Tag 209/365 – Ruhe da draußen

Dieser Unterwassersommer geht mir auf den Geist. Es fühlt sich an wie Frühherbst und ich fühle mich betrogen um ein paar sonnige Tage, um Licht und Lachen, um Schwitzen im Liegestuhl. Die Luft leibt frühlingshaft kühl und der Pool mutiert zur Mückenbrutschale, doch niemand mag sich dazu gesellen und planschen, Abkühlung unnötig.

Ab und an lichtet sich das Wolkendunkel, dann geht da draußen das Leben los. Der nette Nachbar grillt, hat Kinder und deren Partner dabei, duftet mit marinierten Steaks über die Grundstücksgrenzenmauer. Laute Gespräche schallen herüber. Ich kann die Stimmen auseinanderhalten, die Inhalte vermischen sich mit leiser Musik zu einem weißen Rauschen.

Auf der anderen Seite wird ferngesehen. Der Flachbildfernseher klebt an der weißen Wand, davor Liegestühle und an kühlen Abenden ein Holzfeuer. Telenovelas schallen herüber oder Jazzklänge, die nicht meine Musik sind und deren plötzliche höhen mir nach dem dritten Lied in den Ohren schmerzen.

Vögel geben ihr Konzert, das Falkenpärchen vom Kirchturm hält die Krähen fern. Eine Singdrossel hat Nachtigallenzuwachs bekommen, die Amseln kopieren die Autoalarmanlage vom dritten Haus neben uns. Angucken des Boliden scheint verboten zu sein. Manchmal weckt sie uns, wenn der Wind ungünstig steht und an den polierten Türen des Penisersatzes rappelt.

Und dann kommen die Rasenmäher. Scheint die Sonne, ist das sowieso kurz gehaltene Gras rasch getrocknet und Zeit für einen Formschnitt. Gänseblümchen und Löwenzahn werden ausgerottet, Gaskartuschen hauchen Flammen über renitente Kräuter, Kantenschneider heulen, hinterlassen in der Profiversion blauen Qualm über spießiger Kleingartenglückseligkeit.

Die Frau, die in einem der Mehrfamilienhäuser wohnt, telefoniert mit zu Hause. Und das liegt irgendwo im Osten. Ich habe wirklich keine Vorbehalte, doch manche Sprachen mag ich von ihrer Sprachmelodie überhaupt nicht. Und wenn sie dann über die Freisprecheinrichtung brüllt, ihr Gegenüber ebenso zurück wettert, der Schall sich an den Häusern bricht und verstärkt zu mir herüberdonnert, spüre ich eine eisige Wut aufsteigen.

Und ich? Ich bin froh, wenn mal die Sonne scheint. Dann nehme ich mir ein Buch und meinen Kaffee, lege Kissen auf die Gartenstühle und versuche, ein bisschen zu lesen. Mein Blick schweift über unseren Urwald, dessen Wachstum bei dieser Nässe kaum im Zaum zu halten ist. Doch nach fünf Minuten Gemisch aus Telefonat, Rasenmäher, Jazz und Grillpartysound packe ich entnervt alles zusammen, schließe die Balkontür und ziehe mich ins Innere zurück.

Vielleicht probiere ich es bei Regen noch einmal.

Alice

31 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Hach, bei deinem Text fühlt man sich fast wie zu Hause.
    Wohnst du hier irgendwo?😳😂
    Solche Freisprech – Telefonierer gibt es hier auch.
    Immer schön qualmend am Fenster, damit das Gelaber und der Gestank in alle Fenster zieht und jeder etwas abbekommt. Grrr……

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    1. Die gibt es wohl überall🤣

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      1. Nati sagt:

        Wenn man wenigstens verstehen würde worüber die so lange labern….
        oder lieber nicht?🤔😉
        Ich habe schon überlegt womit ich die ärgern könnte, aber ich bin immer zu rücksichtsvoll und alles Mögliche widerstrebt mir. 🙄😂

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      2. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da philosophisch was geht. Ich überlege auch dauernd, wie ich mich rächen kann. Aber ändern würde es nix…

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      3. Nati sagt:

        Ich habe sie schon höflich darauf angesprochen, abends nach 22 Uhr bitte nicht mehr. Würde ja gern schlafen bei offenen Fenster. Trotz Zusage geht es fröhlich weiter.
        Nachbarn halt. Da freue ich mich über das nasse kalte Wetter, ist dann wenigstens Ruhe.

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      4. Ja genau… aber auch blöd…

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    2. Ich schlafe zu einer verkehrsberuhigten Straße hinaus. Wenn ich dann nachts um 3.00 Uhr geweckt werde, weil so eine nette Dame lauthals mit ihrem Liebsten telefoniert und ich auch seine nette Stimme vernehmen kann, könnte ich wirklich exolodieren…

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      1. Nati sagt:

        Hier ist es egal wo ich schlafe.
        Vorne zur Straße wird man Nachts von den Zeitungsverteilern geweckt, weil sie ein Haus weiter ihre Packen für die Zustellung erhalten.
        Oder hinten in den Gemeinschaftsgarten wo alles schön hallt wenn sich Nachbarn unterhalten. Ganz herrlich im Sommer.

