in Schwierigkeiten

Seit fast einer Woche mache ich bei der virtuellen Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt mit. Es ist ungeheuer interessant, welche Übungen und Blickwinkel es gibt. Bisher habe ich immer drauflosgeschrieben, besitze zwar den einen oder anderen Schreibratgeber, doch durchgelesen habe ich sie noch nie. Ich bin immer eher praktisch orientiert, lerne lieber durch machen als durch lesen.

Er hatte für einen Moment nicht nachgedacht, als er den Hörer in die Hand nahm und die Nummer wählte, die auf dem Kaugummipapier stand. Sie hatte es ihm zugesteckt, vor einer Woche schon und seitdem trug er es mit sich herum. Sie war hübsch, ohne Frage und mindestens zwei Klassen über ihm, da machte er sich keine Illusionen. Eine Frau mit dieser Ausstrahlung und diesem Körper, was wollte die von einem pummeligen Automechaniker mit Brille.

Hätte er also nachgedacht, wäre das gekaute Kaugummi in genau dieses Papierchen gewandert und er hätte beide in die ölverschmierte Tonne neben dem Batterieladegerät geworfen. Hatte er nicht. Und auch nicht über die Folgen nachgedacht, als er leicht angetrunken und ermutigt vom zweiten Feierabendbier, die silbrig schillernde Einladung in die Hand nahm und ihre Nummer wählte.

Sie meldete sich nach dem vierten Klingeln. Als es in der Leitung knisterte, erwartete er ihre Mailbox, wollte bereits auflegen, aufgeben. Sie klang kurzatmig, als wäre sie gelaufen und für einen Moment wünscht er sich, sie wäre seinetwegen gerannt, hätte gewusst, dass er am anderen Ende des Telefons ist und sich beeilt. Die blonden Locken zerzaust, das Gesicht gerötet, er spürte, wie seine Hände schwitzig wurden.

Für einen Moment schwieg er, nachdem sie ihren Namen sagte mit dem kleinen Fragezeichen am Ende. Was sollte er ihr sagen? Dass er der Dicke aus der Werkstatt sei und anrufe, weil er sie nicht aus dem Kopf bekomme? Oder sollte er vielleicht noch eine wichtige Inspektion erfinden, irgendein Rädchen, dass noch nachgestellt, festgezogen, überprüft werden muss und weswegen sie unbedingt noch einmal vorbeischauen müsste?

Er räusperte sich. Am anderen Ende war es still. Er druckste ein wenig herum, brachte mit einem leichten Zittern in der Stimme seinen Namen raus und erinnerte sie an die Nummer, die sie ihm zusteckte. Sie erinnerte sich sofort, lachte hell und fragte ihn unumwunden, ob sie zusammen einen Kaffee trinken könnten.

Er war sprachlos. Hatte Fortuna ein Einsehen und ihm dieses große Los zugespielt? Seine bisherigen Erfahrungen mit Frauen waren armselig, ein besseres Wort fiel ihm nicht ein. Sie beschränkten sich auf ein paar Dates mit der Nachbarstochter, die in einem peinlichen Gefummel im Auto endeten und diversen Bordellbesuchen. Er machte sich keine Illusionen über seine Attraktivität. Doch vielleicht sah sie etwas anderes in ihm, etwas Schönes in seiner Seele, was ihn für sie interessanter machte als all diese Schönlinge.

Er sagte zu.

Sie trafen sich in dem kleinen Diner an der Straßenecke und es lief so reibungslos, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Sie aßen, tranken und lachten und als die Bedienung schließen wollte, war er überrascht, wo die Zeit geblieben war. Sie verabredeten etwas neues. Nicht am nächsten Tag, weil das zu viel gewesen wäre, doch für das Wochenende. Sie gingen essen und etwas trinken und als er sie nach Hause brachte, ließ sie zu, dass er sie küsste. Sie erwiderte die etwas linkische Berührung seiner Lippen sogar, gerade so viel, dass er sich Hoffnungen auf mehr machte und gerade so zurückhaltend, dass er den Respekt vor ihr behielt. Sie war perfekt.

Ihre Treffen häuften sich, nahezu jeden zweiten Abend verbrachten sie miteinander, hielten Händchen, küssten sich ab und zu und er hoffte, dass es mehr werden könnte. Er lud sie zu sich ein, wollte kochen, einen Film schauen und danach vielleicht ins Schlafzimmer wechseln, um endlich das zu tun, wovon er seit dem ersten Anruf träumte.

