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Tag 83/365 – Fabulieren

Gestern Abend, kurz vor dem Einschlafen, hat sich mein Kopf in diesem Wort verhakt. Ein schönes Wort,  so ein sanfter Name für etwas sehr Wichtiges. Fabulieren, Geschichten erzählen, erfinden, weitergeben, sich etwas ausdenken, vielleicht mit einer kleinen Moral versehen oder einem dicken Stinkefinger.
Von Geschichten wird der Bauch nicht voll, wird kein Haus gebaut, kein Tier gejagt, kein Wasser gefunden. Trotzdem sind Geschichten so alt wie die Sprache.
Warum lassen wir uns so gerne Geschichten erzählen? Egal ob durch Bücher,  Filme, gesprochene Texte oder sogar Bilder? Wenn es doch so offensichtlich nicht zum Leben notwendig scheint. Warum hat damals  am Feuer ein alter Mann die Stimme erhoben und von seiner Jagd auf den berüchtigten Säbelzahntiger erzählt? Und maßlos übertrieben? Warum hat er Details dazu erfunden, den Tiger größer,  sich stärker und die Situation gefährlicher gemacht? Der Rest des Dorfes wird an seinen Lippen gehangen haben, eine leichte Gänsehaut an den Armen. Und später werden sie ihren Kindern von dieser Jagd erzählt haben und die dann wieder ihren Kindern.  Und jedes mal hat sich ein neues Details eingeschlichen.
Wir haben ein ganzes Universum in unseren Köpfen, ach, was sag ich, wir haben unendlich viele davon in unseren anderthalb Kilo weicher grauer Masse. Wir können Sie anzapfen und ganze Welten entstehen lassen, Menschen,  Tiere,  Landschaften erfinden. Zeit und Raum, die uns hier so strikt begrenzen, gibt es da nicht.
Ich habe damals in der Grundschule gemerkt bei den ersten Aufsätzen, die wir schreiben mussten, wie gerne ich Geschichten erzähle. Mein Grundschullehrer, den ich sehr schätzte, hat mich damals sehr ermutigt. Und auch, wenn der Spaß daran lange geschlafen hat, jetzt ist er wieder ausgebrochen und ich spüre, wie gut mir das tut.
Wann hat es bei euch angefangen, mit der Lust am Geschichten erfinden? Wer hat euch Mut gemacht, euch gelobt, euch unterstützt? Erzählt es mir, ihr dürft ruhig ein bisschen dazufabulieren!
Alice

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ABC-Etüde – Der Preis

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von der Geschichtszauberei und lautet : Café, beißen, verdorben.

Für die Verleihung wurde ein kleines Café ausgesucht. Der Veranstalter hatte sich verkalkuliert, denn alle Plätze waren besetzt und es kamen immer noch Leute. Rasch angeheuerte Hilfskräfte schleppten Stühle herbei und kochten Kaffee. Die schmale improvisierte Bühne wurde eng umlagert. Die lokale Tageszeitung hatte zwei Leute geschickt.

Er saß in der ersten Reihe und fühlte sich unwohl. Er wusste wohl, dass er für diesen Preis hoch gehandelt wurde. Die Menschen machten ihn nervös. Ihre Stimmen krabbelten durch seinen Kopf wie Ameisen. Er spürte es wie Jucken auf seiner Haut. Er trug seinen besten Anzug und hatte sogar seine Scheu vor dem Friseur überwunden. So saß er da, geschniegelt wie am ersten Schultag und schwitzte.

Die Veranstaltung begann mit einem kleinen Klavierstück. Es war schrecklich, sorgte aber dafür, dass das Stimmengewirr weitgehend verstummte. Der Veranstalter betrat die Bühne und begrüßte das Publikum. Er erklärte den Grund der Zusammenkunft als würde er vor Erstklässlern stehen und fand dann einige Worte zu der Geschichte des Preises.

Er wurde immer nervöser und nahm kleine Bissen von seinem Croissant, das er sich aus Verzweiflung geholt hatte, dass aber nun wie Kleister in seinem Mund klebte.

Der grausame Pianist spielte noch ein Stück, dann kam der Veranstalter zurück, diesmal in Begleitung einer Dame im Abendkleid. Sie rissen ein paar Witze, die niemand hören wollte und spielten mit dem pinkfarbenen Umschlag herum, den er mit den Augen fixierte.

