Tag 176/365 – Das Monster im Keller

Die Frau ist gut, sie ist sogar verflixt gut. Was in der Therapie passiert, hätte ich nicht erwartet. Und schon gar nicht, was der Unterschied zwischen Verhaltenspsychologie und Tiefenpsychologie praktisch bedeutet.

Ich fühle mich ein bisschen wie auf dem Seziertisch und es tut manchmal weh, wenn sie nicht locker lässt, gräbt, porkelt und mit einem so wahnsinnig freundlichen Lächeln das auseinandernimmt, was ich gerade gesagt habe. Und anders als in der vorherigen Therapie, bewegt sich etwas. Ich sehe täglich im Alltag, was schief läuft, spüre bewusst die Gefühle von Ohnmacht und Wertlosigkeit in Alltagskleinigkeiten, erkenne die Triggerpunkte und bin erschreckt, wie häufig das passiert.

Allein beim gestrigen Zusammensitzen mit Mann und Söhnen flashte mich diese Erkenntnis sicherlich ein Dutzend Mal. Der Mann zieht ein Gesicht. Ich ziehe den Kopf ein, der Sohn tanzt zu einem Song, ich merke, wie ich mitwippe, tanzen möchte, im nächsten Moment überlege, wie das wohl wirkt, spüre den Arm des Mannes um die Schultern und bleibe ruhig, bewege mich nicht, scheue davor zurück, mir Ausdruck zu verschaffen und Spaß. Lieber schenke ich mir noch ein Glas Wein ein, versuche das Monster im Keller zu überhören, es auszublenden, abzuschwächen. Wein, Essen und Kippen besänftigen es vorübergehend. Doch es nährt sich von den Folgen, brüllt „siehst du“, wenn ich vor dem Spiegel stehe und müde wirke. Jedes Schweigen, jeder seltsame Blick bestätigt die Angst, nicht gut genug zu sein, zu seltsam, zu dick, zu ungeschickt, zu grob, zu rau, zu wertlos.

Es hockt schon lange da unten, das Monster. Über die Jahre ist es dick und fett geworden. Manchmal setzte ich es auf Diät. Neue Lieben, neue Projekte, die gelingen und selbst erkämpfte Freiheiten beruhigen es. Und manchmal auch purer Überlebenswille, wenn mir der Exmann sagte, dass ich nur Inventar für ihn gewesen sei, obwohl er mich regelmäßig zum Sex nötigte. Benutzt hat er mich und weg geworfen, als es ihm passte. Gefühlt waren das Vergewaltigungen, wenn auch ohne Gewalt. Demütigungen über Jahre. Augen zu und durch, mehr verdiene ich nicht. Als ich ihn wegschickte, brach der Damm und ich hatte die Kraft eine zusätzliche Tür vor dem Kellereingang zu montieren. Sie halten eine Weile, diese Grenzen. Doch irgendwann beginnen sie zu bröseln. Ein gemeiner Spruch, ein schräger Blick, ein hämisches Grinsen, was die psychopathische „Lieblingskollegin“ so gut drauf hat. Dann purzeln Steine aus der Mauer und es brüllt, kratzt, wirft sich gegen die restlichen und ich ziehe mich zurück, verstecke mich für eine Weile vor der Welt, kaschiere den Unwert, der mir auf die Stirn tätowiert ist.

Jetzt muss ich es ans Tageslicht zerren. Jeden Tag ein bisschen, ihm schrittweise erlauben, sich zu zeigen und zu hoffen, dass das Licht es zerstört, ihm die Kraft raubt, klar wird, dass ich nicht ohne Wert bin, auch wenn es für die Eltern und so viele Folgende so bequem war, mich in diesem Glauben zu bestärken. Das Hinsehen tut weh. Und die Wut ebenso.

Die Kreise, die dieses Monster zieht, sind beachtlich. Job, Familie, Freunde. Es schürt Eifersucht und eine dunkle Form des Neides, es flüstert und faucht in meinem Ohr, wenn mir Ideen kommen, die Spaß machen könnten. Es treibt mich an, gut zu sein, immer besser, mich zu strapazieren und zu arbeiten an Dingen, die mir beweisen könnten, dass ich zu was nütze bin. Beweise für mich und andere.

