Veröffentlicht in Begegnungen

365 Begegnungen – Tag 68 – die Beschäftigung

Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Als ich nach Hause kam, war zwar das Haus geputzt, doch das Wochenende nicht vorbereitet. Daraus folgt logisch und auch wieder nicht : Es ist jetzt 20 Uhr und ich hatte noch keine ruhige Minute.

Einkaufen, damit die Jungs nicht verhungern am Wochenende ( sollte der Mann erledigen, der extra Urlaub genommen hatte) , bis gerade die neue renitente Nudelmaschine im Clinch gehabt (Meine Güte, wer denkt sich so was aus?), jetzt ein Glas Wein und runterkommen.

Nicht mehr ärgern über das, was nicht geklappt hat und für mich liegen blieb. Nicht mehr nachdenken über die Strecke und ob alles dabei ist ( ich hin ziemlich entspannt, es ist Berlin, nicht Taka-Tuka-Land).

Der Rest ist besetzt und schreit nach loslassen. Ich werde mich melden, wenn es passt. Und hoffentlich viele Fotos mitbringen.

Wer die 22 Wochen von Wortman und Aequitas kennt, mein Einhorn kommt selbstverständlich mit.

Der Rest ist ein wenig Abenteuer und ich muss gestehen… Ich habe Reisefieber.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 67 – Neues Werkzeug

Ich bin ein Gewohnheitstier, habe Lieblingsfüller und Bleistift, den festen Sitzplatz, die üblichen Routinen. Manchmal nervt es mich, wenn ich feststecke und realisieren muss, dass es so wie immer, eben nun mal nicht geht.

Dann fühlt sich alles fremd und unpassend an und man weiß gar nicht, wie und wo man jetzt anfangen soll.

Gerade sitze ich an einer fremden Tastatur. Die ist schwarz (wie es sich inzwischen gehört), doch die Tasten glänzen und das irritiert mich.

Statt also ans Schreiben zu denken, betrachte ich das Funkeln und Glitzern, denke dauernd darüber nach, ob sie so gewollt oder vom vielen (fremden) Benutzen speckig und reinigungsbedürftig sind.

Beim Autofahren brauche ich ewig, bis ich mich an ein neues Modell gewöhnt habe. Ich mag es, im gewohnten Umfeld meinen Dienst zu tun und es stresst mich, wenn sich plötzlich Dinge ändern, ich mit fremdem Auto in eine unbekannte Gegend fahren muss.

Mich ärgert das, möchte ich mich doch nicht von solchen Banalitäten aufhalten lassen. Und ich probiere auch gerne Neues aus, was zu meinem Festhalten an alterprobten Routinen in Widerstreit steht.

Ich ahne, woher es kommt. Die sprichwörtliche Dünnfelligkeit und die Neigung zur Reizüberflutung machen mir das Leben bei allzu viel Umbruch schwer.

Der Mittelweg mal wieder. Die Tastatur und ich, wir haben uns gerade angefreundet. Schreiben tun auch andere Stifte – und überhaupt. was wäre das Leben ohne ein wenig Aufregung? Und wenn es nur der Stabilo statt dem Kugelschreiber ist.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 65 – Die Musik

Mal ganz ehrlich, wenn wir unterwegs sind, am Arbeitsplatz, in Geschäften, um den Kühlschrank wieder zu füllen oder auf der Autobahn, dann sind wir meist komplett fokussiert. Wir sehen den Kollegen, mit dem wir dringend reden müssen, das potentielle Abendessen oder die Rücklichter des Schleichers vor uns.

Vielleicht hängen wir ein wenig unseren Gedanken nach oder gehen im Kopf zum fünften Mal die Todo-Liste durch. Aber wir hören nicht zu, versuchen sogar die Musik im Hintergrund auszublenden.

Ich rede jetzt nicht von der unerträglichen Supermarktmusik, deren Jingles das Einkaufen zur Tortur machen oder der Radiomusik auf der Heimfahrt.

Ich rede von der Musik, die eigentlich keine ist, dem Rhythmus des Lebens.

