Tag 292/365 – Nervenprobe

Meine Akkus sind nicht vollständig gefüllt, noch nicht einmal annähernd. Das merke ich immer dann, wenn ich ran muss, wenn einer der Söhne ein Tief hat und ich gefragt bin mit Beratung, Trost und Kraft geben. Das ist nicht schlimm, das gehört zum Mutterdasein dazu. Doch in solchen Momenten spüre ich, wie kraftlos und müde ich bin, wie sehr ich einfach manchmal aufgeben, hinschmeißen, weglaufen will, weil ich nicht zu leisten vermag, was ich leisten muss.

Und ich spüre, wie allein ich bin, dass ich keinen Rückhalt habe, auf der anderen Seite der Familie kein starker Vater ist, der sich bemüßigt fühlt, auch mal zuzugreifen. Oder eine Oma oder Opa, die mit ihrer Lebensweisheit ein bisschen Öl auf die türmenden Wellen gießen und relativieren, was gerade voller Dramatik abgeht. Der Mann ist nun mal nicht der Vater und auch, wenn er ein guter Ziehpapaist, manches kann er nicht leisten.

Und dann sitze ich allein im Sturm und spüre, wie Wellen auch über mir zusammenschlagen, ich ertrinke in der Verzweiflung dieses jungen Menschen, der mal wieder hadert mit sich, nicht rauskommt aus dem Tal, in das er sich verkrochen hat.

Ihn retten hat in solchen Momenten höchste Priorität für mich. Ratschläge, Tipps, Dasein und für einen Augenblick einfach Halt geben und versuchen klar zu machen, dass im Leben auch noch anderes wichtig ist und das aktuelle Drama eben nur ein kleines Drama ist und er – an meiner Hand – nur den kleinen Schritt gehen muss, um da wieder heraus zu kommen.

Es fing sich alles, doch ich bin immer noch porös, kraftlos, erschöpft. Ich merke, wie es an Nerven zieht, die gerade sowieso angespannt sind wie Drahtseile. Und ich merke, dass ich mich nicht auf mich allein konzentrieren darf, obwohl das gerade so heilsam und wichtig wäre.

Der Vater der Söhne lebt sein Leben, kraucht unempathisch in seinem eigenen Pool herum. Der Opa hat sich lange abgewendet, die Oma reduziert ihre Pflicht auf Geschenke zu Weihnachten und Geburtstage und eine zittrige Stimme auf dem AB, wenn sie ihre Gratulation abdrücken will.

Und ich sitze da, fühle mich gottverlassen und unendlich müde. Möchte schütteln und schreien. Und weinen. Auch jetzt hängt die wütende Trauer wie eine Faust in meinem Hals, schnürt zu und drückt ab. Rauslassen wäre fatal, ich würde Porzellan zerschlagen, das nicht mehr zu kleben ist.

Später am tag werde ich schauen, ob er sich soweit gefangen hat, ich ein wenig entspannen darf. All das, was ich gerade bräuchte, ist verboten, bis sich die Welt wieder aufgerichtet hat. Und ja, ich mache mir Sorgen, dass er etwas Unbedachtes tut, wenn sein Leid ihm unerträglich erscheint. Kinder aus Halbfamilien sind nicht so stabil Und nicht jeder hat eine Straßenkindmentalität wie ich und zerrt sich immer wieder selbst aus dem Dreck.

Vielleicht war genau das der Grund, warum ich gestern so seltsam träumte. Denn unbewusst habe ich die Krise sicher aufziehen sehen.

Alice

12 Kommentare Gib deinen ab

    1. Ja, solche Meditationen machen einfach etwas ruhiger und helfen Abstand zu halten. Danke dir 🙂

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  1. Wenn Kinder leiden, ist es für uns furchtbar. Ich fühle mich oft so unendlich hilflos, weil ich das Gefühl habe, nur am Rande helfen zu können. Allerdings bin ich froh, dass sich meine Tochter mir auch meist anvertraut und auch schon professionelle Hilfe geholt hat (vielleicht wäre das bei deinem Sohn auch eine Möglichkeit? Und ich hoffe, ich bin dir damit nicht zu nahe getreten). Und Zeit für dich ist in in solchen belastenden Momenten eigentlich um so wichtiger und wenn es nur kurze Minuten sind, zum ein- und ausatmen. Und ja, ich weiss wie schwierig das ist, aber ich glaube, das hat auch ein wenig mit loslassen und Verantwortung abgeben zu tun (und auch hier hoffe ich, dass ich das schreiben durfte). Ich selber übe das jeden Tag, oft voller Ängste, ob es gutgeht…und allzu oft gelingt es mir nicht 🙈 ich schreib ja nicht oft bei dir Kommentare, aber ich drück dich mal virtuell🌼🌺🌻

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    1. Ja, über professionelle Hilfe habe ich schon nachgedacht, aber da hält er nichts von. Loslassen ist schwer und die Angst, dass es nicht gut geht und ich im Zweifel Schuld auf mich lade, die ist gewaltig. Und ja, du darfst das schreiben und ja, ich drück dich mal zurück…

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      1. Für prof. Hilfe muss man bereit sein, sonst bringt das nichts. Loslassen ist mehr als schwer und deine Angst verstehe ich gut. Wie alt ist dein Sohn? Mit unserem 17jährigen sind wir teilweise durch die Hölle gegangen (ich möchte mich hier nicht öffentlich dazu äußern), irgendwann musste ich einsehen, dass ich zu meinem Schutz an gewissen Stellen loslassen musste (das heisst nicht, dass ich ihn fallen gelassen habe. Er weiß, denke ich, sehr wohl, dass wir immer für ihn da sind) – ab da wurde es tatsächlich etwas besser. Ich denk an dich

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      2. Ja, er ist etwas älter und auch rechtlich dementsprechend selbstständig. Den Schutz loslassen fällt mir so schwer, wenn ich sehe, dass er sich selbst sabotiert. Ich hoffe, dass er sich fängt, wenn er weiß, dass wir immer da sein. Ich danke dir sehr für deine Worte…

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  2. Grinsekatz sagt:

    Es hört nicht auf, wird mit den Jahren aber besser zu tragen. Alles in allem, auch wenn manche Tage mir das Gegenteil weismachen wollen.

    Fühl dich gedrückt, Straßenkind.

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    1. Ich hoffe darauf, dass es leichter wird. Alles andere wäre schlimm. Vielleicht ist es auch irgendwann einfach gut und man kann entspannt loslassen. Danke für den Drücker… 🙂

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  3. Nati sagt:

    Wie gut ich dich verstehen kann, so ohne haltenden Hintergrund.
    Wenn ich daran denke dass ich ohne meine Familie gar keinen Hintergrund habe, wird mir jedes Mal anders. So lernt man, gezwungener Maßen, alles selbst zu wuppen. Zu viel Einmischung würde ich aber auch gar nicht mehr haben wollen.
    Zum Glück gehen auch solche Phasen vorbei und die jungen Menschen gehen daraus gestärkt hervor. 🍀

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    1. Ja, mir geht es wie dir und ich hoffe immer, dass der Halt, den ich ihm geben kann, reicht, um ihn durch die dunklen Tage zu tragen. Ein bisschen muss er alleine schaffen, auch das ist wichtig, sonst wächst er nicht. Das rechte Maß zu finden ist schwer… Danke dir, liebe Nati

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      1. Nati sagt:

        Ich jongliere auch immer mit dem Maß.
        Aber je älter sie werden desto mehr überlasse ich ihnen alles.
        Stehe mit Rat zur Seite und habe ein offenes Ohr.
        Das macht es recht entspannt.

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