Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Früh übt sich

Der Beitrag ist nichts für zarte Nerven und ich schreibe ihn tatsächlich mehr für mich. Mir geht viel durch den Kopf und auch, wenn es wichtig ist, manchmal vergesse ich.

Auslöser des Gedankengangs war eine Szene in einer Serie. Der Vater eines Protagonisten war gestorben und er versuchte das zu verdrängen. Es war ein schlimmer Vater gewesen, keiner, der sich so nennen darf und ich erkannte mich wieder. Wir schalteten auf Pause und redeten, ob es wichtig sei, was zu erwarten sei, wenn wir vor dem Tod des Peinigers noch einmal das Gespräch suchten.

Ich war dagegen, glaube nicht daran, dass dieser Mensch tatsächlich eine Entwicklung durchgemacht haben könnte und das, selbst wenn es so wäre, der Schmerz nicht gehen würde. 50 Jahre Folgen lassen sich nicht auslöschen mit einem banalen „Tut mir leid“, was wahrscheinlich auch noch durch die Angst vor dem jüngsten Gericht befeuert wäre.

Das, was tatsächlich, auch in solchen Fällen, den Tod erschreckend macht, ist die Tatsache, dass der Mensch, der in meinem Inneren als einziger Retter abgespeichert ist, die Welt nicht mehr in Ordnung bringen kann. Denn so absurd es auch klingen mag. Selbst der, der uns verrät und quält, wenn es der Vater ist, lernen wir früh, dass er die Macht hat, Kaputtes wieder zu reparieren. Stirbt er, kann er das nicht mehr. Und selbst, wenn er es nie wollte, die Hoffnung bleibt doch. Das kleine Kind im Inneren vertraut dennoch darauf.

Wir redeten über die Konsequenzen, die dieser Mensch für mein Leben hatte und der andere auch, der ihm die Stange hielt und ich konnte ihn sehen, den Ursprung, den ersten Keim, das, womit alles begann.

Es stand eine Erwartung im Raum, immer. Sei das gute Kind, mach keinen Ärger, passe dich an, halte den Mund, alle anderen müssen zufrieden sein, du kommst zuletzt.

Das verschloss meinen Mund, ließ mich schweigen, selbst wenn ich schreien wollte, hielt meine Hand fest, wenn der Wunsch zu schlagen übermächtig war, ließ mich erdulden, wenn ich gehen wollte. Solange ich das tat, war ich richtig. Dann gab es etwas in mir, was mich lobte, auch, wenn es auf der anderen Seite lausig weh tat.

Ich verkaufte der Welt, dass ich keine Rücksicht verdiene, dass es okay ist, auf meinen Gefühlen herumzutrampeln, dass ich nichts wert bin. Und sie antworteten entsprechend, denn auch unter ihnen waren „gute Kinder“.

Es gab Zeiten, da griff dieser Mechanismus weniger. War ich allein, konzentrierte ich mich auf Leistung, holte mir damit die Bestätigung. Doch das hielt nicht lange. Am Ende holte mich mein Leben ein und ich sabotierte, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt war.

Traten Beziehungen in mein Leben wurde es komplizierter. Denn Liebe geht über alles. Und ich war ein gutes Kind, eine brave Freundin, eine perfekte Partnerin. Ich verleugnete mich und bekam dennoch nicht, was ich brauchte. Das Schöne, was ich bekam, könnte ich nicht annehmen und irgendwann begannen alle, meine Erwartungen zu erfüllen, behandelten mich nicht mehr so, wie ich es mir wünschte.

Sie taten mir weh, übergingen und betrogen mich, ich wurde zu Inventar, benutzt und gedemütigt. Begehrte ich auf, formulierte ich Wünsche, dann gingen sie, verließen mich. Dann war es besser, bis zum nächsten Mal.

