Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Geduld

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler.

„Bezaubernd“, ächzt er und nickt, während sie sich langsam vor dem Spiegel dreht. Das fünfte Geschäft, das sicherlich zwanzigste Kleid und er sitzt abgestellt in einer dieser kleinen Ehemannsitzecken auf unbequemen aber schicken Sofas, bekommt unter der Maske kaum Luft und ist lediglich zugelassen, um zu loben und am Ende das engelhafte Outfit zu bezahlen.

Sein Kopf brummt und er schwitzt. Seine Klamotten bestellt sie ihm im Internet. Das ist ihm sehr recht, denn er verabscheut diese Boutiquen mit dem ausufernden Sortiment und den neusten Trends. Sie wolle schön sein für ihn, sagt sie immer. Dabei ist ihm das Kleid vollkommen gleichgültig. Er kennt die Frau seit zwanzig Jahren und ebenso lang liebt er sie. Der Zahn der Zeit nagt an beiden und würde er nur auf straffe Kurven stehen, hätte er längst weiterziehen müssen.

Doch da ist dieser Mensch dahinter, dessen Gesellschaft er über alle Maßen schätzt. Diese Idee von absurder Leichtigkeit, die sie vor sich her trägt, wie das Schild einer großen Kämpferin. Nichts kann sie erschüttern, so scheint es zumindest. Doch dahinter, tief in dieser großen Seele vergraben, lauert eine kleine zarte Prinzessin.

Es hat Jahre gedauert, bis er meinte, sie auch nur ansatzweise ergründet zu haben und jeden Tag muss er einsehen, dass er sich geirrt hat. Das Zauberfeegehabe ist neu, ebenso ihr Wunsch nach Blümchen und Rüschen.

Er greift in die Tasche und umfasst die kleine Schatulle, streicht mit dem Finger über den inzwischen verschlissenen Samt.

Vielleicht ist sie inzwischen bereit, ja zu sagen.

Alice

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Es ist immer der erste Satz

Geschichten sind dynamisch, nur ganz selten weiß ich am Anfang, was alles passieren wird. Habe ich ein Thema – wie jetzt bei einer Ausschreibung – taucht vor meinem geistigen Auge einer der Protagonisten auf. Ich sehe ihn in allen Einzelheiten. ich weiß, wie er tickt, wie alt er ist, kenne seine bevorzugte Kleidung und seine Handschrift. man kann mir jede beliebige Frage zu dieser Person stellen, ich weiß die Antwort, auch wenn ich nicht darüber nachdachte.

Ist die Person geboren, kommt es nur noch auf das Setting an und das Spiel beginnt. Der erste Satz bringt den Stein ins Rollen und danach entgleiten mir die Zügen. Fasziniert schaue ich zu, wie meine Figuren agieren, welche Entscheidungen sie treffen und wie sie sich entwickeln.

Hatte ich am Anfang eine rudimentäre Idee, wo mich der Zug hinfahren wird, so löst sich dieses Ende sehr rasch in Luft auf. Die Figuren spielen ihr eigenes Spiel, treffen die Entscheidungen, die sie treffen müssen, weil sie eben so sind, wie sie sind.

Es ist seltsam, vor allem, wenn die Geschichte etwas länger wird und die Handlung mittendrin kippt. Ich versuche mir zu sagen, dass ich das jetzt so entschieden habe, aber das ist nicht wahr.

Wenn alles gut läuft, erwächst daraus ein recht rundes Etwas und ich setze zufrieden den Schlusspunkt. Ab und an geht es aber auch schief und die Figuren verstricken sich in ihren Marotten.

Bei mir ist es immer der erste Satz.

Warum auch immer.

Alice

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Abc-Etüden – Die Verabredung

Zu den Etüden bei Christiane.

Unschlüssig steht sie vor dem Spiegel, hält erst das eine, dann das andere Kleid vor sich. Sie seufzt. In dem einen wirkt sie zu dick und das andere hat einen Fleck.

Genervt schmeißt sie beide aufs Bett und lässt sich daneben plumpsen. Die Neonröhre in ihrem Ankleidezimmer beschönigt nichts. Sie beugt sich vor und streicht mit den Fingern über ihr Gesicht im Spiegel.

