Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Easy

Er war zu leicht und es ist eine Zusammenreißarbeit, mir keine Gedanken dazu zu machen. Die Füße flogen über den Boden, es war gut und es war lustig.

Das alte Ich war heute mit und es fand sich erstaunlich gut in das Gewebe des Alltags ein, amüsierte sich statt sich stressen zu lassen, reflektierte Unwohlsein als die Unfähigkeit, alles zu retten und zu bereinigen und schob die düsteren Bilder mit einem Lachen beiseite.

Heute war easy, morgen vielleicht auch. Ich möchte sie festhalten, diese Unbeschwertheit und Gelassenheit. Sie werden mir ab und an durch die Finger flutschen, sie werden empört aufschreien und mich einholen, wenn ich unaufmerksam bin.

Ich sehe und verstehe, wie weit es dauerhaft klappt, weiß ich nicht. Doch heute ist gut, heute ist leicht, die Füße tanzen in der Küche und die Worte kommen wieder.

Ich habe ein Bild in meinem Kopf, eine Person, die es nur bedingt in der Realität gibt, doch sie hilft mir, legt den schlanken Finger mit dem absurd roten Nagellack unter mein Kinn und flüstert “ Liebes, es wird alles gut“

Dann zieht sie meinen Lidstrich nach und schickt mich wieder auf den Laufsteg. Eins, zwei, eins, zwei und ich lächle und tanze und manchmal ist es wirklich leicht.

Alice

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Gebundene Hände

Die Welt geht den Bach runter und ich kann nichts tun. Jeder Handschlag, der möglich ist, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Egal, ob Biofleisch, Mülltrennung, ein sinnvolles Konsumverhalten oder was weiß ich, es bringt nicht viel.

Dreckschleudern fahren weiter, Tiere werden gequält, Ungerechtigkeiten sind an der Tagesordnung und Unsinn ebenso. Ich bin ein viel zu kleines Rad in diesem Getriebe, um Veränderungen herbei zu führen.

Und auch im Kleinen scheitere ich. Das, für das ich geboren wurde, habe ich nicht geschafft. Und alles, was danach kam, was verkehrt war, was weh tat, mir oder anderen, auch nicht. Es änderte sich nichts, die Menschen blieben dumm und ignorierten meine Versuche.

Nicht meine Aufgabe? Jeder ist sich selbst verantwortlich? Klar! Doch man lässt niemanden, den man mag, ins offene Messer laufen. Und doch taten sie es freiwillig und mit großer Begeisterung, egal wie viel ich schrie und zerrte. Meine Hände wurden hinter meinem Rücken gefesselt und es passierte einfach.

Ohnmächtig musste ich zusehen und litt.

Je älter ich werde, desto bewusster nehme ich das wahr und obwohl ich mich daran gewöhnen müsste, kann ich es nicht, werde im Gegenzug nur wütender.

Jeder hat seine eigene Wahrheit, jeder seine eigenen Ziele und Wünsche. Ich weiß sicher nicht alles, schon gar nicht besser. Aber manchmal schon und dann quält es mich, wenn Schlimmes passiert, von dem ich gehofft hatte, dass es zu verhindern ist.

Ich könnte, ich müsste mich entspannen, um nicht den Verstand zu verlieren, ab und an einfach die Augen schließen und alle machen lassen.

Doch ich will nicht.

Alice

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Lückenlos

Manchmal brennt er unter der Haut, der Gedanke und quält mich. Er kommt, wenn die Deckung unten ist, die Entspannungskerze entzündet wurde und Ruhe einkehren soll. Dann meldet er sich, streut mit geübter Hand Salz in längst vergessene Wunden und erfreut sich an meinen Schreien.

Es ist ein dunkles Kapitel, das ich ungern anfasse. Eines, das Scham in sich trägt und Wertlosigkeit. Er gehört zu den Glaubenssätzen, die mich zurückwerfen, die erscheinen, wenn es besser zu werden den Anschein hat.

Und dann geht nichts mehr.

„Was wäre wenn?“, brüllt er und malt Horroszenarien von Verlust und Tod auf die Innenseiten der zusammengekniffenen Augen. Ich schiebe und schubse, ziehe Vorhänge vor die Bilder, die unbeirrbar vorbeiziehen. Dann gibt er Ruhe, zum Schein, wartet einen Moment, bis ich entspanne.

