Tag 127/365 – In meinem Puppenhaus hängen keine Bilder

Irgendwo zwischen Nachmittagskaffee und Abendessen, während ich über Infrarotfotografie nachdachte und durchs Haus taperte, irgendwie erschöpft und der Mann im Keller einer neuen Idee der Lärmdämmung nachging, sah ich mich um. Ich dachte, wie so oft, daran, wie es alleine in diesem Haus war, wie sehr ich mich nach Ruhe sehnte, wie es war, als ich meine kleine Studentenbude bezog und was damals anders war, da fiel es mir wie die zwei Hälften einer Kugel vor die Füße. Dieses Haus hier, in dem ich tagein, tagaus bin, das ist mein Puppenhaus.

Seit ich ein Kind bin, träumte ich von Rückzugsorten, von sicheren Räumen, die es bei uns nicht gab. Ich hätte Angst in meinem Zimmer, es hatte kalte Ecken und auch heute erinnere ich mich an keinen entspannten Moment zwischen diesen Wänden , die selbst im Sommer feucht zu sein schienen und dem großen Nordfenster, durch das nie Licht fiel. Ich hatte Angst in allen Zimmern, nur die Küche war zumindest lauwarm. Überall standen Geister in Ecken und grinsten mich an, schlichen herum, um mir auf die Schulter zu tippen, wenn ich es nicht erwartete.

Und ich baute Puppenhäuser. Für die kleinen Tiere, die man damals, als es noch nicht verboten war, in der Apotheke zubekam. Ein bisschen billiges Plastik mit scharfen Kanten, doch sie brauchten ein Zuhause. Also erbettelte ich Schuhkartons und machte mit Kleber und Schere ein Heim. Darin waren sie sicher, die Wölfe mussten draußen bleiben.

Las ich Bücher mit Bildern, in denen ich in Häuser gucken konnte, spazierten meine Finger durch die Räume. Ich redete mit den Menschen, die dort lebten, sich liebten, aßen, schliefen, träumten. Überall sag ich Räume, sichere, nur das Haus, in dem ich wohnte, hatte keine.

Was passiert mit einem Kind, das immer Angst haben muss, dessen Vater ein tablettenabhängiger Choleriker ist, der jederzeit ausrasten kann, der beschimpfte, ausmachte, demütigte? Was passiert mit diesem kleinen Menschen, der weiß, dass er keinen Rückhalt hat, dessen Mutter nie die Pfanne nimmt, um dem Tyrannen ein Ende zu bereiten und die nicht bereit ist, zu gehen aus Angst um sich. Wer hatte Angst um mich, um meine Seele? Das Haus löste sich auf, als ich ging. Die Mutter flüchtete, endlich befreit von der Last der Kinder zu einem neuen Mann. Der Vater nahm rasch eine neue Frau ins Haus, die Kinder mitbrachte, die ihm besser passten, die keine Erinnerungen an ihn hatten, wie er war, wie er sein konnte, wenn sein Tag anstrengend war und die Kinder einfach da zur Verfügung standen als Ventil.

Meine erste Wohnung war mein Puppenhaus. Ich richtete ein und auf einmal war alles gut. Doch ich war nicht allein und obwohl ich immer Angst alleine gehabt hatte, auf einmal störte der Mensch, der da neben mir lebte, mein Partner sein wollte und sich in alles einmischte. Ein Stück älter, ein Stück dominanter und doch auch noch ein Kind, das an mir rumerzog, mich kritisierte, mein Puppenhaus nach seinen Wünschen gestaltete. Er schickte mich arbeiten, wir zogen um. Auf Lehre folgte Studium, wieder wechselten wir Wohnung und Stadt, ein neues Puppenhaus. Für eine Weile war es besser, dann brach ich ein. Die Sehnsucht nach neuen Räumen wurde übermächtig, als er ausrastete, mit erhobener Faust vor mir stand. Ich lachte ihn aus und ging.

