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ABC-Etüde – Nachts

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Kain Schreiber.

Triggerwarnung: Angststörung, Nachtangst, Phobien!

Ich habe nachts Angst, solange ich denken kann. Sobald es dunkel wird, klopft sie an die Tür, rumort unter meinem Bett, streckt ihre Klauen nach mir aus. Meine Eltern kommen damit nicht zurecht. Sie verweigern mir jeglichen Beistand, untersagen selbst das Nachtlicht. Sie sind der Meinung, dass ich lernen werde, dass da nichts Böses in der Dunkelheit ist. Dass ich abhärten müsse, mich nach einigen durchweinten und durchgeschrienen Nächten schon daran gewöhnen und mich die Panik so schnell verlassen werde, wie sie gekommen ist.

Ich bin kein liebliches Kind, nicht zart, nicht sanft, eher der kleine Troll der überraschend und ungewollt aus dem Bauch der Mutter purzelte, zu laut schreit, immer zu dreckig, zu plump und zu ungelenk bin, um ihren Beschützerinstinkt ausreichend zu wecken. So lassen sie mich alleine mit dem Grauen, vielleicht auch in der Hoffnung, dass es mich holen wird, sie von meiner Anwesenheit befreit, um Platz zu machen für ein pflegeleichteres Kind.

Ich versuchte ihnen zu erzählen von dem, was ich sah, mein Entsetzen mit ihnen zu teilen, Verständnis und Mitgefühl zu erkämpfen, doch sie hörten nicht zu, löschen jeden Abend das Licht und verschließen die Tür von außen.

Seitdem besucht sie mich. Wandelbar ist sie und wählt just in dem Moment ein neues Kostüm, wenn ich mich gerade an das alte gewöhnt zu haben glaube. Sie steckt im Kleiderschrank, in dem Muster der Tapete, auf das das Mondlicht wilde Schatten malt, in den Augen der Puppen, die ich auch sehe, selbst, wenn ich sie abends vorsorglich zu Wand drehe.

Ich bin mir sicher, dass sie mich eines Tages holen wird.

Alice

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Etüdensommerpausenintermezzo – Siebenauszwölf – Fast Rimini

Zum Etüdensommerpausenintermezzo bei Christiane.

Ich fuhr ihm nach. Die Entscheidung fiel mir leicht, ich war vor Liebe blind. Eine Woche waren wir getrennt gewesen. Ich hasste den Herzschmerz, den es bei mir auslöste, bekämpfte ihn mit Hausputz und Alkohol. Die Welt um mich herum verschwand. Liebe kann grausam sein.

Die Zugfahrt zog sich über Stunden, voller Begeisterung stürzte ich mich ins Abenteuer, fühlte mich ungewöhnlich jung und abenteuerlustig, als ich in den Zug stieg, der mich über den Brenner bringen sollte.Warum das Hirn die Vernunft ausblendet, wenn die Endorphine durch den Körper schießen, frage ich mich manchmal. Ich war schon damals nicht mehr bereit für ein zusätzliches Kind, doch der Körper tut so, als wäre es das erklärte Ziel. Ich fuhr ihm also nach. Und ließ alles zurück.

Die Fahrt war holprig und mit Fußangeln gespickt. Doch als ich in Faenza aus dem Zug stieg und er mich in die Arme schloss, schien alles gut.

Der Ort, wo das Hotel stand, hieß Cesenatico. Eine kleiner Touristenort direkt am Mittelmeer. Es war Frühling, Vorsaison und noch standen die Strandkörbe in den Kellern der Hotels, sorgfältig eingemottet für die erst im nächsten Monat erwarteten Touristenströme. Ich war noch nie in Italien gewesen, konnte mich kaum satt sehen an den Farben in der klaren Luft und der fremden Architektur.

Der Ort war irgendwo in den Sechzigern steckengeblieben. Große Hotelbunker säumten den breiten Sandstrand, tausend Zimmer mit Blick zum Meer. Ich fühle mich in eine andere Zeit versetzt.

Unser Hotel lag etwas abseits, hatte sich auf die Aufnahme von Radsportlern spezialisiert, die das milde Klima, die günstigen Preise und die Hügelketten, die in der ferne zu erkennen waren, zum vorsaisonalen Training nutzten. Die Zimmer waren einfach, aber sauber, hatten eher was von einer Jugendherberge als von einem Urlaubsdomizil. Mir war es egal. Ich hätte auch unter freiem Himmel übernachtet, Hauptsache ich konnte seine Hand halten.

In dem, an eine Kantine erinnernden, Speisesaal stellte er mich den anderen vor. Ich war naiv genug, zu glauben, dass sie mich schon akzeptieren würden. Mich, die neue Frau an seiner Seite. Nicht die Radsportlerin, nicht die, die ihre Leidenschaft fürs Pedaletreten teilte, sondern die Unsportliche, die Fremde. Sie waren höflich, dass muss ich zugeben. Doch ich sah ihre Blicke und wie sie manchmal die Köpfe zusammensteckten, wenn ich vorbeiging oder ihn küsste.

Tagsüber war Training in den Bergen. Sie fuhren die Serpentinen hoch, übten Sprints, fuhren Windschatten und legten dabei etliche Kilometer zurück. Wir fuhren mit dem Wagen hinterher, Verbandstasche, Reparaturkit und Getränke im Gepäck. Er beobachtete die Fahrer, brüllte manchmal Anweisungen aus dem Fenster, ich versank in der Landschaft, ergötzte mich an blauem Himmel über Pfirsichplantagen, die gerade in voller Blüte standen und einsame Villen in Zypressenhainen.

Mittags wurde im Hotel gegessen. Es gab fast ausschließlich Nudeln und ich pickte nur ein wenig darin herum. Mir fehlte das dazugehörende Training. Außerdem hatte ich panische Angst, dicker zu werden und ihm nicht mehr zu gefallen. Mein Diätwahn hatte schon immer seltsame Züge angenommen.