„Und was ist mit dir?“, fragt er. “ Wer vermisst dich?“

Und ich erinnere mich an all die, die mich ohne Schmerz gehen ließen, die verschwanden, ohne sich umzudrehen, die Ersatz fanden und lächelnd weitermachen. Die, die sich nicht bemühten, die vergaßen, die das Seil losließen, an das ich mich noch klammerte.

„Gut, dass du weg bist“, hätten sie gerufen, wäre ich ihnen noch ein Wort Wert gewesen. Doch sie schwiegen, auch wenn ich nach ihnen rief.

Lückenlos lebten sie ohne mich weiter.

Ich habe den Wert, den ich mir selber gebe. Meinen Preis habe ich sehr niedrig angesetzt. Wie ich das ändern kann, wie ich das verarbeiten kann? Ich weiß es nicht, noch nicht.

Ein Impuls von außen bringt ein wenig Licht ins Dunkel. Und ich stelle fest, dass ich mich vermisse, manchmal.

Vielleicht fange ich damit an, festzustellen, welche Lücke ich in meinem Leben hinterließ.

Alice

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Traumtänzer

Als Kind bekam ich das oft zu hören, ich sei ein Traumtänzer. Es hatte einen negativen Beigeschmack und war wohl auch so gemeint. Füße auf den Boden, Blick geradeaus und im Gleichschritt marschieren. Tun, was alle tun, nicht aus der Reihe tanzen, nur nicht auffallen.

Ich träumte dennoch. Von Bühnen, die ich tanzend füllte, von Märchenprinzen und weißen Pferden, von Ausstellungen, von Erfolg und vom Glücklichsein.

Das Leben ist anstrengend, lernte ich, wenn ich wach war. Der ächzende Vater, der unter der Last der Familie wütete, die jammernde Mutter, die ihre Pflicht tat und bei jedem Handgriff, den sie anderen aus der Hand nahm, stöhnte. Sie ließen die Luft aus den Träumen und ich ließ es zu.

Ich verriet mich selbst und das, was ich hätte werden können. Die Träume wurden in die Nacht verbannt, dort ruhten sie und warteten auf den Moment, wo meine Deckung fiel. Sie drängten nach oben und raubten den Schlaf, ließen mich grübeln, was wäre wenn, wenn ich doch.

Heute lasse ich sie wieder zu, doch sie haben ihren Mut verloren. Im Hinterkopf sitzt ein kleines Monster, dass mir einflüstert, ich sei ja jetzt zu alt und müsse eben meine Pflicht erfüllen bis zum bitteren Ende. Das sei ich schuldig.

Ich frage mich nur, wem. Meinen Eltern, denen ich reichlich egal war und die nur darauf warteten, mich lästige Pflicht loszuwerden? Den Kindern, die ich auf die Füße stellte und die recht ordentlich eigene Schritte wagen?

Träume sind Schäume, doch wer schon einmal Seifenblasen bei Sonnenschein betrachtete, weiß, wie wunderschön sie sind. Und manchmal platzen sie nicht und werden stabil wie Bauschaum, bilden ein Fundament für etwas Neues, für mich und das, was ich mir schuldig bin.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

180

Das Wochenende wirft lange Schatten, an Schlaf war nicht zu denken. Bis halb drei saß ich auf dem Sofa, nachdem ich stundenlang im Bett rotierte wie ein Kreisel.

Der Puls raste, die Gedanken drehten sich so rasch wie ich zwischen den Kissen. Der Mann schlief, darf es noch eine Weile tun während ich überlege, wie der Tag zu schaffen ist.

Der Timer tickt, erinnert mich in regelmäßigen Abständen daran, mich fertig zu machen. Es ist was faul im Staate Dänemark, so sagt man doch und auch, wenn ich den Finger in die Wunde legen kann, hört es nicht auf zu bluten.

Es geht ans Eingemachte, doch die Reserven sind mager und werden nicht lange halten. Heute Mittag ist Schlaf angesagt, ein Tag für die Mülltonne. Und dann muss ich weitersehen auf das, was kommen wird.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Standpunktmontage

Zwei Tage geredet und geärgert und am Ende zumindest für mich bei einem Durchblick gelandet. Das Fazit ist erschreckend und erklärt zumindest alte Ereignisse.

Mein neuer Standpunkt ist noch wackelig, frisch in den Beton gegossen, der noch aushärten muss, fragil und empfindlich hockt er da und weiß noch nicht, wie ihm geschieht.

Ärgern tue ich mich, dass die Planung, die ich für heute hatte, justament gekippt wurde. Das nächste Mal alleine ohne Helferlein, lautet also die Devise. Ich für mich und nicht für andere.

