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ABC-Etüde – Der Klang

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt aus dem Café Weltenall.

Die Schaukel schwang hin und her. Ihre Atemzüge waren im Gleichklang. Sie war eins mit sich. Da hörte sie den leisen Ton. Er schwoll mit jeder Vorwärtsbewegung an und wurde beim Zurückschwingen leiser. Sie hob die Hand und spürte einen leisen Wind an ihrer Handfläche. Für einen kleinen Moment war sie ängstlich, dann löste sie auch die zweite Hand und ließ sich emportragen.

Der Klang wurde lauter, sie hob ihr Gesicht den Wolken entgegen. In der Nähe einer zerissenen Zirruswolke ging der Ton in ein leichtes Tremolo über. Ihr Herzschlag beschleunigte während sie mit einem Zittern nach oben beschleunigt wurde.

Die Wolken lagen unter ihr. Sie beobachtete einen langsamen Vogelflug in einiger Entfernung. Eine klagende Geige mischte sich in den Ton, schwoll an und ab mit den Flügeln der Vögel.

Wind kam auf. Der Ton wurde lauter, trieb sie vorwärts. Sie spürte ein Sehnen, ihr Herz wurde weiter. Immer schneller jagte sie über den Himmel, stieg und fiel mit den Tönen.

Die Wolken bauten ein Gewitter und sie flog mitten hinein. Laute Peitschenklänge, ein schrilles Gitarrensolo, ihr Körper wurde hin und her geschleudert. Dann brach die Sonne durch die Wolken, der Klang verebbte, wurde weicher, leiser und sie spürte, wie sie fiel.

Als sie ihre Augen öffnete, saß sie auf der Schaukel. Sie stand auf und legte die alte Platte noch einmal auf.

Alice

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gutenachtgedanken – einer geht noch

Fortsetzung von „eine Fortsetzung

Es hockte im spät blühenden Flieder und beobachtete das wirre Treiben. Einer noch, sagte es sich und schmunzelte.

Sie forschten und untersuchten. Sie ließen keinen Stein auf dem anderen, schöpften sämtliche Mittel aus und taten, was sie meinten, tun zu müssen. Die SoKo wuchs, Psychologen, Profiler, eingeflogene Forensiker ergänzten das Team und sie kamen nicht weiter. Explodiert sagten sie und der Täter bekam den Namen „Bämm“.

Die Klatschpresse stürzte sich darauf und sie schrieben reißerische Artikel, ahnten, mutmaßten, wer der nächste, wer der Täter sei und waren doch so ratlos, wie alle anderen.

An diesem leicht regnerischen Tag, an dem die Schirme aufklappten wie feuchte Origami und die wärmeren Jacken hervorgeholt wurden, war ein Ortstermin anberaumt. Die Presse stand wie immer hinter rot-weißem Absperrband, die Spezialisten untersuchten plattgetretene Grashalme und weggeworfene Zigarettenkippen.

Das Revier war leer.

Nur der Polizeipräsident war an seinem Platz, telefonierte mit dem stellvertretenden Bürgermeister und dem Bischof, erklärte den Umstand der Ermittlungen, seinen Einfluss auf die von ihm ins Leben gerufene Sonderkommission und dass sie es aufklären würden, bald.

Er hörte nicht, als sich die Tür langsam ein wenig aufschob und ein Schatten ins Zimmer huschte.

Er spürte nicht, wie er hinter ihm Aufstellung nahm und seine kleinen dunklen Hände auf seine Schultern legte.

Er spürte nur das Lob des Bischofs, der sich abertausendmal bedankte und das Wohlwollen des Schulrates, er spürte den Dank des stellvertretenden Bürgermeisters, der dem Umstand sogar dankbar war, es aber nicht zeigen durfte.

Und er spürte, wie er größer wurde, anschwoll, gewaltig und gigantisch wichtig war er.

Wachtmeister Schmidt saß derweil mit seiner Frau in der Nachmittagsvorstellung des örtlichen Programmkinos. Sie gaben „High Noon“ und die Frau hatte Käse-Sahne-Torte reingeschmuggelt. Als das Licht ausging und er seine Waffe vermisste, die zuhause eingeschlossen war, fütterte sie ihn mit dem ersten Bissen und er war glücklich.

Als sein Funkgerät leise vibrierte, ignorierte er es, stach ein Stückchen Torte ab und fütterte seine Frau.

Es setzte sich in die Reihe direkt hinter ihnen und lächelte den beiden zu. Was für ein nettes Paar, dachte es und verschwand.

Alice

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gutenachtgedanken – Eine Fortsetzung

Fortsetzung vom Anfang 🙂

Es war ein schöner Sommertag. Auf dem Platz vor dem Rathaus war Wochenmarkt. Ein paar Budenbesitzer brüllten ihre neusten Angebote in die tauben Ohren seniler Passanten, da sah ein Kind einen Schatten, der sich dem Rathaus näherte. Es schrie, doch die Mutter drückte ihm eine Scheibe Wurst in die Hand und redete weiter mit ihrer Freundin.

Es verschwand unter den Arkaden des alten Rathauses, machte sich hinter einer Vitrine unsichtbar, als ein Schwung Touristen aus der Stadtagentur flutete und verschwand in das kühle, steinerne Treppenhaus in Richtung Verwaltung.

Gegen Mittag räumten die Marktleute den Platz, packten die Reste ihrer Waren in Kisten und verstauten sie in alten Transportern. Sie stellten sich in die Schlange vor den Klos, wollten mit gewaschenen Händen und frisch die Heimfahrt antreten.

Der Schrei der Sekretärin übertönte das müde Geplauder, ließ Adrenalin durch ihre Adern strömen. Sie vergaßen ihre Notdurft und hasteten in die obere Etage, wo die Sekretärin vor der offenen Tür des Bürgermeisters zusammengebrochen war.

Der abgesetzte Notruf erreichte Schmidt beim Mittagessen. Der Lieblingsitaliener hatte ihm seine Riesenportion Bolognese vor die Nase gesetzt, das Lätzchen war an Ort und Stelle und er führte gerade die erste nudelverwickelte Gabel zum Mund, als das Funkgerät klingelte.

Rasch stopfte er sie sich in den Mund, kaute und schlürfte, während er das Gerät aus der Tasche zog, umständlich den Sprechknopf drückte und hineinschmatzte „Mja?“ Am anderen Ende war eine leise Irritation zu spüren „Wachtmeister Schmidt?“ „Maj“ schlürfte er erneut, spürte, wie Soße sich ihren Weg über das Kinn bahnte, hob leicht den Kopf um den Einhalt zu gebieten. Doch der Tropfen formte sich, wurde größer und schwerer und landete, durch die Sprechbewegung des Kinns beschleunigt, auf seiner Hose.

„Fuck“ brüllte er und Giovanni, der eigentlich Abid hieß und aus Pakistan stammte, kam sofort mit einem Waschlappen aus der Küche, besah sich das Desaster und reichte den feuchten, nach Spülmittel und Zwiebeln riechenden Lappen an ihn weiter. Der rieb damit über den Fleck in seinem Schritt, vergrößerte ihn zusehends, durchweichte die Hose. Dabei schluckte er, wischte mit seiner Zunge Soßenreste aus seinem Schnäuzer und war endlich in der Lage zu sagen „Wachtmeister Schmidt. Was ist passiert?“

Die Dame am anderen Ende atmete hörbar ein, dann erleichtert aus, räusperte sich kurz und teilte ihm dann mit, dass er sofort, also ohne Umwege und Wartezeiten zum Rathaus gehen müsse. Er nickte und als er verstand, dass sie ihn nicht sehen konnte, schickte er ein „Mach ich“ und ein „Over“ und ein „Aus“ hinterher. Er packte das Funkgerät in seine Halterung zurück, schaufelte sich noch zwei Gabeln Nudeln in den Mund, legte den vereinbarten Fünfer auf den Tisch, kramte noch ein paar Münzen als Trinkgeld dazu und verließ mit dem Lätzchen das Restaurant.

