Tag 239/365 – Allein

Ich brauchte etwas Zeit, um mich zu sammeln, als ich gestern von der Therapeutin zurückfuhr. Es war ein etwas turbulentes Gespräch. Ich hatte Einiges zu erzählen, schließlich war die letzte Sitzung vom Sommerurlaub unterbrochen worden.

Und während sie sanft nachhakte oder das zusammenfasste, was ich erzählte, schob sie dazwischen, dass sich all das, was ich so gemacht hatte, ziemlich allein anhörte. Und ich schluckte. Und ich weinte, zumindest ein bisschen.

Allein sein ist ein vertrautes Gefühl. Ich sitze zwischen Menschen, die mich kennen und die ich kenne und fühle mich allein. Während ich das hier schreibe, versuche ich herauszufinden, wann das anders ist, wann ich mich eben nicht so verfickt verloren fühle (tschuldigung), sondern aufgehoben, vertraut, gemeinsam, geborgen. Und es fällt mir nichts ein.

Einsam an der Spitze der Verantwortungsskala, mehr der Manager, als der vertraute Freund, ziemlich leer auf allen Kanälen. Ich stutze, wenn mich wer fragt, wer ich bin, also wer ich wirklich bin und weiß mit dem echten Interesse nichts anzufangen.

Auch hier zu Hause ist manchmal eng und manchmal wenig und ich verliere den Anschluss an andere und an mich selbst. Und ich frage mich, ob ich die Mauern baue oder ob anderen das wirklich egal ist.

Ab und an gibt es einen kleinen Durchbruch. Das tut gut und das macht Angst. Nahekommen bedeutet oft auch Verlust. Zurückweisung wird besser aus der Ferne ertragen. Nicht wichtig, nur eine Last, abgelehnt, austauschbar. Da sind sie wieder die Kindgefühle, die sicher vertraut, aber nicht schön sind. Ich für mich, mich kennen und um mich kümmern wäre ein Beginn. Dann wären wir zu zweit einsam, was besser zu ertragen ist als dieser Griff ins Leere.

Jeder ist sich selbst der Nächste, nie war es wahrer, als heute.

Ich ertappe mich, wie ich nach fremden Händen greife, zu vertrauensselig hoffe, dass es dieses Mal anders ist. ist es nicht oder selten, fast nie. Ich erinnere mich an kindliche Panikattacken, wenn die Eltern mal ausgegangen sind und das Haus laut und leer. Ich weinte verzweifelt auf dem Sofa, gewiss, dass sie nie wiederkommen würden, ich nun endgültig und vollständig verlassen und vergessen sei.

Keiner meiner Söhne hat auch nur ansatzweise diese Angst und darauf bin ich verdammt stolz. Sie wissen, dass ich sie nie verlassen würde, immer, bis zum letzten Atemzug, für sie da sein werde. Zumindest das habe ich geschafft und es ist eine Menge, wenn ich mein Leben daneben halte.

Komm ohne uns aus und tue das, was wir wollen – immer. Zusammengefasst ist dieser Satz das, was ich mit ins Erwachsenenleben bekommen habe. Da fehlen eine menge Wurzeln in meinem Leben und ich weiß nicht, ob mein braungrüner Daumen reicht, um die nachwachsen zu lassen.

Ich werde es sehen und erleben.

Alice

20 Kommentare Gib deinen ab

    1. Danke dir. Ja, klingt sehr vertraut…

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  1. Luxus Lazarz sagt:

    Dein Herz, geliebte Alice, 🌻 reicht allemal dafür.
    Umarmung mit Sonne * Luxus

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    1. Ich danke dir, liebe Luxus ❤

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  2. Nati sagt:

    Wie ich dieses Gefühl kenne und wie froh auch ich bin dass meine Jungs nicht so empfinden. Es wird wohl immer in uns sein, wenn man keine Wurzeln und das kindlichliche Urvertrauen kennt.

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    1. Die Lücke bleibt, gut, wenn wir sie für uns behalten können 😉

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      1. Nati sagt:

        Ich weiß nicht ob es gut ist.

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      2. Besser, als die nächste Generation mit ins Boot zu holen, meinte ich. Denn sowas wandert gerne, wenn unreflektiert, durch Generationen…

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      3. Nati sagt:

        Ja, da hast du natürlich recht Alice.
        Da lasse ich die Lücke auch lieber bei mir.
        Gut dass wir es wenigstens unterbrechen konnten, was die Vorfahren nicht schafften.

