Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Der Klang

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt aus dem Café Weltenall.

Die Schaukel schwang hin und her. Ihre Atemzüge waren im Gleichklang. Sie war eins mit sich. Da hörte sie den leisen Ton. Er schwoll mit jeder Vorwärtsbewegung an und wurde beim Zurückschwingen leiser. Sie hob die Hand und spürte einen leisen Wind an ihrer Handfläche. Für einen kleinen Moment war sie ängstlich, dann löste sie auch die zweite Hand und ließ sich emportragen.

Der Klang wurde lauter, sie hob ihr Gesicht den Wolken entgegen. In der Nähe einer zerissenen Zirruswolke ging der Ton in ein leichtes Tremolo über. Ihr Herzschlag beschleunigte während sie mit einem Zittern nach oben beschleunigt wurde.

Die Wolken lagen unter ihr. Sie beobachtete einen langsamen Vogelflug in einiger Entfernung. Eine klagende Geige mischte sich in den Ton, schwoll an und ab mit den Flügeln der Vögel.

Wind kam auf. Der Ton wurde lauter, trieb sie vorwärts. Sie spürte ein Sehnen, ihr Herz wurde weiter. Immer schneller jagte sie über den Himmel, stieg und fiel mit den Tönen.

Die Wolken bauten ein Gewitter und sie flog mitten hinein. Laute Peitschenklänge, ein schrilles Gitarrensolo, ihr Körper wurde hin und her geschleudert. Dann brach die Sonne durch die Wolken, der Klang verebbte, wurde weicher, leiser und sie spürte, wie sie fiel.

Als sie ihre Augen öffnete, saß sie auf der Schaukel. Sie stand auf und legte die alte Platte noch einmal auf.

Alice

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gutenachtgedanken – einer geht noch

Fortsetzung von „eine Fortsetzung

Es hockte im spät blühenden Flieder und beobachtete das wirre Treiben. Einer noch, sagte es sich und schmunzelte.

Sie forschten und untersuchten. Sie ließen keinen Stein auf dem anderen, schöpften sämtliche Mittel aus und taten, was sie meinten, tun zu müssen. Die SoKo wuchs, Psychologen, Profiler, eingeflogene Forensiker ergänzten das Team und sie kamen nicht weiter. Explodiert sagten sie und der Täter bekam den Namen „Bämm“.

Die Klatschpresse stürzte sich darauf und sie schrieben reißerische Artikel, ahnten, mutmaßten, wer der nächste, wer der Täter sei und waren doch so ratlos, wie alle anderen.

An diesem leicht regnerischen Tag, an dem die Schirme aufklappten wie feuchte Origami und die wärmeren Jacken hervorgeholt wurden, war ein Ortstermin anberaumt. Die Presse stand wie immer hinter rot-weißem Absperrband, die Spezialisten untersuchten plattgetretene Grashalme und weggeworfene Zigarettenkippen.

Das Revier war leer.

Nur der Polizeipräsident war an seinem Platz, telefonierte mit dem stellvertretenden Bürgermeister und dem Bischof, erklärte den Umstand der Ermittlungen, seinen Einfluss auf die von ihm ins Leben gerufene Sonderkommission und dass sie es aufklären würden, bald.

Er hörte nicht, als sich die Tür langsam ein wenig aufschob und ein Schatten ins Zimmer huschte.

Er spürte nicht, wie er hinter ihm Aufstellung nahm und seine kleinen dunklen Hände auf seine Schultern legte.

Er spürte nur das Lob des Bischofs, der sich abertausendmal bedankte und das Wohlwollen des Schulrates, er spürte den Dank des stellvertretenden Bürgermeisters, der dem Umstand sogar dankbar war, es aber nicht zeigen durfte.

Und er spürte, wie er größer wurde, anschwoll, gewaltig und gigantisch wichtig war er.

Wachtmeister Schmidt saß derweil mit seiner Frau in der Nachmittagsvorstellung des örtlichen Programmkinos. Sie gaben „High Noon“ und die Frau hatte Käse-Sahne-Torte reingeschmuggelt. Als das Licht ausging und er seine Waffe vermisste, die zuhause eingeschlossen war, fütterte sie ihn mit dem ersten Bissen und er war glücklich.

Als sein Funkgerät leise vibrierte, ignorierte er es, stach ein Stückchen Torte ab und fütterte seine Frau.