Das Rathaus lag schräg gegenüber und er beeilte sich weiterhin sorgfältig kauend, den kurzen Weg zügig und doch souverän hinter sich zu bringen. Er betrat das Foyer, hörte aufgeregte Stimmen von oben und rannte, schon die Hand mit der gezückten Dienstwaffe im Anschlag, die Stufen empor.

Oben war der Anblick für beide Seiten befremdlich. Drei Marktmänner scharten sich um die zugegeben äußerst attraktive Sekretärin, probierten Mund zu Mund Beatmung und Herzmassage – letztere an der falschen Stelle – und blickten erschreckt auf, als sie Schritte auf der Treppe hörten. Der herbeigeeilte Schutzmann hielt seine Waffe ungeschickt vor sich, Tomatensauce tropfte aus seinem Bart auf das immer noch präsente Lätzchen und in seinem Schritt war ein deutlich zu erkennender großer nasser Fleck.

Beide Seiten fingen sich erstaunlich schnell. Die Marktmänner nahmen ihre Hände von der jungen Frau und Schmidt verstaute Waffe und Lätzchen, wischte sich noch kurz den Mund und fragte dann „Was ist passiert?“

Zur Antwort öffnete eine der Marktfrauen die Bürotür und er trat ein. Innerhalb kürzester Zeit hatte er Nudeln im Gegenwert von fünf Euro und ein paar Münzen, die aber nur Trinkgeld waren, wieder von sich gegeben.

Dann rief er geistesgegenwärtig sofort die SoKo beim LKA an.

Die kamen erstaunlich schnell, riegelten ab, fotografierten, tüteten ein, kratzten blutige Reste von Wänden, nahmen Aussagen und Adressen auf und klebten ein großes, wichtig aussehendes Siegel an die Tür des Bürgermeisters.

Auf dem Hausdach gegenüber saß es und beobachtete das Treiben. Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Doch ich vermute, dass es lächelte.

Maybe continued…

Alice

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Extraetüden – First Time

Diese Etüde könnte für sensible Personen Trigger enthalten #Einsamkeit #Pubertät #Sex

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt von Ludwig Zeidler und meiner Wenigkeit. 5 aus 6 und das mal 500 🙂

Es ist ihr erstes Mal. Sie weiß, dass es heute passieren wird. Er geht mit ihr und das ist schon ein kleines Wunder. Ihre Freundinnen haben alle schon verloren, was sie heute verschenken möchte.

Ein kritischer Blick in den Spiegel. Den kleinen Pickel auf der Stirn kann sie überschminken, die Hüftrollen wird sie nicht mehr los bis zum Treffen. Vorsichtig schneidet sie die Etiketten vom neuen BH und Slip ab und zieht sie an. In der Umkleidekabine fand sie sich hübscher. Wahrscheinlich haben die da Zerrspiegel, die mal eben so drei bis fünf Kilos verschwinden lassen.

Es ist noch viel zu früh, um sich anzuziehen. Sie wirft sich in der neuen Unterwäsche aufs Bett und greift sich den Liebesroman, den sie endlich zu Ende lesen möchte. Aber sie kann sich nicht konzentrieren und als sich die Heldin gerade seufzend dem Helden hingeben will, schmeißt sie das Buch in die Ecke.

Ihre Gefühle sind ambivalent. Sie ist noch nicht so weit. Seit fünf Wochen sind sie zusammen und er drängelt, lässt immer wieder durchsickern, dass er das, was er von ihr haben will, von jeder an der Schule haben könnte. Andererseits ist sie stolz, endlich einen Freund zu haben.

Sie versteht sowieso nicht, was er von ihr will. Klein, pummelig mit Brille und viel zu struppigem Haar entspricht sie nicht unbedingt dem gängigen Schönheitsideal. Auch die Gespräche zwischen ihnen sind seltsam eintönig. Hübsch ist er, ohne Zweifel, aber nicht besonders helle. Letztens hat er wortwörtlich ihre variablen Kurven bewundert. Weiß der Henker, wo er das aufgeschnappt hatte.

Sie greift nach ihrem Handy und öffnet den Chatroom. Er ist online, wie immer. Sie schickt ihm ein Zwinkersmiley und wartet.

Doch er öffnet ihre Nachricht nicht, scheint sie woanders gut zu unterhalten. Wahrscheinlich erzählt er seinen Kumpels, dass er es ihr heute so richtig besorgen wird. Ihr wird übel.

Und wenn sie einfach absagt? Behauptet, dass sie krank sei oder ihre Oma gestorben oder sie noch Hausaufgaben machen müsse? Zu einer Verzweiflungstat wird er sich bestimmt nicht hinreißen lassen. Irgendwie glaubt sie auch nicht, dass sie ihm wichtig ist. Viel mehr hat sie das Gefühl, dass er alle Mädels im erreichbaren Alter flachlegen möchte.

Sie seufzt. So gerne würde sie jetzt mit einer besten Freundin reden, doch sie hat keine. Und ihre Mutter würde das nicht hören wollen, sich wieder die Hände über die Ohren legen und laut anfangen, zu singen. Und später erklären, dass sie sie ins Grab bringe.

Sie tippt seine Nummer ins Handy und wartet auf das Freizeichen. Er meldet sich mit einem Grunzen, sie scheint zu stören.

Tief atmet sie durch: „Ich mach Schluss.“

Alice

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#Writing Friday – Der letzte Tanz

Zur Schreibaktion bei Elizzy

Er wischte sich das Blut von den Händen und ließ sich erschöpft aufs Sofa sinken. Es sah aus wie vorher. Sicherheitshalber kramte er sein Handy hervor und kontrollierte die Fotografien. Er ging durch den Raum, rückte hier eine Vase zurecht, dort die Gardine und ein paar Sofakissen. Dann versprühte er Raumerfrischer. Der bittersüße Geruch nach frischem Blut hing noch in der Luft.

Er lächelte und verließ mit den Müllbeuteln das Appartement. Leise zog er die Tür ins Schloss, schob den Schlüssel an den alten Platz unter der Fußmatte und wuchtete die schweren Säcke auf den kleinen Wagen, den er sich vom Reinigungsservice des Hauses ausgeborgt hatte. Dann schob er ihn zu den Aufzügen, um den Müll im großen Verbrennungsofen im Keller zu entsorgen.

„Noch immer keine Spur?“ Kommissar Struck seufzte. „Der Ehemann hat jetzt schon fünf Mal angerufen. Ich hab auch noch Anderes zu tun!“

„Nix, Niente, Nada…“, die junge Kollegin zog ein schiefes Gesicht. „Aber wenn du mich fragst, ist sie durchgebrannt. Hast du dir ihren Mann mal angesehen? Der Oberspießer, bissel rund um die Mitte und so langweilig wie eine Biomöhre. Da würde ich auch…“

„Das ist ein Vermisstenfall, Nicole.“ Er schaute sie ermahnend an. „Aber es ist auf jeden Fall eine Spur, der wir nachgehen müssen. Wäre ja nicht das erste Mal…“

Er schmiss den Rechner an und holte sich eine Tasse Kaffee, während er hochfuhr. Dann schaute er sich zum hundertsten Mal die Handydaten der Vermissten an. Sie war von der Arbeit mit der Bahn in Richtung Wohnung gefahren. Und irgendwo, so auf halber Strecke, war sie einfach verschwunden. Ob sie das Handy ausgeschaltet hatte, der Akku leer war oder ihr etwas passiert war, konnte er leider nicht daran erkennen.