Er bereitete den Abend sorgfältig vor, holte sich Kochtipps von seiner Mutter, lieh den neusten Liebesfilm aus, besorgte Wein und auch was Stärkeres, wechselte die Bettwäsche, räumte auf und putzte, bis er sein kleines Appartement kaum wiedererkannte.

Sie war pünktlich, hatte ein Sixpack Bier dabei und begrüßte ihn mit einem langen Kuss. Sie aßen, öffneten das Bier und wechselten auf die Couch, wo sie den Liebesfilm aneinandergekuschelt ansahen, unterbrochen von kleinen Küssen und zarten Berührungen.

Gegen Ende des Films, gerade als absehbar wurde, dass der Held die Schönheit für sich gewinnen konnte, ging er zum Angriff über. Ihre Signale waren eindeutig gewesen, das, was jetzt kommen musste, war überfällig. Doch als seine Hand ihre Brust umfassen wollte, schreckte sie zurück, schob seine Hand an die Seite und begann bitterlich zu weinen.

Er war verwirrt und frustriert, sein ganzer Körper hatte sich bereits massiv auf ein Miteinander eingestellt und sie wies ihn zurück. Doch er fing sich, streichelte vorsichtig ihre Schulter, flüsterte tröstende und entschuldigende Worte und hakte vorsichtig nach, was denn an dem, was er wollte, verkehrt sei.

Sie schluchzte noch eine Weile, nahm das Taschentuch aus seinen Händen, betupfte die Tränen und begann zu erzählen.

Sie sei nicht alleine, da sei ein Mann, mit dem sie vor langer Zeit zusammengekommen sei. Am Anfang sei es gut gelaufen, traumhaft sogar. Doch irgendwann war die Stimmung umgeschlagen und er hatte sie zu seinem Besitz gemacht. Sie hatte versucht, Schluss zu machen, doch das akzeptiere er nicht. Seit sie sich mit ihm hier traf, bedrohe er sie, rief immer wieder an, schickte Rosen oder Drohbriefe, je nach Laune und sie habe langsam Angst. Er wolle sie töten, sollte sie mit einem anderen schlafen, habe er ihr heute morgen auf die Mailbox gesprochen.

Sie wollte ihn nicht hineinziehen in ihr Dilemma und wenn sie bei ihm sei, wäre es so wunderschön, dass sie alles vergesse, doch bevor sie sich ihm hingebe – und dabei sah sie ihm ganz lange in die Augen – müsse das Problem mit ihrem Ex aus der Welt.

Er schwieg und dachte nach. Sie hatte inzwischen ihre Tränen getrocknet, hielt seine Hand und wartete.

Er schlug vor, mit ihm zu reden, um ihn zur Vernunft zu bringen oder zur Polizei zu gehen mit den Beweisen, die sie hatte, doch sie schüttelte immer nur den Kopf.

Die ganze Nacht saßen sie nebeneinander und redeten. Gegen Morgengrauen stand eine Idee im Raum. Er konnte sich nicht erinnern, wer sie hereingelassen hatte. Er schreckte zurück, als er sie betrachtete, doch es schien die einzige Lösung aus diesem Dilemma zu sein und die letzte Chance auf eine Beziehung mit dieser wunderbaren Frau.

Ihre Stimme wurde kälter, als sie ihm über die Routinen des Mannes berichtete, erzählte, wann er wo üblicherweise sei. Und sie schlug ihm einen Ort und eine Zeit vor, fast als hätte sie diesen Plan schon lange in ihrem Kopf gewälzt. Eine Waffe, die sie natürlich nur zum Selbstschutz habe, wanderte aus ihrer Handtasche in seine schweißfeuchten Hände.

Sie küsste ihn, als er nickte und bat ihn, sie anzurufen, wenn es erledigt sei.

Dann ging sie.

Alice

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ABC-Etüden – Vergessen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler und schreit geradezu nach eine Coronaquarantäeetüde, ich werde versuchen es zu vermeiden.

Er drückt sorgfältig die Tür hinter sich zu und zieht seine Jacke aus. Der Mantel seiner Frau hängt nicht an seinem Platz. Sie scheint noch unterwegs zu sein, auch wenn er nicht weiß, warum. Vor zwei Stunden hatte sie Feierabend und das ist nicht ihre Art, ohne Ankündigung zu spät zu kommen.

