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Tag 128/365 – Gewissensfrage

„Sag Gretchen, wie hältst du’s mit der Religion?“ Glaubst du an eine höhere Macht? Kannst du Schicksal akzeptieren? Oder gehst du regelmäßig an das Wegekreuz und gehst einen Pakt mit dem Teufel ein? Versuchst du, zu bestechen, zu verhandeln? Oder beugst du den Kopf und vertraust darauf, dass alles gut wird?

Zu früh für diese Frage? Zu tiefgründig, zu persönlich?

Eindeutig, vor allem, da es keine Antworten gibt. Für mich nicht. Eine höhere Macht? Eindeutig, aber sicher nicht im Sinne eines alten Mannes, eines Vaters, der auf einer Wolke sitzt. Eine Kraft, die viel größer ist als alles Vorstellbare schon. Aber vertrauen, dass alles gut wird? Damit tue ich mich schwer. Egal wohin ich blicke, gehen Dinge schief, sterben Menschen, leiden Kinder, Unglücke passieren und nichts schützt mich davor, ebenfalls in diesen Strudel zu geraten.

Vor ein paar Jahren ist ein Flugzeug abgestürzt mit einer halben Schulklasse aus meiner Heimatstadt. Wäre manches anders gelaufen, hätte einer meiner Söhne mit an Bord sein können und ein anderer Junge ist nur durch ein Losverfahren dem entkommen. Ich weiß nicht, ob er jetzt zwei mal im Jahr Geburtstag feiert. Einschläge kommen, können kommen und ich bin oft versucht, Kreuzungen aufzusuchen, zu versprechen, zu verzichten, zu beschwören dass diese Kelche doch bitte an mir vorübergehen. Bisher hat es geklappt, immer zog das Gewitter an mir vorbei.

Doch was ist, wenn das einmal nicht funktioniert? Wer trägt dann die Schuld?

Ich, die ich meine Seele an die Angst verkaufte und dann doch irgendwann entspannte und den Augenblick genoss? Die sagte, dass es jetzt perfekt sei und doch bitte so weiterlaufen soll und damit den Teufel, das Schicksal auf den Plan rief?

Kann ich es nicht vielleicht doch aufhalten, wenn ich meinen Kopf weiterhin vor dem Dunkel beuge?

„Sag Alice, wie hältst du’s mit der Religion?“

Ich weiß es nicht.

Alice

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Überrasch‘ mich

Pusteblume

Komm, überrasche mich, zeig mir mal eine neue Seite, ein anderes Gesicht, eine fremde Facette. Mach doch mal etwas andersherum, fang hinten an und schau, was sich ergibt, dreh die Welt auf den Kopf und schüttle sie. Was rausfällt gehört dir.

Lass zur Abwechslung mal fünfe gerade sein, vergiss alles, was du gelernt hast und sei für einen Augenblick nur neu. Staune mit offenem Mund, betrachte eine Blüte wie sie sich entfaltet. Ihr beide braucht Zeit dazu.

Lege die unruhigen Hände in den Schoß. Tue einen Moment nichts und spüre ihm nach. Erfahre, wie die Ruhe deine Arme hochkrabbelt, warm wie Sonnenstrahlen deinen Körper erfasst. Erschrick nicht, lasse zu, dass es dir gut tut.

Und jetzt steh auf und tanze, singe ganz laut dabei. Mach dir einmal keine Sorgen, was die anderen denken. Die sind nur in deinem Kopf so streng. Lache mit ihnen über die schiefen Töne. Lache über dich wie ein Freund, der dir alles verzeiht.

Komm, überrasche mich. Lass die anerzogenen Zwangsjacken fallen und schäme dich nicht deiner Blöße. Lege Panzer um Panzer ab und betrachte dich. Sieh das spielende Kind, den aufbegehrenden Teenager, den gebrochenen Erwachsenen und lerne sie kennen, unvoreingenommen wie einen Fremden. Mache dich dir vertraut und lerne, dass du die Kettenhemden verbrennen darfst. Lasse das Freudenfeuer niederbrennen.

Überrasch‘ mich, sei du!

Alice

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Paradox

Wir suchen,was wir verabscheuen, wir brauchen, was wir hassen, wir formen, was wir verachten.

Anstatt uns mit dem zu umgeben, was uns weiterbringt, unser Herz zum Singen, uns jeden Tag glücklich sein lässt, umgeben wir uns mit Aufgaben, die uns alles abfordern, denen wir kaum gewachsen zu sein scheinen. Und tun es dennoch freiwillig, leiden, klagen, schreien lieber als uns zu befreien, weiterzuziehen. Damit nicht genug. Ist augenscheinlich alles gut, ruhen wir nicht eher, bis wir dunkle Bilder erzeugt haben, das Unangenehme gefunden, das Gehasste kreiert, um dann endlich zufrieden unzufrieden sein zu können.