Dann schaute er sich die Einzelverbindungsnachweise an, die die Telefongesellschaft jetzt endlich rausgerückt hatte. Nichts, absolut nichts Ungewöhnliches fiel ihm auf. Sie hatte zwei Mal ihren Mann angerufen, einmal die beste Freundin, einmal die Mutter und ein bisschen innerhalb der Firma, in der sie arbeitete. Keine Häufungen, die verdächtig werden. Alles ganz genauso, wie man es von einer netten Frau in mittleren Jahren, die ordentlich ihren Job machte, erwarten würde.

„Vielleicht hat sie ein zweites Handy…“ sagte er und die Kollegin zuckte die Schultern. „Wenn sie ein Prepaid hatte, haben wir keine Chance. Aber ich kann ja nochmal die Gesellschaften abklappern.“ Sie schnappte sich den Telefonhörer und begann, mit dem Bleistift Nummern die die Tasten zu hacken. „Warteschleife“, seufzte sie und verdrehte die Augen.

Eine Weile blieb er neben dem Ofen stehen und schaute durch die verrußte Glasscheibe. Dann zog er den Overall aus und warf ihn und einen kleinen blutverschmierten Brief hinterher.

„Zeit, heimzugehen“, dachte er und freute sich auf die ruhige Wohnung, die jetzt ihm alleine gehörte. Nie hätte er erwartet, dass sie sich auf das Rollenspiel einlassen würde. Ein anonymes Treffen in einem fremden Appartement hatte er ihr in dem Liebesbrief, den er in ihre Butterbrotdose geschmuggelt hatte, vorgeschlagen. Er hatte seine Defizite gestanden, den schlechten Sex eingeräumt und dass er es verstehen könnte, dass sie genug von ihm habe. Doch einmal noch wolle er ihr seine Liebe zeigen, habe gar einen Tanzkurs belegt weil sie sich immer darüber beklagt hatte. Er wolle sich ändern und neu anfangen. Dann hatte er ihr detailliert erklärt, wo und wann sie sich treffen sollten. Ihr Handy sollte sie ausschalten, damit sie vollkommen ungestört seien und sich neu aufeinander einlassen könnten. Es gäbe nur sie und ihn. Er versprach ihr die Überraschung ihres Lebens und zumindest dieses Versprechen hatte er gehalten.

Er lachte. Als er bei dem Besuch eines Klienten durch Zufall über die Fußmatte stolperte und den Schlüssel fand, war die Idee geboren. Der Rest war gründliche Recherche gewesen. Wenn die Besitzerin des Appartements in zwei Stunden nach Hause kommen würde, würde sie nicht ahnen, was hier passiert ist.

Die wenigen Schritte ging er zu Fuß. Zu Hause atmete er tief durch und tippte die Wahlwiederholung. „Hallo? Kommissar Struck? Haben Sie was Neues für mich?“

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Gutenachtgedanken – Absage

Nach einer Zusage rappelt mir eine Absage ins Haus. Ich nehme es sportlich, habe ich doch schon beim Schreiben der „Zusage“ einen Flow gehabt, die „Absage“ war viel konstruierter. Dennoch mag ich die Geschichte, auch wenn sie ein wenig sehr romantisch gelang. Und das ist normalerweise nicht mein Stil. Aber vielleicht gefällt sie ja euch…

Das Nachthemd

Erschöpft stellt sie ihr Gepäck vor der Haustür ab. Der Wohnungsschlüssel ist natürlich ganz unten in der Handtasche. Sie seufzt. Fritz fehlt. Jederzeit hatte er ihn griffbereit, öffnete ihr nonchalant die Türe, wenn sie nach Hause kamen.

Mühsam sperrt sie die Tür auf. Die Luft riecht abgestanden und muffig. Die Balkonblumen sind verdorrt, dicke Wollmäuse tummeln sich in den Ecken.

Sie zieht die Jacke aus und wirft sie über den nächsten Stuhl. Das Auspacken wird warten müssen. Erst möchte sie ein wenig Ordnung schaffen. Den Nachmittag verbringt sie mit Lüften, Saubermachen und dem Entsorgen der braun gewordenen Balkonbepflanzung.

Erst am Abend öffnet sie den Koffer, holt die von der Wäscherei der Kurklinik gereinigten und mit einer Banderole versehenen Wäschestücke hervor und erinnert sich.

Da war der Anruf vom Krankenhaus. Fritz war in der Firma zusammengebrochen, sie solle doch bitte schnell herkommen. Er war bereits tot, als sie aufgelöst in die Arme der Ärzte stolperte. Ein Marathon folgte, Beerdigungsinstitut, Kirche, tausend organisatorische Aufgaben, die sie von der Tatsache ablenkten, dass sie nun allein war. Als er unter der Erde war, begannen die Kopfschmerzen, Migräneattacken, die sie zum Arzt trieben. Der hatte sich Zeit genommen für sie, hatte ihren Beschwerden gelauscht, ein paar Fragen gestellt und sie eingehend betrachtet. Dann hatte er ein paar Anrufe getätigt, ihr eine Verordnung ausgestellt und ihr verkündet, dass sie für sechs Wochen in die Schweiz fahren würde. Er hätte in einer Kurklinik einen Platz für sie reserviert, am nächsten Tag schon solle es losgehen. Sie müsse nur ihre Tasche packen, den Rest würde er organisieren.

Es war ihr nicht gut gegangen, damals. Von einer Sekunde zur anderen war sie wie gelähmt, unfähig auch nur eine Mahlzeit zuzubereiten. Als hätte die Abwesenheit des Mannes ihr sämtliche Lebenskraft geraubt. Sie duschte nicht mehr, kämmte sich nicht, aß nicht. Die Rechnung des Beerdigungsinstituts hatte sie in die hinterste Ecke des Sekretärs gestopft, unfähig etwas zu erledigen.

Die ersten Tage in der Klinik im Val Sinestra war sie wie ein Zombie herumgelaufen, hatte sich lenken lassen vom Personal, hatte bei Ärzten geschwiegen, in die Landschaft geschaut, erlebte die Welt wie durch dickes Panzerglas.

Sie erinnert sich an Sonnenauf- und -untergänge über blauen Bergen und dass es ein wenig besser wurde in der fremden Umgebung, unter Menschen, die ihre eigenen Sorgen hatten und sie in Ruhe ließen.

Erschöpft wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Der Arzt hatte von Trauerphasen gesprochen und bei den Gesprächen, die meist sehr einseitig waren, sickerten langsam die Tatsachen in ihr Bewusstsein. Sie wird noch viel Zeit brauchen, hat noch lange nicht ihre frühere Energie zurück, doch das Auspacken, das wird sie schaffen.

Sie löst die Banderolen, räumt Blusen und Röcke in den Schrank, vermeidet den Blick auf seine Fächer, die noch ordentlich gefüllt sind, als wäre er nur ein paar Tage weg, würde morgen wieder, wie so oft, frisch geduscht mit einem Kaffee in der Hand an ihrem Bett stehen. Die von der Nachtschicht durchschwitzten Kleider lägen bereits im Wäschekorb, er selbst mit nassen Haaren in seinen Lieblingsmorgenmantel gehüllt brächte ihr auch eine Tasse ans Bett.

Der letzte Stapel liegt in ihrem Koffer, sie löst die Papiermanschette und schaut die Wäschestücke durch. Da fällt ihr ein Spitzennachthemd auf, das ganz sicher nicht ihr gehört. Sie lässt den zarten Stoff durch ihre Finger gleiten, befühlt befremdet die Blütenstickerei, die das Dekolleté einfasst. Für einen Moment überlegt sie, es in ein Paket zu packen und mit einem kleinen freundlichen Vermerk an die Klinik zurückzuschicken, sich vielleicht noch zu bedanken für die Fürsorge und die freundliche Behandlung.

Doch da fallen ihr die Worte des Arztes ein. „Nehmen sie jeden Tag als ein Geschenk“, hatte er gesagt und dabei lange und warm ihre Hand gedrückt. „Ein Geschenk“, lächelt sie und breitet das Hemd auf ihrer Seite des Bettes aus.

