ABC-Etüde – Alter Kuchen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler.

Sie trug nur ihr Nachthemd, als sie die Tür aufbrachen. Es war nicht das Schlimmste, was sie je vorgefunden hatten, denn schließlich lebte sie und lag nicht, wie andere vor ihr, kalt und allein in ihrem Bett, im Schlaf verschieden oder bei einer wagehalsigen Fensterputzaktion angesichts bevorstehender Feiertage abgestürzt und ungehört geblieben.

Sie saß nur da, schaute die Männer interessiert an, lächelte sogar ein bisschen und strich die Falten aus dem verblichenen Batistnachthemd. Der Notarzt näherte sich ihr, winkte dem Rest der Truppe, wieder zu gehen, zog einen Stuhl heran und setzte sich.

Sie erinnerte ihn an seine Oma und wie jeden Sonntag bei ebendieser stand ein Königskuchen auf der gedeckten Kaffeetafel. Er lächelte und reichte ihr seine Tasse. Sie schenkte ihm ein , schob den Zuckertopf und das Sahnekännchen mit den leicht grünlichen Belag in seine Reichweite und wies auf den Kuchen.

Er nickte und beobachtete, wie sie geschickt eine dicke Scheibe herausschnitt und ihm auf den guten Teller legte. Akribisch strich sie die Krümel zusammen, schaute dann verwirrt auf das Häufchen in ihrer Hand und vergaß sie dann sofort.

Sie lächelte und nickte ihm zu. Und er, er biss in den Kuchen, spürte die trockene Süße, die festen doch würzigen Rosinen, die gute Butter, der die Zeit nichts hatte antun können. Wie bei Oma, dachte er und lächelte auch.

Und dann saßen sie da und träumten von festlichen Tafeln, Kindergelächter und rumgetränkten Rosinen und spürten, dass nichts für immer ist.

Alice

14 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Was für ein geiler Schlusssatz zu so einer leicht surrealen Geschichte. Klasse. Rundherum.
    Die Einleitung hat es auch in sich.
    Gefällt mir sehr. 🧡
    Abendgrüße 🌅🌼🍷🍪🦋👍

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    1. Danke dir, daran ist nur der Kuchen schuld. Er hat so was altes verstaubtes….
      Abendgrüße zurück 😉

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  2. Nati sagt:

    Da fühlt man sich direkt in Omas Wohnzimmer zurück versetzt. Schön. 🙂

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  3. puzzleblume sagt:

    So ernst wie skurril, möglich wie liebevoll.

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  4. kommunikatz sagt:

    Mir fiel spontan vor allem der Begriff „spooky“ ein. Sowas mag ich, damit kann ich viel mehr anfangen als mit Deinen Krimis, die ich oft nichtmal kapiere 🙂

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    1. Ja, ein bisschen spooky ist so eine Geschichte auf jeden Fall…

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  5. Grinsekatz sagt:

    Romantik & Nostalgie im Alltag.
    Hach ❤
    Gefällt mir 🙂

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  6. Ein schöner Abschiedskaffee.Vielleicht glaubt sie ja, ihr „verlorener Sohn“ hätte sie noch einmal besucht und jetzt kann sie gehen….

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  7. Eine liebevolle, skurrile Geschichte, mag ich sehr.

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