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365 Begegnungen – Tag 109 – Die Angst

Eine Migräne hat mich überfallen, schon wieder, lahmgelegt, leidend und quer ans Bett und die Ruhe gefesselt. Dabei hatte ich so viel zu tun und schaffte gerade die Hälfte, bevor nichts mehr ging und Stille und Dunkelheit nach mir riefen.

Es ist besser, zumindest ein wenig und ich spüre die Verspannungen, die dem Schmerz die Bahn bereiteten.

Unter Migräne fallen die Mauern, die sonst die Gefühle auf ein erträgliches Maß reduzieren. Unter Migräne hin ich klein und schutzlos, kann mich nicht wehren, will es auch nicht.

Verdrängtes arbeitet unter der Oberfläche, wartet in den Tränen, die kurz vorm Hervorquellen sind. Es würde mich erleichtern, das Weinen, doch noch ist es nicht so weit, da passt noch etwas auf.

Eine große Angst sitzt mir im Nacken, sie ist auch immer dabei, besucht mich, wenn ich ihren Käfig nicht ausreichend verschlossen habe. Sie hält Händchen mit der Trauer und der Leere, die eilige Dreieinigkeit, verschworen, dass ich sie nicht vergesse. Sie wollen gesehen werden, das ist mir bewusst. Lassen Sie sie raus, sagt der Therapeut und ich grinse ihn nur schief an. Das wollen Sie nicht, sage ich und hoffe, dass sie sich bald wieder zurückziehen.

Einzeln kann ich sie ertragen, ihnen Raum geben, doch wenn sie eine Party in meinem Kopf feiern, sind sie unerträglich.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 108 – Der Nachklang

Erkenntnisse klingen nach. Wenn ich ehrlich bin, habe ich das so noch nie erlebt. Es war meist eine Kombination aus Verstehen und Abhaken, das Begreifen fehlte.

Die Erkenntnis kam im Vollrausch, darf passieren am Wochenende mal, kommt auch selten genug vor und warf mich etwas aus der Spur. Schuldgefühle und übler Nachgeschmack begleiteten mich seitdem durch den Tag, vergällten mir ein kleines bisschen das Leben. Doch sie sackten und mit dem Versinken in die Untiefen des Unterbewusstseins verschwand die Schuld, denn ich konnte nichts dafür.

Wenn ich allerdings so weitermachen sollte wie bisher, ist der Tatbestand ein ganz anderer. Denn jetzt weiß ich es und jetzt steht eine tiefgreifende Veränderung im Raum.

Viel mehr als nur abgeschnittene Zöpfe, mehr als Umdekorieren und Kaschieren. Es tut Not und das nicht nur für mich.

Gerne würde ich, als Kind der Ungeduld, alles sofort verändern, drei Mal in die Fingerchen klatschen, den Dschinn rufen und fertig ist.

Doch bevor ich irgendetwas im Außen ändern kann, muss ich bei mir anfangen und das sehr behutsam. Es sind komplett neue Wege für mich, steinig werden die ersten Schritte sein und anstrengend, das Navi immer im Ohr, damit ich nicht vom Weg abkomme, denn das ist ernst.

Die Erkenntnis klingt nach und das tut sie laut und nachhaltig.

Es passiert etwas, endlich.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 107 – Die Gelegenheit

Auch ich bin nicht frei von Bilanzen, auch ich schaue auf das Jahr zurück und überlege insgeheim, was gut war, was gut tat, was sich schlecht anfühlte und was schief gelaufen ist.

Ich habe viel gemacht, viel geschrieben, einiges probiert und bin sogar ein paar Mal über meinen Schatten gehopst und habe tatsächlich etwas erreicht.

Kleine Schritte, die aber, und das ist die Krux, an meiner Einstellung zu mir nicht viel geändert haben. Bedeutet, dass ich immer noch dieselbe bin, mittlerweile aber verstehe, warum.

Es ist der Plan, daran zu feilen, mein Bild im Außen mit dem im Innen abzugleichen ohne mich zu verlieren.