Eine Frau bekommt ein Kind, ein gesundes, intelligentes kleines Mädchen. Da ist viel Neugierde, viel Talent, viel Energie, ein Dickkopf, ein Temperamentsbündel. Doch anstatt die Energie des Kindes in gesunde Bahnen zu lenken, es zu fördern, bremst sie sie, entmündigt es nach und nach, nimmt ihr alles aus den Händen, bis auf die wenigen Bereiche, wo sie die Energie des Kindes braucht. Das Kind wird hilflos, weil die Mutter es so will. Und dann wird dem Kind genau das zum Vorwurf gemacht, es sei eine Last, unselbstständig, teuer, sie, die arme Mutter müsse sich um alles kümmern.
Eine Frau trifft einen Mann, beide sind nicht mehr ganz jung, ein wenig zu alt für Babys, aber noch viel zu jung um alleine zu bleiben. Der Mann ist erfolgreich, hat ein Haus, einen guten Job, managt alles prima alleine. Die Frau beginnt, ihm alles aus den Händen zu nehmen, lässt ihn nicht mehr kochen, obwohl er das liebte, hätschelt ihn und beklagt sich irgendwann gehässig über seine Unselbstständigkeit, dass sie ihn, inzwischen Rentner und komplett entmündigt, nicht alleine lassen kann. Sie hasst es, dass er ohne sie nichts kann und braucht es dennoch.

Ein Mann nimmt einen Job an. In den ersten Monaten reißt er so viel Verantwortung an sich, wie nur irgendwie möglich. Zu Beginn sind die Kollegen irritiert, dann erfreut, dass sie ihren Job nun wesentlich entspannter angehen können. Nach einiger Zeit beginnt er zu klagen, jammert, dass er alles alleine machen müsse. Dabei haben die anderen inzwischen gar keine Chance mehr. Zu allem Überfluss ist sein Ablagesystem so speziell, dass nur er da durch steigt.

Alle drei haben bekommen, was sie sich wünschten. Doch keiner ist glücklich. Paradox, oder?

Alice

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Einfach weitergehen

Hier ist der Start, da ist das Ziel. Dazwischen liegen ein paar Meter, eventuell auch ein paar mehr, ganz schön viele, wenn ich es genau betrachte. Schätzen kann ich es nicht. Es könnte durchaus sein, dass ein paar Umwege dazukommen. Die Strecke ist ziemlich unübersichtlich. Schon bald kommt eine Kurve, dann geht es in den Wald. Was mich dahinter erwartet, kann ich nicht sagen. Halten wir einfach fest, es ist weit.

Ich trage gute Schuhe, die sind bereits perfekt eingelaufen. Auch meine Kondition reicht, vermute ich zumindest. Das Wetter ist stabil, weder zu warm noch zu kalt. Alles bestens, was die Voraussetzungen angeht.

Doch ich weiß jetzt schon, dass sich Hindernisse auftun werden. So leicht wird es nicht. Da werden Situationen auftauchen, Menschen vielleicht, die wollen was und reden mit mir, sprechen mich an, wollen, dass ich anhalte, nur für einen Augenblick. Sie haben eigene Ziele, hätten sie, wenn sie diese nicht schon vor langer Zeit aus den Augen verloren hätten. Sie strecken ihre Hände aus, zeigen sich bedürftig, appellieren an mich, wünschen sich Hilfe, ihren Weg wiederzufinden. Doch das kann ich nicht. Mein Herz bricht fast, wenn ich sie sehe, doch da ich nicht ihr Ziel habe, weiß ich nicht wohin ich sie schicken soll. Nehme ich sie mit, klammern sie sich an mich, zerren an mir, bremsen, stellen fest, dass es nicht ihre Straße ist und versuchen mich auf Seitenwege zu locken. Irgendwann schüttle ich sie ab, wenn alles gut geht. Wenn nicht, verliere ich mein Ziel aus den Augen. Dreimal um sich selbst drehen um der Fremden Weg zu suchen und meine Orientierung ist weg.

Das ist schon oft passiert. Dann musste ich zurück, hab fast den Start nicht mehr gefunden. Viel Zeit und noch mehr Energie verpufft. Doch diesmal nicht.

In meinem Kopf wiederhole ich zum Rhythmus meiner Schritte immer wieder zwei Worte.

