ABC-Etüde – Licht aus

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Red Skies over Paradise.

Das Licht war aus, was nicht ungewöhnlich war. Eigentlich hatten sie fast immer kein Licht. Heizung auch nicht, aber das war jetzt nicht mehr so schlimm. Der Spätfrühling brachte laue Nächte und die Geschwister, mit denen sie sich das große Bett teilte, wärmten sie zusätzlich.

Sie hatte Hunger, was auch nicht ungewöhnlich war. Essen gab es erst, wenn das Licht wieder da war. Und wann das sein würde, erfuhren sie, wenn es passierte. Also lutschte sie am Daumen, was sie nicht durfte, doch es sah zumindest keiner und das Gefühl etwas im Mund zu haben, war besser als nichts. Selbst wenn es nach ungewaschenen Fingern schmeckte.

Am Anfang war es schwer gewesen, im Dunkel zurechtzukommen. Überall waren Möbelecken, an denen man sich stoßen konnte, obwohl sie kaum etwas hatten. Und jede lose Bodendiele, jede noch so kleine Unebenheit im rauen Boden brachte sie zum Stolpern. Die ersten Wochen waren von Flüchen begleitet, überall rumpelte es und man erzählte sich, dass in der Nachbarbaracke eine alte Frau so schlimm gestürzt sei, dass sie daran starb. Ob das stimmte, wusste sie nicht. Die anderen hatte sie noch nie gesehen. Sie hörte sie nur, vor allem, wenn es dunkel wurde.

Doch mit den Wochen, gewöhnten sie sich daran, rechneten jeden Augenblick mit dem Hereinbrechen der absoluten Schwärze. Die wenigen scharfen Kanten waren mit Stoffresten umwickelt, nichts durfte auf dem Boden liegen und sie begannen zu schlurfen, um nicht über hervorstehende Holzplankenecken zu straucheln und ein ähnliches Schicksal zu erleiden.

Sie schlurften auch bei Licht, selbst, wenn alles zu sehen war, was sicherer schien, da sie nicht wussten wann es passierte und sie so nicht umschalten müssten. Wenn sie beispielsweise vielleicht gerade einen Hopser gemacht hätten und dann wäre der Schalter umgelegt worden, was hätte ihnen da alles widerfahren können.

Alice

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Hui, geht es weiter?

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    1. Leider waren die 300 Wörter voll… aber ich mag es als Anfang für eine längere Geschichte

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      1. Nati sagt:

        Vielleicht fällt dir eine Fortsetzung ein. 🙂

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      2. Es kommen ja wieder neue Wörter… mal schauen

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  2. Christiane sagt:

    Ich mag es auch als Anfang einer längeren Geschichte. Ich wäre gespannt, wie es weitergeht. Du hättest ja noch eine Woche … 🤔
    Mutet ziemlich gruselig an für den Einstieg, da ist irgendwie alles möglich … 😁👍
    Nachmittagskaffeegrüße 😁🌦️☕🍩👍

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    1. Ja, ich hab auch noch keine konkrete Idee, nur viele Optionen… Kaffeegrüße zurück 😉

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  3. wildgans sagt:

    Du kannst so ausgezeichnet schreiben! Meine Bewunderung…. Hast du Besonderes unter deine Aufsätze in der Schule geschrieben bekommen?

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    1. Vielen Dank ❤🙏 in der Grundschule war mein Lehrer ganz begeistert, aber später hat sich das relativiert. 😂 Tatsächlich kam es erst kurz vor dem Blog zurück, der Wunsch, Geschichten zu erzählen.

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  4. Eine bedrückende Geschichte, die unendlich viele Assoziationen weckt.
    Wo mag das sein? Wann? Und warum?

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    1. Ja, ich überlege auch noch, sie weiterzuverfolgen. Dann gibt es vielleicht ein paar Antworten…

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