Kann man ein Gefühl denken?

Nein, kann man natürlich nicht. Was für eine Frage und dennoch versuche ich es ununterbrochen, zermartere mir das Gehirn, warum es mir gerade schlecht geht trotz Sonnenschein und Freizeit. Da ist ein Trigger unterwegs und die Gefühle, die daraus wachsen, sind so abgrundtief alt und klemmen mich zwischen ihren Fäusten ein, dass mir Luft und Antrieb ausgepresst werden.

Ich brauche Alleinzeit, weil Menschen anstrengend sind. Praktisch bin ich nie allein. Wie ein Damoklesschwert rumort es in den Nebenräumen, der Mann rüselt im garten, was ich auch tun sollte, aber vermeide, weil da eben schon jemand ist.

Ich habe es probiert, schon etliche Male, mich dazu zu gesellen, einfach meins zu machen. Dann greift eine Hand in den Zweig, den ich gerade abschneide und schwups donnere ich die Gartenschere in die nächste Ecke, gehe rein und fühle mich grauenvoll.

Das ist alt, uralt. ich kenne das von Küchentischsitzungen mit vier oder fünf und einer rummeligen Mutter, die mich einfach nicht sein lassen konnte, immer mit ihren Fingern kurz vor mir. Warte, ich helfe dir, ich mach mal eben, das kann ich besser, ächzen, stöhnen, aus der Hand nehmen. Fertig. ich wütend. Mutter zufrieden und ach so erschöpft.

Um es klar zu stellen, der Mann macht nichts falsch. Er triggert bloß.

Im Gegenzug durfte ich für die ganzen aufopferungsvollen Dienstleistungen nicht machen, was ich wollte, musste parat stehen, um zu trösten, zu helfen, zuzuhören (was ich nicht hören wollte) usw. Und so sitze ich heute in der Warteschleife, fürchte und hoffe, dass mich gleich jemand braucht, bin angespannt wie ein Flitzebogen. Und wütend.

Ich bin so wütend, dass ich Gegenstände durch Fenster jagen könnte, Porzellan, Glas, Beziehungen zerschlagen, Augen auskratzen, auch meine eigenen und ja, in solchen Momenten verstehe ich das Ritzen. Etwas, was mir glücklicherweise nie als Ausweg erschien.

Stattdessen Wutklumpen im Bauch, alles auf Krampf gebürstet, untätig paralysiert, abwartend.

Das ist ungesund. Faktisch dreht mein Sympathikus auf Hochtouren und ich gleiche aus mit Kaffee und Zigaretten.

Ich habe jetzt viel gedacht, doch das bringt mich wenig weiter. Aber die Wut, die spüre ich jetzt, was irgendwie gut ist und auch wieder nicht, weil sie nicht raus darf.

Ich kann kein Gefühl denken. Aber ich kann über Situationen nachdenken, wo mir das Gefühl begegnete. Und manchmal zeigt es sich dann in seiner ganzen Grausamkeit.

Alice

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Raus in den Wald und die Wut rausbrüllen

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    1. Dann stürzt hier das nächste windrad ein… 🙈

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  2. Nati sagt:

    Weiß dein Mann um die Wirkung wenn er dazwischen geht?
    Kann nicht jeder einen Teil des Gartens selbst bearbeiten?
    Nur ein Beispiel. Wenn man nicht drüber redet kann der andere nichts wissen oder es anders machen.

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    1. Doch klar, weiß er natürlich. Ohne reden kann nichts besser werden…

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  3. Grinsekatz sagt:

    Klare Aufgabenteilung hilft, bei uns. Fatal, wenn wir uns im Wege stehen. Wenn ich Küchenscheff bin, kann sie draußen bleiben und umgekehrt ebenso. Dann und nur so geht das hier. Was gelegentliches gegenseitiges zur-Hand-gehen nicht ausschließt. Aber auch dann ist einer immer noch Scheff 🙂

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    1. Scheff sein ist ja nicht schlimm, wenn jeder mal dran ist. Nur miteinander wäre schöner als so, wie es gerade ist. Autonomie und selbst spüren ist da wohl ganz wichtig. Mich abgrenzen fällt schwer,,,, dann ist allein oft besser. Lernen sollte man das doch noch können, oder? Ich hoffe zumindest…
      Alles Liebe dir/euch 🙂

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  4. ich las deinen text, dass du gerade probleme mit dir, deinen bedürfnissen und gefühlen hast. dafür hätte ich dir ein video verlinken können. nun lese ich in den kommentaren, dass du mit der arbeit deines mannes nicht zufrieden bist, ist das richtig? dafür habe ich kein video. lach.
    schau bei dir.
    alles liebe.
    m.

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    1. Nein…hui, kam das so rüber? 🙈 nein, er triggert mich aber da kann er nix für… das Problem liegt bei mir. Und nein, dafür gibt es keine Videos 😅👍

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  5. Raphael sagt:

    Zersorgende, wie ungeduldige Gedanken
    beschneiden die Gefühle, die da erblühen möchten
    und auch gleichzeitig die Gedanken, welche da fruchtbar, kreativ und aufbauend sind,
    den Boden bereiten für das oder die Gefühle, nach denen wir sehnen.

    So wie diese besonderen Poeten, Marke Rilke &co.
    welche über Gedanken eben diese Gefühle in Buchstaben gossen …

    Man kann sie nicht zwingen, die Gefühle, wie die Gedanken.
    Genau wie die Liebe …

    Alles Liebe,
    Raffa.

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