Einfach weitergehen.

Alice

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Wen wir vermissen

Sonnenuntergang über Industrieanlagen

Einen Teil des Lebens abgeschritten zu haben, quasi in der Mitte stehend, sowohl nach hinten, als auch nach vorne schauend, habe ich das Bild dieser endlos langen Straßen in den USA vor Augen, die mich gleichzeitig ängstigen und faszinieren. Vorne und hinten Horizont, um einen herum endlose Weite, vielleicht unterbrochen von dem einen oder anderen abgerissenen Dornbusch. Da stehe ich nun und blicke zurück.

Da waren Menschen auf meinem Weg, nicht wenige, was die Zeit halt so mit sich bringt. Da waren Mitschüler, Kollegen, Kommilitonen. Da waren Freunde, Bekannte, Leidensgenossen auf die eine oder andere Art. Mit manchen verband einen sofort eine innige Sympathie, andere luden ein, Abstand zu halten.

Sie kamen und gingen, wie Straßenschilder auf diesem endlos anmutenden Weg, manchmal nahm man dann eine Abzweigung, fuhr ein Stück mit ihnen und ließ sie gehen an anderen Kreuzungen.

Einige hatten die Kraft, mich zu beschleunigen, das beste aus mir herauszuholen, andere zogen ununterbrochen meine Handbremse, ließen mich schlingern, verlangsamten meine Fahrt. Einige streuten mir Sand ins Getriebe, andere hielten besseren Kraftstoff bereit oder halfen mir bei der Reparatur, wenn ich mal liegen blieb.

Sie sind nicht mehr da. Einige, wenige sind inzwischen verstorben, die meisten hat die Zeit getilgt und sie fahren inzwischen andere Routen.

Schaue ich zurück sehe ich ihre Meilensteine, die sie, grabsteinähnlich am Rand meines Weges hinterließen.

Es gibt ein paar, die ich vermisse.

Um ich schließe mit einem Zitat meiner Lieblingsband (hier dürft ihr raten)

„Es ist gut, wie es war und es ist gut, wie es ist.“

Alice

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Tag 105/365 – Totpunkte, Wirkungsgrade und Co.

So ein stinknormaler Ottomotor ist eine interessante Maschine. Und damit meine ich noch nicht einmal die hochgezüchteten Motoren von heute, sondern es reicht das Modell, das ursprünglich mal auf dem Reißbrett am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist.

Das Prinzip dürfte allen bekannt sein. Chemische Energie wird in Bewegungsenergie umgewandelt und dabei wird das Umwandlungssystem warm und das liegt nicht nur daran, dass eine Verbrennung stattfindet. So ein System ist nicht reibungsfrei, so sehr man sich auch bemüht, das zu verhindern. Überall berühren sich Bauteile, bewegen sich aneinander vorbei, dadurch entsteht Wärme. Diese Wärme ist erstmal nicht nutzbar, ist zwar kein Verlust, weil sie ist ja da, aber niemand hat etwas davon. Für die Reibung, beziehungsweisedie Wärmeerzeugung wird ein Teil der chemischen Energie verbraucht, der sonst für das Rollen der Räder zur Verfügung stände. Es kommt am Ende demnach weniger nutzbare Energie raus, als ich rein gesteckt habe. Das ist der Wirkungsgrad.

Der Kolben, in dessen oberen Bereich das Kraftstoffgemisch gezündet wird bewegt sich linear, also von oben nach unten, zwischen den so genannten Totpunkten. Dass trotzdem die Räder rollen, wie sie sollen, hängt mit der Kurbelwelle und den zwischen ihr und den Kolben montierten Pleuelstangen zusammen.

Ein tolles System, heutzutage nutzt es jeder, der ein Auto hat.

In meinem Leben habe ich eine begrenzte Menge Energie zur Verfügung. Sie ist davon abhängig, was ich zu mir nehme. Nicht nur, was und wie viel ich esse, sondern auch die Qualität meiner körperlichen und seelischen Nahrung spielt eine Rolle, meine Oktanzahl.

Je mehr Reibungspunkte mein Leben hat, je stärker es mich ausbremst, desto weniger kommt bei meinen Rädern an, es verpufft irgendwo im System.

Mein Kolben bewegt sich zwischen oberen und unterem Totpunkt. Bin ich ganz oben, findet dort die Zündung statt, Schwung kommt in mein Leben, es expandiert, beschleunigt. Das bleibt aber selten dauerhaft so, auf eine gute Zeit folgt eine weniger gute und wir kommen manchmal am unteren Ende an. Die Räder, die bereits in Schwung sind, bringen uns dennoch weiter und wenn wir nicht die Bremse ziehen und das Leben seinen Lauf nehmen lassen, wird es auch wieder besser.

