Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich

Tag 324/365 – Verantwortung

Festhalten und Loslassen, beides ist wichtig, lerne ich gerade. Gleichzeitig geht nicht, jedes hat seine Zeit.

Die Bereiche, für die ich Verantwortung übernehme, nehme ich sehr ernst. Der Rest beginnt so langsam, mir den besagten Buckel runterzurutschen.

Ich könnte mich jetzt ärgern, dass der Mann noch schläft, obwohl wir in einer guten Stunde fahren wollten. Etwas in mir tut das auch, grummelt herum, verweist auf die Strecke und dass wir auch irgendwann ankommen wollen.

Eine andere Ecke in mir ahnte es, wundert sich nicht und überlegt, wie es damit umgehen soll. Eine Konfrontation führt zu Streit und dann zu Einsicht, aber nicht zu Veränderung. Warum also sollte ich etwas sagen? Das Spiel spielen wir regelmäßig, ich bin es leid.

Also lasse ich es auf mich zurollen, gebe mal die Verantwortung ab und schreibe noch ein bisschen. Der Kaffee ist kühl, der Schlaf war früh zu Ende, aber nicht so früh, dass ich mir Sorgen machen würde um Konzentration und ähnliches.

Das Glas Wein gestern war gut ( Das zweite auch), doch ich spüre, dass mir Alkohol gerade nicht so gut tut. Vielleicht weil ich so wenig Appetit habe und die Basis fehlt.

Dafür verschwinden so langsam die ersten Hüftrollen. Auch gut, oder besser gesagt, prima.

Vielleicht passe ich ja doch irgendwann wieder in meine Lieblingsklamotten. Bis jetzt weigere ich mich hartnäckig, größere Jeans zu kaufen. Röcke und die dehnbaren Modelle müssen so lange herhalten.

Stress macht dick, das konnte ich am eigenen Leib feststellen, auch wenn ich nicht dick, sondern lediglich ein wenig moppelig geworden bin. Warum der Appetit bei Belastung erst sinkt, dann steigt, kann ich nicht erklären, scheint aber bei vielen so zu sein.

Oben knarrt die Treppe, der Mann ist aus dem Bett gefallen. Gut, dass ich mich nur ein wenig geärgert habe.

Alice

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Tag 323/365 – Zu früh gefreut

Ich lebe an meinem Leben vorbei, tue viel zu viele Dinge, die ich nicht vertrage, mit denen ich nicht umgehen kann. Ich setze mich zu viel Lärm, zu vielen Menschen, zu viel Stress aus.

Ich bin nicht gut zu mir, respektiere weder meine Grenzen noch meine Wünsche.

Gestern machte ich schlapp. Nach einem langen, am Ende entnervenden Arbeitstag und einem viel zu lauten Hallo, einem von Reisevorbereitungen gestressten Gatten und einer fehlenden Mail, die nicht bei mir verschwunden ist, nach der ich aber fünf Mal gefragt wurde, erschien meine Überlastungsgrenze, die Lämpchen standen auf dunkelrot und ich knickte ein, wollte nur noch ins Bett, mir ein bisschen Serien reinpfeifen und schlafen.

Das, was mich sonst zuverlässig entspannt, versagte, machte nur den Kopf unangenehm klar und der erzählte mir dann in gesetzten Worten, was alles gerade so schief läuft bei mir. Es legte den spitzen Finger in die Wunde und fragte mich, wie lange ich noch die Augen schließen möchte, wann Zeit und Raum für mich auftaucht und warum, in Dreiteufelsnamen, ich das überhaupt tue.

Warum ich überhaupt etwas tue. Auch das hier und das Zeichnen und Knipsen, das Malen und Schreiben, das Pseudokünstlergedöns, wenn ich am Ende nur noch erschöpft bin, ausgelaugt, von Lärm und tausend Fingern, die an mir zerren.

Ich mache es gern, wandte ich ein und von der anderen Seite kam nur ein Schnauben und ein ärgerliches „Dann entscheide dich endlich“.

