Tag 204/365 – Morgenstund

Ich habe durchgeschlafen. Und der Welpe auch. Erst um sechs hat der Mann den Morgendienst gemacht und jetzt ist sie abgefüttert in der Box, ruht sich ein bisschen vom Toben im Innenhof aus. Und auch ich atme durch.

Gestern gehörte zu den schrägen Tagen, doch ich beschließe, dass das heute anders läuft. Die Erschöpfung, die sich breit macht und die nicht nur vom Welpen stammt, möchte ich ein bisschen betrachten. Da steckt nichts Körperliches hinter, die Seele meldete sich mit Müdigkeit.

Es mag etwas mit dem ungewohnten Menschenkontakt zu tun haben, wo ich darüber nachdenke, wie meine Rolle in den Begegnungen ist, was sie sein darf für mich und die anderen und was eben nicht.

Es mag etwas mit den Ideen zu tun haben, die mich wie eine Flut heimsuchen und die ich umsetzen möchte, umsetzen muss, um festzustellen, ob das ein Weg ist. Doch die am alltäglichen Einerlei ausgebremst werden, an fehlender Salami und weisheitszahnkranken Männern scheitern. Es mag an dem Chaos liegen, dass mich nach wie vor im Innen und Außen umgibt und das ich Sortieren möchte. Und natürlich liegt es auch an der schwindenden Zeit, den schrumpfenden Ferien, in denen bisher die Arbeit im Vordergrund stand und in denen ich noch nicht einmal ein Essay zu ende lesen konnte, obwohl es wichtig ist für mich und den Kopf. Die leichten Sachen gingen ganz gut, auch mal in einem Rutsch, was mich beruhigte. Doch werden die Texte komplexer, merke ich, dass ich Ruhe und Pflichtfreiheit brauche und mich der elende Nachbar, der ab 10 Uhr vormittags Jazzmusik auf seinem Gartenfernseher laufen lässt, einfach kirre macht und ich Steine schmeißen möchte oder den Regentanz, dass er bitte reingeht und die Scheiße ausmacht.

Also ich habe nichts gegen Jazz, auch wenn das nicht meine Lieblingsmusik ist. Doch es fordert meine Aufmerksamkeit, mein Geist folgt automatisch den Windungen und Tönen und die Worte von Susan Sontag tanzen mit, entziehen sich Verständnis und Begreifen.

Überhaupt habe ich ein großes Ruhebedürfnis, schon Anfassen ist ohne Worte zu viel, auch Angucken reicht mir. Ich spüre die Erschöpfung in jeder Zelle und weiß nicht, wohin, denn Türen schließen nützt nichts, wenn von außen jemand klopft und rein will wegen Salami oder Wasserhahn oder einfach so.

Heute möchte ich die Kamera bewegen, ein bisschen an dem arbeiten, was mir tatsächlich bedeutsam erscheint. Und vielleicht etwas zeichnen, mir Notizen machen in diesem kleinen, mittlerweile sehr hübschen Zimmer, das ich mir mit Milous Kiste teile, was aber nicht schlimm ist, da es nur Platz raubt und recht wenig Energie.

Ich denke, die Dusche ist ein guter Gedanke und vielleicht etwas Frühstück. Der Mann hat sich gemeldet Salami und Wasserhahn zu besorgen. Eigentlich müsste es laufen.

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Grinsekatz sagt:

    Musik für den Nachbarn.
    Schön laut machen 🙂

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    1. Das ist genau, was sie brauchen… aber ich fürchte, der Nachbar fängt dann an zu weinen

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  2. Nati sagt:

    Wie gut ich dich verstehe.
    Aber hier wird zum Glück darauf gehört wenn ich meine Ruhe brauche.

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    1. Das Türschloss hilft nur bedingt…

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      1. Nati sagt:

        Es sollte schon in den Köpfen der anderen ankommen. Sonst hilft selbst das beste Schloss nichts.

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      2. Ja, das habe ich gemerkt 😉

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