Er hat sich auf den Kaffee gefreut, der normalerweise bereitsteht und das Stück Kuchen, das sie auf dem Heimweg für ihn organisiert. Käse-Sahne oder Apfel, am liebsten mit Sahne.

Er leckt sich die Lippen und betritt die Küche. Es ist ungewöhnlich unordentlich. Die Tassen sind nicht gespült, auf dem Tisch liegen noch die Krümel von den Frühstücksbrötchen. Die Kühlschranktür ist nicht anständig geschlossen und der Müll stinkt. „Das wird Ärger geben“, denkt er und „Hier sieht es aus wie in einer Rumpelkammer!“

Der Stapel Zeitschriften wandert vom Stuhl auf die Anrichte neben die leeren Konservendosen und er setzt sich. Mit spitzen Fingern zieht er einen trockenen Keks aus der zerknitterten Packung und beißt hinein.

Was hatte sie heute morgen noch gesagt? Irgendetwas von so einem seltsamen Guru, dessen Bücher sie in der letzten Zeit verschlingt. Sei mutvoll und liebestrunken, glaube an die Kraft der Zusammenkunft. Er schüttelt den Kopf. Von Worten kann man nicht lange zehren. Ordnung und Klarheit ist das, was zählt.

Er schaut auf die Uhr. Jetzt ist sie drei Stunden überfällig. Mit einem lauwarmen Bier geht er verärgert ins Wohnzimmer und schaltet der Fernseher ein.

Ihr Brief liegt halb unter einem fettigen Pizzakarton verborgen. Er hat ihn so oft gelesen, dass er an den Knicken schon zerfällt.

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 4: Wartezeit

Seit vier, eigentlich drei Tagen nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil. An diesem Tag geht es um das Schreiben zu einem Bildvorschlag. Die Inspirationsquelle ist ein Bild von Edward Hopper namens Cape Cod Morning. Ich kenne natürlich Boulevard of Broken Dreams, das auch ganz oft kopiert und verändert wurde von anderen Malern.

Ein Kunstdruck des Originals hing in meiner Studentenbude, wahrscheinlich bei Ikea erstanden und ziemlich klein. Ich mag seine Art, Menschen darzustellen. Mein Horizont erweiterte sich mit den Jahren, auch wenn ich mir die Namen seiner Werke nicht gemerkt habe. Auch dieses Bild kam einmal vorbei. Ich weiß nicht, wo ich es zuerst gesehen habe. Es gefällt mir wie die meisten von Hoppers Werken. Ich mag die überlegt nachlässige Art seiner Darstellungen, das detailliert skizzenhafte, die Auswahl der Farben, den groben Strich und den genauen Blick auf die Personen.

Sie öffnet das Fenster und beugt sich vor, um die ganze Straße zu überblicken. Er sollte längst da sein, hat versprochen, sofort zu ihr zu fahren, wenn er es hinter sich gebracht hat. Seit sie telefoniert haben, sind zwei Stunden vergangen. Der Weg zu ihr dauert eine. Sie rechnet. Eine halbe Stunde, um zu sich nach Hause zu fahren. Um es endlich zu klären vielleicht zwanzig Minuten. Sollte sie weinen und betteln, eine halbe Stunde, höchstens. Er kann sehr hart sein, sie hat ihn schon fast brutal konsequent erlebt. Als er den Laufburschen entlassen musste. Da war er kurz und knapp gewesen. Hatte ihm die Papiere fast vor die Füße geworfen. Seine Stimme war wie Stahl gewesen. Kein Widerspruch, seine Entscheidung. Sie hatte vom Vorzimmer aus zugehört und gestaunt, wie gefährlich er klingen kann, wenn er seinen Willen bekommen möchte. Oder als sein Vater starb und der Bruder ihn aus der Firma schmeißen wollte. Die Gespräche mit den Anwälten, die Verhandlungen, der Bruch mit allen, die ihm was bedeutet hatten. Hart war er gewesen. Und unnachgiebig. Sie hatte gestaunt, wie eiskalt er mit der eigenen Mutter sprach.

Das Gespräch sollte nicht lange dauern. Vielleicht auch nur zehn Minuten.

Sie schaut auf die Uhr. Zwei Stunden zwanzig. Sie schaut die Straße herunter. Es ist nichts zu sehen.