Er war es leid, heulend und spukend um die Ecken der ehrwürdigen Klinik in den Bergen streichen, wollte keine Nachtschwestern mehr erschrecken, sehnte sich nach einer sinnvollen Aufgabe. Seit er vor ungezählten Jahren seiner Frau in die Kur gefolgt war, die seinen Tod nicht verwinden konnte, hing er dort fest. Als er es den Alten vortrug, hatten sie nachgedacht und die Köpfe, die keine mehr waren, zusammengesteckt. Ein Beschluss wurde gefasst und ein Nachthemd wurde hochgehalten, er hineingeschoben in das zarte Gewebe, sie murmelten ein wenig und wünschten ihm viel Glück oder was auch immer.

Er fragt sich, was er hier tun soll, als er mitsamt dem ihn beheimatenden Gespinst ausgepackt und befingert wird. Er kennt die Frau nicht und auch die Umgebung ist ihm fremd. In seinem früheren Leben hätte er sich von ihrem Interesse geschmeichelt gefühlt, auch wenn sie nicht sein Typ ist, zu alt, zu bieder. Er war kein Kostverächter gewesen, erinnert sich mit gespenstischen Schuldgefühlen an Streit mit seiner Frau. Am Ende war sie wohl doch froh gewesen, ihn los zu sein.

In der Nacht löst er sich automatisch von dem zarten Gewebe, das ihn umgibt, löst sich von der Frau, die seufzend und schnarchend unter ihrer Decke liegt, und erforscht seine fremde Umgebung.

Eine Wohnung sieht er, klein, ein wenig unordentlich und vollgepackt mit allerlei Krimskrams. Er findet überfüllte Papierkörbe, unabgeheftete Rechnungen, herumliegende Bücher und rümpft die Nase. Auf dem Schreibtisch liegt eine Todesanzeige. Er nimmt sich Zeit, setzt sich und liest sie durch. „Plötzlich und unerwartet“ sticht ihm ins Auge und „geliebter Ehemann“. Da steht nichts von Vater oder Sohn und er erinnert sich schmerzvoll an sein eigenes Abtreten. Nur er und seine Frau waren da gewesen, Kinder wurden ihnen nie geschenkt und als er gerufen wurde, blieb sie zurück, schien an der Verantwortung, alleine klar zu kommen, zu scheitern. Er hatte sich geweigert ins Licht zu gehen, war geblieben, um ihr zu helfen, hatte für seine Untreue bezahlt und ihr mit kleinen Gesten wieder auf den Weg geholfen. Als sie verstanden hatte und sich dem Leben wieder zuwandte, ließ sie ihn zurück. Seitdem sitzt er hier fest.

Die Frau tut ihm leid, auch wenn die Stelle, wo einst sein Herz saß, nur milchiger Nebel ist. Er geht von Raum zu Raum, sieht die Unordnung, sieht das Chaos, sieht den Schmerz und beschließt, auch ihr zu helfen.

Im Wohnzimmer bleibt er stehen und schüttelt den Kopf. So viele Uhren, doch keine tut, was sie soll. Einige laufen gar nicht und die anderen zeigen die falsche Zeit. Er schüttelt sich. Wie soll Leben funktionieren, wenn man nicht weiß, welches Stündlein gerade schlägt.

Es dauert und kostet viel Konzentration. Er zieht auf, stellt richtig, schubst widerspenstige Unruhen an, bewegt Gewichte und schiebt Zeiger an ihre richtige Position. Tiefe Zufriedenheit macht sich breit, als alle gleichzeitig sechs Uhr schlagen. Er sieht die Sonne hinter Häuserreihen aufgehen und fühlt sich zurückgezerrt in das spitzenbesetze Hemd.

Sie hat ruhig geschlafen, wundert sich über einen seltsamen Traum. Uhren spielten eine große Rolle, weiß sie noch.

Kopfschüttelnd registriert sie die letzten Schläge der großen Standuhr. Sie war stehengeblieben in der Stunde, als Fritz starb. Und seitdem hatte sie sie nicht angerührt. Die Schläge sollen ein gutes Omen sein, beschließt sie und zieht das Nachthemd aus. Sie schnüffelt, eine Dusche könnte sie gebrauchen. Und auch, wenn ihr der Antrieb fehlt, lässt sie warmes Wasser laufen und stellt sich für eine kurze Wäsche in den Strahl.

In der Küche findet sie noch Kaffee, der Rest der Lebensmittel ist verdorben. Es macht ihr nichts, sie hat keinen Hunger. Mit der warmen Tasse setzt sie sich auf den Balkon, denkt an die schönen Morgengespräche mit ihrem Liebsten und futtert nebenbei Schokolade, die sie in einer Schublade gefunden hat. „Schokolade geht immer“, hatte ihre Oma gesagt, bevor sie mit 70 an Diabetes starb. Wider Erwarten hört sie sich lachen und lutscht den Rest der braunen Masse aus dem Stanniolpapier.

Der Tag vergeht, sie bleibt auf dem Balkon sitzen und beobachtet die Welt. Unter ihr fahren Autos vorbei. Da sind Menschen drin, die ein Leben haben, registriert sie. Sie hatte auch mal eins. Sie hat Kaffee und Schokolade, das muss reichen.

Als es Abend wird, zieht sie das fremde Nachthemd wieder an und legt sich auf ihre Bettseite. Doch heute wendet sie sich nicht ab. Sie legt eine Hand auf sein Kissen, versucht seine Nähe zu spüren und schläft endlich ein.

„Schokolade“, den ganzen Tag, den er eingesperrt in diesem albernen Stofffetzen festsaß, konnte er an nichts Anderes denken. Er betritt die Küche und durchforstet die Schubladen. Zwei Tafeln sind noch da und auch, wenn es heißt, dass Geister nichts essen können, so täuscht man sich. Sie verschwinden wortwörtlich wie von Geisterhand und lassen ein überaus zufriedenes Gespenst zurück, das sich den nebelschwadengleichen Bauch reibt und zufrieden stöhnt.

Ihm ist allerdings bewusst, dass Süßigkeiten keine gesunde Ernährung sind. Es muss etwas Anderes her und er fasst einen Plan.

Die Uhren läuten sechs Uhr und sie ist hellwach. Sie muss gestehen, dass sie gut geschlafen hat und nimmt nach dem Duschen den alten Morgenmantel ihres Mannes und hüllt sich damit ein. Während der Kaffee durchläuft, durchforstet sie die Schubladen, doch die Schokolade ist weg. Ihr Magen knurrt und nach der zweiten Tasse Kaffee noch lauter. Sie seufzt und steht auf, um die Küchenschränke einer gründlichen Inspektion zu unterziehen. Doch sie sind leer. Es ist absolut nichts Essbares mehr zu finden, sofern sie nicht an einem Salzstreuer lecken möchte. Wohl oder übel muss sie das Haus verlassen und einkaufen gehen.

Mühsam fährt sie den Wagen aus der Garage, sie ist nicht sonderlich geübt darin. Fritz ließ sie nur selten fahren, es war sein Auto. Aber die leeren Schränke erfordern einen Großeinkauf und sie möchte sich das nicht mit dem Fahrrad antun.

Die ersten Kilometer sind schwierig, es fühlt sich fremd an. Sie schaltet abgehackt und fährt viel zu langsam. Doch irgendwann stellt sich ein vertrautes Gefühl ein und sie beginnt, sich sicherer zu fühlen.