Würde er gewinnen, wäre das ein perfekter Karriereschub. Würde er verlieren, wäre alles verdorben. Das Stück Teig klebte immer noch an seinem Gaumen als die Dame mit ihrem pinkfarbenen Fingernagel den Umschlag aufschlitzte.

Als sein Vorname fiel, sprang er schon auf, der Blätterteigklumpen rutschte in den falschen Hals und verkantete sich dort ungünstig.

In seinem Nachruf wurde nichts von dem Preis erwähnt.

Alice

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Tag 82/365 – Gelbe Zettel

Ich bin vergesslich und zwar nicht nur ein bisschen. Ich vergesse Termine, überschreite regelmäßig irgendwelche Fristen, Namen lösche ich, sobald die Person aus meinem Blickfeld verschwunden ist, einkaufen ohne Einkaufszettel grenzt an Lotto und notwendige Anrufe verjähren manchmal. Bücher kann ich dreimal lesen und sie sind immer noch spannend, bei Filmen merke ich oft erst nach 45 Minuten, dass ich ihn schon mal gesehen habe, Gesichter erkenne ich wieder, weiß aber nicht mehr, ob es die Kassiererin bei meinem Stammaldi oder die Sprechstundenhilfe meines Arztes ist.

Dabei leide ich bestimmt an keiner Frühform irgendeiner Demenz. Andere Sachen, so Unnötiges, nicht im Alltag Überlebenswichtiges tackert sich sofort an meinen Hirnstamm und ist kaum auszuradieren. Ich weiß, wie viel Teilchen in einem Mol eines Stoffes sind, kenne den Wärmeausdehnungskoeffizienten von Stahl, alte Musicalstars und habe so viel unnützes Wissen, dass ich damit Bücher füllen könnte.

Terminkalender wären eine feine Sache, wenn ich nicht vergessen würde, die Termine einzutragen – und zwar korrekt. Die auf jedem Handy installierte App muss auch gepflegt werden, sonst bringt sie nichts.

Erst gestern habe ich wieder einen Termin verschwitzt. Der Anruf des Opfers war peinlich, aber ich kenne so was ja.

Man merkt sich zuerst, was einem wichtig ist, dann das, was einen ärgert und vergisst, was einem egal ist.

In meinem Leben scheinen viele Dinge unwichtig zu sein, entscheidet zumindest mein Kopf. Dass es mir egal ist, ob die Dame, die mir auf der Einkaufsstraße entgegen kommt, bei Aldi oder beim Arzt arbeitet, ist banal. Andere sind zumindest ärgerlich, manchmal auch teuer, wenn ich Mahngebühren bezahlen muss oder eine vergessene Behandlung trotzdem in Rechnung gestellt wird.

Ich versuche mir mit gelben Zetteln zu helfen. Diese kleinen Blöcke liegen jederzeit überall griffbereit und pflastern einen gut einsehbaren Bereich in meiner Küche. Das hilft mir zwar nicht beim Namen merken, macht die leidige Terminjonglage aber erfolgreicher.

Es sei denn, ich habe mal wieder vergessen, wo ich den Kuli hingelegt habe.

Alice

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Meine Pfeife, deine Pfeife

Sie wischt die Böden. Eigentlich ist es nicht wirklich schmutzig, aber er hat es gerne sauber, wenn er nach Hause kommt. Sie hasst es, wenn sie so denkt. Ihm einen tollen Empfang bereitet, weiß, dass er nur knurrend ins Bad gehen wird und danach essen. Sie hasst es, wenn sie sein Bier kalt stellt, das Abendbrot so zeitig richtet, obwohl sie gar keinen Hunger hat, seine Leibgerichte kocht, die sie nicht mag. Sie verabscheut es, seine schmutzigen Sachen einzusammeln, die er selbstverständlich auf dem Weg ins Bad auf dem sauberen Fußboden verteilt. Er seine dreckigen Schuhe erst auf halber Strecke auszieht und sie den Wischer gleich nochmal rausholen darf. Sie ekelt sich vor seiner benutzten Unterwäsche, die er im Badezimmer liegen lässt und die sie aufheben und waschen darf.

Sie ärgert sich, wenn sie ein schlechtes Gewissen hat, weil sie seine Schokolade beim Einkaufen vergessen hat und er sie enttäuscht anschaut. Es tut ihr dann so leid, dass sie in der Küche was Leckeres für ihn bereitet, obwohl sie lieber den Film gucken würde.

