Veröffentlicht in Mal über mich

Deplatziert

Die Zeitung brachte heute einen Artikel zu dem Thema. Zwischen 1947 und 1948 waren über 3000 ehemalige Kriegsgefangene in meiner Wahlheimatstadt untergebracht. Es gab ein großes Lager, für das die Anwohner ihre Häuser innerhalb von 2 Stunden verlassen mussten.

Es war wohl eine politische Entscheidung, sie nicht direkt nach der Befreiung wieder zurückzuschicken, sondern sie für eine Weile hier zu behalten.

Die aus ihren Häusern Geschickten waren keine Nazis, nicht alle sicherlich, bei der Oma meines Mannes bin ich mir sicher. Denn sie wohnte da, wo jetzt gerade mein ältester Sohn schläft. Über die Rechtmäßigkeit will ich auch nichts sagen, es war so, Basta. Schlimm für die einen und schlimm für die anderen, Krieg ist grausam und hat ein hässliches Gesicht.

Ich wusste nicht um die Geschichte des Hauses, der Siedlung, in die ich zog. Es ist ein dunkles Kapitel, das nur noch zu Jahrestagen hervorgezerrt wird. Irgendwann erzählte die alte Nachbarin davon. Sie war not amused, logischerweise waren die Häuser nicht gepflegt worden. Auch ich habe Brandflecken in den Zimmern, wo behelfsmäßige Öfen auf nacktem Holz den Winter erträglicher machten. Fünf Familien lebten in diesem Haus, wo ich mit meinen Jungs trotz großem Anbau gerade so klar komme.

Zwei Stunden hatten meine Großeltern mit ihrer zweijährigen Tochter, um ihr Haus in Pommern zu räumen. Ihren Gutshof mit Land und Wald, mit Ziegelei und Feldern. Es war eine politische Entscheidung, dass sie gehen mussten, ihr Hab und Gut zurückließen, mit zwei Koffern sich zuerst zu Fuß, später mit vollen Zügen bis nach Schleswig Holstein durchschlugen. Aufgefangen in einem Barackenlager, ein alter Mann, ein kleines Kind.

Die Bevölkerung vor Ort war nicht erfreut, hatten sie doch gerade selbst viel verloren, Hunger, Angst, Sorge ums Überleben. Viele Kinder starben, hier und dort.

Ich lebe nun seit fast 16 Jahren in diesem Haus und in ein paar Jahren gehört es uns. Die Ähnlichkeit der Geschichten trifft mich immer wieder. Deplatzierte Menschen, hier und da. Vom Auffanglager ins Auffanglager. Für mich ohne das Leid, für mich mit Wohlstand und Sorgenfreiheit. Und doch sitzt dieses Gefühl in meinem Bauch, wurde geerbt, mitgeboren.

Das Haus wählte mich. Die Geschichte, wie es zu uns kam, ist kurvenreich und von Sorge geprägt, denn auch wir mussten damals schnell was neues finden. Doch das ist eine andere Erinnerung.

Alice

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ABC-Etüde – Müll

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende lieferte die Literarische Visitenkarte.

„Das ist nicht recyclebar“, schimpfte sie und holte den abgenagten Hühnerknochen aus der gelben Mülltonne. „Denkst du eigentlich überhaupt nicht nach, bevor du etwas wegwirfst?“

„Es wird doch sowieso alles verbrannt. Da stört so ein Hühnerbeinchen überhaupt nicht. Der Hausmüll erreicht nicht den nötigen Heizwert…“

„Geschenkt“, unterbrach sie ihn und unterstrich ihren Ärger mit einem seltsam anmutenden Wedeln der rechten Hand in der Luft. Er kannte die Geste und schwieg.

Warum musste sowas wie Mülltrennung immer wieder den Haussegen schief hängen lassen? Damals war sowas vollkommen egal gewesen. Sie hatten am Strand gesessen, Händchen gehalten und das Himmelsleuchten des heranziehenden Gewitters beobachtet. Kurz bevor es da war, hatten erste Tropfen sie getroffen, sie hatte gekreischt und war zum Auto gerannt. Er hatte noch schnell die Decken zusammengerafft und war ihr hinterhergelaufen.

In der Nacht hatten sie sich das erste Mal geliebt während ein gewaltiges Gewitter über ihren Köpfen explodierte.

Sie hatten geplant, gemeinsam auszureisen, doch die Behörden erlaubten es nicht. Also richteten sie sich so ein, wie es nun mal ging. Sie heirateten, bekamen Kinder, machten ihren Job.

Mittlerweile war kein Ausreiseantrag mehr nötig, die Kinder waren groß und gingen ihrer Wege.

Er aß sein zweites Hühnerbein auf und betrachtete nachdenklich die Mülltonnen.

„Was übrig bleibt“, seufzte er und warf den Knochen in die gelbe Tonne.

Alice

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Gutenachtgedanken – Absage

Nach einer Zusage rappelt mir eine Absage ins Haus. Ich nehme es sportlich, habe ich doch schon beim Schreiben der „Zusage“ einen Flow gehabt, die „Absage“ war viel konstruierter. Dennoch mag ich die Geschichte, auch wenn sie ein wenig sehr romantisch gelang. Und das ist normalerweise nicht mein Stil. Aber vielleicht gefällt sie ja euch…

Das Nachthemd

Erschöpft stellt sie ihr Gepäck vor der Haustür ab. Der Wohnungsschlüssel ist natürlich ganz unten in der Handtasche. Sie seufzt. Fritz fehlt. Jederzeit hatte er ihn griffbereit, öffnete ihr nonchalant die Türe, wenn sie nach Hause kamen.

Mühsam sperrt sie die Tür auf. Die Luft riecht abgestanden und muffig. Die Balkonblumen sind verdorrt, dicke Wollmäuse tummeln sich in den Ecken.

Sie zieht die Jacke aus und wirft sie über den nächsten Stuhl. Das Auspacken wird warten müssen. Erst möchte sie ein wenig Ordnung schaffen. Den Nachmittag verbringt sie mit Lüften, Saubermachen und dem Entsorgen der braun gewordenen Balkonbepflanzung.

Erst am Abend öffnet sie den Koffer, holt die von der Wäscherei der Kurklinik gereinigten und mit einer Banderole versehenen Wäschestücke hervor und erinnert sich.

