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Nur eine Chance

Ich besitze eine kleine feine Liste mit Ausschreibungen, an denen ich gerne teilnehmen möchte. Bisher wurden sie übelst vor mir her geschoben, sind ja noch ein paar Monate.

Doch gestern war Leerlauf im Job und ein Plot bahnte sich an. Schmierpapier war schnell zur Hand und ein Einstieg war formuliert. In groben Zügen skizzierte ich das Ziel und freute mich.

Der Abend war dem Eintippen gewidmet, etwas, was ich gerne delegieren würde. Ein paar Formulierungen wurden umgestellt, ein paar Ecken geglättet. Der Mann versuchte zu helfen, streute Ideen ein und am Ende stand das Gerippe einer tragfähigen Geschichte.

Nur das Fleisch fehlt noch. Ein paar Sätze schrieb ich bereits, versuchte, die gedachte Struktur umzusetzen. Es ist ein wenig viel für eine Kurzgeschichte, ohne Probleme könnte man daraus ein Buch machen.

Die Protagonisten blieben mir seltsam fremd, ihre Schuhe passen nicht. Das Zuviel frisst die Personen auf.

Würde mir jemand davon erzählen, riete ich ihm, neu anzufangen. Einfach eine Nacht darüber zu schlafen und das ganze neu aufzuziehen.

Doch die Pfade sind bereits betreten, meine Füße haben sich schon an Schritttempo und den Untergrund gewöhnt. Das Gefühl, falsch zu laufen bleibt und dennoch kann ich nicht zurück.

Zurück zu gehen und neu zu beginnen, würde mich im schlimmsten Fall wieder auf denselben Weg führen. Ärgerlich macht mich das und ein wenig verdrossen.

Ich teste die Geschichte nachher noch einmal an. Mal schauen, ob ich das Ruder herumreißen kann.

Alice

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Tür zu

„Lasst mich in Ruhe“, brüllte er und schlug die Tür hinter sich zu. Das knallte. Das tat gut. Das Geräusch ließ seine Wut sofort verebben. Jedesmal war das so. Ein Knall und es war okay.

Fast musste er grinsen, wenn er an die verstörten Gesichter auf der anderen Seite der Tür dachte. Auch mit einer Glastür hatte er das schon mal gemacht. Die Folgen waren fatal und teuer. Die Versicherung weigerte sich, zu zahlen und er musste die verfickte Scheißtür selber blechen.

Dabei waren sie doch selbst schuld. Was mussten sie auch dauernd an ihm herumkritisieren. Er wusste, was Sache ist. Und sie nicht.

„Unerträglich“, dachte er und hatte das Gesicht seiner Assistentin vor Augen, die schon wieder seine Termine durcheinander gebracht hatte. „Ätzend“ als er das leutselige Gesicht seines Chefs vor sich sah, der sich konfliktscheu in seinem Büro verschanzte.

Sie konnten ihm nicht das Wasser reichen. So war es und nicht anders.

Er stieg langsam die Treppe hinunter, überlegte, was er als nächstes tun sollte. Ein Kaffee wäre nicht schlecht, beschloss er und öffnete die schwere Glastür am Ende des Treppenhauses. Seine bevorzugte Bude war auf der anderen Straßenseite.

Wie immer schloss er die Augen halb und setzte den ersten Fuß ungeachtet vom Straßenverkehr auf den Asphalt. Einer hupte und fuhr einen abenteuerlichen Schlängel um seinen Fuß, einer bremste. Er grinste und ging betont langsam zwischen den Wagen hindurch. Das Hupkonzert störte ihn nicht. Es war wie Applaus.

In der kleinen Kaffeebude herrschte reger Betrieb. Vor der schmalen Theke drängelten sich die Banker aus dem Viertel, das Handy am Ohr winkten sie der Bedienung, brüllten Aktienkurse und Anweisungen an nicht sichtbare Zuhörer. Die Luft war dick. Über den teuren Eau de Colognes legte sich der feine Kaffeeduft. Aber eigentlich war er nur wegen ihr hier.