Als ich heute unser Pausenzimmer betrat, packte ein Kollege ein Paket aus. Seine Finger machten rrratsch…rrrastsch…rrratsch, daneben unterhielten sich zwei andere, unterlegten den Rhythmus mit hellen Stimmen, die Sekretärin stöckelte energisch durchs Zimmer und… voilá – eine kleine Melodie.

Die vorbeisurrenden Autos gepaart mit dem Scheibenwischer, die Regentropfen an der Fensterscheibe und das Summen des Trockners, das Aufreißen der Kartons im Supermarkt gepaart mit dem Brummender Kühlung und dem Quietschen der Einkaufswagen. Überall ist Musik.

Wir müssen nur unsere Ohren spitzen.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 64 – Die Dunkelheit

„Es schlägt mir aufs Gemüt“, sagt sie und zieht die Vorhänge zu.

„Was?“, er schaut kurz vom Handy hoch und runzelt die Stirn.

„Na, das da draußen. Die Dunkelheit. Wenn ich von der Firma komme, dämmert es schon und morgens fahre ich im Dunkeln los. Es ist, als würde nie die Sonne scheinen und es wird von Tag zu Tag schlimmer.“

„Ist doch jedes Jahr so. Stört mich nicht. Nach Weihnachten wird es ja wieder heller.“ Er schaut wieder auf sein Handy.

„Aber erstmal wird es noch 38 Tage lang immer dunkler. Mir fehlt jetzt schon die Luft und das Licht.“

Sie setzt sich neben ihn und legt ihren Kopf an seine Schulter. „Ich mag das Licht doch so gerne.“

Er gibt ihr einen Kuss auf die Wange und steht vorsichtig auf. Aus dem Wohnzimmerschrank holt er einen Arm voll alter Adventskranzkerzen, die für Notfälle in der hinteren Ecke stehen, hervor. Die stellt er auf den Tisch und zündet eine nach der anderen an.

„Schau mal“, sagt er und nimmt sie wieder in den Arm, „Wenn es draußen dunkel ist, machen wir es uns hier drinnen hell. Ist doch auch ganz schön.“

Alice

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365 Begegnungen – Tag 63 – Die Vorfreude

„Morgen kommt der Weihnachtsmann…“ Sie trällert und wischt den Frühstückstisch ab.

„Bitte!“, er schaut genervt von der Zeitung hoch und runzelt die Stirn, „Wir haben Mitte November! Nicht morgen, sondern in…“ er rechnet kurz „39 Tagen ist Weihnachten. Was soll der alte Mann denn tun, wenn er morgen vor der Tür stünde, den Mantel frisch von der Reinigung, noch in Plastik verpackt im Arm, und die Blondierungscreme für den gelben Bart in der Tasche?“

„Du bist doof!“, sagt sie, hört aber auf zu singen. Sie setzt sich zu ihm und legt Lappen und Küchenhandtuch auf den Tisch. „Ich freu mich doch nur. Mir ist schon so vorvorweihnachtlich zumute.“

„Konsumterror, leergekaufte Supermärkte, Geschenkezwang, Festbeleuchtung, Glühweinstände und Last Christmas. Ich kann dem nichts abgewinnen.“ Er räuspert sich und schüttelt den Kopf. „Die Welt ist im Chaos. Klimawandel, Bürgerkriege, Trump, da vergeht einem doch alles.“

Sie legt die Hand auf seinen Arm und lächelt ihn sanft an. „Verschneite Wälder, leuchtende Kinderaugen, Plätzchen, Ruhe, Durchatmen und für einen kleinen Moment hoffen, dass trotzdem alles gut wird.“

Er schweigt und schaut sie an. Ganz leise beginnt er zu singen „Stille Nacht….“

Alice

Veröffentlicht in Begegnungen, Mal über mich

365 Begegnungen – Tag 63 – Wer bin ich?

Wenn ich jetzt hier los fahre, bin ich Oma, denn dann hole ich meine Enkel von der Kita ab.

