Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Dein Wille geschehe…

Nein, kein Vaterunser, auch wenn es das einzige Gebet ist, das ich auswendig kann. Mit einem Vater hat es zu tun und auch einer Mutter, aber mit nichts Wohlmeinendem und eher etwas sehr Realem.

Rücksichtsvoll, hilfsbereit, brav. Diese „guten“ Eigenschaften wurden mir so eingebleut, dass ich sie auch als erwachsene Frau nicht aus meinem Kopf bekomme. Habe ich einen Wunsch, einen Plan, eine Idee, muss ich immer damit rechnen, dass das Jemandem nicht passt. Nicht jetzt, nicht so. Und ich reagiere, lasse fallen, gebe auf, nehme Rücksicht, stelle hinten an.

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Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Psychokram

Tag 283/365 – Hinter dem Vorhang

Ich kann Menschen relativ gut einschätzen. Das zu lernen, war in meiner Kindheit überlebenswichtig. Ich bin damit nicht allein.

Diese erworbene Fähigkeit ist häufig interessant, manchmal auch überaus anstrengend, wenn ich nach wenigen Sekunden weiß, was für einen Spinner/Spinnerin ich vor mir habe und dennoch mit ihm auskommen muss. Immer noch wundert es mich in solchen Situationen, warum nicht alle anderen das auch sehen, Abstand halten.

Sie fallen vielmehr mit Begeisterung darauf herein, suchen die Nähe, lassen sich belügen und wundern sich, wenn es irgendwann gegen die Wand kracht. Nicht mein Problem, natürlich.

In meinem weiteren Umfeld treibt eine Psychopathin ihr Unwesen. Nah genug dran, dass ich sie ab und an beobachten kann, weit genug weg, dass mir nur begrenztes Leid zugefügt wird. Leider kann ich den selbst oberflächlichen Kontakt nicht verhindern.

Bei einem Bevölkerungsanteil von 2-4% wäre es vermessen, zu hoffen, dass solche Menschen nie im eigenen Leben auftauchen. Sie ist auch nicht die erste und wird wohl nicht die letzte sein.

Zu Beginn regte ich mich auf, taten mir ihre verkehrten Verhaltensweisen nahezu weh. Das schiefe, was ich spürte, irritierte mich. Tatsächlich traten Fluchtinstinkte auf. Es hat eine Weile gedauert, bis mir wirklich klar war, was ich da vor mir hatte.

Seitdem beobachte ich mit Abstand, lerne – denn auch das ist wichtig – und amüsiere mich. Sie hat Charisma, ohne Frage und versteht ihre Rolle gut zu spielen. Ihr Umfeld hat sie im Griff. Doch ich beobachte, wie die Schieflage zu anderen durchdringt. Die zunehmende Nähe sie hinter ihre Maske schauen lässt. Sie lernen, das ist gut.

Ich frage mich manchmal, was passiert, wenn sie durchschaut wird. Nicht nur von mir, sondern von allen anderen. Wenn gesehen wird, wie sie agiert, ihre Hemmungslosigkeit bei der Durchsetzung ihrer Ziele offenkundig wird und ihre vielen Manipulationen. Wenn ihr die bescheidene Kleinmädchenrolle niemand mehr abkauft und jeder die eiskalten Augen sieht, während sie mit liebem Lächeln, Unwahrheiten sagt.

Es ist nicht mein Problem. Zumindest nicht allzu sehr. Wobei ihre Anwesenheit schon anstrengend ist. Und offenbar nicht nur für mich. Ist sie nicht da, geht ein spürbares Aufatmen durch die Gruppe. Entspannung macht sich breit.

Man könnte ein Buch über sie schreiben.

Doch dazu ist sie nicht interessant genug.

Alice

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Tag 275/365 – Soft Skills

Pünktlich, höflich, zuvorkommend, freundlich, gewissenhaft, ordentlich, gepflegt, kompromissbereit, teamfähig…

Wir haben es gelernt und wir lehren es. Unseren Kindern, Schülern, Auszubildenen, Praktikanten und was uns sonst so vor die Füße fällt. Wir leben es vor, reißen uns Bedürfnisse antizipierend den Allerwertesten auf, verzichten, beachten, hören zu und stellen uns ganz hinten in die Schlange.

Nicht drängeln, jeder kommt mal dran. Am Ende ist der Topf leer und wir müssen hungrig gehen. Rund um uns herum sind alle satt und zufrieden, nur wir bleiben bescheiden und mit leerem Bauch zurück.