Da war der Anruf vom Krankenhaus. Fritz war in der Firma zusammengebrochen, sie solle doch bitte schnell herkommen. Er war bereits tot, als sie aufgelöst in die Arme der Ärzte stolperte. Ein Marathon folgte, Beerdigungsinstitut, Kirche, tausend organisatorische Aufgaben, die sie von der Tatsache ablenkten, dass sie nun allein war. Als er unter der Erde war, begannen die Kopfschmerzen, Migräneattacken, die sie zum Arzt trieben. Der hatte sich Zeit genommen für sie, hatte ihren Beschwerden gelauscht, ein paar Fragen gestellt und sie eingehend betrachtet. Dann hatte er ein paar Anrufe getätigt, ihr eine Verordnung ausgestellt und ihr verkündet, dass sie für sechs Wochen in die Schweiz fahren würde. Er hätte in einer Kurklinik einen Platz für sie reserviert, am nächsten Tag schon solle es losgehen. Sie müsse nur ihre Tasche packen, den Rest würde er organisieren.

Es war ihr nicht gut gegangen, damals. Von einer Sekunde zur anderen war sie wie gelähmt, unfähig auch nur eine Mahlzeit zuzubereiten. Als hätte die Abwesenheit des Mannes ihr sämtliche Lebenskraft geraubt. Sie duschte nicht mehr, kämmte sich nicht, aß nicht. Die Rechnung des Beerdigungsinstituts hatte sie in die hinterste Ecke des Sekretärs gestopft, unfähig etwas zu erledigen.

Die ersten Tage in der Klinik im Val Sinestra war sie wie ein Zombie herumgelaufen, hatte sich lenken lassen vom Personal, hatte bei Ärzten geschwiegen, in die Landschaft geschaut, erlebte die Welt wie durch dickes Panzerglas.

Sie erinnert sich an Sonnenauf- und -untergänge über blauen Bergen und dass es ein wenig besser wurde in der fremden Umgebung, unter Menschen, die ihre eigenen Sorgen hatten und sie in Ruhe ließen.

Erschöpft wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Der Arzt hatte von Trauerphasen gesprochen und bei den Gesprächen, die meist sehr einseitig waren, sickerten langsam die Tatsachen in ihr Bewusstsein. Sie wird noch viel Zeit brauchen, hat noch lange nicht ihre frühere Energie zurück, doch das Auspacken, das wird sie schaffen.

Sie löst die Banderolen, räumt Blusen und Röcke in den Schrank, vermeidet den Blick auf seine Fächer, die noch ordentlich gefüllt sind, als wäre er nur ein paar Tage weg, würde morgen wieder, wie so oft, frisch geduscht mit einem Kaffee in der Hand an ihrem Bett stehen. Die von der Nachtschicht durchschwitzten Kleider lägen bereits im Wäschekorb, er selbst mit nassen Haaren in seinen Lieblingsmorgenmantel gehüllt brächte ihr auch eine Tasse ans Bett.

Der letzte Stapel liegt in ihrem Koffer, sie löst die Papiermanschette und schaut die Wäschestücke durch. Da fällt ihr ein Spitzennachthemd auf, das ganz sicher nicht ihr gehört. Sie lässt den zarten Stoff durch ihre Finger gleiten, befühlt befremdet die Blütenstickerei, die das Dekolleté einfasst. Für einen Moment überlegt sie, es in ein Paket zu packen und mit einem kleinen freundlichen Vermerk an die Klinik zurückzuschicken, sich vielleicht noch zu bedanken für die Fürsorge und die freundliche Behandlung.

Doch da fallen ihr die Worte des Arztes ein. „Nehmen sie jeden Tag als ein Geschenk“, hatte er gesagt und dabei lange und warm ihre Hand gedrückt. „Ein Geschenk“, lächelt sie und breitet das Hemd auf ihrer Seite des Bettes aus.

Er war es leid, heulend und spukend um die Ecken der ehrwürdigen Klinik in den Bergen streichen, wollte keine Nachtschwestern mehr erschrecken, sehnte sich nach einer sinnvollen Aufgabe. Seit er vor ungezählten Jahren seiner Frau in die Kur gefolgt war, die seinen Tod nicht verwinden konnte, hing er dort fest. Als er es den Alten vortrug, hatten sie nachgedacht und die Köpfe, die keine mehr waren, zusammengesteckt. Ein Beschluss wurde gefasst und ein Nachthemd wurde hochgehalten, er hineingeschoben in das zarte Gewebe, sie murmelten ein wenig und wünschten ihm viel Glück oder was auch immer.

Er fragt sich, was er hier tun soll, als er mitsamt dem ihn beheimatenden Gespinst ausgepackt und befingert wird. Er kennt die Frau nicht und auch die Umgebung ist ihm fremd. In seinem früheren Leben hätte er sich von ihrem Interesse geschmeichelt gefühlt, auch wenn sie nicht sein Typ ist, zu alt, zu bieder. Er war kein Kostverächter gewesen, erinnert sich mit gespenstischen Schuldgefühlen an Streit mit seiner Frau. Am Ende war sie wohl doch froh gewesen, ihn los zu sein.

In der Nacht löst er sich automatisch von dem zarten Gewebe, das ihn umgibt, löst sich von der Frau, die seufzend und schnarchend unter ihrer Decke liegt, und erforscht seine fremde Umgebung.

Eine Wohnung sieht er, klein, ein wenig unordentlich und vollgepackt mit allerlei Krimskrams. Er findet überfüllte Papierkörbe, unabgeheftete Rechnungen, herumliegende Bücher und rümpft die Nase. Auf dem Schreibtisch liegt eine Todesanzeige. Er nimmt sich Zeit, setzt sich und liest sie durch. „Plötzlich und unerwartet“ sticht ihm ins Auge und „geliebter Ehemann“. Da steht nichts von Vater oder Sohn und er erinnert sich schmerzvoll an sein eigenes Abtreten. Nur er und seine Frau waren da gewesen, Kinder wurden ihnen nie geschenkt und als er gerufen wurde, blieb sie zurück, schien an der Verantwortung, alleine klar zu kommen, zu scheitern. Er hatte sich geweigert ins Licht zu gehen, war geblieben, um ihr zu helfen, hatte für seine Untreue bezahlt und ihr mit kleinen Gesten wieder auf den Weg geholfen. Als sie verstanden hatte und sich dem Leben wieder zuwandte, ließ sie ihn zurück. Seitdem sitzt er hier fest.

Die Frau tut ihm leid, auch wenn die Stelle, wo einst sein Herz saß, nur milchiger Nebel ist. Er geht von Raum zu Raum, sieht die Unordnung, sieht das Chaos, sieht den Schmerz und beschließt, auch ihr zu helfen.