Sie arbeitete erst seit wenigen Wochen hier, stellte sich gut an dabei. Fast die Schnellste war sie inzwischen und immer nett, immer lustig und mit einem Scherz auf den Lippen. Er wollte sie einladen, heute Abend, wegen seines Erfolges, den die da oben für keinen hielten. Was wussten die schon.

Er schob die Bankerjungs beiseite, ignorierte ihr Gemaule und ihre snobistischen Pöbeleien, baute sich breitbeinig in der ersten Reihe auf und suchte ihren Blick.

Sie sah ihn zuerst nicht, kämpfte gerade mit der Kasse, deren Elektronik mal wieder was anderes wollte als sie selbst. Dann hob sie den Blick, wischte die schweißfeuchten Haare aus ihren Augen und sah ihn freundlich an. „Ja bitte?“ Hinter ihm wurde es lauter, vordrängeln war verpönt in den Kreisen derer, die sich nur mit Ellenbogen auskannten. Doch er ließ sich nicht beirren. „Ich hole dich um acht zum Essen ab!“ teilte er ihr mit.

Ihre Augen verengten sich für einen Moment, dann schlich sich eine Portion Distanziertheit in ihren Blick und sie sagte schlicht „Nein“. Sie hob den Block, wie um ihm beizubringen, dass hier an dieser Stelle das Private endete und sie die Kaffeefrau war und er der Kunde, nicht mehr und nicht weniger.

Er erstarrte, aber nur für einen kleinen Moment. Dann drehte er sich um und verließ unter dem Gejohle der anderen Kunden die kleine Kaffeebude. Vorsichtig, ganz ruhig schloss er die Tür hinter sich und wandte sich seinem Bürogebäude zu. Am Treppenabsatz kam ihm seine Assistentin entgegen, die ihm einen Umschlag überreichte. „Tut mir leid“, nuschelte sie und verschwand im Gebäude.

Er glaubte ihr nicht. Es tat ihr nicht leid. Und er glaubte auch nicht an das Nein der Kaffeetussi in dem verdreckten Laden. Sie würde wahrscheinlich den Besitzer ficken, sonst würde die doch keiner nehmen.

Er wandte sich um und ging die Straße entlang. Die Kündigung warf er in den nächsten Papierkorb. Er hob das Kinn wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Es darf mal schief gehen, doch wissen darf es keiner. Seine Aktentasche stand noch im Büro. Für einen Moment überlegte er, sie zu holen. Doch der Gedanke war banal. Für ein Frühstücksbrötchen und die Tageszeitung würde er sich nicht die Blöße geben, an der Rezeption vorzusprechen. Er war raus und das war gut so. Und die Tussi war sowieso unter seinem Niveau.

Die Schritte wurden größer, er nahm Tempo auf. „Niemand kann dich aufhalten“ dröhnte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Er walzte durch die Menschenmenge, drückte zur Seite, was sich ihm in den Weg stellte, schubste, rempelte, kämpfte sich seinen Weg frei.

Er war wer. Etwas Besonderes. Etwas, was die Idioten da oben niemals kapieren würden. Seine Zeit würde bald kommen. und dann würden sie schon sehen. Seine Kraft. Seine Macht. Niederringen würde er sie. Im Staub würden sie wimmern zu seinen Füßen. Er blieb stehen und lachte.

Der Kreis, der sich um ihn gebildet hatte, nahm er nicht wahr. Als sie ihn in Gewahrsam nahmen und ihm Handschellen anlegten, blickte er irritiert auf seine blutige Hand und das Messer.

Sein Vater hatte es ihm geschenkt, fiel ihm ein, als sie ihn in den Wagen setzten.

Dann fiel die Tür hinter ihm zu.

Alice

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Abflug

Langsam zieht sie die Tür hinter sich zu und wirft den Schlüssel in den Briefkasten. Dieses Kapitel wäre abgehakt.

Sie hat nur eine kleine Tasche gepackt. Das meiste braucht sie nicht mehr, es ist zu sperrig, zu sehr Vergangenheit, um mitgetragen zu werden. Die WG war nie ihr Ding gewesen, gut, dass es jetzt vorbei ist.