Grummelig bleibe ich wartend am Rechner zurück, wie immer, mal wieder und versuche, die Erinnerungen, Verletzungen und Nichtachtungen von mir abperlen zu lassen, die aus der Erinnerung wie Perlen an einer langen Schnur hervorplatzen.

Da trudelt eine Nachricht vom Jüngsten ein, dessen Bus von seiner Freundin nach Hause nicht fährt und ich muss los. Muss los, weil sonst niemand fahren kann oder Zeit hat in einem Haus voller Erwachsener. Ein besseres Gleichnis hätte mir nicht einfallen können, selbst wenn ich mir Mühe gegeben hätte.

Und auf dem Hinweg spüre ich das Ungleichgewicht, das sich aufgetan hat und die Konsequenzen für mein Leben. Die erworbene Hilflosigkeit der anderen, an denen ich auch beteiligt bin und die Konsequenz, dass am Ende immer ich es bin, die die Kohlen aus dem Feuer holen muss.

Weil ich es wollte? Ja, vielleicht habe ich in der Situation etwas Gutes gesehen, mich unersetzlich zu machen, mein angeknackstes Selbstwertgefühl durch Aktionismus aufzuwerten, es durch eine übersteigerte Selbstwirksamkeit zu kompensieren.

Und jetzt bin ich erschöpft und verstehe, begreife, dass der Vampir, der mich aussaugt, meinen Namen trägt.

Der neue Standpunkt ist wackelig und macht mir Angst. Was bleibt von mir, wenn ich meine Wünsche ins Auge fasse und die der anderen einfach mal ignoriere. Rennen sie dann weg, so wie es mir meine Erfahrung sagt?

Ich werde es erleben. So oder so.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Schrei mich nicht an!

Ich werde selten laut. Man muss mich wirklich auf dem falschen Fuß erwischen, ich muss im absolut oberen Stresslevel sein und mein Gegenüber muss mir einen guten Grund geben, zum Beispiel sich wie ein komplettes Arschloch verhalten.

Dann kann ich für nichts garantieren. Oder ich fahre Auto. In Coesfeld. Oder dem Kreis Borken. Hinter einem silbernen Meriva. Dann schreie ich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alle Konflikte sind sachlich zu klären. Ohne Ausnahme. Es gibt keinen Grund, sinnlos herumzubrüllen.

Mein Vater hat das nie gelernt, warum auch immer. Viel öfter als er mit Händen schlug, schlug er mit Worten, mit sehr lauten Worten. Seitdem hasse ich das und erlaube niemandem mehr, mich anzuschreien.

Wer schreit, ist im Unrecht.

Das ist nicht nur eine Redensart, Schreien tut der, der keine andere Möglichkeit mehr hat, seine Argumente, die meist keine sind, an die Frau zu bringen.

Leider hat sich das noch nicht so weit herumgesprochen, dass damit in meinem näheren Umfeld Schluss ist. Einer versucht es immer wieder und jetzt ist es raus, das Ultimatum.

Ich bin gespannt, ob es verstanden wurde.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Für wen?

Welches Ziel verfolge ich, wenn ich schreibe, zeichne, fotografiere? Welche Motivation habe ich, morgens aufzustehen, etwas zu tun, zu putzen, kochen, einzukaufen, zu arbeiten?

Bei den lebensnotwendigen Aktivitäten ist es leichter, sie sind halt – lebensnotwendig. Das Ziel ist klar definiert. Ich muss essen, will nicht im Schmutz untergehen, brauche Geld, um das zu realisieren.

Aber was ist mit all dem anderen?

Als Kind malte ich, um des Malens Willen, versenkte mich in die kleine Welt aus Papier und Buntstiften, versuchte die Realität so gut es ging, abzubilden. Doch kaum kam jemand dazu, änderte sich das. Mein Urteil reichte nicht mehr, ich hoffte auf ein „Gut gemacht“, ein Lob, eine Bestätigung.

Ich begann das zu malen, das zu tun, was am meisten Lob versprach und verlor das Ziel aus den Augen. Ich malte für andere, das, was ihnen gefiel. Die Entwicklung stagnierte, ich mutierte zum Kopierer.

Als die Schule dazu kam, erweiterte sich der Radius der Beurteilenden, meine Geschichten, meine Bilder bekamen Noten, die Bewertung wurde wichtiger als das Werk.