Die Saat, die in meine Seele gelegt wurde, ist die einer perfiden kleinen Giftpflanze. Sei perfekt, fordert sie ununterbrochen. Und selbst, wenn ich alles bin, dreht sie den Spieß um und vergiftet mich. Macht mir klar, dass ich dennoch nichts tauge, dass ich nichts verdiene, niemals gut genug bin, um geliebt zu werden.

Sollte doch das Wunder geschehen und ich gerate an Menschen, die mir nur Gutes wollen, beginnt die Sabotage. Denn das Bild, das tief in mir gewachsen ist, muss stimmen. Es ist die Grundmauer meines Lebens. Ich beginne alles zu tun, damit es wieder gerade gerückt wird. Liebe und Erfolg stehen nicht auf meiner Agenda, Vernachlässigung und Niederlagen schon.

Und so pendelte ich durch mein Leben, genoss die kurzen Momente, in denen ich hoffte, dass alles gut werden würde und holte jedes Mal selbst das Messer, um meine Welt zurückzustoßen in mein erlerntes Ordnungssystem.

Eine Lösung? Hab ich.

Ich brauche Erfahrungen, die das Erlernte überschreiben, die mir helfen, die Vorstellung mit der Realität abzugleichen ohne sie zu sabotieren. Und ich muss an die Grundmauern, mir selbst die falsche, verdorbene Basis entziehen, um darauf neu zu bauen.

Das wird schwer und es wird dauern. Und damit ich es nicht vergesse, schreibe ich es hier auf.

Und das ist nichts für zarte Nerven.

Alice

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Sparflammentage

Es gibt viel zu tun, immer. Doch manchmal muss das warten, kann das warten. Die Welt geht nicht unter, zumindest nicht direkt.

Meine ToDo-Liste ist voll, das Akku ziemlich leer. Ich habe den Stromfresser identifiziert, wusste es schon lange ohne mir dessen so wirklich bewusst zu sein.

Ein Traum und ein Streit rückten ihn in den Fokus. Am Ende weiß das Unterbewusstsein ganz gut, was Sache ist. Nur vorne, an der Front, hat man keine Ahnung.

Ich träumte auf diese besondere Art, dass mein Vater starb. Was tatsächlich bedeuten kann, dass es nun vorüber ist. Ich werde es erfahren. Wer mich für herzlos hält, darf nun gerne in meinem Blog nachlesen oder meinen Therapeuten befragen. Es trifft mich nicht mehr als der Tod eines entfernten Bekannten.

Für mich ist er längst tot, auch, falls er noch unter den Lebenden weilt. Ich legte mich mein ganzes Leben krumm, um das zu bekommen, was mir immer verwehrt wurde. Anerkennung, Liebe, echtes Interesse.

Er tauschte mich gegen eine neue Familie aus, sobald sich die Gelegenheit bot, ignorierte sogar seine Enkelkinder, was ich ihm besonders übel nehme.

Ich habe ihm nie etwas getan, habe nur ein einziges Mal gefordert, dass er seinen Job macht. Da drohte er mir mit Enterbung. Vaterpflichten als unzulässige Last. Toller Mensch.

Ihn in meinem Traum sterben zu sehen, kann natürlich noch etwas anderes bedeuten. Vielleicht ist endlich bei mir angekommen, dass diese ewig verwehrte Anerkennung keine Rolle mehr spielt. Dass der Akkuentlehrer keine Macht mehr hat, dass ich endlich dazu in der Lage bin, mich um mich selbst zu kümmern. Und das all diejenigen, die an seiner Stelle durch mein Leben rauschten und es nicht besser gemacht haben, auch endlich keine Handhabe mehr haben, ich mich befreie von den Zwängen, gefallen zu wollen und auf etwas zu warten, was nie passieren wird.

Ich habe es verstanden und jetzt werde ich es einbauen in mein Leben. Schritt für Schritt.

Es werden Köpfe rollen, das ist klar und Veränderungen werden eintreten. Sie sind überfällig.

Heute ist ein langer Tag, doch morgen ist frei. Ich habe noch kein Konzept für die neue Sicht, nur ein zartes Gefühl. Das muss reichen.