Der Parkplatz des Supermarktes ist überfüllt und sie wählt einen Platz am Rand. Mit dem Wagen bewaffnet durchstreift sie die Reihen, wählt, was sie und Fritz immer gerne gegessen haben. An der Frischetheke macht sie halt. Der Duft des Käses steigt in ihre Nase und erweckt Lust auf Käsebrote, Käsespätzle, Raclette. Seit Tagen schon hat sie den Eindruck, dass es in ihrer Wohnung nach Käse riecht. Vielleicht ist es ein Mitbringsel aus der Kur, sie weiß es nicht. Großzügig kauft sie ein, findet Nützliches und Unnützes. Mit dem vollen Einkaufswagen geht sie durch die Kasse, bezahlt mit der Karte und lädt alles in das Auto.

Zuhause räumt sie die Schränke ein und beginnt zu kochen. Die erste selbstgekochte Mahlzeit ohne ihn, registriert sie und beginnt zu essen. Es schmeckt ihr unerwartet gut. Gesättigt schiebt sie den Teller weg und schaut für einen Moment auf seinen leeren Platz.

Er hätte jetzt einen Zigarillo geraucht auf dem Balkon und ihr verschwörerisch zugeblinzelt während sie das benutzte Geschirr in die Spülmaschine räumt. Sie hätte zurück geblinzelt und gelächelt. Eine kleine Träne stielt sich aus ihrem Augenwinkel und dann noch eine. Sie weint, spürt, wie sehr er ihr fehlt, welche Lücke er in ihrem Leben hinterlässt. Sie weint noch während sie den Tisch abräumt. Sie weint, während sie das Geschirr spült, die sauberen Teller und Tassen einräumt. Eine Tränenflut, die nicht enden will, bricht aus ihren Augen und jede einzelne erleichtert ihr Seele. Nachts hat sie den Morgenmantel neben sich gelegt und schnuppert seinen Duft.

Er streckt sich zufrieden, klopft sich auf die durchscheinenden Schultern. Sie isst wieder, das ist wichtig. Neugierig durchsucht er ihre Einkäufe, staunt, was sie an diesem Tag ausgegeben hat. Frauen, lächelt er und überlegt kurz, ob sie sich so ein Leben leisten kann. Über die Jahre hat er sich viel modernes Wissen angeeignet, verfolgte in der Klinik während der Nachtstunden oft online die Börsenkurse, die früher so sehr sein Leben bestimmt hatten. Er startet den Computer, findet nach kurzem Suchen in der Schreibtischschublade ihr Passwort und betrachtet nachdenklich ihren Kontostand. Ärgerlich schüttelt er den Kopf. Davon kann sie nicht leben. Routiniert erledigt er die Überweisungen, kalkuliert, überlegt, rechnet. Es wird nicht reichen, nicht, wenn sie so gerne einkauft. Sie braucht einen Job.

In der Küche findet er eine Zeitung und darin auch bald eine passende Stellenanzeige.

Ihre Augen sind rot, als sie erwacht. Sie fühlt sich immer noch erschöpft, doch ihr Herz ist ein wenig leichter. Sie schlüpft in den Morgenmantel und kocht sich Kaffee. Ihr Blick bleibt an der Tageszeitung vom Vortag hängen. Der Kugelschreiber, mit dem sie mittags erfolglos versucht hatte, das Kreuzworträtsel zu lösen weist auf eine Stellenanzeige. Das Sozialkaufhaus sucht Mitarbeiter. Für einen Moment zuckt sie die Schultern, vertraut darauf, dass sie ja gut versorgt ist. Doch ihr Versorger ist tot und sie hat keine Ahnung, wie ihre Finanzen aussehen.

Ihr Kontostand erschreckt sie zutiefst. Sie muss ihren gewohnten Lebensstandard massiv einschränken oder arbeiten gehen. Die Anzeige kommt ihr in den Sinn und nach kurzem Zögern ruft sie an.

Das Vorstellungsgespräch verläuft nett und entspannt, die Chefin bietet ihr den Job an. Sie unterschreibt und verlässt das kleine Büro mit einem Hauch von Optimismus.

Abends liegt sie nachdenklich im Bett. Lange kann sie nicht einschlafen. Nie hätte sie erwartet, dass es ein Leben nach ihm gäbe.

Am nächsten Morgen holt sie zwei große Kartons vom Speicher und beginnt, seine Kleidung auszuräumen. Sie will sie spenden, an ihrem ersten Arbeitstag mitbringen. Sie verteilt ihre Garderobe großzügig auf dem neugewonnenen Platz, richtet sich ein.

Abends ist sie müde und zufrieden. Sie schläft rasch ein.

Der Geist schaut sich um, ist beruhigt. Sie wird es schaffen, da ist er sich sicher. Es ist Zeit, weiterzuziehen, hier gibt es nichts mehr für ihn zu tun. In den Kisten sucht er sich ein neues Zuhause, entscheidet sich für einen Frotteeschlafanzug.

Sie steht an der Kasse des Sozialkaufhauses, sieht den Mann erst, als er direkt vor ihr steht. Er legt den Schlafanzug auf den Tresen. Sie schluckt, hätte nicht gedacht, dass sie am ersten Tag schon Kleidung ihres Mannes würde verkaufen müssen. Er ist so groß und so breit wie Fritz, registriert sie und packt das Nachtgewand unwillkürlich lächelnd in eine Tüte, kassiert und wünscht ihm viel Freude damit.

„Was für ein Leben“, denkt er und schämt sich, dass er in einem Sozialkaufhaus einkaufen gehen muss. Seit seine Frau vor einem Jahr gestorben ist, ist er nicht mehr auf die Beine gekommen, hat am Ende nicht mehr arbeiten können und seinen Job verloren. Das Gespenst in seiner Tasche grinst und reibt sich die nebelgrauen Hände.

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Tür zu

„Lasst mich in Ruhe“, brüllte er und schlug die Tür hinter sich zu. Das knallte. Das tat gut. Das Geräusch ließ seine Wut sofort verebben. Jedesmal war das so. Ein Knall und es war okay.

Fast musste er grinsen, wenn er an die verstörten Gesichter auf der anderen Seite der Tür dachte. Auch mit einer Glastür hatte er das schon mal gemacht. Die Folgen waren fatal und teuer. Die Versicherung weigerte sich, zu zahlen und er musste die verfickte Scheißtür selber blechen.

Dabei waren sie doch selbst schuld. Was mussten sie auch dauernd an ihm herumkritisieren. Er wusste, was Sache ist. Und sie nicht.

„Unerträglich“, dachte er und hatte das Gesicht seiner Assistentin vor Augen, die schon wieder seine Termine durcheinander gebracht hatte. „Ätzend“ als er das leutselige Gesicht seines Chefs vor sich sah, der sich konfliktscheu in seinem Büro verschanzte.

Sie konnten ihm nicht das Wasser reichen. So war es und nicht anders.

Er stieg langsam die Treppe hinunter, überlegte, was er als nächstes tun sollte. Ein Kaffee wäre nicht schlecht, beschloss er und öffnete die schwere Glastür am Ende des Treppenhauses. Seine bevorzugte Bude war auf der anderen Straßenseite.

Wie immer schloss er die Augen halb und setzte den ersten Fuß ungeachtet vom Straßenverkehr auf den Asphalt. Einer hupte und fuhr einen abenteuerlichen Schlängel um seinen Fuß, einer bremste. Er grinste und ging betont langsam zwischen den Wagen hindurch. Das Hupkonzert störte ihn nicht. Es war wie Applaus.

In der kleinen Kaffeebude herrschte reger Betrieb. Vor der schmalen Theke drängelten sich die Banker aus dem Viertel, das Handy am Ohr winkten sie der Bedienung, brüllten Aktienkurse und Anweisungen an nicht sichtbare Zuhörer. Die Luft war dick. Über den teuren Eau de Colognes legte sich der feine Kaffeeduft. Aber eigentlich war er nur wegen ihr hier.