Und heute? Ich blogge. Alles, was ich mache, landet irgendwie hier. Da ist nichts Schlechtes dran, es bringt Austausch und manche Diskussion, die förderlich ist.

Nur spüre ich gerade sehr deutlich, dass darin die Gefahr steckt, sich zu verlieren, den Wert des Erschaffenen davon abhängig zu machen, ob er gefällt, geliked wird.

Natürlich freue ich mich darüber, wenn dem so ist. Selbstverständlich ist es schön, gelobt zu werden. Nur immer da weiterzumachen, wo sich das größte Lob versteckt, birgt auch ein Risiko für Menschen wie mich. Ich werde etwas verändern müssen, wie genau das aussehen wird, weiß ich noch nicht.

Ich möchte wieder für mich arbeiten, kreativ sein, mehr auf den Prozess als auf das Produkt schielen. Nur so ist für mich Weiterentwicklung möglich.

Den Hunger nach Anerkennung werde ich zunächst selbst stillen müssen, bevor ich hier das Ergebnis zeige. Dieser Gedanke fühlt sich gut an.

Schreiben werde ich weiter, was mir durch den Kopf geht, ich schätze den Austausch hier und die Inspiration.

Langsamer ist das Zauberwort, so dass Kunst(handwerk) nicht zur Arbeit verkommt. Denn davon gibt es genug.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Zwischen Stühlen

Einfach kann jeder, dachte sie sich und machte einen Knoten in ihr Leben.

Ein Haushalt mir Heranwachsenden ist mehr als eine Herausforderung. Der Jüngste ist in aller Herrgottsfrühe zur Freundin gefahren, trotz aller Beteuerungen, mal einen Tag zu Hause zu bleiben. Ich kann es verstehen, war doch selbst nicht anders. Der Mann wird ein Gesicht ziehen, obschon er nichts gegen ein ruhigeres Haus einzuwenden hat.

Ich muss gleich an den Schreibtisch, obwohl mein Kopf noch Watte pur ist, eine Erkältung macht sich auf den Weg, scheint noch den richtigen Zeitpunkt abpassen zu wollen, um mich KO zu schlagen.

Abende sind gerade herausfordernd. Der Mann möchte Zeit mit mir verbringen, Sohn#2 will mit uns Fernsehen, es gibt Ärger ums Programm, die Hunde brauchen Kuscheleinheiten, weil immer noch Idioten herumböllern und ich möchte einfach nur Ruhe. Und Lachen. Und gute Stimmung.

Eigentlich ist nie jemand zufrieden, egal, was ich mache. Meine Wünsche und Pläne fallen hinten runter, versinken im Nirwana der Ansprüche.

Allen Menschen recht getan, …. Die Fabel mit Vater, Sohn und Esel mochte ich schon als Kind sehr gerne. Wer hätte gedacht, dass ich der Esel bin. Ich gehe durchs Haus und sehe Unzufriedenheit. Sie schaut mich aus den dunklen Ecken an und nörgelt, dass ich doch bitte dies tun und das lassen soll. Es nervt gerade gewaltig. Nicht zu vergessen, dass ich auch dafür verantwortlich zeichne, was alle anderen tun.

Etwas eskaliert gerade und ich habe keine Ahnung, wie ich das aufhalten soll, ob ich den Zug wirklich anhalten will. Die Entwiicklung war abzusehen, als die Erkenntnis kam,

Gefallen tun mir die anstehenden Konflikte nicht, doch mein Platz ist nicht in der Mitte des Stuhlkreises, sorgfältig damit beschäftigt, allen den Mund und den Popo zu wischen.

Ich nehme mir heute eine Familienauszeit1 bis ich meine Arbeit geschafft habe. Und danach brauche ich Zeit für mich.

Sollen sie doch mal schauen, wie sie klar kommen.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Dein Wille geschehe…

Nein, kein Vaterunser, auch wenn es das einzige Gebet ist, das ich auswendig kann. Mit einem Vater hat es zu tun und auch einer Mutter, aber mit nichts Wohlmeinendem und eher etwas sehr Realem.

Rücksichtsvoll, hilfsbereit, brav. Diese „guten“ Eigenschaften wurden mir so eingebleut, dass ich sie auch als erwachsene Frau nicht aus meinem Kopf bekomme. Habe ich einen Wunsch, einen Plan, eine Idee, muss ich immer damit rechnen, dass das Jemandem nicht passt. Nicht jetzt, nicht so. Und ich reagiere, lasse fallen, gebe auf, nehme Rücksicht, stelle hinten an.

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