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  2. books2cats sagt:

    Das kenne ich auch alles… Rücksichtnahme gibt es scheinbar nicht mehr.

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    1. Jeder für sich… ganz schöner Mist…

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      1. books2cats sagt:

        Ja, das ist es. Aber in eine einsame Hütte im Wald kann ich auch nicht ziehen…

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      2. Manchmal würde ich gerne und dann kommt der Winter und das relativiert alles. Dann ist die einsame Hütte vielleicht zu einsam… und hier ist rs draußen ruhig…

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      3. books2cats sagt:

        So gern ich es oft ruhiger hätte, aber das wäre mir auch nix mit der Hütte. Wir wohnen im Mehrfamilienhaus mit Getrampel von oben, Geschrei, Zigarettenqualm etc., aber das kann einem überall passieren. Ein Umzug kommt daher nicht in Frage. Die Gegend ist aber für Großstadtverhältnisse noch recht ruhig.

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      4. Hab ich hinter mir, ist tatsächlich keine vorstellbare Option für mich mehr. Wobei ich das nicht ausschließen kann, wer weiß, wo das Leben mich hintreibt. Mir ist hier schon zu eng und dabei haben wir Haus und Garten.

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      5. books2cats sagt:

        Man braucht schon Nerven, aber ein eigenes Haus möchte ich auch nicht. Ich habe mich damit arrangiert. Dafür haue ich auch mal in die Klaviertasten oder wir schauen den Actionfilm nicht ganz so leise.

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      6. Rache wird am Besten kalt serviert 😉

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      7. books2cats sagt:

        👍😁

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  3. Raphael sagt:

    Freiluftlesen bei Regen …
    und der Stille, die man dabei als Gewinn verbuchen kann.
    Wächst in dieser Stille die Kraft …? No logo,
    erst recht wenn du und das Buch wohlig und trocken eingepackt sind.

    Der kleine Werbeblock für zwischendurch und/oder 10 Minuten
    empfiehlt da den „Sky above the Rain“ (garantiert Jazz-frei)

    Wir sehen uns, vielleicht sogar über den Wolken – mit ´nem Buch in der Hand.
    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Marillion 😉 lange nicht gehört…
      So richtige Stille für einen Moment wäre mal sehr schön. Ich könnte einen Regenschirm aufbauen auf dem Balkon… aber heute würde er weg geweht werden, fürchte ich 🙂
      Liebe Grüße
      Alice

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      1. Raphael sagt:

        Mit dem Schirm können wir uns dann ja über den Wolken treffen … (;-)

        Bis dahin und „Pan Tau“,
        Raffa.

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  4. mikesch1234 sagt:

    Vielleicht tröstet es Dich, dass der Juli schon immer der wasserreichste Monat des Jahres in Deutschland war – jedenfalls in der Regel.

    Du ahnst wohl kaum, wieviele zitternde und bibbernde Juli-Bräute ich als Pfarrerin in der Kirche vor mir stehen hatte?

    Habe immer, wenn es noch irgendwe ging, den Brautpaaren ihren Juli-Termin ausgeredet …

    Im August wird es fast immer schön.Werde da jetzt bald schon 64 und kann mich nur an 2 (!!) verregnete Geburtstage erinnern, einer davon war 1985, ein sehr kühler und nasser Sommer insgesamt.

    Also: im August bestehen hohe Chancen auf tolles Sommerwetter.
    Geduld, nur Geduld.
    Alles Liebe, Hille

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    1. Dann hoffe ich mal auf den August und ein bisschen Wärme (nicht zu viel) Dieses Gruselwetter macht mich tatsächlich etwas kirre auf Dauer…
      Liebe Grüße dir
      Alice

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  5. Lars Döbler sagt:

    ist es schön auf dem Land zu wohnen 🙂

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    1. Es ist sicher ruhiger als in der Großstadt und schön, ja, wenn man zwischendurch entspannt über die Spießigkeit hinwegsehen kann. Ich könnte mir Alleinlage gut vorstellen… aber da sei mein Kontostand vor 😉

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  6. 🙂 :-):-) Könnte bei mir zu Hause sein, auch der Urwald… sehr sympathisch, die Geschichte…:-)

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    1. Leider wahr… Gerade ist Ruhe und die Sonne guckt raus. Sollte sich das innerhalb der nächsten 20 Minuten nicht ändern, geht es los…

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      1. Fenster zu und durch… 🙂

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      2. Nicht im Sinne des Erfinders 😒

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      3. Aber wenn’s hilft… Uns gefällt das auch nicht. Seit Jahren schon ist ein Terrassenleben ausgeschlossen, weil – zu viel Randale… Die sind alle völlig allein auf der Welt.

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      4. Dann braucht man auch keinen Garten , oder? Hier geht es übrigens gerade los… 20 Minuten sind um🤢

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      5. Ich like dann mal lieber nicht… äh…

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