Im Wohnzimmer bleibt er stehen und schüttelt den Kopf. So viele Uhren, doch keine tut, was sie soll. Einige laufen gar nicht und die anderen zeigen die falsche Zeit. Er schüttelt sich. Wie soll Leben funktionieren, wenn man nicht weiß, welches Stündlein gerade schlägt.

Es dauert und kostet viel Konzentration. Er zieht auf, stellt richtig, schubst widerspenstige Unruhen an, bewegt Gewichte und schiebt Zeiger an ihre richtige Position. Tiefe Zufriedenheit macht sich breit, als alle gleichzeitig sechs Uhr schlagen. Er sieht die Sonne hinter Häuserreihen aufgehen und fühlt sich zurückgezerrt in das spitzenbesetze Hemd.

Sie hat ruhig geschlafen, wundert sich über einen seltsamen Traum. Uhren spielten eine große Rolle, weiß sie noch.

Kopfschüttelnd registriert sie die letzten Schläge der großen Standuhr. Sie war stehengeblieben in der Stunde, als Fritz starb. Und seitdem hatte sie sie nicht angerührt. Die Schläge sollen ein gutes Omen sein, beschließt sie und zieht das Nachthemd aus. Sie schnüffelt, eine Dusche könnte sie gebrauchen. Und auch, wenn ihr der Antrieb fehlt, lässt sie warmes Wasser laufen und stellt sich für eine kurze Wäsche in den Strahl.

In der Küche findet sie noch Kaffee, der Rest der Lebensmittel ist verdorben. Es macht ihr nichts, sie hat keinen Hunger. Mit der warmen Tasse setzt sie sich auf den Balkon, denkt an die schönen Morgengespräche mit ihrem Liebsten und futtert nebenbei Schokolade, die sie in einer Schublade gefunden hat. „Schokolade geht immer“, hatte ihre Oma gesagt, bevor sie mit 70 an Diabetes starb. Wider Erwarten hört sie sich lachen und lutscht den Rest der braunen Masse aus dem Stanniolpapier.

Der Tag vergeht, sie bleibt auf dem Balkon sitzen und beobachtet die Welt. Unter ihr fahren Autos vorbei. Da sind Menschen drin, die ein Leben haben, registriert sie. Sie hatte auch mal eins. Sie hat Kaffee und Schokolade, das muss reichen.

Als es Abend wird, zieht sie das fremde Nachthemd wieder an und legt sich auf ihre Bettseite. Doch heute wendet sie sich nicht ab. Sie legt eine Hand auf sein Kissen, versucht seine Nähe zu spüren und schläft endlich ein.

„Schokolade“, den ganzen Tag, den er eingesperrt in diesem albernen Stofffetzen festsaß, konnte er an nichts Anderes denken. Er betritt die Küche und durchforstet die Schubladen. Zwei Tafeln sind noch da und auch, wenn es heißt, dass Geister nichts essen können, so täuscht man sich. Sie verschwinden wortwörtlich wie von Geisterhand und lassen ein überaus zufriedenes Gespenst zurück, das sich den nebelschwadengleichen Bauch reibt und zufrieden stöhnt.

Ihm ist allerdings bewusst, dass Süßigkeiten keine gesunde Ernährung sind. Es muss etwas Anderes her und er fasst einen Plan.

Die Uhren läuten sechs Uhr und sie ist hellwach. Sie muss gestehen, dass sie gut geschlafen hat und nimmt nach dem Duschen den alten Morgenmantel ihres Mannes und hüllt sich damit ein. Während der Kaffee durchläuft, durchforstet sie die Schubladen, doch die Schokolade ist weg. Ihr Magen knurrt und nach der zweiten Tasse Kaffee noch lauter. Sie seufzt und steht auf, um die Küchenschränke einer gründlichen Inspektion zu unterziehen. Doch sie sind leer. Es ist absolut nichts Essbares mehr zu finden, sofern sie nicht an einem Salzstreuer lecken möchte. Wohl oder übel muss sie das Haus verlassen und einkaufen gehen.

Mühsam fährt sie den Wagen aus der Garage, sie ist nicht sonderlich geübt darin. Fritz ließ sie nur selten fahren, es war sein Auto. Aber die leeren Schränke erfordern einen Großeinkauf und sie möchte sich das nicht mit dem Fahrrad antun.

Die ersten Kilometer sind schwierig, es fühlt sich fremd an. Sie schaltet abgehackt und fährt viel zu langsam. Doch irgendwann stellt sich ein vertrautes Gefühl ein und sie beginnt, sich sicherer zu fühlen.

Der Parkplatz des Supermarktes ist überfüllt und sie wählt einen Platz am Rand. Mit dem Wagen bewaffnet durchstreift sie die Reihen, wählt, was sie und Fritz immer gerne gegessen haben. An der Frischetheke macht sie halt. Der Duft des Käses steigt in ihre Nase und erweckt Lust auf Käsebrote, Käsespätzle, Raclette. Seit Tagen schon hat sie den Eindruck, dass es in ihrer Wohnung nach Käse riecht. Vielleicht ist es ein Mitbringsel aus der Kur, sie weiß es nicht. Großzügig kauft sie ein, findet Nützliches und Unnützes. Mit dem vollen Einkaufswagen geht sie durch die Kasse, bezahlt mit der Karte und lädt alles in das Auto.

Zuhause räumt sie die Schränke ein und beginnt zu kochen. Die erste selbstgekochte Mahlzeit ohne ihn, registriert sie und beginnt zu essen. Es schmeckt ihr unerwartet gut. Gesättigt schiebt sie den Teller weg und schaut für einen Moment auf seinen leeren Platz.

Er hätte jetzt einen Zigarillo geraucht auf dem Balkon und ihr verschwörerisch zugeblinzelt während sie das benutzte Geschirr in die Spülmaschine räumt. Sie hätte zurück geblinzelt und gelächelt. Eine kleine Träne stielt sich aus ihrem Augenwinkel und dann noch eine. Sie weint, spürt, wie sehr er ihr fehlt, welche Lücke er in ihrem Leben hinterlässt. Sie weint noch während sie den Tisch abräumt. Sie weint, während sie das Geschirr spült, die sauberen Teller und Tassen einräumt. Eine Tränenflut, die nicht enden will, bricht aus ihren Augen und jede einzelne erleichtert ihr Seele. Nachts hat sie den Morgenmantel neben sich gelegt und schnuppert seinen Duft.

