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Support? Du nicht!

Die Kopfschmerzen haben sich verzogen, die ersten Klientenfragen sind beantwortet, die tägliche Rudereinheit absolviert. Ich schwitze ab und denke über die Klarheit nach, die der Sport mir bringt.

Ausnahmsweise lasse ich mich da nicht stören, reagiere unwirsch auf Fragen oder Ansprache. Vor und zurück und jeder Schweißtropfen löst etwas in mir.

Ich erinnere mich, erinnere mich an den Ballettunterricht mit 5, an die strenge Lehrerin, die meine Mutter einmal zur Seite nahm und über das kleine pummelige Mädchen sagte, dass ich Potential habe. Natürlich etliche Kilos leichter und mit viel Training, aber ich hätte das nötige Gefühl und die gute Muskulatur. Meine Mutter schüttelte den Kopf und lächelte verschämt. Ihre Tochter beim Ballett? Die soll doch nur etwas dünner werden.

Mit sieben schrieb ich Aufsätze in der Schule, der Klassenlehrer war begeistert, immer wieder durfte ich meine Geschichten vorlesen. Er prognostizierte meinen Eltern eine literarische Karriere. Sie schüttelten lächelnd den Kopf und hörten nur gute Noten.

In der fünften Klasse wurde ein lokaler Künstler unser Kunsterzieher. Er schlug meinen Eltern vor, mich auf eine spezielle Schule zu geben, die mein Talent fördert. Sie schüttelten lächelnd den Kopf. Ich male auch, sagte meine Mutter und flirtete ihn an.

Wenn nie einer glaubt, dass man etwas kann, außer ackern, dann glaubt man es irgendwann selbst nicht mehr. Selbst gute Leistungen stellen nicht zufrieden.

Und glaubt man nicht an sich, dann tun es andere auch nicht.

Aber es geht nicht um die Vergangenheit, sondern um meinen Antreiber, der mich bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt und sucht. Irgendwas muss ich doch können, und wenn das jemand erkennt, dann werde ich sicher unterstützt, etwas daraus zu machen. So bin ich auf der Suche, getrieben mit einem Rest Verzweiflung und immer auf den Beweis aus, dass ich doch mehr kann, als ackern.

Alice

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Augen auf

Schon wieder wach, schon wieder um drei statt zu einer vernünftigen Uhrzeit. Der Versuch, sich einfach weiter einzurollen scheiterte und jetzt sitze ich hier, trinke den ersten Kaffee und versuche herauszufinden, was mir den Schlaf raubt.

Dinge, die nicht funktionieren gehören dazu. Der fehlbelichtete Film von gestern wurmt mich, doch so relevant ist das nicht, dass es mir den Schlaf rauben könnte. Die fehlende Kommunikation, die mich heute im professionellen Sektor etwas unsicher sein lässt, vielleicht. Die Termine, die mir aufoktroyiert wurden und von denen ich nur einen tatsächlich einsehe, eventuell. Das Strampeln, etwas hinzubekommen und nie zufrieden zu sein, mit Sicherheit.

Augen auf. Gerade würde ich lieber anderes schreiben, mich zynisch mit dem auseinandersetzen, was mir aufstößt, mich wieder auf das Fabulieren einlassen, unbedarft jonglieren mit Worten und Farbe. Doch ich krampfe, versuche und bin einfach unzufrieden. Es hakt an allen Enden und jede Handlung, die mich aus diesem Totpunkt herausholen soll, scheitert. Ich schaue verschämt zur Seite, verstecke, statt zu zeigen, was da ist. Es reicht nie, mir nicht.

Jede leise Kritik wird mit einer Verdopplung der Energie beantwortet. Ist die eine Baustelle ausgeräumt, kommt sofort jemand mit einer neuen um die Ecke. Mach du, ich kann nicht, kann nichts dafür. Mein Ärger wird mit Unverständnis registriert, ändern tut sich nichts. Am Ende landet die Aufgabe bei mir und die Verantwortung für das Scheitern anderer ebenfalls.

Ich sehe es und weiß noch keine Handhabe dagegen. Immer dasselbe, ich langweile mich gerade selbst, wenn die Gedanken sich drehen und ich immer vor der verschlossenen Tür stehe und nur daran kratze.

Ich habe es versucht, mit Ruhe und Abstand, ich habe die Hobbies gepflegt, gelernt, organisiert, mir Raum gegeben. Doch besser geht es mir nicht damit.