Auch am dritten Tag schnitten sie mich noch. Sie grüßten zwar, doch wollte ich mich mit ihnen unterhalten, um sie kennenzulernen, wichen sie mir aus. Manchmal fing ich Kommentare auf, wenn ich in der Nähe war. Sie schienen nicht für meine Ohren bestimmt und waren es wohl doch. Kamen sie um ein Gespräch nicht herum, weil er neben mir stand, schwangen seltsame Zwischentöne durch den Raum.

Als ich ihn darauf ansprach, während wir Hand in Hand an der Wasserlinie spazieren gingen, die nackten Füße in den seidigen Sand gekrallt, leugnete er es, gab vor, sie bräuchten etwas Zeit, doch sie fänden mich ganz toll.

Am nächsten Tag trainierte er mit ihnen. ich beschloss, die freien Stunden am Strand zu verbringen. Die Sonne schien den ganzen Tag und brannte mir die Sorgen aus dem Kopf. In der Ferne nutzten ein paar Windjammer die leichte Brise und ich entspannte.

Doch als ich ihn nachmittags wiedersah, war alles anders. Als er mich zur Begrüßung küsste, spürte ich eine seltsame Distanz. Die innige Verbundenheit zwischen uns, schien einen Riss bekommen zu haben. Natürlich fragte ich ihn, doch er behauptete, es wäre alles in Ordnung.

Danach beobachtete ich ihn. Wenn er sich mit den anderen unterhielt, behielt ich ihn im Auge, lauschte auf Bemerkungen und versuchte die Stimmung einzuschätzen. Ich fühlte mich zunehmend ausgeschlossen. Eine leichte Panik durchschoss mich, als ich sah, wie er sich mit der jungen Kellnerin unterhielt. Vielleicht wollte er mich schon ablegen, sich neu orientieren.

In der zweiten Woche war er jeden Tag mit den Anderen beim Training. Ich ging versuchsweise an den Strand und durchstreifte die kleinen Nippeslädchen, die wie Perlen an einer Kette die Promenade säumten. Doch ich nahm nichts auf. Mit meinen Gedanken war ich bei ihm in den Bergen, sah ihn in meiner Phantasie mit den anderen scherzen oder mit der jungen italienischen Radsportlerin flirten, die am Vorabend angekommen war.

Kurzerhand mietete ich einen alten Golf in der Werkstatt, die ich auf meinen Streifzügen entdeckt hatte. Und als sie am nächsten Morgen los fuhren, folgte ich ihnen mit ausreichend Abstand. Der Wagen röchelte an den Steigungen fast so sehr wie die Radler, doch ich schaffte es, sie einigermaßen im Auge zu behalten. Besonders ihn. Nur ihn.

Am dritten Tag hatte ich keine Lust mehr. Ich fand nichts, was dieses seltsame Gefühl erklären könnte. Er fuhr mit seinen Teamkollegen, hielt ab und zu an, um etwas zu trinken oder sich abzusprechen. Es war alles in Ordnung, ich hatte es mir nur eingebildet.

Doch als ich gerade wenden wollte, sah ich die Italienerin über die Hügelkuppe fahren. Sie winkte ihm zu und hielt bei ihm an. Sie scherzen und er beugte sich weit, zu weit zu ihr hinüber, um einen kleinen Zweig aus ihren braunen Locken zu ziehen.

Man spürt es, wenn das Herz bricht. Das hat meine Oma immer zu mir gesagt und in diesem Moment wusste ich, dass sie Recht hatte. Etwas riss in mir und ich verlor die Kontrolle.

Durch Nebel sah ich, wie sie sich verabschiedeten und in verschiedene Richtungen fuhren. Meine Hand griff den Zündschlüssel, drehte ihn, der Fuß fand das Gaspedal und folgte ihm. Ich erkannte die Strecke vom Vortag wieder, die er anstrebte. Sie führte in engen Kurven einen steilen Hügel hinauf. er würde sich dort hochquälen und hinterher, wie zur Belohnung den Geschwindigkeitsrausch der Abfahrt genießen.

Also fuhr ich unten herum. Und wartete.

Es war ganz leicht, viel leichter als es bei seiner Frau gewesen war. Ich fuhr ihm entgegen, er wich mir aus und kam von der Straße ab. Der Aufprall auf den alten Olivenbaum klang dumpf.

Erst als ich im Hotel war, hörte ich den Hubschrauber. Er kam zu spät, davon hatte ich mich sicherheitshalber überzeugt.

Alice

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Pausenaufsicht

Es war etwas komplett Neues, was die Regierung sich überlegte. In Anbetracht der Tatsache, dass aufgrund der hohen Arbeitslosigkeitsquote in diversen Berufsgruppen durch die Pandemie und der zusätzlichen Belastung der Lehrkräfte durch parallelen Online- und Präsenzunterricht, wurde entschieden, dass zumindest bei der Pausenaufsicht externe Mitarbeiter von den Schulen eingestellt werden durften.

Die Schulleiter jubelten erfreut, die angewiesene Geldsumme war erfreulich hoch, der Markt voller arbeitswilliger Mitarbeiter in spe. Das Kollegium atmete auf, erleichtert zumindest in den Pausen vom Jungvolk verschont zu bleiben und wenigstens zwanzig Minuten ohne Hinweise auf Abstandsgebote und Mundschutz verbringen zu dürfen.

Die Ausschreibung wurde fett auf der Titelseite des lokalen Käseblatts veröffentlicht. Binnen einer Woche stapelten sich die Bewerbungen auf dem Schreibtisch.