Es setzte sich in die Reihe direkt hinter ihnen und lächelte den beiden zu. Was für ein nettes Paar, dachte es und verschwand.

Alice

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Wie entstehen Geschichten?

Das Bild eines toten Baumes. Es ist Nacht und ein Blitzlicht leuchtet ihn gnadenlos aus. Was treibt sich im Dunklen herum, wer schleicht durch die Schatten?

Da, wo ich bin, ist es hell. Für einen Bruchteil einer Sekunde, mehr nicht. Dann legt sich wieder die Dunkelheit über meine Welt. In der Schwärze höre ich knackende Zweige und leises Rascheln.

Ist da wer, möchte ich rufen und ich bilde mir das raue Atmen sicherlich nur ein. Die Reflektion war keine Axt oder Machete sondern lediglich ein Streifen Mondlicht, der auf seinem Weg nach Hause kurz bei mir haltmachte.

Ich atme schwer, versuche mich vorsichtig zurückzuziehen. Wo ist der Ausgang, wo geht es nach Hause? Wo ist die abschließbare Haustür, die Alarmanlage, mein warmes sicheres Bett?

In diesem Moment entsteht eine Geschichte.

Ich weiß nur nicht, ob ich sie noch erzählen kann.

Morgen

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

Der letzte Satz

Ich schreibe viel. Alles, was mir vor die Füße fällt, kann ich verwerten. Ich mag es Geschichten zu verfassen, ein wenig Küchenpsychologie zu verbreiten, ab und an zu jammern, zu analysieren oder zum Lachen zu bringen.

Das Schreiben fällt mir leicht. Meist finden meine Finger die Buchstaben, bevor das Wort in meinem Bewusstsein ist.

Nur am Ende klemmt es von Zeit zu Zeit. Da suche ich einen netten Abschluss, ein Fazit, eine Moral, eine Zusammenfassung.

Dann lese ich den Text noch ein oder zwei Mal, überlege, tippe ein wenig, löschen und versuche es nochmal.

Um festzustellen, dass der Text schon rund ist. Der Gedanke geschrieben und ausgereizt. Jedes weitere Wort wäre eins zu viel.

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

gutenachtgedanken – Ein Anfang

Es begann ohne Vorwarnung. Bis zu diesem Augenblick war alles wie immer. Die Sonne schaute durch die Regenwolken vom Vortag, Vögel zwitscherten, ein unausgeschlafenes Eichhörnchen kletterte aus seinem Nest und eine freundliche Idylle legte sich wie ein sanftes Tuch über die Kleinstadt.

Der Gong rief zur ersten Stunde, noch war der Schulhof voll. Vereinzelte Schüler bewegten sich langsam in Richtung der großen Eingangstür. Andere rauchten unbeeindruckt, flirteten ein wenig mit den schon sommerlich knapp bekleideten Mädchen und ignorierten die vorwurfsvollen Blicke der vorbeieilenden Lehrer.

Das zweite Klingeln. Nach und nach leerte sich der Hof. Nur ein paar Kippen qualmten in den Papierkörben.

Im Gebäude schlossen sich Klassenraumtüren. Laute Stimmen kontrollierten Anwesenheiten, donnerten gute Morgen über schläfrige Schülerschädel, der Unterricht begann. Auf den Gängen wurde es ruhig.

Nur der Hausmeister schlurfte durch das Foyer, sammelte leere Brötchentüten und verlorene Münzen ein, hustete eine Runde und verschwand zum zweiten Kaffee in seinem Kabuff.

Niemand sah es, als es die Schule betrat. Es drückte sich in die dunklen Schatten entlang der Wand, glitt an dem hellen Fleck auf dem Fußboden vorbei, den das sternförmige Oberlicht zeichnete und verschwand im Verwaltungstrakt.

Als es zur ersten Pause klingelte, sich die Gänge mit den Stimmen der Jugend füllten, war es bereits verschwunden.

Die Sekretärin kochte die zweite Kanne Kaffee des Tages, legte die soeben eingetroffene Post geöffnet und sortiert mit auf das Tablett und klopfte an der Tür des Schulleiters.

Ihr Schrei übertönte selbst den Lärm in den Gängen, den vorbei eilenden Krankenwagen und den penetranten Ton des Pausengongs.