Dann müsste er packen. Was braucht er wohl? Seine Anzüge, damit er morgen ordentlich in die Firma gehen kann. Ein bisschen hat er bei ihr. Zwei Hemden, Unterwäsche und Socken. Ob er seine Golfsachen mitbringt? Mittwochs geht er immer mit Miller aus der Personal zum Golfen, sollte er nicht auftauchen, wird das auffallen. Und seine ganzen Schuhe. Sie lächelt. Er hat mehr Schuhe als sie und teurere. Maßgeschneidert auf einem eigens angefertigten Leisten in London. Feinstes Leder, immer auf Hochglanz poliert. Sie darf nicht vergessen, Schuhputzzeug zu organisieren. Er wird auch ein paar seiner Bücher mitbringen und die Schallplatten.

Sie erinnert sich an ihren ersten Tanz. Auf der Weihnachtsfeier hatte er ihre Hand genommen und sie auf die Tanzfläche gezogen. Wie klischeehaft, denkt sie. Und da hatte es angefangen. Er und sie und Überstunden im Büro, ein Absacker in der kleinen Bar an der Ecke, wo der Wirt ihn mit Handschlag begrüßte und ihnen eine ruhige Nische gab, die man von der Straße aus nicht sehen konnte. Das karierte Tischtuch und die billige tropfende Kerze. Und seine Hand auf ihrer. Seine Blick in ihre Augen, sein Geständnis und dann ging er mit zu ihr. So fing es an und jetzt steht sie hier und schaut auf die Uhr.

Zwei Stunden vierzig. Die Dämmerung bricht herein. Sie hört ein Auto auf der Straße und ihr Herz schlägt schneller. Doch es biegt ab.

Er müsste längst unterwegs sein. Im Radio haben sie von einem Stau auf der Autobahn gesprochen. Da wird er drinstehen. Sie öffnet eine Flasche Wein und schenkt sich einen Schluck ein. Er röte so schön ihre Wangen, sagte er immer. Sie dreht das Radio lauter und beschließt, sich keine Sorgen zu machen. Mit dem Glas in der Hand tanzt sie durchs Wohnzimmer, freut sich auf ihn.

Das Lied wird durch eine Verkehrsdurchsage unterbrochen. Ein Unfall ist passiert. Der Stau wächst auf mehrere Kilometer.

Wie ärgerlich, er könnte längst hier sein, wenn die anderen vernünftig fahren würden. Er fährt sehr gut Auto, sie liebt es, neben ihm zu sitzen und ihre Haare im Fahrtwind des Cabrios flattern zu lassen. Vielleicht sollte sie sich Tücher kaufen, die sie sich um den Kopf schlingt, damit sie nach der Fahrt nicht so verzottelt aussieht. Aber ihn stört es nicht. Er lacht und streicht ihr die vorwitzigen Locken aus den Augen, wenn sie zu ihrer Stelle in den Wald fahren.

Und wenn er einen Unfall hatte und deshalb noch nicht da ist. Auf einmal zittern ihre Hände und der Wein schwappt aus dem Glas auf ihre Füße. Sie stürzt zum Fenster. Inzwischen ist es stockdunkel. In der Ferne ziehen Lichter vorbei. Sie hört die Motoren leise rauschen. Ob sie im Krankenhaus anruft? Was soll sie sagen? Sie ist nicht seine Frau? Dürfen sie ihr überhaupt was sagen?

Sie lässte sich auf den Hocker sinken und schaut auf die Uhr.

Drei Stunden fünfzig.

Er ist tot. Oder schwer verletzt. Ihre Augen blicken ins Leere, sie sieht sich ganz hinten bei der Trauergesellschaft stehen, darf nur höflich der Witwe kondolieren, nicht mehr zu ihm, nicht Abschied nehmen. Muss seiner Frau in die Augen sehen, die weiß und weiß, dass sie weiß. Und nichts sagt. Und kalt lächelt hinter den Tränen, die ihr nicht zustehen.

Vier Stunden.

Die Uhr in der Diele schlägt Mitternacht. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Geht sie ins Bett und er steht in der Tür, könnte er denken, sie hätte nicht gewartet, wäre egoistisch. Bleibt sie auf, wirkt sie verzweifelt.

Das Telefon klingelt. Für einen Moment scheint der schrille Klang weit weg. Sie kommt nur langsam zu sich, bringt das störende Geräusch mit einem Anruf zusammen. Sie stürzt in die Küche, reißt den Hörer an ihr Ohr und lauscht atemlos.

Für einige Minuten steht sie ganz still. Lauscht nur. Und so bleibt sie noch, als das Gegenüber längst aufgelegt hat. Irgendwann legt auch sie langsam den Hörer zurück.