Die Lehrerkonferenz trat zusammen und ging in Klausur, ein wenig überfordert von der Vielzahl und Vielfalt der Kandidaten. Verschiedene Kriterien wurden angesetzt, auf einem Flipchart zusammengetragen, abgestimmt, verworfen und erneut niedergeschrieben. Präsenz sei wichtig und Durchsetzungsvermögen, respekteinflößend sollten sie sein und auch einen Draht zur Jugend haben. Und Erfahrung sollten sie haben im Ordnung schaffen und halten.

Die ersten fünf zum Vorstellungsgespräch geladenen Kandidaten entsprangen einem Sicherheitsdienst, der sonst hauptsächlich bei Fußballspielen und anderen Großveranstaltungen eingesetzt wurde. Positiv fiel auf, dass sie ihre Uniformen direkt mitbrachten. Sie waren groß, durchtrainiert und von beeindruckender Präsenz. Der Schulleiter rückte nervös seine Stifte zurecht, als sie wie eine Wand den Raum betraten, der Stellvertreter versteckte sich hinter dem nun abgedeckten Flipchart und lächelte unsicher.

Man wurde sich schnell einig, fünf Tage Probearbeit wurden anberaumt, natürlich bei voller Bezahlung.

Der erste Tag ließ sich gut an. Sie waren pünktlich, platzierten sich an prägnanten Stellen, schindeten schon durch ihre bloße Anwesenheit bei den Schülern Eindruck. Der Schulleiter atmete auf. Im Lehrerzimmer machte sich entspannte Heiterkeit breit. Der zuständige Kollege nahm den Zettel mit der Aufsichtsverteilung vom schwarzen Brett und zerriss ihn demonstrativ in der Kaffeeküche.

Doch schon in der zweiten Pause kristallisierten sich die ersten Unstimmigkeiten heraus. Nicht alle Schüler ließen sich durch die bloße Anwesenheit beeindrucken, ein paar stadionerprobte übten den Aufstand, gaben Widerworte, zogen provokant Masken von frechen Nasen und sangen gar Stadionlieder.

Die Reaktion der Aufsicht war nicht unerwartet. Sie reagierten wie gelernt, schubsten auseinander, brüllten, drohten und nahmen am Ende eine paar Quertreiber mit Kabelbindern fest, um sie, in Ermangelung eines Einsatzfahrzeuges, dem Schulleiter auf die Matte zu stellen, Lob erwartend, wie der Kater mit der erbeuteten Maus. Der wiederum war überfordert, wich, als er die Tür auf das Hämmern hin öffnete, zurück, riss die Maske vor die Nase und flüchtete hinter seinen breiten Schreibtisch.

Die Diskussion war kurz und für beide Seiten ernüchternd. Die Schüler wurden befreit. Diese sahen von einer Anzeige ab, sofern im nächsten Schuljahr ein paar üble Noten verschwinden würden. Der Schulleiter stimmte allem zu, wies die Bezahlung der fünf, nun wieder dienstlosen Mitarbeiter an und blieb ernüchtert zurück.

Im Lehrerzimmer herrschte verzweifelte Stille. Der Kollege kramte die Schnipsel aus dem Papierkorb, versuchte zu entziffern, wen er für die dritte Pause hinausschicken konnte. Eine spontane Konferenz wurde für den Nachmittag anberaumt. Die restlichen Kandidaten standen zur Wahl und die Entscheidung sollte im Plenum getroffen werden.

Ein selbst musizierender Kollege schlug Veranstaltungstechniker vor. Sie hätten zwar nicht zwingend die körperliche Präsenz, wüssten aber Massen zu manipulieren und wären in der aktuellen Situation besonders gebeutelt.

Die erschöpften Kollegen stimmten begeistert zu, der Rektor erledigte ein paar Anrufe und machte einen Termin am späten Nachmittag.

Sechs Techniker erschienen überpünktlich, wuselten durch Sekretariat und Lehrerzimmer, probierten ohne Not die Sprechanlage aus, nahmen die Aula in Besitz und durchwühlten bereits kopfschüttelnd die Kisten mit dem vorhandenen Tonequipment. Als der Schulleiter sie ins Büro rief, um die anstehende Aufgabe zu besprechen und die Vorstellungen abzugleichen, setzten sie sich nur widerwillig. Einer ging schnipsend durch den Raum, lächelte dann begeistert, murmelte was von hervorragender Akustik und stellte sich dann mit ausreichend Abstand zu den Kollegen.

Der Chef erklärte ihre Aufgabe, machte sie auf die Notwendigkeit und Ernsthaftigkeit ihres Dienstes aufmerksam, klärte noch kurz das finanzielle und verabschiedete sie dann bis zum nächsten Tag.

… Fortsetzung folgt…

Alice

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Das Alphavirus – Ein Experiment

So, ich habe mitgemacht bei dem Experiment von Mindsplint. Das Buch kam von Ilseluise zu mir und ist schon fertig durchgelesen. Mit knapp 100 Seiten, ist es eine Geschichte für einen Nachmittag oder – für Schnellleser – ein Stündchen.

Jetzt suche ich jemanden, der auf Science-Fiction Literatur steht und mitmachen möchte. Es kostet ein bisschen Zeit und ein wenig Porto, doch das lohnt sich (so viel mag ich verraten)

Da ich gerade wenig Zeit habe, alles neu zu formulieren, kopiere ich hier einmal die „Anleitung“ von Ilseluise und Mindsplint hinein…

Ilseluise schreibt:

Das ‚Alphavirus‘ –  geht auf Weltreise…

Ich weiß nicht, ob es einige von euch mitbekommen haben, aber MINDSPLINT zählt zu dem kleinen Kreis der Glücklichen, die ein Vorab-Exemplar des Buches ‚Alphavirus‘ von Peter Georgas-Frey zugeschickt bekommen haben.