Er streckt sich zufrieden, klopft sich auf die durchscheinenden Schultern. Sie isst wieder, das ist wichtig. Neugierig durchsucht er ihre Einkäufe, staunt, was sie an diesem Tag ausgegeben hat. Frauen, lächelt er und überlegt kurz, ob sie sich so ein Leben leisten kann. Über die Jahre hat er sich viel modernes Wissen angeeignet, verfolgte in der Klinik während der Nachtstunden oft online die Börsenkurse, die früher so sehr sein Leben bestimmt hatten. Er startet den Computer, findet nach kurzem Suchen in der Schreibtischschublade ihr Passwort und betrachtet nachdenklich ihren Kontostand. Ärgerlich schüttelt er den Kopf. Davon kann sie nicht leben. Routiniert erledigt er die Überweisungen, kalkuliert, überlegt, rechnet. Es wird nicht reichen, nicht, wenn sie so gerne einkauft. Sie braucht einen Job.

In der Küche findet er eine Zeitung und darin auch bald eine passende Stellenanzeige.

Ihre Augen sind rot, als sie erwacht. Sie fühlt sich immer noch erschöpft, doch ihr Herz ist ein wenig leichter. Sie schlüpft in den Morgenmantel und kocht sich Kaffee. Ihr Blick bleibt an der Tageszeitung vom Vortag hängen. Der Kugelschreiber, mit dem sie mittags erfolglos versucht hatte, das Kreuzworträtsel zu lösen weist auf eine Stellenanzeige. Das Sozialkaufhaus sucht Mitarbeiter. Für einen Moment zuckt sie die Schultern, vertraut darauf, dass sie ja gut versorgt ist. Doch ihr Versorger ist tot und sie hat keine Ahnung, wie ihre Finanzen aussehen.

Ihr Kontostand erschreckt sie zutiefst. Sie muss ihren gewohnten Lebensstandard massiv einschränken oder arbeiten gehen. Die Anzeige kommt ihr in den Sinn und nach kurzem Zögern ruft sie an.

Das Vorstellungsgespräch verläuft nett und entspannt, die Chefin bietet ihr den Job an. Sie unterschreibt und verlässt das kleine Büro mit einem Hauch von Optimismus.

Abends liegt sie nachdenklich im Bett. Lange kann sie nicht einschlafen. Nie hätte sie erwartet, dass es ein Leben nach ihm gäbe.

Am nächsten Morgen holt sie zwei große Kartons vom Speicher und beginnt, seine Kleidung auszuräumen. Sie will sie spenden, an ihrem ersten Arbeitstag mitbringen. Sie verteilt ihre Garderobe großzügig auf dem neugewonnenen Platz, richtet sich ein.

Abends ist sie müde und zufrieden. Sie schläft rasch ein.

Der Geist schaut sich um, ist beruhigt. Sie wird es schaffen, da ist er sich sicher. Es ist Zeit, weiterzuziehen, hier gibt es nichts mehr für ihn zu tun. In den Kisten sucht er sich ein neues Zuhause, entscheidet sich für einen Frotteeschlafanzug.

Sie steht an der Kasse des Sozialkaufhauses, sieht den Mann erst, als er direkt vor ihr steht. Er legt den Schlafanzug auf den Tresen. Sie schluckt, hätte nicht gedacht, dass sie am ersten Tag schon Kleidung ihres Mannes würde verkaufen müssen. Er ist so groß und so breit wie Fritz, registriert sie und packt das Nachtgewand unwillkürlich lächelnd in eine Tüte, kassiert und wünscht ihm viel Freude damit.

„Was für ein Leben“, denkt er und schämt sich, dass er in einem Sozialkaufhaus einkaufen gehen muss. Seit seine Frau vor einem Jahr gestorben ist, ist er nicht mehr auf die Beine gekommen, hat am Ende nicht mehr arbeiten können und seinen Job verloren. Das Gespenst in seiner Tasche grinst und reibt sich die nebelgrauen Hände.

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Mal über mich

Gutenachtgedanken – Recherche und Zufälle

Mohnfrüchte SW

Ich schreibe eine Geschichte. Und die wird ein wenig länger werden als all das, was ich hier bereits gebloggt habe. Wer sich schon ein wenig auf meinem Blog auskennt, wird vielleicht schon auf den Anfang der Geschichte gestoßen sein. Sie spielt im Jahr ’74 in meiner Heimatstadt.

Ich muss gestehen, dass sie ganz gut voran geht, die Ideen gehen mir nicht aus und es erfüllt mich mit Freude zu sehen, wie sich Seite um Seite füllt. Tausend Wörter habe ich mir als Tagespensum gesetzt und es geht, auch, wenn manchmal die Motivation nicht so groß ist. Deswegen bin ich auch hier etwas sparsamer unterwegs, selbst ich habe ein Tageslimit, das zu überschreiten mir schwer fällt.

An manchen Ecken artet es tatsächlich in Arbeit aus, ich muss recherchieren, das Internet und meine Erinnerung bemühen. Heute war es seltsam, ich suchte ein paar Informationen zu einem alten Wasserschloss, das damals, als ich Kind war, noch eine Ruine war. Da tauchten Informationen im Internet auf, die ich nicht wissen konnte, die zu meiner Geschichte passten, wie besagte Faust aufs Auge. Gruselig war es, als Begebenheiten auftauchten, die denen, die ich mir erdachte, mehr als nur ähnelten. Als gar die Gegenspielerin der Protagonistin nicht von mir erdacht zu sein schien, sondern tatsächlich gelebt hatte, wurde es skurril.

Zufall gibt es nur bei der Kellertür, sagte meine Oma immer und da stimme ich ihr zu. Ein wenig nachfühlen muss ich gerade, nachdenken bringt mich nicht weiter. Für einen Moment überlege ich die Geschichte auf Eis zu legen, mich vielleicht um ein paar andere Baustellen zu kümmern. Und doch, da ist etwas Ungreifbares, das mich gerade nicht loslässt.

Ich werde mich morgen wieder daran setzen, hoffe auf Antworten von Stellen, wo ich frech Fragen stellte.

Alice

Veröffentlicht in Schreiben

Es lebe das Chaos – Eine Idee

Ich würde gerne etwas ausprobieren, etwas, was ich hier bisher nicht gesehen habe. Wer, wie ich den Film „Bandersnatch“ aus der Reihe „Black Mirror“ (sehr zu empfehlen!) gesehen hat, ahnt vielleicht schon, was ich vorhabe.