Sie arbeitete erst seit wenigen Wochen hier, stellte sich gut an dabei. Fast die Schnellste war sie inzwischen und immer nett, immer lustig und mit einem Scherz auf den Lippen. Er wollte sie einladen, heute Abend, wegen seines Erfolges, den die da oben für keinen hielten. Was wussten die schon.

Er schob die Bankerjungs beiseite, ignorierte ihr Gemaule und ihre snobistischen Pöbeleien, baute sich breitbeinig in der ersten Reihe auf und suchte ihren Blick.

Sie sah ihn zuerst nicht, kämpfte gerade mit der Kasse, deren Elektronik mal wieder was anderes wollte als sie selbst. Dann hob sie den Blick, wischte die schweißfeuchten Haare aus ihren Augen und sah ihn freundlich an. „Ja bitte?“ Hinter ihm wurde es lauter, vordrängeln war verpönt in den Kreisen derer, die sich nur mit Ellenbogen auskannten. Doch er ließ sich nicht beirren. „Ich hole dich um acht zum Essen ab!“ teilte er ihr mit.

Ihre Augen verengten sich für einen Moment, dann schlich sich eine Portion Distanziertheit in ihren Blick und sie sagte schlicht „Nein“. Sie hob den Block, wie um ihm beizubringen, dass hier an dieser Stelle das Private endete und sie die Kaffeefrau war und er der Kunde, nicht mehr und nicht weniger.

Er erstarrte, aber nur für einen kleinen Moment. Dann drehte er sich um und verließ unter dem Gejohle der anderen Kunden die kleine Kaffeebude. Vorsichtig, ganz ruhig schloss er die Tür hinter sich und wandte sich seinem Bürogebäude zu. Am Treppenabsatz kam ihm seine Assistentin entgegen, die ihm einen Umschlag überreichte. „Tut mir leid“, nuschelte sie und verschwand im Gebäude.

Er glaubte ihr nicht. Es tat ihr nicht leid. Und er glaubte auch nicht an das Nein der Kaffeetussi in dem verdreckten Laden. Sie würde wahrscheinlich den Besitzer ficken, sonst würde die doch keiner nehmen.

Er wandte sich um und ging die Straße entlang. Die Kündigung warf er in den nächsten Papierkorb. Er hob das Kinn wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Es darf mal schief gehen, doch wissen darf es keiner. Seine Aktentasche stand noch im Büro. Für einen Moment überlegte er, sie zu holen. Doch der Gedanke war banal. Für ein Frühstücksbrötchen und die Tageszeitung würde er sich nicht die Blöße geben, an der Rezeption vorzusprechen. Er war raus und das war gut so. Und die Tussi war sowieso unter seinem Niveau.

Die Schritte wurden größer, er nahm Tempo auf. „Niemand kann dich aufhalten“ dröhnte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Er walzte durch die Menschenmenge, drückte zur Seite, was sich ihm in den Weg stellte, schubste, rempelte, kämpfte sich seinen Weg frei.

Er war wer. Etwas Besonderes. Etwas, was die Idioten da oben niemals kapieren würden. Seine Zeit würde bald kommen. und dann würden sie schon sehen. Seine Kraft. Seine Macht. Niederringen würde er sie. Im Staub würden sie wimmern zu seinen Füßen. Er blieb stehen und lachte.

Der Kreis, der sich um ihn gebildet hatte, nahm er nicht wahr. Als sie ihn in Gewahrsam nahmen und ihm Handschellen anlegten, blickte er irritiert auf seine blutige Hand und das Messer.

Sein Vater hatte es ihm geschenkt, fiel ihm ein, als sie ihn in den Wagen setzten.

Dann fiel die Tür hinter ihm zu.

Alice

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Unruh

Die Uhr tickt. Das macht sie den ganzen Tag und die ganze Nacht. Tagsüber kann sie es ignorieren. Die Arbeit lenkt sie ab. Wenn es gut geht, macht sie mehr Lärm als die Uhr. Nur Pausen machen darf sie nicht. Jede Sekunde ohne lärmendes Bewegen ihrer Hände spült das Tick und das Tack wieder an ihr Ohr.

Nachts ist es unerträglich. Zuerst versuchte sie mit Musik einzuschlafen, doch da schimpften die in den Kabinen links und rechts. Sie hämmerten gegen die Wand, leider nicht im Rhythmus der Uhr. Es machte Rumms, Tick und Rumms , Tack und sie hörte sie immer noch.

Wenn es still wird, ist die Uhr laut. Das tagsüber erträglich gedämpfte Geräusch, wird übermächtig, schwillt in ihrem Ohr, in ihrem Kopf an, breitet sich aus, nimmt Raum, erreicht Brust, Bauch und dringt sogar bis in die Fingerspitzen. Reizt dort die kleinen Nervenenden, die zu zucken beginnen im Takt bis ihr ganzer Körper bebt und schwingt und sie nicht mehr weiß, wo sie endet und die Uhr beginnt.

Sie liegt mit weit aufgerissenen Augen da und spürt die Zeit durch sich hindurchrinnen, bebend, zitternd, mit hastiger Atmung sehnt sie den Morgen herbei, freut sich über jede Ablenkung.

Sie hat versucht Watte in die Ohren zu stopfen oder mit dem Kopf unter dem dünnen Kissen zu schlafen. Der Ton durchdringt alles, geht auch durch ihre dünne Haut, bringt zur Not ihre weichen Haare zum Schwingen. Sie kann ihm nicht entkommen.

Sie ist so unendlich müde, kann sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal geschlafen hat. Jeden Tag betet sie, dass jemand die Uhr anhalte, nur für einen Moment, nur für eine Stunde, damit sie endlich, endlich Ruhe findet.

An diesem morgen ist alles anders. Die Uhr strauchelt, stolpert. Das Tick ist ein wenig länger als sonst und das Tack bricht mittendrin ab.

Als die Uhr verstummt, genießt sie für einen kurzen Moment die sie umgebende Stille. Dann bricht sie zusammen.

Alice

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#WritingFriday-August 2019

Mein zweiter Beitrag zu Elizzys Writing Friday. Nachdem ich den Satzanfang schon „verarbeitet“ habe (hier), werde ich mich dieses Mal dem Debakel des SuB widmen.

Liebe ungelesene Bücher,

es ist schon wieder viel zu lange her, dass wir uns einmal zusammengesetzt haben. Ich weiß noch, wie ich euch hochmotiviert bestellte oder aus Grabbeltischen in meinen Einkaufswagen schubste. Ein Blick auf Euren vielversprechenden Rücken ließ mich hoffen, dass wir aufregende Nächte miteinander verbringen würden.

Leider schlief ich in letzter Zeit immer vor Euch ein. Und Ihr saßt da mit Euren ungestillten Bedürfnissen, sehntet Euch nach Berührung, nach meinen Händen, die Eure Geheimnisse offenbaren sollten.

Ich muss gestehen, dass das früher anders war. Oft hatte ich direkt mehrere von Euch am Start, verbrachte jede freie Minute mit Euch, genoss und gab. Ich pflückte Eure Geschichten, versank in Euren Versprechungen, wir waren uns für nichts zu Schade.

Ich muss Euch ein Geständnis machen. Ich hab jetzt ein Anderes. Eins, das mich vollständig zufriedenstellt, mit dem ich mich dauernd beschäftigen möchte und das gerade Priorität hat. Erst, wenn ich mit ihm durch bin, dürft Ihr wieder hoffen.

Dann liegt es auf einem fremden SuB und ich habe wieder ein wenig mehr Zeit für Euch.

Bis dahin und setzt keinen Staub an.

Eure Alice

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Testlauf

Pizza

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Alice und ihre Krimis sind mir ans Herz gewachsen und ich habe überlegt, was ich weiter mit ihr machen könnte. Da las ich heute morgen eine Rezension eines Krimikochbuchs und dachte… warum nicht? Die Geschichte ist recht lang, ich möchte aber auch ein wenig von den Kürzestkrimis weg, auch wenn das reizvoll ist. Das Rezept fehlt noch, wird aber nachgeliefert. Ich koche immer frei Schnauze und muss mir die Mengen mal aufschreiben. Gerade hier würde ich mich über Feedback sehr freuen.

