Veröffentlicht in Mal über mich

Tausendsassa, alles oder nix!

Ich tanze auf tausend Hochzeiten und bekomme einen Drehwurm. Der Designshop wird erweitert, neue Schwarzweißchemie kommt heute und lädt zum experimentieren ein, die Fortsetzungsgeschichte brodelt in meinem Hinterkopf und darüber hinaus will ich noch so viel mehr.

Ich spüre, wie ich mich verzettele bei den Aufgaben, die ausgesucht und aufoktroyiert auf mich warten. Das Haus schläft, da habe ich Zeit für mich. Doch gleich, wenn die ersten aus ihren Schlafhöhlen kriechen, bin ich wieder auch dafür zuständig.

Ich würde gerne, doch geht es nicht. Nicht so, nicht, wie ich will.

Manchmal fühle ich mich ein wenig allein gelassen. Es wird mir Zeit eingeräumt, doch mir fehlt das Anmeinerseitestehen, das Mitdenken, die Möglichkeit zu delegieren und/oder gemeinsam zu arbeiten. Der Rest des Hauses spielt. Mir fehlt der Energieschub, der aus Gemeinsamem entsteht.

Vielleicht brauche ich aber einfach nur einen Kaffee.

Alice

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Deutschlehrer gesucht!

Ich fange mal hier mit der Schwarmabfrage an, da sich, so weit ich weiß, in unserem illustren Kreis ein paar Deutschlehrer befinden  Ich suche ein Stück, möglichst deutsch, möglichst klassisch, (Darf auch griechisch sein), in dem ein junger Mann, einen alten von seinem angestammten Platz verdrängt. Das kann die Königskrone oder auch der Platz des Gatten in einer Ehe sein. Daraufhin, oder weil er es nur befürchtet, bringt der ältere den jüngeren um. Ich hatte schon Othello (was auch nicht unbedingt deutsch ist ) im Kopf, doch das passt nur bedingt. Mein Sohn warf Ödipus in den Hut, doch das ist zu kompliziert. Ich sag schon mal danke

Alice

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Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 1 : Lottchen

Es soll um eine kleine Lockerungsübung gehen, schreiben nach Reizwörtern. Ich mochte das – ehrlich gesagt – schon in der Schule und da ich bei Christiane regelmäßig bei den Etüden mitmache, ist es nicht wirklich etwas Neues für mich. Die Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt entdeckte ich bei Vielen, die ich abonniert habe und wurde neugierig.

In letzter Zeit schreibe ich zu wenig Geschichten. Das mag der Zeit geschuldet sein oder aber einem irgendwie gearteten Rhythmus bei mir folgen.

„Lotte, mach kein Quatsch!“, dröhnte blechern aus den verwitterten Lautsprechern. Seeluft war für nix gut, stellte sie fest und erinnerte sich an die Vorlesungen, in denen sie Pflichtzeiten abgesessen hatte. Korrosion, Verrottung, ausgelöst von Salz und Wasser, vermeidbare Metallverwesung, sie hatte lieber in anderen Bereichen geforscht.

Sulke ging ihr auf den Keks. Sie hatte das Lied schon in den 80ern gehasst. Die blöden Sprüche auf jeder Party, die von Mitschülern nachgenäselten Schnulzlaute klangen ihr immer noch in den Ohren.

Ausgerechnet hier, ausgerechnet jetzt empfand sie die Erinnerung an ihr damaliges Leid fast unerträglich. Ihre momentane Situation, ihr Plan ließ keine melancholische Rückschau zu. Sie war im Aufbruch, begann etwas Neues, etwas Schönes. Sie traute sich endlich, das hinter sich zu lassen, was ihr nicht passte.

Ihr Vater bog um die Ecke, in jeder Hand einen Becher, aus dem es in der kalten Luft dampfte. „Ich hab dir auch einen Kaffee mitgebracht, Lottchen.“ Er reichte ihn ihr und ließ sich neben sie auf die Holzbank plumpsen. „Sind das alles deine Taschen?“ Sie grinste: „Nö! Das hättest du wohl bemerkt, oder? Die gehören der Familie da vorne. Sie sind kurz winken gegangen.“ Sie wies mit dem Kopf in Richtung Reling, wo zwei Erwachsene und eine nicht abzuschätzende Zahl Kinder hin und her sprang, winkte, weinte, rief und offensichtlich Abschied nahm. Sie hatte niemanden zum Winken. Noch nicht. Der Vater begleitete sie die erste Etappe. Das Weinen war vorerst nicht nötig.