„Keine Wahl „, sagte ich und versuchte den Dämon von der Schulter zu schubsen. Er grinste und atmete mir ächzend ins Ohr.

Die Nacht war dann auch bald zu Ende, ausschlafen wäre möglich gewesen, naja, geschenkt. Heute noch einmal über die Dreivierteldistanz, dann Koffer packen, Mann beruhigen, Kinder instruieren und morgen die Hauptstrecke fahren.

Ich freue mich auf das Wochenende und auch wieder nicht. Gerade reicht die Energie nur für ein paar Zeilen und heute Abend wird es richtig chaotisch.

Aber geplant ist geplant und das ziehe ich jetzt durch. Wie ich es verkrafte? Keine Ahnung, ich werde berichten.

Alice

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gutenachtgedanken – drum singe

Wir haben ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk eröffnet, eins für die ganze Familie, eins, was die Nachbarschaft in den kontrollierten Wahnsinn treiben wird, wir haben eine Karaokemaschine.

Und Sohn#2, der die Idee von Anfang an doof fand, schnappte sich als erster das Mikro und gab seine Version von „Billie Jean“ zum Besten. Es war zum Niederknien.

Auch ich habe gesungen, mehr laut als falsch, aber für die Interpretation von „Santa Baby“ (Ja, wir haben auch eine Weihnachts-CD) mit meinem Mann (der mal Sänger einer Metalband war) würden wir jeden Preis gewinnen.

Am zweiten Weihnachtstag wird die gesamte Familie bei uns wichteln. Was praktisch bedeutet, dass um kleine Geschenke gewürfelt und gekämpft wird. Wir werden das Spiel erweitern. Bei einem Pasch muss ein Lied zum Besten gegeben werden, die Auswahl zieht die Glücksfee (also ich!!!) aus dem Hut.

Die Begeisterung wird grenzenlos sein und ich hoffe inständig, dass die Tante „Lady in Red“ singen muss und wir genug Bier und Sekt im Haus haben.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 67 – Neues Werkzeug

Ich bin ein Gewohnheitstier, habe Lieblingsfüller und Bleistift, den festen Sitzplatz, die üblichen Routinen. Manchmal nervt es mich, wenn ich feststecke und realisieren muss, dass es so wie immer, eben nun mal nicht geht.

Dann fühlt sich alles fremd und unpassend an und man weiß gar nicht, wie und wo man jetzt anfangen soll.

Gerade sitze ich an einer fremden Tastatur. Die ist schwarz (wie es sich inzwischen gehört), doch die Tasten glänzen und das irritiert mich.

Statt also ans Schreiben zu denken, betrachte ich das Funkeln und Glitzern, denke dauernd darüber nach, ob sie so gewollt oder vom vielen (fremden) Benutzen speckig und reinigungsbedürftig sind.

Beim Autofahren brauche ich ewig, bis ich mich an ein neues Modell gewöhnt habe. Ich mag es, im gewohnten Umfeld meinen Dienst zu tun und es stresst mich, wenn sich plötzlich Dinge ändern, ich mit fremdem Auto in eine unbekannte Gegend fahren muss.

Mich ärgert das, möchte ich mich doch nicht von solchen Banalitäten aufhalten lassen. Und ich probiere auch gerne Neues aus, was zu meinem Festhalten an alterprobten Routinen in Widerstreit steht.

Ich ahne, woher es kommt. Die sprichwörtliche Dünnfelligkeit und die Neigung zur Reizüberflutung machen mir das Leben bei allzu viel Umbruch schwer.

Der Mittelweg mal wieder. Die Tastatur und ich, wir haben uns gerade angefreundet. Schreiben tun auch andere Stifte – und überhaupt. was wäre das Leben ohne ein wenig Aufregung? Und wenn es nur der Stabilo statt dem Kugelschreiber ist.

Alice

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Tag 322/365 – Über die Angst

Ein dreiviertel Jahr ist es her, ziemlich genau sogar bevor ich das tat, was heute meine Aufgabe sein wird.