Kleine Fältchen, ein wenig schlaffe Haut und die leichten Runzeln über der Nase lassen sie älter und müder aussehen, als sie ist. Da nützt es auch nichts, dass sie ihre ergrauten mittelblonden Haare frisch gebleicht und mit einer sanften Goldtönung aufgehübscht hat. Manches lässt sich nicht wegdiskutieren.

Noch zwei Stunden und sie ist noch nicht einmal halb zurechtgemacht. Die unerfreuliche Schminkprozedur nervt sie.

Ein erneuter Blick in den Schrank. Sie greift das Strickkleid. Es ist bequem, überlegt sie. Es wird weder kneifen, noch drücken. Allerdings ist es auch so sexy wie ein Rollkragenpullover.

Was soll das eigentlich?, überlegt sie. Warum müssen Frauen jung und hübsch sein? Was ist an dem, was sie ist, denn so verkehrt?

Ihr Date ist auch nicht mehr zwanzig, hat einen Bierbauch und eine hohe Stirn. Der macht sich sicher nicht solche Gedanken.

Heute bleibe ich Natur, beschließt sie kurzerhand und zieht das Kleid über den Kopf. Ein wenig Eyeliner und Mascara und ihr Lieblingsparfum, mehr gibt es nicht. Die nächsten zwei Stunden investiert sie lieber in ein Buch.

Sie beginnt zu lesen und fühlt sich verrucht. So ehrlich, so nackt, sie als Mensch wird gleich vor ihrer Verabredung stehen. Vielleicht läuft es nicht auf Sex hinaus, knuddeln würde ihr sowieso besser gefallen.

Sie ist aufgeregt wie beim ersten Mal. Ihr Handy piepst und sie liest die Nachricht. „Grippe?“, denkt sie und lacht. „Dann verschiebe ich mein Outing eben auf später!“

Alice

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Das Haus schnarcht

Sie erwachte um drei, mal wieder. Da war so ein seltsames Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Sie setzte sich im Bett auf und lauschte. Der Mann neben ihr schlief, ihn schien das nicht zu stören.

„Typisch“, dachte sie und konzentrierte sich auf das Geräusch. Es kam nicht aus dem Kinderzimmer, auch der friedlich auf der Decke schlafende Hund war unschuldig.

Die Waschmaschine war es ebenfalls nicht, sie erinnerte sich, sie gestern Abend noch ausgeräumt zu haben.

Leise schlüpfte sie in die Pantoffeln, warf ihren Bademantel über und stand auf.

Ganz behutsam, ohne jemanden zu wecken, verließ sie das Schlafzimmer und ging von Tür zu Tür. Sie lauschte, legte sogar ein Ohr an das glatte Holz, doch in den Zimmern war die Ursache nicht zu finden.

Sie ging die Treppe herab, streifte durch Wohnzimmer und Küche, überprüfte das Badezimmer auf Wasserrauschen , nichts könnte das Geräusch erklären.

Leise öffnete sie die Haustür und ging nach draußen. Hier war es viel lauter und als sie sich umdrehte und zu den Fenstern im Obergeschoss sah, deren halbgeschlossene Rolläden wie müde Augen aussahen, wurde es ihr klar.

Das Haus schnarcht.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 101 – Der Hof

Es war ein finsterer Abend im Dezember, nur noch drei Tage bis Weihnachten und es schüttete aus Kübeln. Eberhard hasste dieses Wetter und er hasste Weihnachten, am meisten hasste er Weihnachten bei diesem Wetter.

Die frühe Dunkelheit und der Regenvorhang erleichterten seinen Job nicht, doch er musste ihn tun. Sonst war nämlich niemand da. Was er allerdings liebte, waren seine Tiere, die im Stall auf frisches Futter warteten und die Aussicht über ihre ledrige Haut zu streichen und ihre weichen Rüssel in seiner Handfläche zu spüren, wog den Winterweihnachtshass nahezu auf.

Vor zwei Tagen hatte er eine Lieferung Ferkel bekommen, die nun unter der Wärmelampe lagen und vor sich hin quiekten. Ein Freund hatte sie vermittelt und der Freund eines Freundes hatte sie hergebracht. So ganz legal war es nicht gewesen, die Züchtung war ein Experiment, vieles wusste er nicht, nur, dass es tolle Tiere werden sollen, groß, gesund mit gutem zarten Fleisch.

