Veröffentlicht in Schreiben

ABC-Etüde – Kartoffeln nach Zahlen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Agnes.

Seit Jahren steht er hier, jeden Dienstag und Freitag. Aufstehen um fünf, Ware vom Großmarkt holen, ankommen, aufbauen, stehen von acht bis zwölf, manchmal länger, wenn viel zu tun ist.

An manchen Tagen kommt keiner, oder fast. Es gibt Stammkunden, die wagen sich auch raus, wenn Wetter ist. Die anderen gehen dann in die Supermärkte. Jeden Dienstag kommt die Alte mit dem komischen Hut. Sie streitet immer, will nur eine Kartoffel. Dann sucht er die eine perfekte für sie aus, gibt ihr aber immer drei zur Wahl, will sie nicht bevormunden.

Um zehn macht er Pause, dann holt er sich einen Kaffee zu seinem Brot, schäkert mit den zwei Bäckereiverkäuferinnen. Sie mögen anzügliche Witze.

Früher waren sie zu viert an seinem Stand, hatten alle Hände voll zu tun. Die Zeiten sind vorbei, schlecht könnte man sagen. Es passt gerade noch und die Knochen wollen auch nicht mehr. Er hat das sechste Jahrzehnt gut überschritten, aber fürs Aufhören reicht es noch nicht.

Freitags ist immer mehr zu tun, da wird fürs Wochenendes gehamstert. Manchmal kommen dann Muttis mit ihren Kindern, die grabbeln an den Kartoffeln rum. Sehen wohl sowas wohl nicht mehr so oft.

Letztens hatte er seltene blaue, die haben sie ihm aus den Händen gerissen. Sieben Euro kostete der Sack, doch das machte ihnen nix. Hipster halt, dabei schmecken die auch nicht besser als die Annabelle.

Der Kirchturm läutet zur Mittagsstunde. Das war’s. Er packt zusammen und wuchtet die schweren Säcke in den Anhänger. Morgen ist frei, da geht er zum Geburtstag. Ein Geschenk braucht er noch, sein Enkel wird neun.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

11 Kommentare zu „ABC-Etüde – Kartoffeln nach Zahlen

    1. Ich hatte auch ein festes Bild vor Augen. Da war ein Holländer auf den Märkten meiner Kindheit. Der wurde von Jahr zu Jahr müder. Aber er hatte sowas Freches, nannte meine Mutter immer „junge Frau“ – und man glaubt es kaum, damals war sie es noch, auch wenn ich immer lachen musste. Lieben Gruß dir, Alice

      Gefällt 3 Personen

      1. Ja, und es funktioniert, nicht wahr? Sobald man nicht mehr Mitte 20 ist (oh, interessant, ab wann eigentlich?), lächelt man unwillkürlich zurück, wenn man mit „junge Frau“ angesprochen wird. 😉

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  1. Sehr schönes Bild. Ich kenne so etwas von früher. Die Schwiegermutter meines Bruders hatte mittwochs und samstags einen Stand auf dem Delmenhorster Marktplatz und verkaufte selbst gezogene Blumen, Bartmelken. Ihr Mann war im Krieg gefallen und so entkam sie der Einsamkeit.

    Gefällt 2 Personen

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