Sie winkt dem Taxi, das sie an die nächste Straßenecke bestellt hat. Ein sehr junger Mann sitzt am Lenkrad, lächelt ihr freundlich zu und hilft ihr, die Reisetasche in den Kofferraum zu heben. Wo es hingehen soll, will er wissen und wartet geduldig ihre zaghafte Antwort ab. Dann schaltet er das Taxameter ein und fährt los.

Im Radio dudelt irgendwas von Wolfgang Petry, kein angemessener Song für ihren Neustart. Was die jungen Leute so an Schlagern finden, fragt sie sich zum wiederholten Mal. Die Strecke zum Flughafen kennt sie gut. In ihrem früheren Leben musste sie oft durch die Weltgeschichte fliegen, hatte Jobs in Übersee und überall auf dem Kontinent.

Im Vorbeifahren nimmt sie Abschied. Sie winkt dem Türken am Gemüsestand zu, dem alten Rathaus, dem Siedlungshäuschen, in dem ihre beste Freundin aufwuchs. Dort in der Kneipe hatte sie mal einen tollen Typen kennengelernt und auf dem Parkplatz, den man von der Straße kaum sehen kann, kurz dahinter, sich von ihm vögeln lassen. Er war mit Worten besser als mit Taten. Wiedersehen wollte sie ihn nicht.

In dem Krankenhaus war ihre Schwester geboren, die leider nur drei Tage lebte. Den Friedhof wollte sie nicht mehr sehen, sie bittet um einen Umweg.

Langsam wird die Besiedlung dünner, die Straßen breiter. Die Markierungen fliegen vorbei, als der junge Mann beschleunigt und sie schließt die Augen. Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.

Sie muss eingenickt sein, der Fahrer fasst sie sachte am Arm. Erst kann sie sich kaum orientieren, dann blickt sie in seine freundlichen blauen Augen und lächelt. Ich habe heute Nacht schlecht geschlafen, entschuldigt sie sich.

Sie gibt ein reichliches Trinkgeld, lässt sich mit der Tasche helfen und verabschiedet sich mit einem Winken. Den Guten-Flug-Wunsch quittiert sie mit einem Achselzucken und betritt das Gebäude.

Viel hat sich nicht verändert in den letzten Jahren, stellt sie fest. Einchecken, Passkontrolle und das Durchleuchten ihrer Tasche verläuft wie immer. Sie setzt sich in den Wartebereich und sieht für einen Augenblick noch ihre Einwanderungsunterlagen durch. Kuba, denkt sie und freut sich.

Als der Flieger startet, bekommt sie ein wenig Panik. Aber die legt sich rasch, als sie die Wolken von oben betrachten kann. Über den Wolken, wer sang das noch? Ach ja.

Wann sie sie wohl finden, sinniert sie. Bei der Witterung dürfte es mit dem Gestank ein wenig dauern. Gut, dass Kuba nicht ausliefert.

Alice

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Gutenachtgedanken – Waschtag

Wassertropfen

Der Regen wäscht alle Träume weg. Aufgeweicht, ausgebleicht liegen die beiden im hohen Gras. Das blasse Haar liegt nass auf weißgewaschener Haut, die Augen haben alle Farbe verloren. Doch das Wasser hört nicht auf.

Zu Beginn freute sie sich, sonnenverbrannt, als der Regen Abkühlung brachte. Schneller, fröhlicher liefen sie durch das Unterholz, schlugen dynamischer die jungen Mangrovenwurzeln mit der Machete durch, machten Wettrennen auf den glitschigen schmalen Wegen, wälzten sich sogar im Schlamm.

Der Regen wusch alles ab. Ihr Zelt, das sie in einer Wasserwand aufstellten, nur wenig geschützt vom dicken Laubdach, blieb komplett feucht. Nachts erwachte sie zitternd in der schwülen Wärme, suchte sich trockenzureiben an seinem klebrigen Körper und fiel erneut in einen unruhigen Schlaf.

Am zweiten Tag wurden sie stiller, achteten mehr auf ihre Schritte und die Schlangen, die die Nässe hervorlockte. Sie balancierten über Ströme, die gestern noch Bäche waren, träumten bereits von Kaminfeuer und heißem Kakao. Ihre Bräune wurde bereits blass.