Dann geht sie von Raum zu Raum, schließt die Fenster, löscht das Licht. Für einen Moment bleibt sie am Fuß der Treppe stehen, bevor sie ins Bett geht.

Alice

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Falsche Zeit

Ein Foto löste es aus, dieses seltsame Gefühl zwischen warmer Erinnerung und Ruhe. Ich fand es auf den sozialen Medien. Nicht besonders gut geknipst, lediglich alt, ein bisschen verblasst. Eine Straße, irgendwo im Ruhrgebiet. Straßenbahnschienen brechen das Katzenkopfpflaster auf. Löwenzahn sprießt durch die Risse. Im Hintergrund ein Mehrfamilienhaus mit verwitterter Fassade, alt schon in den 70ern, dem Bombenhagel entkommen, preiswerte Wohnungen für die, die unter der Erde nach dem schwarzen Gold graben. Im Vordergrund eine Litfaßsäule, weiß beklebt, nur eine kleine Ankündigung guckt um die Rundung. Vielleicht ein Zirkus, der in die Stadt kommt oder das jährliche Schützenfest.

Sommerhitze liegt über der Straße, lässt die Luft über dem Asphaltstreifen zwischen den Schienen flirren. Die Luft riecht nach angestauter Hitze und Trockenheit.

Ein Kind fährt auf einem Tretroller von rechts ins Bild. Es trägt kurze Hosen und ein Hemd, das einmal weiß war, jetzt aber von dem Staub in der Luft einen matten Grauton angenommen hat. Die Mutter, die es vom Fenster aus betrachtet, hat es aufgegeben, weiße Hemden wieder weiß zu bekommen. Die lebt mit dem grau oder trägt bunt wie ihre gepunktete Polyesterkittelschürze.

Sie hat die Fenster geöffnet, um ein wenig Luft ins Haus zu lassen und nach dem Kleinen zu sehen. Sechs ist er gerade geworden und in einem Monat geht er in die Schule. Dann hat sie Zeit für das zweite, das gerade in ihrem Bauch wächst und sie stöhnen lässt, wenn sie sich gerade hinstellt. Seit Wochen hat sie ihre Füße nicht mehr gesehen und in der Hitze schwellen sie an, das es schmerzt.

Sie richtet sich auf und dreht sich zum Herd um, auf dem Bratkartoffeln brutzeln. In einer halben Stunde kommt der Mann. Dann wird gegessen, der Kleine ins Bett gebracht und noch ein wenig ferngesehen.

Das Kind war nicht geplant, überlegt sie und hofft, dass es ein Mädchen ist. Und dass das Geld des Mannes reicht, um die beiden durchzubringen. Sie rührt den Topf mit dem Spinat um. Die vom Kohleherd aufsteigende Hitze bereitet ihr Übelkeit.

Sie geht zum Fenster und ruft den Kleinen. Der, in sein Spiel vertieft, reagiert erst beim dritten Mal, zieht einen Schmollmund und wendet den kleinen Roller in Richtung Haus.

Eine Straßenbahn fährt vorbei, spuckt an der Straßenecke ein paar Menschen aus, bimmelt einmal und verschwindet.

Die Abendhitze steht zwischen den Häusern. Eine Straße, irgendwo im Ruhrgebiet. Straßenbahnschienen brechen das Katzenkopfpflaster auf. Löwenzahn sprießt durch die Risse.

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 2: Das Mädchen

Seit gestern nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil und bin begeistert. Es tut gut, gerade, wenn es nicht so lief, einfach ein bisschen unter Regie zu arbeiten, anderes auszuprobieren und neue Techniken kennenzulernen.

Heute geht es darum, erste Sätze weiterzuschreiben. Ich wählte diesen:
„Wie die meisten Menschen lebte ich lange bei meiner Mutter und meinem Vater.“ (Jeanette Winterson Orangen sind nicht die einzige Frucht)

Wie die meisten lebte ich lange bei meiner Mutter und meinem Vater. Sie waren gute Eltern, versuchten es zumindest, glaube ich. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals trachteten, mich unter dem Vorwand, doch endlich einen Beruf zu ergreifen oder zu heiraten, aus dem Hause ekeln wollten. Sie hielten mich aus und ich sie.