MINDSPLINT schreibt: „Und was soll ich sagen? Es hat zwar ganze vier Tage gedauert, bis ich die Zeit fand, mit dem Lesen zu beginnen, aber einmal angefangen, konnte ich es nicht mehr weglegen, bis ich es zu Ende gelesen hatte.
Die Handlung ist sehr aktuell und dadurch absolut mitreißend, da wir uns ebenso, wie in dem Buch beschrieben, momentan in einer durch ein Virus verschuldeten Pandemie befinden.
Und wie das Virus selbst, geht auch der Sonderermittler Reeves auf große Reise, um nach der Ursache zu suchen und die Infektionskette zu stoppen… mehr wird an dieser Stelle jedoch nicht verraten.“

alphavirus

So, und jetzt kommt ihr ins Spiel, liebe Leserinnen:
MINDSPLINT und ich sind so begeistert von dem Buch, dass wir möchten, dass es ebenso durch die Welt reist, und an Bekanntheit gewinnt, wie das Alphavirus.

Folgender Plan schwebt mir vor:
Ich füge  wie MINDSPLINT, meine persönliche Rezension auf einem Blatt Papier, ähnlich einer Widmung, dem Buch hinzu und schicke es dann weiter auf die Reise …
… Und zwar zu Dir, wenn Du mir über die Emailfunktion Deine Adresse mitteilst.

Du liest das Buch, fügst ihm auch eine persönliche Rezension hinzu und schickst es an einen weiteren interessierten Gerneleser Deines Blogs.

Um herauszufinden, wer sich interessiert, teile einfach diesen Text, verfahre wie MINDSPLINT und ich – und schicke das ‚Alphavirus`auf Weltreise.

So geht es dann weiter ….. und immer weiter …. mit dem Ziel, dass das Buch im Anschluss  beim Autor selbst ankommt.

Um das zu ermöglichen, ist am Ende des Artikels der Link zum Buch zu finden, sowie Name und  WP-Seite des Autoren.

Denn:
Wer das Buch im Dezember hat, schickt es dann nach dem Lesen und rezensieren – quasi als Weihnachtsgeschenk – zurück zum Autor. (Kontaktaufnahme mit dem Autor über Email zwecks Adressenaustausch ist dann für den Letzten erforderlich)

Ziel ist in erster Linie, das Buch bekannt zu machen, denn das hat es absolut verdient! Außerdem hat der Autor dann sein Buch, gespickt mit persönlichen Widmungen und Anregungen zurück, was den Wert des Buches für ihn sicherlich noch mal um ein Vielfaches erhöht.
Und ihn vielleicht sogar zu einer Fortsetzung motiviert!

Und … es ist … einfach ein Experiment – um mal zu erforschen, ob eine solche Idee Potential hat…. 🙂

So – und jetzt ran an die Tasten, wer zuerst kommt, mahlt zuerst!
Bitte Anfragen per mail an:
makeachoicealice@web.de

Das Buch: https://www.amazon.de/dp/B089M1FH6Y
Der Autor: Peter Georgas-Frey
Seine WP-Seite: https://zeilenportal.com/1-2-2/

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ABC-Etüde – Fundstück

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Olpo Olponator.

Er hatte es vor Augen, die ganze Zeit. Der Mann, wie er vom Katamaran steigt und sich auf den Kai sinken lässt. Der junge Polizist, der sich heranschiebt, die Hand auf den Arm legt und dabeihockt. Zu nah. Er wird es lernen.

Das Lösen der Senkel der alten Segeltuchschuhe. Das von den Füßen ziehen, nacheinander. Das sorgsame Aufstellen. Der Zusammenbruch.

Das Verhalten erschien ihm seltsam, doch das hatte er schon häufig gesehen. Dieses irrationale Verhalten, wenn mitgeteilt wird, dass der Mensch, der zum Leben gehörte, auf einmal weg ist. Er erinnert sich an die Oma, die begann Kekse zu backen, als sie ihr den Tod ihres Enkels erklären mussten. Oder die Tochter, die wütend begann, die Kleiderschränke der Eltern auszuräumen und in Müllsäcke zu stopfen. um dann an einem T-Shirt hängen zu bleiben und erst dann zusammenzubrechen, als klar war, dass die Mutter es nie mehr tragen wird.

Ein Einhorn war darauf, er weiß es immer noch und muss für einen Moment lächeln.

In der durchsichtigen Plastiktasche sind die Segeltuchschuhe und eine handschriftliche Notiz. Die Menge an Blut, die sich in dem Profil gesammelt hatte, passte nicht zu der Geschichte. Er müsste durch eine große Blutpfütze gelaufen sein – steht da in ihrer ordentlichen Schrift – um solche Spuren zu hinterlassen.

Er lässt den Zettel sinken und schmunzelt. Sie machen immer denselben Fehler. Blut wäscht man mit kaltem Wasser ab. Diese großspurigen Idioten. Was man nicht sieht, ist auch nicht da.

Und die da oben wollen es totschweigen, den Golffreund schützen. Er ballt die Faust.

Er ist nicht allein.

Alice

PS: Zeichnungen kommen morgen oder später. Heute gab es viel Gutes vom neuen Grill, dazu auch morgen was. Zwei Bier, die sein mussten, weil harte Arbeit und so, hindern mich am zeichnen. Tippen geht noch 😉

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42 Jahre Witwe

Sie wurde 1882 geboren, er war sieben Jahre älter. Vielleicht lernten sie sich beim Tanz kennen oder sie war eine gute Partie, Industriellentochter und wurde ihm zugeführt. Es kann auch sein, dass er sie in einer lauen Sommernacht für eine Fahrt in die Schaukel einlud. Und als sie ausstiegen, hielt er ihre Hand und ließ sie nicht mehr los.