„Ich erinnere mich an deine erste Klasse. Du hattest immer Angst, etwas zu Hause zu vergessen. Dein Tornister wog mindestens eine Tonne, doch du weigertest dich standhaft, etwas davon zu Hause zu lassen. Die Lehrer nannten dich die schwerbepackte Lotte. Du warst so niedlich mit deinen Zöpfen und dem Koloss von Ranzen auf deinem schmalen Rücken.“ Er lächelte, doch sie sah eine Träne in seinem Augenwinkel aufblitzen.

„Zu früh“, dachte sie und spürte einen Kloß im Hals. Sie nahm dem Vater eine der Tassen aus der Hand und nahm einen großen Schluck. Das war besser. Für eine Weile schwiegen sie. Es war nicht der Ort, Erinnerungen auszugraben. Dafür war später noch Zeit, wenn tausende Kilometer sie trennten und man alleine weinen konnte.

„Wollen wir ein bisschen laufen?“ Der Vater erhob sich und reichte ihr den Arm. „In zwanzig Minuten sind wir da. Zeit , ein bisschen über das Schiffsdeck zu flanieren. Allzu oft kommen wir nicht in den Genuss der Schifffahrt!“

Sie grinste und nahm seinen Arm. Die Familie saß wieder beim Gepäck und würde nun auf ihre Taschen achten. Eine Möwe schrie, als sie mit ihm gleichzeitig den ersten Schritt machte. Sie nahm es als böses Omen.

Ein Hafen erschien am Horizont. Dort ging es auf ein großes Schiff. Dieses Mal ohne Begleitung.

„Möchtest du, dass ich winke?“

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten, Schreiben

Lesestunde

„Haben Sie das auch vollständig?“ Sie legt das zerfledderte Buch auf die Ladentheke und schaut den alten Mann an. „Wollen mal sehen“, sagt er und klappt seine Lektüre zu. Dann stützt er sich auf den Armlehnen des schäbigen Ohrensessels ab und drückt sich ächzend hoch. Mit der Linken greift er nach dem Stock, die Rechte tastet nach dem Buch. „Was haben wir denn da?“ Er rückt die Brille gerade und dreht das Buch, um den Titel zu lesen. „Soso“, lacht er, „ein Krimi. Der graue Tod, nicht gerade ein Bestseller. Na, da scheint jemand die Lösung raus gerissen zu haben.“

„Es tut mir leid, ich habe es erst zu Hause gemerkt. Es ist so spannend und jetzt weiß ich nicht, wer der Mörder war.“ Sie ringt die Hände und lächelt. „Einen Moment“, sagt er und hebt das Buch ein wenig höher. Dann schiebt er die Brille auf die Stirn und begutachtet mit zusammengekniffenen Augen die Reste der ausgerissenen Seiten.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie! Also das mit den Seiten waren nicht Sie, das ist die gute. Die schlechte ist, dass ich dieses Buch nicht noch einmal habe!“

„Also ich muss doch sehr bitten.“ Sie stützt die Hände in die Seiten. „Wenn Sie sich aus der Verantwortung stehlen wollen…“

Er hebt beschwichtigend die Hände. „Schon gut, schon gut. Ich tausche es selbstverständlich um. Suchen Sie sich einfach ein Neues aus!“

„Und wer war der Mörder?“

„Keine Ahnung!“

„Also habe ich mich jetzt ganz umsonst durch..“ Sie greift das Buch und blättert kurz „…289 Seiten gelesen, um am Ende nicht zu wissen, wie es ausgeht?“

„Scheint so!“ Er setzt sich wieder und stellt den Stock ab. „Suchen Sie sich einfach was aus!“

Sie senkt den Kopf und bleibt stehen während er sich sein Buch nimmt, umständlich bis zum Lesezeichen blättert und seine Brille gerade rückt.