Momentan sitze ich auf dem Sofa, tippe auf dem Tablet herum und trinke Kaffee. Der Rest des Hauses schläft, nur die verrückte Katze tobt hinter meinem Kopf herum. Ich bin seit zwei Stunden wach und hätte schon so Einiges tun können. Es gab Gelegenheiten genug, unter die Dusche zu hüpfen, mich anzuziehen, die Kamera zu schnappen und ein wenig im Nebel unterwegs zu sein oder einfach nur einen der Hunde zur Frühstücksrunde zu entführen.

Ich hätte mich an die leidige Prüfungsvorbereitung setzen können, an eine Geschichte, an den Roman, an Bildbearbeitung oder sonst was. Ich tat es nicht, trank Kaffee, rauchte und wartete, dass es später wird.

An manchen Tagen ist so eine Lethargie gut, ausruhen, faulenzen, den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Aktionismus kann auch zu viel werden, meine Schmerzgrenze habe ich noch nicht ausgelotet, doch ich merke im Nachhinein sehr gut, wenn ich sie überschritten habe.

Gerade langweilt mich das Faulenzen, der Mann ist gerade in die Küche gewuselt und setzt sich mit einem Kaffee zu mir.

Der Tag wird einen Berg an Gelegenheiten haben. Ich bin gespannt, ob Ich den Popo hoch bekomme, um wenigstens ein paar wahrzunehmen.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 106 – Was noch zu sagen bleibt

Für dieses Jahr scheint alles gesagt. Die Worte sind mir ausgegangen, das erste Glas Wein steht neben mir und es wird nicht das Letzte sein. Es ist ruhig im Haus, die Kinder sind nicht mehr klein, einer ist auf Tour, die anderen hängen in virtuellen Welten fest.

Ruhig ist es in mir und ein wenig Neugierde macht sich breit. Ich bin gespannt auf die nächsten zwölf Monate, auf das, was beruflich, bei meinen Hobbies und privat auf mich zukommt.

Umbrüche stehen an, wie weit sie reichen, kann ich nicht abschätzen. Ich werde auf die Füße fallen, falls etwas schief geht, das weiß ich.

Ich werde noch ein wenig schauen, ein wenig mit euch den Abend einläuten lassen und dann schweigen. Über 290000 Wörter sind aus mir geflossen im letzten Jahr, und jetzt wird es sehr still.

Ich freue mich auf euch im nächsten Jahr, auf neue Worte, Blogparaden, Bilder, Märchen, Geschichten, Lustiges und Nachdenkliches.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 105 – Regenerative Dopplungen

Ich bin ein großer Freund regenerativer Energiequellen. Seit meinem Studium, wo ich im Hauptstudium in Richtung Energietechnik schwenkte, faszinieren mich die Möglichkeiten ohne Umweltdreck (naja nicht ganz) Energie zu gewinnen. Leider scheinen immer noch zu viele zu glauben, dass Strom eben aus der Steckdose kommt.

Fotografieren mag ich sie auch sehr gerne. Da die Canon EOS 3000 noch getestet werden musste, nahm ich sie heute zur Hunderunde mit und experimentierte mit der Doppelbelichtungsfunktion.

Anklicksen macht die Bilder groß.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 104 – Die Lebensbeichte

***Nicht ernst gemeint***

Nein, ich bin nüchtern, klar im Kopf, habe es nicht nötig, mich zu berauschen, meinem Körper Substanzen zuzuführen, die ihm schaden könnten. Ich lebe gesund, halte mich fit, an meine Seele lasse ich nur Wasser und CD.

Ich war natürlich nicht immer so und hatte durchaus meine schwachen Momente. Schließlich bin ich in den Siebzigern aufgewachsen und das waren ganz andere Zeiten.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Es war 1976, ein schrecklich heißer, trockener Sommer. Ich hatte meinen ersten Freund, die Eltern wandelten von Grillparty zu Grillparty, betranken sich mit Sekt, Whisky und Eierlikör und hörten Boney M.

Ich trieb mich mit der Clique rum, wir machten Lagerfeuer, tranken billiges Bier und irgendjemand hatte immer eine Klampfe dabei, um darauf peinlich schlecht „Wish You Were here“. Wir Mädchen heulten pflichtschuldigst, die Jungs trösteten und irgendwann packte einer ein Beutelchen aus und baute daraus umständlich einen Joint.