Meine Eltern kannten den Ausdruck nicht, kennen ihn wahrscheinlich heute noch nicht. Doch sie lehrten mich. Intensiv.

Jedes Buch, das ich lese, jeder Text, den ich schreibe wird unterbrochen, sobald jemand mich anspricht. Könnte ja wichtig sein, wichtiger als das, was ich tue auf jeden Fall. Es könnten ernste Sorgen und Nöte im Raum stehen, wichtige Aufgaben oder einfach nur der Wunsch nach Ansprache.

Als die Kinder klein waren, habe ich ihnen häufiger gesagt, dass sie warten müssen, als ich es heute tue. Ich lasse niemanden warten.

Warum eigentlich? Der Rest der Welt, so scheint es mir manchmal, schert sich einen Scheißdreck darum. Dabei gibt es Gründe, die ich verstehen kann. Große Arbeitsbelastung, Stress oder eine angeschlagene Gesundheit, da habe ich Verständnis. Kein Problem.

Nur machen manche eine Sportart daraus, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Es ist ihnen egal, was die anderen denken, ob etwas abgesprochen werden muss, ein Termin ansteht oder das Gegenüber etwas anderes zu tun hat.

Ich beneide sie. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Sie sorgen gut für sich, setzen Prioritäten, halten ihr eigenes Wohl im Auge.

Dass Soft Skills auch ein Dämon sein können, hätte ich nicht gedacht. Ich lerne es gerade und versuche umzuschwenken.

Leicht ist das nicht.

Alice

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Gutenmorgengedanken – Genug

Es soll nun genug sein mit dem Drama, genug mit dem Gezeter, genug vom Jammern (trotz allem auf hohem Niveau), genug von Triggern, Schmerzen, Angst.

Es wird wiederkommen, dann taucht es auch hier wieder auf. Doch gerade ist es vorbei und ich muss es nicht auch noch mit Gewalt festhalten.

Die Katze maunzt vor der Tür, kommt aber einfach nicht rein. Die Hunde schlafen, man soll sie bekanntlich nicht wecken. Gerade habe ich nur begrenzte Lust auf schwanzwedelnde Freude.

Der letzte Arbeitstag rutscht auf mich zu und das ist Herausforderung genug. Beim zweiten Kaffee hänge ich, frisch geduscht, die Haare nass. Der Rest des Hauses hängt in Morpheus Armen. Gleich werde ich einige wecken müssen, obwohl sie sich Wecker stellen.

Ansonsten ist der Mann noch zu Hause, kuriert die letzten Ausläufer seiner Grippe aus. Bisher schlage ich mich trotz Virensturm tapfer. Das darf auch so bleiben.

Würde mir heute eine Fee begegnen und hätte sie auch nur einen Wunsch für mich, dann wäre der, genug Kraft zu haben für ein normales Leben. Kein Lottogewinn, keine Karriere als zweite Rowling, einfach nur Energie für das Leben. Und Spaß daran zu wachsen.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Panik

Wenn ich nicht wüsste, was ich habe, nach der Aktion heute, wüsste ich es genau.

Hinter mir liegt eine hochoffizielle Aufgabe, nach deren Erledigung ich eine Mail erhalte zum Abgleich mit dem Erledigten. Bei der Durchsicht der Mail erschrak ich. Es sah aus, als hätte ich einen Teil des Auftrags übersehen mit für mich nicht absehbaren Folgen für Andere. Ein Fehler, kann passieren, so sagt man – aber nicht mir!

Voller Panik fuhr ich zurück zum Auftragsort, sichtete Unterlagen, nur um festzustellen, dass alles vollkommen in Ordnung ist, ich keinen Fehler machte, ich mich nur verlesen hatte. Die Mail zum Abgleich enthielt auch Informationen, die nicht für mich waren. Hätte ich richtig hingeschaut, wäre der ganze Stress vermeidbar gewesen.

Ein Fehler wäre es gewesen, sowas kann passieren. Niemand wäre zu Tode gekommen, allen wäre es gut gegangen. Etwas unbequem und peinlich wäre es wahrscheinlich für mich geworden. Das hätte ich überlebt.

Jetzt, wo es keiner gewesen ist, kann ich natürlich über meine Dusseligkeit schmunzeln. Doch da ist noch viel mehr. Niemand von denen, die ich panisch kontaktierte – und die es wissen könnten – beruhigte mich. Keiner überlegte, wie man damit umgehen könnte, wenn jetzt tatsächlich ein Fehler passiert wäre. Mein Mann nuschelte ein paar Allgemeinplätze, die noch nicht einmal ein Kind beruhigt hätten. Niemand überlegte mit, stellte sich an meine Seite, war einfach da und sagte mir, dass wir das gemeinsam schon hinbiegen können.

