Tag 103/365 – Schutz

Ich bin immer auf der Suche nach Möglichkeiten, mir abseits von Therapie zu helfen. Mein Stresspegel ist nach wie vor hoch und das ist tatsächlich untragbar. Selten bin ich mit dem zufrieden, was ich mache, richte mich viel zu sehr nach außen, suche, aber was?

Ich habe mir ein Buch über Selbsthypnose gekauft. Es mutet seltsam an, doch ich hoffe, dass ich über das Ansteuern meines Unterbewusstseins endlich ein wenig mehr Ruhe finde, ein bisschen mehr bei mir bleibe, denn ich ertappe mich schon wieder dabei, dass meine Aktionen nur nach der Wunscherfüllung anderer tendieren. Gemocht werden ist schön, sich selbst zu mögen wesentlich besser.

Das Buch ist interessant aufgemacht. Im Prinzip besteht es aus kurzen erklärenden Texten und QR Codes, die passwortgeschützt zu Audioübungen führen. Die Autorin ist Österreicherin und hat die Texte selbst eingesprochen. Nach einer kurzen schmunzelnden Eingewöhnung ob des für mich ungewohnten und starken Dialekts, geht es sehr gut.

Und in der ersten Lektion tauchte das Thema Schutz auf. Und da war er, der nächste kleine Baustein, ein weiteres Motiv für mein Brav sein, meine Affinität während der Ausbildung zu älteren Männern, von denen ich lernen, zu denen ich aufschauen wollte. Dass das weder klappt noch reicht, ist mir rückblickend bewusst. Und auch das mir genau das immer gefehlt hat. Schutz.

Ich kann mich an Überbehütung erinnern, die unverhältnismäßig meine Freiheit beschränkte, an Schläge, die ich bekam, wenn ich diese Grenzen sprengte, selbst, wenn andere schuldig waren, wie das ältere Nachbarsmädchen, das mich mit an den Fluss nahm und ich, dreijährig, brav mitging. Es passierte nichts, doch die Schläge bekam ich. Sie stellten sich gegen mich, immer. Ob im Streit mit Freundinnen, Konflikten mit Lehrern oder sogar Streit mit dem Mann. Immer waren ein paar Gegner mehr da, die Front gegen mich machten. Schutz? Niemals, eher noch zusätzliche Angriffe von Menschen, die zu mir stehen müssten.

Und genau das tauchte auch in der ersten Lektion auf, der Wunsch, mehr die Sehnsucht, dass da jemand ist, der auch mal auf mich aufpasst, der zu mir steht und mir den Rücken stärkt. Der mir nicht das Gefühl gibt, der Feind zu sein, der ultimative Gegner, das eigene Kind mehr als abgelehnt, in den Dreck gestoßen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und ihre Gesichter, wenn sie das taten, diese Zufriedenheit, mich in die Ecke zu drängen, mich endlich mundtot zu machen.

Ich hätte mir einen Vater gewünscht, der für mich kämpft und eine Mutter, die zu mir steht. Nichts habe ich getan, was diese Behandlung rechtfertigt. Ich kann mich nicht erinnern zumindest. Es tut weh, daran zu denken, es tut weh, es aufzuschreiben. Sie werden sich nicht ändern und mich sicher nicht beschützen. Dafür ist es auch zu spät. Heute kann nur ich es.

Dieser Text sollte eigentlich anders werden. Objektiver, weniger emotional und weniger von dieser Wut geprägt, dass mir das versagt wurde. Und wieder Straßenkind, kommt man da eigentlich noch mal raus?

Ich muss heute noch ein bisschen nachdenken. Vielleicht höre ich mir auch noch ein oder zwei Lektionen an. Geschadet hat es mir bisher nicht.

Alice

14 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Bin gespannt ob es dir gefällt.
    Ich kann es mit nicht vorstellen, die Hypnose. Zumindest nicht durch jemanden anderen. Bedeutet es doch die Kontrolle abzugeben.
    Auch dein Thema kommt mit allzu bekannt vor. Drück dir die Daumen.

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    1. Es ist mehr wie eine geführte Meditation und tatsächlich hast du die ganze Zeit die bbolle Kontrolle…

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      1. Nati sagt:

        Ich meinte damit sie Hypnose durch einen Dritten.
        Kann mir bei dem Buch schon vorstellen dass es nicht zur Hypnose kommt. Wäre ja komisch. Grins…

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      2. Doch, über die audiodateien kommst du ganz gut in trance, bin selbst sehr überrascht

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      3. Nati sagt:

        Uiii….

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    2. Ist mehr wie eine geführte Meditation, du hast immer die Kontrolle

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  2. Grinsekatz sagt:

    Autosuggestion funktioniert, das kann ich versichern.
    Zum zehnten mal wiederholt wird es gefallen. – Horaz – 🙂

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    1. Es funktioniert. Die Dame macht mit ihrem charmanten österreichischen Akzent einen richtig guten Job

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  3. Wortman sagt:

    Selbsthypnose habe ich früher auch mal probiert.

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    1. Und? Hat gut funktioniert?

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      1. Wortman sagt:

        Doch, ja – soweit ich mich erinnern kann. Ist 35 Jahre her.

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  4. junymond sagt:

    Wie heißt nochmal das Buch? Ist es anders wie die Hypnosen auf YouTube?

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  5. Raphael sagt:

    Platz machen – um sich dann zu füllen.
    Womit haben wir uns nicht schon alles füllen lassen,
    vor dem Fernseher, ob subliminal oder nicht?
    Ein paar wollen sich ja noch ganz entleeren, so als Königsdisziplin.

    Wie da jetzt Selbsterkenntnis
    und womöglich, wie folgend „Taten“ passen …

    Jaja, ein heikles Thema – mögen wir die Fernsteuerung oder, je nach dem, die Verbedienung nicht aus der Hand geben (;-)

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Ja, aufräumen ist eine gute Sache. Hauptsache, man füllt das Haus dann mit den „richtigen“ Dingen…
      Liebe Grüße
      Alice

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