„Damit bin ich nicht zufrieden. Besorgen Sie mir eine andere Ausgabe.“

Genervt legt er sein Buch ab und schaut sie über den Rand der Brille an. „Schau dich doch um, Mädchen. Das ist ein Antiquariat und nicht Woolworth. Das sind Bücher, die keiner mehr will. Leute bringen sie vorbei, ich kaufe sie ihnen ab und manchmal schenken sie sie mir auch. Und dann staube ich sie ab und stelle sie hier ins Regal, klebe ein Preisschild drauf und fertig. Ich habe keinen Einfluss auf meinen Bestand. Suchen Sie sich was Anderes aus.“ Dann liest er weiter.

„Ich will kein anderes, ich will wissen, wer der Mörder ist.“ Sie stampft mit dem Fuß auf und bleibt stur stehen.

Für eine Weile ignoriert er sie, liest einfach weiter. Irritiert betrachtet sie ihn, wie er bei jeder neuen Seite seinen Finger anleckt, sanft über die gelesene Seite streicht, dann die Hand in die Mitte des Buches legt und sich mit einem Seufzer wieder in den Text vertieft. Seine Lippen bewegen sich leise, ein kleiner Spucketropfen bildet sich auf seiner Unterlippe, den er beim Umblättern mit dem Zeigefinger abwischt, um ihn zu befeuchten.

Er hat seinen eigenen Rhythmus, liest und wischt wie ein langsames Metronom. Wäre sie nicht so verärgert, würde es sie amüsieren. So wird sie immer ungeduldiger.

Sie räuspert sich. Erst leise und als das keine Wirkung zeigt, etwas lauter.

Er legt das Buch ab. „Was?“

„Ich würde gerne wissen, wer der Mörder ist, bitte.“

„Sie haben keine Ahnung? Ich meine, Sie haben das Buch gelesen.“

„Also es könnte Devin gewesen sein oder Carl, aber Carl hat ein Alibi, das ihm die Haushälterin seines Chefs gegeben hat, weil er der verschollene Bruder ihrer Schwägerin war…“

„Stop!“, er muss lachen und schüttelt den Kopf. „Ich kenne das Buch nicht, aber vielleicht haben Sie ja Lust, den Mörder mit mir zu entlarven!“

„Wie meinen Sie das?“

„Kommen Sie, Kind, setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir, was passiert ist und welche Hinweise auf welchen Verdächtigen deuten. Und wenn wir gemeinsam nachdenken, finden wir es vielleicht heraus.“

Kurz zögert sie, dann stellt sie ihre Tasche ab, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich zu ihm. Er lehnt sich zurück, schließt die Augen und gibt ihr ein Zeichen, mit der Erzählung zu beginnen.

„Aber bitte von Anfang an…“ sagt er und sie beginnt mit der Zusammenfassung der Geschichte.

Sie ist ein bisschen atemlos, als sie endet. Seine Augen sind immer noch geschlossen und für einen Moment hat sie den Eindruck, er ist eingeschlafen. Da öffnet er die Augen und schaut sie lächelnd an. „Und? Wer war es? Sie wissen es, sie wussten es die ganze Zeit!“

„Ich weiß es nicht! “ Sie schüttelt den Kopf . Dann stutzt sie und schaut ihn mit großen Augen an. „Doch, ich weiß es wohl!“ Sie ist auf einmal ganz aufgeregt und fuchtelt mit den Händen in der Luft herum. „Dass mir das nicht früher aufgefallen ist. Das Alibi… und die Mordwaffe… und wie er gefunden wurde. Da bleibt doch nur… Charly. Der Gärtner. was für ein Klischee.“

Sie lacht und er schaut sie anerkennend an. „Gratuliere. Sie haben Ihren ersten Mordfall gelöst.“ Er reicht ihr die Hand. „Ich bin übrigens Charly, aber nicht der da.“ Seine Hand winkt in Richtung Buch. „Ich bin nicht so gefährlich. Und mit wem hab ich das Vergnügen?“

„Sally. Mein Name ist Sally Meyer.“ Sie nickt und ergreift seine ausgestreckte Hand.

