Extraetüden

Zu den Extraetüden bei Christiane.

„Ich bitte mir etwas mehr Zurückhaltung aus!“ Den Finger an die gespitzten Lippen gelegt schnitten ihre Worte trotz dieser physischen Einschränkung messerscharf durch die Luft. Und drangen an Ohren, die sich einklappten und die schnatternden Münder verschlossen. Unter eingezogenen Köpfen brodelte es, nach außen hin hielten sie Ruhe.

Sie passte nicht in das Umfeld. Ihre gestelzte Redeweise und ihre säuberlich zum Dutt geschlungenen, von grauen Strähnen durchzogenen Haaren, standen im krassen Gegensatz zu den leuchtend orangenen Overalls ihrer Klientinnen, wie sie sie nannte und der damit verbundenen Lässigkeit des Auftretens.

Der Vorfall war erst wenige Minuten her. Nun wischte eine das Blut auf, das dieses Mal nur aus der Nase gekommen war und deshalb nicht lebensbedrohlich, es aber hätte sein können, wenn sie nicht aufgetaucht wäre. Denn die Möglichkeit war da gewesen, neben dem Motiv, das jeder kannte. Über den Lautsprecher war sie ausgerufen worden, als alle zusammensaßen und aßen, dabei über ihre Suppenschale beobachteten, wie sich die beiden umkreisten, es schon seit Tagen taten.

Die anderen hatten immer Zetermordio gebrüllt, waren mit Schlagstöcken dazwischen gegangen, hatten oft mehr angerichtet, als die beiden Kontrahentinnen sich sowieso angetan hätten. Sie stand nur da, kein äußeres Zeichen sichtbar, dass sie sich beeilt hatte. Jedes Haar saß noch straff am Kopf, die Wangen blass und schmal wie immer, nur die Mundwinkel leicht missmutig verkniffen. „Auseinander“, hatte sie gezischt und sie ließen sich sofort los, wickelten Hände aus Haaren und zogen die Fingernägel ein. Jede kroch in ihre Ecke, noch zu erschöpft von der erschütternden Erfahrung des Kampfes, der sich immer anfühlt, wie wenn es ums Leben geht.

Jetzt stand sie da, thronte aufrecht zwischen den Schweigenden und wartete, bis der Raum wieder so aussah, wie sie es wünschte. Erst dann nickte sie und verließ den Speisesaal.

Sie schlug nie, wurde auch niemals laut und strafte bestenfalls durch Missbilligung. Zuerst hielten sie sie für weichmütig, bemühten sich, diese Schwäche auszunutzen, denn deshalb waren sie ja da, wo sie gelandet waren. Doch sie merkten bald, dass sie damit auf Granit bissen, sie einfach ausgenommen wurden von dem Respekt, den sie den anderen zollte, egal was sie getan hatten. Und seltsamerweise funktionierte das.

Sie war nicht beliebt, weder bei Kollegen noch bei ihrer Kundschaft. Sie nannten sie kalt und gaben ihr Namen, die sie nur hinter vorgehaltenen Händen flüsterten. Ihre Kolleginnen, die schrien und schlugen, sich aber auch mit den Frauen verbrüderten, in weichen Momenten emotional Hände hielten oder wegsahen, wenn der Wunsch nach Nähe zu verbotenen Zweisamkeiten führte, wurden benutzt und gefürchtet. Doch sie verstanden sich, sprachen sie doch alle dieselbe Sprache.

Eines Tages war sie weg. Eine neue kam, die wie die alten war und füllte die dienstliche Lücke.

Jahre später kellnerte eine der Ehemaligen, die hoffte, es geschafft zu haben, in einer kleinen Bar. Zwei Halbtrunkene gingen aufeinander los, rissen sich um eine Frau an den Hemden und drohten Glasflaschen auf Köpfe sausen zu lassen. Da stellte sie sich dazwischen und zischte nur „Auseinander!“ Und seltsamerweise funktionierte das.

Alice

12 Kommentare Gib deinen ab

    1. Orange war Schuld 🙈😉

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  1. Christiane sagt:

    Funktioniert auch als Kurzgeschichte, wenn man (wie ich) die Serie nicht kennt. Vielen Dank! 😁

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    1. Ich kenne sie auch nicht 🙈

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  2. juru77 sagt:

    Odenwaldschule ?, nahe Ffm. – inzwischen von Amts wegen geschlossen..😀

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    1. Hör ich zum ersten Mal, klingt nach einem tollen Ort für eine Horrorgeschichte

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  3. juru77 sagt:

    Das war dieee Skandalschule Hessens (Anti-autoritaer war da Markenzeichen) (Missbrauchsfälle in unendlicher Zahl auch) und Musterschüler Cohn-Bendit war Schüler und „Kinderfreund“. All das war Auslöser zur Antwort einer grünen Ministerin: Sex mit Kindern, da soll man sich nicht so aufregen.. In dieser Privatschule lernten auch noch andere honorige Persönlichkeiten fürs Leben..😊

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    1. Oh mein Gott, ja, davon hatte ich gehört, nur der Name der Schule war mir entfallen

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  4. juru77 sagt:

    Ist ja auch weit weg von deinem ländlich,sittlichen Umkreis. Aber ich habe ja bis vor 4 Jahren in FFM. und Wiesbaden gelebt. Und auch noch die 68er erlebt. Da war auch nicht alles Gold, was man heute so glänzend hinstellen will..

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    1. Das glaube ich sofort 😅👍👍👍 aber hier ist auch nicht langweilig, wenn man hinter den Vorhang guckt

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  5. Doro sagt:

    Atemlos folge ich den Worten und freue mich an einer wundervoll verwebte Geschichte. Dankeschön. LG Doro

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