Etüdensommerpausenintermezzo II – Sex on the Beach

Zum Etüdensommerpausenintermezzo II bei Christiane.

„Sonnenuntergang am Stausee“, seufzte sie und goss sich noch etwas Weißwein in den Plastikbecher. „Lieber wäre mir Rimini gewesen, doch dieses Jahr ist eben alles anders.“

Die drei Hunde hoben kurz den Kopf, schnüffelten in ihre Richtung in Erwartung eines Leckerlis oder einer anderen Belohnung für das stundenlange Toben am Sandstrand und rollten sich dann wieder schläfrig in ihre gebuddelten Sandbettchen. Der Regen hatte ausnahmsweise Erbarmen gehabt und sich woanders hin verzogen, die Ruhrpotttouristen auch, die normalerweise den Strand fluteten, Lärm und Müll über die Wasserstille ergossen und die „Eingeborenen“, zu denen sie sich inzwischen fast zählte, verjagten.

Doch die Ferienzeit war fast zu Ende, der Vergnügungspark würde voll sein, wie jedes Jahr. man muss den Kindern was bieten, hatte ihr mal eine Freundin gesagt. Sie sah das anders. zeit und Liebe, Natur und frische Luft, das sollte reichen.

Olav kam gerade zurück. Er hatte ein paar trockene Äste gesammelt und störte ihre Ruhe durch das Aufschichten diverser Treibholzstücke und den verzweifelten Versuch, sie mit Hilfe eines Feuerzeugs in ein Lagerfeuer zu verwandeln. Sie ließ ihn gewähren, auch wenn sie ahnte, dass das etwas dauern könnte und rutschte etwas zur Seite, weil er ihr die Sicht auf das Wasser nahm.

Es war still. Nur ein paar Möwen gaben ein müdes Konzert und ein regelmäßige Schnipsen und leises Fluchen von der Seite ihres Begleiters, dessen Status sie immer noch nicht einordnen konnte und wollte, waren zu hören. Ein paar verspätete Glühwürmchen umkreisten einen kleinen Strauch, in der Ferne war ein Wetterleuchten zu sehen als Versprechen, dass es nicht so schön bleiben würde.

Sie seufzte noch einmal, legte sich lang auf die Picknickdecke und schloss die Augen.

Ein leises Knistern zeugte vom Erfolg mit dem Feuerzeug und sie spürte einen warmen Körper, der sich neben ihr ausstreckte, seinen Arm unter ihrem Hals durchschob und ihren Kopf auf seine Brust zog. Ein kurzer Moment komplettem Glücks überflutete sie und sie wünschte sich, es könnte so bleiben. Olav, sie, ihre drei Hunde und der Baggersee, in dem sich Abendwolken spiegelten.

Der Moment dauerte nur einen Augenblick, denn von der Straße dröhnte Motorenlärm herüber. Ein einzelnes Exemplar der Sorte Idiot mit Quad bog auf den Sandweg ein, hüpfte, blaue Qualmwolken ausstoßend, über unebenen Boden und raste auf den Strand.

Die Hunde sprangen auf, die Große schlug an und Olav konnte gerade noch die Leine greifen und sie daran hindern, auf den Eindringling loszugehen. Für einen kurzen Moment hofften sie noch, dass eine Runde entlang der Wasserfläche ausreichen würde. Doch er wendete, fuhr erst ein, dann ein zweites Mal schlingernd an ihnen vorbei, kam dabei immer näher und zeigte beim dritten Mal den Stinkefinger in ihre Richtung.

„Todesursache?“ Mühlenbrock streifte seinen Schuh ab und kippte ächzend den Sand aus. „Zu wenig Luft und zu viel Gewalt auf einen reichlich unbehelmten und wahrscheinlich recht dummen Kopf.“ Karl zog seine Handschuhe aus und verscheuchte eine Wespe, die seinen Kopf umschwirrte. „Da hinten“, er wies auf ein paar tiefe Reifenspuren im Sand, „Da hinten scheint er gewendet zu haben und ist dann mit voller Geschwindigkeit auf diese selbstgebaute Holzrampe gefahren. Warum er dazu den Helm absetzte, das kann ich dir nicht sagen. Scheint irgendein Männerding zu sein.“ Er räusperte sich und Mühlenbrock schaute etwas betreten zur Seite. Sei dem Coming-Out des Pathologen war das Verhältnis zwischen den Beiden leicht angespannt. Weniger, weil der nun offiziell einen Freund hatte, eher, weil er seinem Freund und Vorgesetzten nie was davon erzählt hatte und der es, genau wie alle anderen, erfahren hatte, als Karl mit seiner besseren Hälfte händchenhaltend im Café gesehen worden war. Und da auch die Klatschecken von Polizeipräsidien unter Sommerlöchern leiden, ist der Flurfunk sehr aktiv gewesen.

„Mehr erfährst du, wenn ich ihn auf dem Tisch hatte“ sagte er abschließend und wurde ob irgendeiner Zweideutigkeit, die nur er verstand, ein bisschen rot. Der Kommissar nickte und gab dem Team das Zeichen, einzupacken. Er wollte noch ein bisschen bleiben.

Der See lag vor seiner Nase und die Sonne malte glitzernde Sterne auf die kleinen Wellen. In einer Pfütze liefen ein paar Wasserläufer hin und her und sie ähnelten der Masse Schaulustiger, die sich hinter der Absperrung versammelt hatten und versuchten, einen Blick auf das Unfallopfer zu erhaschen.