Sie wird wütend, wenn er nach der Sportschau mit ihr schlafen möchte aber pflichtschuldigst lächelt sie und stöhnt, so dass er zufrieden ist. Es ekelt sie und sie verschwindet, wenn er schläft, im Badezimmer um ihn aus sich herauszuwaschen.

Sie schleicht herum, wenn er sonntags seinen Mittagsschlaf macht, verlässt das Haus nur dann, wenn er nicht da ist. Er könnte sie ja brauchen, etwas suchen, hungrig sein.

Ihr wird übel, wenn er ihr dreckige Witze erzählt und sie darüber lacht, besonders laut über die frauenfeindlichen.

Während er im Bad ist und sich wäscht, räumt sie also seine Kleidung weg, stellt die Schuhe auf das kleine Kunststofftablett vor der Haustür, wischt die Dreckspuren vom hellen Laminat und geht in die Küche, um Abendessen zu machen.

Er hat sich sein Leibgericht gewünscht. Angeekelt fischt sie das fettige Fleisch aus dem Topf und richtet es auf dem Teller an. Auch für sich legt sie eine Portion zurecht. Genau die richtige Größe, dass er ihr nicht vorwerfen kann, dass sie es meidet, aber auch nicht so viel, dass er einen Grund hat über ihren dicker werdenden Hintern zu lästern.

Sie öffnet den Schrank und holt das Pulver heraus, das sie heute im Baumarkt gekauft hat. Geschmack- und geruchlos steht da drauf. Sie mischt eine gute Portion in seinen Kartoffelbrei. Es soll schnell wirken und schmerzlos sein, steht auf der Verpackung.

Er isst schnell, wie immer. Grunzt nur, als sie ihn fragt, wie es schmeckt.

Als die Wirkung einsetzt, guckt er sie erstaunt an, versteht nicht, warum sein Herz auf einmal so stolpert. Sie beobachtet ihn ruhig und hält seine Hand. Dann geht sie in die Küche und holt sich ihre Portion.

Alice

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Tag 81/365 – Foggy

Ich komme gebürtig vom Niederrhein und da ist das normal. Frühling und Herbst sind Nebeltage. Hier an der Grenze zum Münsterland ist das deutlich seltener. Als ich gerade aus dem Fenster sah, brauchte ich einen kleinen Moment um das Gesehene einzuordnen. Dicker weicher Nebel liegt über der Stadt, blendet das Licht noch aus, lässt die Bäume wie dunkle Schatten wirken.

Er hat was Zauberhaftes, was Verwunschenes, deckt die Welt zu, dämpft die Geräusche, macht alles diffus und unklar. Er schwebt manchmal als tiefhängende Wolke in Baumkronen, bildet ein Tor durch das man fahren kann oder eine Wand, die die Welt verschluckt. Ich kann nicht mehr sehen, bin allein, isoliert, auf mich zurückgeworfen, verschwunden in einer watteweichen Landschaft, wo die Konturen sich in Wassertröpfchen auflösen.

Der Wind wird kommen und die Pracht weg wehen oder die Sonne wird ihn aufsaugen und dann sind alle harten Schatten wieder da. Und wir auch.

Alice

PS : Allen Autofahrern, bei denen der Blick aus dem Fenster das gleiche Bild zeigt, seid vorsichtig und ich gehe jetzt meine Kamera laden😊

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Wuchernder Wahnsinn

„Der Wahnsinn ist stark in unserer Familie“, das sage ich gerne, wenn mal wieder jemand irritiert guckt, wenn wir an der Kasse bei Aldi Türmchen bauen aus Würstchendosen, ich im Baumarkt auf dem Lastenträgerdings, das immer so schwer zu lenken ist, herumgefahren werde oder (ganz schlimm) Titanic darauf imitiere.

Das Leben ist ernst und es fällt mir oft sehr schwer. Manches Mal so sehr, dass ich nicht mehr genau weiß wo anfangen und wo aufhören. Ich Wunden lecke, die längst verheilt sein sollten, aber immer noch vor sich hinschwären, ich mein Spiegelbild verabscheue, alles in Frage stelle, weglaufen möchte.

Dann hilft er, der Wahnsinn, die fette Portion Verrücktheit, die mich durch den Alltag trägt.  Aus Schmerz Lachtränen zaubert und mir eine Weile Ruhe schenkt.