Wenn sie bei ihren Eltern sind, bin ich Mutter und hole die Jüngsten vom Sport, bringe sie zu ihren Freunden und höre mir an, wie die Schule war.

Dann bin ich Tochter und helfe meiner Mutter beim Einkauf, trinke einen Kaffee mit ihr und lass mir von alten Zeiten erzählen.

Wenn ich später zu Hause bin, bin ich Ehefrau weil der Mann schon lange auf mich wartet.

Und wann bist du du?

Alice

Veröffentlicht in Begegnungen

365 Begegnungen – Tag 62 – Die Aggression

Poltern Menschen in meiner näheren Umgebung herum, ist mir immer unwohl. Ich mag kein aggressives Verhalten, habe in meiner Kindheit genug davon erlebt.

Dauerschlechtelaune zehrt an meinen Reserven, ich werde dann porös und unsicher.

An manchen Tagen habe ich den Verdacht, dass es Menschen gibt, die gar nicht möchten, dass es ihnen gut geht. Die immer das Haar in der Suppe suchen, deren Glas immer halbleer ist, die immer den Fehler im System suchen oder einfach ihren Stress ungefiltert auf die Menschheit loslassen.

Was sie davon haben, frage ich mich dann. Denn schön ist es doch nicht, immer mit Leichenbittermiene herumzulaufen und andere anzunölen. Andererseits, wenn sie auf Menschen wie mich treffen, haben sie geradezu das große Los gezogen, denn ich leide mit. Ausgestattet mit dem Wunsch, dass es allen gut gehen soll, sind sie mein Waterloo. Ich habe ihnen nichts entgegenzusetzen und langsam aber sicher versinke ich im Strudel der Hilflosigkeit.

Erst, wenn ich alles gegeben habe und das Gegenüber immer noch mies drauf ist, werde ich langsam wach. Versuche mir mein Lachen und meinen positiven Blick auf das Leben zurückzuerobern. Und unter ihren ärgerlichen Blicken tanze ich durch die Küche und singe laut und schräg den letzten Schlager mit.

Geht doch, denke ich dann und mach die Musik lauter.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 61 – Die Vernunft

Sie sitzen am Mittagstisch und schweigen sich essend an. Geschirr klappert, der Mann schmatzt, sie stößt leise auf.

Gerade gibt es nichts zu reden. Er seufzt, schiebt den Teller weg und zündet sich eine Zigarette an. Sie rümpft die Nase, springt auf und reißt das Fenster auf.

„Ey, was soll das? Draußen sind fünf Grad oder so. Soll ich mir den Tod holen?“

„Das machst du doch gerade“, sagt sie und weist mit dem Kinn in Richtung Glimmstengel. „Und mich ziehst du da auch mit rein. Du bist so schrecklich unvernünftig. Trinkst zu viel, bewegst dich kaum und dann auch noch deine Kippen.“

„Ach Mensch, wer stirbt schon gern gesund? Und überhaupt, hast du jetzt einen Gesundheitswahn? Du trinkst doch auch gerne deine Likörchen.“

„Nicht mehr! Ist dir das noch gar nicht aufgefallen? Ich koche jetzt auch viel gesünder, weniger Fett und so. Das Schnitzel heute war vegan.“

Kurz überlegt er, ob er ihr sagen soll, dass es ihm nicht geschmeckt hat, aber er will nicht noch mehr Öl ins fettfreie Feuer gießen.

„Wir müssen vernünftig sein, wir werden ja nicht jünger. Gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, weniger Alkohol und Zigaretten, du weißt schon. Und Sport!“

Er schaut sie entgeistert an. „Das soll vernünftig sein? Ich habe noch nie Sport getrieben. Abgesehen davon ist mein Rücken kaputt. Wenn ich den ganzen Tag in der Firma rumgerannt bin, bin ich müde. Da gehe ich nicht auch noch joggen, das war genug Bewegung.“

Sie rümpft die Nase und schaut ihn ernst an. „Ich möchte noch viele Jahre mit dir haben“, versucht sie es erneut. „Wir haben viel zu viel Blödsinn gemacht in den vergangenen Jahren.“