Die Zeltplanen klebten wie verleimt als sie ihr Nachtlager aufschlugen. Das Feuer ließ sich nicht entzünden, sie aßen ihre Dosensuppe kalt. In dieser Nacht träumte sie von nassen weißen Laken, die gegen ihr Gesicht schlugen, riss die Hände hoch und schlug um sich. Mühsam konnte er sie wecken und beruhigen. Sie lagen wach, bis es hell wurde.

Am dritten Tag war ihre Bräune verschwunden, ihre Haare verloren die Farbe, klebten blassblond an gebleichten Stirnen. Die Schlangen begleiteten sie, fiel ihr auf. Doch durch den Regenvorhang konnte er nichts erkennen.

Das Zelt ließen sie eingepackt in dieser Nacht, das helle Laubdach sollte ihr Regenschutz sein. Sie wollte nichts essen, war vom Trinken satt, erklärte sie und rollte sich im nassen Moos zusammen. Er schlief nicht, spürte jeden Tropfen wie einen Messerschnitt auf gequollener Haut.

Am vierten Tag waren Haare und Augen weiß gewaschen. Kaum konnten sie den Weg vor sich erkennen. Es war wie unter Wasser laufen. Als die Schlangen bissen, legten sie sich in das Gras und warteten.

Der Regen wäscht alle Träume weg. Aufgeweicht, ausgebleicht liegen die beiden im hohen Gras. Das blasse Haar liegt nass auf weißgewaschener Haut, die Augen haben alle Farbe verloren. Doch das Wasser hört nicht auf.

Alice

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Gutenachtgedanken – Wandelzeiten

Die Spatzen riefen es von den Dächern „Es kommt was Neues auf uns zu“. Der Großvater schaute immer wieder übers Land. Etwas zog in seinen alten Knochen und er konnte es sich nicht erklären. Es war ein Wetterwechselgefühl, doch die Wolken hingen wie seit Wochen festgenagelt am Himmel.

Die Hunde wurden unruhig, bellten lauter als sonst den Postboten vom Hof und wuselten hinter der Magd her in der Hoffnung, dass sie auf dem Weg zum Koben etwas verlor.

Die kleinen Kinder weinten die ganze Nacht und wurden untertags nicht müde. Junge Mütter schliefen beim Essen ein, gepeinigt von fehlender Nachtruhe.

Die Großmütter saßen aufgeregt strickend beieinander, erzählten von früher, überschlugen sich in ihren Erinnerungen. Mit ihren Füßen schaukelten sie die Wiegen mit den schreienden Kindern, doch es störte sie nicht und sie riefen und lachten noch viel lauter.

Die Väter kamen jeden Tag aufgeregt von der Arbeit, suchten in Briefkästen und Zeitungen, doch fanden nichts. Fingen an zu bauen und zu werkeln bis es dunkel war und der Schlaf sie übermannte, schreckten hoch, meinten Geräusche gehört zu haben und lagen halbenächtelang wach, weil sie keine Ruhe fanden.

Da stand es eines morgens da, mitten auf der Hauptstraße. Die Autos fuhren drumherum, hupten ein oder zweimal ungeduldig, verärgerte, unruhige Autofahrer winkten, einige schimpfen bei hochgekurbelten Scheiben, dass ihre Münder sich wie die von Kois öffneten und schlossen und doch kein Laut zu hören war.

Die Frauen beim Einkauf schauten hinüber, tratschten hinter vorgehaltenen Händen, wickelten die Einkaufstaschen fester um die abgearbeiteten Hände, glotzten, redeten und auch wieder nicht. Und jedes „Haste schon gehört“ verstummte bei dem Anblick, der sich ihnen bot.

Die Kinder liefen schreiend und kreischend über die Wege, rissen sich von warmen Händen los, spielten fangen, trudelten, purzelten über und untereinander. Vergaßen das Weinen und schauten einfach mit offenen Augen und kleinen feuchten Mündern.