Ich bin mir nicht sicher, was wir damals rauchten, ab und an mag tatsächlich Cannabis dabei gewesen sein. Meistens schmeckte es nach Minze oder Oregano, knallte auch, aber anders. Und wir versicherten uns, dass wir so high seien, verdrehten die Augen, grinsten debil und nahmen es als Ausrede, um endlich mal das zu sagen, was nur Betrunkene, Narren und Kiffer dürfen.

Ich machte eines abends den Fehler und sprach mich gegen Pink Floyd aus, eine Todsünde, die man mir selbst im vollberauschten Zustand nicht durchgehen lassen konnte. Sie versuchten mich zu bekehren und nach dem gefühlt 28. Mal „Wish You were here“, leugnete ich meine Abneigung und behauptete, dass ich nun schockverliebt sei und niemals wieder etwas anderes hören wolle.

Ansonsten verliefen die Abende harmonisch. Wir fühlten uns cool und groß, grüßten uns mit dem Peace-Zeichen und nähten Stoffdreiecke in unsere Jeanshosen. Kein Schlag war je groß genug.

In der Zeit gewöhnte ich mir an, Weckgummis in meinen Hosentaschen zu tragen. Wer jemals erlebt hat, wie sich ein Meter fünfzig Schlaghose um die Kette wickeln, den Fuß in einem ungesunden Winkel zwischen Pedal und ungeschütztem Kettenkasten zerren, dann blockieren, so dass man samt Rad über dem Lenkrad quasi einen Salto machte, bindet in Zukunft die Wadenröcke zusammen.

In diesem Jahr hatten wir alle Ferienjobs und wenn wir uns nach Feierabend trafen, war Geld da für besseres Bier und echtes Gras. Wir brauchten nicht mehr so zu tun, als hätte Muttis Pfefferminztee tatsächlich eine Wirkung, wir schossen uns ab.

Ich blieb ein wenig zurückhaltend, was einerseits der Tatsache geschuldet war, dass ich ein Mädchen war und – auch wenn meine Eltern dank Eierlikör nicht so viel mitbekamen – ich nicht vollstoned zu Hause auflaufen wollte. Andererseits war die Clique so groß, dass jeder Joint nur eine Runde hielt. Und direkt neben mir saß die dicke Claudia, die wohl irgendwo gelesen hatte, dass Kiffen schlank macht. Dementsprechend zog sie mit einem Rutsch immer die halbe Fluppe weg.

Ihre Sympathiepunkte in der Gruppe sanken rapide und dünner geworden ist sie auch nicht.

Gegen Ende des Sommers kriselte es in meinem Leben. Der Freund machte Schluss, hatte sich in meine beste Freundin verliebt, ausheulen ging also nicht. Der Schreibwarenladen, wo ich jobbte, kündigte mir aus Kundenmangel und mir wurde klar, dass Pierre Brice immer zu alt für mich sein wird.

Die Eltern waren mal wieder außer Haus und ich saß allein vor dem Fernseher, trank Mamas besten Rotwein und fühlte mich elendig.

Was jetzt kam, gehört nicht unbedingt zu den Glanzleistungen meines Lebens. Ich erinnerte mich, dass ich noch Gras hatte und beschloss cool und ganz allein, einen durchzuziehen und dabei Winnetou III zu gucken.

Das Problem war nur, dass ich keinen Tabak hatte und bisher auch noch nie etwas Rauchbares zusammengeklebt bekam. Da mein Vater Pfeifenraucher war, hatte ich das Tabakproblem rasch gelöst. Wildkirscharoma klang phantastisch. Ich nahm am Küchentisch Platz, stellte die Bestandteile gut sortiert vor mich und begann mit dem Kleben der Unterlage. Die jahrelangen Bastelarbeiten schienen sich ausgezahlt zu haben, es sah fast professionell aus.

Mit dem klebrig-süß duftenden Tabak bröselte ich eine Basis und da es mir so schlecht ging, packte ich ordentlich Gras drauf. Und für den Arschlochfreund eine Prise extra. Und für die treulose Freundin noch eine. Und die letzte für den blöden Krämer, der mir mein Einkommen versaute.