„Nett, Sie kennenzulernen.“

Alice

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70 Ideen

Wenn ich mich auf Youtube herumtreibe, dann nur, um Musik zu hören. Für Tutorials gehöre ich der falschen Generation an. Ich lese lieber, wenn ich etwas erklärt haben möchte.

Ganz selten lande ich dennoch bei einem faszinierenden Interview und lasse mich davon begeistern. So passiert vor zwei Tagen, als ich die Timeline bei Facebook durchforstete.

David Lynch lud zu seiner Masterclass und ich schaute mir diesen kurzen Ausschnitt seines Onlinekurses an. Dieser Mann, dessen Filme mich seit jeher faszinieren, davon kann man doch nur lernen wollen.

Jetzt ist es so, dass ich kein Filmemacher bin, also nicht bereit, hunderte von Euronen in etwas zu investieren, was ich gar nicht umsetzen kann. Spannend war es trotzdem, denn es ging ums Geschichtenerzählen und da wurde ich hellhörig.

70 Ideen machen einen Film, sagte er und skizzierte auf ein leeres Blatt kleine Kästchen, in die er seine Idee zeichnete. Die Inspirationen bekam er durch Musik, belauschte oder geführte Gespräche, Beobachtungen, Träume. Und da war ich mit an Bord.

So viele Eingebungen sind an einem Tag nicht zu schaffen, sagte ich mir, aber eine einzige, die bekomme ich hin. Eine Situation, ein Wort, eine Berührung möchte ich skizzieren und weiterführen.

Es ist ein Experiment und wie das mit solchen Versuchen ist, besteht die Möglichkeit, dass es scheitert. Es kann sein, dass nach der Hälfte oder einem Drittel die Luft raus ist und ich merke, dass es nichts für mich ist.

Das wäre typisch für mich. Also mal abwarten.

Was aus den einzelnen Beobachtungen wird, keine Ahnung. Vielleicht ja eine längere Geschichte oder ein Buch. Vielleicht auch nur Fragmente und Gedankenschnipsel, unzusammenhängend und konfus.

Ich bin nicht David Lynch. Es muss kein Film werden.

Alice

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ABC-Etüde – Der Streusel

Zu den Etüden bei Christiane, Wortspende von ebendieser.

Er saß am Küchentisch. Der Kuchen vor seiner Nase duftete und er schloss die Augen. Die Erinnerung kam plötzlich. Die Küche seiner Oma, klein und rummelig, doch peinlich sauber. Immer lag eine zitroniger Hauch von Schmierseife in der Luft. Die weißen Vorhänge vor den Fenstern. Der Blick in den Garten auf den alten Apfelbaum, bei dessen Erstbesteigung er sich das erste Mal den Arm brach. Ihre warmen, kräftigen Hände, wie sie den Hefeteig bearbeitete und ihn über den Rand ihrer Brille anlächelte.

Eine Bilderbuchoma in einer Bilderbuchkindheit. Er liebte sie und das nicht nur, weil sie ihn nicht herumkommandierte, wie sein Vater es tat, er sich bei ihr nie mickrig, sondern groß und vernünftig fühlte. Sie hatte so einen Blick, in dem immer tiefe Zuversicht und Vertrauen lag.

Und wenn sie plötzlich, meist mitten aus der Handlung heraus, innehielt, ihre mehligen Hände sanft um sein Gesicht legte und ihm lächelnd in die Augen sah, dann war er zuversichtlich, dass alles gut werden würde, immer.

Vor fünfzehn Jahren erinnerte er sich, hatte er in dieser Küche gesessen und sie beim Backen beobachtet. Der Vater hatte beschlossen, dass sie in den Skiurlaub fahren und er deshalb in den Osterferien nicht zu ihr, sondern in so ein Luxuskaff in den Bergen fahren sollte.

Er erzählte und sie hatte nur kurz innegehalten, für einen Moment ruhten die Hände in dem weichen Teig und er sah das kleine enttäuschte Aufblitzen. Doch dann lächelte sie schon wieder, rollte den Teig aus und streute großzügig Streusel darüber.

Als sie aus dem Urlaub wiederkamen, war sie nicht mehr da. Herzinfarkt sagten sie, da könne man nichts machen.