Es ist hardcore, es ist Scheiße und es kostet mich eine Menge Kraft. Doch da muss ich jetzt durch. Länger mit diesem Unding Leben, kann ich nämlich nicht.

Alice

16 Kommentare Gib deinen ab

  1. mijonisreise sagt:

    Das ist auch gut so! Es macht einen nämlich tatsächlich krank, wenn man nicht aufpasst. Und das geht verdammt fix.
    Manchmal kann man sogar zugucken und ist total fasziniert davon, wie schnell es geht und wie schnell das Ganze Fahrt aufnimmt und die Spirale nach unten geht.

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    1. Ja, das kenne ich, auch wenn ich es jetzt zum ersten Mal bewusst mitbekommen habe. Man muss halt auf die Zeichen achten…

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  2. Wortverloren sagt:

    Ich glaube dir, dass das wirharte Arbeit ist. Besonders für deine Seele. Aber es ist gut, wenn es hilft bzw. etwas in dir in Bewegung bringt. Ich wünsche dir viel Erfolg!

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    1. Ich danke dir. Ja, ich mache mich auf harte Arbeit gefasst… aber überhaupt etwas tun zu können, das ist schon mal was…

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      1. Wortverloren sagt:

        Ich finde es toll, dass du dich auf diesen Weg einlässt. Respekt!

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      2. Hab tatsächlich keine Wahl… bzw. ich möchte das nicht mehr so, wie es bisher gelaufen ist…

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  3. Raphael sagt:

    „… Wein, Essen und Kippen besänftigen es vorübergehend.“
    „Es schürt Eifersucht und eine dunkle Form des Neides, es flüstert und faucht in meinem Ohr, wenn mir Ideen kommen, die Spaß machen könnten.“

    > und es hat Angst vor diesem Frieden, nach dem du sehnst,
    denn dann ist es erst „arbeitslos“ und in der Folge ver.kümmert es –
    wird blaß und kraftlos und „geht tot“.

    Und dein Preis ist dann das Leben.
    Einfach und doch schwer,
    weil man/du über diese Schatten springen muß.

    Oops, da kommt ein alter Gedanke
    und vielleicht kennst du ihn noch:
    „Wenn ich „Licht“ bin?,
    kann ich dann über meinen Schatten springen??“

    Plopp und das/die Monster sind weg …

    Alles Liebe,
    Raffa.

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  4. kommunikatz sagt:

    Das klingt super, auch wenn Du durch fiese Erkenntnisse und Momente durch musst. Vielleicht sollte ich mir auch mal eine neue Therapeutin suchen, oder vieleicht einen Therapeuten. Im Alltag kann ich mit Männern besser als mit Frauen, wieso nicht dann auch in der Therapie? Und wir treten seit Ewigkeiten auf der Stelle, scheint mir…

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    1. Neue Besen kehren gut und sie haben dann einen frischen Blickwinkel auf die Situation. Interessant ist, dass ihr vollkommen egal ist, was ich tue. Sie interessiert in erster Linie, was ich fühle…

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  5. Myriade sagt:

    Und es isz so ein guter Text. Dss ist in dem Zusammenhang zwar egai muss aber doch auch gesagt werden. Das Schreiben ist sicher nicht das geringste deiner Talente

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      1. Myriade sagt:

        Ich mache jetzt demnächst ein Trainingsprogramm fürs Tippen auf dem handy mit 😉 🙂 Schaut ja wirklich furchtbar aus 😦

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      2. 😉 sowas schaffe ich auch auf dem Tablet

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  6. wildgans sagt:

    Wunderbar! Es geht los….In der Arena ist es nie nur köstlich. Harte Arbeit mitunter.
    Gruß von Sonja

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    1. Danke Sonja. Ja, es geht los, bin gespannt, wo es endet… 😉

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