Tag 268/365 – Alles im Blick

Es tut sich was und Dinge passieren quasi ohne mein Zutun. Einiges war abzusehen, anderes ist überraschend, wie so oft im Leben. Am Himmel ziehen die alljährlichen Kanadagänse vorbei und hinterlassen den unangenehmen Herbstgeschmack. Bald ist es kalt und der Mann ordert Holz, damit wir im Wohnzimmer gemütlich zwischen Decken hocken.

Doch der Entspannungsmodus stellt sich nicht ein. Noch nicht und hoffentlich auch nicht mehr. Weihnachten ist mir ein Graus und ich betrachte voller Widerwillen die ersten Spekulatius, die in den Supermarktregalen einziehen. Lieber möchte ich woanders sein, wo man nicht feiert, was mir nicht einleuchtet. Die heile Welt fehlt in meiner Vorstellungskraft, ich sehe Kompromisse allenthalben, die meisten faul wie die Äpfel, die am Baum hängen. Der zweite muss voll gefällt werden, es pilzt und die Zeit rennt.

Ich erinnere mich an Septembermorgen meiner Kindheit. Vor dem einzigen Ofen, dem, auf dem auch gekocht wurde, schnell angezogen, dann im Garten einen Apfel für die Pause gepflückt. Sie waren kalt und glitschig vom Nebel, der zwischen gelb werdenden Bäumen hing. Die Finger an der Hose abgewischt, kühlklamm und ein leeres Gefühl im Bauch, das kein Apfel füllen kann.

So viele Pläne auf dem Weg hierher, so oft aufgegeben, fallen lassen, gescheitert, weil Mut fehlte und eine Perspektive. Die gestrigen Absagen setzen mir doch zu, lassen mich erstarren und hadern mit allem, was ich wollte. Vielleicht ist es mir einfach nicht beschieden, verdiene es nicht, habe in einem alten Leben ein Karma angehäuft, das mir jetzt nachhängt.

Es stehen wieder Apfelbäume in meinem Garten. Wenn ich jetzt raus gehe, finde ich bestimmt noch einen mit kaltglitschiger Haut, wische meine Hände am Morgenmantel ab und fühle diese Leere im Bauch, die er nicht füllen kann.

Alice

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. evawso sagt:

    Ein schöner Beitrag, kenne das Gefühl …

    Gefällt 1 Person

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