Tag 261/365 – Aggressive Mitatmer

Es mag an meiner Kindheit liegen, dem cholerischen Verhalten meines Vaters und der unterlassenen Hilfe meiner Mutter. Begegne ich aggressiven Mitatmern, wird es eng für mich.

Wer kennt sie nicht, die Bekannten oder Kollegen, die, kaum, dass sie einen Raum betreten, die Aufmerksamkeit an sich reißen. Menschen, die dreist alles beiseite schieben, was anderen gehört und sich auf Plätze setzen, die für andere gedeckt sind. Die, die jedes Gespräch an sich reißen, dazwischen reden, Themen wechseln, immer in der Mitte stehen mit meistens nichts dahinter außer heiße Luft.

In Bekanntenkreisen mag es ja recht wenig stören, man begegnet sich ja nicht täglich, schafft es, beim Einkaufen einfach für eine Weile auszuhalten, wenn sie einem in den Weg springen und ungefragt ihr Leben mit uns teilen. Das geht vorbei oder man wittert sie frühzeitig, wählt einen anderen Supermarktgang, weicht aus oder schützt in den seltenen Gesprächspausen Termindruck vor und verabschiedet sich, bevor die Erschöpfung einsetzt.

Andere gehören quasi zum Alltag, sie tauchen bei den Kollegen oder in der Familie auf. Dann kann es eng werden, wenn man keine Strategie hat, deren Treiben Einhalt zu gebieten.

Ich denke da gerade an einen ganz besonderen Menschen, der mir gerade heute eine gute Lektion erteilt hat. Und fände ich diese Person nicht so unerträglich dreist und impertinent, ich müsste ihr dankbar sein, denn sie zeigte mir einen wichtigen Trigger und meine Reaktion darauf.

So ein aggressiver Mensch schafft es leider relativ schnell, mich in Windeseile zu einem Kleinkind zu machen. Ich brauche zwar nicht spontan Windeln, doch der Rest meiner Fähigkeiten verschwindet rasant. Ich verliere meine Ausdrucksfähigkeit und das Gefühl, erwachsen und souverän zu sein. Statt mich in dem, was ich gerade tue, nicht beirren zu lassen, ziehe ich mich zurück, werde mundtot und – das finde ich besonders unangenehm – fange auch schon mal an, mich mit Worten zu verhaspeln. Kurzgesagt habe ich Angst.

Ich habe Angst, diese Menschen, die keine Grenzen kennen, zu verärgern. Habe Angst vor Konsequenzen, die nur eingebildet sind.

Ich kenne die spitze Zunge dieses besonderen Menschen recht gut, bekomme regelmäßig mit, wie er alles, was gerade nicht anwesend ist, in den Dreck zieht, sich darüber lustig macht, fremde Leben ausbreitet und sich damit den Dreck von seinen Händen wischt. Ich kann in seinem Verhalten nicht den Hauch von Empathie feststellen, kein Gewissen, nur den Wunsch, sich breit zu machen und wichtig zu erscheinen, koste es, was es wolle.

Natürlich weiß ich, dass das im Grunde ein Zeichen von Unsicherheit ist. Doch eigentlich interessiert mich das nicht. Mich stört nur das Ergebnis, die Gemeinheit und Frechheit und Dreistigkeit.

Mir wurde beigebracht, dass ich zu ertragen habe. Die Wut des Vaters, das Mobbing von Mitschülern, die Vorrechte anderer. Sobald ich aufmuckte, hatte ich alle gegen mich. Oder, wenn es ganz schlimm kam, dann fanden die Bösartigkeiten so versteckt statt, dass ich noch nicht einmal eine handhabe hatte, nichts, worauf ich mit dem Finger weisen konnte. War doch alles nur Spaß. Sowohl die Spitznamen, die ich bekam, als auch all die Sticheleien und Unwahrheiten, die über mich verbreitet wurden.

ich bin jetzt 53 und nicht mehr drei oder sieben oder zwölf. Durchaus wortgewandt und mit einer großen Portion Wissen ausgestattet, sollte ich dazu in der Lage sein, mich dagegen durchzusetzen. Zumindest soweit, dass es mich nicht mehr juckt, ich weiterhin erwachsen bleibe und meine vermeintliche Angriffsfläche ihnen nicht zur Verfügung steht. Dann können sie von mir aus vor sich hin atmen. Nur ohne mich.

Alice

19 Kommentare Gib deinen ab

  1. Grinsekatz sagt:

    Ich habe sie satt, diese egomanischen Arschlöcher. Ausweichen kann man ihnen nicht (immer), hat einen Grund, denke ich dann, dass mein Schöpfer mich mit solchen Vögeln konfrontiert, und sei es nur der, zu schauen, ob ich eventuell und möglicherweise auch solche Neigungen habe, streng dem Grundsatz folgend, Gleiches sucht und findet sich.

    Ansonsten wünsche ich mir (und dir 😉 ) etwas mehr Präsens des inneren Souverän, der macht sich langsam, könnte aber durchaus öfter in Erscheinung treten.

    Guten Morgen dir 🙂

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    1. Nati sagt:

      Hast du mittlerweile ein Rezept dafür?

