Tag 205/365 – Träumen verboten

Wir haben uns abgewechselt bei der Frühschicht mit dem kleinen Energiebündel. Der Mann dachte, das Häufchen reicht, doch da war noch Spiellaune im Spiel und ich ließ mir die Finger anknabbern und holte sie immer wieder vom Schuhregal weg.

Jetzt schläft sie und ich bin zu wach, obwohl noch ein dickes Paket Müdigkeit in den Knochen steckt.

Und jetzt sitze ich hier und überlege, warum ich auf die Idee kam, dass ich ohne meine Träume besser dran bin oder warum träumen und (näherungsweise, also ein bisschen) achtsam leben nicht so ganz passt. Und dafür muss ich ein bisschen ausholen.

Früher waren Tagträume bei mir Tagesgeschäft. Als Erwachsene zwar seltener, doch als Kind in einer Menge, die mich recht angenehm aus dem Alltag herausholte. Ich träumte von Stars, einem Schloss, dem Prinzen auf dem weißen Hottehü, guten Noten in der Schule und dem süßen Typen aus der Parallelklasse. Erfüllt haben sie sich nie. Und auch, wenn ich nicht wirklich daran glaubte, dass der Nachbarsjunge auf einem weißen Pferd die olle Straße zu mir her geritten käme, um mich aus dieser Scheiße zu holen, es war warm, weich und angenehm.

Träume sind in die Zukunft gerichtet. Sie enthalten eine Portion Waswärewenn und eine Prise Weltfremdheit. Sie ignorieren die Welt um einen herum und blenden das aktuelle aus. In meinem Fall war das gut, denn aktuell war damals gar nichts richtig in Ordnung. Nur geändert haben diese Träume nichts.

Heute ertappe ich mich auch dabei, dass ich mir sowohl schlechte als auch gute Zukunftsperspektiven ausmale, in ihnen spazieren gehe, anteste, wie sich dieses andere (bessere?) Leben anfühlt. Erstmal nicht schlecht und auch nicht schlimm. Nur spüre ich, wie ich mich von mir in meiner echten Welt entferne, einen verschobenen Blick auf die Realität bekomme und beginne, Dinge und Ereignisse zu planen, die unplanbar sind.

Ich male mir aus, was sein könnte, was ich sagen, tun oder wie ich handeln könnte, falls das Traumereignis eintritt. Und andersherum male ich mir auch Schreckensszenarios aus, überlege, wie ich verhindern könnte, was wahrscheinlich nie eintritt.

Ich weiß nicht, was passiert. Doch seitdem ich meine guten und schlimmen Tagträume reduziere, sie zugunsten des wahren Lebens beiseite schiebe, werde ich ruhiger. Ich verstehe, dass ich auf vieles keinen Einfluss habe und dass das okay ist. Dass gute und schlimme Dinge passieren und es uns nichts nützt, wenn wir sie antizipieren, weil wir sowieso erst was tun können, wenn der Stein rollt.

Ich lasse die Träume in der Nacht oder als kurzen Wunschgedanken, wenn mal wieder ein alter Ford Mustang vorbeifährt und mir chromglänzend zuzwinkert. Muss reichen.

Alice

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