Meine Mutter war schon alt gewesen, als mein Vater sich ihr zuwand und in einem letzten Versuch, diesen, seinen Familienzweig nicht aussterben zu lassen, um ihre weiche Hand anhielt in der Hoffnung, dass diese brave Frau ihm noch einen Sohn schenken würde. Die Chancen standen nicht schlecht, war sie doch die einzige Tochter unter sieben Brüdern. Sie gab ihm ihre Hand ohne zu zögern, war es doch auch ihre letzte Möglichkeit, dem Stigma der alten Jungfer zu entgehen. Sie begegneten sich sicher nur das eine Mal in der Hochzeitsnacht, wo mein Vater sich durch das Loch im züchtigen Laken wühlte, fand, was er brauchte und mich zeugte.

Neun Monate später erwies sich der Stammhalter als zarte Tochter. Sie waren nicht vorbereitet auf mich und hatten selbst keinen Namen zurechtgelegt. Bis zum dritten Lebensjahr trug ich Knabenkleidung und spielte ich mit Bauklötzen und Autos, die der Vater vorausschauend schon während der Schwangerschaft gehortet hatte. Erst als ich aus allem herausgewachsen war, trugen sie meinem Geschlecht, wenn auch widerstrebend, Rechnung.

Ich blieb das einzige Kind, was mich oft sehr einsam sein ließ und es mir schwer machte, anderen mit der Leichtigkeit zu begegnen, die Fremde untereinander spüren, bevor sie sich entschließen Freunde zu werden. Den Menschen, die ich in meinem Leben begrüßen durfte, näherte ich mich mit Inbrunst, ignorierte jeglichen gesellschaftlichen Anstand, jene nicht ausgesprochenen taktischen Wendungen, mit denen man das fremde Terrain sondiert. Ich war ein offenes Buch für sie, wendete auch für den uninteressierten Betrachter freiwillig Seite um Seite um und stieß so Manchen damit vor den Kopf.

Wurde ich als Kind noch als kess und vorlaut wahrgenommen, änderte sich das Verhalten, als ich langsam zur Frau wurde. An dem Abend, als ich das erste Mal menstruierte und weinend auf dem Bett lag, eine Wärmflasche auf den verkrampften Gedärmen, sprach meine Mutter mit mir. Es schien das erste Mal zu sein, dass sie mich wahrnahm. Geduldig erklärte sie mir, was in meinem Körper passierte und worauf ich nun zu achten habe. Sie zeigte mir die Hilfsmittel, die Frau für diese Tage immer im Haus haben sollte und wie man sie verwendete. Und sie erklärte mir die Sache mit dem Kinderkriegen, etwas, was hinter vorgehaltener Hand schon mein Ohr erreicht hatte. Begierig lauschte ich den Beschreibungen zu dem Prozess, den meine Mutter mit gesenkten Augen und voller Schamesröte flüsterte.

Ich muss gestehen, dass ich es kaum erwarten konnte, in das passende Alter und den Besitz eines Mannes zu kommen, um diese Art der körperlichen Aktivität auszuprobieren.

Ich war ein schönes Kind gewesen und ich wurde zu einer schönen Frau, wenn ich die Blicke, die mir die Herren zuwarfen, richtig zu deuten wusste. Sie näherten sich vorsichtig, umtanzten und umgarnten mich, sendeten mir Blumen und Geschenke.

War die mangelnde Zurückhaltung in meiner Kindheit ein Problem gewesen, so wurde nun der Abstand mein bester Freund. Je mehr ich mich zurückzog, desto hartnäckiger wurden die Avancen, die mir gemacht wurden.

An dieser Stelle ende ich, da ich fürchte, dass da sonst ein erotisches Buch draus wird 😉

Alice

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Fatale Experimente

Als sie ihn fanden, war er bereits vollständig mumifiziert. Die leichte Brise, die durch zwei gegenüberliegende geöffnete Fenster blies und die lauen, vorösterlichen Temperaturen hatten die Verwesung verhindert und den Körper gleichmäßig getrocknet.

Er saß am Pult, hielt in der einen Hand noch das Smartphone, das mittlerweile natürlich leer, wieder geladen und geöffnet aber die Zugang zu einem Unterrichtschat übertrug. Die befragten Schüler hätten nichts gemerkt, sagten sie, sich lediglich über das pünktliche Ende der Stunde gewundert. Auch als eine festgesetzten Lektion ausblieb, hatten sie sich lediglich gefreut.

Die Pathologen standen vor einem Rätsel. Die und der Kreis. Während der Krise war das Betreten der heiligen Hallen verboten gewesen. Selbst mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu nicht anwesenden Mitarbeiten, war es eine verbotene Zone geworden. Und doch war er hier. Hatte sich ohne Auslösen des Alarms in seinen Raum geschlichen.