Und in der Mitte der Straße stand sie nun. Einige, die sie gesehen hatten, behaupteten hartnäckig, sie sei nackt und bloß gewesen, andere sprachen von Lumpen und wieder andere sahen hochwertige Stoffe, elegant verarbeitet ihren Körper umschmeicheln. Es wurden Fotos gemacht, doch später auf den Bildern war nur der Pulk Menschen zu sehen, der herbeigeströmt war, immer weiter dazu kam, bis die Straße schwarz von Menschen war und ich, der ich als einer der letzten davon hörte, sah nur Hüte und Kopftücher und fettige Haare und Hinterköpfe überall.

Am nächsten Tag stand es in der Zeitung,es hieß, sie sei endlich da und sogar vom Bürgermeister höchstpersönlichst begrüßt worden. Mit Handschlag und Orden gekrönt habe sie sich in das goldene Buch der Stadt eingetragen und dabei habe der ganze Ort vor dem Tor gejubelt.

Es war abzusehen, dass sie irgendwann den Weg zu uns finden würde. Ob ich darüber so glücklich bin, weiß ich noch nicht. Warten wir ab, was sie mitgebracht hat.

Die Zukunft.

Alice

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Schadsoftware

Sie drückt auf die Enter-Taste und wartet auf den Download. Das neue Antivirenprogramm soll hervorragend sein. Muss es auch, hat es doch ihren halben Monatslohn gekostet.

Während des Herunterladens sitzt sie ganz still da. In der Anleitung stand, dass der erste Scan schon während der Installation stattfindet. Gespannt ist sie und ein bisschen aufgeregt. Seit Wochen merkt sie schon, dass etwas nicht stimmt. Die Rechenleistung geht runter, der Arbeitsspeicher ist bis zum Bersten gefüllt, dauernd kommen Fehlermeldungen und mindestens einmal am Tag kommt der Absturz.

Ein Fenster blinkt auf, warnt sie davor, die Netzwerkverbindung zu unterbrechen. Sie lehnt sich vor und beobachtet gespannt den Ladebalken. 30% sind geschafft, bald beginnt die erste Untersuchung.

Ihr Rechner ist alt, viel zu alt für die heutigen Ansprüche. Und Sie nutzt ihn zu viel, modernisiert ihn zu wenig. Bisher hat er einigermaßen funktioniert, es ist nie was aufgefallen. 50% und der zweite Balken startet. Das erste Abchecken, ob da innen drin alles gut ist.

Dateien werden nacheinander geöffnet, durchsucht und wieder geschlossen. Sie spürt eine leichte Spannung, es kribbelt in den Händen und im Bauch. Bisher scheint alles in Ordnung zu sein.

70% geladen, 20% gescannt, ihre Beine werden schwer, die Zehen fangen an zu zucken. Ein paar Trojaner werden gefunden und erfolgreich eliminiert.

80% sind drauf und der Scan ist bei 50%, der Rücken verspannt und lockert sich, der Magen tut einen Hüpfer, leichte Übelkeit macht sich breit. Langsam wird sie nervös, sie spürt sanfte Stromstöße, während ein warmes Gefühl ihren Nacken hochkrabbelt.

Der Schlag kommt unerwartet. Zitternd umklammert sie die Lehnen ihres Bürostuhls. Ihre Sicht ist eingeschränkt, auf dem Monitor blinkt etwas, nur erkennen kann sie es nicht. Sie greift mühsam nach der Maus und bestätigt.

Der Neustart tut nicht weh, ist fast wie einschlafen oder eine leichte Narkose. Das Erwachen wiederum schmerzt etwas. Der Scan ist durchgelaufen. Der Monitor blinkt. Schadsoftware wurde gefunden, große Systembereiche sind unrettbar zerstört gewesen, Zurücksetzen auf Werkseinstellungen wurde erfolgreich durchgeführt. Backups wurden aus Sicherheitsgründen gelöscht.

Sie ist ein wenig orientierungslos während sie das Kabel aus ihrem Nacken zieht. Langsam öffnet sie das bereitliegende Tagebuch. Mal sehen, wer sie ist.

Alice

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ABC-Etüde – Drahtseilakt

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kritzelte Katha.