Intro

Manche Städte sind anders. Du besuchst sie, fährst auf den nächstgelegenen Parkplatz, steigst aus und erfreust dich für einen kleinen Moment an den niedlichen Häusern und hübschen Gärten. Du leinst vielleicht deinen kleinen Hund an, gehst mit ihm durch die Straßen, betrachtest die ordentlichen Vorgärten, das akkurat geschnittene Gras, die kleinen Hecken und Zäunchen und denkst dir, vielleicht nur für einen Moment, so möchte ich auch leben.

Denkst es und gehst weiter durch enge Gassen, genießt den Schatten unter den Bäumen, triffst ein paar Einheimische und grüßt sie freundlich. Grüßt und wunderst dich. Die Menschen, die dir begegnen, schauen durch dich hindurch. Ihre Blicke sind starr nach vorne gerichtet, niemand nimmt dich wahr oder lächelt dich an.

Ein kleiner Schauer rinnt über deinen Rücken und trotz der warmen Sonnenstrahlen wird dir kühl. Du kannst nicht genau benennen, was dich erschreckte. Du spürst nur, dass etwas seltsam ist.

Am Ende beeilst du dich, wieder zu deinem Auto zu kommen, steigst ein und fährst weg aus dieser ordentlichen kleinen Stadt, mit der etwas nicht zu stimmen scheint.

Die letzte Pizza

Ärgerlich schiebt sie den Umzugskarton zur Seite. Sie findet, wie immer, nichts. Fünfzehn Küchenkartons hat sie gepackt, zehn sind inzwischen durchwühlt worden, doch der Dosenöffner bleibt verschollen. Ihre drei Hunde sitzen nebeneinander in der Küchentüre und betrachten sie ungeduldig. Immer wieder geht ihr Blick zwischen der Futterdose auf dem Tisch und den Kartons hin und her. Der kleine Rüde fiept jämmerlich.

„Ich weiß, dass ihr Hunger habt. Nur dieser verflixte Öffner hat sich versteckt.“ In Karton zwölf wird sie fündig. Ganz unten, versteckt unter Messerset und Thermoskanne liegt der Schlingel. Die Große wedelt mit dem Schwanz während sie sich ans Öffnen macht und das Futter gerecht auf drei Porzellanteller verteilt. Die Näpfe sind noch in irgendeinem Karton, wo, weiß sie nicht.

Sie zündet sich eine Zigarette an und betrachtet die Hunde beim Abendbrot. Sie könnte auch was vertragen. Seit heute Morgen räumt und sucht sie, ihre chaotische Seite macht sich besonders bei Umzügen bemerkbar. Zum Essen war zu wenig Zeit. „Kaffee und Kippen mal wieder“, grinst sie und hört ihren Magen laut rumoren.

Sie kocht sehr gerne, doch so wie es hier momentan aussieht, wird das nichts. Essen gehen steht auf dem Plan, am liebsten eine Pizza. Sie könnte sich natürlich was liefern lassen, aber die Hunde brauchen sowieso einen Spaziergang und sie kann sich sofort ihre neue Umgebung anschauen.

Der Umzug war nicht geplant gewesen, doch da ihre alte Dienststelle abgebrannt war, musste sie sich was Neues suchen. Und die einzige Möglichkeit, bei der sie zeitnah beginnen konnte, war in dieser Stadt. Also hatte sie ihre Zelte abgebrochen, mal wieder, sich von Freunden verabschiedet, Kartons gepackt und war hierhergezogen. Das gemietete Haus war nett, nicht zu teuer und mit ausreichend Platz, um sich auszubreiten.

Sie nimmt die Hunde mit nach draußen, schließt die Haustür und folgt den Anweisungen des Handys zur nächsten Pizzeria. Ihr Haus liegt in einer ruhigen Wohnstraße und, wie das alte, direkt an einer Kirche. An das Glockengeläut hatte sie sich gewöhnt, dann wird sie das hier auch nicht nerven, beschließt sie. Die Häuschen sind alt und sehr gepflegt, der Vorgartenrasen gemäht, die Fenster geputzt. Es ist noch recht warm draußen, so dass es sie nicht verwundert, kaum etwas von ihren neuen Nachbarn zu sehen.

Die Pizzeria liegt an einer stärker befahrenen Straße, so dass sie die Hunde lieber anleint und sich einen Platz im dazugehörenden Biergarten unter einem Schirm sucht. Die Fahrgeräusche von der Straße werden durch die hohe Hainbuchenhecke kaum gedämpft, trotzdem wirkt es gemütlich mit den karierten Tischdecken und dem Röschen auf dem Tisch.

Kaum hat sie Platz genommen, taucht der Kellner mit einem Wassernapf für die Hunde auf. Sie grinst, der Laden ist ihr sofort sympathisch.

Sie bestellt ein Glas Primitivo und die Pizza alá Maison und lehnt sich gemütlich zurück. Der rasch gelieferte Wein schmeckt und sie denkt kurz darüber nach, warum auf einer italienischen Speisekarte französische Begriffe stehen.

Da wird sie abgelenkt von einem Pärchen, das in den Hof stolpert. Sie freut sich, Leute gucken gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen in Restaurants. Die beiden sind nicht mehr ganz jung und, wenn sie das richtig beurteilt, wohl situiert. Netterweise setzen sie sich nur zwei Tische weiter hin, so dass sie gut zu beobachten sind und wohl auf amüsante Art ihre Wartezeit verkürzen würden.

Der Kellner erscheint mit dem Brot und für eine Weile ist sie damit beschäftigt, hervorragende Kräuterbutter auf frisch gebackenes Brot zu streichen. Genüsslich wischt sie sich einen Rest des knoblauchreichen Fettes aus ihrem Mundwinkel, da wird ihre Aufmerksamkeit vom lauter werdenden Gespräch am Nachbartisch abgelenkt.

„Sie streiten, wie gemütlich“, seufzt sie innerlich und beschließt, die Wartezeit bis zur Pizza für einen notwendigen Gang zu nutzen. Vielleicht hätten sich die Streithähne ja gleich wieder beruhigt.

Sie gibt den Hunden das Signal, liegen zu bleiben, bindet den jüngsten sicherheitshalber kurz mit der Leine am Sonnenschirm fest und macht sie auf die Suche nach dem Waschraum.

Hocherfreut registriert sie, wie kühl der Innenraum des Lokals ist und so ruhig. Wenn sie die Hunde nicht dabeihätte, würde sie sich nach innen setzen. Ein Streit ist mehr Leutegucken, als sie appetitlich findet.

Auf dem Weg nach draußen bleibt ihr Blick an einem schwarzbeflorten Foto hängen. Sie geht näher und blickt betroffen in das zahnlückenbewehrte Grinsen eines etwa zehnjährigen Mädchens. „Wie schrecklich“, erschauert sie und geht nachdenklich nach draußen.

Leider ist der Streit in ihrer Abwesenheit nicht beendet worden. Die Frau regt sich anscheinend über den Weinkonsum ihres Begleiters auf. Immer wieder zischt sie wütend zu ihm hinüber, weist auf die inzwischen halbleere Weinflasche und das Aperitifglas. Der Mann scheint inzwischen auch recht angetrunken, er grunzt zurück, wedelt mit seiner Hand vor ihrer Nase herum, als wolle er eine lästige Fliege vertreiben.

Sie wird lauter, Wortfetzen dringen an ihr Ohr. „Schon wieder besoffen Autofahren“, „Hast du nichts gelernt aus dem Unglück vor vier Wochen“, „Du wirst uns auch noch umbringen“. Auf einmal brüllt er „Du hättest ja auch was tun können außer bloß blöd neben mir zu sitzen und <<Fahr, fahr!>> zu schreien.“ Und haut mit der Faust auf den Tisch.

