ABC-Etüde – Dunkles Wasser

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende stammt von Ludwig Zeidler.

Er tauschte die roten gegen die Gummischuhe und setzte den Hut in genau dem richtigen Winkel auf den mager behaarten Schädel. Die Luft war kühl und es windete. Doch das störte nicht, so war er zumindest ausreichend allein, hatte das Ufer für sich und das Wasser und, was noch wichtiger war, alles, was sich darin befand.

Seine Besuche unterlagen einem gewissen Rhythmus, der sich am Grad seiner Erschöpfung orientierte, die wiederum mit den Arbeitsplänen und Aufgaben seiner Vorgesetzten korrelierten, die gerne teilten, wenn es um Lasten ging. Und in letzter Zeit war es schlimm. Da kamen die Anweisungen nicht mehr persönlich, sondern elektronisch und sein Postkasten war voll mit diesen ominösen Anträgen an seine geschwächte Arbeitskraft. Er wollte sie nur noch löschen oder lieber ertränken in diesem Wasser, das er so liebte.

Er angelte seit er zehn war. Und das war das einzig Gute, was ihm sein Vater mitgab. Die erste Rute, inzwischen zu einem luxuriösen Profiteil mutiert, hatte er noch selbst gebaut mit Bindfaden aus dem Nähschrank der Mutter. Der Vater hatte ihn ertragen, wenn er hinterherstiefelte in das flache Wasser, die Füße festgesogen im Schlick, der ihm bei jedem Schritt Angst einflößte, weil er ihn hinunterzog zu den Fischen, den Opfern, die dort unten lauerten und ihn fressen würden, wenn er nicht aufpasste.

Die Angst war über die Jahre verschwunden. Doch die Ruhe blieb und das Gefühl, nicht allein zu sein, da sein zu dürfen, ja sogar Erfolg zu haben, wenn ihm ein dicker Fisch ins Netz ging und der Vater ihm lobend über die Locken strich.

Als er später die Forelle ausnahm und schuppte, den Schleim mit fließendem Wasser wegputzte, kam die Ruhe zurück und das Gefühl, dass alles so war, wie es sein musste. Er tauschte die Gummischuhe gegen die roten und ging wieder heim.

Alice

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Wirkt doppelbödig, obwohl es das dann doch nicht zu sein scheint. Irgendwie warte ich auf etwas … Hässliches? 🤔
    Beschäftigt meine Phantasie, und wenn es nur die roten Schuhe wären. Danke, mag ich. 🧡👍
    Vormittagskaffeegrüße 😁⛅🌻🌳☕🍪👍

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    1. 300 Wörter lassen viel lPatz zum Selberdenken. Das mag ich 😉 Liebe Grüße und ja, Kaffee wäre jetzt gut…

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    2. Nati sagt:

      Ich hatte auch auf etwas Unerwartetes gerwartet….
      Aber es kam nichts😱😂

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      1. Oh Mann… das nächste Mal mit Nixe aus den Tiefen der Fluten, versprochen 😂😂😂

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      2. Nati sagt:

        Es war düster beschrieben, die Anspannung stieg und dann…..nichts. 😭😂

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      3. Ja nu… manchmal passiert ja auch nichts… 😉

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  2. puzzleblume sagt:

    Ich empfinde beim Lesen, dass Gefühlsarmut und Einsamkeit das Leben des Mannes von Kindesbeinen an begleiten, und Anforderungen, als sei er auch jetzt noch nur gerade so eben geduldet, wie damals beim Vater. Das braucht keinen Trigger, ist aber in seiner Ausweglosigkeit hässlich genug.

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    1. Ja, das waren auch die Gefühle, die ich beim Schreiben hatte. Danke dir für deine Worte… ❤

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