Die Stange fühlt sich gut an in ihren Händen, ausgewogen. Sie verlagert ihr Gewicht leicht nach vorn und berührt mit der rechten Fußspitze das Seil. „Stell dir einfach vor, du würdest auf der Bordsteinkante balancieren“, hatte Freddy immer gesagt. Der gute Freddy, zwei Wochen waren seit dem Unfall vergangen und nach der angemessenen Trauerfrist sollte der Zirkus heute wieder eröffnen – mit ihr auf dem Seil.

Wie verrückt hatte sie trainiert, nur nachts heimlich um ihren Mentor geweint und wegen der schmerzenden Füße. Hatte die Druckstellen vom Seil getaped, abends die Blutflecken aus den weichen Ballettschuhen gewaschen. Und doch war sie unsicher, ob sie es konnte.

Für heute Abend hatte der Direktor die große neue Show angekündigt, jemanden von der Zeitung eingeladen, über seinen großen schwarzen Schnurrbart gestrichen dabei und allen versichert, dass sie noch viel besser sei als der jüngst tragisch verunfallte. Dabei hatte er theatralisch das Taschentuch gezückt und sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel gewischt. Dabei hatte mit seinen gelben Katzenaugen zum Reporter geblinzelt, ob er auch ausreichende Wirkung erreichte.

Der Artikel hatte in der Wochenendbeilage gestanden. Alle lasen ihn, nur in ihrem Wohnwagen lag er noch zusammengefaltet zusammen mit der Todesanzeige von Freddy.

Sie war schon aufgetreten, zusammen mit Freddy, hatte auch schon vor Publikum ein oder zwei Bahnen auf dem Seil zurückgelegt, aber die Kunststücke, der Spagat, die Wende, das hatte sie noch nie vorgeführt. Es ist kurios, überlegt sie, dass sie noch nie solche Schwierigkeiten mit dem Seil hatte wie jetzt. Immer hatte sie sich sicher gefühlt.

Sie belastet den rechten Fuß und schiebt sich langsam nach vorne. Rücken gerade, Kopf hoch, hört sie seine Stimme in ihrem Kopf. Sie zieht den linken Fuß nach und macht zwei Schritte auf dem Seil. Dann lässt sie sich langsam in den Spagat gleiten.

Alice

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Gutenachtgedanken – Die wahre Geschichte

Für Werner, der es gerne genau wissen möchte.

Müde wischt sie sich über ihr Gesicht. Seit heute Morgen sitzt sie in ihrem kleinen Kiosk und bisher war noch kein Kunde da. Gestern war es nicht anders. Und am Tag vorher auch nicht. Eigentlich kann sie sich an gar keinen Kunden im letzten Monat erinnern. Davor war so ein komischer Prinz da auf seinem schwarzen Pferd. Der hat zwar nichts von ihrer Spezialität gekauft, aber wenigstens einen Coffee-to-ride.

Zum zehnten Mal an diesem Tag rückt sie die Auslage zurecht. Lebkuchen, verschiedene Variationen, glasiert, mit Mandeln und natürlich mit Schokolade. Wobei sie überlegt, die aus dem Sortiment zu nehmen. Die Kakaoglasur schmilzt an warmen Tagen und dann kann sie alles wegwerfen. Der Rest ist zumindest haltbar.

Es knackt im Unterholz, dann fliegt ein Stein in ihre Richtung, zerschlägt eines der Zuckerfenster und landet im Kaffeetopf. Fluchend steht sie auf und peilt über die Lichtung. Durch das hohe Gras sieht sie zwei Köpfe auf sie zueilen, brüllend und kreischend.

„Kinder“, denkt sie und „Warum tue ich mir das an?“

Kurz vor ihrer Tür bremsen die beiden Kleinen und grinsen sie frech an. „Ey Alte, lass mal was rüberwachsen!“grinst der Bengel sie an. Und die Kleine nölt „Aber nix von dem alten Zeug, ich will Schokolade!“ Mühsam ringt sie um Fassung, setzt ihr bestes Verkäuferinnengrinsen auf und fragt einigermaßen höflich: „Könnt ihr denn bezahlen?“

„Brauch ich nicht, Alte, ich hab das hier!“ brüllt der Junge und holt eine Handvoll Steine aus der Tasche. Er nimmt den dicksten und zielt in Richtung der kunstvoll bunten Zuckerfenster über ihrer Tür.