Über das Schlachten wollte er nie nachdenken, er schob den Gedanken beiseite, wenn es ihn überkam. Es war sein Job, Schweinebauer, und der Tod seiner Lieblinge gehörte zu den Spielregeln. Es tat ihm weh, jedes Mal, und die Tatsache, dass sie ein recht langes und vor allem glückliches Schweineleben hatten, tröstete ihn ein wenig.

Er lehnte sich gegen den Wind, zog die Kapuze tief in das breite Gesicht und fluchte, als er in einer Pfütze fast ausrutschte. Die Stalltür klemmte für einen Moment und er fluchte erneut. Doch als er die Tür hinter sich schloss, grinste er breit. Die Ferkel hatten seine Ankunft bemerkt und wuselten begeistert quiekend an dem kleinen Zaun herum.

Sie waren schon ein Stück gewachsen, wie es schien und er kraulte sie, bevor er ihnen ihr Futter vor die Füße streute. Ein Kleines, sein Sorgenkindchen rappelte sich auch auf und kam aus der Wärmedusche auf ihn zu. Versuchsweise hob er es hoch, befühlte das Bäuchlein, tastete die zarten Rippen ab, um die Gewichtszunahme zu überprüfen, da biss es zu.

Er schrie, so einen festen Biss hätte er dem kleinen Kerl nicht zugetraut. Der kurze Impuls, zuzuschlagen, verschwand sofort wieder. Er kannte das. Manche Tiere brauchten einfach mehr Zeit und hatten Angst. Es würde schon Vertrauen fassen.

Er kletterte aus dem kleinen Gehege und betrachtete seine Hand. Die Wunde war tief und blutete stark. Zähneknirschend wickelte er einen Lappen herum und fütterte rasch die restlichen Tiere. Dann ging er ins Haus, um sich zu verarzten.

Er desinfizierte die Wunde gründlich, schmierte eine leicht antibiotische Salbe darauf und wickelte eine Mullbinde darum. War ja nicht das erste Mal, dachte er und erinnerte sich an die zickige Liese, die gemeinste Sau, die er jemals auf seinem Hof hatte. Sie hatte zugebissen, so oft sie ihn erreichen konnte. Sie war die einzige, der er nicht nachgetrauert hatte.

Dann ging er ins Bett, schließlich musste er früh raus.

Mitten in der Nacht schreckte er schweißgebadet hoch, seine Hand pochte und schmerzte und der Alptraum, in dem er einen Tierquäler verfolgte und auf grausame Weise zerstückelte, brachte sein Herz zum Rasen.

Die Schmerzen machten ihm Sorgen, vielleicht müsste er doch zum Arzt. Er wickelte den Verband ab und erstarrte. Seltsame Haare sprossen rund um die Bissstelle. Die war schon fast verheilt, schmerzte aber fürchterlich.

Schulterzuckend nahm er eine Schmerztablette und legte sich wieder hin. Bis zum Morgen schlief er ruhig und als er erwachte, hatten die Schmerzen aufgehört.

Er nahm den Verband ab und staunte. Der Biss war verschwunden, dafür überzog ein weißer borstiger Pelz seinen Unterarm. Die Haut darunter war rosig und duftete ein wenig fremd. Es sah fast aus, als wäre sein Arm ein Wollschweinchenferkel geworden, dachte er schmunzelnd, zog das Arbeitshemd darüber und vergaß es.

Er war kein dummer Mann, ganz im Gegenteil, er war sogar hochintelligent, was man seinem Berufsstand im Allgemeinen nicht zuschrieb. Doch die Gelassenheit der Menschen seiner Region hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. Er fluchte zwar oft und derb, doch so richtig aufregen konnte er sich nicht. Es war jetzt so und gut. Und wenn etwas nicht zu ändern ist, dann lohnt es sich auch nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden. Und so machte er sich an seine Arbeit auf dem Hof und vergaß den Biss und den Pelz, weil es nicht wichtig war.