Ich werde ihm Licht und Nahrung geben und zusehen, wie es wächst.

Alice

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Der Analyse erster Teil

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte Psychologie studiert. Meistens jedoch nicht. Ich bin verkorkst genug, um froh zu sein, nicht alles zu verstehen. Wobei es ganz nett wäre, häufiger, zeitnah, die eigenen Verhaltensweisen zu erkennen und vielleicht auch einmal gegensteuern zu können.

An manchen Tagen habe ich Lichtblicke. Gestern zum Beispiel. Der Tag war langweilig, die Kundschaft bereitete sich auf eine Überprüfung vor, ich stand mit Rat und Tat daneben, sie kamen auch ohne meine Hilfe sehr gut klar.

Die Gedanken flogen durch das lüftungstechnisch stoßgeöffnete Fenster hinaus, drehten eine Runde über der Sporthalle und verloren sich in meiner Biographie.

Seit etwa einem halben Jahr gehe ich nach der Therapie mit leicht gesenktem Kopf nach Hause. Falsch gemacht habe ich dies und das, verkorkse, stülpe meine kaputte Kindheit über meine Beziehungen, bin irgendwie selbst Schuld daran, dass es so ist, wie es ist.

Ich schaute in den sonnigen Vorfrühlingsmorgen und beobachtete fasziniert, wie sich die Zeichen neu ordneten. Ich sah, was ich tat und die Bilder schoben sich in einen anderen Kontext.

Da war nichts, wegen dem ich mich schämen musste. Da waren weder Gemeinheiten noch Verletzungen. Das, was ich anderen antat, hatte Gründe, die ich nicht zu verantworten hatte, waren bestenfalls Reaktionen und manchmal war auch ein wenig Rache nötig.

Ich sah einen Menschen, der sein ganzes Leben viel zu nett war. Und wenn nett die kleine Schwester von Scheiße ist, dann traf die braune Masse bestenfalls mich.

Ich sah die Menschen, denen ich in meinem Leben begegnete und die es verließen, verlassen mussten. Und ich begriff, dass viele von ihnen, meine Freundlichkeit und Zugewandheit mit Schwäche verwechselt haben. Sie nutzten mich aus, nahmen, was sie kriegen konnten und wollten immer noch mehr.

Ich fungierte zum Selbstbedienungsladen für Dienstleistungen jeglicher Art. Jedes Ja, das ich sagte, zog mich tiefer hinein, alles, was ich gab, erzeugte Hunger auf mehr. Und als ich immer kleiner und leerer wurde, nichts mehr geben konnte und anfing Nein zu sagen und der Erwartung Ausdruck verlieh, dass nun ich dran sein, verließen sie mich, leergefressen, ausgenutzt, weggeworfen.

Und betrachte ich mein Leben heute, meine sozialen Kontakte jeglicher Art- die ich tatsächlich auf ein Minimum beschränke – sehe ich dieses Bild wieder.

Selbstverständlich habe ich diesem Verhalten Tür und Tor geöffnet. Doch ich muss gestehen , dass ich, wenn ich auf der anderen Seite stünde, nicht so handeln würde. Es ist nicht nett, nur zu nehmen, nur weil jemand großzügig ist. Es ist nicht okay, auszunutzen, nur weil der andere genug zu haben scheint. Und ganz bestimmt ist es nicht in Ordnung, jemanden fallen zu lassen, weil er vor lauter Geben erschöpft und schwach ist.

Um es kurz zu machen, ich habe ein Talent, ins Klo zu greifen. Immer wieder. Ich ziehe diese Menschen in mein Leben.

Vielleicht verspreche ich ihnen ein wenig zu leichtfertig, dass das schon in Ordnung sei. Vielleicht merke ich zu spät, dass die gewaltigen Forderungen, die sie irgendwann stellen, von mir nicht mehr zu bewältigen sind. Und ganz sicher schiebe ich zu spät einen Riegel vor, wenn ich merke, dass von der anderen Seite niemals eine adäquate Gegenleistung kommt.

