Tag 289/365 – Zeit nehmen

Zeit ist immer zu wenig da. Das wird mir schmerzlich bewusst, wenn ich im Hospiz war und auch, wo ich jetzt erfahren habe, dass die Frau eines lieben Bekannten schwer erkrankt ist. Und das gerade, wo sie gemeinsam in den Ruhestand eintauchen wollten. Ungerecht fühlt sich das an und macht wütend auf Schicksalsschläge und dankbar, dass die bisher an mir vorbeigelaufen sind.

Eigentlich hätte ich auch gestern keine Zeit. Für den Sohn musste die Geburtstagstorte gebacken werden, die er sich gewünscht hat und zu tun gibt es immer. Doch ich wollte auch noch was für den Rakubrand fertig machen, meinen Zauberer nämlich, der eine Tonmarionette werden soll. Die Künstlerhofkollegin hat sich an den Drachen dazu gemacht und es ist immer eine wunderbare Atmosphäre, wenn ich mit ihr in der Töpferstube bin. Aus der Stunde, die ich eingeplant hatte, wurden fast fünf, die durchgeschnackt und gearbeitet wurden. Jetzt hat er auch schon Füße, die aber wohl nicht mehr im Rakufeuer landen, sondern im normalen Ofen. Macht nix, ich bin da kein Purist.

Ein bisschen aufgetankt habe ich da, ein bisschen losgelassen, etwas aufgeatmet und viel gelacht. Zeit nehmen für entspannte Stunden, die manchmal zu rar gesät zu sein scheinen, das tut der Seele gut. Der Kuchen ist trotzdem fertig geworden, obwohl ich zwei Anläufe brauchte. Naja, ich und Bisquit. Wir werden keine Freunde mehr.

Dennoch streikte gestern Abend erneut der Magen und ich spürte, dass da einiges im Argen liegt. Bei den Gesprächen der letzten Tage landete ich mit beiden Frauen beim Thema Autonomie. Damit ist nicht gemeint, dass man sich selbstständig macht, auch wenn das ein wunderbarer Traum ist. Es geht ums selber spüren. Sich selbst spüren. Spüren, was man gerade fühlt, welche Bedürfnisse gerade im Raum stehen, wer ich bin und was ich will.

Und das klappt gerade nicht. Beziehungsweise möchte ich das nicht spüren, was ich fühle. Also betäube ich mit den gängigen legalen Methoden.

Ich war auch schon mal bei mir. Schon häufiger und das war gut, selbst, wenn es sehr weh tat. Doch das gerade ist unzufriedenstellend und noch mehr, es macht mich krank. Denn auch die legalen Betäuber sind nicht gesund und so Lande ich damit zwar nicht im Knast, doch mein Körper signalisiert, dass er das uncool findet, was ich ihm zum Verdauen gebe.

Mich selbst spüren ist schwer. Sind da andere, spüre ich nur die. Selbst in intimsten Momenten, sind meine Sinne nach außen gerichtet, ich betrachte mich von außen, wie ich erspüre, was andere brauchen.

Gelernt habe ich, dass es mir nur dann gut geht (gehen darf), wenn es anderen gut geht. Eine wichtige Erkenntnis, doch nur ein Anfang der Wahrheit.

Heute werde ich mir Zeit nehmen, mich zu spüren. Für einen Moment in mich zu horchen und meine Grenzen auszuloten, meine Bedürfnisse zu fühlen und die der Anderen mal eine Zeit auszublenden. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht. Doch es ist ein Anfang.

Alice

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Hört sich nach einen wunderbaren gestrigen Tag an.

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    1. Ja, absolut. Deswegen fand ich mein Magenweh später auch so irritierend… gab eigentlich keinen Grund 🙈

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      1. Nati sagt:

        Manchmal blickt man nicht dahinter.

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      2. Ne.. ist dann einfach so

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  2. kommunikatz sagt:

    Sag Bescheid, wenn Du einen guten Trick fürs Selbstspüren gefunden hast! Ich habe das auch seit sehr langer Zeit verlernt und wüste gerne, wie ich es mir wieder beibringen kann.

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    1. Ich suche noch und du kannst sicher sein, dass ich darüber berichte 😉 sofern mir die Lösung endlich klar wird

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  3. Raphael sagt:

    Die Stille im Wald,
    ohne Hund, Katze und Maus … und Kamera!
    – fern der Autobahn(en)

    … da bist du doch reichlich gesegnet.
    Kann man ja mal mit ´nem Mini-Ausflug und ´ner Tüte Kultur kombinieren.
    Mir hat die Ecke rund um das Raesfelder Schloß immer ganz gut getan,
    bin gerne auch im „Dämmerwald“ verloren gegangen.

    Auch wenn in der Stille diese unangenehmen Reflexionen der geistigen Natur und Vergangenheit aufkommen …
    Einfach mal 5 Stunden dort verschwinden …

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Ja, ich weiß um die heilsame Wirkung. Mich selbst wiederfinden unter all dem Chaos, das um mich her tobt, da reichen 5 Stunden wahrscheinlich nicht. Doch es ist ein Anfang…
      Alles Liebe
      Alice

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  4. Ich bin hier auf Umwegen, die keine sind, gelandet und freue mich erstmal still. Deine Erkenntnisse, wann es einem gut gehen darf, kamen mir bekannt vor. Für mich eine Mischung von Hochsensibilität und Empathie.

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    1. Willkommen auf meinem Blog. Ja, hochsensibel und viel zu empathisch klingt erstmal schön, bis man versucht, damit zu leben. Danke für deine Worte
      Liebe Grüße
      Alice

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