Die Arbeit ging ihm gut von der Hand heute. Trotz des gestörten Schlafes fühlte er sich frisch und ausgeruht. Und seine Muskeln taten das, was er von ihnen erwartete und ein Stückchen mehr als das, was er von ihnen gewohnt war.

Gegen Mittag hatte er sein gesamtes Tagewerk erledigt und war noch nicht näherungsweise müde. Er überlegte kurz, das Scheunendach auszubessern, eine Arbeit, die er lieber im Sommer erledigen wollte, da fuhr eine Limousine auf seinen Hof.

Er wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab und strich die Haare glatt. Der wagen hielt direkt vor ihm und ein Mann in mittleren Jahren stieg aus, elegant gekleidet und offensichtlich recht wohlhabend.

Eberhard streckte die Hand aus, um ihn zu begrüßen, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne und holte tief Luft. Dieser Mensch roch seltsam, fremd und beängstigend. Da lag Tod in der Luft und Leid. Das musste der Typ sein, der die Höfe in der Umgebung aufkaufte, um aus ihnen wirtschaftlich arbeitende Unternehmen zu machen. Die Tiere waren ihm dabei vollkommen egal, Tierschutz und artgerecht ein Fremdwort.

Wütend wurde er nur selten, doch er konnte sich fast denken, was dieser Besuch bei ihm so weit draußen zu bedeuten hatte und das machte ihn rasend. Ein tiefes Grollen wuchs in seiner Kehle, suchte sich den Weg nach oben und mit einem schrillen Quieken, stürzte er sich auf ihn.

***Superhelden gibt es nicht nur in Hollywood. Sie können überall entstehen, wenn Radioaktivität auf Gentechnik, außerirdisches Gestein auf nicht zugelassene Medikamente trifft. Auch hier, am Rande des Münsterlandes, können sie ihre Heldentaten vollbringen. Die Unscheinbarsten unter ihnen, überraschen uns dabei am Meisten…. to be continued***

Alice

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365 Begegnungen – Tag 91 – Geschichtenzeit

Sie ist wieder da, die freche Muse. Für eine Weile hat sie Abstand gehalten und auch jetzt sind wir uns noch nicht so hundertprozentig grün.

Sie sei erschöpft gewesen, leererzählt quasi und habe ein wenig Ruhe vor mir und meinen Ansprüchen gebraucht. Ich habe es ihr gegönnt, muss ich gestehen und auch eingesehen, dass manches, was ich ihr abverlangte, einfach zu viel war.

Sie gab und gab und war an manchen Abenden kurz vor dem Zusammenbruch, während ich fröhlich schmetterte „Komm, einer geht noch“. Ich wurde nicht satt und während sie immer weiter abmagerte, fraß ich mir ein Geschichtenpolster an.

Wir haben lange geredet und unsere Wünsche auf den Tisch gelegt. Sie ist wieder bereit, mich zu unterstützen, allerdings solle ich mir gut überlegen, was sie für mich tun soll. Ein Rundumsorglospaket gäbe es nämlich nicht mehr.

Meine Wünsche listete ich ihr auf und sie begann zu streichen. Es blieb ein Sparprogramm, das genug übrig lässt für mich und genug Freiraum bedeutet für sie. Heute startet die Erprobungsphase und ich muss zugeben, sie macht einen ganz guten Job. Noch ein bisschen wackelig auf den Beinen unterstützte sie mich bei meinem aktuellen Projekt und wir beide sind zufrieden.

Den Rest des Tages hat sie frei, schaut mir nur ein wenig über die Schulter, während ich über sie schreibe und darf sich gleich in die Wellnessecke zurückziehen.

Ich soll euch schön grüßen von ihr, raunt sie mir noch ins Ohr und verschwindet dann.

Alice

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ABC-Etüde – Montage

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt vom Café Weltenall.

Auf dem Weg zur Arbeit schaut sie immer wieder nach oben. Es ist Herbst, das steht außer Frage. Für einen kleinen Moment setzt sie den Blinker und fährt rechts ran. Sie liebt den Vogelflug der Wildgänse. „Bis zum Frühling“, sagt sie leise und lächelt.

In der Firma ist alles wie immer. Sie reden aneinander vorbei, können nicht zuhören, schwingen nicht mit. Sie schließt die Augen und versucht nicht hinzuhören bei dem angespannten Tönen, dem genervten Unterton, den kleinen Gemeinheiten.