Ich bin nicht gut zu mir, nicht gut genug, so lange das, was ich schaffe, nicht reicht. Immer mehr, brüllt eine Stimme in mir und ich gebe ihr nach, will die beste, die schnellste, dir tollste sein. Und scheitere locker flockig an jeder selbstaufgestellten Hürde.

Ich beneide die, die sich morgens an ihr selbst gefertigtes Häufchen stellen, ein Foto davon machen und sich bei instagram damit feiern lassen. Selbstgemacht, ich, schaut her und die Welt antwortet adäquat. Ein Zeichen unserer Zeit vielleicht und doch auch ein gesundes Gefühl für die eigene Leistung. Und wenn etwas nicht klappt, zucken sie mit den Schultern und gehen ins Wochenende. Sie haben genug getan, Basta. Nur ich, ich kann nicht schlafen, sorge mich um die Lücken, die jemand anderes hinterließ.

Ich lade mir die Verantwortung der Welt auf die Schultern. Irgendwann mache ich die Augen zu und dann? Rückblickend ist das keine so tolle Bilanz.

Alice

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Unangenehm auffallen

Gestern war ein schräger Tag. Er war mit Sorgen gespickt wegen der kleinen Katze und auch sonst mit Unwägbarkeiten gefüllt. Gegen fünf sollten wir anrufen.

Ich sah zu, dass ich zeitig aus dem Atelier raus war, erwartete fast, die kleine Katze schon anzutreffen. Doch Pustekuchen, die Ärztin nicht zu erreichen, die Arzthelferin ahnungslos.

Wir telefonierten erneut um sechs, da war die Ärztin im OP, die Helferin weiterhin ahnungslos.

Um sieben das gleiche Spiel. Es würde noch etwas dauern.

Gegen acht klingelte mein Telefon und die Ahnungslose war dran, richtete Gemeinplätze aus und halbe Infos. Da platzte mir der Kragen, ich machte darauf aufmerksam, dass es eine Unart sei, die Halter der Patienten immer weiter zu vertrösten, nicht erreichbar zu sein und keine anständigen Infos zu hinterlassen. Rückrufe anzukündigen und nicht zu führen ärgerte mich ebenfalls. Ich bat sie, das weiterzugeben und grollte.

Dem Mann war ich unangenehm, er mag solche Konfrontationen nicht. Mir ist das – ehrlich gesagt – scheißegal. Denn rund zehn Minuten später rief mich die Ärztin an und gab mir die Information, die ich brauchte. Natürlich war sie nicht froh darüber und bat mich, meine Beschwerden an sie statt an die Helferin zu richten. Doch sie habe ich ja nicht erreicht. Das war ja das Problem.

Solche Situationen haben wir hier häufig. Manchmal halte ich widerwillig den Mund, wenn der Mann bremst. Doch es hat Auswirkungen. Ich bin naturverrückt und habe keine Probleme, jemanden zu konfrontieren. Und selbst, wenn ich als Widder manchmal über das Ziel hinausschieße, ich muss die Folgen ja auch ausbaden.

Meinen Eltern war meine direkte Art immer unangenehm, sie schämten sich, wenn ich den Lehrer darauf hinwies, dass ich es nicht mag, wenn er mit dem Rücken zu mir auf meinem Tisch sitzt (Grundschule und ja, ich habe ihn in den Po gekniffen) oder eine Klassenkameradin, die meine Mutter sehr schätze, aus dem Haus warf, weil sie einfach unverschämt zu mir war.

Solche Situationen machen mich klein. Ich habe dann doch nicht das dicke Fell, das ich gerne hätte. Sondern nur ein spinnwebfeines, das nach außen wirkt, wie ein Titanpanzer. Die Kritik trifft immer.

Zu derb, zu laut, zu frech, zu stark, zu …

Als dann später die Nachbarn ihren neuen Whirlpool anwarfen (übrigens sehr süße liebe Nachbarn, die habe ich nämlich auch) und ich rasch Splish-Splash anmachen wollte, damit sie im Hintergrund die passende Bubbelmusik haben, schaute der Mann schräg und ich ließ es.

Die Hand durfte er nicht mehr auf mein Bein legen, den Abend lang. Und heute muss ich darüber nachdenken.

Aber hier liest er gerade nicht und deshalb gibt es….

