Tag 213/365 – Fast wie früher

Alle waren durchgeimpft oder zumindest getestet, was ich wichtig fand, da man sich auf Feiern doch nicht aus dem Weg gehen kann. Selbst draußen und wenn ich nicht jeden umarmen muss, war mir das lieber.

Der Rest war fast wie früher, was schön war, eben weil es so lange nicht in dieser Form möglich gewesen ist. Schwiegerpapas Siebzigster, da wäre es schade gewesen, eben nicht so zusammen sein zu können.

Dabei war es dennoch abgespeckt. Wir waren nicht viele, nur die üblichen Verdächtigen, die sich auch zum 67. getroffen hätten. Kein extra angemieteter Raum, einfach nur der Pavillon im Garten und die Feuerschale, die er letztes Jahr von uns bekam und die jetzt dann doch einmal benutzt wurde.

Dennoch muss ich gestehen, dass ich seltsam reagierte, mich seltsam fühlte mit jeder Umarmung, mit der ich überfallen wurde. Denn gefragt wird man nicht. Selbst jetzt nicht. Und was bei dem einen durchaus okay ist, muss ich bei anderen nicht haben. Gerade jetzt nicht.

Dafür konnte ich mir ein paar Meinungen bilden, jemanden kennenlernen, von dem es mir eigentlich egal ist, wie er ist, weil es mich nicht betrifft bis zum 71. oder Weihnachten oder dem 65. der Schwiegermutter. Das Bild stand schnell und das abgearbeitete Bier ließ ein paar Hüllen fallen, die nur notdürftig das bedeckt hatten, was darunter steckte.

Das Urteil ist vernichtend, doch die Person muss mir – wie erwähnt – nicht gefallen. Wäre nett gewesen wenn, ist aber so auch nicht schlimm. Ich kann zur Not Smalltalk oder weitergehen und weghören, wenn die peinlichen Gemeinplätze kommen. Es bestätigte nur eine Meinung, die ich sowieso schon eine Weile mit mir herumtrage und weiterhin, dass progressives Auftreten durchaus Spießerseelen verdecken kann.

Der Rest war wie früher. Wie üblich ein Glas Wein zu viel, wie immer am Ende zu laut und zu viel für mich. Die Zahnschmerzen des Mannes waren daher ein Segen. Die Kusine brachte uns nach Hause. Der Welpe, der uns abends nicht gehen lassen wollte, begrüßte mich frenetisch heute morgen. So weit, so gut.

Es war fast wie früher. Aber eben nur fast, weil ich anders bin. Nicht durch Corona, mehr durch das, was mich belastet und was ich langsam ablegen kann. ich schätze meine innere Distanz zu Personen, brauche Vieles nicht, kann zuschauen und muss keine Freundschaften schließen, die ich nicht schließen will.

So wie früher brauche ich nicht mehr, habe ich gestern gelernt. Ein bisschen Nein zu anderen und ein bisschen mehr Ja zu mir, das passt schon.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ja den 80. von meinem Vater konnten wir im Mai nur Schichtweise feiern aber die Silberhochzeit meiner Freundin (wäre eigentlich letztes Jahr gewesen) können wir „normal“ feiern. Da es in eine „Gaststätte “ geht. Gilt 3 G. Bis Samstag ist auch meine Wartezeit bei der Impfung rum, aber ich fahre auf dem Weg zu meinen Eltern dennoch am Testzentrum vorbei. Sischer is Sischer. Ich freue mich schon wie Bolle auf die Feier und auf die vielen lieben Menschen die ich teilweise jahrelang (nicht nur coronabedingt) nicht gesehen habe.

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    1. Viel Spaß dabei 🍀😊👍

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  2. Und wieder: Die letzten zwei Absätze bringen es auf den Punkt. Hätte ich selbst nicht besser sagen können.

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