Was lehrt mich das? Ich muss auf die Qualität meines Brennstoff achten, Reibungspunkte minimieren und darf zuversichtlich sein, dass auf einen Tiefpunkt wieder ein Hochpunkt folgt, wenn ich einfach weitermache.

Einen energiereichen Tag wünsche ich euch.

Alice

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Einfachheit

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich es sein lassen, mir meine eigene Zeit zu stehlen und ich hörte auf, große Zukunftsprojekte zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Freude bereitet und mich glücklich macht, Dinge, die ich gerne tue und die mein Herz zum Lachen bringen – und ich tue sie auf meine Weise und in meinem Rhythmus. Heute nenne ich das Einfachheit.

Charlie Chaplin

Ein schwieriger Text für mich, zu lang zum Gestalten, hake ich inhaltlich an vielen Punkten. Einfacher wäre es, wenn ich einfach zehn „Neins“ und „Nicht“ einfügen würde, dann wäre ich ungefähr bei mir angekommen.

Ich bin ein Zeitdieb und ich füttere meine Zeitdiebe, die grauen Männer mit den Zigarren; ich entwerfe Zukunftsprojekte, die nicht zu schaffen sind, messe mich an einer Leistungsfähigkeit, die in Wahrheit niemanden interessiert. Ich tue manchmal, was mir Freude macht und ab und an lacht mein Herz tatsächlich (auch wenn ich dann immer denke, das ist er, der Infarkt), aber selten auf meine Weise und nie in meinem Rhythmus.

Mein Leben ist nicht einfach, es ist kompliziert.

Wobei ich über den Text ein Gefühl entwickelte, fremd wie eine uralte Erinnerung. Ich als Kind. Nicht das flüchtende ängstliche, sondern das versonnen im Gras sitzende, im Spiel verlorene, denn das gab es natürlich auch.

Dieses Gefühl, frei zu sein von den Zwängen, den Vorgaben, den Rhythmen der Menschen um mich herum, einfach desinteressiert zu sein und nur auf die eigene Weise zu existieren, war lange weggesperrt.

Ich werde es hervorholen, abstauben und ins Regal setzen. Und wenn das Leben mich wieder mal überrumpelt und ich mich begeistert überrumpeln lasse, den Tanz der anderen mittanze oder mich an ihnen messe, nehme ich es in die Hand, erinnere mich und mache meine eigene Musik an.

Alice

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Gutenachtgedanken 2.0 – Respekt


Als ich mich selbst zu lieben begann, verstand ich, wie sehr es jemanden beeinträchtigen kann, wenn ich versuche, diesem Menschen meine Wünsche aufzuzwingen, auch wenn ich eigentlich weiß, dass der Zeitpunkt nicht stimmt und dieser Mensch nicht dazu bereit ist – und das gilt auch, wenn dieser Mensch ich selber bin. Heute nenne ich das „RESPEKT“.

Charles Chaplin

Respekt, ein großes Wort. Früher wurde uns eingetrichtert, vor Älteren Respekt zu haben, vor dem Lehrer, dem Doktor, Respekt hieß still sein, zuhören, zu folgen, freundlich und höflich sein, auch wenn die Menschen es vielleicht nicht verdienten. Wir wurden konditioniert, zu kuschen. Mit echtem Respekt hatte das wenig zu tun.

Mit den Jahren lernte ich Menschen kennen, die ich respektieren konnte. Und irgendwann kapierte ich dann auch, dass jeder Mensch Respekt verdient, dass es kein Vorrecht bestimmter Personen ist, das für sich einzufordern.

Respekt bedeutet für mich, Menschen nicht unter mich zu stellen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, sie nicht anzulügen und zu betrügen, mit ihnen gut umzugehen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen das auch zu spiegeln.

Zur Selbstliebe gehört auch der Respekt mir gegenüber. Mir die Zeit und den Raum zu geben, den ich brauche. Nichts von mir zu verlangen, wozu ich nicht bereit bin. Sanft zu mir zu sein, meinen Bedürfnissen Folge zu leisten.

Alice

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Gutenachtgedanken – Authentisch

Als ich mich selbst zu lieben begann, erkannte ich, dass Seelenschmerz und emotionales Leid nur Warnzeichen dafür sind, dass ich entgegen meiner eigenen Wahrheit lebe. Heute weiß ich, das ist authentisch sein.