Alice

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Unsere Küche faucht

Nachts um vier den neuen Kaffeevollautomaten anzuwerfen, ist sportlich. Er macht einen Höllenlärm, dampft und faucht, dass selbst die Katze neidisch wird. Und der Kaffee ist gut, da gibt es keine Diskussion.  Nur ein bisschen wenig kommt pro Tasse raus, da muss ich noch die passende Einstellung finden. Extragroß und extrastark ist für mich immer noch zu knapp.

Schlaf ist schwierig gerade, alles ist schwierig. Die Outdoorkatze ist schon eine Weile nicht mehr aufgetaucht. Ich mache mir Sorgen.  Es wäre die fünfte Katze,  die nicht wiederkommt und so langsam habe ich die Nase  voll. Hier in der Nachbarschaft verschwinden dauernd Katzen. Und auch, wenn mir bewusst ist, dass Freigänger gefährlich leben, hier ist ein ruhiges Wohngebiet.  Ich tippe auf einen taubenzüchtenden Arschlochnachbarn oder eine Katzenomi, die der Meinung ist, Freigänger darf man einfach behalten.  Egal wer, sollte ich ihn erwischen, gibt es mehr als Ärger.

Die Narben jucken. Die im Außen und die im Innen. Dabei habe ich außen nicht so viele. Nur zwei alte Platzwunden am Hinterkopf ärgern mich. Alt sind sie, doch manchmal entzünden sie sich noch ein bisschen. Krumme Haarwurzeln, die nicht Ruhe geben wollen. Und dann juckt der Schädel, als wenn alte Gedanken ausbrechen wollen.

Ich kenne diese Zeichen und ich mag sie nicht. Es sind Muster, die sich dauernd wiederholen.  Mein Therapeut sprach vom Kollisionsprinzip nach Willi. Kurz gefasst, sucht sich jeder seine persönliche Hölle aus. Ausbruch zwecklos, es holt einen immer wieder ein.

Dabei kenne ich die Mechanismen inzwischen sehr gut, schaffe es von Zeit zu Zeit sogar, sie zu unterbrechen. Doch wenn verschiedene Faktoren zusammenkommen, bricht der Widerstand zusammen, Erschöpfung macht sich breit und ich gebe auf. Und dann ist es jedes Mal gleich.

Erst mache ich noch ein paar zaghafte Versuche, dann werde ich unglaublich wütend und am Ende gebe ich auf. Gerade bin ich in Phase drei und sehe, wie mir alles entgleitet. Ich fange an, wichtige Dinge zu vergessen, schaffe kaum mein Alltagspensum, der Job, obschon gerade sehr okay, ist zu schwer, zu viel und zu anstrengend, ich werde nervös, kann kaum noch schlafen und plötzlich bin ich ganz unten.

Mir stellt sich gerade die Frage, wie ich diesen Kreislauf unterbrechen kann. Es ist ein Gedankenrondell beim Gegenpart, das sauber, wie ein Zahnrad bei mir greift.

Eine Mischung aus Verlustangst und Alibiarbeiten tritt an die Stelle dessen, was eigentlich sein sollte. Die Symbiose ist schädlich, doch sie ist vertraut und gibt Sicherheit. Ich trage da meinen Teil genauso dran, wie die anderen, obwohl ich nicht will.

Das eigene Wachstum wird aufgegeben für die gegenseitige Abhängigkeit, wir bleiben klein und verharren in Unmündigkeit. Ich schrumpfe und verliere wichtige Fähigkeiten, Leistung wird sicherheitshalber sabotiert. Das ist nicht gut.

Und jetzt sitze ich hier und lasse in regelmäßigen Abständen die Maschine fauchen. Der Kaffee schmeckt immer noch und das Haus schläft. Ich muss an den großen Hebel und ihn wieder umlegen.

Alice

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Rückfälle

Draußen donnert es und ich schwitze. Das ist nicht mein Wetter, das ist nicht mein Lebenskonzept. Der Rückfall ist gut zu erkennen, er zieht sich durch alle Lebensbereiche.

Ich empfinde es als gruselig, wie schnell die Talfahrt war, wie rasch alles kippt, wenn es mal nicht so rund läuft, meine kleinen Lebenselexiere für ein paar Tage wegbrechen.

Ich beobachte üble Gedanken und weiß nicht, woher sie kommen. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, nur viele kleine, die objektiv betrachtet keine sind.