Ich bin gut darin Witze zu machen, jemanden zum Schmunzeln zu bringen, den Clown zu spielen, mich selbst zu veräppeln. Der traurige Clown? Bullshit! Wenn ich so bin, bin ich glücklich, bin ich bei mir. Ein wenig überdreht, ein bisschen zu viel, ein bisschen zu laut, aber ich.

Leid tut es mir manchmal hinterher, wenn die Achterbahn wieder auf Talfahrt geht. Ein ausgeglichener Mensch werde ich wohl nicht mehr.

Wahnsinn, Verrücktheit, Spinnereien, was wären wir ohne sie? Ich könnte zum sonoren Klang der Kettensägen meine Rasenkanten schneiden, meinen SUV in der Auffahrt polieren oder die längst sauberen Böden wischen, in einem nine-to-five-Job untergehen, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein, wissen, wo mein Platz ist, nichts in Frage stellen, niemals zweifeln.

„Der Wahnsinn ist stark in unserer Familie“. Der Spruch ist aus irgendeinem Film, ich fand ihn passend damals, er passt immer noch.

Alice

Und zum Zuhören

https://anchor.fm/alice-wakenfield/episodes/Wuchernder-Wahnsinn-e3g8g7

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Tag 76/365 – Trödeln

Ich vertrödle gerade viel Zeit. So würde meine Mutter das nennen. Ich sitze und schreibe und lese, eine Tasse Kaffee, nein lieber zwei, dann noch eine Zigarette, obwohl es ungesund ist. Tut mir leid, es geht nicht anders.

Was getan werden sollte, bleibt liegen, füllt die ToDo-Liste weiter, bis ich umblättern muss. Vielleicht wird sie ja mal ein Buch. Ich würde es kaufen, wenn es nicht von mir ist. Nur um zu sehen, was andere nicht geschafft haben. Dann würde mein Gewissen nicht so klopfen und kratzen.

Trödle nicht, die Arbeit macht sich nicht von allein.

Ich könnte die Spülmaschine ausräumen, aber wozu. Es ist früh an einem Sonntagmorgen und obwohl ein langer Tag vor mir liegt, wird es am Ende wieder eng werden.

Auf der ToDo Liste sind einige Punkte rot markiert. Rot heißt “ hab ich versprochen“, da muss ich mich drum kümmern. Und auch wenn ich die Versprechen freiwillig gab, baut sich ein unangenehmer Druck auf. Ich würde lieber rumgammeln.

Dabei entspricht das gar nicht meiner Natur. Ich, die ich dauernd Ideen habe für Projekte und Pläne für Umbauten, Renovierungen, Konzepte, schau sie mir nur an und möchte wieder ins Bett gehen. Serie gucken, faulenzen.

Depression sagt man. Ja, ist klar, strukturierter Tagesablauf, konsequent dran halten, Teufelchen im Hinterkopf ausschalten, nach vorne schauen und nicht trödeln.

Jede Aufgabe, die vor mir liegt, gibt mir einen kleinen Adrenalinschubs, aber nicht den netten, den fiesen mit Herzrasen und feuchten Händen. Schaff ich Das? Wird es gut, wird es reichen, vergesse ich nichts, ich fange besser gar nicht an. Wie, schon so spät? Shit! Jetzt aber schnell, schnell. Ist nicht so gut? Egal, muss reichen.

Die Woche schaffe ich gerade, gut, dass Freitag frei ist. Ein Tag wird durchgeschlafen, dann ist der Rest des Wochenendes zu schaffen. Was ist das bloß für eine Krankheit?

Manchmal ist es besser, wenn die Sonne scheint, zum Beispiel. Dann ist der Drang, etwas zu tun, stärker als die Müdigkeit. Dann bin ich ein bisschen zufrieden mit mir. Ist es dunkel, bin ich müde und kann trotzdem nicht schlafen – oder nur so halb.

Trödle nicht, wer soll es denn sonst tun, wenn nicht du.

Würden die ToDo-Listen verbrennen, ich wäre nicht traurig. Es ist so viel zu tun, ich weiß sowieso nicht, wo ich anfangen soll. Ich mache das, was geht oder worauf ich gerade Lust habe. Der Rest muss warten. Manchmal kümmert sich jemand anders. Dann bin ich hin- und hergerissen zwischen Freude und Scham. Wieder nichts geschafft. Aber einen Text oder zwei oder drei.