„Was soll ich euch einpacken?“ seufzt sie und nimmt eine kleine Papiertüte vom Stapel. Die Kleine kommt ganz nahe und zeigt auf verschiedene Leckerein. Sie reicht die gefüllte Tüte über die Theke und schaut erwartungsvoll den Jungen an, der immer noch mit dem Stein in der Hand da steht, diabolisch grinst und wartet. Ihre Blicke treffen sich und er flüstert: „Ich will Kohle!“

Sie schluckt. Das mühsam Ersparte will sie nicht hergeben. Das soll für ihre Auswanderung in eine wärmere Gegend reichen, wenn sie den Laden hier dichtmacht. Ihre Gedanken fliegen. Verwehrt sie es ihm, haut er ihr den ganzen Laden zusammen. Gibt sie es ab, ist nichts mit einem warmsonnigen Lebensabend, dann darf sie hier bis in alle Ewigkeit schuften. Da kommt ihr ein Gedanke.

Laut seufzend sagt sie:“Ich hole das Geld. Es ist hinterm Haus.“ Der Junge richtet sich auf, grinst siegesgewiss. Doch auf einmal blitzen seine Augen auf. „Du willst uns wohl bescheißen, dich mit dem Schotter hinten raus vom Acker machen, wir kommen mit.“ Wie zur Bekräftigung nickt die Kleine, die ein wenig dumm zu sein scheint und inzwischen die halbe Tüte leer gefuttert hat. Er zuckt mit dem Kinn, gibt ihr vor, sie solle voran gehen. Er folgt mit dem dicken Stein in der Hand, seine Schwester, Kuchenkrümel aus der inzwischen leeren Tüte lutschend, hinterher.

Sie führt die beiden hinter die Hütte und bleibt vor einem kleinen Verschlag stehen. „Da drin ist eine Schatulle mit dem Geld“, sagt sie und wie erwartet ist die Gier mal wieder größer als der Verstand und beide kriechen hinein. Mit einem Schwung ist die Tür zu, der Riegel vorgelegt.

Sie schreien Zeter und Mordio, doch hier draußen hört sie keiner. Da sie sowieso recht schwerhörig ist, stört sie das Gebrüll auch wenig.

Nachdem die beiden eingesperrt sind, setzt sie sich an ihren Stand und überlegt, was weiter zu tun ist. Da fällt ihr ein, dass der Hofmarschall alle sechs Wochen bei ihr Halt macht. Dem könnte sie die verzogenen Blagen aufs Auge drücken. Also hält sie die beiden in dem Verschlag, füttert sie mit hartgewordenem Lebkuchen und wartet.

Endlich hört sie Hufgetrappel und der erwartete Gesetzeshüter hält vor ihrem Stand. Wie üblich nimmt er einen Kaffee und Einiges aus ihrem Sortiment. Als sie ihm die Sachlage schildert, lacht er. „Nach den beiden suchen wir schon seit drei Wochen. Sie sind mal wieder aus der Betreuung ausgebüxt, erfinden dauernd hanebüchene Geschichten. Ich nehme Jakob und Wilhelmine mit. Ich verspreche, wir werden ein Auge auf sie haben. Das wird ihnen hoffentlich eine Lehre gewesen sein.“

Tage später kann man die Ausrufer eine grauenvolle Geschichte erzählen hören, von einer Hexe, die im Wald lebt und kleine Kinder frisst.

Als sie es hört, lacht sie laut, schnappt ihr Geld und fliegt mit ihrem Besen in Richtung Süden. Sicherheitshalber hat sie noch ein paar Knochen unter die Asche des Backofens gemischt.

Alice

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ABC-Etüde – Frühling für Wühlmäuse

Zu den Etüden bei Christiane. Das Wortspielzeug lieferte diesmal Veronika.