Geschichten sind linear, also wenn ich eine erzähle, fange ich irgendwo an und ziehe die dann durch bis zu dem für mich genehmen Ende. Da mache ich dann einen Punkt, schreibe „Alice“ drunter und bin fertig.

Ich habe gerade eine Art Fortsetzungsgeschichte im Sinn, die dadurch, dass sie sich auf diesem doch sehr flexiblen und variablen Medium bewegt, durchaus mehr als ein Ende haben kann.

Zum Organisatorischen, so wie ich mir das gerade gedacht habe (Tipps und Ideen sind an dieser Stelle sehr willkommen, weil es doch ein wenig komplexer zu sein scheint). Ich würde einen Text beginnen, relativ offen mit nicht allzu stark ausgefeilten Protagonisten. Den werfe ich in den Raum und jeder, der mag, darf weiterschreiben. Damit es nicht nur ein Zweiteiler wird, müsste ich die Wortanzahl begrenzen, sagen wir auf 100 Wörter. Der nächste nimmt den Strang auf und gibt am Ende die Staffette weiter, bis irgendwann ein Finale in Sicht ist und die Geschichte zu Ende.

Es könnte also EINE Geschichte entstehen. Was aber ist, wenn zwei oder gar drei Blogger den Anfang aufnehmen und weiterschreiben? Dann gibt es schon mal drei verschiedene Handlungsstränge und derjenige, der sich beteiligen möchte, darf sich einen aussuchen (oder alle drei, dann dürfte er aber nicht immer dasselbe schreiben). Um die Übersichtlichkeit zu erhalten, würde/müsste jeder Text mit einer Linkliste beginnen, angefangen bei meinem Ursprungstext über alle Zwischenstufen, die zuvor eingebunden wurde, so dass ein Leser die Möglichkeit hat, ganz am Ende dem Plot zu folgen und die verschiedenen Texte lesen zu können.

Der Finaltext würde dann so aussehen:

Link1 (zum Ursprungstext)
Link2 (Gewählte 1. Fortsetzung)
Link3 (Gewählte 2. Fortsetzung)
usw
Finaltext

Glücklicherweise haben die anderen Blogger dann ja schon Vorarbeit geleistet und man muss die Links nur noch rüberkopieren.

Damit ich den Überblick behalte (was wahrscheinlich absolut unmöglich ist, aber mal sehen), müssten alle! Texte, die neu dazukommen in die Kommentare des Ursprungstextes kommen. Neue Mitschreiber könnten sich dann dort umtun und sich etwas aussuchen.

Logischerweise müsste ich eine zeitliche Begrenzung vorgeben, sonst könnte es leicht ausufern. Ich dachte an sechs Wochen bis zwei Monate.

Habt ihr noch Ideen, Kritik, organisatorische Möglichkeiten, die ich bisher übersehen habe?

Lieben Gruß

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Angsthase, Pfeffernase…

Ein Vorwort

Ich war von jeher ein Angsthase. Ich fürchtete mich im Dunklen, im Keller und auf dem Dachboden. Ich hatte Angst vor Monstern unter meinem Bett, im Kleiderschrank, unter der Kellertreppe. Lange konnte ich nur bei Licht schlafen und brauchte ewig, um zur Ruhe zu kommen.

Aber was macht uns solche Angst vor der Dunkelheit? Warum fürchten wir das, was wir nicht sehen können? Warum gruselt es uns, wenn das Licht ausgeht, wenn wir doch wissen, dass es nur ein Stromausfall ist und logisch erklär- und nachvollziehbar. Warum fürchten wir die eiskalte Hand, die uns die Bettdecke raubt, den warmen Atem, der uns auf dem düsteren Dachboden ins Gesicht weht, die krallenbewehrten Hände, die nach unseren Augen greifen, wenn wir doch genau wissen, dass da nichts ist, gar nichts!

Aber wissen wir das wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass die Nachtmahre sich schnell wie Kakerlaken in die dunklen Winkel zurückziehen, wenn wir den Lichtschalter betätigen? Dass sie sich immer sauber außerhalb des Lichtkegels der Taschenlampe halten, die uns beim Stromausfall (war das wirklich einer?) den Weg leuchten soll? Dass der Clown aufhört, uns böse anzustarren, wenn jemand den Raum betritt. Dass wir das Buch, das wir so lange suchten, selbst an seinen neuen Platz legten? Wissen wir das?

Ich weiß das nicht. Nicht sicher. Und ich habe zu viel gesehen und erlebt, um es einfach kategorisch auszuschließen, das Licht zu löschen und mich sicher zu fühlen.

Schließt einmal die Augen, nur für einen Moment. Stellt Euch vor, ihr würdet in einem leeren Raum sein, einem großen Raum. Ihr würdet einen Fuß vor den anderen setzen und eure Schritte zählen. Und nach endlosen Schritten würden eure panisch ausgestreckten Hände die raue Wand berühren, die ein wenig kühl und schleimig wäre.

Und weil ihr vernunftbegabte Menschen seid, würdet ihr entlang der Wand weiter gehen in absoluter Dunkelheit. Die eine, die rechte, Hand würde entlang der Wand streichen , während ihr euch langsam vorantasten würdet. Die Fingerkuppen eurer belasteten Hand würden anfangen zu schmerzen durch den rauen Putz und irgendeine Flüssigkeit, die darauf zu kleben scheint und sich langsam durch eure Epidermis frisst.

Irgendwann hättet ihr dann die Ecke erreicht, die erste in diesem fast grenzenlosen Raum.

Ist Euch was aufgefallen? Ihr seid an keiner Tür vorbei gekommen! Wie ärgerlich. Und der Raum ist so riesig. Das kann ewig dauern, bis ihr sie findet.

Also gut. Ihr dürft die Augen wieder öffnen – und ihr seht nichts. Ich habe nämlich den Lichtschalter betätigt, der neben der einzigen Tür dieses Raumes ist. Aber entspannt euch, Dunkelheit ist nicht gefährlich, wisst ihr ja, haben euch eure Eltern gesagt. Die haben ja auch sonst nie gelogen, haben niemals den Weihnachtsmann oder den Osterhasen erwähnt, waren immer zu hundert Prozent EHRLICH!

