Tag 120/365 – Schutzhütte

Der Mensch hat eine Reihe Grundbedürfnisse. Er muss essen, schlafen und er braucht Schutz. Beim Survivaltraining gehört das errichten eines kleinen Raumes, der Sicherheit bietet vor Kälte und Regen deshalb zu den Basisaufgaben.

Und Schutz braucht auch jeder Mensch, der sich gerade nicht im Wald herumtreibt. Schutz vor Corona, Schutz vor Überfällen, Schutz vor Not wegen Krankheit und den Angriffen durch andere Menschen.

Mich hat niemand geschützt, damals, als ich klein war. Ich hatte zwar enge Grenzen, in denen ich mich bewegen durfte, doch Rückendeckung und das behagliche Gefühl, geborgen zu sein, das wurde mir nicht zugestanden. Also habe ich mich selbst geschützt und andere gleich mit. Die Fähigkeit wurde mir quasi in die Wiege gelegt.

Heute ist es so, dass ich bereit bin, zu schützen. Aber nur, wenn ich im Umkehrschluss auch geschützt werde. Meine Loyalität ist grenzenlos, bis mir jemand in den Rücken fällt. Ich baue Schutzhütten für andere bis jemand meine einreißt.

Manchmal gehe ich dann direkt, lasse die Menschen in ihrem eigenen Regen stehen. Manchmal bleibe ich und versuche, klar zu machen, dass auch ich Schutz, Rückendeckung und Loyalität brauche. Und bei diesem Versuch stelle ich mich etwas ungeschickt an. Naja, zuerst Rede ich und versuche, klar zu machen, dass es immer ein Geben und Nehmen ist, dass ich solange bereit bin, zu unterstützen, wie auch von der Anderen Seite etwas Adäquates kommt. Nützt das nichts, macht meine Seele sich selbstständig, ich regrediere. Das passiert nicht absichtlich, da versuchen Seele und Körper zu ihrem Recht zu kommen.

Eine Totalverweigerung, die darauf abzielt, dass das System wieder im Gleichgewicht ist. Bin ich alleine und halte Abstand zu Menschen, ist das seltsamerweise nicht nötig. Mich selbst kann ich schützen und für mich alleine ist mein Sicherheitsbedürfnis erstaunlich gering. Nur im Kontakt mit anderen wünsche ich mir Gerechtigkeit.

Und blicke ich zurück, sehe ich viele Situationen, in denen ich viel Schutz und Bequemlichkeit bot, im Gegenzug aber einfach nur ausgenutzt wurde.

Und gerade jetzt ist es mal wieder so weit. Und ich sehe, was passiert. Deutlich vielleicht das erste Mal. Ich sehe, was war, was ist und was sein wird, wenn ich diesen unseligen Kreislauf nicht unterbrechen kann.

In meiner Vergangenheit gab es einige Situationen, wo am Ende dieses Turnus, mir sämtliche Zuwendung entzogen wurde. Ganz klar stand dann eine Auflösung des Verhältnisses im Raum. Und egal, ob es um berufliche, freundschaftliche oder beziehungstechnische Bande ging, sobald mich jemand verließ, fühlte ich mich auch nicht mehr verpflichtet, denjenigen zu schützen, so zu handeln, dass es ihm gut geht. Ich war nur noch für mich verantwortlich und auch, wenn das manchmal Panik auslöste, damit ging es mir besser. Selbst wenn ich es als ungerecht empfand, dass sich diese abhängige Person auf einmal sehr wohl um sich kümmern konnte.

Aber ich möchte nicht immer gehen müssen, um klar zu kommen. Eigentlich möchte ich auch mal bleiben und mich trotzdem nur um mich kümmern (oder einen fairen Deal eingehen). Ein Stück Arbeit und ein ungünstiges Timing gerade. Ich wäre froh, wenn mir das vor Jahren klar geworden wäre. Dann wäre mir nämlich einiges erspart geblieben.

Alice

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