Er beschloss, dass es ein Unfall war. Ziemlich egal, was bei der Obduktion herauskam. Das war zwar reine Willkür, doch er hatte die Nase gestrichen voll. Müde fühlte er sich und alt. In zwei Jahren könnte er vorzeitig in den Ruhestand gehen. Und gerade heute erschien ihm das als eine wirklich gute Option. Finanziell zwar ein Eigentor, doch das Eigenheim war längst bezahlt.

Über dem See kreisten Möwen und ließen etwas, das verdächtig nach Bikinioberteil aussah, ins Wasser plumpsen.

„Mein lieber Scholli“, Olav öffnete den Rotwein und grinste zu ihr herüber. „Wusste gar nicht, dass du die Waffen der Frauen so perfekt drauf hast“

„Naja“, schmunzelte sie, „männliches Imponiergehabe ist tatsächlich bei leicht beduselter Birne schon mit leichten Reizen hervorzulocken. Nur, dass das so gut klappt, hätte ich nicht gedacht. Man muss ihm zugute halten, dass er sich mächtig ins Zeug gelegt hat.“

„Ich hoffe nicht, dass ich dir auch so imponieren muss. Und von leichten Reizen kann man bei dir nicht gerade sprechen.“

Er reichte ihr den Wein und beugte sich zu einem langen Kuss herunter. „Wo waren wir am Strand nochmal stehengeblieben?“

39 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Wow 😁
    Ich kann Idioten mit Quads auch nicht ab. Bloß kannte ich tatsächlich einen, der sich mit so einem Teil den Hals gebrochen hat 😟, da hab ich kurz gestockt.
    Hach, ich mag deine Mühlenbrock-Krimis einfach, und die Idee, wie/warum (Männer halt) er zu Tode gekommen ist, passt so gut 😁
    Danke dir sehr 😁👍
    Ich hoffe, die Hunde haben sich nicht zu sehr erschreckt 😎
    Mittagskaffeegrüße 😁🌦️🌳🌼☕🍪👍

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    1. Oh, das tut mir leid. Sie sind nun wirklich gefährliche Spielzeuge und Helm sollte man tragen, auch wenn er nicht vor Genickbruch schützt. Mittagskaffeegrüße zurück 😉

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      1. Christiane sagt:

        Ich weiß zu wenig Details, aber ich glaube, dass es Selbstüberschätzung war. Aber es war eigentlich noch nicht mal ein Bekannter. Ich habe es nur nicht vergessen, die Begleitumstände waren … unschön. 😟
        Alles gut.

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      2. jepp, eine Horrorvorstellung als Mutter von jungen Männern, die aus Prinzip an sowas leiden….

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  2. 3 Hunde… am Strand… eine Leiche… und ein Herr Mühlenbrock dem wieder mal der Kopf raucht? 👀
    Alice, mir graut vor Dir… 😎

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  3. books2cats sagt:

    Einfach Klasse! Das nächste Mal nimmst du dir dann den Gärtner oder Nachbarn mit dem Laubbläser vor, oder? 😄

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    1. hihi… Mann mit Laubbläser, ja, immer wieder gerne 😉 Danke dir…

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      1. books2cats sagt:

        Ich danke dir. Wenn der hier alle paar Wochen vor meinem Bürofenster rumtobt, dann könnte ich…

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      2. Glaub ich sofort… wir wohnen an einer Kirche 😉

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  4. Nati sagt:

    Tja, selbst Schuld. Männer und ihr Imponiergehabe….🤷‍♀️

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    1. ein bisschen stereotyp, aber bei Kurzkrimis ist das ja wohl erlaubt 😉

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      1. Nati sagt:

        In Geschichten ist alles erlaubt. 😁

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    2. Das ‚Imponiergehabe der Männer‘, so ein Blödsinn … und was is jez mit den nackten Titten ?

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      1. Nati sagt:

        Welche nackten Brüste?

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      2. Na ihre natürlich. Männer tragen sie immer offen und manchmal auch das Hemd darüber … 😉

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      3. Nati sagt:

        Zumindest ist es kein Imponiergehabe.
        Es ist ein simples Ablenkungsmanöver welches bei den meisten Männern wunderbar funktioniert. 😉😂

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      4. DAS müßte ein Gericht entscheiden. Aber Mühlenbrock hat die Möwen ignoriert, der ist müde wie ein in Ehren gereifter Wachhund…

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      5. Nati sagt:

        Ach, solch eine Dame würde auch ihn wieder munter machen…..😂😂😂

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      6. 😂😂😂 musst du dir vorstellen 😉

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      7. Das hab ich bereits getan, ein schöner Anblick – und ebenso die Überraschung in den Augen des Selbstmörders, als die Rampe blitzartig auf ihn zufuhr … 😉

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      8. Nati sagt:

        Siehste, …..funktioniert. 😂😂😂 Selbst ohne Bild.
        *koofschüttel*

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      9. Inwiefern ? Ich bin gegen keinen Kasten gelaufen beim Schreiben bzw Imaginieren … 😉

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      10. Nati sagt:

        „Schöner Anblick“ lechz….fehlt noch….😂😉 Männer eben. 🤷

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  5. Die Bikini-Mörderin: eine neue Variante des perfekten Mordes: gucken oder stieren und sich dabei den Kopf einrennen.

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    1. Selbstmord, Werner, Selbstmord wars … 😉

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      1. Mit heraushängender Zunge und sabberndem Mund. Selbstmord oder Coitus interruptus?

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      2. In jedem Fall Blickus Interruptus … 😉

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  6. Myriade sagt:

    Hmmmm, der Sex ist so diskret, dass er mir völlig entgeht 🙂

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  7. Wundervolle Geschichte… besonders die letzten zwei Absätze… Seufz…

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      1. Dachte ich auch… seufz

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