ABC-Etüde – Am Set

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Werner Kastens.

„Uuuund, Action!“ Die Klappe fällt und am Set wird es mucksmäuschenstill. Nur das leise Surren der Kamera, sommerabendmoskitogleich, dringt an ihr Ohr. Sie schließt die Augen und versucht, sich an die erste Zeile des Textes zu erinnern.

Der Anfang ist immer das Schwerste. Wer hatte das gesagt? Es ist ihr entfallen, wie das erste Wort. dann holt sie Luft und der Text strömt behäbig aus ihr heraus.

Vertrau dir! Dieselbe Stimme, nur später in ihrem Leben. Ein Mann mittleren Alters mit Schnauzbart und diesem grellkarierten Autoverkäuferanzug. Nicht von dieser Welt, hatte er sie genannt und über ihre blonden Locken gestrichen. und dann weiter. Tiefer.

Sie hebt die Hände und dreht sich leicht zum Licht. Die Regieanweisungen tauchen in Zeitlupe vor ihrem inneren Auge auf. Auftritt Superheld. Er kommt von rechts mit dem siegessicheren Grinsen, das er auch nach Drehschluss nicht ablegt. Sie lächelt und weiß, wie gelogen es ist.

Er greift ihr um die Taille und zieht sie hart an sich heran. Ein schwaches „nein!“, doch es ist nicht vorgesehen, dass er darauf reagiert.

Kurz blickt sie in die Kamera, sieht die geschäftigen Gesichter. Den Beleuchter, der immer zu viel ausleuchtet. Den Regisseur, heute rot-grün gestreift, der ein paar Verträge durchsieht und nur mit halbem Auge bei der Sache ist. Der Setrunner, der nach der Aufnahme mit einer Packung Kleenex Richtung Herrenklo verschwinden wird.

Dann lässt sie es über sich ergehen, gibt die Laute von sich, die erwartet werden. Ihr Geist trennt sich vom Körper und sie sieht ihre Zukunft, spürt, wie sie ihr Leben verprasst. Falsch abgebogen, hätte ihr Opa gesagt.

Als es vorbei ist, schweigt die Kamera.

Sie zieht sich ihren Morgenmantel an, huscht in ihre Garderobe und macht sich für die nächste Szene fertig.

Alice

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Gruselig, ich könnte auch „widerlich“ sagen. Fein beobachtet. Der Opa ist die Krönung. Diesmal hätte statt „verprassen“/verschwenden auch „verpassen“ funktioniert. Spannend.
    Danke für die Etüde auf dem letzten Drücker!
    Frühabendgrüße 🌧️🍃☕👍

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    1. Ja, ist widerlich. Finde ich auch. Aber das gibt es und wegschauen zählt nicht. Verpassen hätte auch gepasst, stand aber nicht zur Debatte 🙂 Samstagabendrotweingrüße 😉

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  2. Ich frage mich, wie lange kann man das aushalten, bevor man ganz kaputt ist.

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  3. puzzleblume sagt:

    In Kürze vom hässlichen Hintergrund über die fiese Gegenwart zur verzweilten Zukunft eines viel zu häufigen Mssbrauchslebens in den wenigen Worten gekommen – gut beschrieben.

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  4. Ziemlich gruselig, to say the least.

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