„Was für eine Welt basteln wir uns da?“ Die Arbeit ist anstrengend heute, nichts läuft, wie es soll. Der Chef brüllt mal wieder herum. Früher huschte sie ängstlich über den Gang, wenn er so eine Laune hatte, heute ist es ihr egal. Immer schwerer fällt es ihr, zu glauben, dass das wirklich nette Menschen sind.

Sie schaut auf ihre rechte Hand und dreht den Ring ihrer Großmutter, zweimal links, einmal rechts. Das Fenster öffnet sich und tausende von Papierbögen fliegen empor. Aus dem großen Plotterausdruck der neuen Anlage faltet sie einen Papierflieger und wirft ihn aus dem Fenster. Ohne nachzudenken springt sie hinterher. Ihre Füße finden sofort Halt, es ist wie Skateboardfahren in der Luft.

Der kalte Wind und ein paar Nieselregentropfen treffen sie unvorbereitet. Die Jacke hängt in der Designergarderobe. Umkehren geht nicht, also fliegt sie einfach weiter. Über ihr ziehen die Wildgänse. Sie steigt zu ihnen empor und reiht sich ein, Richtung Süden.

Sie sei plötzlich verschwunden, berichten später die Kollegen. Gerade habe sie noch am Rechner gesessen und eine Minute später wäre sie weg gewesen. Für eine Weile ermittelt die Polizei.

Sie wurde nie wieder gesehen.

Alice

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365 Begegnungen – Tag1 – Plapperwasser

Die Idee kam mir gestern Abend, als ich mit meinem Mann darüber palaverte, was und wer einem so alltäglich über den Weg läuft. Hinschauen, festhalten, beschreiben kam mir in den Sinn.

Mir kam der Gedanke ein Jahr lang täglich eine Begegnung auszuwählen, das kann dann am Wochenende auch schon mal die Familie sein, wenn ich mal wieder nicht wirklich vor die Tür mag.

Mit der Wahrheit mag ich es nicht ganz genau zu nehmen. Was man sieht und denkt oder meint zu erkennen, ist nicht immer die Wahrheit. Darauf kommt es auch nicht an….

Manchmal ist die Wahrheit aber auch interessant genug, um erzählt zu werden…

Eine Stunde haben wir an der Parkuhr gebucht, die sollte reichen, dachten wir zumindest. Die Einkaufsrunde beginnt beim Juwelier. Schon längere Zeit wartet eine Taschenuhr dort auf ihre Reparatur. Ab und an fragen wir nach, plaudern ein wenig und lassen uns vertrösten. Dem Juwelier scheint langweilig zu sein. Er wirkt erholt, steckt zufrieden die Hände in die Taschen und erzählt ungefragt von seinem letzten Urlaub. Wir erfahren, dass man beim Wohnwagenmieten vorsichtig sein sollte, vorhandene Schäden gut zu dokumentieren sind und er sich für die Kosten einen gebrauchten hätte kaufen können. Er erläutert uns seinen Fuhrpark, erzählt von Volvo, Segelschiff und drei (!!!) Bullis. Damit hat er mich, will ich doch unbedingt wieder einen fahren. Schrauber hätte er werden sollen, sickert so langsam durch. Einen Bulli kann er auf- und umrüsten, unsere Taschenuhr scheint sein Waterloo zu sein. Vielleicht hat sie nicht genug PS. Er quatscht sich fest, erläutert technische Details, schwärmt vom 112PS Wasserboxer, erinnert sich an abenteuerliche Urlaubserlebnisse. Aufgeräumt wirkt er, deplatziert zwischen Halskettchen und Damenuhren. Was tut er hier, frage ich mich. Und warum repariert er nicht in dieser Zeit endlich die Uhr. Mein Mann schweigt schon eine Weile, ist zu zustimmendem Grunzen übergegangen. Ich habe noch die Hoffnung, dass er einen der Bullis veräußern will und ertrage noch ein Weilchen, doch irgendwann klingelt der Kopf nur noch. Bei der Luftpumpe auf dem Campingplatz klinke ich mich aus, will es nicht wissen, schaue demonstrativ auf meine imaginäre Uhr am Handgelenk und schiebe den Gatten aus dem Laden.