Die Forensiker nahmen ihn mit, hoben den inzwischen federleichten Körper in seiner leicht gekrümmten Sitzhaltung auf die Trage, bedeckten ihn aus Pietätsgründen mit einem Tuch, das aber aufgrund seiner mangelhaften Abmaße die ehemals um das Handy gekrallte Hand nicht bedeckte, so dass die braunen Finger im Vorbeifahren anklagend auf die trauernde Schulleitung wies.

Die Mumie wurde aus Überforderungsgründen weitergereicht. war man in der Kleinstadt, wo sie gefunden wurde, nicht passend ausgerüstet, hatte auch die Kreisstadt keine passenden Gerätschaften vorrätig, vom Personal ganz zu schweigen.

Es meldete sich zwar ein dubioser Bestatter, der, so sagte man, ein großer Fan einschlägiger Kriminalliteratur war und in seinem Garten mit Kleintieren eine Art münsterländische Leichenfarm angelegt hatte, was ihm regelmäßige Anzeigen der Nachbarn einbrachte, doch man ignorierte sein Ansinnen und wendete sich an die Landeshauptstadt. Die fühlte sich nicht zuständig, hatte gerade genug zu tun und packte den nun leicht zerfledderten Körper in eine Kiste, die in die Bundeshauptstadt zum zentralen Institut gehen sollte.

Dort landete sie auf dem Tisch eines jungen Nachwuchspathologen, der in seinem früheren Leben, sofern man davon reden kann, ein paar Semester Archäologie studierte. Ihm waren die Erdschichten zu viel geworden und er verliebte sich in die Knochen, träumte gar von einer Karriere in der forensischen Anthropologie.

Er zog alle Register, die sein Arbeitsplatz hergab. Kochte, zerlegte, untersuchte, schnitt und schnipselte, untersuchte Proben und Pröbchen und fand nach langem Suchen eine kleine feine verbrannte Stelle in der Handfläche. Alles deutete auf die fatalen Wirkungen von elektrischem Strom hin, also griff er zum Telefon. Wurde erst zum Landesinstitut, dann zur zentrale des Kreisinstituts weitergeleitet, wo es etwas dauerte, weil niemand sich erinnern wollte und der betreffende Kollege zum Mittag war, was auch immer das morgens um 10 Uhr heißen sollte.

Am Ende landete er bei dem lokalen Krankenhaus, das ihm nach vielem hin und her und Datenschutzproblemen den Arbeitsplatz nannte und ihn zum Hausmeister der Schule durchstellte.

Der nutzte die gerade leeren Räume, um über die Haussprechanlage Metal laufen zu lassen und mit seinem neuen Fahrrad Kunststücke im leergefegten Foyer auszuprobieren. Der Anruf unterbrach die Musik und seine Konzentration woraufhin er das Gleichgewicht verlor und beinahe lang hinschlug. Mit einem Fluch nahm er das Gespräch entgegen, antwortete nicht uninteressiert, da er schließlich der Auffinder gewesen war, doch einsilbig und schilderte exakt, was er auf dem Tisch des Kollegen vorgefunden hatte.

Sogar eine Fotografie hatte er irgendwo auf seinem Handy, auf dem die Kabel und Schaltungen zu sehen waren, die inzwischen längst wieder in einem Karton in der Elektrotechnikabteilung ruhten.

Der junge Pathologe nahm die Bilder, legte sie seinem schwulen Mitbewohner vor, der seinerseits Elektrotechnik studiert hatte, nun aber als Fußmodel für Wanderschuhe seinen Lebensunterhalt fristete und nebenbei mehr verdiente als der junge Arzt mit Nachtschichtzulage. Er identifizierte die Schaltung als den Kugelfisch unter den Schulexperimenten, dramatisch meist nur für den Lehrer, der beim kleinsten Fehler oder bei alterschwachen Sicherungen mit dem Leben bezahlen musste.

Zufrieden tippte er noch in der Nacht den Bericht und schickte ihn an sein Institut. Das leitete ihn mit Verzögerung an das zuständige Landesinstitut weiter, wo es erst einmal für ein paar Wochen verschwand, wieder auftauchte, gelesen, bestempelt, wieder verlegt und am Ende beim Aufräumen unter dem Schreibtisch des frisch berenteten Kollegen gefunden und weitergegeben wurde an das Kreiskrankenhaus.