Klar ist mein Ego nicht das Beste, natürlich krankt mein Selbstwertgefühl, das ist bei meiner Bio auch nicht verwunderlich. Ich hätte auch meinen Vorbildern nacheifern können. Hab ich aber nicht. Ich habe mich entschieden, anders zu sein. Vielleicht ein bisschen zu sehr.

Ich werde ein bisschen weniger nett sein, ein paar Sachen auch mal behalten, mich nicht mehr krumm machen für die, die es nicht verdienen. Und ganz klar ist, dass man sich meine Nettigkeit ab sofort erarbeiten muss.

Ich bin nicht schwach und ich kann auch anders.

Alice

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Ich hätte Nein sagen sollen

Es gibt ein paar entscheidende Ecken in meinem Leben, da bin ich nicht brav am Stopschild stehen geblieben und habe auf den Verkehr geachtet. Ich nahm mir nie die Zeit, zu überlegen, ob ich sicher abbiegen kann, ich schaute nicht links, nicht rechts, sondern bretterte einfach los.

Der Unfall war nicht abzuwenden, das Drama nahm seinen Lauf. Ich hatte den anderen Wagen kommen sehen und bremste nicht, folgte einfach den Zeichen, die ich zu erkennen glaubte.

Doch ich sagte nicht nein, ich brüllte Ja, auch wenn ich wusste, dass es eine unglückliche Entscheidung ist, ich es gar nicht will, nicht jetzt, nicht so.

Die Angst, was ein Nein anrichten könnte, war übergroß, hielt mich mit geifernden Zähnen fest, schüttelte mich und nur die Zustimmung brachte Erleichterung. Ich hatte so große Furcht, verlassen zu werden, dass ich mich selbst verließ, mich aufgab, meine Wünsche und meinen Wert mit einer routinierten Geste beiseite schob.

Die Folgen waren jedes Mal ein Zusammenbruch. Manchmal ein kleiner, ab und an ein gigantischer, doch ich lernte nicht und tat es immer wieder.

Heute habe ich Angst vor den ungestellten Fragen, vor den antizipierten Wünschen, die ich in vorauseilendem Gehorsam bejahe, noch bevor sie gestellt wurden. Die Demütigung wartet geduldig im Hintergrund, weiß, dass ich sie mit ins Boot hole.

Alles, nur nicht allein, singt der Chor über meinem Kopf, blendet die gesunde Wahrnehmung aus.

Ich muss ein paar Neins nachholen und mich auf die Konsequenzen einstellen. Schön ist anders. Doch so ist auch nicht so toll.

Alice

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Unausgesprochen

Ein ärgerlicher Blick, ein Grunzen, ein verzogener Mundwinkel; meistens reicht das und ich schweige, unterbreche, was ich gerade getan habe, bin brav.

In Relikt aus der Kindheit, wo die Analyse des Gesichtsausdrucks gefühlsmäßig das Leben retten konnte, die Mutter einen vielleicht doch nicht, wie angekündigt, ins Kinderheim brachte.

Ich lernte Gesichter zu lesen und auch, wenn es in Crimeserien eine geschätzte Eigenschaft ist, die Auswirkungen sind fatal. Ich möchte mich lösen von den Blicken, der unausgesprochenen Kritik. Bisher ist nur alleine gut, erträglich. Jeder Mensch in meiner Umgebung hat das Potential, mich zu manipulieren, vor seinen Karren zu spannen, mundtot zu machen. Je näher, desto schlimmer.

Ich hätte allein bleiben können, menschenfrei mein Leben fristen, weil alle zu anstrengend sind. Doch ich möchte trotzdem, dass jemand auf meiner Beerdigung tanzt.

Der andere Weg ist schwer, mit den Menschen, denen ich so viel Macht über mein Leben gebe. Nicht zu ändern, jeder hat seinen Sack zu tragen, meiner ist klein im Verhältnis zu vielen anderen.