Die nächste Etappe sollte leichter werden. Einen Likör für (Schwieger-)Mama zum Geburtstag. Der Laden ist leer, nur ein paar Damen sprechen diversen Weinsorten zu, haben sich dafür an einem Holztisch breitgemacht. Es ist 11 Uhr vormittags, ich hoffe, dass alle zu Fuß nach Hause gehen. Im hinteren Bereich warten Liköre in Glasballons auf Kunden. Die einzige Bedienung ist beschäftigt, also lese ich Schildchen, versuche eine Vorauswahl zu treffen. Ein Räuspern schreckt mich auf, während ich zu erraten versuche, wie wohl Grüner Tee – Likör schmeckt. Sie ist endlich da und auch wieder nicht. Drückt mir ein Pinnchen mit einer Kostprobe in die Hand und ist schon wieder weg. Zu viel Vanille, bemerke ich und trinke tapfer den Rest. Da ist sie schon wieder da, grinst und zapft mir die zweite Probe. Ich bin froh, dass wir keinen Whiskey aussuchen, dennoch knallt der Zucker ganz gut in meinem Kopf. Frühstück war ausgefallen. Als sie endlich Zeit hat, haben die Proben schon ihre Wirkung getan. Sie grinst und füllt das nächste Gläschen. Ich sehe mich schon den Bürgersteig mit dem Abendessen beschmutzen, da beginnt sie zu erzählen. Der zuckrige Alkohol beschwingt mich und wir landen in einer Diskussion über Lakritze. Einen Likör haben wir immer noch nicht. Spontan wähle ich einen, den ich aber nicht mehr probieren will. Mein Magen rebelliert, was sie zu freuen scheint. Es scheint sie außerordentlich zu verwundern, dass man morgens noch keinen Alkohol verträgt. Aber das Ergebnis mag sie. Sie lädt mich zum Bleiben ein, verspricht mir halbstündigen Nachschub, möchte sich an meinem wirren Kopf ergötzen. Ich lehne dankend ab, stelle mir aber kurz eine Alternativkarriere als Dauerbetrunkene im lokalen Schnapsladen vor. Mit der eingepackten Beute und einer Einladung zum nächsten Tasting verlassen wir fluchtartig den Laden. Offenbar will sie mich auf Whiskey erleben, was für ein Job.

Mein Mann fährt, dass ist auch besser. Die Parkzeit haben wir vollständig ausgenutzt. Ich wanke leicht, doch das fällt hier kaum auf. Der Großeinkauf liegt noch vor uns. Sechs Personen, zwei Hunde, zwei Katzen wollen versorgt werden. Wobei ich das Futter für die Hunde inzwischen online bestelle. Ich mag unseren Paketboten nicht. Der Parkplatz ist voll. Neben uns kramt eine korpulente Dame Taschen aus dem Kofferraum. Ich wundere mich über ihre kleinen Füße, doch als ich vorbeigehe, bemerke ich, dass sie größer sind als meine in den Rangern. Proportionen fallen mir ein und das dieser Gedanke nicht nett ist. Aber ich darf, ich bin auf Likör.

Kaum haben wir den Konsumtempel betreten fällt eine blonde Frau meinem Mann um den Hals. Ausgewandert sei sie und berate Menschen online, klärt sie uns auf. Was sie ihnen rät, habe ich nicht erfahren. Dass man davon leben kann, wundert mich. Auch in Takatukaland kostet das Leben ein wenig. Esoterik sei ihr Fachgebiet erzählt mir mein Mann später. Pilze fallen mir ein, wir brauchen unbedingt noch Champignons. Mühsam lösen wir uns von der erinnerungslastigen Dame, die mich zum Abschied ungelenk drückt. Ich kenne sie nicht und lege auch weiterhin keinen Wert darauf mir von ihr meine Chakren untersuchen zu lassen. Aber sie scheint das zu brauchen. Wir haben uns alle lieb und so weiter. Der Likör rumort in meinen Eingeweiden und wir erledigen den Rest des Kampfeinkaufs in eisigem Schweigen. Nur an der Fischtheke werde ich noch einmal schwach. Der afrikanische Welshybrid kommt aus einer Aquakultur in Holland. Ist das jetzt gut oder schlecht?