Über die nächsten Minuten breite ich den Mantel des Schweigens. Es war peinlich. Das, was ich am Ende schweißüberströmt und an der Grenze meiner Geduld angelangt, zustande gebracht hatte, ähnelte einem knorrigen Stück Holz, war etwa drei Zentimeter im Durchmesser und hatte überall Löcher.

Kurz dachte ich über Tesa-Film nach, entschied mich aber dagegen, da selbst ich erkannte, dass man das wohl nicht rauchen kann.

Ich zog mich mit der Absurdität eines Joints aufs Sofa zurück, rückte Wein und Aschenbecher in die perfekte Position und zündete das Geschoss an.

An dieser Stelle endet meine Erinnerung.

Als ich am nächsten Morgen erwachte lag ich vor dem Klo, trug eine Feder, die verflixt der Schwanzfeder des ausgestopften Fasans im Wohnzimmer ähnelte, in den Haaren und hatte mir aus Mutters Alcantaramantel ein Sqauwkostüm geschneidert. Meine Faust steckte in einem Nutellaglas, wohin der Inhalt verschwunden war, konnte ich nur mutmaßen.

Mir war so übel, dass ich dachte, ich müsste sterben und die Faust habe ich erst aus dem Glas bekommen, als mir klar wurde, dass ich nur die Hand öffnen muss.

Seitdem kommt mir kein Wildkirschtabak mehr ins Haus.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 103 – Der Stoff

Die Nerven liegen blank, ich will nähen. Eine Schlumpfhose soll es werden, dieses Mal nach Schnittmuster. 2m und 70cm sollten es sein laut Anleitung, Breite 1m und 40 cm. Das macht 3,78 Quadratmeter Stoff für ein Höschen.

Der Tisch war zu klein, um die Masse zu bewältigen, es rutschte vorne und hinten. Ich rief den Mann zu Hilfe, der brav zuerst immer an der falschen Seite zog. Kurz vorm Ausrasten war ich und verfluchte die Idee, überlegte, was ich mit tartanfarbigen Minischnipseln anfangen könnte und schnitt dann doch brav zu.

Die Stoffstreifen liegen jetzt in der Kiste, mein mentaler Zustand erlaubt keine Nähmaschinenbenutzung mehr. Morgen, vielleicht, setze ich mich da ran und ratter mich durch die Nahtzugaben und sonstige Extras. Mal sehen, was draus wird.

Meine intuitiv erstellte Hose ist ja auch was geworden, das Drama verstehe ich nicht.

Fazit, ich habe noch mehr als einen Meter des Stoffes übrig, 15 Euro der Meter, muss das sein? Ein Rock wird es werden, wenn ich wieder klar denken kann oder etwas ähnlich simples.

Ich bring jetzt mal meinen Puls wieder runter und mache Abendessen, oder so was.

Aber ganz bestimmt ohne Anleitung.

Alice

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365 Begegnungen – Tag 102 – Die Unvernunft

Erwachsen werde ich wahrscheinlich nie, doch ein wenig vernünftiger möchte ich schon ab und an sein. Es ist schwierig, das zu lassen, was man mag, weil es nicht gut tut oder gerade unsinnig ist.

Doch ab und an habe ich lichte Momente. Dann höre ich tatsächlich auf einer Party mit dem Rotwein auf und steige auf nicht alkoholisches um. Gut, meiner Vernunft war es nicht geschuldet sondern vielmehr der Tatsache, dass ich für die nächste Flasche durch das ganze Haus gemusst hätte und das alkoholfreie einfach nebenan stand.

Mein Mann hatte leider nicht so viel Glück und leidet schon den ganzen Tag vor sich hin.

Also bin ich mit meinem Sohn bei wundervollem Sonnenschein durch die Innenstadt getapert, habe ein wenig geschaut und mich gewundert, was direkt nach Weihnachten schon wieder in so einer Einkaufsstraße los sein kann.

Nun gut, ich war ja auch unterwegs, wollte Stoff holen für die nächste Schlumpfhose, fand auch zwei wundervolle und durfte mal wieder feststellen, dass man mit selber nähen kein Geld sparen kann, ganz im Gegenteil. Dafür wird es allerdings die allerindividuellsten Schlumpfhosen geben, die man sich vorstellen kann.