Nach wenigen Minuten war die Polizei da. Der Streifenpolizist hatte gerade im Imbiss gegenüber gefrühstückt, als sein Funkgerät Alarm schlug. Er trank noch rasch seinen Kaffee aus, verbrannte sich den Mund, fluchte, aß eine Gabel vom Rührei und packte das Donut ein, bevor er die Straße überquerte und vor der Schule stand. Die letzten Puderzuckerkrümel wischte er sich aus dem Bart bevor er die schwere Eingangstür aufdrückte. Er fühlte sich unwohl.

Neben der blassen Sekretärin standen zwei Lehrerinnen und der Hausmeister. Das übrige Kollegium war informiert, sollte den Schulbetrieb aber aufrechterhalten.

Er grüßte, legte dazu die Hand an die Mütze und kam sich sofort albern vor, nahm dann doch die ausgestreckte Hand und stellte sich vor. „Schmidt“, sagte er und „Was ist passiert?“

Ohne zu Antworten und mit einer leisen Dramatik, die man dem untersetzten Mann niemals zugetraut hätte, trat der Hausmeister beiseite und öffnete die Tür.

Der Wachtmeister trat hinein und schaltete die Deckenbeleuchtung in dem dämmrigen Raum ein. Dann trat er einen Schritt zurück. „Oh, mein Gott“, sagte er und dann noch einmal „Oh mein Gott“. Leiser zwar und umso verzweifelter. Er schwieg einen Moment, zückte sein Funkgerät und forderte Verstärkung an.

Dann schob er die Mütze in den Nacken, wischte sich den Schweiß aus der Stirn, verließ den Raum und stellte sich breitbeinig davor. Mehr konnte, mehr wollte er nicht tun.

Als endlich die Sirenen erklangen, entspannte er sich, dachte kurz darüber nach, die Nummer der zarten, immer noch weinenden Sekretärin zu erfragen, doch verschob es auf später. Die hinzu gerufenen Kollegen enterten den Raum, atmeten unisono hörbar ein, verließen ihn wieder und riefen das LKA.

Inzwischen war der Unterricht beendet worden. Die Anwesenheiten sämtlicher Schüler und Lehrer waren aufgenommen worden. Dann wurden sie nach Hause geschickt.

Im nun leeren Gebäude wurden Fotografien gemacht, Spuren gesichert, die Reste wurden fachmännisch begutachtet.

Nach Stunden wurden sie weggebracht, landeten wohlsortiert und eingetütet auf dem stählernen Tisch im tiefsten Keller, der Pathologie.

Bis zur Freigabe blieb die Schule geschlossen. Die Schüler genossen die vorgezogenen Sommerferien, tuschelten mit ihren Freunden, mutmaßten, genossen Gänsehautmomente.

Der Pathologe brauchte zwei Wochen. Dann schickte er seinen Bericht an den Leiter der Sonderkommission. Neben allerlei Fachbegriffen, die nichts zur Sache tun, hielt er fest, dass der Verblichene vollständig sei, auch wenn diverse Kleinteile nicht wirklich auffindbar waren und dass er explodiert sei. Eine Ursache sei nicht feststellbar.

Die SoKo ermittelte in alle Richtungen, fand zwar einen unehelichen Sohn, der die Trauer der Witwe milderte und ein paar kleinere Vergehen, doch kam nicht weiter.

Es war ein schöner Sommertag. Auf dem Platz vor dem Rathaus war Wochenmarkt. Ein paar Budenbesitzer brüllten ihre neusten Angebote in die tauben Ohren seniler Passanten, da sah ein Kind einen Schatten, der sich dem Rathaus näherte. Es schrie, doch die Mutter drückte ihm eine Scheibe Wurst in die Hand und redete weiter mit ihrer Freundin.

Maybe continued…

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Schreiben

gutenachtgedanken – Veränderung

Heute las ich das, was ich vor sechs Monaten schrieb. Es gefiel mir immer noch, doch es fühlte sich fremd an.

Heute finde ich andere Worte, hätte andere gefunden. Hätte anders be- und geschrieben. Ich wäre stutzig geworden, weil ich zwischen den Sätzen denken musste, hätte neu angefangen, anders aufgerollt.

Es ist anders, wenn es konstruiert ist, nicht natürlich wächst. Ich kann nicht (noch) so schreiben, dass ich zu Beginn des Textes das Ziel kenne. Ich lerne die Darsteller im Spiel kennen und ich mag das. Sie dürfen frei agieren, mir zeigen, was sie drauf haben.

