ABC-Etüden – Irrtum

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Werner Kastens.

Der Mann an der Bahnschranke zückte sein Handy und lehnte sich gegen die Absperrung, wobei der Boden leicht bebte und die stündliche Regionalbahn ankündigte. Zum letzten Mal in diesem verregneten Spätsommer war die Sonne herausgekommen, ab morgen war offiziell Herbst und es schauerte sie.

Sie drehte das Radio ein bisschen lauter, versuchte dieses beklommene Gefühl zu verdrängen, das sie jedes Mal heimsuchte, wenn die Jahreszeit in die Dunkelheit wechselte. Albern, schalt sie sich und kindisch. Schließlich ist die Prophezeiung einer Jahrmarktshexe so viel wert wie die Plüschfiguren, die ihr der Vater am Schießstand erlegte und sie hätte es längst vergessen sollen.

Doch auch wenn sich die schönen Erinnerungen längst verkrümelt hatten, dem Alter und ihrer Zerstreutheit anheim gefallen waren, diese Szene hatte sich fest in ihr junges Hirn eingegraben und hielt ihr jedes Jahr ihre Sterblichkeit vor Augen, sobald die Tage kürzer und dunkler wurden.

Eine alberne Idee war es gewesen. Anstatt für ihr weniges Taschengeld eine anständige Karussellfahrt zu kaufen, war sie bei dem verschlissenen Zelt stehen geblieben, hatte sich magisch angezogen gefühlt von Kerzenschein und dem Duft nach billigem Patschuli. Im Inneren saß eine alte Frau, behängt mit allerlei glitzerndem Modeschmuck und hatte ihre Hände nach ihr und ihrem zögerlich dargebotenen Geld ausgestreckt. Sie hatte zitternd Platz genommen und dann den Worten gelauscht, die ihr ein frühes Ende an einem dunklen Herbsttag versprachen.

Die Bahnschranke hob sich und sie legte den ersten Gang ein. Langsam setzte sich die Karawane in Bewegung und es dauerte, bis sie aus dem Berufsverkehr und auf der Landstraße war. Sie fand den letzten Parkplatz gegenüber ihres Wohnblocks und stieg nachdenklich aus.

Sie sah das Auto nicht, das näherraste, spürte nur eine Hand, die sie zurück riss.

Die Alte schien sich geirrt zu haben. Sowohl bei der Jahreszeit als auch beim Ausgang.

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Ich finde Wahrsager, die speziell jungen Menschen einen frühen Tod voraussagen, mit einem Wort unseriös, um mir alles andere mal nachdrücklich zu verkneifen 😡🤬
    Ansonsten freue ich mich über deine Protagonistin und wünsche ihr ein langes und gutes Leben 😉👍 (Hey, es darf auch mal gut gehen!) 😁
    Vielen Dank, dass du mitgeschrieben hast! 🧡👍
    Nachmittagskaffeegrüße, herbstliebend 😁🌳🍃☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. Es langt, wenn die guten Prophezeiungen in Erfüllung gehen. Aber davon gibt es anscheinend nicht so viele. Mich beschleicht das Gefühl, dass das Thema eher negativ besetzt ist oder bewusst so eingestellt ist?

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich glaube, gerade jetzt hätte man gerne ein paar gute Vorhersagen , aber leider sind die meisten eher unschön. Vielleicht liegt es daran …

      Gefällt 1 Person

  3. Grinsekatz sagt:

    Dä Wahrsager stirv
    Vüür sich hin en der Eck
    – selvs schuld – dä hätt uns
    Met der Zokunft erschreckt

    Guten Morgen dir 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Guten Morgen 😉 Jepp, das passt mal wieder perfekt …

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s