Da man dort mit den Informationen nichts anfangen wollte, tütete eine Sekretärin die Lösung ein und schickte sie an die Schule, wo sie auf dem Tisch des Hausmeisters landete.

Er las den Text, googelte Fachbegriffe, las ihn ein zweites Mal und stand auf, um das Stück Kaugummipapier aus dem Sicherungskasten für die zweite Etage zu entfernen.

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 1 : Lottchen

Es soll um eine kleine Lockerungsübung gehen, schreiben nach Reizwörtern. Ich mochte das – ehrlich gesagt – schon in der Schule und da ich bei Christiane regelmäßig bei den Etüden mitmache, ist es nicht wirklich etwas Neues für mich. Die Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt entdeckte ich bei Vielen, die ich abonniert habe und wurde neugierig.

In letzter Zeit schreibe ich zu wenig Geschichten. Das mag der Zeit geschuldet sein oder aber einem irgendwie gearteten Rhythmus bei mir folgen.

„Lotte, mach kein Quatsch!“, dröhnte blechern aus den verwitterten Lautsprechern. Seeluft war für nix gut, stellte sie fest und erinnerte sich an die Vorlesungen, in denen sie Pflichtzeiten abgesessen hatte. Korrosion, Verrottung, ausgelöst von Salz und Wasser, vermeidbare Metallverwesung, sie hatte lieber in anderen Bereichen geforscht.

Sulke ging ihr auf den Keks. Sie hatte das Lied schon in den 80ern gehasst. Die blöden Sprüche auf jeder Party, die von Mitschülern nachgenäselten Schnulzlaute klangen ihr immer noch in den Ohren.

Ausgerechnet hier, ausgerechnet jetzt empfand sie die Erinnerung an ihr damaliges Leid fast unerträglich. Ihre momentane Situation, ihr Plan ließ keine melancholische Rückschau zu. Sie war im Aufbruch, begann etwas Neues, etwas Schönes. Sie traute sich endlich, das hinter sich zu lassen, was ihr nicht passte.

Ihr Vater bog um die Ecke, in jeder Hand einen Becher, aus dem es in der kalten Luft dampfte. „Ich hab dir auch einen Kaffee mitgebracht, Lottchen.“ Er reichte ihn ihr und ließ sich neben sie auf die Holzbank plumpsen. „Sind das alles deine Taschen?“ Sie grinste: „Nö! Das hättest du wohl bemerkt, oder? Die gehören der Familie da vorne. Sie sind kurz winken gegangen.“ Sie wies mit dem Kopf in Richtung Reling, wo zwei Erwachsene und eine nicht abzuschätzende Zahl Kinder hin und her sprang, winkte, weinte, rief und offensichtlich Abschied nahm. Sie hatte niemanden zum Winken. Noch nicht. Der Vater begleitete sie die erste Etappe. Das Weinen war vorerst nicht nötig.

„Ich erinnere mich an deine erste Klasse. Du hattest immer Angst, etwas zu Hause zu vergessen. Dein Tornister wog mindestens eine Tonne, doch du weigertest dich standhaft, etwas davon zu Hause zu lassen. Die Lehrer nannten dich die schwerbepackte Lotte. Du warst so niedlich mit deinen Zöpfen und dem Koloss von Ranzen auf deinem schmalen Rücken.“ Er lächelte, doch sie sah eine Träne in seinem Augenwinkel aufblitzen.

„Zu früh“, dachte sie und spürte einen Kloß im Hals. Sie nahm dem Vater eine der Tassen aus der Hand und nahm einen großen Schluck. Das war besser. Für eine Weile schwiegen sie. Es war nicht der Ort, Erinnerungen auszugraben. Dafür war später noch Zeit, wenn tausende Kilometer sie trennten und man alleine weinen konnte.

„Wollen wir ein bisschen laufen?“ Der Vater erhob sich und reichte ihr den Arm. „In zwanzig Minuten sind wir da. Zeit , ein bisschen über das Schiffsdeck zu flanieren. Allzu oft kommen wir nicht in den Genuss der Schifffahrt!“

Sie grinste und nahm seinen Arm. Die Familie saß wieder beim Gepäck und würde nun auf ihre Taschen achten. Eine Möwe schrie, als sie mit ihm gleichzeitig den ersten Schritt machte. Sie nahm es als böses Omen.

Ein Hafen erschien am Horizont. Dort ging es auf ein großes Schiff. Dieses Mal ohne Begleitung.

„Möchtest du, dass ich winke?“

Alice