Die Angst vor Verlust, vor Ablehnung überschattet alles, jeden Tag. Ich wundere mich nicht mehr über Zusammenbrüche und Tage in Embryonalhaltung auf dem Sofa, weil der Kopf beschlossen hat, dass Migräne eine gute Lösung ist.

Es macht komische Sachen mit mir und die bisher beschrittenen Wege sind voller Dornenranken und Nesseln. Die Lösung liegt auf der Hand, doch dafür muss ein großer Schalter umgelegt werden.

Schön wäre ein Ruck, wie ein altes Pflaster, dass sich in Haaren verklebt hat. Kleine Schritte sind das Ziel.

Ich bin unterwegs.

Alice

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Übertreten

Die Erinnerung kam wieder, als ich sie ansprach , so zwischen Tür und Angel. Ihr Atem roch schal und ich tippte auf zu viel Kaffee und ein zu karges Frühstück. Instinktiv versuchte ich zurückzuweichen, doch hinter mir stand schon jemand, redete intensiv und ausufernd auf jemanden ein, dessen müde Augen darauf schließen ließen, dass er jetzt sehr gerne woanders wäre.

Ich hatte mir Ärger vorgenommen. Vorher war er da und hinterher auch. Während des kurzen Gesprächs flog er aus dem Fenster, ließ mich einlenkend zurück. Ich nickte den Behelf ab. Die ärgerlichen Worte sind jetzt wieder da. Nur hier war nicht Raum und Zeit dafür.

Das Umfeld, in dem man sich bewegt, kann man sich aussuchen. Gerade bin ich froh darüber. Noch so ein Spiel brauche ich nicht, noch einmal frage ich sie nicht. Abstand ist angesagt, wird uns beiden gut tun.

Was mich kratzt, ist dennoch die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich überging. Als wären Worte einfach nur mit muffiger Luft gefüllte Töne und nichts weiter. Aber vielleicht nur bei mir und vielleicht nicht bei allen. Welche Qualitäten haben die, deren Anliegen sie nicht vergisst. Welche Qualität haben Menschen, deren Wünsche man nie vergisst, die umworben werden, die niemals nachhaken müssen. Ein Hinweis reicht und direkt stehen die Wunscherfüller Schlange.

Eine Freundin sagte einst, ich sei zu nett, zu einfach zu haben, zu zugänglich. Ich gäbe anderen das Gefühl, dass ich auch bleibe, wenn man sich nicht kümmert, die Freundschaft pflegt, an Versprechen hält. Beziehungstechnisch ist dieses Problem omnipräsent. Gerade überlege ich, wie ich das wieder geraderücke, das Kräftegleichgewicht halte, mehr Wert behalte. Und das alles aus dem laufenden System heraus.

Wie kann ich klar machen, dass ich zwar bisher so war, jetzt aber keine Lust mehr darauf habe, weil es mir schadet und mich unzufrieden macht, ich also beschlossen habe, dass ab sofort alles anders ist. Klingt kompliziert? Ist es auch. Und notwendig.

Ich bleibe am Ball.

Alice

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Kryptisch

Ich kann nicht immer Klartext reden. Beschreibe ich eine Situation, die mich nervt oder belastet, stecke ich nicht alleine in dem Debakel, es sind auch andere beteiligt.

Ich gehe zwar nur selten Ärger aus dem Weg, doch ich möchte ihn auch nicht unnötig provozieren.

Würde ich in einem Beitrag von mir lesen und es wäre wenig schmeichelhaft, wäre ich zu Recht erbost. Schließlich kann ein Konflikt auch direkt gelöst werden. Und geht das nicht, sollte es auch nicht nach draußen getragen werden.

Ich weiß nicht, wer alles meinen Blog liest. Ob Kollegen oder Freunde, meine Herkunftsfamilie ( da bin ich sehr direkt, da sind keine Samthandschuhe angebracht) oder zufällige Bekanntschaften, selten geht es um die Person an sich, also schreibe ich kryptisch.