„Joa“, grinst er, „war aber auch gut. Erinnerst du dich an den spontanen Ausflug nach Paris? Wir sind die Nacht durchgefahren, dann gab es Champagner zum Frühstück und ein bisschen Gras vom Portier. Oder an die Party bei Karl und Maria? Du hast auf dem Tisch getanzt und ich habe immer nur gedacht, was für eine Frau. Oder an die durchwachte Nacht am Strand in Rimini? Wir haben nur gesessen und geredet. Das war alles unvernünftig.“

Sie setzt sich zu ihm und ihr Gesicht wird weich. „Ja, das war schön. Aber wir werden nicht jünger und sollten vielleicht so leben, dass wir ganz oft vernünftig und ab und zu so richtig unvernünftig sind.“

Er küsst sie. „So machen wir das. Aber bitte keine veganen Schnitzel mehr.“

In der kleinen Nische zwischen Kühlschrank und Herd spielen Vernunft und Unvernunft Schnick-Schnack-Schnuck.

Es scheint unentschieden auszugehen.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 60 – Trophäen

„Glaubst du, dass wir irgendwann mal was gewinnen?“ Sie trinkt den letzten Schluck aus der Kaffeetasse, steht auf und beginnt, sie unter fließendem Wasser zu reinigen.

Er hasst das, weil das Wasser immer kalt ist und die Tasse, wenn er sie zufällig später aus dem Schrank holt, einen seltsam abgestandenen Geruch hat.

„Weiß ich nicht“, entgegnet er brummig und verschanzt sich für eine Weile hinter der Zeitung.

„Ich würde ein großes Haus kaufen und ein tolles Auto. Was meinst du?“

„Hmmpf!“

„Dann können wir so oft in Urlaub fliegen wie die Schmidts von gegenüber!“

„Was sie aber nicht mehr mitbekommen würden, weil unser Haus dann ja woanders steht!“, wendet er ein und legt die Zeitung hin.

„Stimmt!“ Für einen Moment wirkt sie enttäuscht.

„Wofür brauchen wir das denn? Es geht uns doch prima! Woanders haben die Menschen kein Dach und kein Wasser…“

„Ach, du schon wieder. Nur weil es manchen schlecht geht, heißt dass doch nicht, dass es mir nicht gut gehen darf. Oder möchtest du, dass es uns auch schlecht geht?“

Die Fangfrage hängt im Raum.

Er steht auf, nimmt sie vorsichtig aus der Luft und nagelt sie auf das abgewetzte Frückstücksbrettchen.

Seitdem hängt sie neben der Dunstabzugshaube.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 59 – Knoten

Als Kind liebte ich es, Knoten zu lösen. Jede verkrumpelte Halskette, jede vorweihnachtliche Lichterkette, jeder unlösbare Schuh landeten bei mir. Es hatte etwas Meditatives, sorgfältig die Bahnen nachzuverfolgen und am Ende die losen Enden in Händen zu halten.

Beim Geschichtenerzählen arbeite ich gerade rückwärts. Die Erzählung bildet eine Menge Schlaufen und Knötchen und wenn ich nicht aufpasse, habe ich am Ende was Gordisches erschaffen und muss das Drama mit dem Schwert zerteilen.

Leider gehöre ich nicht zu den planenden Menschen. Ich weiß zwar ungefähr, wohin die Reise gehen soll, doch meine Protagonisten haben ihren eigenen Kopf und überraschen mich immer wieder. Manchmal wäre es ganz schön, wenn ich ihnen Einhalt gebieten könnte, sie stoppen, wenn sie sich mal wieder verrennen und ich schauen muss, was ich mit den Ergebnissen anfange.

Gerade hat sich ein Wollknäuel gebildet und die Lust, es zu entwirren, geht tendenziell gegen Null. Abgesehen davon ist die Erkältung der unangemessenen Meinung, dass ein Wattekopf gerade genau das Richtige ist.

Aber wie sagte Scarlett O´Hara so schön? Da werde ich mich morgen drum kümmern. Denn morgen ist auch noch ein Tag.

Alice