Mir ist schlecht, ich möchte nach Hause. Und meine Ruhe.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Schreiben

Gutenachtgedanken – Geschichten

Ein arbeitsreicher Tag liegt hinter mir, das Projekt Terrasse nimmt Gestalt an. Die Mittagshitze hat uns zugesetzt, der Einkauf war noch die Kür und jetzt sitze ich hier abgefuttert und zufrieden, lasse den Tag Revue passieren und denke über Geschichten nach.

Gehe ich durch die Geschäfte laufen mir Menschen über den Weg, die ohne es zu wollen, Geschichten erzählen. Da war das Pärchen bei Aldi, sie, klein, untersetzt mit einer zielstrebigen Durchsetzungskraft. Sie nahm die Ware nach dem Scannen vom Band, kontrollierte jede Verpackung auf Unversehrtheit bevor sie sie ihrem ruhigen Mann reichte der hager, mit Schlägermütze diese dann entgegennahm und sorgfältig im Korb verstaute. Sie waren aufeinander eingespielt, sicherlich schon tausende von Jahren verheiratet, kannten jeden Atemzug des anderen. Als sie zum Verstauen ihres kleinen Einkaufs alles in einen Stoffbeutel packten, sie ihn verknotete und er – für den Doppelknoten – seinen Finger in die Mitte der Windungen legte, musste ich unwillkürlich schmunzeln. Sie fuhren, was ich nicht erwartet hätte, mit einem kunterbunten Wohnmobil vom Platz. Nächste Station Freiheit. ich habe mich gefreut für sie und sie ein bisschen beneidet.

Oder das junge Pärchen, das Hand in Hand für das Abendessen einkaufte. Das zaghaft Verpackungen in die Hand nahm, sorgfältig begutachtete und wieder zurückstellte. Jeder Blick, jede Geste war auf die Zustimmung des anderen ausgelegt. Gefallen wollten sie sich, nichts kaufen, was der andere nicht hundertprozentig befürwortet. Sie haben noch einen langen Weg vor sich oder nur wenige Wochen bis er sich das erste mal betrinkt und sie beschimpft, ihr an den Haaren reißt und sich mit Gewalt nimmt, was sie ihm nur dieses mal verwehrte. Wer weiß das schon? In den Gesichtern sind tausend Facetten, tausende Möglichkeiten versteckt.

Vielleicht auch dieser unscheinbare ältere Mann. Seine Kleidung hat bessere Tage gesehen oder ist von der Fürsorge. Sein Korb ist fast leer. Nur das Nötigste befindet sich darin. Wocheneinkauf für unter zehn Euro, das geht, wenn man sich zusammenreißt. Der Mensch muss essen und trinken, er braucht Kleidung und ein Dach. Doch er braucht auch Freude und Ausgleich, Unterhaltung, andere Menschen und Zuwendung. Wenn er es schafft, für so wenig zu essen, bleiben 5,99 übrig. Das reicht – vielleicht.

Wo fangen die Geschichten an, wo enden sie. Was mache ich als Schreiber aus den Gesichtern, den Gesten, dem verhaltenen Lächeln, das mir ins Auge springt. Jede Begegnung ist ein Keim, an dem sich mein Auge reibt, der juckt und wächst, je mehr ich betrachte, je mehr ich höre.

Beginne ich, spielt die Wahrheit keine Rolle mehr. Da hat der liebevolle Großvater ein Messer unter dem Fahrersitz seines Wohnmobils versteckt, um die ihn seit Jahrzehnten drangsalierende Gattin endlich ins Jenseits zu befördern. Die gekauften Vorräte reichen nun doppelt so lang. Da schweißt die beiden jungen Menschen ein düsteres Geheimnis zusammen, den anderen aus den Augen zu lassen, könnte fatal, ja vernichtend sein. So begleiten sich sich, beobachten, belauern, suchen Verrat in den Augen des Anderen. Da ist der arme Mann ein reicher, hat Seelen und Brieftaschen geleert mit seiner charismatischen Art. und nun muss er untertauchen, begnügt sich, einer von vielen zu sein, schäbig, armselig. doch als er den Blick hob und mir mitten in die Augen schaute, abschätzend, taxierend, da krabbelte eine kalte Hand meine Wirbelsäule empor und ich fror in der sommerlichen Wärme.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Wegkreuzung

Es ist dunkel und kalt. Schon vor Stunden hat der junge Mann den Opferbeutel an der Wegkreuzung vergraben, doch bisher ist nichts passiert. Er sitzt auf dem Boden mit dem Rücken an den alten klapprigen VW gelehnt und raucht nervös eine Zigarette nach der anderen.