Er seufzt und öffnet die Augen. Langsam bricht er einen dicken Streusel vom Kuchenrand, er duftet nach Zimt und Butter.

Alice

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ABC-Etüde – Dilemma

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende von ebendieser.

„In einer besseren Welt wie dieser, gäbe es all den Luxusscheiß nicht!“ Demonstrativ unvorsichtig wirft sie Handy, Tablet und die neuen Kopfhörer in den Rucksack.

„Jetzt hör‘ aber mal auf, du hörst dich schon an wie Opa, wenn er aus seiner wilden 68er Zeit erzählt. Das, was du da rumschmeißt, hat ein Heidengeld gekostet. Und du wolltest diesen Scheiß, wie du ihn nennst, unbedingt haben. Was hat sich geändert?“ Sie lässt sich auf das Bett neben die gepackten Koffer sinken und schaut ihre Tochter nachdenklich an.

„Die Welt hat sich geändert. Oder das Klima. Oder ich mich. Ich weiß nicht.“ Sie seufzt und zuckt die Schultern.

„Ich weiß nicht mehr, was richtig ist. Fährt man in Skiurlaub, sind die einen neidisch, die anderen sagen, man macht die Berge kaputt. Das führt zu Er -Er- Erodingsbums und zu Lawinen. Nutzt man Internet, verbraucht man Strom, die Strahlung bringt uns alle um und die Rohstoffe werden von Kindern mit bloßen Händen aus dem Boden gegraben. Hat man keins ist man die Tussi von vorgestern.“

„Tja“, sie lehnt sich gegen den halbvollen Koffer und lächelt jetzt.

„Alle schreien Umweltschutz und irgendwie hält sich niemand dran. Die E-Autos sind auch nicht so toll. Und alles soll von selbst gehen, aber nutzen darf man es nicht mit guten Gewissen. „

„Und jetzt? Sollen wir wieder auspacken?“

„Nee! Aber weißt du? Alle kommandieren einen herum, aber keiner erklärt einem so richtig was. Ich fühle mich doof und mickrig und hab das Gefühl, alles verkehrt zu machen. Und das macht mir Angst.“

„Und dich wütend.“ Sie steht auf und legt die Arme um die Tochter. „Weißt du was? Ich bin stolz auf dich. Du bist eine wirklich kluge junge Frau.“

„Weil ich nichts weiß?“

„Ja, weil du verstehst, dass es keine perfekte Lösung gibt.“

Alice

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Tief Luft holen

Um etwas zu tun, brauche ich Kraft. Ich könnte jetzt so tun, als hätte ich wirklich Ahnung und irgendsoein Biogedöns vom Stapel lassen, mach ich aber nicht. Jeder weiß, dass für eine Kraftanstrengung Sauerstoff notwendig ist und dafür muss ich tief durchatmen.

Auch wenn die Akkus leer sind und man es mal wieder übertrieben hat, keine Energiereserven mehr zum Aufzehren da sind, muss ich Luft holen, dem Körper die Möglichkeit geben, zu regenerieren, sich zu erholen.

Das letzte Jahr war anstrengender als ich dachte. Ich habe mir an allen Ecken Druck gemacht, dachte tatsächlich, es würde mir gut tun, viel zu tun, auf 101 Hochzeiten zu tanzen, doch dem war nicht so.

Um den Jahreswechsel herum, spürte ich, wie ich abbaute, die Motivation, der Spaß gegen Null tendierte und mir wurde klar, da läuft was schief.

Die Kopfschmerzen waren nur ein Symptom, die Dauermieslaune und der gallopierende Zynismus schwappte in meinen Alltag und ließ mich aufhorchen. Alles geht nicht, auch wenn ich es gerne so hätte. Alles muss auch nicht, das ist mir netterweise klar geworden.

Ich werde ein wenig die Zügel anziehen, vom Galopp in den Trab oder den Schritt fallen, euch ein wenig weniger mit meinen Texten die Timeline füllen und schauen, was sonst noch so auf der Welt losgeht.

Ich werde rückfällig werden, das weiß ich, macht aber nichts, dazu sind Laster schließlich da.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 101 – Der Hof

Es war ein finsterer Abend im Dezember, nur noch drei Tage bis Weihnachten und es schüttete aus Kübeln. Eberhard hasste dieses Wetter und er hasste Weihnachten, am meisten hasste er Weihnachten bei diesem Wetter.

