Tag 128/365 – Trotzdem

Es ist noch gar nicht so lange her, wenn ich es auf meine Lebenszeit anrechne, da war so vieles anders. Wenn ich etwas tun wollte, dann habe ich es gemacht. Bin aufgestanden, habe mich angezogen, meine Klamotten geschnappt und bin losgezogen. Natürlich ging das nicht immer so einfach, als die Kinder noch klein waren. Doch vor zehn Jahren habe ich kurzerhand einen Londontrip gebucht, bin mit der Rasselbande mitten in der Nacht zum Flughafen gefahren und sie neben mir in einen Flieger gesetzt. Es war toll und chaotisch. Wir hatten sparsames Gepäck dabei und reisten ohne Netz und doppelten Boden. Ich brauchte zwar zwei Wochen, um mich davon zu erholen, doch es ist eine unglaubliche Erinnerung.

Heute ist es kompliziert, wenn ich nur kurz in die Heide fahren will (5km), um die Infrarotfotografie auszuprobieren. Ich stehe dann meistens schon gestiefelt und gespornt, habe meine Fotosachen zusammengerafft, Schuhe und Jacke an und darf erstmal warten. Und ich mache es. Anstatt mich einfach zu verabschieden, weil ich ja sowieso die Einzige bin, die hier Bilder macht, zu gehen und das zu tun, was ich will, nehme ich Rücksicht, warte auf die, die mit wollen und sehe die Sonne wieder hinter dunklen Wolken verschwinden.

Ich weiß, ich müsste nicht, doch diese seltsame Handlung, die sinnfrei ist, kann ich nicht ablegen. Gehe ich trotzdem einfach und ich habe es probiert, plagt mich das schlechte Gewissen. Rücksicht nehmen, warten, beteiligen, mit nehmen, umsorgen, da läuft etwas im Hintergrund, was ich nicht benennen kann. Tatsächlich geht es mir besser, wenn ich einfach mache, auch wenn ich befürchte, dass das Konsequenzen hat.

Es erinnert mich an die Zeit, als ich als Kind versuchte, mir meinen Freiraum zu erkämpfen. Kleine Selbstständigkeiten, eine Runde mit dem Rad um den Block, ein Spaziergang mit Freundinnen in den Feldern, ein Einkauf in der Stadt. Sofort wurden mir unter Strafe Grenzen auferlegt. Es passt sich leichter auf, wenn man einsperrt. Die Drohungen waren hanebüchen. Ich käme ins Kinderheim oder würde die Mutter in die Nervenklinik bringen. Also nahm ich Rücksicht.

Wenn ich jetzt auf meinen Freiraum poche, laufen die Mechanismen gleich wieder an. Den anderen wird es schlecht gehen, sie werden dich verlassen, sie suchen sich jemanden, der besser zu ihnen ist. Tu, was die anderen wollen, dann passiert nichts.

Was die anderen wollen, ist aber langweilig, manchmal zumindest. Und sind meine Grenzen genug beschnitten, höre ich auf, mich zu bewegen.

Gerade arbeite ich mich durch ein Buch über erlernte Hilflosigkeit von Seligman. Es ist eher wissenschaftlich geschrieben und ich komme oft an meine Grenzen, bin ich doch keine Psychologin. Aus den 70ern berichtet es frei über Tierversuche, die mich zwar manchmal fertig machen, deren Ergebnisse doch sehr interessant sind. Lernt ein Wesen, dass negative Konsequenzen nicht abzuwenden sind, egal, was es versucht, gibt es unter Bedrohung einfach auf, selbst, wenn die Rettung ganz leicht ist. Verwundern tut das nicht, doch die Lösung des Problems war spannend. Eine gut funktionierende bestand nämlich darin, das Tier notfalls in den sicheren Bereich zu schieben, ihm also von außen den Ausweg zu zeigen. Dann lernte es rasch, dass es nicht mehr hilflos ist. Darauf basiert zumindest teilweise jeder verhaltenstherapeutische Ansatz.

Was das für mich heißt? Es trotzdem tun und zu lernen, dass heute keine Strafe mehr droht. Und sollten meine Menschen mich verlassen, weil ich selbstständig bin, dann gehören sie nicht zu mir. So gemein das klingt, es ist eine Wahrheit.

Fasse ich das mit dem gestern Bedachten zusammen, brauche ich meinen eigenen Raum und meine eigenen Entscheidungen, die ich ohne schlechtes Gewissen nutzen kann. Zwar kocht noch eine Menge anderer Zutaten in diesem Topf voller Depression herum, doch zwei bekannte Zutaten sind besser als keine.

Alice

PS: Die Fotografie ist eine digitale Infrarotaufnahme. Am Ende bin ich mit Bauchweh und Anhang doch noch los gekommen…

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Einfach machen, immer wieder.
    Dann wird es besser und das Schuldgefühl bleibt dort wo es hingehört.
    Sagt ja selbst das schlaue Buch, welches du da liest.

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  2. Grinsekatz sagt:

    Die größte Sorge meines Vaters war, er hätte für mich aufkommen müssen, aufgrund meiner, seiner Meinung nach, ausgeprägten Faulheit sowie meinem nur notdürftig verborgenen Hang zu Boheme. Und ich muss gestehen, eine Zeit lang habe ich das ernsthaft in Erwägung gezogen. Das hätte ihn vermutlich mehr getroffen als ein Suizid meinerseits.

    Lange her …

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    1. Oja, das kommt mir bekannt vor, diese Angst. Heute ist es ihm egal, ob ich lebe oder sterbe (umgekehrt genauso) Lange her macht es nicht besser…

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  3. Dieses Foto ist wirklich klasse. Eine aufgrund der Farben sehr mystische Wirkung!

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    1. Ja, es ist einfach spannend, das Unsichtbare zu sehen, denn genau darum geht es… infrarotes Licht sehen wir nicht… Danke dir 🙂

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  4. Wortman sagt:

    Warum wartest du und fährst nicht einfach los?
    Deine Kids sind alt genug um mal paar Stunden alleine zu sein oder täusch ich mich da?

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