ABC-Etüde – Letzte Mahlzeit

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Stachelbeermond.

„Ich mag keinen Wackelpudding!“ Er schiebt den kleinen Plastikbecher von sich weg und setzt ein bockiges Gesicht auf. Sie seufzt: „Nur ein Löffel bitte. Mir zuliebe! Du musst etwas essen!“

„Ich muss nichts essen. Schon gar nicht diesen Mist, der nach Wasser und Farbstoff schmeckt. Ich muss sterben, sonst nichts. Und das mache ich gerade.“

Er blickt ihr ins Gesicht und sieht Tränen. Wenn sie weint, kann er ihr nicht widerstehen. Sie hat so viel getan in den letzten Wochen, als klar wurde, dass nichts mehr helfen würde, dass es Tage wären und nicht Monate, die er noch mit ihr verbringen konnte. Er hatte nicht erwartet, dass sie als seine Tochter diejenige wäre, die den letzten Weg mit ihm geht. Lange hatten sie keinen Kontakt, doch als die Diagnose gestellt war, stand sie auf einmal vor seiner Tür. Und war seitdem nicht mehr gegangen. Ihr eigenes Leben hatte sie für eine Weile zurückgelassen, unbezahlten Urlaub genommen, die Freunde vertröstet und eingezogen in sein kleines leeres Leben, fest entschlossen, ihn nicht allein gehen zu lassen. Er wusste nicht, womit er das verdient hatte.

Seit dem Umzug ins Hospiz ist sie jeden Tag bei ihm. Sie richtet sein Zimmer ein, stellt Erinnerungsstücke und Fotos in greifbarer Nähe auf und versucht mit unverdrossen guter Laune die Tragik des Augenblicks zu überspielen.

„Weißt du“, sagt er, „ich könnte gerade sterben für ein gegrilltes Hähnchen vom Grillmeister.“

Sie lächelt schief, nimmt ihre Handtasche und verlässt das Zimmer.

Eine halbe Stunde später steht sie an seinem Bett. Die Alufolie knistert. Dicker Fleischgeruch wabert durch den kleinen Raum.

„Brust oder Keule?“ fragt er. Und sie lächelt.

Alice

35 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wortman sagt:

    Ich nehme die Keule. 🙂
    Da warst ja richtig fix… Ich hab noch gar keine richtige Idee.

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    1. Wackelpudding ist für mich immer Krankenbett… ansonsten wüsste ich auch nicht, wo ich das einbauen soll 😉

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      1. Wortman sagt:

        Echt? Ist ja lustig. Bei Krankenzimmer denk ich immer an Haferschleim 😆

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      2. Oh nee, den esse ich dafür zu gerne 😉

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      3. Wortman sagt:

        Igitt….brrrrrr…

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      4. hihi, jeder hat sein Hassgericht, oder?

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      5. Wortman sagt:

        Aber sowas von…ich hab da einige Sachen… 😂

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      6. Die habe ich auch….

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  2. Sehr makaber, womit er seinen Wunsch ausspricht! 😀

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    1. Ja, aber passend. Der Humor bleibt ja bis zum Schluss…

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      1. Humor muss man haben … können

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      2. Daran halten wir uns!

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  3. Christiane sagt:

    Wunderbar. Sehr anrührend. Großes, gutes Kino. 🧡 Vielen Dank, mag ich sehr.
    Vormittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍

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    1. Danke dir 🙂 Liebe Grüße

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  4. Myriade sagt:

    Toll wie viel Information und Emotion du in den paar Worten unterbringst und wie interessant, dass es eher vom Standpunkt des Vaters aus betrachtet ist.

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    1. Danke dir🙏 ja, er ist die wichtigste Person gerade, selbst, wenn er das sonst nie war

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      1. Myriade sagt:

        Wenn es eine wahre Geschichte ist, macht das den Positionswechsel in der Erzählung noch viel interessanter

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      2. Es ist eine ausgedachte 😉

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  5. Wundervoll und emotional – mag ich sehr!

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  6. Nati sagt:

    Und ich dachte erst sie käme zu spät…., Puh….

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    1. Nee, ich hab zwar drüber nachgedacht, aber neeeee 😉🍀

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  7. Super gut gelungen. Gefällt mir wieder.

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  8. Ganz wunderbar, vor allem der abgründige Humor. Der Schluß gefällt mir am besten.

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  9. Solange das Gebiss noch in Ordnung wäre: her mit dem Brathähnchen. Andernfalls gerne Wackelpudding! Mit vollem Bauch stirbt es sich anscheinend leichter! (Aber von Vorfreude möchte ich trotzdem nicht sprechen).

    Super rüber gebracht!

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    1. Ach so ganz gares weiches Fleisch, das praktisch von den Knochen fällt, das kannste zur Not lutschen 😉

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  10. Ehe ich Wackelpudding esse, sterbe ich auch lieber mit leeren Magen…
    Berührend erzählt.

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    1. Danke dir🙏 ja, kann ich nachvollziehen, ist wirklich auch nicht meins

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