Das Geschirr steht immer noch in der Spülmaschine. Wird es auch später noch.

Alice

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Tag 72/365 – Altern

Heute ist ein schöner Tag. Trotz Schonwiedersturm und langem Arbeitstag, gibt es heute was zu feiern. Mein Ältester wird 23 Jahre alt. Das bedeutet Geschenke, Kuchen, einen Restaurantbesuch. Ich merke selbst gar nicht so sehr, wie ich älter werde. Gut, der Spiegel sagt es einem manchmal unmissverständlich. Und auch die irritierten Blicke beim Friseur, wenn man dann doch mal die eine Seite des Kopfes gerne auf 3mm hätte.

Ich merke das Altern aber auch an einer Veränderung meiner Haltung zu manchen Situationen. Bei jugendlichem Blödsinn, wie ich ihn tagtäglich erlebe, bin ich viel gelassener geworden. Dumme Gedanken, schräge Ideen, blöde Witze, alles gut, wenn man dann mal einen Moment laut lachen kann. Solange es auf Niemandes Kosten geht, ist alles bestens. Politisch korrekt bin ich nur im Job. Es gibt nichts, was nicht zumindest mal gedacht werden darf.

Über Anderes schüttle ich mittlerweile den Kopf, will es nicht verstehen. Zum Beispiel die Selfies. Und ganz besonders die nachbearbeiteten Duckfacedingsbums. Da kriege ich eine Gänsehaut.

Heute morgen bot mir ein blaues soziales Netzwerk einen potentiellen Kontakt an. Ich schaute rein, ob ich die Person kenne und erschrak. Abgesehen davon, dass ich sie glücklicherweise eben nicht kenne, miaute mich eine Katze an mit überdimensionierten Augen und einer zum Knutschmund verzogenen Schnute. Da steht mir der Kaffee schnell Oberkante Unterlippe. Zusätzlich waren mindestens 10 kg quasi per Zaubertrick entfernt worden. Ich wünschte, das wäre so leicht.

Ich bin nicht mehr allzu viel auf der blauen Wunderseite. Mir geht diese ewige Selbstdarstellung, die bar jeglicher Realität ist auf den nicht vorhandenen Sack. Und aus dieser zusätzlichen Anonymität heraus wird gehetzt, was das Zeug hält.

Diese Mischung aus Lüge und Gemeinheiten kann ich immer weniger verstehen und immer weniger ertragen. Ich kann mich da raus ziehen, schau vielleicht noch ab und an mal aus Langeweile rein und ignoriere die Selfies und Nickeligkeiten. Meine Söhne wachsen aber in so eine Welt hinein, wo das normal ist.

Abgesehen von einem wunderschönen Geburtstag, wünsche ich meinem Sohn, dass er in seinem Leben möglichst wenig mit diesem Schwachsinn konfrontiert wird. Ich wünsche ihm nette, wohlmeinende Menschen, denen Aussehen und Außenwirkung weniger wichtig sind als Charakter und Intelligenz.

Vielleicht hört ja eine gute Fee meine Wünsche.

Habt einen schönen Tag.

Alice

Nachtrag: unterm Strich läuft dieser Tag doch nicht so entspannt. Das Migränewetter hat mich auf den Weg zur Arbeit ereilt. Mittlerweile geht es so langsam wieder. Ich hoffe ernstg, dass sich langsam der Frühling durchsetzt ….

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Stillleben mit Mensch

Ich beobachte gerne, vor allem Menschen. Ich mag es, ihnen beim Reden zuzusehen, ihr Mienenspiel, ihre Gestik, ihr Lachen oder ihren Ärger zu sehen, auch und besonders ohne zu wissen, um was es gerade geht. Sie führen für mich einen stillen Tanz auf, den nur ich sehe, nur für mich. Ich mag es, wenn sie den Kopf neigend zu überlegen scheinen, ihrem Gegenüber leicht die Hand auf den Arm legen, den Kopf lachend in den Nacken werfen.

Ich beobachte, wie sie sich begegnen, vor sich stehen, zugewandt oder abgeneigt, man kann sehen, wer wem wirklich lauscht, wie sie zueinander stehen. Ich mag es, ihrer Choreografie zuzuschauen, wie sie den Raum durchqueren mit großen Schritten mitten durch oder tänzelnd tippeln. Ist ihr Haupt erhoben, nachdenklich geneigt, sind sie bei der Sache oder in einer Traumwelt versunken, schon zehn Schritte voraus oder blicken sie zurück?