Vom Dorf schlägt die Glocke Mitternacht und er gibt sich noch eine Stunde bevor er heimfährt. Es war eine lächerliche Idee, absurd, aus einer Schnapslaune mit Freunden entstanden. Er steht auf und vertritt sich die Beine, schlägt fröstelnd die Arme um sich, überlegt, ob er wirklich noch eine Stunde bleiben soll.

Wolken verdecken den Mond, versprechen Regen. Da hört er leise schlurfende Schritte. Er geht um seine Klapperkiste herum, schaut hoffnungsvoll, wer da kommt, doch es ist nur eine alte Frau, die aus irgendeinem Grund ihren Pudel ausführt, hier, jetzt, um Mitternacht. Die nächste Zigarette, das Feuerzeug versagt seinen Dienst. Ein, Zwei, Dreimal muss er es betätigen, bevor die Flamme erscheint. Irritiert betrachtet er das Zippo, es scheint langsam leer zu gehen.

Als er den Blick hebt, steht die Frau vor ihm, so nah, dass er erschreckt zurückweicht und sich an der Flamme verbrennt. „F***“, entfährt es ihm und er springt zurück und steckt den schmerzenden Finger in den Mund.

„Soso, gerufen hast du mich?“, säuselt die Alte und der Hund streicht um seine Beine. Es fühlt sich kalt und klebrig an und indem Moment, wo er nach unten schaut, blickt der Hund ihm mit menschlichem Grinsen ins Gesicht. Er schaudert.

„Was willst du für deine armselige kleine Studentenseele?“ spricht die Vettel und streckt einen Finger aus, lang, braun mit einem ekelig langen Fingernagel. Sie streift seine Wange und er spürt einen Würgreiz. Er räuspert sich, atmet tief durch, das hier hatte er doch gewollt, geplant, oder vielleicht auch nicht.

„Geld“, röchelt er, sich der Oberflächlichkeit seines Wunsches durchaus bewusst, doch Schulden drängen ihn und er möchte reisen, die Welt sehen.

Sie kichert, „Ihr seid alle gleich. Geld ist kein Problem, sollst du haben du Süßer, sollst du haben.“ Sie entrollt ein Pergament und wie in dem schlechten Film, den er gesehen hat, zieht sie eine Feder aus der Tasche, ritzt damit seinen Arm und fängt ein paar Tropfen Blut auf.

„Unterschreibe hier!“ Sie hält ihm den stinkenden Federhalter unter die Nase und er denkt über Blutvergiftung und Tetanus nach. „Moment“, wendet er ein, „und ein langes Leben natürlich“. Voller Sorge, dass die Alte ihn betrügen will, versucht er die kryptischen Zeichen auf dem Papier zu entziffern. Sie seufzt „Auch das Jungelchen, auch das.“ Die Zeichen verschieben sich ein wenig und sie hält ihm erneut den Schreibstock vors Gesicht. Zögerlich greift er zu und malt seinen Namen auf die Linie.

Als er am nächsten Morgen erwacht, hat er keine Erinnerung mehr an den Abend. Eine schmale Narbe ziert seinen Unterarm, er kann sich nicht erinnern, wann er sich dort geschnitten hat.

Siebzig Jahre später fahrt er seine Jaguarcabriolet vom Parkplatz eines Supermarktes. Eine Frau betrachtet begeistert das Auto bis sich ihre Augen treffen. Sie sieht einsame Jahre, die Qual der Isolation in seinem Blick. Mitleidig steigt sie in ihr günstiges Familienauto, küsst ihren Mann, verstrubbelt Sohn Nummer zwei die Haare. Im Radio läuft Iron Maiden, 666. Sie stellt es laut und singt begeistert und falsch mit.

Alice