Ups! Seid mal still! Nicht weiterlaufen! Wie? Ihr steht bereits? Haltet euch zitternd an der klebrigen Wand fest? Was ist das denn dann für ein Geräusch? Ich höre Schritte, langsam, schlurfend. Ich glaube, wir sind nicht allein….

Ich muss jetzt gehen, weiß ja, wo die Tür ist. Warten? Nein, das geht nicht. Sonst kommt das, was da auf euch zu schleicht möglicherweise mit durch die Tür.

Denkt immer daran, Dunkelheit ist wie hell nur ohne Lampe, dann wird es sicher wieder verschwinden.

Macht’s gut.

Alice

Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

ABC-Etüde – Selbst ist die Frau

zu den abc-Etüden bei Christiane, Woche 6/7 2019,
Text mit maximal 300 Wörtern, in denen 3 vorgegebene Worte versteckt wurden, Textform und Genre egal.

Die drei Worte sind diesmal: Winterreifen, eifersüchtig, stolpern

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzaday

Mit einem eleganten Schwung hob sie die vier Winterreifen in den Kofferraum.
„Männer“, dachte sie verächtlich, „es wäre nett, wenn Batman die Reifen an seinem blöden Mobil mal selbst wechseln würde. Aber der gnädige Herr ist sich zu fein dazu.“ Sie schloss den viel zu kleinen Kofferraum mit einem kräftigen Schwung.

Sie wickelte ihr goldenes Lasso auf, raffte ihr rotes Cape, rückte ihr Korsett zurecht und schob sich auf den Fahrersitz. Mit einem Fingerabdruck startete sie den Wagen und raste los.

„Ich müsste unbedingt mal wieder eine Tasse Kräutertee mit Ivy trinken“, dachte sie während sie schwungvoll die nächste Kurve nahm.
„Wie sie sich nur mit dem albernen Rotkehlchen einlassen konnte, das kann doch nicht gut gehen. Auf jeden Fall züchtet sie jetzt Vogelfutter, immer noch
besser als den stinkigen Giftefeu. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht eifersüchtig wirke. Seit Aquaman mit Arielle zusammen ist, schauen mich alle so mitleidig an. Aber was soll Frau schon mit einem Fischschwanz anfangen. Und das bei meinen ständig kalten Füßen.“

Sie parkte den Wagen vor ihrem Appartement. Das benötigte Werkzeug holte sie aus dem Schuppen. Mit einer Hand hob sie den Wagen an und löste mit der anderen die Radmuttern. „Flash wäre vielleicht eine nette Abwechslung“, dachte sie beim ersten Reifen. „Aber der ist immer so schnell fertig“. Beim zweiten: „Bevor ich wieder in eine Beziehung rein stolpere, sollte ich doch noch mal mit Superman reden, der kennt sich mit seinem Kryptonit aus“. Der dritte: „Vielleicht ist Twoface für ein Date zu haben, ich mag es ambivalent.“

Am vierten zog sie die Radmuttern nicht an. „Wozu sonst sind das alles
Superhelden“, lächelte sie und holte sich ein sauberes Cape aus dem Wäschekorb.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Geschichten... auch ein bisschen länger, Mal über mich

Tag 28/365 – Feuchtgebiete

Wenn der Installateur zweimal klingelt

Wer jetzt Schlüpfriges erwartet, ist hier gar nicht mal so verkehrt. Allerdings wird er nicht mit Details aus meinem Schlafzimmer belohnt, sofern er weiter liest, sondern mit dem Vergnügen, dass man mit Nasszellen haben kann.

Charlotte Roche möge mir verzeihen, dass ich ihren erfolgreichen Buchtitel gerade zitiere, aber Wasserschäden haben etwas ungemein feuchtes, schlüpfriges und der Wasserinstallateur mit seiner Rohrzange spielt auch eine nicht unerhebliche Rolle in diesem Bühnenstück, das sich Badezimmer nennt.

Das ist Stoff für einen saftigen 70er Jahre Porno, würde ich mal behaupten, wenn auch zu bemerken ist, dass der Installateur meines Vertrauens keinen Schnurrbart hat und auch optisch keine der sonstigen Qualitäten, die ich einem solchen Darsteller zuschreiben würde. Was mit den nicht auf den ersten Blick sichtbaren Fähigkeiten ist, da muss ich erwähnen, dass er mit der Rohrzange umzugehen weiß. Der Rest ist und bleibt glücklicherweise sein Geheimnis.

Ich lebe in einem alten Haus, so 80 Jahre hat es auf dem Buckel und im Prinzip ist alles bestens. Einige Renovierungen wurden von den Vorbesitzern ausgeführt, vieles habe ich so nach und nach gemacht. Im Allgemeinen macht es wenig Ärger, es ist ein nettes Haus.

Was allerdings die Wasserleitungen angeht, so stehen wir auf Kriegsfuß. In den vierzehn Jahren, die ich es mittlerweile mein eigen nenne, hatte ich schon ein halbes Dutzend Wasserschäden. Einen Rohrbruch hier, eine undichte Leitungen da, es tröpfelte, leckte, blubberte schon an so ziemlich allen Ecken dieser Immobilie. Der Supergau war ein Rohrbruch, der 40 Kubikmeter Wasser in unseren Keller laufen ließ. Und der stand leider nicht leer.

Seitdem mag uns die Versicherung nicht mehr so richtig und ich überlege mir immer dreimal, ob ich sie wirklich mit ins Boot hole.

Vor einigen Jahren kamen neue Badezimmer ins Haus, war nötig, sowohl die Keramik als auch die Fliesenlandschaft hatten etwas ungemein Abschreckendes angenommen. Die neuen Bäder sind weiß und modern, pflegeleicht und sehr bequem. In dem Zusammenhang wurden natürlich nahezu alle Rohrleitungen in dem Bereich ausgetauscht.

Und trotzdem, seit Neustem bilden sich unmotiviert kleine Pfützen auf dem Boden, irgendwo blubbert, kleckert, leckt es und das Wasser möchte raus, zeigen, was es kann. Zum Beispiel Wände feucht machen, Schimmel bilden, einen schlüpfrigen Untergrund bereitstellen fürs Ausrutschen und Weggleiten.

Der Installateur mit seiner großen Rohrzange (ich hab gerade so ein Kopfkino) wird in den nächsten Tagen wieder vor unserer Tür stehen und seine Arme in dem Körper unseres Hauses versenken. Mal sehen, was er findet.

Wenn ich Glück habe, werden die feuchten Träume unseres Hauses mal wieder für eine Weile beendet sein. Ich kann ihm ja ein Buch schenken. Da gibt es so ein Nettes von Charlotte Roche.