Sie verließen den Rummelplatz und fanden einen einsamen mondbeschienenen Fleck, Ein paar Wochen später hielt er bei ihrem Vater um sie an. Das Siebenmonatsbaby kam zeitgerecht.

Er arbeitete unter Tage, sie versorgte die kleine Zechenwohnung.

Ob ihn in diesem Winter ´31 mit seinen 56 Jahren die Grippe holte oder die Staublunge ihn langsam erstickte, ob er von einem der neumodischen Autos überfahren wurde oder im Streit in der Kneipe von einem fiesen Schläger totgeprügelt wurde, weiß ich nicht.

Er starb – und sie blieb zurück.

Sie blieb zurück für 42 Jahre bis sie 1974 nachgab. Sie trug noch ihren Ehenamen und vielleicht hat sie nach seinem Tod tatsächlich niemanden mehr angesehen. Eine gesetzte Dame war sie bereits, als er starb. Die Kinder groß, vielleicht die ersten Enkelkinder als neue Aufgabe. Ein paar Nachbarinnen waren bestimmt da, alle jenseits der 50, einige verwitwet.

Sie wird die Zeit gut rumbekommen haben, hat es sogar allein durch den Krieg geschafft und durfte das Wirtschaftswunder erleben. Über 90 ist sie geworden. Und neben den vielen harten Zeiten, waren sicher auch schöne dabei, an die sie sich gerne erinnerte, wenn sie abends allein am Radio saß.

Vielleicht an die Nacht, wo er ihr aus der Schaukel geholfen hatte und ihre Hand einfach nicht mehr los ließ.

Es gibt tatsächlich schöne Ecken in Marl. Da ich meinen Sohn zur Schule fahren konnte, Homeofficegleitzeit sei Dank, hing ich hier eine Weile fest. Ein paar Kundenfragen trudelten ein und wurden bequem auf einer Bank im Skulpturenpark beantwortet.

Die Sohne schien und neben den präsenten Kriegsgräbern fanden sich ein paar vereinzelte private. Alle waren sie alt, die jüngsten stammten aus den 70er Jahren.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für Friedhöfe habe.

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 6: Erfinde eine Figur und bringe sie in Schwierigkeiten

Seit fast einer Woche mache ich bei der virtuellen Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt mit. Es ist ungeheuer interessant, welche Übungen und Blickwinkel es gibt. Bisher habe ich immer drauflosgeschrieben, besitze zwar den einen oder anderen Schreibratgeber, doch durchgelesen habe ich sie noch nie. Ich bin immer eher praktisch orientiert, lerne lieber durch machen als durch lesen.

Er hatte für einen Moment nicht nachgedacht, als er den Hörer in die Hand nahm und die Nummer wählte, die auf dem Kaugummipapier stand. Sie hatte es ihm zugesteckt, vor einer Woche schon und seitdem trug er es mit sich herum. Sie war hübsch, ohne Frage und mindestens zwei Klassen über ihm, da machte er sich keine Illusionen. Eine Frau mit dieser Ausstrahlung und diesem Körper, was wollte die von einem pummeligen Automechaniker mit Brille.

Hätte er also nachgedacht, wäre das gekaute Kaugummi in genau dieses Papierchen gewandert und er hätte beide in die ölverschmierte Tonne neben dem Batterieladegerät geworfen. Hatte er nicht. Und auch nicht über die Folgen nachgedacht, als er leicht angetrunken und ermutigt vom zweiten Feierabendbier, die silbrig schillernde Einladung in die Hand nahm und ihre Nummer wählte.

Sie meldete sich nach dem vierten Klingeln. Als es in der Leitung knisterte, erwartete er ihre Mailbox, wollte bereits auflegen, aufgeben. Sie klang kurzatmig, als wäre sie gelaufen und für einen Moment wünscht er sich, sie wäre seinetwegen gerannt, hätte gewusst, dass er am anderen Ende des Telefons ist und sich beeilt. Die blonden Locken zerzaust, das Gesicht gerötet, er spürte, wie seine Hände schwitzig wurden.

Für einen Moment schwieg er, nachdem sie ihren Namen sagte mit dem kleinen Fragezeichen am Ende. Was sollte er ihr sagen? Dass er der Dicke aus der Werkstatt sei und anrufe, weil er sie nicht aus dem Kopf bekomme? Oder sollte er vielleicht noch eine wichtige Inspektion erfinden, irgendein Rädchen, dass noch nachgestellt, festgezogen, überprüft werden muss und weswegen sie unbedingt noch einmal vorbeischauen müsste?

Er räusperte sich. Am anderen Ende war es still. Er druckste ein wenig herum, brachte mit einem leichten Zittern in der Stimme seinen Namen raus und erinnerte sie an die Nummer, die sie ihm zusteckte. Sie erinnerte sich sofort, lachte hell und fragte ihn unumwunden, ob sie zusammen einen Kaffee trinken könnten.

Er war sprachlos. Hatte Fortuna ein Einsehen und ihm dieses große Los zugespielt? Seine bisherigen Erfahrungen mit Frauen waren armselig, ein besseres Wort fiel ihm nicht ein. Sie beschränkten sich auf ein paar Dates mit der Nachbarstochter, die in einem peinlichen Gefummel im Auto endeten und diversen Bordellbesuchen. Er machte sich keine Illusionen über seine Attraktivität. Doch vielleicht sah sie etwas anderes in ihm, etwas Schönes in seiner Seele, was ihn für sie interessanter machte als all diese Schönlinge.

Er sagte zu.