Ich weiß, dass ich es beherrsche und ich weiß, dass ich es nicht beherrsche. Es gibt Bereiche, da bin ich unsicher und brauche Hilfe. In anderen bin ich relativ entspannt.

Wenn ich scheitere, bin ich nicht allein. Ich habe Zuschauer. Die sind mir zwar vom Prinzip her wohlgesonnen, aber sie freuen sich auch, wenn das, wofür ich stehe, versagt.

Es macht sie ein wenig größer, ein wenig kompetenter. Sie reden darüber.

Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob ich da, wo ich bin, richtig bin. Ob ich nicht an anderer Stelle viel besser aufgehoben wäre.

Kneifen möchte ich und das geht nicht – aus vielen Gründen. Einmal wegen der anderen und dann auch wegen mir.

Es macht mir mehr Angst als die weite Strecke nach Berlin und ich spüre, wie ich zickig und nervös werde, ein großes Rührmichnichtan im Raum steht, die inneren Krallen ausfahren und ich alle und alles verfluche, was mich an diesen Platz gebracht hat. Damit habe ich dann einiges zu tun, fürchte ich.

Augen zu und durch. Der Tag geht vorbei. Und vielleicht wird es gar nicht so schlimm.

Alice

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gutenachtgedanken – backwahn

Der Sohn #3 hat morgen Geburtstag. Ein Geschenk hat er schon (ging nicht anders, ein Onlinegedöns), die Überraschung lauert hinter mir.

Die Folge oder besser die Vorbereitung ist der Backwahn. Während der Mann versuchte leckeres Hühnchen zu marinieren und zu braten, sprangen Sohn#2 und Sohn#1 mit mir um die Wette um die Werkbank herum, standen im Weg, schubsten zur Seite, kämpften hart um jeden Zentimeter Arbeitsfläche – und wir buken.

Wir buken gefühlte 2000 Schokomuffins mit weißer Schokolade in der Mitte, die nicht geschmolzen ist und einen Marmorkuchen, der so gewaltig war, dass er die Begrenzungen der Backform ablehnte und sich über den Rand ergoss.

Beides ist unglaublich lecker, doch da das Auge mitisst, gibt es Abzüge in der B-Note.

Man kann nicht alles können.

Alice

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Tag 321/365 – Spätschicht

Heute ist Spätschicht, was bedeutet, dass ich ausschlafen darf und später die bereits erschöpfte und unlustige Meute übernehme. Es wird ein ruhiger Tag werden. Das einzige, was mir ein wenig quer sitzt, ist die alltägliche Fahrerei.

Die Zeit wird sinnvoll genutzt. Schwarze Pampe überdeckt graue Haare, gestern war ich zu müde für das Gefriemel und Geschmiere. Der Mann kränkelt und hält sich den gestressten Magen. Was er sich eingefangen hat, weiß ich nicht. Ich hoffe zumindest, dass es nur kurzzeitig und vor allem nicht ansteckend ist.

Meine Nase läuft auch ein wenig, doch das liegt alles noch im Normbereich, wenn man sich das Wetter und die Jahreszeit anschaut. Kleine Vorfreudefetzen rodeln über meinen Rücken, hoffentlich hält sich die Wettervorhersage für Berlin. Mit bedecktem Himmel kann ich umgehen, Dauerregen wäre mehr als ärgerlich.

Ein wenig nervös bin ich doch, habe seit die Agoraphobie aufgetreten ist (übrigens bei einer Reise nach Berlin vor sechs Jahren) keine so weite Tour mehr gemacht. Aber es wird, es muss gehen. Schließlich will ich nicht den Rest meines Lebens zu Hause hocken.

Angst ist ein schlechter Ratgeber und sie ist unbegründet. Doch das erzähle mal bitte einer meinem Adrenalinspiegel.

Ein wenig Zeit für den Haushalt bleibt, die Söhne #1 und #3 haben heute frei, #2 schreibt eine Klausur und der Kleine geht gleich mit seiner (vielleicht schon, vielleicht bald) Freundin (???) zur Schule.

