ABC-Etüde – Falsches Licht

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Frau Puzzleblume.

Das Setting war falsch. Ebenso die Tageszeit. Und das Licht. Das Licht war eigentlich immer falsch, was daran lag, dass ich nicht fotografieren konnte, es aber gerne würde.

Ich stand auf der Hauptstraße unserer kleinen Stadt und bemerkte wieder einmal, wie die Sonne genau in dem Moment, in dem ich abdrücken wollte, hinter der einzigen kleinen Wolke verschwand und all meine Einstellungen für die besagte Katze waren. Niederträchtig war das und ich hasste in diesem Moment die Sonne, wie es nur ein rothaariger Junge mit milchweißer Haut tun kann, der gerade beschlossen hatte, ein großartiger Streetfotograf zu werden.

Und gerade, als ich innerlich fluchte, rasch die Blende weiter aufriss, um den Lichtabfall zu kompensieren, hörte ich jemanden flöten. Es war ganz leise und schien aus einem der Nebengassen zu kommen, die sich sternförmig um das Biedermeierrathaus erstreckten. Das Rathaus hasste ich auch, weil der Lehrer im Kunstunterricht die Epochen durchsprach und ich der einzige war, der das nicht erkannte.

Da übte also jemand Weihnachtlieder im Frühsommer. Und weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, drehte ich mich im Kreis, um zu lokalisieren, wo sich dieser Spinner aufhielt.

Die Musik wurde lauter und ein seltsamer Mann kam die Gasse entlang auf mich zu. Er hielt eine Flöte zwischen die schmalen Lippen geschoben und eine Horde kleiner und größerer Kinder folgte ihm.

Er sah mich an und blinzelte mir zu. Für einen Moment war ich versucht, mich der bunten Truppe anzuschließen, doch ich hob die Kamera und löste aus. Leider war in diesem Moment die Wolke an der Sonne vorbei und ich belichtete mal wieder gnadenlos über.

Als ich die Kamera von den Augen nahm, waren sie verschwunden. Nur eine Flöte und etwas, das nach einem abgeschnittenen Rattenschwanz aussah, lag noch auf der Straße.

Vielleicht sollte ich lieber Flötist werden.

Alice

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Na ja, also speziell dieser Flötist … ich würde sagen, wäre das Foto gelungen, wärest du ebenfalls unsterblich geworden. Ich würde es weiter versuchen …
    Mag deine Etüde sehr. Gruß an deinen Protagonisten, manchmal sind scheinbar falsche Entscheidungen die richtigen 😉
    Begeisterte Abendgrüße 😁☁️🍂🍞🧀👍

    Gefällt 2 Personen

    1. Guten Morgen 😉 Ja, die Märchen und gerade dieses, die sind schon fesselnd und passen auch noch durch einen kleinen Zeittunnel. Der Rattenfänger ist „based on a true story“, wie ich mit den Söhnen immer frotzle. Hab einen schönen Tag
      Alice🍀👍

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  2. Die Wortfängerin von Haltern am See würde ich eher sagen!

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    1. Danke für die Lorbeeren 🙂 lieber Werner

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  3. Wer weiß, wen er damit fangen könnte…

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    1. Ja, das ist natürlich die große Frage…

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  4. Höhö … die Geschichte liest sich so samtig normal an, daß man beinahe vergessen könnte, daß diesmal eine Schar Hamel’scher Kinder abgemurkst wurde … 😉

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  5. puzzleblume sagt:

    Es fängt so harmlos an, mit dem versuchten Katzenfoto und den schwierigen Lichtverhältnissen, in denen der Junge Dinge sieht … es wirkt wie eine moderne Märchenverfilmung zum alten Rattenfänger-Märchen und gefällt mir richtig gut.

    Gefällt 1 Person

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