Ich mag es, dem alten Mann zuzusehen, der vor sich hin singend und redend durch die Fußgängerzone geht, ins Gespräch mit einem imaginären Partner vertieft oder vielleicht einem geliebten Menschen, der schon voraus gegangen ist. Der alten Frau, die gelangweilt auf der Parkbank sitzt, vor sich hin starrt, aufgegeben hat oder einfach nur müde ist.

Ich mag es, Menschen zu begegnen, einen Blick aufzufangen und ein Lächeln zu schicken, einen kleinen Sonnenstrahl an einem grauen Alltagsmorgen. Zu sehen, wie ihr Rücken ein wenig gerader wird weil sie sich gesehen fühlen, wahrgenommen in dieser kalten Zeit.

Ich mag es, Kinder zu sehen, die selbstvergessen im Spiel, in ihrer kleinen Welt sind aus dem keine Regel und Vorschrift sie herauszuholen vermag.

Ich möchte dann die Zeit anhalten, den inneren Auslöser drücken, das Negativ entwickeln und einen Abzug für mein Fotoalbum machen. Den Augenblick konservieren und das Gefühl, das es bei mir auslöste.

Alice

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Sei nicht kindisch!

Ein Lösungsansatz

Seit ich heute morgen meinen „Frühstückstext“ Reflections hier veröffentlicht habe, grüble ich über die Umsetzung nach. Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, schreibe ich neben meinen Krimis und meinen humorvoll sarkastischen Lebensbetrachtungen eine Menge über mich. Ihr habt quasi die Einladung, mich ein wenig zu begleiten bei dem, was ich über mich und meine Abgründe erfahre. Sollte euch das zu viel werden, einfach weiterblättern.

Aber zum Thema. Für uns als erwachsen die Welt erlebend, ist der Ausspruch, der heute als Titel herhalten muss, ein Vorwurf, eine Kritik. Wir sollen ernsthaft sein, pflichtbewusst, mit beiden Beinen im Leben stehen, blablabla…

Sicherlich ist das ganz häufig notwendig, aber doch nicht immer. Häufig können wir doch fünfe gerade sein lassen, und einfach uns wieder an das Gefühl erinnern, wie wir uns als Kind in dieser Situation gefühlt hätten.

Verpflichtung? Kein Gedanke! Verantwortung? Heute nicht! Du musst? Nix muss ich!

Außer spielen!

Als Kind habe ich mich bei vielen „Erwachsenendingen“ einfach verkrümelt, mich zurückgezogen, zumindest innerlich, mich in das Reich der Phantasie gerettet. Körperlich zwar anwesend, hat sich mein Geist um das gekümmert, was mir wirklich wichtig war – und das hatte nichts mit Pflichterfüllung zu tun.

Wenn ich an Zeiten in meinem Leben denke, an denen es mir wirklich gut ging, ich mich frei und stark fühlte, waren sie im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass das Pensum an Verantwortung, die ich zu tragen hatte, recht klein war. Ich war damals nur mir verpflichtet oder lebte in einem Szenario, wo die Aufgaben überschaubar waren, ich mal Fehler machen durfte, ich mir keine Sorgen ums Scheitern machte. Es lief und ich fühlte mich gut und sicher.

Leider neige ich dazu, Verantwortungen, auch die eigentlich nicht meine sind, in mein Leben zu ziehen. Und dann wird es eng. Eine Weile schaffe ich das auch, fühle mich stark und erfolgreich damit. Doch das kippt irgendwann, wie ein Aquarium, in das man zu viel Futter tut. Es gärt, es brodelt, es wird schwarz und stinkt. Die Seele darin erstickt und der Körper fängt an zu streiken.

Vor Verantwortung und Pflichten kann ich nicht davon laufen. Die gehören zum Erwachsenenleben wie die daraus erwachsenen Rechte. Aber ich kann abwägen, was wirklich meins ist und was ich mir nur freiwillig ins Leben geholt habe. Und in diesen Bereichen darf ich los lassen, kindisch, frei sein.

Und wenn dann einer sagt “ Du musst“, sage ich „nö“, drehe ihm eine lange Nase und gehe spielen.

Alice