Leben ist so. Auch eine Spätschicht geht vorbei und morgen gehe ich wieder über die volle Distanz.

Alice

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gutenachtgedanken – sparflamme

Kleine ToDo-Listen sammeln sich in unaufgeräumten Ecken. die frühe Dunkelheit verschluckt sie, was die übrig lässt, frisst die Kerze. Sanfter Ascheregen erinnert mich ans Staubsaugen und ich notiere es sorgfältig.

Kinder wittern Keksduft und leugnen den Bedarf, streichen neugierig um den Herd und stecken ihre Nasen in die Luft. Nein, wir backen noch nicht, aber wir könnten, wenn wir wollten. Wer will es uns verbieten.

Erste Wünsche werden zusammengetragen, Gedanken und Träume antizipiert. Geldwünsche werden ignoriert, wo kommen wir denn hin?

Mein Leben kauert sich gerade zusammen, ich spare mit meiner Flamme. Die Welt da draußen dreht sich ohne meine Sorgen weiter. Im Innen wird aufgeräumt, die Projekte dümpeln vor sich hin.

Einmal Luft holen und dann kann ich sanft das Feuer wieder zum Brennen bringen.

Alice

Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich

Tag 320/365 – Tiefschlaf

Es ist für viele selbstverständlich und sie haben überhaupt kein Problem damit. Sobald sie den Kopf auf das Kissen legen, fallen ihnen die Augen zu und sie schlummern selig bis am nächsten Morgen der Wecker klingelt.

Ich kannte das seit Jahren nicht, bin in sechs von sieben Nächten zu früh aufgewacht. Häufig morgens um drei oder vier Uhr. An Schlaf war nicht mehr zu denken, das Herz raste, der Adrenalinspiegel schoss durch die Decke. Tausend Sorgen rauschten durch meinen Kopf und sie waren nicht abstellbar.

In der Folge war ich erschöpft, kränkelnd und hatte keine Lust mehr, etwas zu unternehmen. Ich war nur froh, wenn ich nach Feierabend ein paar Stunden Schlaf nachholen konnte.

Mein Körper verbog sich, Nacken, Hüfte, Knie schmerzten und ich fühlte mich wie 80+, wie eine sehr alte 80+.

Seit zehn Tagen schlafe ich wieder. Erst der fiese Wecker macht mich wach und mein Schlaf ist tief und traumreich. Die Sorgen kann ich an die Seite schieben, nachts im Bett kann ich sowieso keine lösen.

Es tut gut, das muss einmal gesagt werden. Und jeder Spruch im Sinne von „Schlaf wird überbewertet“ ist Quatsch.

Alice

Veröffentlicht in Mal über mich

gutenachtgedanken – verlorene orte

Als wir vor etwas mehr als einem Jahr in die Eifel fuhren, um unseren Junghund zu holen, kamen wir durch einen fast verlassenen Ort. Unser Weg hätte uns daran vorbei geführt, nur Hunger und Lust auf einen frischen Kaffee, motivierten uns, abzubiegen.

Wir wunderten uns zunächst nur, dass überall die Rollläden unten waren und kaum ein Auto zu sehen war, von Menschen ganz zu schweigen. Wir schoben es auf den Hochsommer und die späte Ferienzeit. Doch als wir durch die Straßen kurvten, kam es uns irgendwann seltsam vor.

Nur zwei von bestimmt hundert Häusern schienen noch bewohnt zu sein, der Rest stand leer. Natürlich gab es weder Café noch sonstige Läden. Es war totenstill und ich muss gestehen, dass ich mich gruselte.

Häuser ohne Menschen sind wie Gerippe ohne Fleisch. Was eben noch ein Zuhause für glückliche Menschen war, wirkt nun gottverlassen und wie eine Heimstatt für böse Geister.

Ich atmete auf, als wir wieder auf der Schnellstraße waren und freute mich, den Ort hinter mir zu lassen. Recherchen ergaben, dass wohl die Braunkohle ihre schmierigen Finger nach der Ortschaft ausgestreckt hatte.

Alice