Tag 339/365 – Abgelehnt

Und manchmal macht man bei einer Ausschreibung mit und es klappt nicht. Gehört auch irgendwie dazu und ist auch sicherlich nicht schlimm.

Allerdings ist es eine vorweihnachtliche Geschichte und die darf dann jetzt unters Volk.

Marlowes Weihnachten

Es war einer jener Abende, an denen man sich wünscht, in ein anderes Leben hineingeboren worden zu sein. Die Sonne war schon längst untergegangen und hatte ihr dreckig trübes Licht über diese verkommene Stadt ausgeschüttet. Ich saß mal wieder mit meinem besten Freund Johnny zusammen. Er war bereits halb leer, was daran lag, dass heute Weihnachten war und ich mir deshalb schon vor vier Uhr ein paar genehmigt habe.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt noch jemand durch diese Tür kam, war verflucht niedrig und ich legte auch keinen Wert auf Gesellschaft oder das süßliche Absingen irgendwelcher Weihnachtslieder. Tilda hatte ich längst nach Hause geschickt. Ich konnte ihre lächerliche Vorfreude auf den Abend mit ihrem neusten Liebhaber nicht mitansehen. Dabei sah sie gut aus. Die blonden Locken sorgfältig gelegt, ein Hauch Lippenstift und ein dunkelrotes Kleid, das volle Aussicht auf ihre runden Pobacken zuließ und dessen Ausschnitt so weit reichte, dass man meinte, die Weihnachtsplätzchen riechen zu können.

Es ging nicht gut mit uns aus, damals, und jetzt arbeitete sie für mich, tippte die wenigen Protokolle, die anfallen und lackierte sich sonst draußen ihre Nägel in diesem dunklen Orange, das sich mit ihrer Haarfarbe biss.

Johnny war fast leer und ich überlegte, ob ich eine zweite aus dem Vorrat in der untersten Schreibtischschublade holen musste oder ob er reichte, um mich ins Reich der Träume zu befördern.

Das Gebäude war längst leer, selbst der arabische Händler im Erdgeschoss, der mir meinen Schnaps zum Sonderpreis besorgte, hatte wegen des Feiertages seine Tür geschlossen, saß wahrscheinlich in dieser kulturellen Zwischenwelt gefangen unter seiner Version von Weihnachten.

Ich hatte das Licht gelöscht, nur die alte Schreibtischlampe leuchtete noch, funkelte durch das Einschussloch, mit dem Eddi mich in die ewigen Jagdgründe befördern wollte. Er schoss daneben und ich traf. So einfach ist manchmal das Leben.

Auch jetzt lag meine treue Emma neben mir. Ich hatte sie zur Feier des Tages geputzt und ihr den Lauf poliert, jetzt lag sie neben mir wie eine treue alte Geliebte und duftete nach Waffenöl.

Ich hatte mir dieses Leben nicht ausgesucht, würde jetzt auch lieber zwischen Kindern und neben so einer hübschen drallen Ehefrau sitzen, den Weihnachtsbraten tranchieren und unter dem Mistelzweig ein paar Küsse bekommen. Die launische Lady Fortuna wollte es ein bisschen anders.

Dem Säufer und der Schauspielerin, die mich in dieser kleinen verlausten Bude über der Reinigung aufzogen, war ich vollkommen egal. Sie versuchte Karriere zu machen, indem sie jeden schäbigen Produzenten ranließ, er soff sich seine Arbeitslosigkeit schön. Ich wuchs draußen auf zwischen den kleinen Straßenbands, die sich nachmittags zusammenrotteten, um auf leerstehenden Industriegeländen Fußballturniere auszutragen oder sich Steine an die Köpfe warfen.

Die schiefe Bahn, was für ein poetisches Scheißwort, für die eisglatte Rutsche, die mich in diesen verkommenen Sumpf herunterzog.

Irgendwann ging die Sonne mit ihrem schäbigen Grinsen auf und sämtliche Moralvorstellungen, die vielleicht mal in meinem alkvernebelten Hirn waberten, waren weg.

Seitdem soff ich und versuchte, die langen Stunden dazwischen so wenig Scheiße zu bauen, wie möglich.

Draußen war es komplett dunkel und auch mein Hirn näherte sich diesem angenehmen Zustand, da klopfte es zaghaft an die Tür. Da ich schon häufiger Dinge hörte, die nicht da waren, ignorierte ich es und kippte den letzten Schluck Johnny in mein schmieriges Glas.