Nur mit dem Nähen werde ich nicht mehr beginnen. Denn auch, wenn ich für meine Begriffe überaus vernünftig war, so richtig fit ist mein Kopf trotzdem nicht.

Wär ja auch zu schön gewesen.

Alice

Veröffentlicht in Begegnungen, Kurzgeschichten, Schreiben

365 Begegnungen – Tag 101 – Der Hof

Es war ein finsterer Abend im Dezember, nur noch drei Tage bis Weihnachten und es schüttete aus Kübeln. Eberhard hasste dieses Wetter und er hasste Weihnachten, am meisten hasste er Weihnachten bei diesem Wetter.

Die frühe Dunkelheit und der Regenvorhang erleichterten seinen Job nicht, doch er musste ihn tun. Sonst war nämlich niemand da. Was er allerdings liebte, waren seine Tiere, die im Stall auf frisches Futter warteten und die Aussicht über ihre ledrige Haut zu streichen und ihre weichen Rüssel in seiner Handfläche zu spüren, wog den Winterweihnachtshass nahezu auf.

Vor zwei Tagen hatte er eine Lieferung Ferkel bekommen, die nun unter der Wärmelampe lagen und vor sich hin quiekten. Ein Freund hatte sie vermittelt und der Freund eines Freundes hatte sie hergebracht. So ganz legal war es nicht gewesen, die Züchtung war ein Experiment, vieles wusste er nicht, nur, dass es tolle Tiere werden sollen, groß, gesund mit gutem zarten Fleisch.

Über das Schlachten wollte er nie nachdenken, er schob den Gedanken beiseite, wenn es ihn überkam. Es war sein Job, Schweinebauer, und der Tod seiner Lieblinge gehörte zu den Spielregeln. Es tat ihm weh, jedes Mal, und die Tatsache, dass sie ein recht langes und vor allem glückliches Schweineleben hatten, tröstete ihn ein wenig.

Er lehnte sich gegen den Wind, zog die Kapuze tief in das breite Gesicht und fluchte, als er in einer Pfütze fast ausrutschte. Die Stalltür klemmte für einen Moment und er fluchte erneut. Doch als er die Tür hinter sich schloss, grinste er breit. Die Ferkel hatten seine Ankunft bemerkt und wuselten begeistert quiekend an dem kleinen Zaun herum.

Sie waren schon ein Stück gewachsen, wie es schien und er kraulte sie, bevor er ihnen ihr Futter vor die Füße streute. Ein Kleines, sein Sorgenkindchen rappelte sich auch auf und kam aus der Wärmedusche auf ihn zu. Versuchsweise hob er es hoch, befühlte das Bäuchlein, tastete die zarten Rippen ab, um die Gewichtszunahme zu überprüfen, da biss es zu.

Er schrie, so einen festen Biss hätte er dem kleinen Kerl nicht zugetraut. Der kurze Impuls, zuzuschlagen, verschwand sofort wieder. Er kannte das. Manche Tiere brauchten einfach mehr Zeit und hatten Angst. Es würde schon Vertrauen fassen.

Er kletterte aus dem kleinen Gehege und betrachtete seine Hand. Die Wunde war tief und blutete stark. Zähneknirschend wickelte er einen Lappen herum und fütterte rasch die restlichen Tiere. Dann ging er ins Haus, um sich zu verarzten.

Er desinfizierte die Wunde gründlich, schmierte eine leicht antibiotische Salbe darauf und wickelte eine Mullbinde darum. War ja nicht das erste Mal, dachte er und erinnerte sich an die zickige Liese, die gemeinste Sau, die er jemals auf seinem Hof hatte. Sie hatte zugebissen, so oft sie ihn erreichen konnte. Sie war die einzige, der er nicht nachgetrauert hatte.

Dann ging er ins Bett, schließlich musste er früh raus.

Mitten in der Nacht schreckte er schweißgebadet hoch, seine Hand pochte und schmerzte und der Alptraum, in dem er einen Tierquäler verfolgte und auf grausame Weise zerstückelte, brachte sein Herz zum Rasen.