Ich stelle fest, dass mich Vieles nervt. Menschen sind gerade ein Problem und welche, die sich selbst für ihr Häufchen Kacka loben, so richtig. In meinem Leben haben sich ein paar dieser Sorte breitgemacht, fordern und kriegen nix gebacken, hinterlassen bei mir aber das Gefühl von Unzulänglichkeit.

Ich kriege es nicht hin, mich toll zu finden. Nur, wenn ich produziere, geht es einigermaßen. Da liegt der Hase im Pfeffer und wenn ich dann auch noch erlebe, dass es sich Viele gut gehen lassen und darauf vertrauen, dass ich schon die Kohlen aus dem Feuer hole, wird es übel. Das Abgrenzen ist schwer, ich kriege es nur in Ansätzen hin.

Wie gerne würde ich mich in meine Arbeit versenken, mich endlich mal wieder dem Flow hingeben, doch hier ist es zu laut. Zu viele Forderungen, zu viele Störungen. Es fühlt sich an wie mangelnde Wertschätzung, ist es wahrscheinlich auch. Es ist leicht, mir den Schneid abzukaufen, viel zu leicht, wenn man nur ignorieren muss.

Am Ende will ich nur eins und weiß doch, dass es unsinnig ist. Die letzte Anerkennung von den ersten Menschen. Nie war ich okay, nur, wenn es lief, bekam ich ein Stückchen davon.

Viele Menschen, die mir später begegneten, tuteten ins selbe Horn, ganz intuitiv fanden sie die Schwachstelle.

Ich möchte mir keine Gedanken mehr darüber machen, möchte Frieden mit mir schließen, das, was fehlte, was fehlt, mir selber geben. Mich einen Tag einfach großartig finden, das wäre ein Anfang.

Ich wünschte, sie würden mich lassen.

Alice

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Noch nicht ganz wach

Es wäre klug, wenn ich mich schon an den Schreibtisch begeben hätte, weil Vorbereitung nicht von allein geht. Doch das Hirn will nicht so wie ich und hängt noch im Halbschlafmodus fest.

Der gestrige Tag ging mir an die Substanz.  Es gibt Aspekte in meinem Leben,  die ich nicht mehr ertrage, die aber offenbar überall so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie zehn Sekunden nach dem Versprechen,  es nie wieder zu tun, erneut passieren.

Mir ist nach Flucht und böse düstere Gedanken schälen sich aus ihren Kellerkäfigen.

Manchmal überlege ich, ob den Menschen,  die diese Narben bei mir hinterließen überhaupt klar ist, was sie da taten. Ich denke, nicht. Ihnen geht es so gut, wie das Karma es zulässt. Und es spielt auch keine Rolle mehr. Nur weinen um sie, das werde ich nicht.

Mir war klar, dass Depressionen in Wellen kommen, dass sie nie weg gehen, bestenfalls kontrollierbar werden. Dennoch erschüttert mich meine aktuelle Gefühlslage. Ich hätte nie gedacht, dass es wieder so weit runtergeht. Vielleicht liegt es daran, dass, egal wie sehr man an sich arbeitet, eben doch im Außen alles so bleibt, wie es immer war. Die Hoffnung, dass die eigene Veränderung Kreise zieht, erfüllt sich nicht.

Vielleicht funktionieren manche nur so gut, weil ihnen das egal ist. Und ihnen das reicht, was sie kriegen.

Ich starte jetzt einfach mal den Tag, nützt ja nichts. Sperre die Düsternis wieder ein und versuche, sie zu ignorieren.

Alice

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Der Prinz hat große Wäsche

Die arme Rapunzel bleibt allein im Turm zurück, Dornröschen hat langsam wunde Stellen vom Liegen, Cinderella schwellen die Füße in den Glasschuhen an und Schneewittchen findet sich mit ihrer WG im dunklen Wald ab.

Der Prinz hat große Wäsche. Er kann leider nicht kommen, um zu befreien, gegen Drachen zu kämpfen, die Hexe zu töten oder Dornenranken zu entfernen.

Wäsche machen mag er, er liebt seine schneeweißen Boxershorts. Das dauert, das kostet Zeit, ist auch wichtig. Also bleibt er in der Waschküche, wo niemand ihn bedroht und wo er sich sicher fühlt. Und wäscht, während die Hilfeschreie hinter den Hügeln verhallen.

Rapunzel macht sich inzwischen selbst ein Seil, Dornröschen trinkt einen starken Kaffee und greift zur Gartenschere, Cinderella zieht die Schuhe aus und tanzt allein im großen Saal und Schneewittchen vergiftet die nervigen Zwerge mit einem kleingeschnittenen Apfel und lebt seitdem allein mit den Tieren im Wald.