Alice

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Die Fälle

Fortsetzung von Nachtmahr

Das Abendessen brachte ich mehr schlecht als Recht hinter mich. Mein Vater war zur Schicht, so dass dieses Problem zumindest nicht anwesend war. Meine Mutter aß schweigend und schien – wie ich – mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Mein Bruder hatte sich einen Teller gefüllt und war mit ihm in seinem Zimmer verschwunden. Ich freute mich auf die Pubertät und die damit verbundenen Vorrechte. Ich half noch rasch beim Abräumen und verabschiedete mich dann zu Inken. Meine Mutter verzog etwas das Gesicht, weil ich nochmal loswollte. Aber da ich ihr versicherte, dass wir im Haus bleiben würden, erklärte sie sich einverstanden.

Margit wartete schon auf der Straße, als ich aus der Haustür kam. Als ich zu ihr trat, fragte sie :“Sag mal, warum humpelst du? Hat dich der alte Linnens mit seinem Bajonett erwischt?“ „Erzähl ich gleich. Das war wenig lustig“, entgegnete ich. In einverständigem Schweigen gingen wir zu Inken hinüber. Die Tür war nur angelehnt, so dass wir einfach eintraten. Hinter der Tür stand Jörg mit Inken zusammen. „Da seid ihr ja endlich“, wurden wir freudig begrüßt. Jörg schlug vor: „Lasst uns in den Partykeller gehen. Ich glaube, da haben wir momentan die meiste Ruhe.“ Wir stiegen hintereinander die steile Kellertreppe hinunter und betraten den kleinen Partykeller. Inken betätigte den alten Bakelitdrehschalter und einige schwache Lampen tauchten den Raum in stimmungsvolles Licht. „Mehr geht nicht“, entschuldigte sie sich. Wir ließen uns in die Sitzgruppe plumpsen. Jörg holte einen dicken Ordner aus seiner Tasche und grinste verschwörerisch. „Wir haben großes Glück, dass der Fall so alt ist und Peter mir noch was schuldet. Ihr seht hier vor Euch die Originalermittlungsakten aller vier Fälle, die der Polizei bekannt sind.“ „Wow“, rief Margit begeistert und versuchte sich die oberste Akte vom Stapel zu angeln. Doch Jörg war schneller. Er legte rasch die Hand auf die oberste Akte und sagte „Nein, so wird das Nichts. Das sind Originalakten, die dürfen auf keinen Fall durcheinanderkommen. Wir schauen sie gemeinsam Seite für Seite durch und können uns dabei Notizen machen.

Ich kramte mein Schulheft aus der Tasche und reichte es Margit. „Hier, du hast die beste Schrift.“ Lächelnd nahm Margit es entgegen und schrieb auf eine neue Seite : Die Fälle. Sie unterstrich es zwei mal und schaute Jörg erwartungsvoll an.

Er begann vorzulesen: „Erster Fall: Katharina Direksen, verschwunden am 1. Juli 1895.  Das verschwundene Kind war am besagten Abend gegen 21  Uhr auf dem Niersweg auf Höhe der Eisenbahnstrecke zu einem Spaziergang aufgebrochen…. Ach, das wissen wir alles. Lasst mich mal schauen. Hier, die eingeleiteten Suchaktivitäten, die Tauchmannschaft…mmh…. festgenommen wurde niemand, aber es gab einen Verdächtigen, der aber ein Alibi hatte. Nein, nichts Neues.“ Er schloss die Akte. Dabei rutschte ein altes Foto zwischen den gelben Blättern hervor und landete auf dem Boden. Inken schnappte es sich und legte es auf den Tisch „Ein Familienfoto“ Wir beugten uns über das alte Bild und erkannten Katharina sofort. Sie saß auf dem Schoß eines bärtigen Mannes. Neben den beiden stand ein kleiner Junge im Matrosenanzug. „Sie hatte einen Bruder“, staunte ich, „da hatte Oma Hanni gar nichts von erzählt.“ „Auf dem Bild ist er höchstens zwei Jahre alt“, schätzte Jörg, “ wenn er noch lebt ist er jetzt etwas über 77.“ Margit grinste: „Nunja, ich wollte mir das beste eigentlich für den Schluss aufheben. Ich war heute im Männerhaus und habe ihn besucht. Er ist fast taub und blind, aber in seinem Oberstübchen ist er noch topfit. Und er brennt darauf, uns zu helfen. Allerdings hat er an den Tag selbst keine Erinnerung mehr. Nur an die Erzählungen seiner Eltern kann er sich noch gut erinnern. Er ist also quasi ein Zeitzeuge.“ „Phantastisch Margit“, quietschte ich begeistert, „Und? Was hat er gesagt?“ „Dass Katharina komische Alpträume hatte, bevor sie verschwand. Und dass sie sich dabei sogar verletzt hat.“ Mir wurde übel. „Ich muss euch was erzählen…“, begann ich und schilderte den Alptraum des Nachmittags. Als ich ihnen den angeschwollenen Fuß zeigte, wurde es sehr still im Raum. „Mist“, sagte Jörg, „Das sieht nicht gut aus. Hast du das deiner Mutter gezeigt?“

„Niemals“, entgegnete ich, „Dann wäre ich eingesperrt in meinem Zimmer.“ „Vielleicht wäre das gerade gar nicht die schlechteste Lösung“, beharrte Jörg. Ich schüttelte den Kopf und schmollte. „Lass uns weiter schauen“, bat ich.

Jörg hob die zweite Akte vom Stapel und schlug sie auf. „Der zweite Fall war ein Karl Olheim, 8 Jahre alt. Er verschwand am 20 Juli 1900. Er war mit Freunden im Kalbecker Busch spielen. Sie müssen die Zeit vergessen haben, denn er ist erst gegen 20 Uhr zurück gegangen. Am Waldrand haben sie sich getrennt. Danach hat ihn niemand mehr gesehen. Da sein Rückweg am Teich eines Bauern vorbei führte, hat man auch hier Ertrinken vermutet. Der Teich wurde leer gepumpt. Das Kind war nicht zu finden.“ Mich überlief eine Gänsehaut „Sommer, Wasser, da gibt es ein Muster. Ich saß an unserem kleinen Teich und im Traum war auch Wasser, da war ich am alten Arm.“

„Nimm die nächste Akte“, befahl Margit. sie war ganz blass und hielt verkrampft den kleinen Bleistiftstummel in der Hand.