Ich mag dieses Wort und auch den Umgang damit. Es ist manchmal eine nette Herausforderung, den Sachverhalt so zu verschleiern, dass ich niemandem auf die Füße latsche und dennoch meine Gefühle zu der Situation ausdrücke.

Ein wenig ist es wie bei Kurzgeschichten. Ich lasse nur das stehen, was tatsächlich für den Plot wichtig ist. Ob die Protagonistin nun blond oder rothaarig ist, spielt unter dem Strich keine Rolle.

Gerade bin ich auch in einer Situation, wo Klartext unangebracht ist. Ich muss sie mit den Menschen lösen, die mir Unrecht tun, die mir das Gefühl geben, dass das, was mir zusteht mir eben nicht zukommt, ich es nicht verdiene. Das kenne ich, sogar viel zu gut. Ich weiß auch, dass sie nicht böse sind und nur auf das reagieren, was ich ihnen erlaubte, zu tun. Dass es am Ende meine Aufgabe ist, mir klar zu machen, wie wertvoll ich bin und dass ich Rücksichtnahme verdient habe.

Ob das jetzt zu Hause, in der Firma oder bei Freunden ist, tut nichts zur Sache.

Es wird sich regeln lassen und ich werde lernen. Denn das ist die Hauptsache.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Für mich

Es fällt mir schwer, für mich einzustehen. Ich lernte früh, dass meine Bedürfnisse irgendwie verkehrt sind und die der anderen mehr Berechtigung haben. Wenn ich damals selbst versuchte, meine Sicht der Welt klarzustellen, erntete ich Widerstand, auch und vor allem aus den eigenen Reihen.

Das ist lange her und es ist Zeit, es ruhen zu lassen. Ändern kann ich es rückblickend nicht und ich möchte mich auch nicht mehr davon beeinflussen lassen.

Und doch quält es mich, dass ich da heute ran muss. Dass ich ruhig und besonnen das Gespräch suchen muss, dass ich argumentieren muss und – mal wieder – einen seelischen Strip hinlegen werde. Mich quält, dass es ohne einen erneuten Kraftakt funktionieren müsste, dass alles besprochen und geklärt war und ich und meine tatsächlichen Bedürfnisse, einfach ignoriert werden, vergessen und als unbequem vom Tisch gewischt.

Es tut weh, das muss ich gestehen und ich wünsche mir, dass sich das nachhaltig ändert. Gerade wird die Baustelle schlimmer, unübersichtlicher. Ärger trübt mein Urteilsvermögen und das belastet zusätzlich.

Ich werde mir Hilfe holen, bezahlte quasi, und darauf pochen, dass das, was ich brauche, umgesetzt wird.

Und ich weiß, was ich fühlen werde. Da wird Angst sein, nicht mehr gemocht zu werden. Und Scham, dass ich das brauche, dass ich gerade ohne Sonderbehandlung nicht klar komme. Und Schuld, weil ich Mühe mache und nicht einfach so funktioniere. Aber da ist auch Zorn, dass ich ignoriert werde, mal wieder.

Drückt mir die Daumen, dass der Zorn heute stärker ist als die Gefühle, die mich zum Schweigen bringen. Denn Schweigen ist keine Alternative mehr.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Zu früh für Irgendwas

Das Hirn habe ich im Bett gelassen, Konzentration fällt schwer. Müde bin ich noch, der Kaffee versagt in der Doppelblindstudie.

Der Einschlaf war zu spät, selbst schuldig gemacht und doch. Die besten Ideen kommen spät, da lohnt sich das Warten.

Transgenerationale Traumata hüpften durch meinen Kopf, erklärten – mal wieder – die Welt. Tradition wird ad absurdum geführt, manches Erbe ist eine unsinnige Qual.