Und der Prinz? Der bügelt seine Unterhosen und träumt von all den Heldentaten, die er vollbringt, wenn endlich die Wäsche gemacht ist.

Alice

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Und es war Sommer

Ich mag diesen Song und wenn ich meine Familie fertigmachen möchte, suche ich ihn bei YouTube raus und spiele ihn laut. Dabei mögen sie ihn auch und lachen am Ende mit mir. Er ist halt nicht cool, meinen sie.

Die Hitze kommt wie immer unerwartet. Der bisherige Sommer war mehr nach meinem Geschmack. Die Temperaturen moderat, ab und an tatsächlich Regen. Jetzt ist Hitze angesagt und damit die Handlungsunfähigkeit. Ich kann bei den Temperaturen schlecht denken, sitze in meinem Schweiß und wünsche mir die kühle Nacht herbei. Doch richtig kühl ist es gerade nie.

Logan, unsere dick bepelzte Fellnase leidet und klettert alle fünf Minuten in die wassergefüllte Zinkwanne. Er braucht das, deswegen stehen immer mindestens zwei gefüllte Wasserbecken im Garten. Sonst gräbt er sich ein. Da lege ich nicht so großen Wert drauf. Aus Gründen.

Nachts muss er nicht in seine Schlafbox, auch die ist zu kuschelig. Er genießt es und schafft es, rechtzeitig vom Bett zu hopsen, bevor jemand erwacht.

Das Leben ist seltsam. Gerade stelle ich fest, dass ich mehr Zeit brauche, um mich mit einem neuen Thema auseinanderzusetzen, da grätschen neue Aufgaben in den Rhythmus. Doch vielleicht meine ich das nur. Zeit ist, was ich draus mache.

Ich kenne wen, der beklagt sich dauernd bei mir, dass er ja so gerne dieses oder jenes machen würde, wenn er denn nur endlich Zeit dafür hätte. Steht nichts auf der Agenda, ruht er sich aus und füllt den Tag mit Nebensächlichem. Was okay ist, wäre da nicht der Wunsch, etwas Anderes zu machen, weiterzukommen, sein Hobby auszubauen oder erstmal zu beginnen.

Dann ist er unzufrieden, beklagt sich, ich schlage vor, erstmal anzufangen und das Spiel wiederholt sich. Er ist damit nicht alleine, ich kann das auch, allerdings weiß ich, wer verantwortlich ist, wenn sich nichts ändert.

Meine Zeit, mein Leben. Es ist nicht kurz und es ist nicht lang. Es ist einfach und das ist genug. Ich packe rein, was geht und schnüre mein Paket auf meine Art. Beklagenswert ist genug, ändern kann ich kaum was.

Mein Kopf nähert sich langsam dem Kunstbegriff, das Herz rückt nach. Kunst kommt nach dem Können. Der Drechsler muss viele Schüsseln machen, bevor er das eine Stück Holz sieht und kapiert, dass da noch mehr ist, als eine perfekte Arbeit, dass da etwas zu ihm spricht in der Tiefe. Ich höre das Raunen und traue mich noch nicht so recht.

Und es war Sommer, heute, morgen, der nächste Winter kommt bestimmt.

Alice

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Fortschritt

Sie wird. Im Keller gibt es einen Raum ohne Fenster. Durch verschiedene bauliche Maßnahmen der letzten Zeit haben wir es endlich geschafft, den Mief und die Feuchtigkeit weitgehend vertreiben. Gestern wurde er -sicherheitshalber – noch mit Schimmelschutzfarbe gestrichen. Dann wird es ernst, die Dunkelkammer kann eingerichtet werden.

Schwarzes Molton wartet als Türabdeckung, eine nicht blendende Zeitschaltuhr ist bestellt. Der kühle Keller ist ein erfreulicher Arbeitsraum.

Für den zweiten Raum hat der Sohn sich gemeldet, sein Schlagzeug soll endlich wieder in Dienst genommen werden, es wird also.

Sonst so? Nervosität und kleinere Panikattacken haben mich im Griff. Einkaufen ist kaum möglich, ich meide Menschen. Und es ist so wie beim Sohn, der es auf der einen Seite genießt, nicht zur Uni zu müssen ( weil Menschen und viel und Gewusel, was er nicht verträgt) und ich mir Sorgen mache, weil das Vermeiden es immer schlimmer macht, auch meine Reizgrenze rutscht immer tiefer. Ich weiß das und kann nicht viel dagegen tun.