Kann nicht, weiß nicht, geht nicht, betrifft mich nicht. Und ich war nicht mehr 51, ich war fünf. Todesangst hatte ich wegen einer vermeintlichen Nachlässigkeit. Und kein einziger stellte sich dazu, um mit mir gegen die Monster zu kämpfen.

Was soll ich sagen? Dumm gelaufen?

Ja, mindestens.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Gutenachtgedanken – Ab und an

Ab und an bin ich ganz weich. Dann möchte ich den Menschen sagen, wie toll sie sind, wie toll es ist, was sie tun, dass sie was tun. dass sie nicht einfach nur dasitzen und der Zeit beim Verstreichen zusehen, nicht warten, sondern handeln. Dann möchte ich sie umarmen, diese eingepflanzte Distanz fallen lassen, sie spüren, einfach so. Sie fühlen lassen, dass es mehr gibt als Karriere und Geld, mehr als Kaufen, mehr als Scheinen. Das es reicht zu sein, einfach so.

Ich habe Angst, wenn ich so bin, wenn die zynische Zunge weggesperrt ist, die mir die Menschen auf einer erträglichen Distanz hält. Der Spötter ist stark in mir, haltet Abstand, seid gewappnet, ich teile gnadenlos aus, wenn ihr zu nahe kommt.

Eine große Klappe, ein freches Schandmaul, nichts ist mir heilig, wenn die Fluchtwege abgeschnitten sind. Ist es eng, beiße ich.

Ich mag mich nicht, wenn ich so bin. Wenn ich bewusst verletze, um nicht verletzt zu werden, wenn die Schotten dicht sind und alles auf Kampf ausgelegt ist.

So gerne wäre ich weich.

So gerne wäre ich nah.

Tu mir nicht weh, sage ich und weiß, dass er es im nächsten Moment tut.

Irgendwo

dazwischen

wäre

toll.

Alice

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Nachmittagsgedanken – Ich will nicht

Ich sitze hier und bocke. Alle Sensoren sind auf Unlust ausgerichtet. Nichts geht, zumindest nichts Richtiges. Nur so nebenbei und tralala. Eine Geschichte möchte ich wieder schreiben, an den blöden Schreibtisch muss ich (den anderen, den mit der ernsthaften Arbeit), die Küche ist aufräumwürdig, ich weiß noch nicht, was wir kochen sollen und überhaupt will ich nicht.

Da sind Projekte, die bearbeitet werden wollen, heute wäre Zeit gewesen, morgen ist wieder alles eng. Und ich sträube mich, sitze wie damals bei der ersten Blutabnahme unter der Arztpritsche (also ich war fünf, nicht fünfzehn) und weigere mich, mich dem zu stellen, was gemacht werden muss.

Ich kenne das und ich kenne die Folgen und wie ich mich fühle, wenn ich nicht bald da raus krabbele oder mir das Ultrafaule zumindest verzeihe. Doch selbst das Nachdenken strengt mich an.

Stattdessen sitze ich und rauche und grüble, komme nicht weiter und höre verschämt den kränkelnden Mann im Garten arbeiten (da müsste ich auch hin, Sträucher zurückschneiden, doch leider – siehe oben).

Prokrastination trifft es nicht, ich mache ja was. Tippen zum Beispiel, gerade jetzt. Und gezeichnet habe ich. Und schon auch noch etwas mehr getippt.

Nur das musste ich nicht. Das war – tschuldigung – nicht notwendig, diente nur meiner und vielleicht auch eurer Unterhaltung. Könnte auch mal wegfallen, oder gemacht werden, wenn das, was man musste, erledigt ist.

Zu meinem Müssen gehört auch das, was ich gerne mache. Nur wenn ich es muss, mache ich es nicht mehr gerne. Dann kommt Frau Unlust und friert mich ein. Erzählte ich ja bereits.

Das zu wollen, was gemacht werden muss, ist mir abhanden gekommen. Es kommt mir oft abhanden, nur ich verstehe nicht, warum. Denn auch ich bin zufrieden, wenn ich etwas Wichtiges endlich erledigt habe.