Gelernt ist gelernt, möchte ich schreien und , wie Mutter, so Tochter. Oder sollte ich Oma sagen? Was für ein Blödsinn, wenn es nüchtern betrachtet wird, wozu ich mich entschieden habe. Der klare Kopf tut gut, doch die Erkenntnisse hauen rein. Mal wieder.

Kann es ohne Verstehen besser werden oder muss einfach alles bis zum bitteren Ende verstanden und durchdrungen werden? Ich brauche offenbar die zweite Variante. Nur was mache ich mit der Weisheit?

Verändert es meine Welt, wenn ich den Blick darauf ändere? Oder versagt die Welt an meinem neuen Bild? Was riskiere ich, wenn ich mir nehme, was ich möchte? Kann das Gegenüber meine Entwicklung verkraften oder ist es, weil aus falsch verstandenen Motiven, zum Scheitern verurteilt?

Ich weiß es nicht, es ist wohl noch zu früh für solche Gedanken. Die Dusche ruft und der Job. Eine Struktur will ich skizzieren, später und schauen, an welcher Stelle ich mich in dem Desaster befinde.

Ein wenig fühlt es sich so an, als sei ich im falschen Körper geboren. Eine Analogie, die hinkt, zugegeben. Doch sie hat auch einen Erklärungsfaktor, begründet Symptome.

Vielleicht war es doch zu viel Dr. House.

Alice

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Alkoholfreie Desaster und Ähnliches

Das alkoholfreie Bier kippte, bevor ich auch nur die Hand ausstrecken konnte. Der Schreibtisch schäumte, das Handtuch löste sich nicht vom Haken und der Monitor wurde getauft.

Die Tastatur glitzert zwischen den Buchstaben und ich hoffe, dass sie es ohne Defi überlebt. Eine weise Entscheidung, das alkfreie, das nicht nur klare Köpfe, sondern auch Zuckerfreiheit auf der gesunden Fahne hat. Es klebt nicht, zumindest nicht sehr.

Eigentlich wollte ich über den Tag schreiben und unverhofft kommt oft, so dass das letzte nach vorne rücken durfte und der tag damit von hinten aufgerollt wird.

Immer noch im Serienfieber, die Kopfschmerzen sind weg, die Begeisterung für House bleibt. Ja, ich weiß, alte Serie, hatte ich schon durch – und doch bin ich selten so intelligent unterhalten worden, war so fasziniert von Verschrobenheit und Unverschämtheit.

Ein Wunsch meinerseits, auch so zu sein? Selbstverständlich! Ich bin viel zu nett, ziehe zu oft den nicht vorhandenen Schwanz ein, lasse zu wenig die Hosen runter, konfrontiere nicht, entschuldige, möchte doch so gern gemocht werden.

Nur vorübergehend färbt er auf mich ab, lässt meine spitze Zunge noch etwas spitzer werden, stachelt Kampfgeist und Widerspruch an. Leider verfliegt das bald und ich bin wieder artig. Gäbe es doch eine Diagnose oder eine Therapie, vielleicht von House persönlich, der mir intravenös Widerspruch und Zynismus einflößt, natürlich erst nach drei Fehldiagnosen, bei denen ich beinahe „ex“ ging, natürlich nur im übertragenen Sinne.

In zwei Staffeln ist der Mentalist dran, da werde ich ähnlich begeistert sein. Wobei zu erwähnen wäre, dass die Partnerin vom Mentalist die erste Patientin von House war, das aber nur am Rande.

Sonst? Der Tag war gemütlich. Der Mann hat noch etwas Rücken, ich hatte unterrichtsfrei und keine Kopfschmerzen. Wir führten die Hunde in den Wald, gerieten in Sonnenschein und etwas Schneeregen, ich knipste Farbfilm 3 und 4 voll, nur zwei noch, dann steigt das große Entwicklungsexperiment.

Es ist wieder besser, sogar fast gut und das freut mich. Darf auch so bleiben, Luft nach oben ist immer.

Alice