Erschreckt blicken beide sich um. Danach ist es still.

Endlich bringt der Kellner die Pizza. Sie duftet verführerisch und sie schnappt sich begeistert ihr Besteck, das Drama am Nachbartisch ignorierend. Da fällt ihr das Foto ein und sie ruft ihn noch kurz zu sich zurück. „Ich weiß, dass es mich nichts angeht, aber ich sah da gerade dieses Foto von dem kleinen Mädchen. Was ist da passiert?“

Irritiert schaut er sie an. „Das ist doch tagelang durch die Zeitungen gegangen.“ „Ich bin heute hergezogen, sorry,“ lächelt sie entschuldigend. Er nickt und zieht sich kurz einen Stuhl heran. „Sie gestatten. Das kleine Mädchen auf dem Foto ist die Tochter des Kochs. Vor vier Wochen ist sie auf dem Weg von einer Freundin nach Hause von einem Schwein totgefahren worden. Er hat wohl angehalten, ist dann aber weitergefahren ohne sich um die Kleine zu kümmern. Zwei Wochen standen dicke Aufrufe in der Zeitung, ob es Zeugen gäbe. Doch gemeldet hat sich niemand. Wenn einer von uns dieses Arschloch erwischt, wird er seines Lebens nicht mehr froh.“ Entsetzt blickt sie ihn an. Er räuspert sich. „Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht das Essen vermiesen. Essen sie, bevor sie kalt ist. Das ist mit Abstand die beste Pizza der Stadt. Kochen lenkt ihn ab, sagt er und es tut ihm gut, wenn die Teller leergegessen in die Küche zurückkommen. Geben Sie sich also Mühe.“

Er zwinkert ihr zu und schiebt den Stuhl wieder an seinen Platz.

Brav probiert sie und ist hingerissen. Saftig würzig, knuspriger Teig, er hat nicht zu viel versprochen. Die Hunde strecken ihre Nasen in die Luft und schnuppern geräuschvoll. Sie grinst kauend.

Ein Viertel hat sie geschafft, da wird das Gezische am Nachbartisch wieder lauter. Sie blickt herüber und sieht ihn den Rest der Flasche in sein Glas schütten. Die Frau trinkt nur Wasser.

Sie legt das Besteck hin. Etwas grummelt in ihrem Hinterkopf, die beiden Informationen wollen verbunden werden. Sie schaut kurz zu dem Pärchen, dann fällt ihr Blick auf das bei der Hitze offenstehende Fenster der Küche. Ein Mann schaut heraus, betrachtet ernst die beiden Streithähne und verschwindet dann mit hängenden Schultern im Raum.

Der Kellner trägt zwei Pizzen an ihr vorbei zum Nachbartisch. Der Mann ordert noch eine Flasche Wein. Ausdrucklos nimmt er die Bestellung auf und verschwindet schnell im Lokal.

Sie kann nicht weiteressen. Irgendetwas passiert hier. Sie schaut zum Küchenfenster, das inzwischen geschlossen ist. Ein Eisschauer krabbelt ihr trotz Sommerhitze über den Rücken.

Das Pärchen bekommt nicht mit, dass sie von ihr beobachtet werden. Die Frau schneidet winzige Stückchen ab und schiebt sie sich affektiert in den Mund, ihr Partner nimmt die Viertel in die Hand, beißt große Stücke ab, schluckt gierig fast ohne zu kauen.

Sie kann nicht weiteressen bei diesem abstoßenden Schauspiel und auch nicht wegsehen.

Auf einmal knallt er das angebissene Pizzastück auf den Teller und brüllt „Widerlich, was für eine Dreckspizza.“ Da bleibt ihm die Luft weg, er greift sich an den Hals, läuft blau an und stürzt zuckend zu Boden.

Sie ist noch nicht aufgestanden, da ist es schon vorbei. Reflexartig zückt sie ihr Handy und ruft den Notarzt. Sie nimmt die schreiende Frau zur Seite und setzt sie auf ihren Platz, hält ihre Hand und versucht, sie zu beruhigen.

Der Notarzt kommt und kann nur den Tod feststellen. Dann erscheint die Polizei. Ein kleiner dicklicher Kommissar beugt sich mit seinem Pathologen über die Leiche.

Sie hört „Todesursache?“ und dann etwas von Strychnin. Ihr Blick wandert zur Restauranttüre, wo Koch und Kellner Schulter an Schulter stehen und mit versteinertem Gesicht die Szenerie beobachten. Sie steht kurz auf und bedeutet dem Polizisten, der neben ihnen steht, dass sie nur kurz zur Toilette muss.

Sie zieht Koch und Kellner in den Innenraum und zischt „Wo ist es?“ Sie schauen sie irritiert an. „Was soll wo sein?“ „Das Strychnin natürlich, jetzt stellen sie sich nicht blöd. Wenn das hier gefunden wird, gehen sie beide in den Knast.“

„Ist mir egal, er hat, was er verdient.“ Sie dreht die Augen zur Decke. „Her damit, das muss nicht sein. Ich hab eine Idee.“

Der Kellner greift in die Brusttasche des Kochs und holt ein kleines Fläschchen heraus. Sie grinst, nickt und wickelt es in ein Taschentuch. Auf dem Weg nach draußen rubbelt sie die Fingerabdrücke in ihrer hohlen Hand ab, vorsichtig darauf bedacht, dass ihre Finger nicht das Glas berühren.

Die Frau weint immer noch. Sie geht zu dem Kommissar und fragt, ob sie der Dame ein Taschentuch aus ihrem Handtäschchen holen dürfe. Genervt dreht er die Augen nach oben und hält ihr die geöffnete Tasche unter die Nase. Taschenspielertricks beherrscht sie meisterhaft. Geschickt lässt sie die kleine Flasche in den Boden kullern und nimmt mit augenscheinlich spitzen Fingern ein Paket Einwegtaschentücher heraus.

„Okay so?“, fragt sie und lächelt den Kommissar unschuldig an. Er grunzt und nickt. Dann blickt er interessiert in die Untiefen der Damenhandtasche, das Aufblitzen des kullernden Glases hat seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

„Theo“, brüllt er und der Pathologe hebt den Kopf. „Ich hab hier was.“ Und zu ihr gewandt: „Danke Frau….“

„Ach“, lächelt sie, „sagen Sie einfach Alice.“  

Eine Stunde später ist alles vorbei. Sie wurde verhört, berichtete vom eskalierenden Streit, gab vor, nichts verstanden zu haben. Es sei halt ein heftiger Ehekrach gewesen. Koch und Kellner stellten sich unwissend, kannten das Paar kaum, ein paar Mal hätten sie schon hier gegessen, sich immer gestritten. Die Frau wurde verhaftet.

Sie sitzt mit Koch und Kellner im Biergarten des inzwischen geschlossenen Lokals. Eine alte Flasche Wein steht auf dem Tisch, das Foto der Tochter liegt zwischen ihnen. Dem Koch, der sich ihr als Pedro vorstellt, rinnen immer wieder Tränen die Wangen herunter, während er ihr von dem Abend erzählt, wo statt seiner Tochter die Polizei vor der Tür stand. „Einfach totgefahren haben sie sie. Dann wohl noch angehalten, aber keine Hilfe gerufen, diese Schweine.“ Er trinkt einen Schluck und putzt sich die Nase.

Sie lächelt und merkt an. „Ich habe immer noch Hunger. Könnte ich wohl das Rezept bekommen für diese wundervolle Pizza?“ Pedro lacht und drückt ihre Hand. „Aber sicher. Du gehörst jetzt zur Familie.“

Alice

Und hier das Rezept