Die frühe Dunkelheit und der Regenvorhang erleichterten seinen Job nicht, doch er musste ihn tun. Sonst war nämlich niemand da. Was er allerdings liebte, waren seine Tiere, die im Stall auf frisches Futter warteten und die Aussicht über ihre ledrige Haut zu streichen und ihre weichen Rüssel in seiner Handfläche zu spüren, wog den Winterweihnachtshass nahezu auf.

Vor zwei Tagen hatte er eine Lieferung Ferkel bekommen, die nun unter der Wärmelampe lagen und vor sich hin quiekten. Ein Freund hatte sie vermittelt und der Freund eines Freundes hatte sie hergebracht. So ganz legal war es nicht gewesen, die Züchtung war ein Experiment, vieles wusste er nicht, nur, dass es tolle Tiere werden sollen, groß, gesund mit gutem zarten Fleisch.

Über das Schlachten wollte er nie nachdenken, er schob den Gedanken beiseite, wenn es ihn überkam. Es war sein Job, Schweinebauer, und der Tod seiner Lieblinge gehörte zu den Spielregeln. Es tat ihm weh, jedes Mal, und die Tatsache, dass sie ein recht langes und vor allem glückliches Schweineleben hatten, tröstete ihn ein wenig.

Er lehnte sich gegen den Wind, zog die Kapuze tief in das breite Gesicht und fluchte, als er in einer Pfütze fast ausrutschte. Die Stalltür klemmte für einen Moment und er fluchte erneut. Doch als er die Tür hinter sich schloss, grinste er breit. Die Ferkel hatten seine Ankunft bemerkt und wuselten begeistert quiekend an dem kleinen Zaun herum.

Sie waren schon ein Stück gewachsen, wie es schien und er kraulte sie, bevor er ihnen ihr Futter vor die Füße streute. Ein Kleines, sein Sorgenkindchen rappelte sich auch auf und kam aus der Wärmedusche auf ihn zu. Versuchsweise hob er es hoch, befühlte das Bäuchlein, tastete die zarten Rippen ab, um die Gewichtszunahme zu überprüfen, da biss es zu.

Er schrie, so einen festen Biss hätte er dem kleinen Kerl nicht zugetraut. Der kurze Impuls, zuzuschlagen, verschwand sofort wieder. Er kannte das. Manche Tiere brauchten einfach mehr Zeit und hatten Angst. Es würde schon Vertrauen fassen.

Er kletterte aus dem kleinen Gehege und betrachtete seine Hand. Die Wunde war tief und blutete stark. Zähneknirschend wickelte er einen Lappen herum und fütterte rasch die restlichen Tiere. Dann ging er ins Haus, um sich zu verarzten.

Er desinfizierte die Wunde gründlich, schmierte eine leicht antibiotische Salbe darauf und wickelte eine Mullbinde darum. War ja nicht das erste Mal, dachte er und erinnerte sich an die zickige Liese, die gemeinste Sau, die er jemals auf seinem Hof hatte. Sie hatte zugebissen, so oft sie ihn erreichen konnte. Sie war die einzige, der er nicht nachgetrauert hatte.

Dann ging er ins Bett, schließlich musste er früh raus.

Mitten in der Nacht schreckte er schweißgebadet hoch, seine Hand pochte und schmerzte und der Alptraum, in dem er einen Tierquäler verfolgte und auf grausame Weise zerstückelte, brachte sein Herz zum Rasen.

Die Schmerzen machten ihm Sorgen, vielleicht müsste er doch zum Arzt. Er wickelte den Verband ab und erstarrte. Seltsame Haare sprossen rund um die Bissstelle. Die war schon fast verheilt, schmerzte aber fürchterlich.

Schulterzuckend nahm er eine Schmerztablette und legte sich wieder hin. Bis zum Morgen schlief er ruhig und als er erwachte, hatten die Schmerzen aufgehört.