Charles Chaplin

Das ist die erste Strophe des Gedichtes, das Charles Chaplin anlässlich seines 70. Geburtstages am 16.4.1959 auf seiner Feier vortrug.

Authentisch sein als Akt der Selbstliebe. Was bedeutet das? Was bedeutet das in der heutigen Zeit?

Schaue ich mich auf Instagram oder Facebook um, sehe ich wenig Authentisches. Es plöppen Selbstbilder auf, Selfies genannt (für die es einen Stock gibt, ach möge doch der Stock wie der Knüppel aus dem Sack über sie kommen), die nichts authentisches haben. Es sind optimierte Bilder, die mit Apps verfeinert in die Welt gejagt werden. Eingezogener Bauch, gerecktes Doppelkinn, aufgerissene Augen und Knutschmund. Herr Chaplin hätte darüber gelacht und seinen Job an den Nagel gehängt, hätte die Wirklichkeit ihn doch weit überholt.

Im Duden finde ich dazu: „den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig“.

Wer stellt sich heute noch den Tatsachen entsprechend dar? Wer traut sich in einer Gesellschaft, die auf das Optimum ausgerichtet ist? Die übersieht oder belacht, was nicht den Idealen entspricht? Die ein Bild vom Menschen zeichnet und erwartet, das nicht erfüllt werden kann?

Liest man die Posts, findet man nur gute, geschickte und kluge Menschen. Niemand macht Fehler, man kann, man weiß, man hat. Man wähnt sich im Paradies, alle sind perfekt.

Mich heute anzunehmen, wie ich bin, ist schwerer denn je. Meine Schwächen, äußerlich und innerlich sind mir bekannt, doch dazu stehen in dieser überkritischen Welt ist ein mutiger Schritt. Bevor ich es wage, echt zu sein, muss ich das mögen, was ich sonst gerne verbergen würde.

In seinem Film „Ein König in New York“, ein spätes Werk ohne das bekannte Bärtchen, unterzieht er sich als König einer Schönheitsoperation. Er lässt seine Falten entfernen und besucht Tage später mit seiner Begleitung eine Komödie. Er darf nicht lachen, da ansonsten die Fäden sich lösen könnten. Er kämpft, ringt um Fassung, doch irgendwann bricht das Lachen aus ihm heraus. Die Nähte reißen und er sieht aus wie vorher.

Für mich ein schönes Bild, mit dem ich jetzt auch schließen möchte.

Gerne möchte ich eure Gedanken dazu hören.

Alice

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All die Geschichten

Sie sind doch sicher alle schon einmal erzählt worden, die Geschichten, die Märchen, die gruseligen und die fröhlichen, die traurigen, ja, die bestimmt. Die ganzen Geschichten von Liebe und Hass, von Mord und Verzweiflung, von Träumen und brutalen Realitäten, von Sehnsucht und Erfüllung, von den Suchenden und den Findenden, und die von den Geschichtenerzählern, die hat doch schon mal jemand formuliert, aufgeschrieben, vielleicht sogar gesungen oder gemalt.

Warum sitzen wir dann hier und tun es trotzdem? Inspiriert von einem Fragment in unserem Kopf lassen wir einen Film ablaufen und suchen Worte, um zu beschreiben, was wir sehen, fühlen, riechen. Dann lesen wir die Geschichte, freuen uns darüber, dass sie da ist, wie ein lang ersehnter Freund, der mal wieder zu Besuch kommt.

Und dann schicken wir sie in die Welt hinaus, lassen sie Kreise ziehen, vielleicht ein bisschen Freude bringen.

Und auch wenn diese eine Geschichte schon hundert mal erzählt wurde, ich habe es noch nie gemacht. Für mich ist sie neu wie frisch gefallener Schnee, aus dem meine Hände den ersten Schneemann bauten. Neu, wie ein Samenkorn, das gerade aufgegangen ist. Sie trägt ein wenig von mir in sich. Ich packe ein paar schöne Erinnerungen mit rein, ein wenig Schmerz, eine Prise meiner Sehnsucht, einen Teelöffel voll mit meiner Angst. Eine große Portion Lachen, ein bisschen was Abgründiges, nicht zu viel, sonst wird es bitter. Und dann umrühren, abschmecken und genießen.

Ich liebe meine Geschichten, sie sind wie meine Kinder. Und ich liebe auch all die anderen, die ich hier lese, weil ich spüre, dass sie auch mit Liebe und ganz viel Herzblut erzählt wurden. Und ganz egal, wie oft das Thema schon beschrieben wurde, es ist doch jedes Mal neu.

Alice