Es klopfte noch einmal, dieses Mal energischer und die Tür schwang auf.

Ich hob das Glas, um den letzten Schluck Wärme die durstige Kehle hinunterzuspülen, da sah ich sie und verschluckte mich fast an dem wertvollen Hirntöter.

Eine Frau, ein Weib, das gerade aus dem unanständigsten meiner Träume gesprungen zu sein schien, lehnte sich in den Türrahmen. Das grelle Neonlicht im Treppenhaus strahlte wie ein Sonnenaufgang hinter ihr und umspielte Kurven, die einen scheintoten Baptistenprediger zum Singen gebracht hätten.

Sie löste sich aus der Pose, die, war sie bewusst gewählt, ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. Ich entschied, noch nicht betrunken genug zu sein und schluckte den inzwischen lauwarmen Whiskey herunter.

Die Straßenbeleuchtung, leicht aufgemotzt durch diverse armselige Lichterketten, schien auf einen Körper, der von einem schmal geschnittenen weißen Fummel nur ansatzweise züchtig bedeckt wurde. Ich japste, als sie sich weit über meinen schmierigen Schreibtisch beugte und ihre Christbaumkugeln zum Greifen vor mir baumelten. Nur mühsam konnte ich mich von dem Anblick losreißen und blickte in blaue Augen, die so groß und so tief waren wie der See Erie, den ich in meiner Kindheit besuchen durfte. Übrigens der einzige echte Urlaub meines Lebens, fiel mir ein.

„Nik“, raunte sie und fuhr mit dem Zeigefinger über meine Wange. Dann setzte sie sich auf den einzigen freien Stuhl, schob dabei ihr langes Haar und ein Hauch von weißem Tuch zurück. Eine Brise wehte durch die schlecht schließenden Fenster und hoben es für einen Moment so an, dass ich meinte, ein paar Flügel zu sehen. Ich schob es auf den Alkohol und nahm mir, bereits im zehnten Jahr vor, weniger zu saufen.

Sie schlug ihre langen Beine übereinander und zauberte ein zweites Whiskeyglas auf den Tisch. Tatsächlich beeilte ich mich, die zweite Flasche aus der Lade zu holen und uns beiden einzugießen. Der Abend schien besser zu werden, als ich vermutet hatte.

Sie schwieg und ich überlegte, wie ich das Gespräch in Gang bringen konnte. Die üblichen Floskeln gingen mir durch die benebelte Birne, doch sie fühlten sich noch viel verkehrter an, als sie waren. Für eine Klientin war sie zu gut gekleidet. Auch, wenn ich gut war, ich war billig. Ab und an musste ich der Kohle hinterherjagen, aber das hier war nicht meine Preisklasse, die hier war High Class und das in jeder verdammten Hinsicht.

Vielleicht hatte Luigi auch einen sentimentalen Anflug und schenkte mir zum Fest eine Edelnutte. Er war mir was schuldig, doch diese Braut arbeitete sicher nicht als Bordsteinschwalbe und schon gar nicht für diesen verpickelten alten Sack.

Sie hob das Glas, prostete mir zu und trank einen großen Schluck. Dann legte sie den Kopf schief und lächelte.

„Und Nick, erinnerst du dich?“

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir noch nie eine Frau diese Frage gestellt hatte. Meistens war ich froh, wenn ich mich nicht erinnerte, und versuchte, schnell wie eine Kakerlake, wenn das Licht angeht, mit einer Ausrede zu verduften. Ich war kein Typ für Beziehungen und alles, was über eine Nacht hinausging, stank schon verdächtig nach Ehe.

Doch dieses Mal hätte ich mich verdammt gerne erinnert, würde es auch tatsächlich auf eine Wiederholung ankommen lassen.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ach komm schon“, sie lachte. Irgendwo klingelten hell und klar kleine Schellen, als wenn eine gefrorene Seifenblase auf der Fingerspitze eines rotwangigen Kindes zerspringt. Und in meinem Hinterkopf regte sich was.

Nicht so deutlich wie das Ding in der Hose, wenn in der Stripteasebar Lola an der Stange erscheint, eher wie die alte Narbe von der Schießerei draußen bei Lou, wo ich am Abend zuvor zu viel gesoffen hatte und mir Emma aus der Hand fiel.