Ich bleibe hier noch ein Weilchen sitzen und bocke vor mich hin. Vielleicht kann ich der Sache ja auf den Grund gehen.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Psychokram

Tag 262/365 – Kampfkraft

Sorg dafür, dass es dir gut geht, sag auch mal Nein, oder auch zweimal, tu dir Ruhe an, mach langsam, bleib gelassen, reg dich nicht auf. Gute Ratschläge, ohne Zweifel. An der Umsetzung des einen oder anderen arbeite ich bereits, versuche Sabotage zu vermeiden, sowohl meine eigene, als auch die anderer.

Manches gelingt inzwischen ohne größere Gewissensbisse, an anderen Stellen hakt es.

Es hat sich was getan. Meine Attitüde hat sich verändert. Resignation ist Wut gewichen. Und gerade weiß ich nicht so richtig, wohin damit.

Die letzten Tage waren von Müdigkeit geprägt, irgendetwas brüte ich aus, kein Wunder bei der Grippepest, die bei uns umgeht. Doch da ist noch was Anderes. Ein dickes fettes Ichwillnicht bahnt sich seinen Weg. Und um da etwas Sinnvolles draus zu kreieren, brauche ich Kraft.

Es fühlt sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm, Prioritäten verschieben sich, Ärger brummelt in meinem Hinterkopf. Nein, grunzt es da, so nicht.

Leben spielt sich zwischen Ebenen ab. Ich hab was über mir, was diktiert, und etwas unter mir, was ich diktieren darf. Sie sind nicht fix, aber die grobe Ausrichtung bleibt. Der Preis dafür ist Verantwortung. Mit dem Recht nehme ich auch die Pflicht. Und mit der Pflicht erhalte ich auch das Recht.

Kinder haben das Recht darauf, umsorgt zu werden. Dafür dürfen sie noch nicht alles. Mach du das, weil ich das nicht darf. Dürfen sie mehr, sinkt der Anspruch. So ist das überall. Auf das kleinste Licht muss man aufpassen. Geht es aus, ist das nicht so schön.

Mein Licht flackert, immer noch. Es fällt mir noch sehr schwer, die Kerze am Brennen zu halten. Vor allem, da von allen Seiten gepustet wird.

Da ist es leicht, sich als Opfer zu sehen. Bin ich auch irgendwo. Doch ich bin nicht hilflos, ich bin wütend. Auch wenn offenbar alle der Meinung sind, dass meine Kerze absolut unwichtig ist, sehe ich das nicht so. Für mich ist sie wichtig, denn aufgeben ist keine Alternative mehr.

Das ist gut und es fühlt sich richtig an. Denn egal, wie austauschbar wir in den Augen mancher zu sein scheinen, wir sind es nicht. Nur, wenn wir ihnen glauben, haben wir schon vor dem Kampf verloren.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 5 – Ich und das Monster

Neben dem Geburtstag von Sohn#4, der das ausgewählte Markenjäckchen lieber in eine selbst gewählte Markenjacke umtauschen möchte und mit großem Vergnügen die Pinata zerschlug, war der heutige Schontag ein Zuhausetag.

Dem röchelnden Mann geht es besser, dafür bebrüte ich etwas, das mich schlafen ließ, morgens, mittags, abends. Kein Gedanke an Action, nur zum Therapiegespräch schaffte ich es notdürftig.

Ich bin verkopft, möchte verstehen, warum ich und nicht die Menschen links und rechts von mir, mit diesem elenden Depressionsmüll geschlagen sind und verstand. Verstand das erste Mal die lange Symptomliste, die mich zuerst zu Internisten, später zu Therapeuten trieb.

Ich konnte sie abhaken, ein Symptom nach dem anderen, war ein wenig aufgekratzt und doch niedergeschlagen. Es ist alt und es ist neu. Schon immer war es da, lauerte seit verkorkster Kindheit in einer Ecke, wartete wie das Monster unter der Treppe, dass ich barfuß ohne Sorge die Stufen hinuntersteige und packt aus einer Laune heraus durch die Zwischenräume meinen Fuß. Lässt mich lang hinschlagen und kichert in der Dunkelheit.

Nur ich kann es ändern, es gibt kein Medikament (dass ich eh nicht nehmen möchte), es gibt keinen einfach Therapieansatz, ich muss es ignorieren, lernen zu akzeptieren, dass es nicht da ist, ein Hirngespinst, eine Laune, ein schlechter Witz den ich vor ewigen Zeiten ausbrütete, um mich zurechtzufinden. Ich fütterte es über die Jahre oder ließ es tatsächlich hungern. manchmal wurde es so winzig, dass ich noch nicht einmal seine kleinen Krallen spürte, wenn es auf und ab hüpfend nach mir griff.

