Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 2: Das Mädchen

Seit gestern nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil und bin begeistert. Es tut gut, gerade, wenn es nicht so lief, einfach ein bisschen unter Regie zu arbeiten, anderes auszuprobieren und neue Techniken kennenzulernen.

Heute geht es darum, erste Sätze weiterzuschreiben. Ich wählte diesen:
„Wie die meisten Menschen lebte ich lange bei meiner Mutter und meinem Vater.“ (Jeanette Winterson Orangen sind nicht die einzige Frucht)

Wie die meisten lebte ich lange bei meiner Mutter und meinem Vater. Sie waren gute Eltern, versuchten es zumindest, glaube ich. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals trachteten, mich unter dem Vorwand, doch endlich einen Beruf zu ergreifen oder zu heiraten, aus dem Hause ekeln wollten. Sie hielten mich aus und ich sie.

Meine Mutter war schon alt gewesen, als mein Vater sich ihr zuwand und in einem letzten Versuch, diesen, seinen Familienzweig nicht aussterben zu lassen, um ihre weiche Hand anhielt in der Hoffnung, dass diese brave Frau ihm noch einen Sohn schenken würde. Die Chancen standen nicht schlecht, war sie doch die einzige Tochter unter sieben Brüdern. Sie gab ihm ihre Hand ohne zu zögern, war es doch auch ihre letzte Möglichkeit, dem Stigma der alten Jungfer zu entgehen. Sie begegneten sich sicher nur das eine Mal in der Hochzeitsnacht, wo mein Vater sich durch das Loch im züchtigen Laken wühlte, fand, was er brauchte und mich zeugte.

Neun Monate später erwies sich der Stammhalter als zarte Tochter. Sie waren nicht vorbereitet auf mich und hatten selbst keinen Namen zurechtgelegt. Bis zum dritten Lebensjahr trug ich Knabenkleidung und spielte ich mit Bauklötzen und Autos, die der Vater vorausschauend schon während der Schwangerschaft gehortet hatte. Erst als ich aus allem herausgewachsen war, trugen sie meinem Geschlecht, wenn auch widerstrebend, Rechnung.

Ich blieb das einzige Kind, was mich oft sehr einsam sein ließ und es mir schwer machte, anderen mit der Leichtigkeit zu begegnen, die Fremde untereinander spüren, bevor sie sich entschließen Freunde zu werden. Den Menschen, die ich in meinem Leben begrüßen durfte, näherte ich mich mit Inbrunst, ignorierte jeglichen gesellschaftlichen Anstand, jene nicht ausgesprochenen taktischen Wendungen, mit denen man das fremde Terrain sondiert. Ich war ein offenes Buch für sie, wendete auch für den uninteressierten Betrachter freiwillig Seite um Seite um und stieß so Manchen damit vor den Kopf.

Wurde ich als Kind noch als kess und vorlaut wahrgenommen, änderte sich das Verhalten, als ich langsam zur Frau wurde. An dem Abend, als ich das erste Mal menstruierte und weinend auf dem Bett lag, eine Wärmflasche auf den verkrampften Gedärmen, sprach meine Mutter mit mir. Es schien das erste Mal zu sein, dass sie mich wahrnahm. Geduldig erklärte sie mir, was in meinem Körper passierte und worauf ich nun zu achten habe. Sie zeigte mir die Hilfsmittel, die Frau für diese Tage immer im Haus haben sollte und wie man sie verwendete. Und sie erklärte mir die Sache mit dem Kinderkriegen, etwas, was hinter vorgehaltener Hand schon mein Ohr erreicht hatte. Begierig lauschte ich den Beschreibungen zu dem Prozess, den meine Mutter mit gesenkten Augen und voller Schamesröte flüsterte.

Ich muss gestehen, dass ich es kaum erwarten konnte, in das passende Alter und den Besitz eines Mannes zu kommen, um diese Art der körperlichen Aktivität auszuprobieren.

Ich war ein schönes Kind gewesen und ich wurde zu einer schönen Frau, wenn ich die Blicke, die mir die Herren zuwarfen, richtig zu deuten wusste. Sie näherten sich vorsichtig, umtanzten und umgarnten mich, sendeten mir Blumen und Geschenke.

War die mangelnde Zurückhaltung in meiner Kindheit ein Problem gewesen, so wurde nun der Abstand mein bester Freund. Je mehr ich mich zurückzog, desto hartnäckiger wurden die Avancen, die mir gemacht wurden.

An dieser Stelle ende ich, da ich fürchte, dass da sonst ein erotisches Buch draus wird 😉

Alice

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. ruhland99 sagt:

    Wie früher im Kino: immer wenn’s spannend wurde – Szenenwechsel oder Ende..☺️

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    1. Cliffhanger für die Pinkelpause 😉

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      1. Nati sagt:

        Fertig, weiter bitte….😉

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      2. 😉 Das bleibt sicher nicht jugendfrei…

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      3. Nati sagt:

        Ich bin schon groß, grins…

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  2. Ich hätte nichts gegen einen erotischen Text von Dir… Aber sowas schreibt man besser in ein Zweitblog…

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    1. Ich glaube, alle Leser sind Ü18, aber ich überlege schon länger, meine Geschichten outzusourcen, es ist echt wuselig hier 😂

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  3. ruhland99 sagt:

    Wie sang F.J. Degenhardt: es sollen doch solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann.. – aber hier scheinen sich ja Abgründe von Unmoral zu öffnen ☺️☺️☺️

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    1. Oh, werter Herr, meiner Treu, habt ihr mich bei meinen unkeuschen Gedanken ertappt ?

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      1. ruhland99 sagt:

        Dem (Der) Reinen ist doch alleres rein..☺️ Und über vergangene, nicht genutzte Gelegenheiten darf man nicht nachdenken (falls man sich so etwas überhaupt vorwerfen muss). Letztendlich sind wir ja auch gaaar nicht neugierig ☺️☺️

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