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      4. Stimmt. Wenn ich zurückschaue auf das, was ich weiß, wird mir klar, dass dieses Loch schon ein paar Generationen bei uns ist….

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  3. Grinsekatz sagt:

    Verloren – ein vertrautes Gefühl. Durch die unfreiwillige Nähe zu meinen greisen Eltern durchlebe ich das noch einmal und immer wieder. Drogen und Alkohol konnten dieses Loch nicht füllen, mein Glaube hilft mir, mich zu erden. Aber manchmal muss ich einfach da durch.

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    1. Löcher stopfen, egal womit, damit kenne ich mich auch gerade gut aus. Meine Besuche im Hospiz führen mich auch zu meinen Eltern zurück und meinem Umgang damit, auch wenn es nur auf Abstand ist. Dennoch ist es ein guter Weg für mich, da ich manches verstehen lerne, was ich vorher nicht verstanden habe.

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      1. Grinsekatz sagt:

        Wir suchen uns die Pfade, die zu uns passen.

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      2. Ja, die gangbaren. Dass Gespräche nichts bringen mit den Originalen, das habe ich verstanden. Ich nehme den Umweg und den schaffe ich.

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      3. Grinsekatz sagt:

        Ich komme gerade von den Eltern – auf dem Weg dort hin hörte ich Lust for Live von Iggy Pop. Was für eine unpassende Scheiße, dachte ich, wollte abschalten. Ich ließ es laufen und die zwei Stunden waren heute mal deutlich entspannter als letzte Woche. Alles hat auch etwas mit mir zu tun, das Universum antwortet irgendwie immer. Aber die Wege sind verschieden, ja. Wenn dich die alten, sterbenden Menschen bewegen, macht das auch etwas mit dir mit Blick auf die eigenen Ahnen.

        L.G., Reiner

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      4. Unpassend ist irgendwie nix, weil es manchmal tatsächlich hilft. Und ja, es antwortet und manchmal verstehen wir sogar, was es uns sagen will… Halt die Ohren steif
        Liebe Grüße

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  4. Lars Döbler sagt:

    Es gibt einen Song, deren eine Zeile prägte lange Zeit mein Leben. „Zusammen werden wir die einsamsten Menschen sein.“ …

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    1. Ja, die Textzeile kommt mir bekannt vor… und das Gefühl auch…

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      1. Lars Döbler sagt:

        Es wird besser werden. Solange man daran festhält, das es besser wird.

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  5. Raphael sagt:

    Die Sache mit dem WIR …?!!
    Es gibt Menschen, man könnte jetzt frech behaupten, daß es die Masse ist,
    welche im WIR ebenfalls „allein“ sind. Jedoch schweigen sie, fressen Kröten oder machen die passende Miene zum schlechten Spiel.

    Die, die dann auscheren, weil sie nicht an der Oberfläche dahindümpeln möchten,
    die sich nicht mit Symptomen und schnellen, vordergründigen Lösungen abgeben,
    die dann logischerweise den Mund auftun oder/und auch handeln, sind leider in der Minderzahl – ergo: allein

    Warum die Masse so träge ist?
    Hochmut/Faulheit/“klein-gemacht“/abhängig/Feigheit …

    Leider greifen die Mechanismen der Uniformität bis hin zur „Gleichgültigkeit“ immer und immer wieder.
    Man ist zufrieden, wenn man gespielt wird und noch irgendein klitzekleines Ding hat an dem man sich hochziehen kann – erstrecht, wenn es den anderen dann auch nicht besser geht – oder sollte ich jetzt schreiben: genauso geht? Doch dann geht diese kleine Nuance leder unter.

    Wie schreibe ich so gern und llangweile bei Zeiten:
    Gib ihnen einen Appel & ein Ei, ein Räppelchen und ´ne Tüte Prestige
    und schon hat man eben diese Mehrzahl gekauft, im Sack, verführt und auf Linie.

    Yepp, der Rest ist einsam … und hoffentlich frei!
    Doch heutzutage, bei den medialen Möglichkeiten, kann man die vielen Einsamen dann doch finden …

    Fühl dich gedrückt, liebe Alice,
    aus den fernen nordhessischen Hügeln und Höhenzügen,
    welche heute die Wolken geboren oder angezogen haben.

    Alles Liebe,
    Raffa.

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