Heute ist es groß, es ist gigantisch, hat funkelgelbe Augen und ein blaues Fell. Das Maul ist riesig und die Zähne rasiermesserscharf und spitz.

Jeder Gang in den Keller macht mir Angst und doch zieht es mich hinunter. Es nährt sich von meiner Furcht.

Ich habe beschlossen, den Keller, Keller sein zu lassen. Ich schließe ihn ab und stelle einen großen, schweren Schrank vor die alte Holztür. Dort kann es lauern auf etwas, das nicht mehr kommt. Und wenn es zurückgeschrumpft ist, nehme ich es mir und schmeiße es raus.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Psychokram

Tag 261/365 – Unvorbereitet

Das Leben ist wie eine Klassenarbeit, für die ich nicht vernünftig gelernt habe. Das ist von mir, wahrscheinlich, vielleicht habe ich es aber auch irgendwo gelesen und abgespeichert.

So fühle ich mich häufig. Egal, was ich bedenke oder zu antizipieren versuche. Ich scheitere, muss scheitern, weil ich nunmal kein Schachspieler bin, der den zwanzigsten Zug vorausahnen kann, sondern spätestens beim zweiten staune, was der oder die oder das Leben so ganz allgemein sich wieder für mich ausgedacht hat.

Mir macht das Angst. Einer der Gründe, warum ich immer die Kontrolle haben möchte. Was ist denn, wenn ich im Ernstfall eben nicht passend reagiere, sondern versage. Und am Ende kommt jemand zu Schaden oder ich und vielleicht bricht das ganze System zusammen.

Ab und an ertappe ich mich dabei, dass ich versuche, die Verantwortung abzugeben. Soll der oder die sich doch darum kümmern. Leider entlastet mich das nicht, weil es dann auch nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Sondern anders und manchmal muss ich dann mit einem fremden Kartendeck spielen.

Dabei hat mich die Erfahrung gelehrt, dass ich eigentlich ganz ordentlich reagiere, viele Antworten kenne auf ungestellte Fragen. Und, dass es meistens gut ausgeht.

Dennoch hat mich dieses unvorbereitete Gefühl im Griff. Während des Studiums habe ich gearbeitet wie ein Tier. Mut zur Lücke hatte ich nie. Das Ergebnis war zwar beeindruckend, ich mit meiner Energie aber häufig an der unteren Grenze. Spaß macht das nicht, auch bei guten Ergebnissen.

In Krisensituationen habe ich mich noch nie panisch oder handlungsunfähig erlebt, eher das Gegenteil ist der Fall. Und trotzdem drehe ich ab, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Das macht mir meinen Job nicht leichter und erklärt möglicherweise aus den hohen Stresspegel, den ich vorher habe. Läuft das Spiel, mag ich es. Nur im Vorfeld bin ich nervös und angespannt. Ein wenig wie Lampenfieber.

Kann man das eigentlich? Sein Leben im Griff haben? Es gibt so entsetzlich viele Unwägbarkeiten, die man sich weder vorstellen kann noch möchte. Vorbereiten geht schon mal gar nicht.

Mir fällt meine Oma ein. Am Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, war sie in beiden Kriegen großen Schwierigkeiten ausgesetzt, erlebte Besatzung und Vertreibung. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie immer ruhig blieb und eine Lösung fand. Auch, wenn es keine gab. Gottvertrauen hatte sie und die Gewissheit, dass da nichts auf sie zukommt, was sie nicht irgendwie schaffen kann.

Meine Eltern waren das genaue Gegenteil. Jedes noch so kleine Problem löste Panik aus. Jede Lebensherausforderung war zu viel. Keiner von beiden glaubte tatsächlich daran, mit dem Leben klarkommen zu können. Sie weigern sich bis heute, Verantwortung zu übernehmen, verstecken sich lieber und drehen durch, wenn es gefordert wird. Starke Großmütter, schwache Eltern.

Was macht das jetzt aus mir? Das Leben ertappt mich immer unvorbereitet, meine Schüler erwischen mich auch gelegentlich auf dem falschen Fuß. Alles kann ich nicht wissen, werde ich auch nie.

Doch ich kann entspannt bleiben und darauf vertrauen, dass es eine Antwort gibt, auch wenn ich sie nicht sofort weiß. Dann muss ich eben ein wenig nachdenken oder um Hilfe bitten.

Alice