Sie trafen sich in dem kleinen Diner an der Straßenecke und es lief so reibungslos, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Sie aßen, tranken und lachten und als die Bedienung schließen wollte, war er überrascht, wo die Zeit geblieben war. Sie verabredeten etwas neues. Nicht am nächsten Tag, weil das zu viel gewesen wäre, doch für das Wochenende. Sie gingen essen und etwas trinken und als er sie nach Hause brachte, ließ sie zu, dass er sie küsste. Sie erwiderte die etwas linkische Berührung seiner Lippen sogar, gerade so viel, dass er sich Hoffnungen auf mehr machte und gerade so zurückhaltend, dass er den Respekt vor ihr behielt. Sie war perfekt.

Ihre Treffen häuften sich, nahezu jeden zweiten Abend verbrachten sie miteinander, hielten Händchen, küssten sich ab und zu und er hoffte, dass es mehr werden könnte. Er lud sie zu sich ein, wollte kochen, einen Film schauen und danach vielleicht ins Schlafzimmer wechseln, um endlich das zu tun, wovon er seit dem ersten Anruf träumte.

Er bereitete den Abend sorgfältig vor, holte sich Kochtipps von seiner Mutter, lieh den neusten Liebesfilm aus, besorgte Wein und auch was Stärkeres, wechselte die Bettwäsche, räumte auf und putzte, bis er sein kleines Appartement kaum wiedererkannte.

Sie war pünktlich, hatte ein Sixpack Bier dabei und begrüßte ihn mit einem langen Kuss. Sie aßen, öffneten das Bier und wechselten auf die Couch, wo sie den Liebesfilm aneinandergekuschelt ansahen, unterbrochen von kleinen Küssen und zarten Berührungen.

Gegen Ende des Films, gerade als absehbar wurde, dass der Held die Schönheit für sich gewinnen konnte, ging er zum Angriff über. Ihre Signale waren eindeutig gewesen, das, was jetzt kommen musste, war überfällig. Doch als seine Hand ihre Brust umfassen wollte, schreckte sie zurück, schob seine Hand an die Seite und begann bitterlich zu weinen.

Er war verwirrt und frustriert, sein ganzer Körper hatte sich bereits massiv auf ein Miteinander eingestellt und sie wies ihn zurück. Doch er fing sich, streichelte vorsichtig ihre Schulter, flüsterte tröstende und entschuldigende Worte und hakte vorsichtig nach, was denn an dem, was er wollte, verkehrt sei.

Sie schluchzte noch eine Weile, nahm das Taschentuch aus seinen Händen, betupfte die Tränen und begann zu erzählen.

Sie sei nicht alleine, da sei ein Mann, mit dem sie vor langer Zeit zusammengekommen sei. Am Anfang sei es gut gelaufen, traumhaft sogar. Doch irgendwann war die Stimmung umgeschlagen und er hatte sie zu seinem Besitz gemacht. Sie hatte versucht, Schluss zu machen, doch das akzeptiere er nicht. Seit sie sich mit ihm hier traf, bedrohe er sie, rief immer wieder an, schickte Rosen oder Drohbriefe, je nach Laune und sie habe langsam Angst. Er wolle sie töten, sollte sie mit einem anderen schlafen, habe er ihr heute morgen auf die Mailbox gesprochen.

Sie wollte ihn nicht hineinziehen in ihr Dilemma und wenn sie bei ihm sei, wäre es so wunderschön, dass sie alles vergesse, doch bevor sie sich ihm hingebe – und dabei sah sie ihm ganz lange in die Augen – müsse das Problem mit ihrem Ex aus der Welt.

Er schwieg und dachte nach. Sie hatte inzwischen ihre Tränen getrocknet, hielt seine Hand und wartete.

Er schlug vor, mit ihm zu reden, um ihn zur Vernunft zu bringen oder zur Polizei zu gehen mit den Beweisen, die sie hatte, doch sie schüttelte immer nur den Kopf.

Die ganze Nacht saßen sie nebeneinander und redeten. Gegen Morgengrauen stand eine Idee im Raum. Er konnte sich nicht erinnern, wer sie hereingelassen hatte. Er schreckte zurück, als er sie betrachtete, doch es schien die einzige Lösung aus diesem Dilemma zu sein und die letzte Chance auf eine Beziehung mit dieser wunderbaren Frau.

Ihre Stimme wurde kälter, als sie ihm über die Routinen des Mannes berichtete, erzählte, wann er wo üblicherweise sei. Und sie schlug ihm einen Ort und eine Zeit vor, fast als hätte sie diesen Plan schon lange in ihrem Kopf gewälzt. Eine Waffe, die sie natürlich nur zum Selbstschutz habe, wanderte aus ihrer Handtasche in seine schweißfeuchten Hände.

Sie küsste ihn, als er nickte und bat ihn, sie anzurufen, wenn es erledigt sei.

Dann ging sie.

Alice

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ABC-Etüden – Vergessen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler und schreit geradezu nach eine Coronaquarantäeetüde, ich werde versuchen es zu vermeiden.

Er drückt sorgfältig die Tür hinter sich zu und zieht seine Jacke aus. Der Mantel seiner Frau hängt nicht an seinem Platz. Sie scheint noch unterwegs zu sein, auch wenn er nicht weiß, warum. Vor zwei Stunden hatte sie Feierabend und das ist nicht ihre Art, ohne Ankündigung zu spät zu kommen.

Er hat sich auf den Kaffee gefreut, der normalerweise bereitsteht und das Stück Kuchen, das sie auf dem Heimweg für ihn organisiert. Käse-Sahne oder Apfel, am liebsten mit Sahne.

Er leckt sich die Lippen und betritt die Küche. Es ist ungewöhnlich unordentlich. Die Tassen sind nicht gespült, auf dem Tisch liegen noch die Krümel von den Frühstücksbrötchen. Die Kühlschranktür ist nicht anständig geschlossen und der Müll stinkt. „Das wird Ärger geben“, denkt er und „Hier sieht es aus wie in einer Rumpelkammer!“

Der Stapel Zeitschriften wandert vom Stuhl auf die Anrichte neben die leeren Konservendosen und er setzt sich. Mit spitzen Fingern zieht er einen trockenen Keks aus der zerknitterten Packung und beißt hinein.