Betrachte ich eine Tulpenzwiebel bevor ich sie in der Erde versenke und den Wühlmäusen zum Fraß vorwerfe, sehe ich ein blättriges, braunes Ding. Ich suche die kleinen Würzelchen (als ob das bei unserer Plage einen Unterschied macht) und lege sie sorgfältig in das vorbereitete Loch. (Ich könnte eine Speisekarte daneben aufstellen). Sie ist unscheinbar (das hält sie nicht ab) und hat den ganzen Sommer in irgendeiner Gärtnerei geschlafen. (Da war sie wenigstens sicher)

Ich schubse sie gerade und lasse Erde darüber rieseln. Dann klopfe ich den Boden vorsichtig fest. (Hören sie das?) Dieses Jahr pflanze ich rote Tulpen. (Als ob das eine Rolle spielen würde) Die Farbe sah auf den Etikett so wunderschön aus. (Ob es kurzweilig für sie ist, mich zu quälen?)

Ich stelle mir vor, wie toll der Vorgarten im nächsten Frühling aussehen wird. (Kahl und braun wie im letzten Jahr wahrscheinlich)

Ostern ist das Fest der Hoffnung. Wenn nur eine aufersteht, will ich schon zufrieden sein.

Alice

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Es lebe das Chaos – Eine Idee

Ich würde gerne etwas ausprobieren, etwas, was ich hier bisher nicht gesehen habe. Wer, wie ich den Film „Bandersnatch“ aus der Reihe „Black Mirror“ (sehr zu empfehlen!) gesehen hat, ahnt vielleicht schon, was ich vorhabe.

Geschichten sind linear, also wenn ich eine erzähle, fange ich irgendwo an und ziehe die dann durch bis zu dem für mich genehmen Ende. Da mache ich dann einen Punkt, schreibe „Alice“ drunter und bin fertig.

Ich habe gerade eine Art Fortsetzungsgeschichte im Sinn, die dadurch, dass sie sich auf diesem doch sehr flexiblen und variablen Medium bewegt, durchaus mehr als ein Ende haben kann.

Zum Organisatorischen, so wie ich mir das gerade gedacht habe (Tipps und Ideen sind an dieser Stelle sehr willkommen, weil es doch ein wenig komplexer zu sein scheint). Ich würde einen Text beginnen, relativ offen mit nicht allzu stark ausgefeilten Protagonisten. Den werfe ich in den Raum und jeder, der mag, darf weiterschreiben. Damit es nicht nur ein Zweiteiler wird, müsste ich die Wortanzahl begrenzen, sagen wir auf 100 Wörter. Der nächste nimmt den Strang auf und gibt am Ende die Staffette weiter, bis irgendwann ein Finale in Sicht ist und die Geschichte zu Ende.

Es könnte also EINE Geschichte entstehen. Was aber ist, wenn zwei oder gar drei Blogger den Anfang aufnehmen und weiterschreiben? Dann gibt es schon mal drei verschiedene Handlungsstränge und derjenige, der sich beteiligen möchte, darf sich einen aussuchen (oder alle drei, dann dürfte er aber nicht immer dasselbe schreiben). Um die Übersichtlichkeit zu erhalten, würde/müsste jeder Text mit einer Linkliste beginnen, angefangen bei meinem Ursprungstext über alle Zwischenstufen, die zuvor eingebunden wurde, so dass ein Leser die Möglichkeit hat, ganz am Ende dem Plot zu folgen und die verschiedenen Texte lesen zu können.

Der Finaltext würde dann so aussehen:

Link1 (zum Ursprungstext)
Link2 (Gewählte 1. Fortsetzung)
Link3 (Gewählte 2. Fortsetzung)
usw
Finaltext

Glücklicherweise haben die anderen Blogger dann ja schon Vorarbeit geleistet und man muss die Links nur noch rüberkopieren.

Damit ich den Überblick behalte (was wahrscheinlich absolut unmöglich ist, aber mal sehen), müssten alle! Texte, die neu dazukommen in die Kommentare des Ursprungstextes kommen. Neue Mitschreiber könnten sich dann dort umtun und sich etwas aussuchen.

Logischerweise müsste ich eine zeitliche Begrenzung vorgeben, sonst könnte es leicht ausufern. Ich dachte an sechs Wochen bis zwei Monate.

Habt ihr noch Ideen, Kritik, organisatorische Möglichkeiten, die ich bisher übersehen habe?

Lieben Gruß

Alice