Ein neues Puppenhaus und dieses Mal nur meins. 37qm, keine Heizung, Einscheibenglas und unterm Dach, wo es im Winter eisig kalt und im Sommer glühend heiß war. Doch es war gut. Auf einmal lief alles, wie ich es wünschte. Nachts konnte ich zwar oft nicht schlafen, weil die Geister der Vergangenheit mich besuchten, doch es wurde besser.

Der nächste Mann, das nächste Puppenhaus. Kleine Puppen kamen dazu, bevölkerten immer neue, immer größere Räume.

Und jetzt bin ich hier, im größten Puppenhaus von allen und finde keinen Rückzugsort mehr. Überall ist etwas, überall ist jemand, der meine Stühle woanders hinstellt, der Vorstellungen von seinem Haus hat, die an die Wünsche anderer angelehnt sind. Ich finde mich nicht mehr zurecht, fühle mich nicht mehr sicher. In den Ecken stehen alte Geister und ich verstecke mich. Doch nirgendwo finde ich mich.

Und jetzt? Jetzt und hier, wo die Parallelen mit Deutlichkeit vor meine Füße knallen, was mache ich? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Ich sitze im Wohnzimmer, trinke Kaffee und rauche eine Kippe nach der Anderen. Mein Ansporn, etwas zu tun, geht gegen Null. Lediglich Bilder machen und Geschichten erzählen holt mich etwas aus der Lethargie. In meinem Puppenhaus würden wahrscheinlich keine Bilder hängen müssen.

Alice

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bestimmt bin ich nicht ganz die Richtige zur Beurteilung des Problems, aber trotzdem rege ich einen Perspektivwechsel an. Wenn du mal mit den Augen deines Mannes oder deiner Söhne durch das Haus gehst… Gibt es überhaupt irgendeinen Raum in dem ganzen Haus, in dem du NICHT seh- und spürbar bist?

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    1. Sicher nicht, aber es gibt auch keinen Raum, wo nur ich bin…

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  2. wildgans sagt:

    Noras allüberall…
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

    1. Ups, das ist nicht meine Welt, musste erstmal googeln 🙈 ja, die auch? Kann gut sein…

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      1. wildgans sagt:

        Ja, Nora oder ein Puppenheim, Henrik Ibsen…

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      2. Oh, ich war bei Nora Tschirner🙈🙈🙈

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    2. Liebe Grüße 🍀🍀🍀

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  3. Grinsekatz sagt:

    Es gibt im irdischen Dasein keine Sicherheit. Und hat Mensch wirklich einmal ein verlässliches und beständiges Gegenüber gefunden, hat er es immer noch mit sich selbst zu tun. Und mit den Geistern…

    Würde dich jetzt drücken, wenn du hier wärst, Straßenkind.

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    1. Man ist sich selbst der schlimmste Gegner, weil man seine Schwächen kennt. Danke dir und fühle du dich auch gedrückt🍀🙏

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  4. kommunikatz sagt:

    Liebe Alice,
    ich bewundere Deine Klarheit und Ehrlichkeit. Ich wünschte, in der Aufarbeitung meiner Kindheits- und Lebensbaustellen und -traumata so weit zu kommen, aber es scheint noch ein sehr weiter Weg vor mir zu liegen. Vielleicht sind meine Altlasten auch einfach viel weniger schlimm und weniger klar als Deine, auf jeden Fall sind sie schwerer zu fassen.
    Jedenfalls muss ich mir von Dir wohl noch einige Scheiben abschneiden, um mich in zentralen Bereichen wirklich auf die Reihe zu kriegen.
    Danke und herzliche Grüße!
    Lea

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    1. Liebe Lea, leider ist es nur ein Teil der Aufgabe, die Gründe zu kennen. Das Schwierige ist, trotzdem zu leben und zu tun, auch wenn man Angst hat. Fühl dich gedrückt 🍀🍀🍀

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