Was hatte sie heute morgen noch gesagt? Irgendetwas von so einem seltsamen Guru, dessen Bücher sie in der letzten Zeit verschlingt. Sei mutvoll und liebestrunken, glaube an die Kraft der Zusammenkunft. Er schüttelt den Kopf. Von Worten kann man nicht lange zehren. Ordnung und Klarheit ist das, was zählt.

Er schaut auf die Uhr. Jetzt ist sie drei Stunden überfällig. Mit einem lauwarmen Bier geht er verärgert ins Wohnzimmer und schaltet der Fernseher ein.

Ihr Brief liegt halb unter einem fettigen Pizzakarton verborgen. Er hat ihn so oft gelesen, dass er an den Knicken schon zerfällt.

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 4: Wartezeit

Seit vier, eigentlich drei Tagen nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil. An diesem Tag geht es um das Schreiben zu einem Bildvorschlag. Die Inspirationsquelle ist ein Bild von Edward Hopper namens Cape Cod Morning. Ich kenne natürlich Boulevard of Broken Dreams, das auch ganz oft kopiert und verändert wurde von anderen Malern.

Ein Kunstdruck des Originals hing in meiner Studentenbude, wahrscheinlich bei Ikea erstanden und ziemlich klein. Ich mag seine Art, Menschen darzustellen. Mein Horizont erweiterte sich mit den Jahren, auch wenn ich mir die Namen seiner Werke nicht gemerkt habe. Auch dieses Bild kam einmal vorbei. Ich weiß nicht, wo ich es zuerst gesehen habe. Es gefällt mir wie die meisten von Hoppers Werken. Ich mag die überlegt nachlässige Art seiner Darstellungen, das detailliert skizzenhafte, die Auswahl der Farben, den groben Strich und den genauen Blick auf die Personen.

Sie öffnet das Fenster und beugt sich vor, um die ganze Straße zu überblicken. Er sollte längst da sein, hat versprochen, sofort zu ihr zu fahren, wenn er es hinter sich gebracht hat. Seit sie telefoniert haben, sind zwei Stunden vergangen. Der Weg zu ihr dauert eine. Sie rechnet. Eine halbe Stunde, um zu sich nach Hause zu fahren. Um es endlich zu klären vielleicht zwanzig Minuten. Sollte sie weinen und betteln, eine halbe Stunde, höchstens. Er kann sehr hart sein, sie hat ihn schon fast brutal konsequent erlebt. Als er den Laufburschen entlassen musste. Da war er kurz und knapp gewesen. Hatte ihm die Papiere fast vor die Füße geworfen. Seine Stimme war wie Stahl gewesen. Kein Widerspruch, seine Entscheidung. Sie hatte vom Vorzimmer aus zugehört und gestaunt, wie gefährlich er klingen kann, wenn er seinen Willen bekommen möchte. Oder als sein Vater starb und der Bruder ihn aus der Firma schmeißen wollte. Die Gespräche mit den Anwälten, die Verhandlungen, der Bruch mit allen, die ihm was bedeutet hatten. Hart war er gewesen. Und unnachgiebig. Sie hatte gestaunt, wie eiskalt er mit der eigenen Mutter sprach.

Das Gespräch sollte nicht lange dauern. Vielleicht auch nur zehn Minuten.

Sie schaut auf die Uhr. Zwei Stunden zwanzig. Sie schaut die Straße herunter. Es ist nichts zu sehen.

Dann müsste er packen. Was braucht er wohl? Seine Anzüge, damit er morgen ordentlich in die Firma gehen kann. Ein bisschen hat er bei ihr. Zwei Hemden, Unterwäsche und Socken. Ob er seine Golfsachen mitbringt? Mittwochs geht er immer mit Miller aus der Personal zum Golfen, sollte er nicht auftauchen, wird das auffallen. Und seine ganzen Schuhe. Sie lächelt. Er hat mehr Schuhe als sie und teurere. Maßgeschneidert auf einem eigens angefertigten Leisten in London. Feinstes Leder, immer auf Hochglanz poliert. Sie darf nicht vergessen, Schuhputzzeug zu organisieren. Er wird auch ein paar seiner Bücher mitbringen und die Schallplatten.

Sie erinnert sich an ihren ersten Tanz. Auf der Weihnachtsfeier hatte er ihre Hand genommen und sie auf die Tanzfläche gezogen. Wie klischeehaft, denkt sie. Und da hatte es angefangen. Er und sie und Überstunden im Büro, ein Absacker in der kleinen Bar an der Ecke, wo der Wirt ihn mit Handschlag begrüßte und ihnen eine ruhige Nische gab, die man von der Straße aus nicht sehen konnte. Das karierte Tischtuch und die billige tropfende Kerze. Und seine Hand auf ihrer. Seine Blick in ihre Augen, sein Geständnis und dann ging er mit zu ihr. So fing es an und jetzt steht sie hier und schaut auf die Uhr.

Zwei Stunden vierzig. Die Dämmerung bricht herein. Sie hört ein Auto auf der Straße und ihr Herz schlägt schneller. Doch es biegt ab.

Er müsste längst unterwegs sein. Im Radio haben sie von einem Stau auf der Autobahn gesprochen. Da wird er drinstehen. Sie öffnet eine Flasche Wein und schenkt sich einen Schluck ein. Er röte so schön ihre Wangen, sagte er immer. Sie dreht das Radio lauter und beschließt, sich keine Sorgen zu machen. Mit dem Glas in der Hand tanzt sie durchs Wohnzimmer, freut sich auf ihn.

Das Lied wird durch eine Verkehrsdurchsage unterbrochen. Ein Unfall ist passiert. Der Stau wächst auf mehrere Kilometer.