Ich sah sie an und sie beugte sich mir entgegen. Nicht so aufreizend wie vorhin, eher wie die große Schwester, die ich nie hatte und der ich all das hätte erzählen können, was mir passiert ist und die mich getröstet hätte.

Ihre Augen waren zwei tiefe blaue Seen. Und je länger ich in ihnen versank, desto bekannter kam sie mir vor. Sie plauderte leise während wir uns so betrachteten und ihre Stimme schob ein paar Riegel zur Seite, gab den Blick frei auf etwas, was ich längst vergessen hatte, vergessen wollte um jeden Preis.

Ich ließ mich in meinen Stuhl zurücksinken und nahm einen großen Schluck.

Sie nickte zufrieden.

„Soll ich anfangen?“, fragte sie und lächelte mich an.

„Man schrieb das Jahr 1931. Die Wirtschaftskrise in Europa erreicht ihren Höhepunkt. Der erste Elektrorasierer kommt auf den Markt. Das Empire State Building wird eröffnet, Kurt Gödel veröffentlicht sein größtes Werk, sie zeigen Charlies Lichter der Großstadt und das Deuterium wird entdeckt.“

„Abgesehen davon wurde ich geboren“, warf ich ein, um ihre Aufmerksamkeit mal wieder auf mich zu richten. Dabei hatte ich sie die ganze Zeit.

„Richtig, du erblicktest das Licht der Welt in der kleinen Bude über der Reinigung, weil deine Eltern sich kein Krankenhaus leisten konnten. Dein Vater hat dich abgenabelt und sich dann hemmungslos betrunken. Deine Mutter hat die halbe Nacht geweint um ihre prallen Brüste, die jetzt voller Milch waren und danach nie wieder wie früher.“

Ich ließ sie reden, verstand noch immer nicht, worauf das hinauslief. Ob sie die Sache mit meinen Eltern irgendwo gehört oder gut geraten hatte, ich wusste es nicht.

„Dein Geburtstag ist der sechste Dezember, deswegen nannten sie dich Nik. Und es war das Jahr, in dem Coca-Cola den Nikolaus als Werbefigur entdeckte.“

Ich nahm einen Schluck und nickte ihr zu, weiter zu reden. Denn plötzlich war alles wieder da. Es tat nicht weh, sich zu erinnern, anders als ich erwartet hatte.

„Du hattest die Schnauze voll, wie du so schön sagtest. Du hattest sie schon lange voll. Weihnachten hat seine Seele verloren, das waren deine Worte. Du warst wütend über die Versandhauskataloge, die Werbung, die ganzen Sachen, die unter dem Deckmantel von Weihnachten an den Mann gebracht werden sollten. Ich weiß noch, wie du geschrien hast, als du das erste Mal diese Werbefigur gesehen hast, diesen dicken Mann mit dem weißen Bart und der albernen roten Mütze. Und dann dein Wunsch, aufzuhören, ein sterbliches Leben zu führen, zu verschwinden. Wir ließen dich ziehen und gaben dir das, was du wolltest. Das große Los hast du nicht gezogen, aber es war sicher interessant.“

„Und jetzt?“ Ich schaute sie lange an und versuchte ihre Pläne zu erraten.

„Ist es inzwischen besser geworden? Schau dich doch um! Dieses widerliche Einkaufsfest, wo es nur darum geht sich gegenseitig zu übertrumpfen. Die bunten Lichterketten überall, die Festlichkeit heucheln sollen. Die ellenlangen Wunschlisten von Menschen, die den Hals nicht vollkriegen und immer mehr wollen. Und alles soll bunt und schrill sein!“

Ich hatte mich in Rage geredet, hatte halt ein hochfliegendes Temperament. Die Flasche zerschellte neben ihrem Kopf an der Wand. Sie zuckte noch nicht mal mit der Wimper.

„Und du willst, dass ich wieder zurückkomme?“

Sie stand auf und kam zu mir, setzte sich auf die Schreibtischkante und angelte eine neue Flasche Whiskey aus der unteren Schublade.

„Nein, was denkst du denn? Ich bleibe hier!“

Während ich meine Hand über ihren Oberschenkel gleiten ließ, dachte ich bei mir, dass so ein Weihnachtsabend doch nicht so scheiße sei.

Alice

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