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      1. Grinsekatz sagt:

        Gute Nahrung, körperlich & geistig, ausreichend Schlaf, hin und wieder ein Gebet. Sie bekommen bei mir keine Bühne. Nicht mehr.

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      2. Nati sagt:

        Lies mal mein Kommi zur Alice.
        Ich habe alles Mögliche versucht, wobei Ignorieren das schlimmste Ergebnis brachte.
        Momentan bin ich mit meinen Latein am Ende.
        Zum A…kriecher will ich nicht werden, damit ich meine Ruhe habe.

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      3. Grinsekatz sagt:

        Es dauert seine Zeit. Irgendwann reicht es dir, tief im Inneren. Dann finden sich Worte, findet sich Distanz. Hab Geduld mit dir.

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      4. Nati sagt:

        Danke dir Reiner. 🙏
        Das Schlimmste ist die Blindhei der anderen.
        Abwarten und Tee trinken…

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    2. Ja, das mit den Neigungen kommt hin. Ich bin schon der Draufgänger mit dem Unterschied, dass ich die (Wohlfühl-)grenzen anderer respektiere und ganz bestimmt nicht erwarte, dass die Welt sich um mich dreht. Ausweichen ist leider unmöglich, manchmal laufen sie mir nach wie so eine kleine bissige Wadenbeißertöle, wo man gezielt zutreten will, es aber nicht tut, weil man halt niemanden verletzen will, selbst, wenn er es verdient hätte.
      Souverän bleiben, jepp, das wäre mal ganz nett. Ein bisschen mehr auf den eigenen Aggressor vertrauen, ihn aber nicht raus lassen, nur durchblitzen.
      Dir auch einen schönen Morgen
      Alice

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  2. Nati sagt:

    Oh ha, gerade hoch Aktuell.
    Aus dem Weg gehen, funktioniert nicht. Weil sie hier und da auf einem zugehen. Obwohl man mit denen nichts am Hut hat. Freundlich aber bestimmt in die Schranken weisen funktioniert erst recht nicht. Ignorieren ist noch schlimmer, da hinterlassen sie eine Spur der Verwüstung und man darf hinter ihnen her kehren und hoffen dass es nicht noch mehr Nachgeben gibt. Momentan bin ich mit dem Latein am Ende.

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    1. Mir fällt dazu der Kommentar von Grinsekatz ein, der zumindest bei mir sicherlich passt. Dieses Gleiches sucht Gleiches. Vielleicht solltest du mal deinen Aggressor etwas mehr raushängen lassen. Ein bisschen knurren, wenn es zu arg wird. Nicht freundlich, sondern ebenfalls böse. Ich werde es mal probieren und schauen, was passiert.
      Halt die Ohren steif
      Alice

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      1. Nati sagt:

        Ich kann böse, wenn es mir zu bunt wird.
        Aber ich finde auch dass man sich mit Anstand einfach aus dem Weg gehen kann wenn es einfach nicht passt, nur versteht es wohl nicht jeder. Leben und leben lassen ist meine Devise.
        Und ich will hier in der Blogwelt erst gar nicht loslegen böses Blut zu verteilen, weil ich mich dann auf die gleiche Stufe stellen würde. Das habe ich nicht nötig.
        Ich drücke dir die Daumen Alice dass du damit Erfolg haben wirst. 🍀

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      2. Okay, hier in der Blogwelt habe ich das noch nicht erlebt. Bei mir ist es eher live und in Farbe und damit ebenso unausweichlich weil nahezu täglicher Kontakt. ich verstehe, dass du hier nicht herumbeißen magst. Ich drücke dir die Daumen, dass die Nervensäge sich woanders hin verzieht…
        Liebe Grüße

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      3. Nati sagt:

        Deine Situation stelle ich mir noch anstrengender vor.
        Ist ja Dauerstress pur. Da wäre ich irgendwann richtig aggro.
        Es ruft nach einer Lösung mit der du gut leben kannst. 🍀

        Danke, es wird sich zeigen was und wie es weiter geht.

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  3. Verwandlerin sagt:

    Ich mag diese Menschen auch nicht und bringe sie, indem ich ihre Dreistigkeit ironisch-schlagfertig anspreche, gerne mal aus der Fassung. 😉
    Habe ich im Studium in meiner Politik-Studentenfachschaftsvertretung gelernt – aus Notwehr gegen den Platzhirsch in der Fachschaft.
    War ne harte Schule, aber davon profitiere ich jetzt.

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    1. Respekt, das habe ich nie geschafft. Mir fehlen dann immer die Worte, aber vielleicht sollte ich üben. Gelegenheiten habe ich zu Hauf.
      Liebe Grüße
      Alice

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      1. Verwandlerin sagt:

        Genau, Übung macht den Meister!

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  4. dieterkayser sagt:

    Kontakt mit Arschlöchern versuche ich zu vermeiden wo es geht. Und wenn es nicht geht, versuche ich es das nächste Mal. Und danach nochmal. Und nochmal.

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    1. Jepp, nur leider gibt es davon viel zu reichlich 😉

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  5. wildgans sagt:

    …ich brauche zwar nicht spontan Windeln….ey, deine Ausdrucksweise ist beispielslos feinguthervorragend!

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