Er nahm den Verband ab und staunte. Der Biss war verschwunden, dafür überzog ein weißer borstiger Pelz seinen Unterarm. Die Haut darunter war rosig und duftete ein wenig fremd. Es sah fast aus, als wäre sein Arm ein Wollschweinchenferkel geworden, dachte er schmunzelnd, zog das Arbeitshemd darüber und vergaß es.

Er war kein dummer Mann, ganz im Gegenteil, er war sogar hochintelligent, was man seinem Berufsstand im Allgemeinen nicht zuschrieb. Doch die Gelassenheit der Menschen seiner Region hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. Er fluchte zwar oft und derb, doch so richtig aufregen konnte er sich nicht. Es war jetzt so und gut. Und wenn etwas nicht zu ändern ist, dann lohnt es sich auch nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden. Und so machte er sich an seine Arbeit auf dem Hof und vergaß den Biss und den Pelz, weil es nicht wichtig war.

Die Arbeit ging ihm gut von der Hand heute. Trotz des gestörten Schlafes fühlte er sich frisch und ausgeruht. Und seine Muskeln taten das, was er von ihnen erwartete und ein Stückchen mehr als das, was er von ihnen gewohnt war.

Gegen Mittag hatte er sein gesamtes Tagewerk erledigt und war noch nicht näherungsweise müde. Er überlegte kurz, das Scheunendach auszubessern, eine Arbeit, die er lieber im Sommer erledigen wollte, da fuhr eine Limousine auf seinen Hof.

Er wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab und strich die Haare glatt. Der wagen hielt direkt vor ihm und ein Mann in mittleren Jahren stieg aus, elegant gekleidet und offensichtlich recht wohlhabend.

Eberhard streckte die Hand aus, um ihn zu begrüßen, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne und holte tief Luft. Dieser Mensch roch seltsam, fremd und beängstigend. Da lag Tod in der Luft und Leid. Das musste der Typ sein, der die Höfe in der Umgebung aufkaufte, um aus ihnen wirtschaftlich arbeitende Unternehmen zu machen. Die Tiere waren ihm dabei vollkommen egal, Tierschutz und artgerecht ein Fremdwort.

Wütend wurde er nur selten, doch er konnte sich fast denken, was dieser Besuch bei ihm so weit draußen zu bedeuten hatte und das machte ihn rasend. Ein tiefes Grollen wuchs in seiner Kehle, suchte sich den Weg nach oben und mit einem schrillen Quieken, stürzte er sich auf ihn.

***Superhelden gibt es nicht nur in Hollywood. Sie können überall entstehen, wenn Radioaktivität auf Gentechnik, außerirdisches Gestein auf nicht zugelassene Medikamente trifft. Auch hier, am Rande des Münsterlandes, können sie ihre Heldentaten vollbringen. Die Unscheinbarsten unter ihnen, überraschen uns dabei am Meisten…. to be continued***

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

gutenachtgedanken – musenurlaub

Die Muse mag keine Arbeit, sie ist streng vergnügungsorientiert. Sobald es nur im Entferntesten nach Pflicht oder Regeln riecht, verdünnisiert sie sich, vergräbt sich hinter Ausreden oder ist einfach nicht auffindbar.

Der Alltagsstress setze ihr zu und sie hat mir gerade erklärt, kurz bevor sie sich ein Schaumbad einließ und das „Bitte nicht stören“-Schild aufhängte, dass sie so nicht arbeiten könne. Mal eben zwischen Tür und Angel, das wäre nichts für sie, das hätte sie sich anders vorgestellt.

Sie schlug mir vor, einmal Urlaub zu machen oder sonst wie auszusteigen. Meine Argumentation, dass ich ja wohl Geld verdienen müsse, wischte sie mit einer Handbewegung beiseite, das sei nicht ihr Problem.

Aber sie könne nicht auf Kommando und abgesehen davon, werde ihr Badewasser kalt.

Damit war sie weg.

Ich werde mir die Zeit ein wenig ohne ihre Unterstützung vertreiben müssen. Macht nichts, sie kriegt sich auch wieder ein und der nächste Urlaub kommt bestimmt.

Bis dahin atme ich tief durch, versuche sie nicht zu vermissen und mache, was halt so anfällt.

Kommt gut durch die Nacht.

Alice