Jörg klappte die aktuelle Akte zu: „Olga van Tochelen, 7 Jahre, verschwunden am 1. August 1913. Sie war mit zwei Freundinnen unterwegs. Sie hatte etwas abseits Blumen gepflückt und war auf einmal weg. Die Uhrzeit wussten die Kinder nicht. Sie haben noch eine Weile gesucht und gedacht, dass Olga alleine nach Hause gegangen wäre. Erst zu Hause haben sie erfahren, dass sie verschwunden ist.“

„War Wasser in der Nähe?“, fragte ich tonlos. „Da steht nichts davon“, sagte Jörg und suchte in der Akte. „Die Mädchen waren in der Innenstadt unterwegs.“ „Da gibt es genug Wasser“, wandte Inken ein. „Hier ging die Polizei von einem Sittlichkeitsverbrechen aus“, fuhr er fort, “ es wurde sogar jemand fest genommen.“ „Und?“ „Nix Und. Er hat nie gestanden und starb zwei Jahre später in Haft.“

„Die letzte Akte, bitte“ Jörg schaute mich besorgt an und nahm sich den dünnen Ordner.

„Heinrich Jörgens, 7 Jahre, verschwunden am 29. Juli 1938 bei einem Spaziergang mit seiner Großmutter am Schwanenteich. Sie hatte ihn einen Moment aus den Augen verloren, hat sie zu Protokoll gegeben. Auch hier wurde ertrinken vermutet.“

Er las weiter. Seine Augen weiteten sich: „Wieder aufgetaucht am 6. August 1938. Einweisung in die örtliche Krankenanstalt.“

Alice

Fortsetzung folgt

Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Roman

Nachtmahr

Fortsetzung von Alte Leute

Es war frustrierend. Ich hatte mir so viel von den Gesprächen mit den alten Nachbarn versprochen und das Ergebnis war niederschmetternd. Margit legte nun doch tröstend den Arm um mich und hörte auf zu grinsen. „Nimm’s nicht so schwer. Ich habe so Einiges raus bekommen. Am besten wir gehen kurz nach Hause und treffen uns nach dem Abendessen bei Inken. Dann hat Jörg sicher Zeit für uns.“

Sie drückte mich kurz, schwang sich auf ihr Rad und flitzte davon. Langsam rappelte ich mich auf und trottete nach Hause. Die restliche Schokolade versteckte ich in meiner Hosentasche, meine Mutter musste das nicht unbedingt mitbekommen.

Zu Hause war alles ruhig. Es war immer noch nicht kühler geworden in meinem Zimmer. Ich schaute in meinem untersten Schreibtischfach nach dem Katzenfutter. Jetzt bräuchte ich nur noch zwei Näpfe. Vielleicht würde mich die kleine Katze ja wieder besuchen kommen. Bis zum Abendessen war noch etwas Zeit. Ich legte mich aufs Bett und versuchte etwas zu lesen. Nachdenken tat gerade eher weh.

Ich nickte ein und begann zu träumen.

Ich war draußen, unten nahe dem alten Nebenarm der Niers, der nur nach starken Regenfällen noch Wasser führte. Es war dunkel, kein Mond und keine Sterne waren zu erkennen. Von dem kleinen Erlenwald rund um den alten Arm ging ein sanftes Leuchten aus. Wie magisch zog es mich an und so setzte ich Fuß vor Fuß obwohl ich diesen Bereich nie betreten durfte. Es war morastig dort und man erzählte sich, dass dort schon ein Mann ertrunken wäre bei Hochwasser. 

Ich hatte Angst und doch konnte ich nicht widerstehen. Ich betrat den Hain und sah die Wasseroberfläche leuchten. Jeder Schritt, den ich näher trat, vergrößerte meine Angst, und doch konnte ich nicht stehenbleiben. Meine Füße wollten in das schlammige Wasser eintauchen, meine Hände wollten das Leuchten erkunden, das aus der Tiefe heraufzuscheinen schien. Meine nackten Zehen berührten die Wasseroberfläche. Sie war angenehm warm und fühlte sich lebendig an. Mein rechter Fuß tauchte ein und ich spürte einen körperlichen Sog, der mich aus meiner Trance riss. Ich zog mit all meiner Kraft den Fuß zurück, doch das Wasser umklammerte ihn wie eine große starke Hand. Ich griff nach einem alten Baumstamm und versuchte mich daran festzuhalten. Mein Mund öffnete sich zu einem Schrei, doch nichts war zu hören. Ich geriet in Panik als ich spürte, dass das Wasser bis zu meinem Knie gekrochen war. Ich fiel hin und versuchte die Böschung hoch zukriechen, riss büschelweise Gras aus und bohrte meine Hände in den schlammigen Untergrund. Auf einmal wurde es um mich herum hell, die Wolken(?) waren wohl beiseite gezogen und das Licht eines wunderschönen Vollmonds erleuchtete die Szenerie. Noch einmal zog ich mit Kraft, wand mich auf dem maschigen Boden, da ließ der Sog nach.

Und ich erwachte, schreiend, schweißüberströmt. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich mich im Bett aufsetzte. Meine Mutter riss die Tür auf und rannte zu mir. „Was ist passiert, Alice? hast du dich verletzt?“, fragte sie erschreckt und tastete meinen Körper nach möglichen Verletzungen ab. „Ich hatte einen Albtraum“, weinte ich und kuschelte mich in ihren Arm, „aber ich bin nicht verletzt.“

„Alles gut“, sagte sie und strich mir über die Schulter, „nur ein Traum, der kann dir nichts tun.“ Sie stand auf und tätschelte noch einmal meine Wange. „Ich hole was zum Naseputzen. Am besten du wäscht dein Gesicht. Wir wollen gleich essen.“

Sie verließ kurz den Raum und brachte mir ein Stofftaschentuch. Ich schneuzte mich geräuschvoll und sie verließ den Raum in Richtung Küche.

Als ich aufstehen wollte, konnte ich den rechten Fuß kaum belasten. Ich sah an mir runter und stellte fest, dass mein Bein bis über dem Knie schleimig nass war. Rund um den rechten Knöchel konnte ich eine rote Schwellung feststellen. Es sah aus, als hätte mich eine große Hand dort sehr fest gehalten.

Ich begann zu zittern. Was war das? Es war doch nur ein Alp gewesen, ein schlechter Traum.

Alice

To be continued

Fortsetzung Die Fälle