Wie ärgerlich, er könnte längst hier sein, wenn die anderen vernünftig fahren würden. Er fährt sehr gut Auto, sie liebt es, neben ihm zu sitzen und ihre Haare im Fahrtwind des Cabrios flattern zu lassen. Vielleicht sollte sie sich Tücher kaufen, die sie sich um den Kopf schlingt, damit sie nach der Fahrt nicht so verzottelt aussieht. Aber ihn stört es nicht. Er lacht und streicht ihr die vorwitzigen Locken aus den Augen, wenn sie zu ihrer Stelle in den Wald fahren.

Und wenn er einen Unfall hatte und deshalb noch nicht da ist. Auf einmal zittern ihre Hände und der Wein schwappt aus dem Glas auf ihre Füße. Sie stürzt zum Fenster. Inzwischen ist es stockdunkel. In der Ferne ziehen Lichter vorbei. Sie hört die Motoren leise rauschen. Ob sie im Krankenhaus anruft? Was soll sie sagen? Sie ist nicht seine Frau? Dürfen sie ihr überhaupt was sagen?

Sie lässte sich auf den Hocker sinken und schaut auf die Uhr.

Drei Stunden fünfzig.

Er ist tot. Oder schwer verletzt. Ihre Augen blicken ins Leere, sie sieht sich ganz hinten bei der Trauergesellschaft stehen, darf nur höflich der Witwe kondolieren, nicht mehr zu ihm, nicht Abschied nehmen. Muss seiner Frau in die Augen sehen, die weiß und weiß, dass sie weiß. Und nichts sagt. Und kalt lächelt hinter den Tränen, die ihr nicht zustehen.

Vier Stunden.

Die Uhr in der Diele schlägt Mitternacht. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Geht sie ins Bett und er steht in der Tür, könnte er denken, sie hätte nicht gewartet, wäre egoistisch. Bleibt sie auf, wirkt sie verzweifelt.

Das Telefon klingelt. Für einen Moment scheint der schrille Klang weit weg. Sie kommt nur langsam zu sich, bringt das störende Geräusch mit einem Anruf zusammen. Sie stürzt in die Küche, reißt den Hörer an ihr Ohr und lauscht atemlos.

Für einige Minuten steht sie ganz still. Lauscht nur. Und so bleibt sie noch, als das Gegenüber längst aufgelegt hat. Irgendwann legt auch sie langsam den Hörer zurück.

Dann geht sie von Raum zu Raum, schließt die Fenster, löscht das Licht. Für einen Moment bleibt sie am Fuß der Treppe stehen, bevor sie ins Bett geht.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger

Falsche Zeit

Ein Foto löste es aus, dieses seltsame Gefühl zwischen warmer Erinnerung und Ruhe. Ich fand es auf den sozialen Medien. Nicht besonders gut geknipst, lediglich alt, ein bisschen verblasst. Eine Straße, irgendwo im Ruhrgebiet. Straßenbahnschienen brechen das Katzenkopfpflaster auf. Löwenzahn sprießt durch die Risse. Im Hintergrund ein Mehrfamilienhaus mit verwitterter Fassade, alt schon in den 70ern, dem Bombenhagel entkommen, preiswerte Wohnungen für die, die unter der Erde nach dem schwarzen Gold graben. Im Vordergrund eine Litfaßsäule, weiß beklebt, nur eine kleine Ankündigung guckt um die Rundung. Vielleicht ein Zirkus, der in die Stadt kommt oder das jährliche Schützenfest.

Sommerhitze liegt über der Straße, lässt die Luft über dem Asphaltstreifen zwischen den Schienen flirren. Die Luft riecht nach angestauter Hitze und Trockenheit.

Ein Kind fährt auf einem Tretroller von rechts ins Bild. Es trägt kurze Hosen und ein Hemd, das einmal weiß war, jetzt aber von dem Staub in der Luft einen matten Grauton angenommen hat. Die Mutter, die es vom Fenster aus betrachtet, hat es aufgegeben, weiße Hemden wieder weiß zu bekommen. Die lebt mit dem grau oder trägt bunt wie ihre gepunktete Polyesterkittelschürze.

Sie hat die Fenster geöffnet, um ein wenig Luft ins Haus zu lassen und nach dem Kleinen zu sehen. Sechs ist er gerade geworden und in einem Monat geht er in die Schule. Dann hat sie Zeit für das zweite, das gerade in ihrem Bauch wächst und sie stöhnen lässt, wenn sie sich gerade hinstellt. Seit Wochen hat sie ihre Füße nicht mehr gesehen und in der Hitze schwellen sie an, das es schmerzt.

Sie richtet sich auf und dreht sich zum Herd um, auf dem Bratkartoffeln brutzeln. In einer halben Stunde kommt der Mann. Dann wird gegessen, der Kleine ins Bett gebracht und noch ein wenig ferngesehen.

Das Kind war nicht geplant, überlegt sie und hofft, dass es ein Mädchen ist. Und dass das Geld des Mannes reicht, um die beiden durchzubringen. Sie rührt den Topf mit dem Spinat um. Die vom Kohleherd aufsteigende Hitze bereitet ihr Übelkeit.

Sie geht zum Fenster und ruft den Kleinen. Der, in sein Spiel vertieft, reagiert erst beim dritten Mal, zieht einen Schmollmund und wendet den kleinen Roller in Richtung Haus.

Eine Straßenbahn fährt vorbei, spuckt an der Straßenecke ein paar Menschen aus, bimmelt einmal und verschwindet.

Die Abendhitze steht zwischen den Häusern. Eine Straße, irgendwo im Ruhrgebiet. Straßenbahnschienen brechen das Katzenkopfpflaster auf. Löwenzahn sprießt durch die Risse.

Alice