Die Schmerzen machten ihm Sorgen, vielleicht müsste er doch zum Arzt. Er wickelte den Verband ab und erstarrte. Seltsame Haare sprossen rund um die Bissstelle. Die war schon fast verheilt, schmerzte aber fürchterlich.

Schulterzuckend nahm er eine Schmerztablette und legte sich wieder hin. Bis zum Morgen schlief er ruhig und als er erwachte, hatten die Schmerzen aufgehört.

Er nahm den Verband ab und staunte. Der Biss war verschwunden, dafür überzog ein weißer borstiger Pelz seinen Unterarm. Die Haut darunter war rosig und duftete ein wenig fremd. Es sah fast aus, als wäre sein Arm ein Wollschweinchenferkel geworden, dachte er schmunzelnd, zog das Arbeitshemd darüber und vergaß es.

Er war kein dummer Mann, ganz im Gegenteil, er war sogar hochintelligent, was man seinem Berufsstand im Allgemeinen nicht zuschrieb. Doch die Gelassenheit der Menschen seiner Region hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. Er fluchte zwar oft und derb, doch so richtig aufregen konnte er sich nicht. Es war jetzt so und gut. Und wenn etwas nicht zu ändern ist, dann lohnt es sich auch nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden. Und so machte er sich an seine Arbeit auf dem Hof und vergaß den Biss und den Pelz, weil es nicht wichtig war.

Die Arbeit ging ihm gut von der Hand heute. Trotz des gestörten Schlafes fühlte er sich frisch und ausgeruht. Und seine Muskeln taten das, was er von ihnen erwartete und ein Stückchen mehr als das, was er von ihnen gewohnt war.

Gegen Mittag hatte er sein gesamtes Tagewerk erledigt und war noch nicht näherungsweise müde. Er überlegte kurz, das Scheunendach auszubessern, eine Arbeit, die er lieber im Sommer erledigen wollte, da fuhr eine Limousine auf seinen Hof.

Er wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab und strich die Haare glatt. Der wagen hielt direkt vor ihm und ein Mann in mittleren Jahren stieg aus, elegant gekleidet und offensichtlich recht wohlhabend.

Eberhard streckte die Hand aus, um ihn zu begrüßen, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne und holte tief Luft. Dieser Mensch roch seltsam, fremd und beängstigend. Da lag Tod in der Luft und Leid. Das musste der Typ sein, der die Höfe in der Umgebung aufkaufte, um aus ihnen wirtschaftlich arbeitende Unternehmen zu machen. Die Tiere waren ihm dabei vollkommen egal, Tierschutz und artgerecht ein Fremdwort.

Wütend wurde er nur selten, doch er konnte sich fast denken, was dieser Besuch bei ihm so weit draußen zu bedeuten hatte und das machte ihn rasend. Ein tiefes Grollen wuchs in seiner Kehle, suchte sich den Weg nach oben und mit einem schrillen Quieken, stürzte er sich auf ihn.

***Superhelden gibt es nicht nur in Hollywood. Sie können überall entstehen, wenn Radioaktivität auf Gentechnik, außerirdisches Gestein auf nicht zugelassene Medikamente trifft. Auch hier, am Rande des Münsterlandes, können sie ihre Heldentaten vollbringen. Die Unscheinbarsten unter ihnen, überraschen uns dabei am Meisten…. to be continued***

Alice

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365 Begegnungen – Tag 100 – Die Hose

Mein Sohn hatte einen Riss in seiner Lieblingsschlumpfhose. Also räumte ich die Nähmaschine raus, schloss die Naht und überlegte kurz, was denn eventuell noch nähtechnisch erledigt werden könnte.

Mein Blick fiel auf den Stoff, der seit Sommer wartet.

Kurzum, die alte Haremshose stand Maßmodell, der Zuschnitt dauerte keine fünf Minuten, einmal umsäumen, zusammennähen, Strickbund dran, Gummizug für die Knöchel, fertig.

Um es klar zu machen, ich bin für feine Näharbeiten viel zu ungeduldig, Frickelscheiß macht mich aggressiv. Doch so eine Schlumpfharemshose in TARTAN… perfekt.

Und jetzt bin ich stolz und freue mich auf den nächsten Besuch im Stoffladen, denn ich werde es wieder tun.

Alice