Verklärte Erinnerung

Mein Vater stirbt, oder besser mein Erzeuger. Die Nachricht erreichte mich heute eher zufällig und für einen Moment war es seltsam.

Ich saß mitten im Job, um mich herum war Trubel und ich überlegte, ob ich jetzt traurig sein müsste, irgendwie was anderes fühlen, als eben nichts. Ich müsste traurig sein, oder? Schließlich hat mich ein Spermium dieses Mannes kreiert, selbst, wenn er mit dem Ergebnis nie zufrieden war.

Ich erinnerte mich, dass unsere Erinnerung ja Vieles verklärt, schöner macht, als es war und für einen Moment sann ich nach, suchte in der Erinnerung nach glücklichen Momenten, Heiterkeit, Ausgelassenheit oder einfach Freude,

Ich fand Angst und einen schreienden Mann, der mit dem Kochlöffel in der Hand über mir stand. Ich fand Angst und eine pochende Schläfenader, ein verzerrtes Gesicht, schiere Wut. Ich fand Angst und einen Mann, der sich über mich lustig machte. Der mir fiese Spitznamen gab, über mich in meinem Karnevalskostüm lachte (Prinzessin – pink) und meine Mutter betrog. Ich fand Angst und eine donnernde Zimmertür, hinter der ich mich verschanzte, Tritte die hallten wie Donner und immer wieder Angst.

Ich fand Angst und einen Mann, der allein sein wollte mit seiner Opernmusik, die er nicht verstand, der manchmal unerträglich sentimental war und mir meinen Halbbruder vorenthielt.

Ich fand Angst und Druck, dass ich doch bitte zu funktionieren habe, auf eigenen Beinen stehe und überhaupt niemandem zur Last falle.

Ich lernte von ihm vieles. Traue Menschen nicht, die laut werden. Ich lernte, Menschen zu lesen, um mich zu schützen. Ich lernte, dass ich falsch, ungenügend, nie hinreichend und überhaupt eine große Last bin.

Seit 14 Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Jetzt ist er bald ganz weg. Zeit, die Angst, mit ihm sterben zu lassen.

Wenn das die verklärten Erinnerungen sind, dann möchte ich nicht wissen, wie es wirklich war.

Alice

14 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Wir gut ich dich verstehen kann..🍀

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  2. Jolanda Fäh sagt:

    Liebe Alice, man darf auch über das traurig sein, was man sich so sehr gewünscht hätte, aber nie bekommen hat. Ach, diese grossen, dunklen Löcher in uns, die wir ständig meinen, füllen zu müssen. Also ich finde dich schön und gut und mutig und kreativ, und verkleiden darfst du dich ohnehin, wie du möchtest. Das Leben soll manchmal Tüll und rosig sein.

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    1. Danke liebe Jolanda… vielleicht gehe ich dann morgen mit rosa Tütü zum Job 😉 Wäre mal was Anderes. Oder ich erfülle mir einen Traum, was aber bis September harte Arbeit bedeuten würde…

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  3. Dein letzter Satz trifft es sehr gut… Du musst dich nicht dafür verurteilen oder die komisch fühlen nichts positives „zu finden“, wenn da nichts war dann ist es eben so… Ich fühle mit dir, auch wenn meine Situation nicht vergleichbar war, so verstehe ich deine Gedanken dazu…

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    1. Vielen Dank. Ich möchte auch nichts mehr finden. ich möchte nur nicht so enden wie er. Vielleicht auch eine schöne und wichtige Aufgabe für mich…

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  4. Du hast offensichtlich viel gelernt in dieser Zeit,lernen müssen. Zu einem viel zu hohen Preis. Du zahlst noch heute dafür. Du trauerst um einen Vater, den du nie hattset, einen der sein Kind liebt, es stark macht und der da ist, wenn er gebrauicht wird. Du willst immer noch alles richtig machen, scheint mir, nicht irgendwas, nein alles. So verstehe ich vieles von dem, was du bisher hier geschrieben hast.
    Du machst es richtig, ich bewundere deine Energie und deine Kreativität!

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    1. Ja, ich trauere um den, den ich nie hatte. Und irgendwie muss ich den Traumvater jetzt zu dem echten aufs Sterbebett legen. Denn der eine ist nicht ohne den anderen. Doch endlich nicht mehr auf etwas zu warten, was nie kommt, das kann auch gut für die Seele sein. Danke dir

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  5. Grinsekatz sagt:

    Es hört nicht auf, mit dem Tod. Aber – es wird mit der Zeit trag- und annehmbarer, das unfreiwillige Erbe.

    Fühl dich gedrückt … 🖤

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    1. Ja, das wäre auch zu schön. Irgendwie kommt man wahrscheinlich da durch. Danke dir…❤

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  6. ideenlese sagt:

    Stille Anteilnahme- an dem, was dir widerfahren ist. Und einmal mehr und sehr konkret: Du bist nicht allein! Leider. Zum Glück.

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    1. Danke dir sehr. Ja… leider und zum Glück…

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  7. Dein Empfinden kann ich gut verstehen, ging es mir doch ähnlich – vor Jahren, als mein Bruder starb … Es gibt Menschen, um die es unmöglich ist zu trauern. Auch wenn man mit den Jahren ein gewisses Verständnis für ihre Taten entwickelt. Ein ganz, ganz kleines Verständnis.
    Vielleicht geht es dir von nun an etwas besser und deine Last wird weniger, liebe Alice … Ich wünsche es dir von Herzen.
    Rosa

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    1. Ich kann es verstehen, aber nicht verzeihen oder vergessen. Noch ist er nicht tot, aber allein das Wissen, dass er jetzt allein ist und sich fürchtet macht es einfacher (selbst, wenn Rachegedanken nicht glücklich machen)

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