Heute habe ich das erste Mal recherchiert, gesucht, entwickelt. Und sie bleiben leblos, wandeln wie Zombies durch die Geschichte, deren Ende schon klar ist.

Ruhe werde ich ihnen geben, meine Ungeduld zügeln und abwarten. Ein, zwei, drei Nächte bei ihnen ruhen. Und wenn sie zu atmen beginnen, schreibe ich ihre Taten auf, lasse mich von ihnen überraschen und freue mich mit ihnen, wenn sie es bis zum Ende durchgehalten haben.

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

Meine erste…

Es ist ein besonderes Gefühl, wenn das allererste Mal ein eigener Text in einem Buch erscheint. Im Frühling kommentierte ich ein paar Zeilen zu einer Ausschreibung dieses Verlages, überzeugte wohl und durfte eine kleine Kurzgeschichte (kostenlos) beisteuern.

Seitdem wartete ich. Gestern traf das angekündigte Belegexemplar ein und ich las tatsächlich nach fast einem halben Jahr die Geschichte erneut.

Ich mag sie immer noch, auch wenn sie etwas romantisch geraten ist.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Kurzgeschichten

Tag 282/365 – Besagter Herr Lonis

Herr Lonis ist ein Mann von ausgesprochen gepflegtem Äußeren. Und ebenso sind seine Grundsätze.

Er nahm am selben Tisch Platz, an dem ich mit Freunden saß, grüßte und lud mich zu einer Flasche Wein ein. Dann schaute er mich an und lächelte. Das braune Haar knapp gescheitelt und glatt zurückgekämmt, der Anzug von feinstem Zwirn mutmaßte ich einen Mann von Stand vor mir.

Sein Gebaren war höflich, formvollendet und wies eine gewisse hochnäsige Distanz auf. Über einer langen, leicht gebogenen Nase fixierten mich zwei klare, hellblaue Augen und während er erzählte, öffneten seine schmalen Hände flink die bauchige Weinflasche.

Er konversierte mit mir, machte hier ein Kompliment, hakte dort freundlich fordernd nach und erfuhr, was er wissen wollte.

Dann, nach ausreichender Sauerstoffsättigung des inzwischen dekantierten Weines, goss er mir einen winzigen Tropfen in ein lächerlich großes Glas.

Ich kostete, wusste nicht wirklich, was ich schmecken sollte und nickte höflich. Daraufhin goss er einige Tropfen hinzu.

Der Abend verlief entspannt, der Wein leerte sich tröpfchenweise und wir berührten die Themen wie Beruf und Familie. Da holte er seine kleine silberne Brille aus der Innentasche, setzte sie sorgsam auf die Nasenspitze und förderte ein paar kopierte Papierbögen zutage.

Mit Grausen erkannte ich die Klassenarbeit, die ich vor drei Tagen der Metall III gestellt hatte.

In strengem Ton wies er mich auf vorhandene Rechtschreibfehler und logische Mängel hin. Im Übrigen sei sie viel zu leicht gewesen und was ich mir denken würde.

Dann erhob er sich und reichte mir seine kühle schmale Hand. „Schulinspektor Lonis“ stellte er sich vor.

Glücklicherweise erwachte ich an dieser Stelle.

Eine Ähnlichkeit mit einem real existierenden Herr Lonis ist bestenfalls Zufall. Sollte es diesen Herrn doch tatsächlich geben, so sei er gebeten, seine ihm anvertrauten Lehrerinnen nicht betrunken zu machen.

Das gehört sich nicht.

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

gutenachtgedanken – Eingabe

Mein Sohn#2 aß Trauben vor, während und nach dem Abendessen. Er beklagte sich über kernlose, worauf ich kernbehaftete ins Haus schleppte. Pure Ironie, behauptete er und pulte die Fortpflanzungsorgane aus den jungfräulichen Früchten. er nannte es vegane Entbindung und ich beschloss diesen Begriff in den Duden zu bringen.

Der sofort von mir kontaktierte Mitarbeiter bat mich um eine schriftliche Eingabe. Ich solle Genus, Casus und vor allem das Geschlecht nicht vergessen. Ein wenig dekli- und konjugieren und eine passende Definition formulieren. Er würde sich melden, so sagte er. Doch ich befürchtete – zu Recht – eine geplante Verzögerungstaktik.

