ABC-Etüde – Glücksfall

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt vom Bodenlosz-Archiv.

„Es dampfen die rechtsdrehenden Milchsäuren, während auf dem Mond die Tante Liliane mit dem Hausmeister Tango tanzt.“ Er machte ein paar Tanzschritte mit einer imaginären Tanzpartnerin, die man für Tango hätte durchgehen lassen können, versuchte eine Kehre, stolperte dabei über den vorderen Wiegeschrittfuß und setzte sich unsanft auf seinen Hosenboden.

„Mein Gott, ich bin so herrlich besoffen, so heeeeeerrrlich besoffen!“

Er ließ sich auf den Rücken fallen und lag für einen Moment einfach nur da, ausgestreckt wie ein dicker Käfer, der umgefallen ist, zappelte aber nicht, ruhte vielmehr auf einmal ganz entspannt und lächelte den Mond an.

„Bin ich dich endlich los“, sagte er und versuchte einen tiefen dankbaren Seufzer, einen, den die Oma immer machte, wenn sie das vom Opa versteckte Geld in einer ihrer Korsetts fand. Er brauchte drei Anläufe, da seine Gesichtsmotorik etwas aus dem Ruder gelaufen war.

„Danke“, lallte er und nahm nur am Rande war, dass seine unbeholfene Zunge einen Spuckefaden absonderte, der nun nachtkühl und klebrig auf seinem Hals landete und unter sein Hemd krabbelte.

Es kam nicht oft vor, dass dieser Mann glücklich war. Genauer betrachtet war er es die vergangenen fünfzehn Jahre nicht gewesen und hatte sogar fest damit gerechnet, dass ihn dieses unselige Gefühl den Rest seines Lebens nicht loslassen würde. Doch ab und an hatte Fortuna ein Einsehen und der Grund, warum er gerade so glücklich und ausgelassen war, war die Tatsache, dass seine Frau ihn endgültig verlassen hatte.

Nein, sie hatte nicht den klassischen Weg gewählt, nicht einen Anwalt kontaktiert, ihm das Haus und die Kinder weggenommen, mit denen sie allerdings nicht gesegnet worden waren. Sie hatte die Abkürzung genommen, war direkt in die Hölle gefahren beim Versuch, die Dachflächenfenster von außen zu putzen.

Alice

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Ich finde sie großartig, deine Etüde. Erst dieser aufrechte, tief empfundene Dank, diese albern-besoffene Erleichterung, die ich deinem Protagonisten sofort abkaufe, und dann die Begründung mit dem direkten Weg in die Hölle. Ups? Mein moralisches Ich findet, man dürfe das nicht gutheißen, und ich sitze hier und grinse 😁: Schön fies, in der Tat. So geschickt gestellte Fallen mag ich sehr. 😉
    Verregnete Nachmittagskaffeegrüße 😁🌦️🌼☕🍩👍

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    1. Moral? Naja, ich hätte bei einigen ganz gerne, dass sie sich die besagten Radieschen von unten anschauen, ich bin da nicht so. Ganz liebe Grüße zurück 😉

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  2. Nati sagt:

    Genial, mal sehen wie lange der dicke Käfer allein zurecht kommt oder ob er im Sumpf landet. 😉

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    1. Der kommt schon klar 😉

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      1. Nati sagt:

        Na gut, lach…

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  3. Rosa A. sagt:

    Glück hat eben verschiedene Gesichter. 😛😃

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  4. Myriade sagt:

    Hmmm, jetzt bin ich verunsichert. Wo steht denn, dass sie nicht von selbst runtergefallen ist? Natürlich, der Text ist von dir, da kann man annehmen …….. aber es steht nicht da, oder ?

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    1. Nein, sie ist einfach aus dem Fenster gefallen. Er ist vollkommen unschuldig – und glücklich 👍😅🍀🍀🍀

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      1. Myriade sagt:

        Da bin ich beruhigt ! Weil doch Christiane von einer Falle schreibt ….

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      2. Nein, das war tatsächlich ein Unfall👍

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