Schlafen ist schwer, wenn ich mich hinlege, weil mir fast die Augen zufallen, schrecke ich nach wenigen Minuten mit Herzrasen hoch. Bewegung hilft eingeschränkt, doch bei diesem Wetter ist auch das keine gute Idee. Ich mache mir Sorgen, dass meine Chance, zu Hause zu arbeiten, von höherer Stelle gekippt wird. Man liest so viel .

Mir scheint manchmal, der Verstand geht in der Krise flöten, wäre nicht das erste Mal. Tausend Meinungen, Tausend Ideen, gewählt wird die, die den meisten gefällt. Es geht um Politik und Macht, nicht um die Menschen. Das habe ich schon sehr früh gelernt, als die kleinen Fische bei uns ein und aus gingen, sich Aufträge und Pöstchen zuschoben, der Wähler war nur als Stimme wertvoll. Mich kotzt das an, Tschuldigung.

Die Welt dreht sich weiter und niemand weiß, was morgen ist. Ist auch gut so. Jeder Tag der Anfang vom Ende. Klingt grausam, ist es aber nicht, ist einfach real. So Leben, als gäbe es kein Morgen kann aufrütteln. Ich muss noch eine Bucketliste schreiben. Möchte ich schon seit Jahren. Und dann abhaken.

Was wirklich wichtig ist, ist Leben und Lieben und Spaß haben. Vergisst man zu oft.

Ich dreh den Gurken mal das Wasser auf.

Alice

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Bisschen ruhiger

Der gestrige Tag bleibt chaotisch in meinem Kopf, doch am Ende war alles okay. Wie anstrengend der Arztbesuch und die restlichen Aktionen wirklich waren, merke ich an ausgeprägtem Muskelkater. Verkrampft rannte ich rum, kämpfte mich durch diverse Panikanflüge, erledigte trotzdem all das, was notwendig war und komme jetzt langsam zur Ruhe.

Homeoffice steht an und damit kann ich leben. Erstmal zeitlich begrenzt, was okay ist, nachkorrigieren ist immer noch möglich. In der Firma eine Panikattacke zu erleiden ist indiskutabel. Also so. Geht auch.

Sogar Nachtschlaf war möglich trotz unglaublicher Hitze im Schlafzimmer. Doch jetzt ist noch alles kühl und ruhig. Den Tröpfelschlauch für Tomaten und Kürbisse schließe ich gleich an. Hunde und Familienrest schlafen noch, sollen sie.

Hat nebenbei jemand gute Kürbisrezepte? Wir haben ein Hochbeetexperiment mit Klettermöglichkeit geschaffen und die zweite!!! Ernte steht schon bald im Raum. Zur Zeit reifen etwa 15 Hokkaidos nach, teilweise bis zu 3kg schwer. Die erste Ladung liegt bereits kühl im Keller. Ein Kürbisbrot wäre vielleicht eine Idee, dann würden vielleicht sogar alle Söhne zugreifen.

Die Tomaten hängen übervoll, erste reifen. Die Sorten hatte ich noch nie und ein bisschen ärgere ich mich über die vielen gelben Arten. Sie sind nicht so mein Geschmack, zu wenig Säure. Da muss ich im nächsten Jahr bei der Auswahl der Sorten etwas mehr aufpassen. Überraschungspakete sind eben Überraschungspakete, selbst Schuld.

In meinem Kopf ist immer noch etwas Chaos, es wird sich legen. Schreibideen stehen Schlange, damit hatte ich nicht gerechnet. Das Atelier ruft, auch da will etwas aufs Papier, allerdings kein Fuzzie, ich brauche Abwechslung. Und die liebe Fotografie. Ich denke über Portraits nach. Auf dem Geburtstag des Schwiegervaters hatte ich meine kleine Altix dabei. Die Bilder kann ich hier nicht zeigen, aber da war etwas, was mich an eine Intensivierung dieser Richtung nachdenken lässt.

Doch erstmal steht Arbeit an. Auch Homeoffice erledigt sich nicht von alleine. Konzepte reifen, es muss machbar und sinnvoll sein.

Ich verändere mich und das mit großen Schritten. Wo sie mich hinführen, weiß ich noch nicht. Ankommen ist nicht wichtig. Unterwegs sein ist das Ziel.

Alice