Zur Sicherheit ließ ich die Formulierung patentieren bevor ein anderer sie mir wegschnappt, zahlte die 10000 Euro ohne ein sichtbares Wimpernzucken. Der Mitarbeiter des Patentamts begann zu kichern und steigerte sich in einen zunehmend gackernden Rausch, aus dem nur sein Chef ihn mit einer kurzen schmerzhaften Ohrfeige erlösen konnte. Er entschuldigte sich bei mir, erwähnte die Überarbeitung und setzte sich wieder in die neuste Erfindung.

Sie qualmte, CO2-frei, wie er mir versicherte, der Antrieb bestehe aus den Gasen ungewaschener Socken, was ich bei dem Geruch fast vermutet hätte. Seine Gesichtsfarbe durchwechselte diverse Schattierungen und ich versuchte zu erraten, wofür die Mechanik erfunden worden sei. Doch es erschloss sich nicht.

Ich stieg in den Paternoster und fuhr bis oben, wollte überprüfen und wurde enttäuscht. Der vertikale Rückweg war versperrt. Stattdessen bewegte sich die Kabine horizontal, rauschte mit steigender Geschwindigkeit durch ein gewaltiges Wolkenmeer.

Ein Mann, der an einem Regenschirm hing, kam mir entgegen. Ich vermutete eine männliche Mary Poppins, rief etwas von Superkalifragilistic, seine Antwort ging im Dröhnen der Ventilatoren unter.

Fünfundzwanzig Mitarbeiter saßen emsig Schreibmaschine tippend im Karre auf einem Regenbogen, zogen Bogen um Bogen heraus, zerrissen ihn in kleine Fetzen und streuten ihn als Schneeersatz auf die Welt. „Unser Beitrag zur Klimakatastrophe“ brüllte mir der Chef ins Ohr, der die Sockenmaschine inzwischen ans Laufen gebracht hatte und seine Runden um die Kabine zog.

Der Käseduft zog mir durch die Nase, erinnerte mich an den im Ofen schmorenden Auflauf. Ich erwachte, stellte den Herd ab und verteilte den Nudelauflauf auf Tellern.

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüden – 41.42.19 – Anbauprobleme

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt aus dem Reisswolfblog.

„Wer soll diese Scheiße kaufen?“ Er rupft eine Blüte ab und hält sie seinem Kumpel unter die Nase. „Ich hätte auf die anderen hören sollen. Du bist und bleibst ein Loser.“

Vorsichtig nimmt der die Blüte in die Hand und schnuppert daran. „Riecht doch gut“, grinst er. „Sollen wir einen bauen und es testen?“ Er leckt sich die Lippen.

„Hundert Setzlinge für schlappe fünfhundert Ocken. Und ich hab mich belatschern lassen. Das ist Dreck, viel zu schwach. Den wirst du nicht los.“ Er wühlt in seiner Tasche, fischt ein Tütchen raus und hält es ihm unter die Nase. „So, so muss Gras riechen, du Vollidiot.“

Entgeistert schnüffelt er und vergleicht den Geruch mit der frischen Blüte. „Vielleicht wird es intensiver, wenn man es trocknet?“

„Eher nicht.“ Verzweifelt schüttelt er den Kopf. „Und womit bezahlen wir jetzt das verfickte Gewächshaus und den Strom?

„Vielleicht hat es ja ganz andere Qualitäten? Macht nicht so high, dafür gesund. Vielleicht ist es sogar jodhaltig….“

Er knallt ihm eine. „Halt deine Fresse. Du hast es vermasselt. Wenn wir damit auf den Markt gehen, werden die uns lynchen. Vielleicht können wir es zum Spottpreis abgeben.“

„Und wenn wir es mit dem Guten mischen? Das merkt keiner…“

Für einen Moment überlegt er, ob er ihn zusammenschlagen soll oder zumindest anschreien. Doch er ist zu müde dazu. „Ich werde nichts fälschen. Sonst ist unser Ruf im Arsch. … Lass mich überlegen.“

Eine Woche später ist die Ernte eingefahren und getrocknet. In der Küche herrscht Hochbetrieb. Er hat alle Freundinnen zusammengerufen, die wie wild Kekse backen.

Mit der ersten Ladung ist er zum Altersheim gefahren. Großzügig verteilt er die Probierplätzchen an die alten Herrschaften. Dann wartet er.

Nur zwei Tage später klingelt sein Handy. Er hebt ab und hört mit immer breiterem Grinsen zu.

„Leute, wir haben eine volle Auftragsliste!“

Alice