Tag 124/365 – Rückkehr zur Normalität

Das hört sich gut an, finde ich. Rückkehr bedeutet nach Hause zu kommen und normal ist doch prima, oder nicht?

Ich sehe dem mit gemischten Gefühlen entgegen, den normal und Normalität halte ich nicht besonders gut aus. Wo andere sich entspannen, wittere ich Stagnation und Langeweile. Überhaupt langweile ich mich unglaublich schnell, fühle mich angeödet vom immer gleichen, brauche Bewegung und eine Spielwiese, wo ich mich austoben darf.

Andererseits brauche ich Struktur, viel schneller als manche andere versumpfen ich in der Pflichtlosigkeit, kann mich nicht mehr aufraffen, wenn zu wenig Aufgaben auf mich warten. Mittelweg, ich weiß.

Gestern Abend wurde zu spät, mal wieder und ich schlief schlecht ein, wollte den Mann nicht mit der Stimme der Österreicherin vom Schlafen abhalten. Dafür tanzten meine Gedanken Samba und fanden erst spät, vom herumzappeln erschöpft, ein bisschen Ruhe.

Heute steht neben Vorbereitung eine Menge Terminkram an. Ich hätte es noch gestern erledigen können, doch das Verschieben ist auch wichtig, nimmt ein bisschen Tempo aus dem System, was ebenfalls nicht schadet. Die Aufgaben laufen ja nicht weg.

Ein Trigger holte mich gestern noch ein und ich erkannte ihn, bevor er vollends über mich schwappte. Überhaupt sind gerade eine Menge dieser kleinen Stechmücken unterwegs, die mich piesacken. Es gab so mein paar verbale Routinen bei meinem Vater, die sich tief eingeprägt haben. Und tauchen sie zufällig oder nicht in meiner Umgebung auf, reagiert das Kind in mir wütend.

Ich hätte da als nicht viele Möglichkeiten, mich zu wehren. Verbal war ich den Erwachsenen nicht gewachsen, sie hätten eh nicht zugehört. Also versuchte ich körperliche Abstandshalter, kniff, wenn mir etwas zu nah oder zu viel war, biss sogar im Zustand der Bedrängnis mal eine Freundin, haute zu, wenn ich keinen Ausweg sah. Nicht schön, aber kindgerecht. Irgendwie müssen sich Zwerge wehren dürfen, wenn gute Worte nichts mehr bringen. Sie impften mir damals ein, dass ich brutal sei und grob. Tatsächlich bin ich weit davon entfernt, ein gewalttätiger Mensch zu sein, bin zwar kein Engel, aber auch kein Wrestler. Doch heute noch tut mir jeder kleine Hinweis weh, der in diese Richtung geht und das alte Gefühl schwappt wie ein Tsunami über mich. Rauh und derb, bott, wie man damals bei uns sagte und wo ich mit der Schreibweise, sofern es eine gibt, nicht sicher bin. Ich schrieb es nie auf, hörte es nur. Wurde beschimpft und ausgelacht. Bei mir kam an, dass ich gestört sei, nicht normal, unattraktiv, abstoßend.

Abstoßend, ein Zustand zwischen zwei Magneten manchmal gewollt, wünschen wir uns für uns die Anziehung, einen Gegenpol zu finden, der sich nähert, selbst wenn wir so sind wie wir sind. Dieses Gefühl sitzt tief, muss ich erkennen und jetzt wo ich bei den Herbststürmen da draußen darüber schreibe, erkenne ich auch, dass mein Gefühl mir gegenüber mehr abstoßend als anziehend ist und jede, auch noch so kleine Bestätigung dessen von außen, macht es schlimm.

Dabei wird perverserweise von mir an vielen Stellen die Kehrseite der Medaille, die Stärke und Durchsetzungskraft gefordert. Um mich im Gegenzug darauf hinzuweisen, dass das ja wenig weiblich und sanft sei.

Rückkehr zur Normalität? Nur im Außen. Innendrin ist immer noch eine Menge im Chaos. Ich habe es ja nicht anders gewollt.

Alice

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liest sich irgendwie vertraut: Rückkehr zur Normalität- es gibt die Normalität von vorher nicht mehr.
    Ich bin nicht mehr dieselbe, wie vor dem Burnout und will es auch nicht mehr sein.
    Es kostet Kraft, eine neue Normalität zu etablieren.
    Sei gut zu dir, Alice

    Gefällt 2 Personen

    1. Die Normalität vorher hat dich kaputt gemacht. Deshalb ist eine neue Normalität ein guter Anfang. Pass auf dich auf 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Nati sagt:

    Ich denke in die schlagen zwei Herzen.
    Das eine benötigt Struktur, das andere, typisch für Widder, benötigt neuen Input. Ich lebe beides aus, nur so kann es uns gut gehen.

    Gefällt 2 Personen

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